ersten Morgen in das literarische Arbeitszimmer und stellte ihm den
Unterredakteur, Herrn Bertold vor, ohne jedoch dessen Namen zu nennen.
Dies war ein blonder junger Mann mit einem Getümmel von Haaren auf dem
Kopf. Wie eine Bildsäule stand der da, als Herr Wolf die Worte sprach:
Das ist der Herr, mit dem Sie, Herr Doktor, künftig an einem Tische
arbeiten werden; in den technischen Betrieb der Sache kann er Sie
vorzüglich einführen, denn das versteht er. Im übrigen werden Sie ihn ja
wohl selbst kennen lernen. -- Bei diesen letzten Worten errötete Herr
Bertold bis an die Haarwurzeln und sah Herrn Wolf halb herausfordernd,
halb untertänig an. Dann entfernte sich Herr Wolf, und Pitt blieb mit
Herrn Bertold allein; setzte sich ihm gegenüber und wartete, daß er in
den Betrieb eingeführt werde. Aber Herr Bertold blickte nicht von seinen
Papieren auf und Pitt harrte vergebens, daß nun etwas mit ihm selbst
geschehen solle. -- Was hat denn der? dachte er, als Herr Bertold
zwischendurch die Papierschere ergriff und dabei einen tief verletzten
Blick auf ihn warf. Und als er wieder so einen Blick bekam, sagte er:
Ich kann ganz wahrhaftig nichts dafür, daß ich hier sitze; bitte, wie
lange muß man vormittags hier bleiben? Weshalb antworten Sie mir nicht?!
-- Da legte Herr Bertold seine Schere weg: Habe ich Ihnen zu antworten?
Muß ich Ihnen Rede stehen? Hat man es der Mühe wert gehalten mich
gesellschaftlich mit Ihnen bekannt zu machen? O ich weiß ganz genau: das
sind wieder so raffiniert ausgedachte Demütigungen, bei jeder
Gelegenheit zeigt man mir es auf die roheste Weise, daß ich ein
Unterbeamter bin; natürlich hat man Sie bereits angesteckt; alle von da
drüben -- er deutete auf die nebenan liegende Räumlichkeit -- benehmen
sich auf die gleiche Weise -- das ist so Mode hier, das ist höchste
Gebildetheit! -- Er hatte seine Stimme sehr stark erhoben. -- Was ist
denn da los? fragte Herr Wolf, indem er seinen dunklen Kopf ins Zimmer
steckte. Herr Bertold sah ihn mit verwirrten Augen an und sagte
unsicher: o gar nichts, ich erzählte nur gerade etwas -- worauf Herr
Wolf die Tür mit einem bedeutenden Blick wieder schloß. -- Sogleich
gingen Herrn Bertolds Augen wieder groß und bitter auf Pitt Sintrup:
Demütigen muß man sich vor diesen Menschen -- und warum? Weil man sonst
auf die Straße fliegt und verhungern kann! -- Wenn Ihnen was an meinem
Namen liegt -- -- sagte Pitt und nannte ihn. Irgend etwas an diesem
Menschen war ihm sympathisch. Herr Bertold sah ihn unsicher an und fuhr
fort, in sanfterem Ton: Sie müssen es mir nicht übelnehmen wenn ich
mißtrauisch bin gegen alles, was da von nebenan hereinkommt. -- Ich habe
diesen Herrn erst gestern kennen gelernt, sagte Pitt. -- Durch wen sind
Sie denn hier in die Redaktion hereingekommen? fragte Herr Bertold etwas
zutraulicher. Wohl durch Fräulein Heine? Pitt nickte, worauf Herr
Bertold so blanke Augen machte als sei dies der beste Witz, den er noch
in seinem ganzen Leben gehört habe. -- Pitt hielt es für angemessen,
sich nicht nach der Ursache dieses Grinsens zu erkundigen. -- Er wurde
nun in den Betrieb der Sache, wie es Herr Wolf genannt hatte,
eingeführt, lernte alle Fächer und Schubladen kennen, in denen die
verschiedenen Arten der Manuskripte lagen, die Namen der ständigen
Mitarbeiter und ihre Funktion -- Herr Bertold nannte sie samt und
sonders Idioten -- die Einteilung der Zeitschrift selbst in ihren
Einzelheiten, den Termin des wöchentlichen Druckes, der Korrekturen und
der Auslieferung.
