sprang er aus dem Bette und marschierte im Zimmer auf und ab. -- Alles
habe ich mir gefallen lassen, alles, aber dieses geht zu weit!! Ich
werde prozessieren! Mein Vater ist verpflichtet, mich standesgemäß zu
erhalten! -- Aber während er so redete, fühlte er selbst das Lächerliche
seiner Rede. Auf einmal blieb er mit einem Ruck mitten im Zimmer stehen:
Wenn er nun morgen früh zum Direktor ging, wenn er nun wirklich
Schauspieler wurde? Dann war ja alles in Ordnung, dann triumphierte er
ja über diese ganze spießbürgerliche Gesellschaft! Der Direktor brauchte
ja einen Schauspieler, sonst konnte er nicht die -- gewissen Stücke
spielen! Fox sagte nicht: Possen und Komödien, da er das Wort »Komiker«
vorläufig noch ignorierte, weil er sonst gleichsam sich selbst hätte
fordern müssen. -- Überhaupt: wer sagt denn, wenn ich ihm eine von den
Rollen vorspreche, die ich bei Sander gelernt habe, daß er mich nicht
als Helden anstellt? Vielleicht hat er auch keinen Helden, das kann doch
niemand wissen! Und mal ein bißchen Theater spielen -- tat das nicht
auch Wilhelm Meister?! Dem Rechtsanwalt würde er ins Gesicht lachen, und
eines Abends würde er wieder ins Lokal treten und sagen: Meine Herren,
dieses letzte war auch wieder eine Mystifikation, denn eigentlich bin
ich auch kein Schauspieler, aber mein Vater ist so weitsichtig, daß er
seinen Sohn vom Studium nicht direkt in den Beruf hineinschiebt, sondern
ihm Freiheit läßt, auch andere Fähigkeiten und Talente in sich
auszubilden und die Welt wirklich kennen zu lernen, ein
Edukationsprinzip, wie es Goethe in seinen Erziehungsromanen
vorschwebte! So würde er von seinem Vater reden, der das weiß Gott nicht
verdient hatte. Und die Bekanntschaft mit dem Kriegsminister, würde er
fortfahren, war keine Mystifikation, denn der alte Herr hat schon öfter
Billette von mir empfangen, also kenne ich ihn -- ach nee, da irre ich
mich, ich kenne ihn ja gar nicht wirklich -- aber sagen kann ich es,
denn dem Wortlaute nach ist es wahr! -- Und dann würde Fox zu seinem
Vater zurückgehen und erklären: ich habe dir nun gezeigt, daß ich mich
selber zu erhalten weiß: ich erwarte, daß du mir wieder Vertrauen
schenkst, und mir die Mittel bewilligst zur Beendigung meines
eigentlichen Studiums. Und dann wollte er auch arbeiten, ehrlich und
ernsthaft arbeiten!! --
Als er am nächsten Morgen am Portier vorbeischritt, legte er um seinen
Mund markante Falten und fragte mit sonorer Stimme: Haben Sie schon
gehört, wie ich gestern abend die Herren Bürger angeführt habe? --
Glänzend, einfach glänzend! grinste der Portier.
