Fox war und konnte jetzt alles; er hatte sehr viel gelesen, sehr viel

herumgehorcht und viel erfahren, manches Schwierige aus gedruckten

Abhandlungen auswendig gelernt. -- Ja du lieber Gott, die Menschen

führen immer das Wort »Kunst« im Munde, was ist denn nun eigentlich

Kunst? Er nagelte den andern mit seinen Augen fest, und dann wurde mit

scheinbarer intensiver Anspannung des Geistes irgendeine komplizierte

Definition geboren, die er tags zuvor gelesen und memoriert hatte. Er

schriftstellerte, es erschienen hier und da in den Blättern in der Tat

Artikel von ihm, mit seinem vollen Namen gezeichnet. Früher schon hatte

er politische Broschüren erscheinen lassen, diese aber alle anonym,

denn: -- Na, Sie können sich ja denken! Man zweifelte an seiner

Autorschaft, aber gelegentlich, wenn Freunde ihn besuchten, ließ er sie

einen Blick in die dunkle kleine Kammer tun: Da lagen die Broschüren

stoßweise, verstaubt, und er sagte bedauernd: Ja, vom Schriftstellern

wird man nicht reich, wenn man Talent hat. -- Die Broschüren hatte er

alle aus irgend einem Lagerraum, wo sie vergessen lagen, aufgekauft. Er

schrieb auch Essays über veraltete, altmodische Schriftsteller, die er

ausgrub auf Bibliotheken; sie erschienen zwar nicht gedruckt, aber die

Manuskripte lagen bei ihm zu Hause, und er las sie vor; sie klangen gut,

merkwürdig echt war darin der Stil der Zeit getroffen. Allerdings hatte

er alles eigentlich abgeschrieben aus irgend einem verschollenen Buch,

das niemand kannte. Seine Bemühungen, sich im Ansehen der Menschen

aufrecht zu erhalten und es immer noch zu steigern, waren allmählich ins

Groteske gewachsen und bedurften viel mehr Nachdenken und Aufwand als

seine früheren gelegentlichen Mystifikationen. Und da Fox im Grunde

eigentlich schwerfällig und faul war, so kostete ihn dies Treiben viel

Sorge und Selbstdisziplin. Er wurde ein Opfer seiner selbst.

