Fox lebte nun fast wieder wie zuvor. Er mied die früheren Gläubiger und

fand neue, von Arbeit war nicht viel die Rede, beinah nur in Briefen,

die er nach Hause schrieb. Wieder begann sich das Unwetter über seinem

Kopfe zusammenzuziehen; aber auch diesmal wurde er gerettet; durch ein

an sich trauriges Ereignis: Frau Sintrup starb plötzlich, und hinterließ

die Verfügung, daß ihren Söhnen ein Teil des mütterlichen Vermögens, das

sie einmal zu erwarten hatten, schon jetzt ausgezahlt würde. Herr

Sintrup erzählte, seine Frau sei plötzlich am Schlaganfall gestorben.

Die näheren Einzelheiten waren traurig: Eines Nachmittags, nach einem

schweren Herrendiner, saß Frau Sintrup schlafend im Sofa. Nach kurzer

Zeit erwachte sie, fühlte sich sehr flau und erinnerte sich, daß noch

sehr viel Hummermayonnaise da sei. Die aß sie, ihr Appetit wurde

angeregt, und sie erinnerte sich weiter, daß noch eine kleine halbe

Marzipantorte da sei. Die aß sie auch, und jetzt wurde ihr fast nüchtern

zumute. Es fiel ihr nun ein, daß heute gerade frisches Schwarzbrot

gebacken wurde. Sie ließ sich einen kleinen Laib kommen, bestrich ihn

dick mit Butter, und verzehrte ihn ebenfalls, obgleich sie eigentlich

fühlte, daß sie nicht mehr konnte. Dann kam der erste Schlaganfall, dem

sehr bald ein zweiter folgte. Sie ahnte, daß es mit ihr zu Ende ging,

und traf jene letztwillige Verfügung, über die Herr Sintrup unglücklich

war, denn er sah nur Unheil für seine Söhne vor Augen.

Fox war aufrichtig betrübt, und als er später jenes Testament erfuhr,

erschüttert über soviel Güte. Große Tränen traten ihm ins Auge. Zwar

fuhr es ihm für einen Moment durch den Kopf, daß vielleicht gar nicht

soviel Güte dabei war -- er hätte das Geld ja später sowieso geerbt --

aber er verbannte diesen Gedanken sofort und dachte: Nein nein, dies ist

wirklich groß! Es war ihre letzte große Handlung, mit der sie aus dem

Leben schied! Und er feierte das Andenken seiner Mutter für sich allein,

ganz allein, in einer Weinrestauration. Er ließ sich ein kleines

Separatzimmer geben, bestellte eine Flasche Sekt und zwei Gläser, schloß

dann die Tür ab, füllte beide Gläser, sah sie lange gedankenvoll an und

sprach endlich: Auf dein Andenken, Mutter! Dann trank er sein Glas aus,

wußte nicht, was nun mit dem anderen werden sollte, und trank es

ebenfalls aus. Dann seufzte er tief und dachte: das ist nun alles, alles

dahin! Welch eine Fülle von Liebe habe ich genossen! Wenn mich jetzt

jemand hier sitzen sähe, ganz allein, den Sohn, der das Andenken seiner

Mutter feiert, die ihn verlassen hat! Die Tränen traten ihm darüber in

die Augen. --

Ernst, ohne nach rechts und links zu sehen, kam er endlich wieder aus

seinem Separatzimmer heraus, dessen Schlüssel nachdrücklich und schwer

sich im Schlosse gedreht hatte, und die Kellner, die nichts von allem

begriffen, sahen ihm nach als wenn er verrückt geworden wäre.

An das Examen wurde nun überhaupt nicht mehr gedacht, Herr Sintrup war

verzweifelt, aber Fox schrieb ihm ganz gelassen, es könne ihm doch ganz

egal sein, was er tue, denn er lebe ja nun nicht mehr von seinem Gelde;

er berief sich außerdem auf Pitt, der ja ebenfalls jetzt sein Leben

genieße, seinen Referendar an den Nagel gehängt habe und auf Reisen

gegangen sei.

Traurig und bekümmert war Herr Sintrup: was sollte nur aus seinen Söhnen

werden! Und er selber arbeitete sich für diese Söhne ab, für nichts und

wieder nichts! Er war doch auch noch nicht mit dem Leben fertig! Es

regte sich in ihm eine Bitterkeit gegen das Schicksal. Seine

Geschäftsreisen wurden häufiger und endeten immer häufiger mit

ungeschäftlichen Abschlüssen. Sollte er am Ende noch einmal heiraten?

