wollte sich erheben. -- Nein, bleiben Sie! ich muß mir die Sache doch
erst überlegen! -- Er sank wieder zurück, und Fräulein Nippe fing nun
an. Sie sagte, auch ihr habe das Leben schlimm mitgespielt, auch sie
sehne sich nach einem stillen Hafen, auf dessen glatten Spiegel die
Sonne scheine. Jeder Mensch trage sein Ideal von Glück in sich: Dem
einen sei es Reichtum, Perlen und Brillanten, des andern Brust schwelle
der Ehrgeiz und öffne ihm uferlose Bahnen, wieder ein anderer jage
schillernden Hirngespinsten nach und gerate darüber nur allzuleicht in
den Sumpf, während das Flämmchen kaltherzig, ohne lebendiges Feuer
weiterhüpfe; noch ein anderer -- aber da unterbrach sie der Herr und
sagte: Das geht uns hier nichts an. Bitte, reden Sie von sich! Antworten
Sie auf die Frage: Weisen Sie den Gedanken an eine Ehe mit mir ohne
weiteres zurück? -- O nein, sagte sie unschlüssig, durchaus nicht, --
das heißt -- -- -- -- _Was_ heißt?? fragte er gewichtig. Sie wußte
selbst nicht, was sie eigentlich weiter sagen solle, aber nun vollendete
sie: das heißt, ich kann mich doch nicht eins, zwei, drei entscheiden!
-- Aber habe ich denn das gesagt? Habe ich denn das verlangt?? Sind Sie
auch eine von den Menschen, die immer etwas anders hören als man sagt???
Lassen Sie uns jetzt nüchtern, ich möchte sagen: geschäftlich reden. Das
übrige kommt später. Also: Sie weisen den Gedanken nicht von vornherein
zurück. Gut. Von mir wissen Sie so ungefähr, was für den Anfang nötig
ist. Ich muß aber auch eine Art von Grundlage haben was Sie selbst
betrifft. Ich muß Klarheit haben über Ihre Persönlichkeit. Womit haben
Sie sich bis jetzt beschäftigt? -- Fräulein Nippe erzählte dieses, er
nickte mehrere Male aufmerksam vor sich hin; er schien sich alles im
Geiste zu notieren und mit eigenen Dingen in Zusammenhang zu bringen. --
Dann sah er sie wieder an, sein Blick bekam etwas Unsicheres,
Verlegenes, er wollte gern eine neue Frage anbringen, und suchte nach
der Form. -- Sie bemerkte das und errötete, indem sie dachte, er wolle
fragen, ob sie noch rein sei. -- Jetzt seien Sie nicht böse! sagte er
mit einem Anlauf: wie steht es denn -- nun also -- _hier_ mit? Er schlug
sich auf seine Brust. -- Dort saß das Herz. -- Ich habe noch nie
wahrhaft geliebt! antwortete Fräulein Nippe. Es fiel ihr Herr Könnecke
ein, aber sie dachte: dem geschieht's ganz recht! -- Er schien den
Zusammenhang mit seiner Frage nicht gleich zu begreifen, dann sagte er:
Ach so, ich verstehe jetzt; nein, sehen Sie, _das_ meinte ich! und er
ließ sein Portemonnaie ein wenig sehen. -- Aber ich denke, rief Fräulein
Nippe lebhaft, das Geld haben _Sie_? und sie wollte sogleich wieder
ihren Zettelausschnitt aus der Tasche holen. Er verhinderte sie aber und
versicherte, er wisse ganz genau, was er annonciert habe; er habe da
seinen Vermögensstand genannt, aber hinzugesetzt, daß Vermögen auf der
andern Seite zwar nicht unbedingt erforderlich, aber doch erwünscht sei.
Und über diesen Punkt habe sie in ihrer Antwort Stillschweigen bewahrt.
-- Er redete in ruhigem, sachlichem Ton, und -- als befinde er sich
einem Geschäftsmann gegenüber, gegen den er die Interessen seiner Firma
zu vertreten hätte, fragte er halb zutraulich überredend, halb so als
wisse er schon alles: Viel scheint da bei Ihnen wohl nicht los zu sein?