Zu Anfang ließ sich Pitt seine Tätigkeit etwas schwer werden;
das Manuskriptlesen machte ihm noch einigen Spaß, auch die
Aufmunterungsschreiben an faule unzuverlässige Mitarbeiter und die
Besuche der ständigen Kritiker -- es gab auch allwöchentliche Theater-
und Konzertbesprechungen -- und es schien, als wolle er so etwas wie
eine wirkliche künstlerische Tendenz durchführen; aber er erlahmte schon
in den Anfängen. Wenn die Kritiker auf seine prinzipiellen Ausstellungen
hin erwiderten: Sie machten das nun schon seit Jahren so und das
Publikum sei noch stets zufrieden damit gewesen, das Publikum verlange
so etwas geradezu -- so dachte er schließlich: Nun ja, -- und für das
Publikum wird ja auch das Ganze gemacht und nicht für mich. -- Mit Herrn
Bertold kam er außerordentlich gut aus. Manchmal schwebte es ihm auf der
Lippe zu sagen: Könnten Sie nicht dieses und jenes unternehmen statt
meiner -- aber es fiel ihm ein, daß Herr Bertold ja Unterredakteur war,
Herr Bertold erschien ihm dann wie die Verkörperung des ganzen
Unternehmens selbst -- das Pitt an die erste und nicht die zweite
literarische Stelle gesetzt hatte -- wie seine eigene Obrigkeit
gleichsam, die solches Ansinnen gerügt haben würde. Aber Herr Bertold
selbst kam ihm zu Hilfe. Zu Anfang dachte er -- so wie der Chefredakteur
-- Pitt sei von großen Plänen und starker Tatkraft beseelt, bis er dann
allmählich merkte, daß Pitt sich über alles und sich selbst im Grunde
nur lustig machte. Daß dies nicht einem Mangel an Fähigkeiten entsprang,
fühlte Herr Bertold auch, und so erschien ihm Pitt nur wie ein Wesen
anderer Art und vielleicht höherer Art als er sich selber. Mit halb
freundschaftlicher, halb devoter Stimme fragte er, ob er ihm nicht das
eine oder das andere abnehmen dürfe. Hocherfreut ging Pitt darauf ein.
Und alsbald schaltete und waltete Herr Bertold, immer unter dem Siegel
von Pitts Unterschrift. --
Es geht gut, es geht vorzüglich! sagte Herr Wolf, seit Ihrem Eintritt
ist ein ganz anderer Geist in die Sache gefahren! Nach Ihrer ersten
Unterredung damals hätte ich gar nicht geglaubt, daß Sie einen solchen
Sinn für das rein Aktuelle hätten! -- Ja ja, antwortete Pitt, darauf
kommt alles an! und er erschien sich in diesem Moment fast wie sein
Bruder Fox. --
Fräulein Heine gratulierte ihm zu seiner Genesung, wie sie es nannte;
ich bin der Engel, sagte sie, der Sie gerettet hat. Wissen Sie noch, wie
zerfahren Sie zu Anfang gewesen sind? Morgen hole ich Sie von der
Redaktion ab und gehe mit Ihnen in die Bildergalerie; ich bin mir über
die Stellung Kranachs in der deutschen Malerei nicht ganz klar und
möchte, daß Sie mir vor den Bildern sagen, was Ihre Ansicht ist. Später
gehen Sie dann zu uns zum Essen.
