nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich möchte, daß
du sie sähest. -- Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. -- Was werden
deine Eltern denken? fragte er ausweichend. -- Sie werden sich die
Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, daß ich kein Kind mehr bin und
daß ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit
abgefunden. Meine Mutter weiß übrigens über dies Bescheid; sie weiß über
alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wäre noch viel schwerer
gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten
hätte. -- Pitt war über diese letzte Eröffnung sehr erstaunt. Ich
glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! -- Herta lächelte
und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich
glaube, du achtest die Frauen überhaupt viel zu wenig. -- Vor meinem
Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und
sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; -- übrigens machst du dir
von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den
allergrößten Blick für Menschen und Dinge, es ist etwas Großzügiges in
seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nächsten Angehörigen empfindet er
wie ein gewöhnlicher Bürgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber
abgewöhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut
für dich, für deine spätere Zukunft, wenn er jetzt ein günstiges Bild
von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, daß du keinen
Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du
fühlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?
Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien
sie ihm jedesmal etwas fremd. -- Er legte den Arm um sie, küßte ihr
glänzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor
ihm bestehen. --
Pitt zog sich zu Hause um, zögernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah
lange hinein -- und mit einem plötzlichen Entschluß entkleidete er sich
wieder, zog seinen gewöhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten
Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.
Damit verletzte er sie sehr. -- Hast du denn absolut nicht den Wunsch
gehabt sie kennen zu lernen? -- Er schüttelte den Kopf. -- Manchmal
verstehe ich dich nicht! -- Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah
sie nicht an dabei. -- Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte
sie, man muß Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen.
Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.
Es war ihr ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit von ihm bestätigt zu hören,
wie sehr er sich innerlich umgewandelt fühlte. Es erfüllte sie mit
Stolz, daß sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen
aufzurichten und ihm das Gefühl seiner Kraft zurückzugeben. Dies
Bewußtsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas
Kameradschaftliches bekam; überall war sie die selbstverständlich
Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, daß es doppelt auffällig
war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.
Jeden Morgen -- ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war -- holte sie
ihn in der Frühe zum Spazierengehen ab; er war immer schon längst fertig
und bereit, ehe sie ankam; das frühe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte
sich, einen wie großen Teil seines Lebens er früher verschlafen hatte.
Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an
die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht
unangenehm. Sein Gedächtnis, das in den letzten Zeiten etwas
nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frühesten Jahren.
Manchmal überraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer
ausstieß und in eine Ecke starrte. Er lächelte; -- wie doch alte
Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht
zufrieden und glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! --
Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für
ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder.
Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie
dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht
sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen
zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. -- Du hast
recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu
tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas
anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch
kein Mann.
Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul;
gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen,
und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust,
mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige
Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. -- Am
nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. -- Sie
lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah:
so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein
Umweg! -- Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit
zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf
den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit
dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir
waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen
zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen
treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit
vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber
wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und
Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann
das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders -- und wenn er
ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann
vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder
sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses
vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch -- wenn sie dann zusammen
durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte
er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich
dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und
zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was
ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine
Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten
vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst
verbreitend. -- Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege
stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist -- aber ich muß allein sein,
jetzt! -- Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück
und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel
mehr Angst. --
Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. --
Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! -- Sie
sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt
wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen
zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit
zurückzufinden? -- Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.
Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend,
zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du
seist mir in Wirklichkeit ganz fern. -- Er widersprach alsdann mit
großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie
sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.
Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr
herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen.
-- Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie
denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd
zusammen leben? -- Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und
allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte.
-- Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr;
er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker
und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit
geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer
quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten
hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit,
wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war,
diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit
geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine
Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber
nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte
werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann
wieder allein sein würde?
Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen
blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.
Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm
gegenübersaß und in eine Ecke starrte. -- Er sah sie an wie ein
hilfloses Tier.
Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. -- Liebst du mich nicht
mehr? fragte sie einmal. -- Er antwortete nicht. -- Weißt du es selber
nicht? -- Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe.
So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. -- Was ist es
dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? -- Ich
glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal
hinstellst, dort oben, in deinem Lande -- das Haus -- deine Familie --
wir selbst, auf immer verbunden -- -- Es überlief sie kühl. Vor all dem
hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre
Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. -- Ja,
sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du
weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich
kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel
Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am
besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir
niemand, niemand vermocht! -- Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er
ihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.
Aber am nächsten Tage war es wieder da. -- Wenn ich jetzt nicht
glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! Dieses Wort, das er
sich schon früher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam
ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bösen Traum umher. --
Bin ich denn verrückt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann
ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr?
