Was Frau Steinert über die Kritik gesagt hatte, entsprach der Wahrheit:

Im Tageblatt war zu lesen, die Leistungen des Herrn Siegmaringen seien

langweilig und dilettantisch, nachdem er zu Anfang, namentlich mit

Charleys Tante, so Eminentes versprochen habe. Man gab der Direktion

Winke, diesen Künstler nicht allzusehr zu beschäftigen, lieber in

kleinen Nebenrollen auftreten zu lassen, wo er nicht viel verderben

könne, und wirklich hatte die Direktion Fox im Laufe der Zeit alle

größeren Rollen fortgenommen; selbst Charleys Tante wurde jetzt von

jenem jungen Talent gegeben, das Herr Steinert versuchsweise in das

komische Fach hatte einspringen lassen, in dem es sich auch vorzüglich

bewährte. Der Direktor beklagte den Schaden, der der Kasse erwuchs,

indem er dies Talent nun höher honorieren mußte.

Fox merkte, daß er wieder an einem Wendepunkte seines Lebens stand.

Niemand borgte ihm hier einen Pfennig, an die Direktion hatte er

Schulden, wie er selber einsah, als Schauspieler war er auch fast schon

unmöglich -- irgendein rettender Sprung mußte getan werden; vor allem

mußte er sich Geld schaffen, damit er wenigstens die Mittel hatte einen

Plan ins Werk zu setzen. An seinen Vater konnte er sich nicht wenden,

seine früheren Freunde würden ihn verleugnen, so blieb nur Pitt.

Viel geschrieben hatten sich die beiden Brüder die letzten Jahre nicht,

Fox wußte aber, daß Pitt nun seit geraumer Zeit in einer neuen,

einträglichen Stellung saß. Sollte er seine klägliche Lage eingestehen,

direkt um Geld bitten? Er schämte sich etwas. Da fiel ihm auf einmal ein

Ausweg ein: Pitt besaß noch einen Haufen Aufsätze von ihm im Manuskript,

die er ihm damals, als er ihn und Lotte verließ, eingehändigt hatte: Die

mußte Pitt jetzt unter allen Umständen in einer Zeitschrift

unterbringen, und ihm das Honorar sofort übersenden. Er schrieb an Pitt

darüber, und schloß: Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber du weißt wohl

vom Hörensagen, daß Künstler leichtblütigen Naturells sind, daß das Geld

zwischen ihren Fingern hindurchrollt! Überraschend schnell hatte er das

Honorar in Händen, viel mehr als er gehofft hatte. Pitt schrieb, er

fühle doch durch, daß Fox das Theater nicht sehr befriedige, und er

frage an, ob er geneigt sei, einen literarischen Beruf zu ergreifen? Er

könne ihm eventuell zu einer Stellung sehr behilflich sein. Fox ergriff

diese Möglichkeit mit beiden Händen; es verging wieder eine kurze Zeit,

dann telegraphierte Pitt: Komm sofort. Fox hielt dies Telegramm in den

Händen: Wie ein Erlösungsruf blickten ihn die Worte an, und er dachte:

Der Pitt ist doch ein guter Kerl, wirklich ein guter Kerl, wenn ich mir

diesen Ruf auch höchstwahrscheinlich selber durch meine Artikel

geschaffen habe -- immerhin -- er hat das doch wirklich -- also wirklich

-- -- fair gedeichselt! --

Er studierte das Kursbuch und fand, daß der schnellste Zug am Abend

gehe, gerade während des letzten Aktes. Ins Theater mußte er also noch.

Das würde eine schöne Überraschung geben, wenn er auf einmal nicht mehr

da war!