Dies ist eine recht üble Karikatur der Vergangenheit! dachte Pitt, indem
seine Gedanken zu Herta zurückgingen, ich muß dafür sorgen, daß es nicht
zu toll ausartet, obgleich es mich jetzt schon manchmal elend macht. --
Seit sie Pitt jene Redaktionsstelle verschafft hatte, glaubte Fräulein
Heine sich zu größeren Anforderungen berechtigt. Sie schlug einen
freieren, entschiedeneren Ton gegen ihn an, und Pitt kam in eine
schwankende Lage. Zunächst spielte er noch zwei Rollen ihr gegenüber:
Sah er sie allein, so sprach er in seiner alten Weise, sah er sie im
Hause ihrer Eltern, redeten beide mit freundlicher Hochachtung
zueinander. -- Es freut mich fast, sagte sie einmal zu ihm, daß Sie im
Grunde so zäh Ihren Standpunkt gegen mich behaupten -- obgleich es mich
auch kränken müßte; aber es zeigt mir, daß Sie eine wirklich vornehme
Seele besitzen: Andere an Ihrer Stelle würden sich zum Gegenteil bemühen
und mir den Hof machen, denn schließlich -- prüfen wir doch mal die
Sache vom allgemeinen menschlichen Standpunkt, ich meine so, wie
gewöhnliche Menschen sie ansehen würden: Ich habe Sie in diese Stellung
hineingesetzt und kann Sie ebenso leicht wieder daraus vertreiben. Sie
wissen es und riskieren es: Das zeigt mir Ihre stolze Seele. Glauben Sie
aber, daß Sie nichts dabei riskieren, so zeigt mir das wieder, daß Sie
_mich_ für eine vornehme Seele halten, die erhaben ist über die
Kleinheit der andern Menschen! -- Ich halte weder Sie noch mich für eine
große Seele, sagte Pitt gelangweilt, und im übrigen ist mir alles ganz
egal. -- Sie sah ihm skeptisch in die Augen, mit ihrem etwas nackten
Blick, dann hielt sie ihm die Hand zum Abschied hin. Er nahm sie auch,
da schob sie sie an seiner Brust hinauf, bis sie fast seinen Mund
berührte. -- Ich küsse niemals Damen die Hand! sagte Pitt. Sie schwankte
einen Augenblick, dann zog sie die seine durch die Luft zu sich nieder,
ein kleiner Knall wurde laut, und sie sagte: Küsset die Hand so euch
züchtigt; heißt es nicht so irgendwo in der Bibel? Und ich kriege Sie
_doch_ noch rum, passen Sie nur auf! --
Ich will sie nicht zu sehr reizen, dachte Pitt zuweilen, denn wenn sie
auch von ihrer großen Seele spricht -- es wäre schade, wenn ich diese
gute Stellung so schnell wieder verlassen müßte; sie ist doch eine Art
von vorläufigem Ruhepunkt. -- So erreichten ihre Worte die Absicht, in
der sie gesprochen waren.
Pitt wurde sehr oft in das Haus der Familie eingeladen und er sah
Fräulein Elsa schließlich mehr in dem Kreise der Ihren als allein, denn
sie vermied es jetzt fast ihn außerhalb ihres Hauses zu treffen. Um so
ausgiebiger widmete sie sich ihm im Beisein der andern. Pitt konnte
nicht anders als höflich auf ihre Interessen eingehen, die wieder mit
seinen eigenen verknüpft erschienen, sie sang vor, am Klavier, er mußte
loben, wenn ihn Frau Heine, eine etwas üppige Dame, ermunternd ansah, er
mußte auch Elsas Gedichte lesen und sich in deren Inhalt vertiefen, und
ihr Maltalent bewundern, denn Fräulein Heine malte Stilleben.
Sie erreichte was sie wollte: Zunächst konnte er, wenn er sie allein
sah, überhaupt keinen rechten Ton zu ihr finden, der alte frühere
erschien ihm selber stillos, wo er sie jetzt die meiste Zeit als Dame
sah und als Dame behandelte, und so kam es, daß er allmählich gar keinen
Unterschied mehr machte, ob er sie nun allein oder in ihrem Hause sah,
daß er ihr stets mit einer reservierten Freundlichkeit begegnete. Sie
ergriff sofort vollkommen Besitz von diesem neuen Zustand, und als er
einmal, wie aus Versehen, in seinen alten Ton zurückfiel, sah sie ihn
halb kühl, halb herzlich an und sagte: Ich dächte, diese Zeiten wären
nun vorbei!
Pitt wußte genau, daß bei allem diesem ein Plan vorlag und daß er selber
in eine schiefe Situation hineingeraten war, aber was sollte er machen?!