Fox galt auch als guter Rezitator; es war bekannt, daß er einst

Schauspielstunde gehabt hatte und daß sein Lehrer ihm beim Abschied

sagte: Wenn _Sie_ nicht zur Bühne gehen, mach ich meine Unterrichtsbude

zu! -- Na, zur Bühne war er nicht gegangen, und im Vortrag der Gedichte

vermied er streng alles was an die Bühne erinnerte. Nicht scharf genug

konnte er die Unsitte der meisten Schauspieler verurteilen, die die

Gedichtform mit der dramatischen verwechseln, beim Vortrag mit den

Händen agieren und wie auf der Bühne Mimik treiben: Wie unendlich fein

hatte schon Goethe diesen Unterschied präzisiert! Auf _den_ Bahnen galt

es fortzuschreiten, da galt es wieder anzuknüpfen. Unwillkürlich geriet

Fox, wenn er so redete, in die Spuren seines Bruders, dessen Gedanken

er, getaucht in die Farbe seiner eigenen Sprache, wiederholte. Er konnte

dies ohne jede Gefahr, von Pitt hatte hier niemand eine Ahnung, niemand

war dabei gewesen, wenn er ihm seine Gedichte vortrug. Fox übte sich

auch im Aufstellen barocker Behauptungen, wie sie zuweilen von den

Lippen seines Bruders kamen. Bei Pitt waren sie ein künstlerisches

Spiel, er glaubte selbst nicht an sie, hielt sie aber, wenn man dann

opponierte, mit allen Mitteln der Dialektik aufrecht; diese fehlten Fox

nun gänzlich. Die Einwände, die man ihm entgegenwarf, nahm er nicht wie

Bälle, denen man geschickt ausweichen, denen man durch ein einziges Wort

eine neue Richtung geben, die man parieren und auf den Angreifer

zurückschlagen kann, sondern sie lagen da wie dicke Holzklötze, über die

seine Füße stolperten. Aber das schadete nichts: Mit einer Handbewegung,

wie Pitt sie liebte, wenn er seine Worte an mindere Leute verschwendete,

bis er selber ungeduldig wurde, schnitt er die Gegenrede ab und

verschanzte sich hinter eine vielsagende Miene, die bei ihm ganz von

selber dazu kam. Wie er noch mit Pitt zusammen war, ging sein ganzes

Bestreben dahin, selbständig neben seinem Bruder zu erscheinen, seinen

Einfluß zu verleugnen. Nun zehrte er sehr von der Vergangenheit, suchte

er seinen Bruder auch in seinen Äußerlichkeiten zu kopieren, verband er

dessen Sonderlichkeiten mit dem Pompe seiner eigenen Persönlichkeit, und

niemand sah das unscheinbare kleine Schiff, das diesen stolzen

Dreimaster in seinem Fahrwasser hinterherzog. Zuweilen war es, als wenn

die Maske plötzlich rutschte: So sagte er, ehe er seine Militärzeit

antrat, einmal mit kapriziös leidender Stimme: Dienen ist doch schlimmer

als tot sein! -- Nanu, Sintrup, rief einer, ich denke du willst es

mindestens bis zum Hauptmann bringen? -- Da sah ihn Fox erst unsicher

an, dann sammelte er sich und antwortete im schneidigst

zurechtweisenden, kurzen Tone: Na ja?!

Fox war gern gesehen in seinen Kreisen. Er zählte nun schon zu den alten

Semestern, zu den sehr alten sogar, denn sein Examen hätte er eigentlich

seit langem machen müssen, und Herr Sintrup wies in seinen Briefen

darauf hin, Pitt säße doch nun längst in »Amt und Würden«. Fox tröstete

dann immer mit dem Hinweis auf seine glänzende Karriere und auf die

wahnsinnig vorzüglichen Anlagen seines Kopfes. Und zunächst ließ sich

auch Herr Sintrup noch trösten, da er alles glaubte und ja auch

gedruckte und ungedruckte Bestätigungen dieser Talente erhielt. -- Aber

Fox brauchte enorm viel Geld, so daß Herr Sintrup sich oft fragte, wo

das noch hinauswolle. In den vornehmen Wirtshäusern war er ein gern

gesehener und bestbedienter Gast, dem es nicht darauf ankam eine ganze

große Gesellschaft freigiebig zu bewirten, wenn er in Laune war. Mit

Stolz sah er die Spitze seiner Nase sich braun färben und erklärte

denen, die den Grund nicht wußten, mit bedauernder Stimme, das käme vom

vielen Burgundertrinken, was auch der Fall war. Manchmal machte er sich

selber Sorgen um seine vielen großen Geldausgaben, und in der Erwägung,

daß man stückweise teurer einkauft als wenn man en gros bestellt, ließ

er sich zuweilen ganze Lieferungen kommen und legte sich auch aus

demselben Grunde einen Weinkeller an. Bezahlt wurde wenig oder nichts

von diesen Dingen, denn man kannte ihn als einen guten, sichern Kunden.

