Wer ist da draußen? fragte Frau Bornemann von innen. -- Ich! -- Aber das

Wort kam so tonlos heraus, daß sie etwas lauter hinzusetzte: Lotte. --

Jetzt öffnete sich die Tür, Frau Bornemanns Gesicht zeigte sich, freudig

überrascht: Ach Lotte, Lottchen, du bist es! -- Aus der Wohnung drinnen

erklang ein Klavier, jemand spielte einen Walzer. Lotte hielt sich gegen

einen Pfeiler gedrückt, unbeweglich stand sie da. Frau Bornemann wollte

auf sie zugehen, aber nach dem ersten Schritt hielt sie inne, der

freudige Gesichtsausdruck verschwand, entsetzt starrte sie auf ihre

Enkelin. Lotte wollte etwas sagen, irgend etwas, es war, als sei ihr die

Kehle fest zugebunden. -- Allmächtiger Gott! hörte sie da die Stimme

ihrer Großmutter rufen, langsam, ganz wie aus der Ferne. Frau Bornemann

trat auf sie zu und sah sie mit einem Blicke an, daß Lotte die Augen

schloß. Sie öffnete sie aber gleich wieder, da sie ein Geräusch hörte,

das ihr zum Herzen fuhr: Frau Bornemann tastete in die Luft und wankte.

Lotte hielt sie und vermochte sie hineinzuführen ins Zimmer. Sie setzte

die alte Frau in ihren Lehnstuhl und ließ sich selbst auf das Sofa

sinken, betäubt, stumpf. -- _Die_ Schande! rief Frau Bornemann auf

einmal laut, und Lotte sah entsetzt auf sie, denn es klang gar nicht wie

die Stimme ihrer Großmutter. -- _Die_ Schande! wiederholte sie, und

plötzlich machte sie sich aus ihrem Sessel los und trat auf Lotte zu:

Fort, fort aus dem Hause, fort aus meinen Augen, du hast hier nichts

mehr zu suchen, mach, daß du herauskommst, geh hin wo du hergekommen

bist, ich will nichts mehr von dir sehen, heraus sollst du, hast du mich

nicht verstanden? -- Sie drängte Lotte durch das Zimmer auf den

Vorplatz, und vom Vorplatz wollte sie sie durch die letzte Tür zur

Treppe drängen. -- Aber Großmutter -- aber Großmutter -- mehr brachte

Lotte nicht heraus, doch sie klammerte sich fest an sie, in Todesangst,

so daß Frau Bornemanns Kräfte erlahmten. -- Was ist denn da draußen los?