Er hatte einmal die Gastfreundschaft dieser Menschen angenommen und
lebte von seiner Stellung, die er durch Fräulein Heines Bemühungen
erhalten hatte, und dieses alles forderte, wenn auch keine Dankbarkeit,
so doch einen guten höflichen Ton und einige Rücksicht, um so mehr als
er merkte, daß Elsas etwas jüngerer Bruder Egon anderen Schlages war als
die übrigen, von einem viel größeren Takt, einer fast wortlosen
Zurückhaltung, und einem Feingefühl, das auch die leisesten ironischen
Schattierungen im Tone eines andern heraushörte; er zog sich meistens
zurück, sobald es die gesellschaftliche Höflichkeit zuließ, denn die
ganze Art der Konstellation dieses Verhältnisses war ihm unsympathisch
und peinlich. Er fühlte sehr wohl seiner Schwester Absicht und Pitts
wahre Empfindung ihr und dem ganzen Hause gegenüber.
Bis jetzt hatte Fräulein Heine ihre Liebe noch mit ziemlicher
Fröhlichkeit getragen, noch niemals sie als irgend etwas Schweres
empfunden; aber das wurde auf einmal anders.
Eines Abends war sie Pitt immer näher gerückt und hatte heiße, rote
Backen bekommen. Wie Pitt dann gegangen war und sie mit ihrer Mutter
allein blieb, sagte Frau Heine, die sie sehr beobachtet hatte, mit
pathetischer langsamer Stimme: Elsa, Elsa, wie steht es mit deinem
Herzen?! -- Da fühlte sich Fräulein Heine plötzlich wie von einem großen
Schicksal übermannt, von dem sie kurz zuvor selbst keine Ahnung gehabt
hatte, sie brach in Tränen aus und sank ihrer Mutter mit einer großen
Bewegung in die Arme. Es folgte ein Schweigen. -- Diese unselige
Redaktion! sagte Frau Heine endlich, erst lerntest du den Bertold
kennen, im literarischen Verein, dann ruhtest du nicht, bis er seine
Position bekam und schienst bis über die Ohren verliebt in diesen armen
Teufel! Du schafftest ihm neue Anzüge an, bezahltest seinen Arzt und
ließest ihm sogar goldene Plomben einsetzen, da seine eigenen dir zu
vulgär waren. Auf einmal lernst du diesen Sintrup kennen -- es mag ja
sein, daß er wirklich der richtige Mann war für die Position, die er
dann bekam -- das gehört nicht hierher -- und nun war alles mit einem
Male aus mit dem Bertold. Ich danke ja Gott, daß es aus war, ich ahnte
damals schon es müsse irgend etwas dahinterstecken, aber daß du nun
wirklich diesen Sintrup liebst, das -- ahnte ich zwar auch schon, aber
wirklich bestätigt sehe ich es erst heute abend. Schlag dir das aus dem
Kopf! Egon sagt, er macht sich über uns alle miteinander lustig! Und
über dich am allermeisten! -- Das tat er früher! sagte Elsa hastig und
heftig, aber jetzt tut er es nicht mehr, er hat selber eingesehen wie
ich es gut mit ihm meine, und er zeigt das in seinem ganzen Wesen! Du
hast ihn ja früher garnicht gekannt! Aber auch schon damals habe ich
deutlich gefühlt, daß ich ihm absolut nicht gleichgültig war. Er war
grob und impertinent zu mir, das ist man nicht zu Menschen, die einem
egal sind! Er war darin geradezu erfinderisch, und alles kam in einem so
herzlichen, kameradschaftlichen Ton heraus, ich regte ihn durch mein
etwas burschikoses Wesen, das ihm neu und anziehend war, direkt zu
Impertinenzen an! Ich empfand so deutlich, daß er sich wohl dabei fühlte
und gar nicht irritiert, auf mich persönlich war das alles ja auch gar
nicht gemünzt, es entsprang nur einem überschüssigen Teil an Geist und
Witz, den ich gerade in ihm auslöste, weil er in mir unbewußt eine ihm
verwandte Natur empfand! Er mag sich wohl im Anfang gewehrt haben, ich
glaube ja auch nicht, daß er jetzt schon direkt verliebt in mich wäre,
aber in der kurzen Zeit hat er einen Riesenschritt getan, und heute
abend: Ist er auch nur eine Spanne weit von mir fortgerückt, hat er
nicht ganz still gehalten?!