-- Fräulein Nippe schwieg. -- Nur Mut! Wenn gar nichts da ist, haben wir
beide schlimmsten Falls einen unnötigen Spaziergang gemacht, denn _ganz_
allein kann ich es nicht bestreiten, beim besten Willen nicht, auch für
Sie nicht, so gern ich's möchte. Also, wieviel sind's denn? -- Fräulein
Nippe schwieg noch immer. Diese Art des Kennenlernens war so nüchtern,
so poesielos! Und überhaupt: Was saß sie eigentlich hier?! Sie dachte ja
gar nicht daran, diesen Mann zu heiraten, der nichts von alledem besaß,
was ihr an Idealen vorschwebte. -- Da trommelte er wieder mit seinen
Fingern. -- Das kann Ihnen doch ganz egal sein! sagte sie halb gereizt.
-- Wie? fragte er, hörte mit Trommeln auf und sah sie von der Seite mit
halb offenem Munde an. Schwerhörig schien er auch noch zu sein. -- Sie
wollte ihre Worte wiederholen, aber da kam abermals jenes sonderbare,
halb klare Gefühl wie in dem Moment, wo sie ihn kennen lernte, und sie
sagte, halb ärgerlich: Ach Gott, das genügt Ihnen ja doch nicht, wenn
Sie so fürchterliche hohe Ansprüche machen. -- Bewegt sich die Summe in
den Hunderten? -- O nein, das nun doch nicht, antwortete sie rasch, und
nannte eine Zahl, die nach all dem Vorausgeschickten in ganz
ansehnlicher Bescheidenheit dastand. -- Sichere Papiere? --
Bombensicher! Erste Hypotheken und Staatspapiere! -- Er schien zu
rechnen, seine Lippen bewegten sich halblaut. -- Immerhin, es geht, es
wird gehen, murmelte er schließlich; ich bin kein Mann, der große
Ansprüche macht. -- Ich auch nicht, sagte Fräulein Nippe. -- Nun also,
-- ich möchte Sie noch allerlei fragen, zum Beispiel nach Ihrem
Seelenleben -- aber das geht nicht alles auf einmal. Wir können uns die
Sache ja erst einmal beiderseitig überlegen. Wenn es nichts ist -- ist
es nichts. Sind wir bis jetzt ohne einander ausgekommen, werden wir auch
in Zukunft ohne einander auskommen können, -- das heißt, wenn das
Geschick es will! Denn ich glaube an ein Geschick! Ich glaube an das
Wort: Ohne des Herrn Wille fällt kein Sperling vom Dach; und wie wir uns
auch entschließen werden: das Geschick erfüllt sich auf jeden Fall! Er
sah sie voll und überzeugt an, und fragte: Habe ich nicht recht? Was?
Ist das nicht die wahre Philosophie? -- Jawohl! antwortete sie,
innerlich gereizt, aber mit großem, bedeutungsvollem Blick, als folge
sie ihm verstehend in schwindelnde Geistestiefen. -- Wenn Sie Lust
haben, so besuchen Sie mich in diesen Tagen einmal zum Kaffee, dann
sehen Sie mein Heim, -- ich werde Ihnen später diesen Besuch erwidern,
und wenn wir uns erst einmal näher -- ich meine: seelisch -- kennen
gelernt haben, dann wollen wir wieder über die Sache reden! Denn so
jugendlich feurig eine Ehe schließen, ohne Prüfung, ohne Überlegung, das
tue ich nicht! Das sind Geckenstreiche! Und vor solchen Geckenstreichen
bewahren mich meine grauen Haare! Dazu bin ich zu alt! -- Allerdings!!
rief da Fräulein Nippe, bei der plötzlich aller Groll gegen das
Schicksal durchbrach, Sie haben recht, -- da haben Sie -- weiß Gott! --
recht! Und aus ihrer Kehle flog ein so bitterer Lachton, daß er sie
erstaunt ansah. Sein Gesicht rötete sich, empfindlich verletzt suchte er
nach Worten: Wenigstens, so sagte er endlich, mache ich mich nicht
jünger als ich bin! -- Habe _ich_ das getan? fragte sie scharf. -- Statt
einer Antwort deutete er erregt mit seinem Stock auf ihre Haare. Sie
griff nach ihrer Frisur: Glauben Sie etwa, daß das nicht echt ist?!