Mausi hatte ihm selbst gesagt: Traure mir nur nicht nach, das hat gar

keinen Zweck und ist kindisch. Der Mensch lebt und stirbt, und was liegt

denn schließlich an einem Menschen? Ehe er da war, hat ja doch niemand

an ihn gedacht, also was kann da so Besondres dran sein! -- Ja, das

hatte Mausi gesagt und ihn darauf hingewiesen, daß er ihr ja auch

während ihres langen Zusammenlebens nicht immer treu war. Sollte er

wieder heiraten? -- Vorläufig nahm er eine Hausdame, und alsbald gingen

die bedenklichsten Munkeleien über ihn und diese Dame um, die von

auswärts kam, voll und beinah üppig, und deren musternde Augen mehr als

Hausfrauentugenden spiegelten. Man begann sich leise von diesem Hause

zurückzuziehen, und nur einige Junggesellenfreunde frequentierten es

seither mehr, interessiert den neuen Zustand prüfend.

Fox erfuhr von diesen Dingen durch alte Schulfreunde, die es für ihre

moralische Verpflichtung hielten ihm alles mitzuteilen. Aber er berührte

diese Fragen niemals, schon deshalb nicht, weil er jetzt so gut wie ganz

außer Korrespondenz mit seinem Vater war, und dann: Männer haben Männern

in solchen Dingen nicht dreinzureden.

Pitt war auf Reisen, Fox fand, er müsse auch Reisen machen. Aber während

Pitt vernünftig Geld ausgab, berechnend, wie lange er mit ihm reichen

werde, gab Fox es in unsinniger Weise aus, zumal er nicht allein reiste.

Das Fräulein hatte erst gedacht es käme mit, aber Fox setzte ihr

auseinander, daß da noch andere warteten, und daß sie noch längst nicht

an die Reihe käme. -- Da sagte sie, sie könne sich nur dann dazu

verstehen, die Beziehungen mit ihm weiterzuführen, wenn es in der

Zwischenzeit genau so wäre, als wenn Fox am Orte bliebe, das heißt, wenn

sie ihre Unterstützung weiter von ihm empfinge. Das fand er

selbstverständlich, nachdem er im ersten Gefühle dagegen opponieren

wollte. --

Nach ein paar Monaten war er schon wieder da: Die Menschen sind

verschieden, sagte er zum Fräulein, mein Bruder gondelt weiter in der

Welt herum; _ich_ sage mir, zu Hause ist es doch am besten; man hat sein

festes Heim und -- also ich habe mich wirklich nach dir gesehnt --

direkt nach dir gesehnt! So etwas im besten Sinne Anspruchloses wie dich

gibt es doch nicht wieder! Ich bin dir immer treu geblieben, seelisch

treu geblieben, von Anfang bis zu Ende, wahrhaftig'n Gott! Jetzt leben

_wir_ aber mal schön fidel zusammen, was? Er faßte das Fräulein um die

Taille, und sie sagte: Drücke mich doch nicht so, Robert. -- Von seinem

Vornamen Fox wußte sie gar nichts. --

Es bildete sich jetzt ein Kreis von Existenzen um ihn, der ihm

schmeichelte und von ihm profitierte. Fox hielt lange Reden über Studium

und Bildung, und wenn er fragte: ist das nicht glänzend, was? nickten

jene mit eifrigen Worten und sahen dabei zerstreut auf die Likörflasche,

auf den Wein, auf die Zigarren, denn ihr Interesse war durch Entbehrung

noch viel mehr auf diese Genüsse gerichtet als bei Fox, der alles aus

dem vollen nahm. Sie getrauten sich anfangs nicht immer wieder selbst

von neuem zuzugreifen, verloren aber im Laufe der Zeit alle

Schüchternheit, und den Übergang zu rücksichtslosem Sichaneignen

bildeten sie, indem sie irgend einen Satz mit augenscheinlicher

Geisteskonzentration sagten und dabei wie in Zerstreutheit mit der Hand

in die Luft langten, bis sie den ersehnten Gegenstand ergriffen fühlten.

-- Sie umgaben Fox wie ein Stab, und er sagte manchmal zu dem Fräulein:

Wirklich, es kommt nicht darauf an, daß der Mensch bei Ministern

verkehrt, den eigentlichen Adel, den Geistesadel, findet man auch

anderwärts! Ich wundere mich, wo auf einmal so viele echte einfache

Bescheidenheit herkommt in meinem Bekanntenkreise, so viel neidloses

Anerkennen eines andern, der mehr bedeutet als sie selbst -- ich meine

mich damit.