Mit diesem Abend trat in Fräulein Elsa eine Wandlung ein. Sie fühlte
sich nicht mehr ganz sicher vor den Augen ihrer Mutter, wenn Pitt
zugegen war, horchte unwillkürlich selbst mit feinerem Ohr, wenn er
etwas sagte, um zu hören ob es wahr sei was Egon behauptet hatte. Er
dagegen fühlte ihre neue Unsicherheit auch ihm selbst gegenüber, sie
überschüttete ihn plötzlich mit Geschenken, und bei irgendeiner
Kleinigkeit, die er gar nicht böse gemeint hatte, fuhr sie verletzt in
die Höhe, daß er sie ganz erstaunt ansah. --
Sie wurde launisch und unberechenbar. Manchmal tat sie ganz intim, dann
plötzlich, irritiert durch seine Gleichmütigkeit, schien sie kalt und
abweisend. Einmal schickte sie ihm einen großen Blumenstrauß, und auf
ihrer Karte stand: wegen gestern. Er wußte nicht was das zu bedeuten
hatte, ahnte nicht einmal, ob sie meine, daß er sie oder daß sie ihn
gekränkt habe, und antwortete ihr infolgedessen gar nicht. Als er sie
wiedersah, war sie verschlossen und still, antwortete nur durch große
fragende Blicke, wenn er etwas sagte, und wollte ihn dadurch zwingen,
selbst von dem Blumenstrauße zu reden anzufangen. Er dachte aber gar
nicht daran; so bezwang sie sich schließlich mit dem Gedanken: Geduld,
Geduld, ich kriege ihn doch noch! Und dann redete sie wieder in ihrer
früheren Art.
Er hatte jetzt jedesmal, wenn er von der Redaktion nach Hause kam,
Furcht, es könne irgendeine Nachricht von Fräulein Heine auf seinem
Tische liegen, was auch meistens der Fall war. Denn schließlich verging
kaum ein Tag, ohne daß sie sich irgendwie fühlbar bemerklich machte. Er
konnte sie überhaupt kaum noch sehen. Wenn er ihre trockene Stimme im
Vorplatz hörte, überlief ihn schon ein irritiertes Gefühl, und die
Abneigung steigerte sich mit jedem Tage. Wenn er zu Hause in einem Buche
las, schob sich zwischendurch ihr Bild in seine Gedanken, und eine
nervöse Unruhe ergriff ihn. Dann konnte er nicht anders als alle
Augenblicke von seinem Buch auf durch das Fenster auf den Platz vor
seinem Hause sehen, zu jener Ecke hinüber, aus der sie herauskommen
mußte, wenn sie zu ihm auf Besuch ging. Und richtig! Irgendwann war jene
Ecke nicht mehr leer, bewegte sich da ein rotes Kleid, und oben saß ein
Kopf drauf, der suchend auf sein Fenster blickte. Und die Wirkung ihrer
Augen, selbst in die Ferne, durch die Fensterscheiben hindurch, war eine
latente Raserei in ihm. Dann pfiff sie womöglich noch ein Signal, das
sie sich ausgedacht hatte, und endlich stand sie vor ihm. Mit Wut im
Herzen konnte er doch nicht anders als höflich sein. Was war dies für
ein höchst abscheulicher Zustand! Den Verkehr einfach abbrechen -- das
konnte er nur dann, wenn er seine Redaktionsstelle aufgab. Diesen
Gedanken schob er immer wieder zurück. Aber immer heftiger meldete er
sich wieder, zumal Fräulein Heine kürzlich -- wie zum Scherz, aber mit
sehr nervösem Tonfall -- darauf zurückkam, daß er doch eigentlich seine
Stelle nur ihr zu verdanken habe. Wenn er auch wußte, daß sie die
Drohung, die hierin versteckt schien, niemals wahr gemacht haben würde,
um ihrem Charakter keine Blöße zu geben, so wurde die Situation für ihn
dadurch doch noch peinlicher. Er fühlte, daß es über kurz oder lang zu
einer Entscheidung kommen mußte. Vorerst hielt er noch eine Zeitlang
aus. Mehrmals kränkte er Fräulein Heine, aber sie überwand die
Kränkungen, freilich jedesmal schwerer. Eine große Erbitterung war
allmählich in ihr aufgewachsen, sie fühlte, daß es doch nicht so leicht
war, Pitt Sintrup zu gewinnen, und je mehr sie sich in das Gefühl ihrer
eigenen Liebe hineingeredet hatte, um so verletzlicher wurde sie gegen
jede kleinste Äußerung seiner Gleichgültigkeit. Es bedurfte schließlich
nur eines geringsten Anlasses, um alles, was sich in ihr angesammelt
hatte, zum Überlaufen zu bringen. -- Dieser Anlaß kam.