Bitte ziehen Sie, bitte zerren Sie so fest Sie wollen! Sie neigte die
Stirn zu ihm. -- Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie! stotterte er,
aber ich konnte unmöglich denken -- -- Also da sind Sie geschlagen! Nun
bitte, was wissen Sie noch? Fragen Sie, fragen Sie, ich stehe für alles
meinen Mann! -- Fräulein Nippe blickte ihn mit geschlossenem Munde an,
denn sie hatte teils falsche Zähne. -- Er aber war ganz eingeschüchtert
durch ihre Heftigkeit. War nun alles aus zwischen ihnen? Immer und immer
wieder ließ er sich hinreißen zu einer zu großen Offenherzigkeit, zu
rücksichtslosem Bekennen des von ihm als wahr Erkannten. Das hatte ihm
schon vielen Kummer, viele Enttäuschungen im Leben bereitet, und nun
hatte er sich gar noch geirrt! -- Er wollte ablenken, beschwichtigen,
aber Fräulein Nippe lachte höhnisch und sagte: Alles echt, Sie finden an
mir nichts auszusetzen! Aber Sie? Sehen Sie sich doch mal in den
Spiegel! Sie schreiben da in Ihrer Annonce: Herr von mittleren Jahren!
Ich dachte mir: Ein bißchen graumeliert, -- Gott, schadet nichts, um so
vertrauenswürdiger! Aber als Sie vorhin den Hut abnahmen, bemerkte ich,
daß da von Farbe überhaupt wenig die Rede sein kann! -- Sie war selbst
ganz erstaunt über diese geistreiche Wendung, die sie auch ganz gewiß
nirgendwo einmal gelesen hatte. -- Er wiederholte ihre letzten Worte
langsam und fragend, da er den Sinn nicht gleich begriff. Dann sagte er:
Ich sehe, wir passen nicht zueinander. Eines muß ich Ihnen nun aber doch
schlank heraussagen: Überaus jugendlich sehen Sie auch nicht gerade aus!
-- Ich habe mich aber doch nicht jünger gemacht als ich bin! rief sie
gereizt. -- Bitte! Bitte! Bitte! Sein Stock deutete wieder auf ihr
Haupt. -- Aber ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt -- fuhr sie auf
-- Ta ta ta ta ta ta! rief er dazwischen, ich rede ja gar nicht von
Ihrem Haar, ich rede ja von Ihrem _Hut_! So 'nen Hut setzt eine
Prinzessin auf, aber keine Dame in Ihrem Alter! Und wenn Sie meine Frau
würden: Das Dings da käme herunter, und 'ne Kapotte drauf, wie sich's
gehört! -- Fräulein Nippe wollte emporschnellen, blieb aber sitzen.
Beide redeten nichts, jeder starrte erregt ins Leere. -- Es verfloß eine
lange Pause. Dann regte sich in beiden der Wunsch, wieder einzulenken,
einen neuen geistigen Gedankenaustausch einzuleiten. Jeder suchte nach
Worten, aber was um Gottes willen sollten sie nur reden! -- Ja, sagte er
endlich, sich erhebend, ich möchte nicht, daß unser Zusammensein mit
einem Mißklang abschließt! -- Aber wir sehen uns doch wieder?! fragte
sie schnell und unwillkürlich. -- Das hängt nur von Ihnen ab! Meinen
Namen und meine Adresse wissen Sie; falls Sie -- ich sage das für alle
Fälle -- über meine Verhältnisse, meine Lebensführung etc. etc. noch
eine besondere Garantie zu haben wünschen, verweise ich Sie direkt an
meinen Chef -- er nannte eine Firma, die Fräulein Nippe schon einmal
gehört hatte -- da werden Sie jederzeit prompteste Auskunft erhalten. --
Sie machte eine diskrete Bewegung mit dem Kopfe. Dann entgegnete sie:
Wie ich mich auch entschließen werde: Ich schreibe Ihnen auf alle Fälle
eine Postkarte! Es fiel ihr noch ein, daß es wohl schicklich und
angemessen sei, wenn _sie_ dieser Unterredung ein Ende mache, sie
streckte ihm deshalb die Hand entgegen und sagte: Also -- vielleicht --
auf baldiges Wiedersehen! Oder wie sagt Gretchen? -- Hä?! fragte er.