Herr Siegmaringen! schnell, schnell, es ist die höchste Zeit! gleich

fällt Ihr Stichwort! rief der Direktor. Fox hatte sich extra absichtlich

verspätet. -- Sintrup, sagte er, mein Name ist Sintrup, Redakteur

Sintrup. -- Lassen Sie die Späße! Machen Sie ein einziges Mal so einen

Witz auf der Bühne und ich bin zufrieden! Los, schnell! -- Fox bequemte

sich und spielte schlechter als jemals; hinter der Kulisse agierte Frau

Steinert mit beiden Armen, das Tempo zu beschleunigen. Du alte

Vogelscheuche! dachte Fox, du wirst heute noch ganz andere Augen machen;

und er sprach als wolle er im nächsten Augenblick einschlafen. -- In der

Pause gab es Vorwürfe, die er grinsend über sich ergehen ließ. -- Sie

sind wohl betrunken?! fragte Herr Steinert plötzlich: Ich rate Ihnen,

nehmen Sie sich zusammen, ich werde sonst andere Saiten aufziehen. --

Ich werde Sie peitschen lassen, entgegnete Fox und sah ihn trocken an.

-- Allmächtiger Gott, er ist irrsinnig geworden! rief Frau Steinert in

klagendem Ton. Der Direktor wollte auf ihn los. -- Na Kinder, regt euch

nur nicht auf, es war nur Scherz; sagte Fox und lachte. Es ward wieder

geläutet, Frau Steinert mußte rasch an ihr Klavier zurück, ihr Mann

begab sich an den Vorhang. Es kam der letzte Akt, Fox hatte erst gegen

Ende aufzutreten. Fieberhaft kleidete er sich in der Garderobe um -- es

gab gerade einen Volksauflauf, alle waren auf der Bühne beschäftigt --

dann verließ er das Theater; den falschen Bart, den er zu tragen hatte

-- er bestand aus früher ausgekämmten Haaren der Frau Direktor, behielt

er vorläufig noch im Gesichte.

Der Akt verging, es war schon von ihm die Rede, jetzt mußte er

erscheinen, die Mitspielenden starrten auf die offene Tür, nachdem einer

bereits deklamiert hatte: Doch wer naht da mit schnellem Schritt?!

Hinter der Szene wurde geredet, eilige Schritte gingen hin und her, es

folgte eine kleine Totenstille, dann fiel der Vorhang. Es drohte eine

Panik im Hause auszubrechen, aber der Direktor trat mit schneller

Geistesgegenwart vor den Vorhang und erklärte, es sei einem der

Mitglieder plötzlich unwohl geworden, nur für einige Minuten. Sie seien

gezwungen, eine kleine Pause eintreten zu lassen und dann die letzten

Szenen zu wiederholen. Die Herrschaften, so schloß er, delektieren sich

wohl inzwischen an den leiblichen Genüssen, die unser allverehrter Herr

Restaurateur in so vorzüglicher Weise zu bereiten versteht! Er trat

wieder hinter den Vorhang zurück, und nun begann ein fieberhaftes Suchen

nach Fox Sintrup. Selbst die kleinsten Orte wurden durchgespürt. Sucht

ihn auf dem Markt! befahl der Direktor, vielleicht war ihm vorhin

wirklich übel und er hat die Zeit verwechselt und ist an die frische

Luft getreten! -- Er stürmte selbst die Treppe hinab. Hermann! Hermann!

du erkältest dich! rief seine Frau, mein Gott, die heiße Luft, der

Schweiß -- und mit einem Tuche eilte sie hinter ihm drein.

Trübe, brummig und schweigend lag der kleine Platz da, mit seinen

langweiligen einstöckigen Häusern, nur das bunte Schild des

Glasermeisters Kuhlemann klapperte im Winde.

Lauf du nach seiner Wohnung, ich renne in die Kneipe! rief der Direktor,

wir müssen ihn wieder haben! In fünf Minuten sind wir wieder da!