Aber sogar diese Selbstgespräche verloren an unbewußter Ehrlichkeit, er
hörte sich wie einen andern, er wußte kaum selber mehr, was echt, was
unecht an ihm war. -- Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es
begann eine Zeit der Kämpfe für sie, der ewigen Selbstverleugnung, der
Überwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie,
alles könne vorübergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, daß es
besser sei, sie sähen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage
fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll,
während für ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie näherte sein
Gefühl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmählich zu
leiden. Sie begann zu fühlen, daß auch dieses Erlebnis zu einem Ende
führen würde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab
ihr ihre Kraft zurück. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen
das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. -- Ich weiß es,
sagte sie, daß du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst,
dein Gefühl für mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der
Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein würden. Ich will nicht
sagen, daß ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen
leben kann, wenn ich später dauernd mit ihm verbunden werde; du weißt
aus meinem früheren Leben, daß ich nicht so denke: Aber mit jemand
zusammen leben, der in einem späteren Zusammenleben nur etwas
Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht
aufwiegen könnte, was es an äußeren Unannehmlichkeiten im Leben gibt --
denn um die handelt es sich nur -- das kann ich nicht! Von einem solchen
Menschen weiß ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie für mich nötig ist!
-- Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du
nennst das äußere Unannehmlichkeiten -- für mich sind sie untrennbar vom
Leben überhaupt!
Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben.
Seine entsetzliche, plötzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor
einem späteren, gebundenen, bürgerlichen Leben, nachdem er eine große
Zeit lang alles überwunden zu haben schien durch ihre Liebe -- war dies
nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte
Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter
schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und für einen Augenblick
noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?
Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten
Selbstverständlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner
Natürlichkeit, er wurde gekünstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur.
Und mehr und mehr drängte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von
diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages faßte
sie den Entschluß, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige
Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.
Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn
nicht mehr. -- Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, muß
ich allem ein Ende machen; ich will nicht, daß etwas, das mir hoch
steht, herabgezogen wird, bis es schließlich triviale Gewohnheit wird,
die man bestehen läßt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise
führen viele Verhältnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von
der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir
auch zu gut, überhaupt ein solches Leben weiter zu führen, wie wir es
tun. -- In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulösen; das ganze
Zimmer, jedes einzelne Möbel schien sich plötzlich zu einer unerhörten
Bedeutung vorzudrängen; er sah mit einem Male, daß hier ein Bild etwas
schief hing, daß dort die Kante am Sekretär ein ganz wenig abgestoßen
war, daß jener Stuhl nicht ganz so schön mehr wäre, wenn seine Lehne
sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfügte --
und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. -- Ich liebe
dich, wie ich nur überhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und
blitzschnell schoß der Gedanke dazwischen: die vielen i's im Anfang
meines Satzes! Ich werde verrückt, was um Gottes willen ist dies! An
Gott glaube ich nicht einmal. -- Wie _du_ nur überhaupt einen Menschen
lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen
richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt für einen Augenblick
fast wie einen Maßstab der ganzen Höhe des Raumes ansah, obgleich er
verzweifelt auf sie blickte. -- Alles Glück, fuhr sie fort, ist dir nur
eine Selbsttäuschung, du bist überhaupt unfähig einen Menschen zu
lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das weiß
ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht über mich
bekommen, ich bin zu kräftig, als daß ich nicht alles überwinden könnte.
Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann für einen
andern, aber ich muß weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist
unmöglich. Ob ich jemals einen andern heirate weiß ich nicht, aber das
ist gewiß: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben
eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.
Alles an ihr atmete Kraft und Schönheit wie sie so sprach. Er war
vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurückgekehrt; ein
Schmerzgefühl durchriß ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen
Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie könnte ich
sonst so empfinden! Und er stürzte an ihre Brust, in aller Angst vor der
Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fühlte ihre Arme, aber sie
umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. -- Ich kann nicht von dir
fort, rief er heftig, du mußt bei mir bleiben, du wirst sehen, daß du
dich in mir getäuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwöre
dir, daß ich anders bin, nur laß mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! --
Er preßte seine Wange an ihren Kopf und starrte über ihre Schulter
hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem
gegenüberhängenden Spiegel ansahen. -- Herta schwieg und er ward
beruhigter. -- Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschluß, fuhr er
fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du
dir selbst nicht klar bist über alles, -- und mitten zwischen die Worte,
die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, daß ich ihre
Gestalt von hinten sehe. -- Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage.
Laß mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann laß mich
wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich
fügen, ohne Widerspruch. -- Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich:
während der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drüben redete
und nicht er selbst, obgleich er wußte, daß er sprach. Jetzt kehrte er
den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und -- als erwache er aus einem
dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte
sie und brach in Tränen aus. Er fühlte ihren Körper und wußte plötzlich
mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stück Leben, das
sich von mir losreißen will, das einzige lebendige, das ich besitze. --
Sie strich über sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe
ich dann alles anders. -- Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei.
Fühlte er wirklich stark zu mir, er würde mich nicht bitten, er würde
mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen müssen wie
heute. Er löste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und
geleitete ihn so zur Tür. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten
sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden für einen Augenblick
den Schauer offener und doch verschlossener Welten. -- Wie mit einem
Entschluß schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fühlte ihre Lippen
auf den seinen.