Überall erweckte er den Anschein größter Vertrauenswürdigkeit, und er

selber hielt sich für eine Art Ehrenmitglied der menschlichen

Gesellschaft. --

An festgesetzten Tagen der Woche besuchte ihn jetzt regelmäßig ein

Fräulein, welches in seiner übrigen Zeit einem durchaus einwandfreien,

anständigen Gewerbe nachging. Sie war jung und ziemlich hübsch, und

bezog ein monatliches Gehalt von ihm für ihre Toiletten, die stets

niedlich und sauber waren. Sie liebte Fox nicht gerade, aber sie hatte

ihn doch recht gern. Er fragte sie nie nach ihrer Vergangenheit, hatte

ihr aber angedroht, wenn er den Schein eines Verdachtes merke, so werde

Entsetzliches geschehen. Er habe von seiten seiner mütterlichen Familie

korsisches Blut in den Adern, sie solle es nicht in Wallung bringen! --

Sie verehrte ihn sehr, und da sie nicht viel Temperament besaß, ward es

ihr nicht schwer sein Gebot zu halten. -- Mädchen mit Temperament,

pflegte Fox zu sagen, sind nicht mein Fall; viel besser so eine, die

abwartet, wie man selbst gestimmt ist! Die haben keine Launen und man

kann immer auf sie rechnen; wenn man sich mal trennt, geschieht es ohne

Aufregung und Geschrei. -- Fox war dieser Dame zwar nicht absolut treu,

aber sie bestand auch nicht darauf, nachdem sie ihn erst darum gebeten

hatte und mit den kurzen Worten abgefertigt wurde: Männer sind einmal

polygam! was sie nicht verstand und sich erklären ließ.

Es gehörte zu Fox' Ehrgeiz, die Mädchen, die er liebte, zu sich

heraufzuziehen, ja er sah es sogar als seine soziale Pflicht an. -- Jede

Woche bekam das Fräulein ein neues Buch von seinem Regal, bis zum

nächstenmal mußte sie es durchgelesen haben und angeben können was darin

stand. Auch führte er sie in die Musikliteratur ein, indem er ihr Lieder

vorsang und wohl auch dieses oder jenes Musikstück vorspielte, das er

noch von seiner Gymnasiastenzeit her auswendig konnte. -- Er hatte jetzt

Singstunden genommen, seinem Programm der allseitigen Ausbildung

folgend. Er sang mit vielem Gefühl, und war es ein Volkslied, so wollte

das Fräulein unbefangen einstimmen, was er ihr aber, sich langsam auf

dem Klavierstuhl drehend, mit einem ausdrucksvollen Blick verbot. Dann

setzte er ihr den Unterschied auseinander zwischen Kunstgesang und

Naturgesang: Jedes für sich allein sei schön, aber beide zusammen

bildeten eine unerträgliche Einheit. Und sie nickte mit dem Kopf und

sagte, sie begreife alles. Wenn Fox sich dann auf seinem Stuhle

zurückdrehte und den Erlkönig von Schubert sang, so stand das Fräulein

leise auf, ging zu dem kleinen Schränkchen im andern Winkel des Zimmers

und entzündete eine Kerze, die sie dort brennen ließ. War Fox mit seinem

Liede fertig, drehte er sich wieder langsam mit seinem Stuhle, diesmal

nach der andern Seite, starrte das Licht, noch halb im Reiche der Musik,

aber doch wie etwas Bekanntes, Selbstverständliches an, erhob sich, nahm

es und verschwand, und kam nach einigen Minuten wieder, während deren

das Fräulein still seine Rückkehr erwartete und solange einfach die

Augen schloß. --

Selbst diesem Fräulein gegenüber war ihm sein eigentlicher und eigener

Wert nicht genügend, doch wandte er ihr gegenüber niemals komplizierte

Mittel an, um sich zu heben, sondern arbeitete nur mit groben, die ihren

Zweck vollständig erfüllten, denn sie glaubte alles, ohne sich jedoch

wesentlich dafür zu interessieren. Wenn sie so am Tisch saßen, und er

ihr von seinen grundlegenden Arbeiten auf diesem und jenem Gebiete

erzählte, nickte sie eifrig und dann immer unmerklicher mit dem Kopfe,

und erst wenn die Worte kamen: Ich kann dir sagen, mein neues Werk wird

wie eine Bombe einschlagen! wurde sie für einen Augenblick lebendiger,

da er bei dem Worte »Bombe« auf den Tisch schlug, was sie jedesmal etwas

zusammenfahren ließ, obgleich sie es ja eigentlich schon wußte.

Ist sie wohl etwas indolent? dachte er manchmal. Er gab sich dies im

Grunde zu, auch sah er, daß es ihm wohl nie gelingen würde sie zu sich

heraufzuziehen, aber das schadete auch nichts: Goethes Frau hatte auch

weit unter dem Olympier gestanden, mit dem er sich übrigens in keiner

Weise vergleichen wollte -- und dieses Fräulein würde er ja überdies

niemals heiraten, was sie auch ganz genau wußte und nicht erstaunlich

fand.