Im Zuschauerraum hatte sich inzwischen -- niemand wußte durch wen und

woher -- herumgesprochen, Herr Siegmaringen sei plötzlich irrsinnig

geworden, Frau Direktor habe es gesagt. Und mit einem Male hieß es: Er

rase draußen auf dem Markte. Jetzt erhoben sich einige Neugierige,

niemand wollte recht der erste sein, aber dann traten doch ein paar auf

die Tür zu, andere folgten schneller, und mit einem Male drängte alles

in dicken Haufen die Treppe hinunter und auf den Markt hinaus. In

einiger Entfernung blinkte ein Schutzmannshelm. -- Dort, dort ist er um

die Ecke gelaufen, der Schutzmann hat vorhin jemand um die Ecke laufen

sehen! Ein Haufe stürmte in der angegebenen Richtung davon, andere

schrien: das war ja der Herr Direktor selber! Inzwischen waren auch die

übrigen Schauspieler aus ihren Hinterbühnenräumlichkeiten ins Freie

geeilt, als es sich herumsprach, daß das Publikum hinabdrängte und daß

Herr Siegmaringen tatsächlich in irgend einem Wahnsinnszustande dort

unten sei, der kleine Markt war jetzt belebt und voller Lärm, und die

verschlafenen Häuser blinzelten mit müden Augen, die sich hier und da

öffneten, in immer größerer Zahl. -- Da kommt er! da kommt er! rief

jemand und deutete in eine Seitengasse, wo niemand wen vermutete.

Wirklich kam eine dunkle Gestalt dahergelaufen. Ihr auf den Fersen

folgte eine andere, große, hagere, weibliche, die sich im Laufen die

Haare mit beiden Händen festhielt. -- Die Frau Direktor hat ihn! Die

Frau Direktor hat ihn! Und nun wälzte sich der Knäuel auf die beiden zu.

Energisch drängten jetzt die Schutzleute -- es waren inzwischen zwei

geworden -- durch die Haufen, bis zu dem atemlosen Direktor und seiner

Gattin. Er ist nicht da, wir finden ihn nicht! rief der Direktor. --

Unser Geld, wir wollen unser Geld! riefen einzelne, die Vorstellung ist

unterbrochen worden. Der Direktor verkündigte mit lauter Stimme, die

Billetts behielten ihre Gültigkeit für dieselbe Vorstellung, worauf man

auf dem Markte applaudierte, als befinde man sich in dem Theater selbst.

Dann stürmte man zurück ins Haus, zu den Garderoben. --

Niemand wußte vorerst um die tatsächliche Wirklichkeit, nur das wußte

man: in der Kneipe war Herr Siegmaringen nicht, und zu Hause auch nicht,

denn seine Fenster waren dunkel. -- Nur Foxens Freundin ahnte was

geschehen sei: Er hatte ihr heute eine Mark geschenkt! Am nächsten Tage

ward ihr diese Ahnung bestätigt: Fox war kontraktbrüchig geworden und

hatte die Stadt verlassen. Man hätte ihn vielleicht polizeilich

verfolgen, auch den Paragraphen der Konventionalstrafe in Anwendung

bringen können, aber, was den Paragraphen betraf: Der stand nur auf dem

Papier, niemand von all den armen Teufeln am Theater konnte sechshundert

Mark bezahlen, und kein vernünftiger Schmierendirektor konnte sich

selbst in Unkosten stürzen, eines solchen Trugbildes willen. Und was die

polizeiliche Zurückholung anging: Nachdem der erste Zorn verraucht war,

sah der Direktor ein, daß er sich im Grunde freuen müsse, diesen

Künstler los zu sein, und in diese Ansicht stimmte auch die offizielle

Presse ein, die durch das »Tageblatt« vertreten war, das über den

Vorfall am übernächsten Tage einen Leitartikel erscheinen ließ,

überschrieben: Nächtlicher Spuk auf unserm Markte, und der mit den

Sätzen schloß: Der Direktion können wir zu ihrem Verlust nicht

kondolieren, da dieser Verlust in unseren Augen nur einen negativen

Gewinn bedeutet. Unser allverehrter Herr Direktor würde sich auch wohl

nie entschlossen haben, diesen Künstler zu engagieren, wenn er nicht

damals gezwungen gewesen wäre, der Not zu gehorchen und nicht dem

eigenen Triebe. Damit rühren wir in manchem unserer Leser eine

Erinnerung auf, die wir einem größeren Leserkreis nicht aufzutischen

gedenken, da wir, fern von aller kleinstädtischen Klatschsucht, unsern

verehrten Abonnenten nur wirklich Gediegenes zu bieten gewohnt sind.

Eine Frage aber drängt sich uns unwillkürlich auf, und wir reden hier im

Namen von vier Herren unserer hohen Gerichtsbarkeit: Wie und wann begann

die Mystifikation? Hatten wir es zu tun mit einem stellensuchenden

Schreiber, mit einem Klaviervirtuosen, mit einem Schauspieler, oder nur

mit einem -- Schwindler?! --

Zehntes Kapitel.