Fox hatte sein Selbstbewußtsein voll zurückgewonnen. Dann stand er vor
Direktor Steinert, einem anscheinend noch jungen, glattrasierten Mann
mit schwarzen Augen und einem Hornzwicker. Außer ihm war noch eine alte
Dame im Zimmer mit kompaktem rein kastanienbraunem Haar und einem
Scheitel wie ein Lineal. -- Die Mitteilung des Portiers bestätigte sich,
Herr Steinert war in Not, telegraphische Verhandlungen schwebten
allerdings mit Agenten, aber die Saison hatte schon begonnen, die
halbwegs besseren Kräfte waren versorgt, und einen reinen Anfänger zu
nehmen scheute sich die Direktion. Fox erklärte nun, er sei vollständig
zum Schauspieler ausgebildet, durch Herrn von Sander, bei dessen
Namennennung Herr Steinert eine kleine Verbeugung machte, da er ihn aus
Annoncen der Theaterzeitungen sehr wohl kannte. Dann setzte Fox hinzu,
daß er selbst einer hoch -- höchst angesehenen Familie entstamme und
mehr Bildung für den Beruf mitbringe als die meisten Schauspieler. Und
dann sagte er: Nun passen Sie mal auf. Er begann die Rolle
vorzusprechen, die er als allererste bei Herrn von Sander studiert und
endlos repetiert hatte, und die deshalb noch am besten im Gedächtnis
saß. Alle Bewegungen waren ihm noch gegenwärtig, durch die
Gesangstunden, die er betrieben hatte, war sein Organ ebenmäßiger
geworden, und Herr Steinert unterbrach ihn mitten in einem längeren Satz
mit der Bemerkung, er habe schon genug gehört, Talent sei unverkennbar
da, die äußere Erscheinung sogar glänzend, aber -- wir brauchen einen
Komiker und keinen Helden!! -- Ja, Komiker bin ich nun nicht, sagte Fox
in seinem trockensten Tone, und sah Herrn Steinert mit jenem großen,
halb verweisenden Blick an, über den das Stubenmädchen so gelacht hatte.
-- Aber das schadet ja gar nichts! ließ sich die alte Dame jetzt durch
die Reihe ihrer sehr weißen Zähne vernehmen, mit langsamer, etwas
schwerer Zunge und in einem gedehnten, singenden Tonfall, der durch
mehrere Oktaven zu spielen schien -- das schadet ja gar nichts! Wenn
er's nicht ist, kann er's noch werden. Wie Sie da vorhin ins Zimmer
traten -- so wandte sie sich an Fox -- wie Sie nur Ihren Hut auf die
Kommode stellten -- es war gar nichts weiter als diese einzige Bewegung
-- ich sage Ihnen: Ich mußte lachen; glauben Sie mir, ich habe einen
Blick für Menschen! Seit dreißig Jahren bin ich am Theater! Wenn Sie nur
auf die Bühne treten, so lacht das Publikum! Ich will Sie damit nicht
beleidigen! fuhr sie fort, da Fox ein verletztes Gesicht machte, im
Gegenteil: Wirkliche Komiker sind heutzutage selten! Bleiben Sie nur bei
uns! Herr Steinert warf ein, daß Fox ja gar nicht die nötigen Rollen
beherrsche. -- Dann lernt er sie eben jetzt noch! sagte sie mit ihrer
eigensinnig klagenden Stimme, Schauspieler lernen schnell, und bei uns
heißt es ganz besonders fest und energisch zu arbeiten, das ist hier
jeder gewohnt. Sie müssen wissen: Mein Mann und ich sind für das Ideale!
Fox sah überrascht erst auf sie dann auf Herrn Steinert: war das die
Frau von dem? -- Und dann, Hermann: Er soll doch die Rollen nicht von
heute auf morgen lernen, sondern erst auf übermorgen oder nächste Woche.
Wir eröffnen das Theater doch mit einem klassischen Stück, wo wir ihn
nicht nötig haben -- und die eigentliche Posse ist doch erst am Sonntag.
Bis dahin hat er viel Zeit zum Lernen, und die Proben sind doch auch
noch da! -- Herr Steinert war nach wie vor skeptisch. -- Aber das
Publikum hier macht doch keine Großstadtansprüche! Und kurz und gut --
ihre Stimme wurde ungeduldig und etwas stoßend -- mir gefällt dieser
junge Mann! Er wird wachsen mit seinen Aufgaben! Schließlich habe ich
doch auch ein Wort mitzusprechen, und wie gesagt -- ihre Stimme wurde
wieder singend: Ich empfehle dir diesen jungen Mann dringend, ohne dich
damit jedoch -- und nun klang ihre Stimme geradezu ölig-zärtlich --
irgendwie beeinflussen zu wollen. Herr Steinert warf ihr aus seinen
wimperlosen, scharf umränderten Augen durch den Zwicker einen
böse-versteckten Seitenblick zu, den sie aber nicht bemerkte, und
meinte: Gut, Ida, versuchen wir es. Sind Sie einverstanden? wandte er
sich an Fox.