So hatte er Monate und Jahre ein breites und durch nichts verbittertes

Dasein geführt, als ihm sein Vater eines Tages mitteilte, er habe starke

geschäftliche Einbuße erlitten, es sei die höchste Zeit, daß Fox an sein

Examen denke. Er habe ihn nun lange genug erhalten und sei mit seiner

Geduld zu Ende. -- So sah er sich denn genötigt, sich von einem jener

eigens für diesen Zweck vorhandenen Individuen für das Examen einpauken

zu lassen. Ihm brummte der Kopf bei diesem Pauken, das Fräulein mußte

ihn überhören, und wenn etwas nicht stimmte, so hatte sie die Schuld.

Nach solchen Lernereien fühlte er dann das Bedürfnis sich auszuspannen.

Diese Ausspannungen wurden sehr häufig. Die leichteren Weine wirkten

nicht mehr, er trank ganz schwere; und auch die spülte er fast wie

Wasser hinunter; am nächsten Morgen war er dann untauglich zu jeder

Arbeit, und doch mußte er immer wieder trinken; der Wein war das einzige

was einigermaßen half gegen die Last der Arbeit und die düsteren Ideen,

die allmählich in ihm aufzusteigen begannen. Er fühlte, daß das gute

Leben ein für allemal ein Ende haben werde, zumal auch seine Gläubiger

in immer größerer Zahl anfingen sich zu regen und schließlich dreist und

dreister wurden. -- Fast ununterbrochen rauchte er die schwersten

Zigarren; seine Hände begannen zu zittern, sein Blick bekam etwas

Glasiges. Der Geist des Weines, eine schwirrende Fülle von Paragraphen,

der blaue Rauch des Tabaks, das alles wirbelte in ihm durcheinander. Das

Examen kam heran, ging über ihn, ließ ihn zurück, und Fox war

durchgefallen!

Andern Tags saß Herr Sintrup im Sofa und studierte die Kursberichte. Da

wurde ihm ein sonderbarer Brief überbracht; das Kuvert war unfrankiert,

zerrissen, und mit dem Bemerk versehen: Von der Post verschlossen. Die

Buchstaben der mangelhaften Adresse waren verklext und tanzten auf und

nieder, und ebenso sah es auf dem Briefbogen aus, auf dem irgendeine

Flüssigkeit halb klebrig eingetrocknet schien. -- Aus einem

Entrüstungsruf fiel Herr Sintrup in den andern: Diese Schande, diese

Gemeinheit, diese Schamlosigkeit! Frau Sintrup trat verschlafen ein, und

nun hörte sie es: Fox war durchgefallen, und damit nicht genug: In der

Betrunkenheit hatte er diesen Brief geschrieben, in vollkommenster

Betrunkenheit! Als einen Witz teilte er seine Schande mit! Seine Schande

und seine Schulden!

Am selben Morgen starrte Fox mit ausdruckslosen Augen vom Bette aus

gegen die Decke und dachte immer: was habe ich gestern nur an den Alten

geschrieben, was war es nur -- irgend etwas Fürchterliches.

Am folgenden Tage läutete es, und dann stand Herr Sintrup vor ihm. Er

war zunächst so erregt, daß er kaum sprechen konnte; dann ging das

Donnerwetter los, Fox ließ es über sich ergehen, kleinlaut, wortlos,

ganz ohne sich zu verteidigen. Dann forderte Herr Sintrup Aufschluß über

seine Schulden; er verlangte die Rechnungen zu sehen. Mit unsicheren

Händen kramte Fox in seinen Laden und holte Papier auf Papier hervor,

drehte seine Gestalt zur Seite und hörte nur ab und zu Töne, die sein

Vater durch die Nase stieß, kurz und wütend, so wie ein Hund, der niest.