Dann antwortete er: Jawohl, vielleicht auf Wiedersehen, Fräulein Nippe.
-- Adieu, Herr Feihse! -- Wieder lüftete er seinen Hut, und es wollte
sie bedünken, als ob sie diesmal doch etwas mehr Haare sähe als das
erstemal. Und wieder dachte sie, indem sie ihm nachsah: Es ist ja nur
ein Stock, aber es sieht trotzdem aus wie ein Krückstock! Dann seufzte
sie tief und hing ihren Gedanken nach. -- Sie hatte auf jemand gewartet,
dem ihr Herz entgegen fliegen sollte, und was war gekommen? Ein alter
Kerl! -- Sie lachte laut und höhnisch, sah sich aber im selben
Augenblick erschrocken um, ob sie jemand gehört haben könne, dann lachte
sie noch einmal, wieder höhnisch, aber etwas leiser. Dieser Schafskopf!
Ob der sich wirklich einbildete, sie wolle ihn heiraten? Hatte er nicht
bemerkt, daß sie nur zum Spaß auf alles einging? -- Das habe ich doch
alles nur aus Spaß gesagt! so redete sie laut zu sich selbst, und
lauschte respektvoll und unsicher ihren eigenen Worten. Ob der wohl
jetzt jeden Morgen zum Briefkasten ging, mit Herzklopfen und zitternden
Händen? -- Ich werde ihm schon schreiben! Ich werde ihn schon bestrafen,
wegen der Haare und wegen meiner Zähne, -- -- oder vielmehr Hut. Ich
werde ihn erst noch sicherer machen, und dann die Maske lüften! Jawohl:
die Maske lüften! Erkundigen will ich mich auch nach ihm, und wenn er
mich angeschwindelt hat -- -- -- Fräulein Nippe baute in Gedanken einen
Satz zusammen: Der Unwahrheit Ihrer Aussagen auf den Grund gekommen,
werden Sie es begreiflich finden ...
Als sie sich auf den Rückweg machte, begegnete ihr wieder jener junge
Mann, den sie zuerst gesehen, diesmal mit einem Mädchen am Arm. --
Unsauberes Pack! dachte sie; die Unsittlichkeit macht sich am hellen
Tage breit! In diesem Satze entdeckte sie einen Reim, und nun reimte sie
bewußt weiter, und dachte: So entstehen Gelegenheitsgedichte! --
Sie erkundigte sich in den nächsten Tagen wirklich bei jenem Chef, der
Bescheid lautete günstig, so günstig, daß sie sich beinah ärgerte. Hatte
sie doch gehofft, ihn zu entlarven! Aber nein: Sie sah doch nun, es war
ein guter Mann, und wenn sie ihn auch nicht heiraten wollte -- zu
kränken brauchte sie ihn auch nicht. Er hatte ihr Vertrauen gezeigt, er
war vor ihr auf die Knie gesunken -- oder war er _nicht_ vor ihr auf die
Knie gesunken? nun, jedenfalls hätte er es tun können -- und wenn er sie
später auch beleidigt hatte -- umso größer würde sie dastehen, wenn sie
sich einfach, vornehm benahm. Sie wollte hingehen zu ihm, sie wollte ihm
sagen, daß sie nur Freundschaft für ihn empfände, sie würde ihm beide
Hände reichen, er würde beide Hände küssen, und dann -- dann ging sie
wieder. -- Sie schrieb ihre Postkarte und war am nächsten Tage in Herrn
Feihses Wohnung, die mit allem »Kongfohr« ausgestattet war, wie sie,
sich umblickend, bemerkte. -- Er rückte ihr sogleich den besten Sessel
hin, mit zitternden Händen, ach Gott, wie war der Mann erregt! auch
damals zitterten seine Hände! -- und dann wollte er sich sogleich daran
machen, Kaffee zu kochen. Sie nahm ihm aber das Geschäft ab. So blieb er
in seinem Lehnstuhl sitzen und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Wie
weltdamenmäßig sie den kleinen Finger hob, als sie jetzt die Tasse zum
Munde führte! Kaffee, sagte sie, sei die einzige Freude, die ihr das
Leben biete. Sie könne Kaffee trinken bis sie umfalle. Seine Augen
ruhten stets mit einem stillen, fragenden Blick auf ihr. Sie sah ein
wenig verlegen auf dies Gesicht, das da so unverwandt und gerade auf sie
blickte, mit einem so sprechenden, stummen Ausdruck! Heute war er ganz