In Fox bekämpften sich Regierungsassessor und Komiker. Daß er alle
Rollen leicht lernen und tadellos spielen würde, war außer Frage. Doch
vor den Leuten auftreten, damit sie über ihn lachten?! Aber schließlich:
Auch Molière und Shakespeare waren Schauspieler gewesen, und beide
hatten eine Fülle komischer Rollen selbst geschaffen! Und er selber
hatte vor ihnen noch den Vorteil voraus, daß er seinen Namen nicht
hergeben würde: Er wollte seinen uralten Familiennamen mit einem
Pseudonym decken. --
Wie ist es denn mit dem Honorar? fragte er. -- Herr Steinert wechselte
mit seiner Frau einen Blick und nannte dann eine Summe, die kärglich
gering erschien, und kaum das Dasein zur Not fristen konnte. Fox
schwankte wieder; aber plötzlich faßte ihn ein Gefühl, all diesen
niedrigen Erbärmlichkeiten ein Ende zu machen, durch eine halb
verächtlich gegebene Zustimmung. -- Hermann, wir könnten ihm doch fünf
Mark mehr bewilligen! -- Herr Steinert sah sie unbeweglich durch seinen
Zwicker an. -- Also es sind Ihnen fünf Mark mehr bewilligt! sagte er
darauf zu Fox; Gesellschaftsanzüge, Salonrock, Frack usw. haben Sie doch
wohl? -- Fox unterdrückte ein kräftiges Wort und sagte:
Selbstverständlich. Herr Steinert holte zwei Kontrakte, unterzeichnete
den einen, gab ihm beide, mit der Bemerkung, zu Hause genau den Wortlaut
durchzulesen und ihm am Nachmittag den zweiten, mit seiner Unterschrift
versehen, zuzustellen. -- Aber das kann er doch gleich hier durchlesen!
Wozu denn diese Umständlichkeit! -- Aber Fox nahm ihn mit und studierte
ihn im Hotel. -- Sechshundert Mark Geldstrafe für den Fall eines
Kontraktbruches. Also so plötzlich weg kann ich da nicht, sonst bekomme
ich die Polizei auf die Hacken! --
Horst Siegmaringen nannte er sich; das klang gut und ließ einen
unterdrückten Adelstitel vermuten.
Fox war nun engagiert. Er zog in ein kleines möbliertes Zimmer. Dort
lernte, übte und probte er für sich Charleys Tante. -- Blödsinniges
Stück! Es fehlt ihm jeder echte Humor! -- Am nächsten Morgen war die
erste Probe.
Das ist ja eine Scheune?! sagte Fox, als er das »Theater« erblickte, --
eine Scheune, ohne Tür?! Wo ist denn die Tür?! -- Dies Theater war
eigentlich ein Hotel mit größerem Saal, öde und verwahrlost, mit grauer
abgebröckelter Zementfassade.