tönte eine fremde Stimme aus der Tiefe des Ganges. Die Musik war

plötzlich abgebrochen. -- Ein kurzes Schweigen herrschte. Frau Bornemann

hatte einen neuen furchtbaren Schreck bekommen, während Lotten diese

Stimme wie eine Hilfe, wie eine Rettung aus ihrer Not klang. -- Nichts

ist los! antwortete Frau Bornemann mit unsicherer Stimme, gar nichts ist

los, spielen Sie nur ruhig weiter. -- Die Tür schloß sich, nachdem sich

der Fremde noch einen Augenblick lauschend oder wartend auf der Schwelle

verhalten haben mußte. Frau Bornemann ließ Lotte auf ihrem Platze stehen

und tastete sich in ihr Zimmer zurück. Das Klavierstück ertönte von

neuem. Lotte blieb unbeweglich. Ihr war, als sei sie überhaupt gar nicht

mehr auf der Welt. -- Aber sie konnte doch nicht immer hier stehen

bleiben! Halb ohne Bewußtsein von dem was sie tat, schritt sie auf den

Vorplatz zurück, schloß die Tür und suchte dann den Eingang zu ihrem

eigenen Zimmer. Aber die Musik klang hinter dem Holz ganz laut, so daß

sie den Griff wieder sinken ließ. -- Zwei Mieter; dachte sie mechanisch,

ich habe draußen doch nur _eine_ Karte gesehen. In Foxens Zimmer konnte

sie auch nicht; sollte sie in die Küche? Nein, sie wollte zur

Großmutter, sie wollte ihr alles erzählen, sie mußte sie erweichen. --

Frau Bornemann hatte sich aufs Sofa gelegt und hielt das Gesicht mit

beiden Händen bedeckt. -- Großmutter! -- -- Großmutter!! -- Schrei noch

das ganze Haus zusammen, flüsterte Frau Bornemann mit heftiger Stimme,

posaune deine Schande nur aus, dir liegt ja nichts an dem Ruf der

Familie, es ist dir ja ganz gleich, ob du deine Großmutter ins Grab

bringst -- o hätte ich das gewußt, als ich dich zu mir nahm, daß du

meine Liebe mit so schnödem Undank erwidern würdest! -- Sie überhäufte

Lotte nun mit den ärgsten Schmähreden, die Lotte stumpf über sich

ergehen ließ. -- Aber wie sich Frau Bornemann in ihren Ausdrücken jetzt

immer noch zu überbieten suchte, brannte in ihr ein Gefühl bitterer

Empörung auf: Du bist ja selbst mit schuld! rief sie, wie ein Kind hast

du mich gehalten, nichts habe ich gewußt, gar nichts, ahnungslos habe

ich etwas getan ohne überhaupt zu wissen was es war. -- Frau Bornemann

stand wie versteinert. Dann brach sie los: Ich, ich hätte dich

gewissenlos erzogen? Ich, die immer nur dein Bestes im Auge gehabt hat?

Danke deinem Schöpfer, daß ich dich wie ein Kind gehalten habe, rein und

unberührt! Sollte ich deine und meine Ohren mit solchem Schmutz

entweihen? War es nicht genug, daß ich dich warnte vor den Männern, daß

ich dir sagte: Der Mann ist gleißnerisch, schön tut er in seinen Reden,

aber, läßt man sich mit ihm ein, so lugt der Satan hervor?! Und mach du

mir nicht weis, daß du mich nicht verstanden hättest! Ich bin selbst zur

Schule gegangen und weiß, worüber junge Mädchen leider Gottes viel zu

viel reden! Die eine weiß dies, die andre weiß das, und wenn es auch

manchmal nicht stimmt, den _Kern_ trifft es immer! Es gelingt dir nicht,

dich reinzuwaschen, schmutzig bist du und bleibst du, und an deiner

Großmutter hängt auch nicht das Stäubchen von einem Makel! -- Lotte

wollte antworten, die Gedanken verwirrten sich ihr. -- Laß dir doch

wenigstens alles erzählen wie es gekommen ist! Frau Bornemann zitterte

am ganzen Körper: Ich will nichts hören, ich sehe schon genug! Meine

Ohren sollen nicht auch noch befleckt werden mit diesem Kot! Und als

Lotte dennoch zu reden anhob, hielt sie sich wirklich die Ohren zu. --

Was sollte nun werden? Bestand die Großmutter darauf, daß sie das Haus

verließ? Frau Bornemann hielt die Augen geschlossen und rührte sich

nicht. Es wurde Lotte plötzlich dunkel vor den Augen. -- Wo willst du

hin?! fragte Frau Bornemann herrisch, als sie Lottes Bewegung hörte und

dann sah. -- Du rührst dich nicht vom Platze! keinen Schritt tust du,

ohne mich um Erlaubnis zu fragen! Was willst du in der Küche? -- Essen.