Fox wurde allmählich ausgesogen. Man zehrte von seiner Freigebigkeit,

ließ es nicht genug sein von den Wirkungen seines Geldes zu leben,

sondern bat ihn um direktes Geld. Er gab immer und bekam nie etwas

zurück. Oft nahm er sich vor nein zu sagen, aber er vermochte es nicht.

Dies Gefühl, in die Westentasche zu greifen und dort vornehm mit dem

losen Gold zu klimpern, es hervorzuholen wie wenn es Pfennige wären und

es von oben in eine ausgestreckte leere Hand zu legen, war zu angenehm,

es war zu schön, zu denken, daß der andere dächte: Ja, der hat's gut,

dem macht es nichts ein paar Goldstücke weniger zu haben. -- Immerhin

konnte Fox sein gutes Leben mit diesem Gelde eine gute Weile weiter

fristen, obgleich er sehr viel ausgab, aber dann begann die Zeit der

Sorgen wieder. Er berechnete, wie lange er sich noch halten könne; dann

erhielt Pitt einen Brief: Er habe gewiß etwas Geld für seinen Bruder

übrig, und wirklich schickte ihm Pitt eine größere Summe, obgleich er

sich sagte, daß es dann mit seinem eigenen Wohlleben schneller zu Ende

gehen werde. Aber er dachte: dies Geld würde vielleicht für ein halbes

Jahr länger reichen, nehmen wir an, es läge schon in der Vergangenheit.

-- Fox hielt sich noch ein paar Monate und dann begannen die früheren

Jämmerlichkeiten wieder. Schulden hatte er schon längst wieder gemacht,

zu einer Zeit noch, wo er alles hätte bar bezahlen können, und, so wie

damals, begannen die Gläubiger jetzt sich zu regen, erst einzeln, dann

immer mehr. Es gelang ihm neue Anleihen zu machen, die er zum Teil dazu

verwendete, alte zu begleichen. Schließlich brachte er in diese ganze

Tätigkeit ein wohlüberlegtes System: Einer mußte immer den andern

substituieren. Alle bildeten ein in sich geschlossenes Ganzes, das sich

in sich selbst verschob, das leise hin und her schwankte, da Fox den

Schwerpunkt bald hier-, bald dorthin verlegte. Aber allmählich brachen

von dieser Scholle, auf der er selber trieb, einzelne Stücke ab, sie

wurde kleiner und kleiner, man weigerte sich, ihm weiter zu borgen.

Was soll nur werden! dachte er nun öfter und öfter. Seinen Vater

nochmals um Unterstützung anzugehen erschien ihm zwecklos, zumal er

nicht recht wußte, ob er mit ihm eigentlich gebrochen habe oder nicht.

Waren die Gläubiger das erstemal schon zudringlich und dreist, so

stürzten sie sich nun auf ihn wie losgelassene Hunde. Jeder wollte

derjenige sein, der aus dem allgemeinen Ruin noch sein Teilchen Habe

herausriß. Fox' Manipulationen wurden fieberhaft und sinnlos. Er

schickte Blumensträuße, wie wenn seine Lieferanten Primadonnen wären.

Stück für Stück verkaufte er von seinen Sachen, was nur irgend zu

verkaufen war. Zuletzt wanderte seine goldene Uhr und sein Brillantring,

das alte Familienerbstück, ins Versatzamt. Endlich entschloß er sich

doch an seinen Vater zu schreiben; das schlimmste was die Folge sein

konnte, war eine Weigerung. Er bat um weitere Unterstützung für ein Jahr

und um Begleichung seiner Schulden; dafür wollte er dann auch sicher das

Examen machen und das Geld nur als geliehen betrachten. Herrn Sintrups

Antwort war ein Wutschrei. Kaum kannte Fox diese wilde Handschrift

wieder, die sonst stets denselben kaufmännischen, kulanten Duktus

führte. Wie Ohrfeigen klatschten ihm die Worte um den Kopf. Am Schluß

des Briefes stand: Entweder ich stecke dich als Lehrling in ein Geschäft

in irgend einem Orte, wo dich und mich niemand kennt, und dann zahle ich

deine Schulden, oder du bleibst wo du bist, gehst hin wo du magst, und

dann will ich nie wieder das geringste von dir hören.