Die alte Dame war schon lange auf der Bühne; sie leitete das Ganze, sie
war Regisseur, von ihr schien alles abzuhängen. Fox sprach seine Rolle
im Tone eines Leutnants. Herr Steinert war verzweifelt: Das geht nicht,
Sie müssen frauenhafter, damenmäßiger sprechen! Aber Frau Ida meinte:
Laß ihn doch, Hermann! das gibt ja gerade einen schönen Effekt! Das
wirkt fabelhaft! Wie er jetzt dasteht, dies Trockene, Geschäftsmäßige,
-- das macht ihm so leicht keiner nach. Denke dir doch noch die Perücke
und die Frauenkleider, das wird ja zum Schreien! -- Fox kam recht
deprimiert nach Hause. Ekelhaft war ihm dies Ganze, und seine Kollegen
und Kolleginnen -- außerhalb des Theaters würde er mit keinem einzigen
von ihnen sprechen, das war ausgemacht! --
Was waren das auch für Geschöpfe! Er erkannte da einen Herrn wieder, der
die Bonvivantrollen spielte. Am ersten Mittag hatte der mit ihm am
selben Tisch gegessen, einzig und allein ein Ragout fin, -- nichts,
nichts weiter. Und am selben Nachmittag hatte er ihn schon aus dem
Fenster eines schnell gemieteten Zimmers schauen sehen. -- Und die
Damen, von denen war überhaupt nicht zu reden; wie Schneidermädchen, die
sich billig und auffallend herausstaffiert haben, zogen sie über die
Straßen; seine Partnerin, die Donna aus Charleys Tante, begegnete ihm
abends auf dem Markte, ganz allein stand sie da, vom Wirtshaus zum Café,
vom Café zum Wirtshaus sehend. Das war doch höchst fragwürdig! und als
er an ihr vorbeischritt, zwinkerte sie und hakte ihren kleinen Finger in
den seinen.
Alle nannten sich du, ihn selbst nannten sie auch du, er konnte nichts
dagegen tun.
Die Aufführung von Charleys Tante nahte heran. Fox hatte seine Rolle
gründlich gelernt, die Zeigefinger in die Ohren gebohrt, wie ein
Schuljunge. Die Frau Direktor spielte mit großer Kraft einen
einleitenden Galopp auf dem Klavier, dann zog ihr Mann den Vorhang auf,
indem er sich, ihn in Bewegung zu setzen, an den Strick hängte. Fox
hatte nicht das geringste Lampenfieber. Durch das kleine Loch im Vorhang
sah er, ehe das Stück begann, in den Zuschauerraum, und empfand nichts
weiter als Verachtung vor dieser kleinbürgerlichen Menge, die da unten
Bier trank und rauchte und sich freute auf die Unterbrechung ihres
stumpfsinnigen Einerleis.
Als er nun selbst auf die Bühne trat, erhob sich hier und da ein
Klatschen, da man ihn erkannte; der hagere Offizial und der Vater des
Gretchens, die inzwischen an ihren Stammtischen genügend geneckt waren,
versuchten zu zischen, was nur den Applaus anwachsen ließ. Fox aber, wie
ein großer, berühmter Gast, trat vor und verneigte sich dankend. Zurück!
flüsterte der Direktor, halb ängstlich, halb erfreut, Sie stören das
Ensemble! Und wie nun Fox, im Augenblick wie zerstreut, auf die
Mitspielenden sah, als wolle er sagen: Ach, Ihr seid ja auch noch da,
Euch hatte ich total vergessen! -- brach der Applaus von neuem los. --
Bis zu dem Moment der Verkleidung hielt sich das Publikum ruhig, aber
als er dann anfing, sich als Dame hin und her schieben zu lassen, als er
halb ungeschickt über seine Kleider stolperte und sich endlich fast nur
noch wie in einem Zustand der Notwehr befand, gereizte Blicke um sich
werfend wie ein Kater, der sich von Hunden bedrängt sieht, war der
Erfolg vollkommen. Man nahm das, was in Wahrheit Unfähigkeit war, für
raffinierte Kunst, und die Stammtischgäste aus dem Wirtshaus sagten: ja
ja, so auftreten wie der damals kann auch nur ein ganz genialer Mensch!
-- Fox durfte sich am Schluß viele Male verneigen. Die Frau Direktor
sprach ihm ihre Anerkennung aus, sagte mit Emphase, sie habe mit ihrer
Prophezeiung recht gehabt und zog seinen Kopf, ehe er es verhindern
konnte, an ihren Busen, der ungelüftet roch. -- Diese Theaterleute,
dachte er mit einem parenthetischen: Pfui Teufel -- wissen doch nie die
Grenze einzuhalten. -- Charleys Tante wurde sofort wiederholt, und dann
ging es an neue Stücke.