Nachdem Herta sich von Pitt getrennt hatte, folgte eine Zeit der

Zerrissenheit für ihn. Er sehnte sich nach ihr zurück, er rief ihren

Namen, -- und dann wieder war es, als ob er sie eigentlich überhaupt

nicht vermißte. Er bildete sich ein, mit Herta alles verloren zu haben,

und doch wußte er im Grunde, daß seine Liebe keine Leidenschaft gewesen

war. Was er empfinden konnte, hatte er empfunden, und wenn er früher

seine Liebesunfähigkeit damit getröstet hatte, daß ihm nur noch nicht

der Mensch begegnet sei, durch den sein dürrer Boden befruchtet werde,

so wußte er nun, daß er diesen Menschen niemals finden würde, daß seine

eigene, innere Kälte ihn im letzten Grunde stets von allen Menschen

entfernt hielt und immer einsam stehen lassen würde. Aber wie kam es

dann, daß sein Gefühl ihn stets wieder zu den Menschen trieb, daß er

seine Einsamkeit als etwas so Entsetzliches empfand? Sollte er abermals

den Versuch machen, den Nebel zu durchbrechen, der um sein Wesen lag, so

fest und ewig wie um Weltenkörper? Er schloß sich ganz in sich ab und

dachte: Besser eine allgemeine graue Öde als eine Öde in die ab und zu

Licht hineinscheint, das dann wieder verschwindet. --

Er wandte sich ganz der Arbeit zu. Aber diese Arbeit schien ihm leer und

lästig, da er überhaupt nicht das mindeste Interesse hatte für die

Schicksale fremder Menschen, für ihre Klagen und ihren Schrei nach dem

Recht. Das alles kam ihm komisch und nichtig vor. Soll dieses ewig so

weiter gehen? dachte er manchmal, und überlegte, ob er nicht alles

aufgeben und davon gehen sollte. Aber was blieb ihm dann? Wovon sollte

er leben? Er hielt es noch einige Zeit aus, und gerade, als er wieder

einmal auf seinem Sofa saß und darüber nachdachte, daß irgendein Wechsel

eintreten müsse, traf ihn die Nachricht von dem Testamente seiner

Mutter. Sofort war sein Entschluß gefaßt: Er brach seine beruflichen

Beziehungen ab und wollte sich in die Welt begeben. Er erwartete nichts

von ihr als Zerstreuung, aber die war ihm auch genug. Er reiste, trieb

sich mehrere Jahre in verschiedenen Ländern herum, nahm an flüchtigen

Erlebnissen mit was sich ihm bot, und kehrte endlich ebenso beschwert

und unbeschwert in seine Stadt zurück, wie er von ihr ausgegangen war.

Daß er gerade hierhin zurückging, und nirgend wo anders, war für ihn so

selbstverständlich, daß er gar nicht über den Grund nachdachte. Diese

Stadt war ihm, trotzdem er nicht viel Glückliches in ihr erlebt hatte,

wie seine Heimat, nach der es ihn schließlich, je mehr die Zeit

vergangen war, immer dringender zurückgezogen hatte. Am Tage nach seiner

Ankunft ging er zum Haus der van Loo, sah es lange an und dachte: Es

steht noch immer da. -- Von seinem Geld hatte er soviel zurückbehalten,

daß er noch bequem einige Monate leben konnte, auch, nachdem jene erste

unvorhergesehene und große Summe für seinen Bruder Fox davon abgezogen

war; was werden sollte, wenn dieses Geld aufgezehrt war, wußte er nicht,

aber als letzte Lösung begann seit einiger Zeit der Gedanke im

Hintergrund zu stehen: Das Leben ist mir so wenig wert, daß es nicht

allzuschwer sein wird es zu verlassen. Dieses war ein letzter Ausweg,

und er beruhigte ihn halb, obgleich er ahnte, daß er ihn doch niemals

gehen werde, da ihm zu jeder Gewaltsamkeit die Energie fehlte.