-- Dann stand Herr Sintrup auf, trat zu ihm hin und durchbohrte ihn mit

seinem Blick: Kannst du mir in die Augen sehen? Hat dir dein Vater ein

solches Lebensbeispiel gegeben? Wie ich so alt war wie du, habe ich

schon lange selbst verdient, und vorher, als ich noch Geld von zu Haus

bekam -- überlegt habe ich mir jeden Pfennig, den ich ausgab, dreimal

umgedreht habe ich ihn, kaum eine Flasche Bier habe ich mir geleistet,

und wenn ich mir einen Hering spendierte, verteilte ich ihn auf zwei

Abende! Und du, und du? Sieh deinen Bruder Pitt an! Er ist kein

leuchtendes Vorbild, er hat auch ziemlich lange Zeit bis zum Examen

gebraucht, aber in punkto Geld _ist_ er ein Vorbild! Nie hat er auch nur

einen Pfennig mehr gebraucht als er hatte! -- Das weißt du ja gar nicht,

sagte Fox etwas bissig, denn er ärgerte sich, seinen Bruder als Beispiel

vorgehalten zu bekommen, vielleicht hat er viel mehr Schulden als ich!

Im selben Augenblick aber erinnerte er sich daran, daß er ihn kürzlich

schriftlich um eine größere Summe angegangen habe, und daß dies Geld

sogleich auch eintraf; seine Worte erschienen ihm schlecht gegen Pitt.

Und deshalb fügte er hinzu: Ich glaube ja gar nicht, daß es so ist,

absolut nicht, aber wenn es nun so wäre, wenn er nun zehnmal soviel

Schulden hätte als ich? Was wolltest du denn dann erst sagen?! -- Die

Logik ist ja reizend! spottete Herr Sintrup. -- Ja, bitte, antworte mir

doch erst mal, ich setze also voraus, Pitt hätte soviel Schulden, daß

meine ganz klein dagegen erscheinen! -- Diese Worte kamen langsam,

pointiert heraus, in abstrahierend objektivem Tone, und doch mit einer

innerlichen stotternden Zerfahrenheit, während er seinen Vater mit

festem Blicke anzusehen strebte und sein Kopf ganz leise, unsicher hin

und her ging. -- Blödsinn! rief Herr Sintrup, zeig mir diese zehnfachen

Rechnungen und dann laß uns weiter darüber reden! Bis jetzt halte ich

mich an deine eigenen. Er schlug wütend mit der Hand auf all die

Papiere. Da waren Zigarrenkistchen für fünfzig Mark, für siebzig Mark,

das flog nur so! Und die Summe für Delikatessen, die Fox im Laufe der

Zeit -- meist ohne das Fräulein -- vertilgt hatte, war so hoch, daß Herr

Sintrup entrüstet rief, soviel brauche er für seinen Haushalt das ganze

Jahr nicht, und seine Frau aß doch auch gern Delikatessen! -- Was denkst

du nun, daß wird?? Glaubst du, ich zahle dir das alles? -- Nee -- sagte

Fox, so in die Enge getrieben, obgleich er eigentlich gar keinen Zweifel

daran erhoben hatte. Herr Sintrup wurde durch dies halb trocken

herausgesprochene Wort einen Moment aus dem pathetischen Dunst, in dem

er sich befand, herausgerissen, dann gab er seiner Stimme wieder

Nachdruck und fuhr fort: Das fällt mir auch gar nicht ein, und übel

wärest du dran, du Patron, wenn du nicht eine so schwache Mutter

hättest. Für diesmal bist du gerettet: Sie zahlt dir deine Schulden und

zieht das Geld von deinem Erbteil ab! Fox sah überrascht auf, denn dies

hatte er nicht erwartet. Im selben Augenblick aber fühlte er sich wieder

auf seiner alten Höhe und kam sich nun seinem Vater gegenüber gleichsam

wie ein Geschäftsmann vor, denn das Geld wurde ja von seinem eigenen

genommen, von dem, das ihm rechtlich später sowieso zugekommen wäre.