Sowie er draußen auf der Straße war, löste sich die Spannung in ihm. Es
war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise überstanden hat.
Die augenblickliche Gefahr schien vorüber, und, wie es bei solchen
Krisen zuweilen geht, daß der Patient, noch eben Abschied nehmend von
einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste
Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurückgeschenkt ist,
als etwas Selbstverständliches hinnimmt -- -- so richteten sich Pitts
Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Daß Herta
nach drei Tagen noch bei ihrem Entschluß verharren würde, glaubte er
nicht. Und er selber: Er würde sich Mühe geben, daß sie mit ihm
zufrieden war. Sie würden miteinander sprechen, er würde ihr sagen, daß
es wirklich für sie beide besser wäre, wenn sie sich nicht so sehr oft
sähen -- denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei
dem Gedanken, daß sie vielleicht wieder tagtäglich beieinander wären --
und damit war dann alles Schlimme beseitigt. -- Aber trotz aller
beruhigender Gefühle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist
eigentlich geändert gegen früher?
Der nächste Tag verging, der übernächste auch, der dritte begann. Hatte
Herta seinen Vorschlag ganz wörtlich aufgefaßt? Mehr und mehr hatte sich
diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt. --
Es ist nur das Wetter schuld, -- dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich
er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. --
Am Abend ging er hin zu ihr, im rötlichen Dämmer der Laternen, deren
Lichter wie flimmernde trübe Kugeln im Grau zu schweben schienen.
Wenn sie nun auf ihrem Entschluß bestände?
Eine alte Frau öffnete auf sein Läuten. Mit schlürfendem Schritt ging
sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurück, den das gnädige Fräulein
für ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht
selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. -- Verreist! antwortete
die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufügen hatte, zog sie sich wieder
zurück und schloß die Tür.
Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Stoß vor die
Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den
Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine
Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefühl war in ihm.
Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Straße. Er sah nicht,
welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhören, als
sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten
Laternen blieben allmählich hinter ihm, dann befand er sich in einem
endlosen stummen Grau. Endlich stieß er mit dem Fuß gegen etwas Festes,
gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den
Blick ins Nichts geheftet. --
Achtes Kapitel.
Fox Sintrup hatte, nachdem er die Stadt Lottes und Herrn Könneckes mit
Protest verließ, bald hier, bald dort studiert. Schließlich blieb er in
einer größeren Universitätstadt, die ihm behagte. Er arbeitete wenig,
wurde aber im Laufe der Zeit ein großer Feinschmecker und Weinkenner.
Dazu unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu den gewaltigsten
Persönlichkeiten.
So ein Lerchenzungenragout -- also es geht doch nichts über so ein
Lerchenzungenragout! -- So sprach er in der Weinstube, sah alle
Freunde der Reihe nach an und fügte hinzu: Höchstens ein
Nachtigallenzungenragout, das soll noch besser sein, das kenne ich
nicht; dann erzählte er, wie er neulich beim Kriegsminister eingeladen
worden sei, verstummte aber plötzlich -- scheinbar in ratloser
Überraschung. -- Teufel noch mal! rief er endlich und schlug mit der
Hand auf den Tisch, indem er die Gegenübersitzenden wie in starrer
Überlegung ansah, -- das habe ich ja total verbummelt! Kellner!
Briefbogen, Kuvert und einen Dienstmann! -- Während der Kellner
verschwand, erklärte Fox, er sei auch für heute abend beim
Kriegsminister eingeladen, habe diese Einladung aber vollkommen
vergessen. -- Schon manchmal hatten seine Freunde Zweifel an seinen
Angaben erhoben, aber was er nun tat, schlug jedes Mißtrauen nieder. Mit
Bleistift schrieb er flüchtig einen kurzen Brief, während ihm seine
Nachbarn ins Papier schauten. Er entschuldigte sein Ausbleiben, das er
um so mehr bedauere, als er nun leider darauf verzichten müsse, mit
seiner Exzellenz dem Handelsminister über seine nationalökonomische
Broschüre zu sprechen, die demnächst erscheinen werde. -- Der Brief ward
gefaltet, kuvertiert, auf den Umschlag der volle Name und die Adresse
des Kriegsministers geschrieben, und dem Dienstmann eingeschärft, das
Ganze sofort, aber sofort beim Hausdiener im Palais abzuliefern. Sintrup
verkehrt beim Kriegsminister! hieß es nun, und sein Ansehen war wieder
um eine kleine Stufe gestiegen. Niemand hatte bemerkt, daß Fox jenen
Brief nicht mit seinem Namen, sondern mit zwei unleserlichen
Anfangsbuchstaben unterzeichnete. Mochte der Kriegsminister sich denken,
was er wollte! --