-- Essen! Seh einer mal an! Essen möchte sie, wenn ihre Großmutter am

Tode liegt, durch ihre Schande! Nichts wird gegessen, und jetzt setzt du

dich augenblicklich hin und erzählst mir von Anfang an wie alles

gekommen ist! -- Lotte setzte sich und schloß die Augen. -- Nun, wird's

bald? -- Und Lotte erzählte; alles was sie sagte, kam ihr selbst

unsäglich schmutzig und verabscheuenswert vor, obgleich sie nicht viel

mehr erzählte, als was sie früher Pitt und Fräulein Nippe anvertraut

hatte. Frau Bornemann unterbrach sie durch einzelne Rufe der Klage oder

des Ekels. -- Dieser Lump! dieser Heuchler! dieser Schuft! Und das alles

unter meinen Augen beinah, unter meinen reinen, ahnungslosen Augen! Und

weshalb bist du nun im letzten Augenblick doch her zu mir gekommen? --

Ich hatte Sehnsucht nach Hause und nach dir! -- Frau Bornemann schlug

ein höhnisches Gelächter auf: Hast du mich so lange betrogen, hättest du

mich auch noch ein bißchen länger betrügen können, das wäre dir wohl

nicht allzuschwer geworden! Geld wolltest du haben, das ist die ganze

Geschichte, Geld, jetzt, wo es dir an den Kragen geht! Dazu ist die alte

Großmutter gut genug, versteht sich, nun muß ich auch noch das letzte

hergeben, mein Sparkassenbuch, für dich, du Rabenkind! -- Geld, sagte

Lotte, brauche sie nicht, für Geld sorge Fox. -- Nenne diesen Namen

nicht mehr! Ich will ihn nicht hören! und, ihre ersten Worte vergessend,

fügte sie hinzu: Natürlich, dafür hat sie gesorgt! kaltherzig gesorgt,

alles hinter meinem Rücken! Als ob es nicht meine Sache gewesen wäre,

das Geld zu schaffen! Ich hätte den Monsieur schon anders fassen wollen!

Zu seinem Vater wäre ich gereist! Wieviel gibt er dir, der Monsieur? --

Ich weiß es nicht, sagte Lotte stumpf, aber er hat mir schon viel

gegeben und noch viel versprochen. Frau Bornemann erklärte, sie werde

sich noch diese Nacht auf die Bahn setzen, und zu seinem Vater reisen.

Lotte beschwor sie, das nicht zu tun, es werde ja auch aus der Ferne

alles geregelt werden.

Sie fühlte sich ganz schwach; sie sagte, sie _müsse_ etwas zu sich

nehmen, sie wäre einer Ohnmacht nahe. -- Hier bleibst du! rief Frau

Bornemann, sich vom Sofa erhebend, keinen Schritt tust du, ohne mich zu

fragen, verstanden? Ich bringe dir schon was du nötig hast. -- Sie ging

hinaus und bereitete ihr ein kleines Abendessen. Lotte aß heißhungrig,

ohne ein Wort, dann bat sie um einen Schluck Wein. --

Frau Bornemann beruhigte sich in den nächsten Tagen allmählich, ihre

Klagen wurden weniger heftig: Ach das Kreuz, ach das Kreuz, das Gott mir

auf meine alten Tage noch auferlegt hat! -- Ihre größte Angst und

Besorgnis war, es möchte jemand aus dem Haus, aus der Umgebung etwas von

der Schande erfahren. Lotte durfte keinen Schritt aus dem Hause, ja

selbst nicht aus dem Zimmer tun. Den beiden Mietern wurde unvermittelt

gekündigt. Demütig bat Frau Bornemann, sie möchten Rücksicht auf sie

arme Frau nehmen: Ihr Sohn in Amerika habe seinen Besuch plötzlich

angesagt, es sei dies die letzte Freude ihres Lebens, obgleich er

totkrank sei und sie ihn pflegen müsse, und wenn sie ihn nun nicht

einmal bei sich aufnehmen könne, so wisse sie nicht, wie sie den Kummer

und die Beschämung überleben solle! -- Die beiden Herren waren gutmütig

genug Rücksicht zu nehmen und auszuziehen. -- Ich wäre fast in den Boden

gesunken vor Scham, als ich ihnen das vorlog! Ich ehrliche Greisin, daß

mich meine eigene Enkelin noch auf meine alten Tage zwingt, Unwahrheiten

zu sagen! -- Lotte antwortete nichts, sie schwieg jetzt immer, wenn die

Großmutter schalt; und Frau Bornemann schalt noch genug. Immer wieder

fing sie von vorne an, jeden Tag, wenn auch ihre Ausdrücke allmählich

mehr gleichsam hergesagt klangen. Nachdem sie von sich selbst nichts

mehr zu sagen wußte, ging sie zu den Eltern über und sagte, die würden

aus ihren Gräbern fluchen. Und dann fügte sie hinzu: Dein Vater

allerdings täte besser seinen Mund zu halten, von dem hast du's geerbt,

dies saubere Wesen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Ach Gott, daß

ich auch dem damals meine Tochter geben mußte!