Beide standen sich nun wieder gleichwertig gegenüber. Na -- sagte er,

zog die Augenbrauen in die Höhe und ließ seinen Blick, ohne den Kopf zu

wenden, nachdrücklich zu seinem Vater hingehen: damit wäre die

Angelegenheit ja dann für alle Teile befriedigend geregelt; nun rede

aber auch bitte nichts mehr davon. Und er hoffte, dieser Blick würde

genügen, seinem Vater Eindruck zu machen. Überhaupt -- setzte er aber

noch hinzu, brächtest du mir gar nicht ein so großes Opfer, wenn du mir

die Schulden gezahlt hättest: In ein paar Jahren hätte ich dir alles

zurückgezahlt! -- Das ist ja reizend! höhnte Herr Sintrup, wohl dann,

wenn die Riesengehälter eintreffen? Vorläufig bist und bleibst du nichts

weiter als ein dummer Junge, der vom Gelde seiner Eltern lebt! Fox wurde

rot und sagte: Ich verbitte mir das, ich bin nachgerade alt genug mich

nicht mehr als Kind behandeln zu lassen, ich könnte selbst schon Kinder

haben! Graf Zitzewitz zum Beispiel -- -- Komm du mir nicht mehr mit dem

alten albernen Gewäsch! rief Herr Sintrup in so befehlendem Ton, daß Fox

unwillkürlich wieder sich ganz klein fühlte. Herr Sintrup ging aufgeregt

im Zimmer auf und ab, es folgte ein langes Schweigen, dann stellte er

sich vor Fox auf und durchbohrte ihn, den Mund zu einer Schlußrede

öffnend, mit den Augen. Fox wollte diesen Blick aushalten und versuchte

ebenfalls durchbohrend auszusehen, beider Augenpaare begegneten sich, es

war wie eine stumme Kraftprobe, wer von beiden es länger aushielt, dann

siegte Herr Sintrup.

Mein Entschluß steht fest! sagte er: Du bist durchs Examen gefallen,

nachdem du jahrelang gebummelt hast; ich gebe dir ein neues, letztes

Jahr zur Vorbereitung, und fällst du ein zweites Mal durch, dann ist es

aus zwischen dir und mir, dann erhältst du keinen Pfennig Geld mehr von

meiner Seite und magst meinetwegen Kellner werden, das ist mir dann

egal. Nun weißt du's. Deine Gläubiger werden jetzt befriedigt, sie

schicken ihre Rechnungen an mich, und ich warne sie dir ferner etwas zu

borgen, da ich für nichts in Zukunft aufkomme. Und somit adieu!

Fox begleitete ihn wortlos zum Vorplatz hinaus, und wie sich Herr

Sintrup draußen vor der Tür noch einmal umdrehte, da es seinem im Grunde

weichen Vaterherzen widerstrebte, seinen Sohn so ohne jedes wärmere Wort

zu verlassen, und er ihn halb strafend noch, halb ermuntern wollend

ansah, kam das Fräulein gerade die Treppe herauf. Herr Sintrup sah sie

nicht, sie aber ahnte sogleich, daß dies Fox' Vater sei, und ohne eine

Stufe weiter emporzusteigen drehte sie sofort wieder um und nahm sich

vor, zu gelegenerer Zeit wiederzukommen. --

Fox blieb in dumpfem Brüten zurück. Wieder kam er sich schlecht

behandelt vom Schicksal vor. Daß seine Schulden bezahlt wurden, war

selbstverständlich; daß sein Vater ganz brutal gesagt hatte, nun würde

nichts wieder bezahlt, das war herzlos, niederträchtig. Daß er jetzt

aber seine Lieferanten vor ihm geradezu warnen wollte, -- dafür fand er

überhaupt gar keine Bezeichnung, das war unqualifizierbar! Wenn sie auch

Vater und Sohn waren, so standen sie sich doch auch gesellschaftlich

gegenüber; Herr Sintrup konnte Gott danken, daß er Fox' Vater war! Unter

andern Umständen hätte er ihn gefordert, -- einfach gefordert!! --

Also nun hieß es arbeiten und sparen!