Sind Sie heute abend frei? telephonierte sie eines Tages. -- Nein, sagte
er. -- Wohin gehen Sie? -- Eine kurze Pause folgte: In die Oper. -- Das
trifft sich ja herrlich, gerade wollte ich Sie für die Oper einladen!
Also holen Sie mich Punkt sieben bei mir ab! Sie sitzen mit in unserer
Loge.
Du willst ins Theater? fragte ihr Bruder Egon sie am Abend; mit wem? --
Mit Herrn Sintrup. -- Er pfiff etwas verächtlich durch die Zähne. -- Was
soll das?! -- Gar nichts. -- Nein, bitte, rede. -- Er wollte nicht, sie
drängte immer heftiger, schließlich sprach er alles von seinem Herzen
herunter, und schloß mit den Worten: Merkst du es denn nicht, daß dieser
Mensch nach deiner Hand schlägt, wenn er sie fühlt?! -- Sie wurde sehr
rot und erregt, behauptete, es sei nicht wahr, was er da rede, kehrte
ihm endlich den Rücken und ging schnell hinaus.
Während sie sich umzog, hörte sie immer jene letzten Worte ihres
Bruders. All ihre Bitternis war durch sie verstärkt, verschärft. Es war
so, als sei erst nachdem es ein anderer aussprach, alles wahr und
wahrhaftig, was sie doch auch vorher nicht vor sich selber abgeleugnet
hatte. -- Ich will ihm schon zeigen, daß ich Stolz besitze, er soll sich
nur in acht nehmen, so dachte sie, während sie die Schuhe wechselte, und
wenn er es zu weit treibt -- heftig riß sie die Schnürbänder auseinander
-- dann fliegt er einfach! Sie hatte die Schuhe ausgezogen und warf sie
während ihrer letzten Worte in die Ecke, etwas verwirrt ihrem Fluge
nachsehend, da sie das gedoppelt sah, was sich ihr zugleich als
bildliche Einheit präsentierte. -- Jedenfalls, dachte sie beruhigter,
hat er für heute abend zugesagt, das ist doch schon etwas! Sie trat noch
schnell zum Waschtisch und suchte aus all den Kristallflaschen ein
Veilchenparfum heraus, denn Pitt hatte einmal gesagt, er rieche Veilchen
besonders gern. Oder hatte er das nur aus Widerspruchsgeist behauptet,
da sie selber sagte, sie habe sich Veilchen »übergerochen«?
Sie sah nach der Uhr. Pitt mußte eigentlich schon da sein.
Wahrscheinlich war er im Salon. Aber dort war er nicht; die Uhr ging
weiter, und schließlich saß sie da in Hut und Mantel, um Zeit zu sparen,
da es sowieso schon zu spät wurde. Egon spottete; sie tat als höre sie
das nicht. Sie überlegte, ob sie Pitt im Wagen entgegenfahren solle;
dachte aber: Nein, ich will ihn hier erwarten und das Maß seiner
Verspätung genau feststellen! Und nun wünschte sie fast, daß dieses Maß
recht beträchtlich würde, und mit ihm auch der Grad ihres Ärgers, den
sie immer stärker anwachsen fühlte und doch nicht in die leere Luft
hinein äußern konnte. Egon hatte recht! Pitt zeigte geflissentlich, daß
ihm nichts daran lag, mit ihr zusammenzukommen. Sie saß noch eine
Zeitlang da, dann dachte sie auf einmal: Vielleicht konnte er aus irgend
einem Grunde wirklich nicht herkommen! Sitzt schon längst in unserer
Loge und wartet da auf mich! -- Sie fuhr sogleich zum Theater, aber die
Loge war leer und dunkel, und auf der Bühne wurde schon längst gesungen
und gespielt. Sie gab sich Mühe auf die Musik zu hören, aber fortwährend
irrten ihre Gedanken ab. -- Wenn er nun plötzlich krank geworden war?