Lotte zog sich ganz in sich selbst zurück. Am schmerzlichsten war es

ihr, daß ihr eigener Anblick der Großmutter so verabscheuungswürdig war,

daß sie sie ohne ihren Willen, gegen ihren Willen immer wieder an das

Unglück erinnern mußte. Und diese Erinnerungen wurden zu Mahnungen. Sie

überwand sich Frau Bornemann zu sagen, daß es nun an der Zeit sei,

Schritte zu tun oder zu veranlassen. Einsilbig, blaß, vergrämt saß sie

in ihrem Winkel, aus dem sie sich, wenn es dunkel war, erheben durfte,

um, in einen weiten Mantel gehüllt, einen Schleier um den Hut gebunden,

lautlos und langsam die Treppe hinabzusteigen und ein wenig an die Luft

zu gehen. Sie schrieb an Fräulein Nippe, daß nun doch alles anders

gekommen wäre, und daß ihre einzige Hoffnung sei, sie möchte bei der

Geburt mit dem Kinde zugleich sterben, denn sie sähe weder für sich noch

für das Kind irgendeine künftige Lebensfreude voraus. Daß Fox sie einmal

heiraten werde, daran denke sie nicht mehr, könne es auch gar nicht

wünschen, denn all ihre Liebe zu ihm sei erloschen, sie begreife nicht,

daß sie ihn überhaupt je einmal geliebt habe. Was werden solle, wisse

sie nicht, sie suche die bösen Gedanken zu verbannen, aber sie kämen

immer wieder. Das Kind sei nun in den allernächsten Tagen zu erwarten.

Und doch könne sie nicht anders als sich wieder freuen auf dies Kind,

das ihr einziges und alles sei, was sie besitzen werde, auf das sie

allein und niemand anders ein Recht habe, und das seine Mutter

vielleicht doch einmal lieb haben werde, so daß sie nicht ganz allein

und ausgestoßen auf der Welt sei. --

Fräulein Nippe las diesen Brief tränenden Auges Herrn Könnecke vor, und

Herr Könnecke sagte: Ach das arme Kind, wenn ich nur wüßte wie man ihr

dauernd helfen könnte! -- Herr Könnecke wußte es allerdings ganz genau.

Er hatte schon manchmal über diese Hilfe nachgedacht, die gar keine

Hilfe war, auch gar keine »gute Tat«, denn er erwies sich ja selbst

etwas Gutes damit! Aber dem standen wieder Bedenken entgegen: Er wußte

ja gar nicht, ob Lotte ihn wirklich nehmen würde, wenn er sie darum bat,

und dann -- seine Cousine! Es kam ihm so schlecht gehandelt vor, so

beinah heimtückisch, wenn er nun Lotte heiraten und sie dann allein

lassen würde. Er hätte nicht gewußt, wie er überhaupt nur den Mut haben

sollte ihr das zu sagen, denn sie war doch so gut, so engelsgut zu ihm!

Sie hatte das Leben und seine Aufregungen und Plagen mit ihm geteilt.

Sollte nun das der Dank sein, daß er sie verließ? -- Aber Fräulein Nippe

war seinen Gedanken schon seit langem auf der Spur. Und da er nicht

redete, so redete sie. Er wurde dunkelrot bei ihren ersten Worten. --

Ich weiß ja, sagte sie mit leisem Zittern in der Stimme, ich weiß ja,

daß ich dir nie mehr als eine Schwester sein kann, und was war der

Wunsch meines Lebens? Mit diesen meinen Händen hätte ich die Backsteine

zusammengetragen, um dir einen häuslichen Herd zu bauen, Zentnerlasten

hätte ich für dich geschleppt, gearbeitet hätte ich für dich, bis ich

vor Erschöpfung zusammengebrochen wäre, mit erstarrten blauen Händen in

der Winterskälte -- es hat nicht sollen sein! Habe ich nun auf das Glück

verzichtet, warum willst auch du auf das Glück verzichten? Liebster,

wonnigster, einzigster Mann, greif zu! Das Glück liegt auf der Straße!