Vor allem kaufte er sich noch einmal die herrlichsten Dinge zusammen, zu

einer Art von Henkersmahlzeit; die vertilgte er, und wie er satt war,

glaubte er, es werde ihm nun leicht werden, in Zukunft auf all das

Schöne zu verzichten. Bei einer ausgezeichneten Zigarre schien es ihm

leicht, sich die ausgezeichneten Zigarren abzugewöhnen. Auch den teuren

Wein mußte er in Zukunft entbehren. Das schien noch leichter, denn es

befand sich noch ein kleiner Vorrat in dem Keller. Den trank er nun in

kurzer Zeit aus, um mit ihm aufzuräumen, um reine Bahn zu machen für die

Zukunft. Und dann war der Moment da, wo diese Zukunft wirklich beginnen

sollte: Mit dem Gefühl des Märtyrers kaufte er sich eine ganze Kiste der

billigsten Zigarren, entzündete sich eine und sah die glühende Spitze

voll unverhohlener Bitterkeit an: Das schmeckt ja abscheulich, --

einfach abscheulich! sagte er laut, mit kurzen, hochfliegenden

Endsilben, wie wenn ihn gerade jemand beleidigt hätte. Er ließ die Kiste

stehen. -- Eine einzige, gute Zigarre, eine wirkliche Importe, wird mich

auch nicht ärmer machen! Und diese Kiste hier bleibt auf dem

Schreibtisch, für den Hausgebrauch. -- Der ersten Importe folgte bald

eine zweite, eine dritte, nur mit dem Unterschied gegen früher, daß er

nicht mehr ganze Kisten kaufte, sondern Stück für Stück. Und wie der

Wein zu Ende war, kaufte er ihn flaschenweise. Die einzige, die wirklich

etwas von Ersparnissen empfand, war das Fräulein. Sie bekam keinen Wein

mehr, sondern nur noch Tee; und die Zuschüsse für die Toiletten hörten

gänzlich auf. Theaterbilletts sah sie auch nicht mehr. Fox setzte ihr

auseinander, sein Vater habe geschäftliches Unglück gehabt; er hoffe

aber, die Zeit der Einschränkung werde vorübergehend sein. Auf diese

Wandlung war sie nicht vorbereitet. Fox hatte sie zwar gelegentlich um

kleine Geldbeträge angegangen, die sie ihm auch bereitwillig gab, aber

das war doch nur geschehen, wenn es sich um Kleinigkeiten handelte und

er gerade nur lauter Hundertmarkscheine bei sich hatte. -- Jetzt merkte

sie nun, wie die Sache stand, und eines Abends sagte sie ihm in aller

Ruhe, sie möchte nun nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er machte ihr

Vorwürfe, sagte, die wahre Liebe überwände alles, aber sie sagte, nein,

das könne sie nicht überwinden, und zeigte sich gegen seine

Auseinandersetzungen sehr störrisch und verärgert. Und als er sagte: Na

also, auf Wiedersehen, nächsten Freitag! schwieg sie brummig. -- Am

nächsten Freitag blieb sie auch aus. Bon! dachte Fox, wenn sie nicht

mehr will, ist es ihre Sache. Die nächste wird von allem Anfang an etwas

knapper gehalten. -- Es kam nun ein anderes Fräulein, nicht ganz so

hübsch wie das erste, aber viel lebendiger; ja eigentlich viel zu

lebendig. Zu Anfang schwieg er und dachte: Es wird sich wohl legen; aber

es legte sich nicht. Fox liebte die Lebendigkeit nicht sehr. Das erste

Fräulein hatte doch auch viel mehr Gemüt gehabt! Er schrieb diesem

ersten einen sentimentalen Brief, während er sich unter der Hand nach

einem dritten Fräulein umsah und es dem Zufall überlassen wollte,

welches von den dreien nun in Zukunft bei ihm fußen würde. In der

nächsten Woche war die erste Freundin wirklich wieder da, und als sie

ihr Geld erhielt für die »Toiletten«, sagte sie, das Vergangene sollte

begraben und vergessen sein. Das andere Fräulein verließ den Schauplatz

so plötzlich, wie es ihn betreten hatte, unter Mitnahme mehrerer

wertvoller Gegenstände, aber ohne Zeichen einer Kränkung. Das erste,

eigentliche Fräulein fand von ihrer Nebenbuhlerin noch ein paar

Haarnadeln, sagte sich sofort, daß es natürlich sei, daß Fox inzwischen

einen Ersatz gesucht habe, und steckte sie in ihr eigenes Haar. --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 17 / 27 段