Dieser Gedanke schoß auf einmal in ihr auf. Dies war ja nicht
wahrscheinlich, aber immerhin nicht unmöglich. Sie erhob sich und
verließ die Loge, ließ sich eine Droschke kommen und fuhr zu Pitts
Wohnung. Wenn er nun ganz gesund war, sich verwundert nach ihr umdrehte
und sich nichtssagend entschuldigte? Der Wagen hielt, schnell sah sie zu
seinem Hause empor; sein Fenster hatte Licht.
Pitt saß in seinem Zimmer, beim Schein der Lampe. Vor ihm lag ein Brief
von Fox. Der bat, gewisse von ihm geschriebene Artikel in irgend welchen
Zeitschriften unterzubringen und das Geld sofort an ihn zu senden. Mit
Fox mußte es ziemlich schlimm stehen. Der war nun längst beim Theater.
Durch einen plötzlichen, abenteuerlichen Sprung hatte er sich
herausgerettet aus allen Widerwärtigkeiten, er hatte eine Tat gezeigt;
und wenn sie auch augenscheinlich etwas Verkehrtes war: Wenigstens hatte
er sich frisch in eine neue Lebenswoge gestürzt und es darauf ankommen
lassen, ob sie ihn tragen würde. Pitt selbst aber saß eingeschlossen in
einem ganz engen Kreise, in der dumpfigsten Atmosphäre, und wußte doch
nicht, wie er sich aus ihr befreien sollte. -- Und wenn er jetzt
wirklich seine Redaktionsstelle aufgab, was wurde dann aus ihm? Was
blieb ihm? Sollte er doch in seine juristische Laufbahn zurückkehren?
War das nicht noch immerhin das beste? -- -- -- Er hielt die Augen lange
geschlossen. Bäume tauchten vor ihm auf, und Felder, und auf einmal sah
er jene zwei Knaben wieder, blond, in weißen Leinenhemden und im
Schurzfell, wie er sie einst im Traum gesehen -- -- aber dann war es
Elfriede, deren Bild alles andere verdrängte. Er hatte sie aufgegeben,
endgültig aufgegeben. -- Eine große Leere war in ihm, nur gefüllt vom
Nebel der Erinnerung. -- -- Hatte er denn nichts, gar nichts, das
_wirklich_ war, das mit ihr zusammenhing? Er dachte lange nach, dann
ging er an sein Bücherbrett, holte ein altes, philosophisches Werk, trug
es an seinen Platz und begann es zu durchblättern. Wenn jenes Andenken
noch da war, mußte er es zwischen diesen Seiten finden. Klein, schmal,
vergilbt fand er es wirklich. Es war eine Blume, die ihm Elfriede einst
im Scherz aufs Buch warf, als sie ihn lesend in der Laube fand, draußen
auf dem Gute. -- Er nahm sie, hielt sie sinnend in den Händen, strich
mit den Fingerspitzen über ihre Blätter hin und dachte: Sie ist
wirklich, sie ist greifbar, so greifbar wie die festeste Gegenwart --
und doch gehört sie der Vergangenheit. -- Wieder schloß er, in
Erinnerung verloren, seine Augen: Gegenwart und Vergangenheit mengten
sich zu einem dritten, das nicht das eine noch das andere war, das
zeitlos dahin schwebte und ihn mit sich nahm. --
Es läutete. Draußen klang die erregte Stimme Fräulein Heines, und die
seiner Wirtin. Pitt schob die Blume in das Buch zurück und schloß es.
Gleich darauf trat Fräulein Heine ein, fast ohne anzuklopfen. Sie hielt
den Blick auf ihn gerichtet, seine Augen erschienen groß und sonderbar
leuchtend im Lampenschein, wie er jetzt ruhig zu ihr hinsah.
Also wirklich! Da sind Sie wirklich! sagte sie. -- Wie können Sie sich
unterstehen mich auf solche Weise zu behandeln? Mich durch dieses
Geschöpf da draußen abfertigen zu lassen? Ich frage: wie können Sie sich
unterstehen?! Sie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihn mit
brennenden Augen an. Halt! rief sie, als er den Mund zu einer Antwort
öffnete, überlegen Sie sich vorher was Sie sagen wollen; ich will keine
Lüge hören.