Wahrhaftig, wirklich auf der Straße! Das arme Kind ist ja so gut wie auf

die Straße gesetzt! Da sitzt sie nun auf einem Meilenstein und streckt

suchend die Hände aus nach einer Stütze! Sei du ihr diese Stütze, sei du

ihr der Eichbaum, an dem sie sich emporrankt! Sie nimmt dich, das ist

ohne Frage! Man hat doch Dankbarkeit im Leibe! Ich sollte die Frau nicht

kennen, wenn ich nicht wüßte: wenn eine von ihrem Schatz verlassen ist,

noch dazu wenn sie ein Kind erwartet, und es kommt ein andrer und steht

ihr als wahrhafter und guter Freund bei, daß sie den dann nicht lieben

sollte. Erst Dankbarkeit, dann Liebe, das kommt so sicher, wie auf den

Blitz der Donner folgt. Laß du nur, so schloß sie, dem gewählten Bilde

eine neue Deutung gebend, dies Donnerwetter erst einmal vorüber sein,

das die schlummernde Frucht aus dem Mutterschoß der Erde an das Licht

emporbringt, und dann spanne du den Regenbogen des Friedens zwischen ihr

und ihrem Schicksal! Ich selbst aber lächle dann wunschlos auf euer

Glück herab und füge eure Hände ineinander! -- Sie schluchzte und barg

die Stirn an Herrn Könneckes Schulter. -- Nein, ich verlasse dich

niemals! sagte er. -- Aber möchtest du sie denn nicht heiraten? -- Er

überlegte, wie er ihr antworten sollte ohne ihr weh zu tun, denn dazu

genügte seinem Gefühl nach schon ein »Doch«, das ihm auf der Zunge

schwebte. -- Diese Pause, sagte sie, ist ein ganzer Band, in dem ich die

Geschichte deiner Seele lese, du bist mir wie ein aufgeschlagenes Buch,

in dem jede Seite rein und weiß ist. -- Er weigerte sich nun aber doch,

irgend einen Schritt zu tun, denn diese Liebe und Güte rührte ihn

zu sehr. Da aber sagte sie, es wäre ein Verbrechen, eine

Unterlassungssünde, die er jetzt zu begehen im Begriff sei, ein

Verbrechen wider das keimende Leben seiner Liebe, die er mit gefühlloser

Hand zu erwürgen trachte. Wenn _er_ keine Schritte tue, so tue _sie_ sie

ganz wahr und heilig. -- Und du? fragte er. Wo willst du denn später

hin? Es ist doch schrecklich für dich, wenn du dann allein bist! -- Ich?

ich wohne dann selbstverständlich nach wie vor bei dir! Ein bißchen

Liebe wird wohl noch für mich abfallen, wenigstens soviel, als ich

bisher genossen habe; ich habe mich doch wahrhaftig daran gewöhnt mich

zu bescheiden; ohne mit der Wimper zu zucken, kann ich zusehen, wie du

deine Frau küßt!! -- Sie hatte sich aus seinem Arm gelöst und stand in

einer heroischen Haltung da. Sie fühlte sich ganz als Trägerin einer

großen, hehren Rolle; sie erschien sich wie ein Abgesandter Gottes, wie

ein Engel, der das Glück bringt; ja mehr als das, denn ein Engel ist

wunschlos und dem Erdenkummer fern. -- Herrn Könnecke hatte es, ohne daß

er es wollte, etwas unbehaglich durchfahren, als sie sagte: sie bleibe

dann selbstverständlich bei ihm. Er verbannte dies Gefühl aber sogleich

als schlecht und niedrig, er wußte nicht einmal, wie er zu ihm gekommen

war, und nach einer Pause sagte er: Ja, wenn du wirklich meinst -- --?!

Und als Fräulein Nippe auf Lottes Brief eine Antwort schrieb, fügte er

einige Worte bei, daß auch er in der Ferne viel an sie denke und

teilnehme an ihrem Schicksal.

Lotte war dankbar, unsäglich dankbar, namentlich für seine Worte, da sie

so einfach und natürlich waren, während Fräulein Nippes Sätze einen so

getragenen Stil der Empfindung zeigten. Um so dankbarer war sie, als sie

als einzig Wohltuendes in ihre öde Einsamkeit gelangten. -- Frau

Bornemann hatte allerdings ihre bösen Reden aufgegeben, da sie sah,

welch schlimme Wirkung sie auf Lotte taten, aber sie sprach nun so gut

wie gar nicht mehr zu ihr, erledigte alles was sie für ihre Pflicht

hielt, und glaubte damit den Anforderungen zu genügen, die man an sie

stellen konnte. Mit der größten Geheimhaltung waren alle Vorkehrungen

getroffen, Ehrenwörter auf Verschwiegenheit abgenommen, alles Notwendige

war in entfernten Stadtteilen eingekauft, und endlich trat das Ereignis

wirklich ein.