Fox übernahm jede Rolle mit einem verschluckten Proteste, er spielte
sie, wie wenn man ihm einen ekelhaften Gegenstand zur Untersuchung
übergeben hätte, gegen dessen Berührung er sich zuvor mit seinen roten
Glacéhandschuhen bewaffnete, ehe er mit steifem Finger bald hier, bald
da hineinstieß. Anfangs erreichte er damit immer wieder die erste
Wirkung, aber schließlich fand man ihn langweilig. Einmal zischte sogar
einer, worauf Fox mitten im Satze abbrach und in den Saal hineinstarrte,
als wolle er den Zischer rügen. Herr Steinert suchte ihn nun mehr in
Chargenrollen zu beschäftigen und begann einzusehen, daß er an Fox keine
gute Kraft gewonnen habe. Fox war damit ganz zufrieden, betonte Herrn
Steinert gegenüber, er sei ja auch eigentlich »Held«, und hier falsch am
Platze, und hegte keinen Groll gegen den jungen Mann, den Herr Steinert
das nächstemal probeweise als Lumpaci Vagabundus herausstellte. Aber
auch in seinen Chargenrollen sprach Fox genau so wie vorher, und während
einer Aktpause in Wilhelm Tell bekam er Vorwürfe vom Direktor, er solle
sich mehr zusammennehmen, mehr wirkliches Feuer und patriotische
Leidenschaft entwickeln. Herr Steinert spielte selbst den Wilhelm Tell
und riß alles mit fort im Taumel seiner Rede. Frau Ida aber spielte,
abgesehen von ihrer Mechtildrolle, noch eine andere, indem sie sich als
alter Attinghausen im Rollstuhl hereinschieben ließ, ohne daß das
Publikum den Betrug bemerkte, da der Theaterzettel einen anderen Namen
aufwies. -- Mensch, sagte Herr Steinert nach der Vorstellung zu Fox, Sie
spielen immer wieder als Charleys Tante, das geht nicht, es geht
wirklich nicht! -- Aber Fox ließ dies nicht auf sich sitzen. Voll
Antipathie starrte er auf dieses schwarzäugige Gesicht mit dem blonden
unechten Germanenbart darunter: Schaffen Sie doch erst mal andere
Dekorationen! In Ihrem Tell ist ja auch alles genau so wie in Charleys
Tante! Wo bleibt denn da die Illusion?! Und die Kostüme sind ja auch
immer dieselben! Ihre Berta von Bruneck zum Beispiel ist doch wieder
nichts weiter als die Nichte von der Tante, und wenn sie sich auch ein
grünes Umschlagetuch umhängt -- für mich ist das noch lange kein
Jagdkleid! Die Hälfte der Personen fehlt überhaupt ganz und gar, weil
Sie keine genügende Anzahl von Kräften haben; was können Sie da vom
einzelnen verlangen! Intrigen gibt es bei mir nicht, sagten Sie damals
zu mir, als ich bei Ihnen eintrat; das verstehe ich jetzt vollkommen.
Das bißchen Personal hockt ja hier zusammen wie eine kleine Familie im
Regen, ohne Obdach! Jeder ist auf die Hilfe des Nachbars angewiesen, und
einen Intriganten im wirklichen Sinne des Wortes besitzen Sie überhaupt
nicht! Der Geßler wurde zum Beispiel vom Bonvivant gegeben! -- Das
verstehen Sie nicht! Das zeigt nur wieder, daß Sie sich in die
Verwandlungsmöglichkeiten der einzelnen Kräfte nicht hineinzuversetzen
vermögen, und das ist es ja, was ich Ihrem eigenen Talent vorwerfe!
