großes Geschenk damit. -- Aber Herr Könnecke schien nicht erfreut
darüber. -- Du darfst es uns doch nicht übelnehmen, sagte er, als sie
allein waren, daß ich endlich einmal auch ein Vergnügen mit Lotte allein
haben möchte. Überall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob
wir verheiratet wären! -- Ich springe aus dem Fenster! schrie Fräulein
Nippe plötzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen
das herzlose Schicksal überkochte -- und sie rannte durchs Zimmer und
schwang sich wirklich auf die Fensterbank. -- Komm da mal gleich wieder
runter! sagte Herr Könnecke erschrocken. -- Diesmal, rief sie, ist es
mißlungen, aber das nächstemal wirst du mich nicht hindern. Rühre mich
nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine körperliche
Gemeinschaft! -- Sie war wieder unten, und überhäufte ihn mit Vorwürfen.
Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien
ihm nun die Nägel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie
armes wehrloses Opfer. -- Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem
Ton, du bist absolut nicht objektiv! -- Schon wieder dieses herzloseste
aller Worte, das die Gefühle auf eine Wage legt und gegeneinander
abwägt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, daß Herz
und Lunge und Eingeweide klopfen! -- Also du kannst ja mitgehen, wenn du
durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! -- Nein, nun will ich
nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach
einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und
sagt: nun trink! -- ich danke bestens! -- Jetzt ging die Tür auf, die
alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem
Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttäuschter
feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als würde hier _gesungen_! Aber ich
muß mich wohl geirrt haben. Ich höre Lieder für mein Leben gern, aber
wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch's Klavier verkauft.
Gott, was waren das für schöne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen:
Lotte ist glücklich verheiratet mit'm Kind, ich bin bei ihr geblieben,
das Kind wächst und gedeiht zu seines Schöpfers Ehre, und ich zahl'r
meine Miete, wie sich's gebührt! Und ein Liedchen trällernd, wie es
schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren
Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.
Es geht nicht, es geht nicht für die Dauer! dachte Herr Könnecke, und
ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Fräulein Nippes Geschick war.
Fräulein Nippe verließ das Haus: Nun würde sie _sogleich_ zu Herrn
Feihse gehen! Herr Könnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den
Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.
Sie läutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hörte seinen rhythmischen,
erregten Gang, er öffnete, mit Tränen in den Augen stand sie vor ihm und
sah ihn an mit verheißungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer
zurück, sie folgte ihm. -- Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr
Glück erkämpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? --
Herr Feihse keuchte so, daß er sich setzen mußte; er ergriff ihre Hände,
auch ihm rollten die Tränen über das Gesicht; dann wollte sie einen Satz
vom Lebensglück sagen, in dem das Wort »basiert« vorkommen sollte. Aber
sie brachte ihn nicht heraus; und überhaupt: Welcher Mensch denkt denn
in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fühlt, an
Fremdwörter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rührung halb
erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der
Bitterkeit gesagt, wenn du stürbest, so würde kein Hahn danach krähen;
-- du sollst dich getäuscht haben! --
Herr Könnecke saß mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Fräulein
Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen
wollten. Herr Könnecke hielt es für angebracht, etwas darüber zu sagen,
daß sie zuviel die Hausordnung verletze; sie hätten sich alle um sie
geängstigt; sie möge doch ein wenig rücksichtsvoller sein!
Fräulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwürfe machen zu
lassen! -- Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wißt ihr denn
überhaupt von dem, was in der Seele eures Nächsten vorgeht! _Ahnst_ du
denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse
gehabt, darüber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von
Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte
sie ihr ganzes Triumphgefühl, die ganze Wucht ihres Schlages in die
Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da können die Spießbürger die Mäuler
aufsperren! Aber plötzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der
Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte
wieder.
Neuntes Kapitel.
Fox Sintrup saß in einem Coupé vierter Klasse und fuhr nach irgend einem
entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mußte es gemacht
werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das
unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das
Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, daß er noch
eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch
wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblättert, aber immerhin noch
rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm
gegenüber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen
Augen; neben ihm saß eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt,
obgleich sie nicht zu ihm gehörte. Ihre Augen waren starr und sie
bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox
würdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er
suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Töne einer
Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied,
während er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet
hielt. -- Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen
die Dichter immer ihre Stoffe in erträumten Fernen, und überblicken die
nächste Realität! Wie leicht könnte ich jetzt hieraus ein Gedicht
machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten äußern Zwangslage
geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, daß es
wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind
Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie über
Waldesduft und Blätterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefühl
der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie
die menschgewordene Frau Sorge, drängt sich nicht einem geradezu Zeile
um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: -- Tief
eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen!
Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; -- na
und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte
er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank
sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden
wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte
er jetzt nur eigentlich in diesem Städtchen, dem er zurollte, mit jeder
Sekunde sieben Meter? -- Peter der Große hatte auf Schiffswerften
gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. -- Er mußte irgendwie seine
Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles
sträubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige
Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! -- Sollte er
doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und
seinem Vater später auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein
Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, übers
Jahr würde er dann Referendar sein -- er war dann allerdings schon 28
Jahre -- aber dann ging es mit Riesenschritten in die große Karriere
hinein.