anders als damals, wo er immer so geschäftsmäßig redete. Und nun
erzählte er, wie er schon als Kind die Kümmernis des Lebens kennen
lernte; aus ganz kleinen Verhältnissen stamme er, als Knabe habe er
Streichhölzer verkauft an Straßenecken; er selber habe früh die Pflicht
gehabt, für die jüngeren Geschwister zu sorgen, aus denen dann aber auch
später lauter tüchtige Leute geworden wären. Sein höchster Wunsch, wie
er klein war, sei gewesen, sich einmal photographieren zu lassen: Er
habe sich das Essen am Munde abgespart, bis er den halben Silbergroschen
zusammen hatte; das kleine Jahrmarktsbildchen besitze er heute noch. --
Zeigen Sie es mir, sagte Fräulein Nippe weich, es interessiert einen
doch, die Wurzeln von dem zu kennen, was wir jetzt als Baumkrone vor uns
sehen! --
Halb in Dankbarkeit, halb noch in Nachsinnen verloren, begab er sich zu
einem kleinen Eckschrank im äußersten Winkel des Zimmers, und zwar --
hinkte Herr Feihse, so wie es ihm das Angemessene und Natürliche war.
Fräulein Nippe sah erst voll Verwunderung seine Hüfte jenseits des
großen Tisches, den er halb umkreiste, abwechselnd auftauchen und wieder
verschwinden, dann machte sie ihrem Erstaunen in klaren Worten Luft. --
Herr Feihse blieb im selben Augenblick stehen, errötete bis an die
Haarwurzeln und sah aus wie ein ertappter ehrlicher Mensch, den der
Hunger zwang, Brot zu stehlen. --
Denken Sie nicht schlecht von mir! sagte er endlich, indem er zurückkam,
denken Sie nicht, ich hätte es _immer_ vor Ihnen verheimlichen wollen!
Es war nur für den Anfang! Ich weiß ja nicht, ob ich sonst irgendwelche
_guten_ Eigenschaften habe, aber ich dachte mir: wenn sie gleich zu
Anfang _diese_ hier bemerkt, so ist es wahrscheinlich von vornherein
verfehlt! Besser, sie lernt erst andere kennen. Wenn Sie aber daraufhin
_gehen_ wollen und _nicht wiederkommen_ -- -- dann gehen Sie! Es ist mir
zwar schmerzlich, aber ich habe im Leben genug Püffe bekommen; einer
mehr oder weniger schadet nichts! Fräulein Nippe hielt es für angemessen
zu betonen, daß sie auf Nichthinken keinen Wert lege: der Körper mag im
Staube kriechen, wenn nur die Seele Flügel hat! --
Sie konnte sich diese Worte leicht gestatten, denn ihr Vorsatz, Herrn
Feihse nicht zu heiraten, verdichtete sich noch. Er aber faßte ihre
Worte ganz anders auf, und nun trat das ein, was Fräulein Nippe visionär
voraus gesehen: Er küßte ihr zwar nicht beide Hände, aber wenigstens
doch eine. -- Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sie finden für alles
einen so schönen und dichterischen Ausdruck! Dann setzte er hinzu, sein
Schaden habe schon öfter bei einer Ehe, die er zu schließen gedachte, zu
seinen Ungunsten den Ausschlag gegeben. Noch nie habe er eine Dame
kennen gelernt, die so vorurteilslos sei wie Fräulein Nippe. -- Sie
wollte entgegnen, aufklären, aber sie schwelgte so sehr in der
Vorstellung, die er von ihr hatte, daß sie es nicht vermochte. --
Sehen Sie, erzählte er, Sie würden nicht das geringste bemerken, wenn
ich damals gut geheilt worden wäre! Aber lieber Gott, woher sollten
meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen,
damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhölzer
verkaufte, zitternd vor Kälte, daß ich sowieso nicht fest auf meinen
Beinen stand. Wenn da außerdem noch ein Betrunkener kommt und einen
anrennt -- -- -- ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! --
Fräulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und
dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank!
Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein
eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Fälle! -- Und er
erzählte weiter, wie er sich später vom Lehrling an in einem kleinen
Seifengeschäfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber
Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe
ich die Menschen viel vor den Kopf gestoßen, dadurch habe ich meine
besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das
haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel bärbeißiger
als ich bin. Es ist mir das ein Prüfstein für die Menschen! Aber die
Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hören. So bin ich
allmählich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen
Mußestunden beschäftige! -- Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf
das Eckschränkchen zu und brachte ein Schächtelchen zurück, das lauter
kleine geschnitzte Knochengegenstände enthielt. -- Das ist ein
Geduldspiel! erläuterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott
werden läßt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich möchte ja so gern
manchmal was anderes tun -- Sie lächeln über meine Einfachheit! -- zum
Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer _nennt_ mir denn ein
gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: _wenn_ ich
ein Buch lese, so möchte ich mich auch gern darüber aussprechen, andere
Meinungen hören und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! -- O,
Bücher lese ich genug! sagte Fräulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum
Beispiel -- nun, sagen wir mal: -- Ach bitte! unterbrach sie Herr
Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich müßte mich wahrscheinlich vor Ihnen
schämen! -- -- Zum Beispiel -- nun, sagen wir mal -- -- der Kampf um
Rom! Den kennen Sie doch! -- Er schüttelte den Kopf. -- Nicht?! Aber
Faust, das kennen Sie doch natürlich! -- Wo der Teufel drin vorkommt?
Ja, ich habe wenigstens davon gehört! -- Oder -- Hasemanns Töchter! Herr
Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. -- Aber jetzt passen Sie mal
auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie _das_ nicht kennen ...
Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht
verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich?
Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?!
-- Unter andern Umständen wäre Fräulein Nippe einfach aufgefahren. Aber
sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse
das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges
Gesicht, wurde so einsilbig, daß Herr Feihse traurig, aber mit fester
Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! -- Und, wie das
erstemal, lenkte Fräulein Nippe auch jetzt wieder ein. -- Falls Sie noch
einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still
ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar,
wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, daß es wohl besser
wäre, sie sähen sich nicht wieder. Aber schließlich: wenn sie wiederkam,
so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie hätte so gern gehört,
was er über Hasemanns Töchter dachte. --
Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Töchter mit geteilten Rollen,
sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr überlegenes Wissen anzubringen,
hinzudeuten auf Größeres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes;
dies hier sei so wie die kleinen Hügel am Gebirge, ehe die eigentlichen,
die Riesen kämen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines
niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getümmels. Und sie begann
herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wußte. Herr Feihse war
entzückt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit
sie sich bewahrt habe, eine wie große Frische und Lebendigkeit des
Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, daß das Leben
nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen
Kern keusch und rein bewahrt!
Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung
und chevaleresker Höflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das
mit besonderer Prägnanz in seiner Anrede zutage trat: Fräulein
Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis
sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk
zusammen, und nun wollte er, daß sie ihn auch Othello nennen solle; aber
sie erklärte, dies sei zu plump, und außerdem: Es wäre eine schlechte
Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit
hatte sie derartige Andeutungen öfter gemacht. Dann wieder, wenn _er_
sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als
verstände sie sie nicht, darüber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er
eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse
wußte schließlich nicht was er denken sollte. -- Will sie mich nun oder
will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen
hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich genügend; und wenn sie
ihn fragte: Er würde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! -- Oft
nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich
sie aus. Schließlich ertrug er dies nicht länger: Fräulein Desdemona --
er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede -- Fräulein Desdemona! Wir
kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander
gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal
-- damals auf der Bank im Parke -- an Sie richtete: Wollen Sie die Meine
werden? Ich werde Sie auf Händen tragen! -- In diesem Augenblick zog
Fräulein Nippe ein Tüchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen
Kugel zusammenpreßte und zum Munde führte, indem sie mit dem Ausdruck
eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, während ihr linker Arm
anzudeuten schien, daß hier ihres Bleibens nicht sei. -- Bleiben Sie,
Fräulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun genügend Zeit gehabt zur
Überlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschluß muß gefaßt sein!