Er tat nun gar nichts, las viel in philosophischen Werken, auf dem Sofa,

ganz so wie in früheren Zeiten, und suchte Zerstreuung in literarischen

und dramatischen Vereinen. --

Großer Gott, dachte er eines Tages, indem er von seinem Fenster aus

einer Dame nachsah, die ihn gerade verlassen hatte, sollte die sich etwa

den Gestalten der Vergangenheit anreihen wollen? Bisher habe ich doch

wenigstens keinen schlechten Geschmack gehabt! --

Diese junge Dame war Fräulein Heine, Tochter eines sehr reichen

Bankiers, die er auf einem jener Vereine kennen gelernt hatte. Sie war

nicht eben groß, hatte schwarzes Haar und trug fast stets ein rotes

Kleid aus sehr feinem, teurem Stoff. In den Kaufmanns- und

Bankierskreisen, die mit dem Hause ihres Vaters in freundschaftlicher

Beziehung standen, galt sie für exklusiv und hochmütig; auch sei sie

schöngeistig veranlagt und werde ihrem Hause gewiß einmal die Schande

antun, irgend einen hergelaufenen Literaten zu heiraten. --

Fräulein Heine nun warf ihr Auge auf Pitt Sintrup, der einen so ganz

besonderen germanischen Typus hatte, und eine so wundervolle feine

Ironie, die beinah wieder wie Ernst klang, so fein war sie! Sie merkte,

daß an diesem Menschen irgend etwas war, das sie noch bei keinem andern

Manne kennen gelernt hatte, und beschloß ihn zu studieren.

Sie war äußerst belesen und wußte ihn in Gespräche über die

verschiedensten literarischen Probleme zu verstricken, und er, halb

gutwillig, halb zerstreut, konnte doch nicht anders als ihren Verstand

anerkennen, so wie der sich auf Dinge richtete, die nicht sie selbst

betrafen. Sie fragte ihn auch sehr viel nach seinem Leben, nicht

allgemein, sondern indem sie ihre Sätze so detaillierte und formulierte,

daß er einfach mit ja und nein zu antworten brauchte. Dadurch erfuhr sie

eine ganze Menge, denn Pitt sah durchaus keinen Grund mit seinen ja und

nein zurückzuhalten, manchmal freute er sich sogar gespannt auf

irgendeine neue Frage, die er herannahen fühlte, und dachte: Wie wird

sie das jetzt wohl hervorbringen?! Sie kam immer öfter zu ihm, und wenn

sie ihn anfangs zerstreut und belustigt hatte, wurde sie ihm auf die

Dauer nur noch lästig. Sie erzählte ihm auch, daß sie ihn liebe; sie

habe nichts zu verbergen, so sagte sie, was für ihr eigenes Ich von so

großer Wichtigkeit wäre, und was -- allgemein gesprochen -- im Leben

eines jeden Individuums einen so großen Faktor bedeute. Hierzu lachte er

nur, und meinte, daß er sie nicht wieder liebe, worauf sie entgegnete,

das sei auch nicht verwunderlich, bei dem einen käme die Liebe rascher

-- das seien die eigentlich Dionysischen, bei den andern langsamer; für

diese letzten hatte sie keine nähere Bezeichnung. -- Er begann grob

gegen sie zu werden; das machte ihr gar nichts: Ich liebe diese

Grobheit, sagte sie, es tut einem wohl, einmal wieder eine natürliche

Sprache zu hören, wenn man täglich die größten Schmeicheleien gesagt

bekommt, das stumpft allmählich ab. -- Wie viele Jahre bekommen Sie die

schon zu hören? fragte Pitt. -- Wenn ihr seine Grobheit zu arg wurde,

schlug sie ihn burschikos auf die Schulter.

Sein Leben, wie es jetzt war, erschien ihr wahnsinnig; so wie es lag,

gab es absolut keine Zukunft für ihn. Sie drang in ihn, er solle seine

juristische Karriere wieder aufgreifen, bei seinen eminenten Fähigkeiten

werde er bald viel Geld verdienen. Bei näherem Nachdenken aber sah sie

selbst ein, daß er sich für einen solchen Beruf nicht eigne. Sie

zerbrach sich oft den Kopf, ob sie selbst nicht eine Stellung für ihn

wisse oder schaffen könne, die für ihn passend sei, und eines Tages

erschien sie angeregt in seinem Zimmer. -- Setzen Sie sich nicht, sagte

Pitt, die Stühle sind frisch gestrichen! -- Nach einem flüchtig

konstatierenden Blick antwortete sie: Sie Grobian! und ließ sich nieder.