Lotte überstand es gut und glücklich. Es war ein Knabe, dem sie das

Leben gab. Mit stillem Glück betrachtete sie das kleine Wesen, um das

sie soviel tötliche Angst, soviel Sorge, Kummer, Erniedrigung und jetzt

auch noch die heftigsten körperlichen Schmerzen erduldet hatte. Ganz

klein und still lag es da, mit geschlossenen Augen und geschlossenen

Fäustchen. Frau Bornemann sah halb mit Ekel, halb mit Mitleid auf das

arme kleine Ding, die Frucht der Sünde. Anfangs wollte sie überhaupt

nichts mit ihm zu tun haben, und erst als die wartende Frau erklärte,

ein solch steinhartes Herz sei ihr noch nicht vorgekommen, ging sie ein

klein wenig in sich und nahm sich vor zu zeigen, daß ihr Herz nicht

steinhart sei. Dieser Ausdruck hatte sie im Innersten getroffen und tief

gekränkt. Erinnerungen an frühere Geburten in ihrer eigenen Familie, aus

den verschiedenen Generationen, wurden in ihr wach, ohne es recht zu

wollen begann sie sich für das Kind zu interessieren, und als sie es

einmal auf die Arme nahm und Lotte sich so glücklich darüber zeigte,

sagte sie: Ach Gott, was könnte man froh sein, wenn alles mit rechten

Dingen zugegangen wäre!

Sowie sie imstande war zu schreiben, teilte Lotte das Ereignis Fräulein

Nippe und Herrn Könnecke mit. Beide schrieben sogleich zurück, und

Fräulein Nippe sprach am Schluß dunkel von einer Wiedergeburt im Geiste,

was Lotte nicht verstand.

Lotte lebte nur ihrem Kinde; als es das erste Lächeln zeigte, strömte

eine ganze Flut von Glück und Wonne über sie, alles Böse, alles

Entsetzliche war ausgetilgt, dies Lächeln war der Gruß aus einem neuen

Leben.

Wochen vergingen, aber eines Tages läutete es draußen, und als Frau

Bornemann öffnete, stand da ein Herr von mittleren Jahren, der etwas

verlegen seinen Hut drehte und sie in einer ernsten Angelegenheit zu

sprechen wünschte. Sie führte ihn in ihr Zimmer, er setzte sich ihr

gegenüber, öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Frau Bornemann

betrachtete ihn mit wachsender Unruhe. Kam da wieder ein neues Unglück?

Aber der Herr sah vertrauenerweckend aus, und eher so, als wolle er ihre

Hilfe. Richtig, da sagte er es schon: Ich möchte Sie um etwas bitten! Er

hustete, um die Pause auszufüllen, die dann folgte, und deren Ende er

selber noch nicht absah. Frau Bornemann kam plötzlich der Gedanke, sie

solle für irgend einen wohltätigen Zweck Geld hergeben, und gerade

wollte sie sagen, daß sie das nicht könne, als Herr Könnecke plötzlich

einen Anlauf nahm: Ich höre, sagte er, hier hat eine Geburt

stattgefunden! Und seine Augen blickten ausruhend der Richtung nach, die

seine Worte genommen hatten, gerade auf Frau Bornemann hin. -- Ach Gott

sind die Gerichte gründlich! klagte sie. Was wollen sie denn _nun_ immer

noch wissen? -- Herr Könnecke machte erst ein nicht verstehendes

Gesicht, dann sagte er: Ich komme doch nicht vom Gericht! Damit habe ich

nicht das geringste zu tun. Ich bin gekommen, um zu fragen, ob Lotte

wohl -- ob Lotte wohl -- --: also ich möchte sie gern heiraten! -- Aber

wer sind Sie denn? fragte Frau Bornemann, äußerst überrascht. -- Ach so,

das habe ich vergessen! Er fuhr in seine Rocktasche, überreichte ihr

seine Visitenkarte und sagte gleichzeitig: Könnecke ist mein Name,

Wilhelm Könnecke. Ihre Enkelin hat lange bei uns gelebt und ich habe sie

lieb gewonnen. -- Frau Bornemann wurde immer verwirrter: Also sind _Sie_

der Vater von dem -- von dem Kinde? Lotte sagte mir doch -- -- -- Ich?

och nein! Ich bin nicht der Vater, sagte Herr Könnecke mit aufrichtiger

Stimme. -- Ja -- aber -- -- Frau Bornemann merkte erst ganz allmählich,

daß Herr Könnecke Lotte wirklich nur um ihrer selbst willen heiraten

wolle, und: -- allerdings auch mit darum, wie Herr Könnecke jetzt mit

gründlichem Ton versicherte, daß das Kind einen legitimen Namen erhält!