Bitte, jetzt ist es an Ihnen! -- Fräulein Nippe streckte zagend ihr
Tüchlein vor: Was soll ich tun -- man drängt mich -- man bestürmt mich
-- Ich bestürme Sie nicht und ich bedränge Sie nicht! sagte er in einem
so ruhigen, sachlichen Tone, daß ihre poetische Stimmung wieder zu
verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit
halblauter Stimme, überlassen Sie mich ganz der Wonne dieses
Augenblickes! -- Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwärts.
Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie
zog sich schnell in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. -- Lassen
Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmöglich antworten! --
Aber _wann_ werden Sie mir denn endlich antworten? -- In -- in drei
Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine
Antwort! Dann zog sie sich zurück, mit einem stumm-beredten,
rätselhaften Blick verschwand sie. --
Herr Feihse blieb in der größten Erregung zurück. Er wußte nicht, wie er
sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch äußerst interessant! --
Fräulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte:
Wenn ihr wüßtet, welches Schicksal in mir kreißt!
Schon früher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt.
Herr Könnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige
Ausbrüche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte
steht mir nun doch mal näher als du, daran ist nichts zu ändern -- Herr
Könnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fühlt sich
nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrängen, sie zieht sich ganz
bewußt von uns zurück. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene
Heim ihrer Enkelin und ihres »Herrn Schwiegersohnes« teilte, meinte
bedächtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht
wundern, wenn die auf Freiersfüßen ginge!
Schon früher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in
den Blättern durchzusehen, solche Ehen würden oft die glücklichsten, war
dann aber sehr entrüstet, als Fräulein Nippe bissig fragte: Sie haben
Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? -- Frau Bornemann und
Fräulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne daß man recht
wußte, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie
könnte sie nicht sehen.
Sollte sich Fräulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mußte
sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?!
Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur
gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war
es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht
und durchsichtig, war unter ihren Händen gewachsen, hatte an Gewicht
zugenommen, und während sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie
wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht
zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem
sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es
vielleicht doch nur ein mildes, wärmendes, beglückendes Feuer, das diese
Kugel -- oder dieses Feuerzeug -- auf sie niederregnen ließ?! War es ein
befruchtender Tau oder war es ein reißender Gebirgsstrom, den es ausgoß,
ein Strom, der sie erfassen würde, mit sich fortnahm in gefahrvolle,
unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen
würde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land
geschwemmt wurde? --
Fräulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust
in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht
heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein
Millionär, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Künstler, der sie
hätte anregen können, kein frisches junges Blut, dem sie auch _so_ ans
Herz gestürzt wäre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze
vor, das sie -- wie sie sich vor sich selbst ausdrückte -- mit jenen
Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war
kaltherzig und grausam, heimtückisch und ungerecht! -- Und Herr Feihse
wartete! Die letzten Nächte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie
an ihr freudloses Leben dachte, daß es keinen Menschen gab, der ganz von
selber an ihr Herz flog, dem sie alles hätte sein können: Freundin,
Geliebte, Mutter. -- Herr Feihse hatte durchblicken lassen, daß, wenn
sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch
ausschlüge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen
könne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das
erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie
war er aufgeblüht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er
krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht
sein rettender Engel werden? Und wenn er immer kränker wurde, konnte sie
sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? --
Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu
Häupten und seine schon halb erlöste Seele hielt sie in ihrem
lichtweißen Kleide für einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und
dann würde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte
ja nicht, daß er stürbe, aber wenn er es doch tat, so stand im
Hintergrunde ein ganz hübsches kleines Vermögen! Das war nicht schlecht
von ihr gedacht, das war ganz selbstverständlich und natürlich. Und doch
weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wußte nicht was
sie tun sollte.
Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn
Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfaßt und am nächsten Morgen
auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie
ihr Schicksal abhängig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren
schwer für sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn
Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich
sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mußte er jetzt endlich erscheinen. --
Aber er erschien nicht. Mit leeren Händen eilte sie von der Redaktion
wieder ins Geschäft oder in die Wohnung. -- So war der dritte Tag beinah
verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits
geschlossen, sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann aber dachte sie:
Wenn diese Tür sich mir verschließt, so weiß ich nun eine andere, die
eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese
herzlose Hand hier, die nur auf Bureautüren deutet, sondern die Hand des
Schicksals selbst! -- Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben
untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die
Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der
Mitternacht würde sie Herrn Feihses Nachtglocke anläuten, und vorher
wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden
hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber
aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen
Leben! --