Darauf machte sie ihm ihren Vorschlag: Es handelte sich um die Übernahme

einer Redaktionsstelle.

Ihr Vater war Inhaber und Begründer einer Handelszeitschrift, die ein

literarisches Feuilleton als Anhang hatte. Der jetzige Redakteur für

diesen Teil hatte seine Stelle plötzlich aufgegeben, man brauchte

Ersatz. Herr Heine verstand von Literatur und Kunst nicht das mindeste,

seine Tochter hatte in diesen Dingen großen Einfluß auf ihn, sie hatte

ihn auf Pitt Sintrup hingewiesen, das sei der Mann der Zukunft! Herr

Heine wollte reelle Belege dafür sehen, und sie gab ihm einfach

Besprechungen und Aufsätze, die Fox einst gemacht hatte und die sie

einmal mit nach Hause nahm, um auch diesen Bruder geistig kennen zu

lernen. Er las diese Artikel, die neben manchem ihm Unverständlichen

auch sehr vieles enthielten, was er selbst oft gedacht hatte, wenn er

aus dem Theater kam, und sagte: Ein solcher Mensch sei ihm ganz recht;

etwas Unverständliches müsse heutzutage bei jeder schöngeistigen Sache

mit unterlaufen, er selbst pfeife darauf, aber das sei modern, das

ziehe. -- Von diesen untergeschobenen Artikeln sagte sie Pitt nichts, da

er ihr dann vielleicht alles zerstört haben würde. -- Pitt machte ein

verächtliches Gesicht und sagte, er wolle nicht. Sie ließ sich aber

nicht abschrecken. Ein Mensch wie Sie, sagte sie, braucht eine

Tätigkeit, die er als Nebenbeschäftigung, als Spiel ansieht, die ihm

Geld abwirft, damit er leben kann. Ich garantiere Ihnen, Sie haben dort

nicht viel zu tun!

Pitt horchte auf. -- Nein, fuhr sie fort, schüttelte den Kopf und stieß

mit dem Schirm auf den Boden, das garantiere ich Ihnen! Sie haben nichts

weiter zu tun als täglich ein paar Manuskripte zu überfliegen. Sie sehen

ja doch gleich nach den ersten Sätzen, ob eine Sache gut ist oder nicht.

Dann akzeptieren Sie oder refüsieren Sie, je nachdem. Für alles Gröbere,

Untergeordnete ist ein Nebenredakteur da, der unter Ihnen steht. Also --

sagen Sie zu? Gehen Sie gleich mit mir zu meinem Vater! -- Da er nicht

antwortete, stand sie auf, holte seinen Hut, stieg auf einen Stuhl und

drückte Pitt von oben mit einem Schlage seine Kopfbedeckung auf die

Haare. Er tat sie ebenso schnell wieder herunter und warf sie auf den

Tisch. Fräulein Heine stellte sich dicht vor ihn hin, sah mit lächelndem

Blick zu ihm auf, ihr Kinn berührte fast seine Brust. Na?! fragte sie

aufmunternd, kann der Herr sich nicht entscheiden?

Ich will mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben! sagte Pitt aus

einem plötzlichen Gefühl heraus, suchen Sie sich lieber einen Menschen

aus Ihrer Clique! -- Sie lachte trocken und meinte dann mit ihrer

resonanzlosen, etwas staubigen Stimme: Morgen komme ich wieder, ich

hoffe, bis dahin sind Sie klüger geworden. --

Pitt hatte ein starkes Gefühl gegen diese Sache. Wäre sie ihm noch von

jemand anders angeboten -- aber gerade von Fräulein Heine -- --! Doch

schließlich verpflichtete ihn das ja zu gar nichts. Das Gehalt, was sie

ihm nannte, war so hoch, daß er mit seinen geringen Ansprüchen sehr

bequem leben konnte, und er war, wenn er annahm, wieder einmal für ein

paar Jahre gerettet. Im Grunde war es ihm egal, ob er Redakteur wurde

oder nicht; also konnte er es ja werden, da er dadurch Geld verdiente,

auf eine bequeme Art und Weise.