Außerdem: Die Charakterrolle wurde nicht vom Bonvivant gegeben, sondern
eine Bonvivantrolle zufällig vom ersten Intriganten; das schadet nichts,
absolut nichts, ich liebe es, meine Leute untereinander zu vermischen,
auf die Weise erzielt man Allseitigkeit der Ausbildung! -- Gemischt sind
sie wahrhaftig genug! sagte Fox, und ärgerte sich, daß der Direktor dies
nicht mehr zu hören schien, denn er hatte sich abgewendet, war auf einen
Stuhl geklettert und hatte eigenhändig eine vergessene Gasflamme
ausgedreht, und jetzt schrie er den Diener an: Die Beleuchtung
verschlinge sowieso ein Heidengeld, und ob er meine, die Bühne solle
heut abend noch einmal als Tanzsaal benutzt werden. --
Überall herrschte ein ganz entsetzliches Sparsystem. Zum Schminken, An-
und Auskleiden gab es für Herren und Damen nur je einen einzigen kleinen
Raum, nur die Damen hatten einen Spiegel, den Frau Steinert jeden Abend
mit nach Hause nahm, da er ihr Privateigentum war, das sie morgens bei
der Toilette benötigte. -- Feste Kostüme, deren einzelne Bestandteile
man nicht trennen durfte, schien es nicht zu geben. Wie in einem
Trödelladen war alles durch- und übereinander gehäuft, jeder suchte sich
heraus, was ihm nötig oder erstrebenswert erschien, und namentlich gab
es da einen alten roten Samtmantel mit unechtem Goldbrokat, der unter
den Damen ein ernstliches Zankobjekt bildete, während die Herren schon
tagelang vor einer bestimmten Aufführung ein schwarzes Atlaswams zu
»belegen« pflegten, das einst bessere Zeiten gesehen zu haben schien.
Nur der Direktor besaß einige Kostüme, die niemand in Bruchstücken für
sich selbst verwenden durfte.
»Ich komme gleich, ich muß nur noch mal in den Saal«; dies Wort, das Fox
häufig nach den Vorstellungen um sich herum hörte, verstand er anfangs
nicht. Allmählich begriff er den Sinn: Gegen ein kleines Trinkgeld ließ
der Kellner die Tische unten nach der Vorstellung noch einige
Zeit unabgedeckt, und bei der spärlichen Beleuchtung der
Sicherheitsstearinlampe am Türeingang huschten die dunklen Gestalten der
Künstler und Künstlerinnen von Tisch zu Tisch, nach Bierresten und wohl
auch nach halb aufgegessenen Brötchen und Fleischteilen spähend, und
unter ihnen tat sich eine Dame ganz besonders hervor, welche »die
appetitliche Giftmischerin« genannt wurde, weil sie nicht, wie die
andern, jeden Rest für sich austrank, sondern alles in einen einzigen
Bierseidel zusammengoß, da sie dieses appetitlicher fand. Zuweilen kam
es mit dem Kellner zu Szenen, da man ihm vorwarf, die besten Reste
tränke er schon vorher selbst. Hier regelte sich auch die Nachfrage des
einzelnen nach Tabak; ein Nichtraucher konnte einen Schluck Bier
eintauschen gegen ein Zigarrenende, das er selbst verschmähte. Fox fand
dieses Unwesen empörend: Lieber hätte er gehungert und gedürstet, als
daß er da hinabgestiegen wäre!
Mit den Künstlern und Künstlerinnen war es ähnlich wie mit den Kostümen:
Manchmal schienen zwei ein Ganzes zu bilden, bis sich plötzlich beide
Teile mit einem dritten oder vierten vereinigt fanden. Es war unmöglich,
in dem Knäuel der Möglichkeiten etwas Bestimmtes, Bleibendes
festzustellen. -- Fox blieb auf die Dauer hiervon nicht unberührt; er
schenkte seine Zuneigung einer jungen Dame, die ihm noch ganz passabel
erschien, wie er sich ausdrückte, verbot ihr aber, jemals »verhindert«
zu sein. -- Alle Damen waren manchmal verhindert, das wußte jeder,
niemand fand etwas daran.