-- Mit _dem_ Makel? Mit _dem_ Makel?! -- Frau Bornemann geriet beinah in

eine Extase der Dankbarkeit. Herr Könnecke aber verbat sich jeden Dank:

_Er_ habe zu danken, wenn Lotte ihn wirklich nähme. -- Da ist ja gar

kein Zweifel über! rief sie, das Kind wird ja weinen vor Freude. -- Sie

wollte ihn sofort zu Lotte bringen, aber er sagte, er wolle erst am

Nachmittag wiederkommen, Lotte müsse sich die Sache gründlich überlegen.

-- Ach _die_ Ehre! ach _die_ Ehre! rief Frau Bornemann ein übers andere

Mal, ihn zur Tür begleitend. -- Lottchen, Lottchen, liebes Lottchen!

denk dir, du wirst wieder ehrlich! Sie erzählte mit einem Schwall von

Worten das Vorgefallene. Lotte hörte unbeweglich zu, mit großen Augen.

-- Nun? du redest nichts? du sagst nichts? du willst ihn wohl am Ende

gar nicht? Wie? Lotte, jetzt schwöre ich dir eines: Ich sage dir, Gott

selbst hat dir diesen Mann gesandt! Er hat Mitleid mit mir armer Frau

gehabt! Er hat mein Gebet erhört! Und nun -- Frau Bornemanns dünne

Stimme wurde immer gedehnter und langgezogener: Wenn du jetzt dem

gnadenvollen Fingerzeige Gottes nicht gehorchst, so verfluche ich dich

bis in die unterste Hölle, da wird sein Heulen und Zähneklappen!! --

Lotte war immer noch unfähig zu sprechen: Herr Könnecke wollte sie

heiraten?! Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dieses große, unverdiente

Glück! -- -- Endlich vermochte sie etwas zu sagen. Und die Großmutter

weinte und sagte, sie habe es ja immer gewußt, daß Lotte im Grunde gut

sei. --

Herr Könnecke konnte kaum etwas zu Mittag essen. Verlegen stand er dann

vor Lotte, sie streckte ihm die Hand entgegen, und er konnte nur sagen:

Also wirklich? also wirklich? Und als sie sich dankbar an ihn lehnte,

zog er aus seiner Westentasche einen Verlobungsring -- Fräulein Nippe

hatte ihn bereits besorgt -- und steckte ihn an ihren Finger. Frau

Bornemann weinte wieder, brachte das Kindchen und sagte: Und das wird

nun auf Ihren Vornamen getauft, nicht wahr? Herr Könnecke schluckte vor

Zufriedenheit und Glück, nickte heftig und sagte: Natürlich,

selbstverständlich, aber tun Sie es nur schnell wieder in den Wagen,

sonst erkältet es sich!

Siebentes Kapitel.

Pitt blieb in seiner Stadt, Semester für Semester; er war mit keinen

Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er

müsse arbeiten, sich vorbereiten fürs Examen. Das machte er dann nie,

Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau tröstete ihn: Pitt sei

nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schließlich sei es doch

ganz egal, ob er überhaupt nicht käme oder ob er da wäre und sich den

ganzen Tag in seinem Zimmer einschlösse, so wie er es früher tat, wie er

noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn

sähe oder nicht, die Ferne könne ja doch ihren mütterlichen so wie Pitts

Sohnes-Gefühlen nicht das geringste anhaben. So hätte Pitt mit seiner

Familie so gut wie ganz außer Verbindung gelebt, wären nicht die

Geschäftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit größerer

Regelmäßigkeit zu wiederholen begannen.

Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm

nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den

Sessel zurücklehnte, und plötzlich die Barschaft seines Portemonnaies

überzählte. -- Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu

antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmäßigkeit entgegnete: Schade,

schade, Junge, du weißt dein Glück nicht anzupacken. --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 14 / 27 段