Am nächsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein
Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hühner
wandelten, ernsthaft nach Würmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick
der Hühner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Fräulein ein. Er hatte
vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehörte einer
vergangenen Lebensepoche an. -- Die wenigen Aussteigenden hatten sich
verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. -- Was soll ich denn
hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein!
-- Er überlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nächsten Großstadt
-- aber das Geld! -- Er überzählte seine Barschaft. -- Das genügt doch
nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren für nichts und wieder
nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich
gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem
er nun die Torheit, den Blödsinn dieses Schrittes vorhielt. -- Er suchte
sich das beste Hotel, in der Überlegung, es werde guten Eindruck machen
bei den Rechtsanwälten, die er aufsuchen wollte. -- Vier Vertreter
dieses Standes fand er in dem dünnen, magern Adreßbuch, alle vier
besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. -- Aber so
schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe
akademische Bildung! Ich bin kein gewöhnlicher Schreiber! Ich bin was
Besseres! Einer gab ihm ein Geldstück. Fox nahm es, ohne zunächst den
Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und führte
darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen
Augenbrauen auf den Geber, daß der in ein lautes Gelächter ausbrach und
es gutmütig zurücknahm. -- Wieder ein anderer -- es war der letzte der
vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er möge sich ans Amtsgericht
wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es,
als wenn Fox in die Länge und die Breite wüchse: Wüßten Sie, sagte er
mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so hätten Sie
das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann
ebenfalls. Dann war er wieder auf der Straße, auf dieser abscheulichen
kleinstädtischen Straße, und dachte: Und was wird nun?! -- Vor einem
Hause war ein Auflauf, viele Kinder drängten sich am Tor, zuweilen wich
alles zurück, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und
auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem
gegenüberliegenden Fußsteig, auch sie sahen voll Interesse herüber, und
aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen
mit den Untenstehenden. -- Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an
der Tür, auf einem Schild. -- Schmiere! dachte er verächtlich; so tief
bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und ärgerte
sich, daß er überall an allen Ecken dieselben Menschen traf.
Als Klavierlehrer könnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er
plötzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Töne durch
irgendein Fenster hinaus die ganze Straße zu füllen schienen; -- dazu
braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das
Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich
schon einführen! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an
den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine
Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lächerlich.
Aber wenn ihn unter den Stammgästen die vier Rechtsanwälte erkannten?
Dann war sein Renommee dahin! Er ließ sich Backen- und Schnurrbart
abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete,
beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern
Beruf zerstört habe, für den der Bart vielleicht unumgänglich nötig sei.
Als er gegen Abend ins Hotel zurückkehrte, blieb das Zimmermädchen auf
der Schwelle stehen. -- Wann fängt denn der Theater an? fragte sie
endlich langsam und neugierig. -- Der Theater? Fox zog die Augenbrauen
hoch und ließ den Blick groß zu ihr hingehen. -- Sie stieß einen
unterdrückten Lachton durch die Nase. -- Sind Sie der Komeker? fragte
sie, und ihre Augen glänzten schon vor Freude. -- Komeker?! Machen Sie,
daß Sie rauskommen! sagte Fox. -- Er kleidete sich nun auf das
peinlichste um, nichts sollte an seinen früheren Zustand erinnern. -- --
Wann fängt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim
Servieren. -- Heute! sagte Fox geärgert. Der Kellner nahm das als einen
Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach
dem Stammlokal der ersten Bürger. Der Portier sah ihn etwas verwundert
an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glück gehabt!
Fast hätte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten müssen!
Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er käme nicht, und heute hat Herr
Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen!
Wirklich ein rühriger Geschäftsmann! -- Und woher wissen Sie, daß ich
der Komiker bin? -- Sie haben es doch selbst dem Zimmermädchen gesagt!
-- Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mühe wert diese Leute
aufzuklären, daß er Regierungsbeamter -- nee, was war er denn? Schreiber
-- Kammervirtuose -- Fox wußte im Augenblick selbst nicht was er war. Er
trat auf die Straße. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles
durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese
elende Straßenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, daß fast alle Häuser dunkel
waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er,
unwillkürlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter
der Gardine! Ich höre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da
schnarcht was!! -- Plötzlich befand er sich vor dem bezeichneten
Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es
Gott weiß wie weit bis dorthin wäre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! --
Drinnen saßen lauter Männer mit Bärten, die meisten auch noch mit
Brillen. Es war ein geräumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter
Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle
sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt
es!: Mit rascher, großer Gebärde legte er seinen Mantel ab, setzte sich
an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den
Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht für ihn hinterlassen
habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und
interessiert. _Nein!?_ rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er
sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorläufig
sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den
Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte
inzwischen schon öfter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er
gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. -- Er erreichte was
er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im
Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach
dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund
von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, »eine leidige
Angelegenheit«, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister
habe übrigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel
unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox
schüttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur über
größere Städte. -- Ach das ist aber schade, äußerst schade! Nebenan im
Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen,
wenn es nicht unbescheiden ist? -- Fox machte ein bedauerndes Gesicht;
seit Monaten habe er keine Taste angerührt, jetzt gehe es seinen Nerven
allerdings etwas besser. -- Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht
-- -- Fox ließ sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit
resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten
die Eingangsklänge der Holländerballade, die Fox konnte. --
Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, unterstützt durch übrige
Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er
dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen müsse, und ward
mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheußliche Klavier. Einige
nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im
eigenen Hause. -- Wenn Sie hier am Orte bleiben, müssen Sie uns
unbedingt einmal die Ehre geben! -- Meine Frau sucht schon lange einen
Partner im Vierhändigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben
künstlerische Ansprüche! -- Mein Sohn klagt immer, zu was er denn
Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen müsse, viel kann er
ja noch nicht, aber Talent hat er. -- Ich spiele selber Cello! und
ärgere mich, daß meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich möchte ja
immer gern mit der Frau Sekretär zusammen spielen, aber da sollten Sie
mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.
Fox erklärte sich zu allem bereit, falls er sich länger hier am Orte
aufhalte, was noch fraglich sei. Es käme auf die Luft an, die hier
herrsche. -- Übrigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige
Stunden erteilen, -- auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein
Bedürfnis, junge Menschen, die Talent hätten, zur Musik auszubilden. --
Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen
den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist
wahrhaftig philantropisch! Schade, daß ich keine Kinder habe, ich würde
sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das
versteht sich von selbst. -- Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau!
Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden.
Natürlich auch nicht gratis -- wenn Sie nicht übermäßige Forderungen
stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, über das Honorar könnten sie
sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt
...! --
Er wartete noch auf andre Anträge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich
niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln!
Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens
Worte von der Honorarfreiheit zurück. --
Fox runzelte die Stirn und hielt es für besser, das ganze Thema
vorläufig fallen zu lassen. Hätte er nur wenigstens soviel Geld gehabt,
ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu können, dann würde er sich
schon langsam eingeführt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick;
selbst wenn es sich herausstellte, daß er in Wirklichkeit nur sieben
Stücke konnte. Auf eigene Virtuosität kam es beim Stundengeben gar nicht
an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und
umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich
um Vorschuß bitten! -- Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar
sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann
spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzählte von den
Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstücke
beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele?
Immer! lautete die Antwort, und ein älterer Bureaubeamter warf ihm einen
ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der
Geist des Leichtsinns werde seinem Städtchen ewig fern bleiben. Mit
dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser,
niedrige, schmierige Gesellschaft! -- Und wie früh ging dies Volk zu
Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst
noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf
der Bahn, zu seinem Vater reisen. -- Während er so seinen Gedanken
nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier
Rechtsanwälten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der
eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinüber, schüttelte ihn dann
aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. -- Fox wurde es
unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder
auf der Straße.
Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gäste des Abendzuges erwartete,
denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem
der vier Rechtsanwälte. Fox grüßte schweigend und ging schnell hinauf,
bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. -- Sein
Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles
totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Straße viele Meter weit
hören. Fox ließ das Zimmer dunkel und öffnete vorsichtig das Fenster ein
wenig. Was? hörte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? --
Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute früh
ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen
lassen, und dem Zimmermädchen hat er es ja selbst erzählt! -- Also doch!
Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker,
Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem
Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Straße daher. Pst!
sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein
Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber
was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den
Rechtsanwälten durchgesprochen war; ist der Mensch verrückt?! -- Was
dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen
plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich
sofort am ersten Tage in unserm Städtchen populär machen, und ich muß
sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgeführt! Ein Komiker darf
sich manches erlauben, was andere nicht dürfen, ich sage Ihnen: wie er
heute morgen mein Geldstück ansah, das ich ihm gab: Gebrüllt hab ich vor
Lachen! Und heute abend als nervenkranker Künstler -- ein bißchen zu
dick ist er ja, aber dafür kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos
gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten
Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das
ist ein Original! --
So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurückkam und die
Untenstehenden veranlaßte, zurückzutreten, was dann wieder den Anstoß zu
Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelächter.
Schweigend entzündete Fox sein Licht, schweigend, unbeweglich blickte er
in den Spiegel, und schweigend erwiderte das Spiegelbild den Blick.
Schweigend entkleidete er sich und stieg ins Bett, zog die Decke hoch
und starrte auf den weißen Horizont des Leinens vor seiner Nase.
Was ist nun zu tun? dachte er, und suchte an dem Bart zu drehen, der
nicht mehr da war. Sein ganzes Wesen drängte nach etwas hin, sich vor
sich selbst in Respekt zu setzen. Er spuckte kräftig über das ganze Bett
hinweg bis an die gegenüberliegende Wand. Damit war die erste Frage aber
nicht erledigt. Abfahren! dachte er endlich; abfahren mit dem frühesten
Zuge. Aber wohin?