Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefühl für Lotte aber war ganz

brüderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann

wurde es halbbrüderlich, und schließlich, als er sie einmal auf der

Straße sah, in ihrem Hausfrauenhütchen, den Kinderwagen schiebend,

dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder

zu deren Schwägerin? Daß er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam

ihm jetzt sonderbar vor.

So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte

leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er

bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies

Gefühl war süß und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm

hingeben, ohne seine Gemütsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages

wurde er aus diesen dämmerigen Empfindungen herausgerissen.

Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Säule

gelehnt, als er plötzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger

Künstler, auf eine etwas fremdländische Weise sehr elegant gekleidet,

und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverständlicher

Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als früher, alles an ihr

schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewußter

geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren

Begleiter hinwendete, blickte sie zufällig, ohne ihn bewußt zu sehen, zu

Pitt hinüber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurück, wandte ihn

aber im nächsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt

hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite

gewendet. Er fühlte, daß sie auf ihn zukam. -- Herr Sintrup! sagte sie

halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? -- Er löste sich aus

seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er

mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. -- Wie mich

das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hörte er sie sagen.

Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! --

Mir nicht! antwortete er endlich. -- Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen

so wenig erlebt? -- Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab:

Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich

einmal wieder für ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurück nach

Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich früher spielte? Das kommt

mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals für eine Ahnung von Musik

gehabt! -- Eine elektrische Glocke läutete, das Publikum strömte langsam

in den Zuschauerraum zurück. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu

ihr herüber. -- Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller,

damals habe ich wie ein Kind gespielt -- ich war ja auch noch ein halbes

Kind. -- Sie sah halb beunruhigt zurück auf ihren Begleiter. -- Sie

hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf

der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? -- Der studiert schon

lange! sagte Pitt. -- So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr

Sintrup -- wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund

Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See

gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch

ein paar Wochen; es würde uns freuen Sie wiederzusehen! -- Es läutete

abermals. -- Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach

Paris zurückgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal

wirklich! -- Sie hielt ihm die Hand entgegen. -- Adieu, Elfriede, sagte

er. -- Sie sah ihn an, als kämen diese Worte aus einer fernen,

halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den

freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem

Begleiter zurück, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet

hielt, aber sogleich höflich von ihm wegsah, als er seinen Augen

begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung ließ er ihr den Vortritt

durch die Tür, aber sein Blick streifte in unbewußter, vertrauter

Zärtlichkeit ihren Nacken.

Pitt verließ das Theater sofort; planlos ging er durch die Straßen, bis

er sich mit einem Entschluß nach einer festen Richtung wandte und die

Häuser der Stadt endlich hinter sich ließ. Er schritt dem Winde

entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es

und die Stämme standen unverrückbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem

andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine

Schläfen und beruhigte seine Gedanken. -- Was sollte er im Haus der van

Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer

Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fühlte er, hatte er Elfriede

ganz verloren. Ein ohnmächtiger Neid erfaßte ihn gegen den Menschen, der

die Stelle einnahm, die er selber hätte einnehmen können. Er wollte

Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mußte er jetzt ein für

allemal abschließen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin würde ihn das

Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und

so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! -- Er blieb aufatmend

stehen und sah sich im Kreise um. Über ihm rauschten die Pappeln, und in

seiner Brust fühlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding,

das unabhängig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er

selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das

er in der Stille der Nacht so deutlich fühlte, vor diesem Gestampf, das

an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen

da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der

Stadt, von irgendwoher tönte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch

das Blätterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf

einen der Stämme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte,

kalte Rinde. Seine Gedanken zerlösten sich, und wie er endlich heimwärts

schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als

rückten sie höher und höher in den Himmel und als senkten sich die

Sterne in ihr Laub hinein.

Am nächsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefühl, als sei er

letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das

Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt,

sondern in irgend einem Buch gelesen hätte; bis es ihm wieder klar

wurde, daß alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, daß er selbst

sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede

gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles bloß als Erscheinung an

sich vorbeigehen zu lassen?

Tage verstrichen, er rührte sich nicht. Dann traf er zufällig Elfriede

mit ihrem Freunde auf der Straße. Sie wollten in den Park spazieren

gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er

wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite.

Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, ließen sich

kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darüber

lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und

Elfriedes Freund, der sich im stillen darüber wunderte, was für

schwerfällige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, führte

die Unterhaltung, mit einem ausländischen Akzent, in ziemlich

gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam

plötzlich ein wunderschön gebauter eleganter französischer Satz heraus,

und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervorträte.

Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergnügt, aber dann erschien sie

auf Momente ganz zerstreut, Pitt fühlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten

mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit

einem melancholischen Lächeln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite,

und am Ausgang des Parkes blieb sie plötzlich stehen und sagte auf

französisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich

werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja

solange nicht gesprochen! -- Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber

sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt

von früherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als

Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine

besondere Freude gewesen einen früheren Kameraden Elfriedes kennen zu

lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.

Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er

später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber

als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. -- Sehe

ich Sie wieder? fragte Pitt; -- Ich weiß es nicht! antwortete sie. --

Er sah sie nicht wieder. Am übernächsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz,

sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris

zurückzufahren.

Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es

Elfriede, die ihn verließ. Sie fühlte, daß Pitt nicht für sie der

Vergangenheit angehörte und ahnte wohl, daß sie zurück in den früheren

Strudel gerissen werden könnte, wenn sie sich ihm überließ. -- Pitt

empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmächtige Gefühl des Neides -- das

ihm selbst so antipathisch war -- zerlöste sich. Aber nun war es

trotzdem, als sei ein Tor, das früher halb geöffnet war, für einen

Augenblick ganz geöffnet worden, und ehe er sich entschloß

hineinzutreten, schlug es zu und ließ ihn draußen stehen. Früher, wenn

er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hängt ja

nur von mir ab zu ihr zurückzugehen! Die Möglichkeit eines solchen

Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat

werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wäre, dachte er, würde

ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das

Tor einschlagen -- aber er fühlte, daß er nicht die Kraft dazu haben

würde, und dann, wenn es wirklich bis zur äußersten Frage, zur letzten

Entscheidung kommen sollte:

Wollte er denn überhaupt Elfriede haben, für das ganze Leben? Er fühlte

sehr wohl, daß es sich für sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln

würde. Hatte er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fühlte er nicht

bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? --

Ich bin ein schwächlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner

einzigen starken Empfindung fähig! -- Dann wieder schien es ihm, als

würde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser

Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und ließ ihn nicht zur

Ruhe kommen. Hätte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes

Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rüttelt

und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trägen,

empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann würde es sich ja

zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfähiges in mir habe, oder ob

ich nur ein Körper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. --

Er begann zu suchen. Er riß sich aus seiner toten Abgeschlossenheit

heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Künstlern vor allem, da

er das Gefühl hatte, in diesen Kreisen würde er am ehesten finden was er

suche.

Wieviel Kampf, Wärme und Zuversicht fand er plötzlich um sich herum,

wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenüber! Hatte er bisher blind gelebt,

daß er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge:

An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an.

Jeder hatte Wärme und Interesse für die Hoffnungen, für die Ziele des

andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fühlte Pitt so deutlich, wenn sie um

ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach

als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene

innere Kälte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich

loszuringen strebte, mit den kühlen Augen des Kunstrichters betrachtete,

der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden

möchte. Er schämte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu

entspringen schienen, und bemühte sich wärmer, lebendiger zu empfinden.

Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und

Malerinnen, eine Fülle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam

suchte er sich einzelnen zu nähern und zerschellte doch bei den ersten

Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges

Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden,

fühlte seine Seele eine größere Spannkraft. Aber sie ließ nach, wie er

nicht das Mädchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm

schenkte, und das ihm nun plötzlich wertvoller und schöner dünkte als

das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorüber.

Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Möglichkeit, in

einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem

ganz starken Gefühl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glücklich

und halb unglücklich. Es schien, als habe das Schicksal über ihn

entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos

einen Gegenstand, ließ ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was

habe ich nur? Ist es denn wirklich möglich?! Kann ein einziger Anblick,

ein einziges Sehen über einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel

Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen müssen, um jetzt wie mit einem

Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mädchen als

Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und

sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmäßig, und ihr Haar

viel glänzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr

verglichen schwächlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal

gegenüberständen! Herta hieß sie mit Vornamen, und es schien ihm, als

könne diese kräftige nordische Gestalt gar nicht anders heißen! Morgen

würde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er

konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im

hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weißen Malkleid, das den

schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freiließ; keine

Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem großen, blauen Blick,

es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch

einen Zufall getrennt gewesen.

Sie stammte aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands, aus einer

hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte.

Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie

Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, söhnte er sich

allmählich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem

Vaterglück fehlte nun nichts weiter, als daß seine Tochter nach Hause

gekommen wäre und geheiratet hätte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr

der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre

Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie

sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglück

in großem Stil vor, wie man es auf prunkvollen holländischen Bildern

gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige

Erlebnisse endeten mit Enttäuschungen, ohne ihre feste Natur im

mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine

verträumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog

ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung

gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mädchen so entgegengekommen

war, fühlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzählte ihr

sein ganzes Leben, und während sie kein Wort verlor, wurde in ihr der

Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr

noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich täglich, und

während er wähnte, die Erfüllung könne noch in weiter Ferne liegen, war

für Herta selbst alles längst entschieden. Dann kam ihre heftige

Einigung. --

Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war

ausgelöscht, eine unbekannte Frische kam über ihn, seinem Dasein schien

ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glückes, der

Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie für sein Leben

erhofft hatte. -- Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfaßlich

war ihm alles: Wie war es möglich, daß er wirklich ein Mädchen sein

eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wußte! Bisher

hatte er mit dem Gefühl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes

verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering

erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! --

Wie lange ihr enges Verhältnis zu Pitt dauern würde, wußte sie selbst

nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in

allem was das Leben anging, überlegen fühlte, in die Hand zu nehmen, und

jetzt, wo sie ihn näher kennen lernte, ward ihr dies Gefühl befestigt.

Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmöglich. Nur ein

paar Tage waren sie zusammen im Süden, dann verlangte sie zurück in ihre

Tätigkeit. Pitt gewöhnte sich daran ihr in allem sich zu fügen. Sie

verlangte, daß er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er

fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn

verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein

Vater würde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich

kennt, denn nach seiner Schätzung taugen im Grunde nur die Menschen

etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!

Sie setzte es durch, daß Pitt sein Examen bei der nächsten Gelegenheit

machte. Er sagte, er fühle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel

Semester er nun allmählich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er

sich jetzt noch nicht sicher fühle, würde er sich niemals sicher fühlen.

Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen könne er nicht, und

das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den

sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup

gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die

feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz

wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einfluß hinter

ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, daß ihn jemand trieb; zum Scheine

weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer

Forderung. Die hörte er so gern, und mit Vergnügen sagte er dann endlich

lächelnd: Nun also -- in Gottes Namen! -- Und nach ein paar Monaten

machte er das Examen und etwas später bekam er auch den Doktortitel, da

Herta sagte, es käme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas

mehr arbeite. Dann aber gab es Kämpfe was nun werden sollte. Referendar

werden wollte er nicht, er wollte überhaupt nun nichts mehr mit der

ganzen Juristerei zu tun haben; wußte aber auch nichts anderes. Ihr war

diese Eröffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrückt. Dann

begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, daß Pitt sich zu

allem bereit erklärte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm

nach diesen Gesprächen auch nicht mehr so entsetzlich wie früher: Hertas

Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die größten,

einflußreichsten Verbindungen, durch sie würde es ihm leicht werden,

eine gute einträgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie

vielleicht nie erreicht hätte, und großen Eindruck machte es ihm, daß er

dann kein königlicher Angestellter war, sondern daß er unter einer

Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater

selber war. -- Herta lächelte für sich, als er ihr eines Tages erklärte:

Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; -- er meinte

damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich später aus uns

beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus für

dich und wir besuchen uns wann wir mögen! -- Laß uns nicht daran denken,

sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd

zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht

anders möglich, als daß wir den Schritt tun, den die meisten tun, die

zusammen bleiben wollen. -- Pitt verzog unwillkürlich das Gesicht, wie

wenn er etwas Bitteres schmecke. -- Wäre dir der Gedanke so schrecklich?

fragte sie. -- O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte

dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach öfter von der

Möglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie

sich ihre und Pitts nähere Zukunft aus. Sie sprach von einem schönen

Haus, das sie sich bauen würden. Sie wußte schon den herrlichsten Platz

dafür. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem

Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen,

auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren würden, von ihren

Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der

Ahnenbilder, von denen sie ihm erzählte, die zu Haus im großen Saale

hingen, und er wunderte sich über ihren festen Zusammenhang mit ihrer

Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher

Zusammenhang gänzlich, und bei ihren Worten überschlich ihn zuweilen ein

dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder

sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.

Wie ist es nur möglich, sagte er einmal, daß ein Mensch so stark

verwandtschaftlich empfinden kann! -- Es kommt eben nur auf die

Verwandten an! entgegnete sie. Das ließ er gelten, obwohl er wußte, daß

da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach

nichts davon aus, da er fühlte, daß, wenn sie dann darüber stritten und

er Herta schließlich recht gäbe, eine Einigung doch nur ganz

oberflächlich sein würde. Und zugleich rührte diese Frage überhaupt an

Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.

Du möchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem

Luftschloß redete, daß wir unser Haus verschlössen und gar niemand

hereinließen? -- Er lächelte, und zugleich durchzog ihn eine halb

peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein

sein würden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, für ihn war es

vorläufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es

auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin

wäre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister:

Lauter blonde, großgewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten

unter sich Ähnlichkeit, wie die verschiedenen Blätter desselben Baumes.

-- Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus

einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter

mitgab, wie er ins erste Semester ging. -- Deinem Vater bist du nicht

ähnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu

diesem Kopf gekommen! -- Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild

wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller Ähnlichkeit, zu

laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern

betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren. -- Es wäre besser, sagte er

endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Körper aufgäben und nur aus Kopf

beständen! Wieviel Aufregung und Gräßliches würde ihnen erspart bleiben.

-- Und das sagst du zu _mir_?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie

begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Möchtest

du, fuhr sie fort, daß wir beide körperlos wären? Ist dir dein Körper so

wenig lieb? Er antwortete nicht. -- Was für einen Unsinn redest du! Mein

Körper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und

alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber möchte ich auf

alles, alles verzichten als den kleinsten körperlichen Makel haben; du

redest wie ein alter Mann und sollst dich schämen! -- Er lachte und

zuckte die Achsel, und wie er sie so blühend vor sich sah, den

lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er:

Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, daß sie nicht

körperlos ist! und schloß sie heftig in seine Arme. -- Siehst du nun wie

dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so

bewegungslos, daß endlich seine Gedanken abirrten, bis er die

körperliche Ermüdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren

Armen befreite.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 15 / 27 段