Am nächsten Nachmittag fuhr er aus seinem Schlafe, da es sehr stark

gegen die Zimmertür klopfte. --

Sie schon wieder! sagte er, als er Fräulein Heine erblickte -- er hatte

die ganze Sache in diesem Augenblick fast völlig vergessen. -- Jawohl,

ich schon wieder! sagte sie und machte breite Lippen, als wollten sich

die ganz besonders durchsetzen. Nun, haben Sie sich jetzt entschlossen?

Wachen Sie doch vor allem erst einmal völlig auf! -- Pitt riß die

Augenlider auseinander, dann wußte er plötzlich genau um alles Bescheid

und gab nun zögernd seine Zusage. Während er sprach, betrachtete sie ihn

mit zurückgeworfenem Kopf und humoristisch überlegenen Augen, als wolle

sie sagen: Du Kind, begreifst du nun, daß ich es gut mit dir meine?!

Am Spätnachmittag machte er ihrem Vater einen Besuch. Klein, grau, gut

gepflegt, sehr gemessen in seinen Bewegungen stand der vor ihm, bei der

folgenden Unterhaltung zündete er sich eine Zigarre an und stieß lange

Rauchwolken aus, wie eine gutgeleitete Fabrik, die einmal auch noch nach

Feierabend in Betrieb ist. -- Fräulein Elsa trat herein, sie begrüßte

Pitt mit freundlich-herzlichen Worten, -- er machte ihr eine etwas

unsichere Verbeugung -- und nötigte ihn wieder auf seinen Platz. -- Sie

hatte etwas Angst, ihr Vater könne sich im Laufe des Gespräches auf jene

Foxschen Artikel beziehen, aber das tat Herr Heine nicht, es wäre ihm

dies ebenso zwecklos erschienen, als wenn er über eigene vergangene

Unternehmungen irgendein überflüssiges Wort verloren hätte: Er wußte von

Herrn Dr. Sintrup Bescheid, das genügte. Während er über die

Einzelheiten der Zeitschrift redete, warf Fräulein Heine diese und jene

erläuternde Bemerkung ein, die Pitt mit einer leisen Verbeugung

erwiderte; aber seine Gedanken irrten ab, und als Herr Heine für einen

Augenblick ans Telephon gerufen wurde, fuhr Fräulein Elsa protegierend

auf ihn los: Sie trauen sich viel zu wenig zu! Entwickeln Sie ein

Programm! Lassen Sie ein paar Schlagwörter los! -- und rüttelte ihn am

Arme. -- Was fällt Ihnen denn ein? sagte Pitt, lassen Sie mal sofort

Ihre Hand von meinem Arm! Herr Heine kam zurück, die beiden waren

plötzlich wieder ganz gesellschaftlich, aber während die Unterhaltung

von neuem aufgenommen wurde, stand Fräulein Elsa, in Erwartung der

Wirkung ihrer Worte, wie eine kleine Kanone da, deren Lauf auf Pitt

gerichtet war. -- Ich möchte jetzt gern mein Programm entwickeln! sagte

Pitt, aber Herr Heine meinte, mit diesen Einzelheiten möge er sich

lieber an den Chefredakteur wenden, dem er überhaupt in der ganzen Frage

die letzte Entscheidung anvertraut habe. Pitt hatte sich in aller

Schnelligkeit eine Rede mit allerlei Gesichtspunkten ausgedacht, die

sparte er nun auf. Ihm erschien die ganze Sache mit einem Male lustig

und unterhaltend.

Stecken Sie Ihre Hoffnungen nur nicht zu hoch! sagte der Chefredakteur,

Herr Wolf, ein Herr mit dichtem, schwarzem Schnurrbart und

glattrasierten blauen feisten Wangen -- nachdem Pitt alle

Gesichtspunkte, die sich für ein literarisches Organ finden lassen,

erörtert hatte: Der literarische Teil ist bis jetzt nur eine Art von

Anhängsel, und muß es vorerst auch noch bleiben, so sehr ich Ihrer

Tatkraft ein größeres Arbeitsfeld wünschte. --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 22 / 27 段