Nur der Direktor und seine Familie führten ein streng in sich
abgeschlossenes Leben. Was es mit ihm und seiner Frau auf sich hatte,
wußte Fox nun auch. Frau Steinert war ursprünglich die Witwe eines
Theaterdirektors, der ihren Jahren angemessen gewesen war. Schon zu
dessen Lebzeiten hatte Herr Steinert, der unter ihm ans Theater gekommen
war, sich erfolgreich um die Gunst des Kindes, ihrer Tochter, bemüht.
Der Direktor starb, und nun machte Herr Steinert der Witwe den
Vorschlag, er wolle die Tochter heiraten und gleichzeitig die
Direktionsstelle des Vaters übernehmen. Da aber deutete ihm die Mutter
an, der Weg zu jener Stelle ginge nur über sie selber. So entschloß er
sich dazu, sie zu ehelichen. Aber Frau Steinert konnte es nicht
verhindern, daß er auch ihrer Tochter weiter in Treue zugetan blieb.
Anfangs entrüstet, fand sie sich allmählich damit ab, da er sie selber
durchaus nicht vernachlässigte, die erste Zeit wenigstens, und sie in
ihrer Tochter das jugendliche Ebenbild ihrer selbst erblickte. Und mit
einem gewissen Rechte betonte sie allen Menschen gegenüber das innige
Zusammenleben der kleinen Familie. Erst in den letzten Jahren waren die
ehelichen Beziehungen erkaltet, und Frau Steinert rächte sich auf ihre
Weise: Sie war eine kluge Frau und hatte sich mit jener Ehe, wie sie es
nannte, nicht übers Ohr hauen lassen. In allen obersten Entscheidungen
blieb das Vorrecht ihr, und dieses Recht übte sie nun rücksichtslos aus;
ihr Mann war dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit war sie die erste.
--
Wie sie Fox damals erblickte, war es wie ein Sonnenstrahl in ihr
alterndes Herz gefallen, und Fox, der ihr zu Dank verpflichtet war, da
sie von Anfang an sein Talent durchschaute und auch sein Engagement
durchsetzte, begegnete ihr stets mit Ritterlichkeit. Wenn sie allein
waren, streichelte sie zuweilen seine Hand und nannte ihn »mein
Söhnchen«, was er sich, wenn auch widerwillig, gefallen ließ. -- Er war
stets der erste, der seine Gage ausbezahlt bekam, und wenn er die
letzten Tage fast gehungert hatte, so entschädigte er sich nun gleich
durch doppelte Ausgaben, so daß seine Kasse nach vierzehn Tagen schon
wieder auf dem Nullpunkt angekommen war. Dann gab es einen Vorschuß, den
die Frau Direktor, wie sie mit bedeutender Stimme sagte, nur ihm
bewilligte. -- Wirklich eine vornehme Frau! dachte er. Sie lud ihn auch
manchmal zu sich ein, wenn sie allein war, und setzte ihm sehr viel
Likör vor, den sie selber gerne trank. Sie klagte ihm auch nach und nach
ihr Leid, wie sie im Grunde eigentlich allein stehe. Er dachte: arme
Frau! und da er sich zu ihr auf das Sofa hatte setzen müssen, und sie
ihm wie schutzbedürftig die Hand entgegenhielt, nahm und drückte er sie,
konnte seine eigene dann aber nicht mehr zurückziehen, da sie sie
festhielt. -- Ich würde Ihnen ja gern Ihre Gage erhöhen, wenn Sie das
wünschen, für Sie tue ich alles was Sie wollen, wenn Sie nur ein wenig
Mitleid mit mir haben! Sie war ihm nahe gerückt und jetzt lehnte sie den
Kopf an seine Schulter. Fox befreite sich sanft, aber eindrucksvoll von