Aus dem Gefühl der Zerschmetterung, das Fox zu Anfang ausschließlich

beherrschte, löste sich allmählich eine tiefe Entrüstung heraus, die

sich in seiner Antwort in eine kalte, höfliche Reserve umwechselte: Auf

den Lehrjungenstand verzichte er, im übrigen erlaube er sich, über seine

Pläne Stillschweigen zu bewahren, da er bei seinem Vater kein Interesse

voraussetze und, selbst wenn solches bestände, sich nicht in der Lage

sähe es zu befriedigen. Diesen Brief schickte er eingeschrieben und nahm

sich vor, eine etwa eintreffende Antwort uneröffnet zurückzuschicken. Er

wollte seinem Vater schon zeigen was ein stilvolles Benehmen ist! Aber

es kam keine Antwort, und nun dachte er: Da steckt nur die Person

dahinter, die jetzt im Hause ist! Ohne sie wäre der Alte ganz anders! --

Was blieb nun übrig? Fliehen? Wohin? Wahnsinnig erschien ihm dieser

Ausweg. -- Aber -- rief er plötzlich, liegt nicht auch im Wahnwitz oft

ein Sinn, ein tiefer Sinn sogar, der sich nur nicht leicht enthüllt?

Wenn ich jetzt fortgehe von hier, ist das wahnsinnig? _Muß_ nicht irgend

etwas erfolgen, wo ich auch bin? Und besser anderswo, wo man mich nicht

kennt, als hier, in dem verfluchten Neste! Es fiel ihm auch ein, daß in

Romanen oft Wendepunkte eintreten, wo niemand weiß wie es nun weiter

geht, und wo dann doch etwas passiert. War das nicht im grünen Heinrich

so? Und er selbst war gar nicht einmal mehr grün! Aber er fühlte: Er

stand an einem Wendepunkte seines Lebens, im Brennpunkte seiner

Entwicklung, das Leben selbst packte ihn nun mit seinen Klauen. Seine

»Bekenntnisse« wollte er später schreiben; war Rousseau nicht auch

einmal Kellner gewesen oder so was? -- Er wollte sich jedem Dienste

unterwerfen, die härteste Arbeit übernehmen, -- immer schon mit der

Gewißheit, daß ihn dann später das Leben um so glänzender entschädigen

müsse.

Als das Fräulein ihn am Freitag besuchen wollte, war er nicht mehr da;

seine Hauswirtin erzählte unter Tränen, wie sie am letzten Feiertag über

Land gegangen sei, und als sie heimkam, war der saubere Herr mit Koffern

und Habseligkeiten verschwunden. Sie habe sofort an seinen Vater einen

Eilbrief geschrieben, aber Herr Sintrup habe geantwortet, sein Sohn sei

mündig und er selbst hafte für nichts mehr was ihn beträfe. -- Das

Fräulein antwortete nicht viel und ging noch einmal in sein Wohnzimmer,

um nachzusehen, ob er nichts zurückgelassen habe was sie noch irgendwie

gebrauchen könne, aber selbst die Likörflasche, die immer im Winkel

neben dem Klaviere stand, selbst die hatte Fox nicht vergessen: Dick,

leergetrunken stand sie da, und wie sie die Nase daran hielt, duftete

ihr ein recht trauriger, abgestandener Geruch entgegen.

Intermezzo.

Fräulein Nippe saß im Stadtgarten, auf der kleinen Bank neben der

Marmorgruppe: »Venus, Amor die Flügel beschneidend.« Auf ihrem Schoß lag

»Waldmeisters Brautfahrt« aufgeschlagen, aber sie las wenig darin, bei

jedem fernen Schritte durchzuckte es sie unruhig, -- bald mußte er

kommen! --

Wie heilig hatte sie ihre Rolle gespielt, im Schicksal Lottes und Herrn

Könneckes! Und was war nun der Dank dafür? Sie fühlte sich abgesetzt,

ihre Rolle war ausgespielt, man brauchte sie nicht mehr. Und sie war

doch innerlich noch so jung, ihr Herz verlangte noch nach Liebe. --

Es nahten Schritte. Sie besah schnell noch einmal ihre Fingernägel und

nahm dann »Waldmeisters Brautfahrt« mit nachlässiger Eleganz zwischen

die Finger. Ein junger Mann; sie umfaßte schnell die Erscheinung:

Soigniert, proper, adrett. -- O Gott, wenn er das doch wäre! Ob er das

wohl war? Er kam näher, er schien nicht überrascht als er sie sah, und

erst, als in ihren unverwandten Blick etwas wie eine leise Beschwörung

trat, schien er zu stutzen, doch er ging vorbei und warf nur einen

flüchtigen, etwas verwunderten Blick auf sie zurück. -- Ob er es dennoch

war? Hatte er vielleicht nur den Mut nicht, sie anzureden? War er zu

schüchtern? -- Sie zog eine Offerte aus der Tasche und räusperte sich

laut. Aber die Gestalt verschwand langsam in dem Grün. »Herr von

mittleren Jahren« hieß es auf dem Papier. -- Nein, ihr schnelles,

impulsives Herz hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt, dies war

kein Herr von mittleren Jahren, oder vielmehr: Leider war der Herr von

mittleren Jahren nicht dieser junge Mann. Und sie hatte sich in den

wenigen Augenblicken schon in diese Gestalt eingelebt, sie sah ihn schon

in Gedanken auf irgendeiner Hotelterrasse Kaffee trinkend, sich

gegenübersitzen, und hinter ihnen erhoben sich blaue Berge. --

Sie wartete.

Da kam des Wegs daher, langsam, und ein wenig behindert, wie es schien,

ein ziemlich alter Mann. Er ging nicht gerade an einem Krückstock, aber

sie mußte doch an einen Krückstock denken. Der Herr blieb stehen,

stemmte, leicht vorgebeugt, den Stock mit ausgestrecktem Arm zu Boden,

und sah sie an, mit blauen, etwas trüben Augen, und, wie es schien,

gedrückt von jahrelangem Kummer. --

Du großer Gott! dachte Fräulein Nippe, sollte er _das_ etwa sein? -- Sie

nahm sich vor zu tun, als sitze sie hier nur ganz zufällig, falls er

sich etwa näherte. Aber mitten in ihrem Gefühl der Enttäuschung war ihr

so, als könne noch ein dritter kommen, der noch viel schrecklicher wäre,

und als müsse sie sich vorerst an diesen zweiten halten, der vielleicht

überhaupt gar nicht der richtige war; dann konnte es ja garnichts

schaden! -- Sie lächelte schwach und sah zu Boden. --

Hm! sagte der alte Mann langgedehnt und ziemlich laut, halb unschlüssig,

halb nachdenklich. -- Was sollte sie nur tun?! -- Hm! antwortete sie

endlich, ohne aufzusehen. Dann fühlte sie, wie der Herr sich auf das

andere Ende der Bank setzte. -- Sie rückte unwillkürlich, so weit es

ging, bis zu ihrem eigenen Bankende und wagte nicht zur Seite zu

blicken. Endlich tat sie es aber doch, da sie fühlte, daß sein Blick

noch immer auf ihr ruhte.

Der Herr schien zu einem Entschluß zu kommen. Er trommelte nervös mit

den Fingern leise auf der Bank, dann sagte er mit verhaltener Stimme:

Gestatten Sie mir eine Frage: Sind Sie's, oder sind Sie's nicht? -- Sie

wollte erst antworten: Mein Herr, Ihre Frage ist mir unverständlich!

aber sie brachte kein Wort über die Lippen. -- Es ist dies ein

eigentümliches Zusammentreffen! sagte sie endlich. -- Der Herr seufzte

tief, sah lange zu Boden, und öffnete schließlich den Mund wieder: Hat

es einen Zweck, daß wir zusammen reden? -- Sie suchte nach einer

Antwort. Dasselbe könnte ich Sie ja auch fragen! sagte sie nach einer

Weile.

Beide sahen sich unschlüssig an, und endlich begann er wieder: Na, dann

will ich also den Anfang machen. Ich kann Ihnen kaum mehr sagen, als Sie

in meiner Annonce schon gelesen haben. Meinen Namen und den Stand meines

Vermögens wissen Sie; Sie wissen, daß ich Angestellter bei einer

größeren Firma bin, daß mich das Leben nach allen Richtungen enttäuscht

hat und daß ich mich nach einem ruhigen Heim und nach einer

gleichgesinnten Seele sehne. Sollten Sie sich nun einen _Scherz_ mit mir

erlaubt haben, so kränkt mich das weiter nicht, ich habe das schon

mehrere Male erfahren und bin die harten Püffe gewöhnt im Leben. Einer

mehr oder weniger schadet nicht. Und Ihre Neugierde dürfte auch wohl

nicht sehr befriedigt sein, denn ich bin ein schlichter, einfacher Mann!

-- Er blickte beim Sprechen durchdringend auf sie, indem er fortwährend

an einem Mantelknopfe drehte. -- Also bitte, sagte er nach einer Pause,

nun ist es an Ihnen! Dann lehnte er sich zur Bank zurück, sah zu den

Bäumen auf, und sie merkte, daß er schnell atmete. --

Ja ich weiß nicht -- -- begann sie zögernd. Der Herr wartete, aber es

kam nichts weiter.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 18 / 27 段