ihr, stand auf und sagte in vollkommenem Kavalierton: Gnädige Frau, Sie
sind schonungsbedürftig! Wollen Sie nicht ein wenig ruhen? Gestatten
Sie, daß ich Sie deshalb verlasse. -- Sie begriff die Lage sofort. --
Jawohl, ich bin schonungsbedürftig, sagte sie in ihrer langsamen
Sprechweise, nachdem sie ihn mit einem sinnenden Blick gemustert hatte,
Sie haben recht und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie gehen wollen, man
sagt das seinen Gästen nicht gern selbst. Leben Sie wohl -- nun, heute
abend sehen wir uns ja auf der Bühne. --
Fortan bekam er aber keinen Likör mehr zu trinken, und als er das
nächstemal um Vorschuß bat, wiegte sie gleichmütig den Kopf hin und her
und sagte: Es geht nicht, es geht beim besten Willen nicht, Sie haben
nun schon so oft Vorschuß bekommen, mein Mann macht mir Vorwürfe, ich
zöge Sie andern vor, und bei denen habe es schon böses Blut gemacht,
mein Mann ist Direktor, und da muß ich ihm folgen. -- O weh, dachte Fox,
jetzt weiß ich was die Glocke geschlagen hat! -- Wenn wir alle Ihre
Vorschüsse zusammenrechnen, fuhr sie fort, so bleibt Ihnen nicht einmal
mehr ein Pfennig Honorar für die ganze Saison. Ich fürchte sogar, Sie
müssen mir einiges zurückzahlen. Ich habe alles notiert und kann es
schwarz auf weiß beweisen mit den Quittungen! -- So redete sie jetzt;
und früher -- nicht nur jenes letztemal auf dem Sofa -- hatte sie ihm
angedeutet, daß sie sein Gehalt vergrößern wolle, ja es war ihm so, als
sei dieses -- wenn auch nur mündlich -- fest zwischen ihnen ausgemacht
gewesen. Was nun an seinen Geldern Zuschuß, was Gehaltsvergrößerung war,
das konnte er kaum mehr auseinanderscheiden. -- Er hielt ihr dies jetzt
vor. Sie sah ihn wie erstaunt an, dann lachte sie kurz und mütterlich
und sagte: Sind Sie aber naiv! Wenn ich heute eine Million gewönne,
würde ich sie sofort Ihnen und dem ganzen übrigen Personal abtreten,
denn ich habe keine Bedürfnisse und liebe meine Künstler wie eine Mutter
ihre Kinder. Aber Ihnen persönlich vor den übrigen einen Vorzug geben --
das ist mir niemals eingefallen. -- Aber Sie haben mir doch selbst
gesagt -- -- Kurzum, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme wurde plötzlich
fast männlich sonor und rauh, kurzum verbitte ich mir derartige
Unterstellungen! Ehe Sie Vorzüge vor den andern beanspruchen, zeigen Sie
mal Ihre persönlichen Vorzüge! Mein Mann hat ganz recht: Sie verderben
uns direkt den Besuch des Theaters! Überall wo man hinhört, heißt es:
der langweilige Siegmaringen! Und im Tageblatt steht's genau so! -- Das
ist doch nicht meine Schuld! -- Ja wessen denn? -- Die Schuld von dem
Kerl, der das geschrieben hat! Es liegt am Geschmack der Menschen, aber
nicht an mir! Kein Mensch kann aus seiner Haut! -- Das ist es ja eben!
rief sie erregt, Sie stecken immer in Ihrer Haut, und das aus der Haut
fahren überlassen Sie dem Publikum! -- Auf solchen Ton einzugehen, sagte
Fox, sehe ich mich nicht in der Lage. Mit einer eisigen Verbeugung
entfernte er sich, und Frau Ida rief hinter ihm drein: Ihnen fehlt eben
der Sinn für das Ideale! --