Mit Lotte war er sehr wenig zusammen; ihr war es im Grunde recht, daß

sie sich so selten sahen, denn sie empfand ihm gegenüber eine Scheu, die

sie nicht mehr vertreiben konnte. Zu allen andern redete sie unbefangen;

trat Fox ins Zimmer, so verstummte sie. Herr Könnecke widmete ihr viel

von seiner freien Zeit und brachte ihr zuweilen eine Frucht oder eine

andere kleine Überraschung mit. Und wenn sie traurig war, wenn diese

schrecklichen Stimmungen wiederkamen, tröstete er sie, brachte er

Bilderbücher, Photographiealbums, Geduldspiele herbei. -- Selma, zeig

ihr doch mal wie man Patienzen legt! Selma, wollen wir ihr nicht mal ein

Theaterbillett schenken? Selma, ich finde, nächsten Sonntag Nachmittag

könnten wir mal alle drei eine Partie zusammen machen! -- Herr Könnecke

war so gut, so sehr gut zu ihr! Und immer, wenn sie an ihn im

allgemeinen dachte, kam ihr wieder jenes erste Bild vor die Augen,

damals auf der Straße, als er zu dem Jungen sagte: Na ja, dann will ich

es dir diesmal noch erlassen! -- Immer hatte er Geduld mit ihr, auch

wenn sie manchmal gereizt war, ganz ohne daß sie es wollte; sie bat ihn

auch jedesmal hinterher um Verzeihung und sagte: Ich weiß ja, daß Sie es

gut mit mir meinen! -- Es war schließlich so, als wenn er und Fox die

Rollen getauscht hätten, als wäre Fox ein Außenstehender, er selbst aber

ihr natürlicher Schutz und Berater. Fox, unbewußt ganz zufrieden damit,

fühlte sich doch in seinen Rechten zuweilen beleidigt. Herr Könnecke

schenkte Lotte ein Billett zu einer Posse. Nein! sagte Fox, ich erlaube

dir nicht, daß du hingehst. Das Stück ist ganz frivol, paßt nicht für

junge Mädchen! -- _Du_ brauchst ja auch nicht hinzugehen, antwortete

sie, in Gegenwart Herrn Könneckes mutiger. -- Fällt mir auch gar nicht

ein, aber du gehst ebenfalls nicht hin, ich will es nicht haben, also

tust du's nicht! -- Jetzt schritt Herr Könnecke ein. Zu viel hatte er

sich von dem jungen Manne bieten lassen. Wieviel hatte er schon

stillschweigend heruntergeschluckt, gar nicht davon zu reden, daß er

jetzt abends seine Pfeife nicht mehr rauchte, aus Rücksicht auf Fox,

der, wie er sagte, seinen schlechten Knaster nicht vertragen konnte. --

Ich habe ihr das Billett geschenkt, sagte er mit fester Stimme, und ich

kann es verantworten, daß sie das Stück auch sieht. -- Lotte, also ich

sage dir -- wenn du mich lieb hast -- -- Ach sei doch still! unterbrach

sie ihn heftig, aber gleich darauf kam sie zu ihm hin und fuhr fort: Ja,

Fox, wenn du es nicht willst, so gehe ich nicht! Aber nun war er

beleidigt, zuckte die Achseln und sagte: Meinetwegen tu was du willst --

wenn du andern Leuten mehr glaubst als mir -- und verließ grollend das

Zimmer. -- Ich will nicht gehen! Sie blickte ratsuchend auf Herrn

Könnecke. -- Wie Sie wollen, sagte er ruhig. -- Nein, nun kränke ich Sie

_auch_ noch, und Sie haben sich das so schön für mich ausgedacht! Ich

gehe doch, aber Sie müssen Fox sagen, daß ich nur gehe, weil Sie sich

das so schön für mich ausgedacht haben! -- Sie ging wirklich, und merkte

sich den Inhalt der einzelnen Akte ganz genau, um Großmutter später

davon zu schreiben. --

Lotte hatte ihre ganze Erfindungskraft aufbieten müssen, um Frau

Bornemann erklärlich zu machen, daß sie nicht an ihrem ursprünglichen

Ziele weile, sondern wo anders. Dort sei die Cholera aufgetreten, so

schrieb sie, und da habe ein Onkel ihrer Freundin sie sämtlich

eingeladen, auf sein Gut, das sich hier in der Nachbarschaft der großen

Stadt befände; auch werde die Post jeden Tag von dem Geschäftshaus des

Onkels her -- sie nannte Herrn Könneckes Wohnung -- hinausgeschickt. Es

sei einfacher, alle Postsendungen immer an den Onkel selbst, Herrn

Könnecke, zu adressieren, da die Postverbindung zum Gut hinaus sehr

unzuverlässig sei und Herr Könnecke immer abends alles in seiner

Equipage mitbringe. Diese langatmige Situation erfand sie, und wieder

kam sie sich unsäglich schlecht vor, die alte, gute Großmutter so zu

hintergehen. Aber sie war einmal in die Hintergehungen hineingeraten und

mußte vorwärts. Fox wußte von diesen Täuschungen, und er wollte sie zu

einer Art witziger Geistesübung machen, worauf Lotte jedoch nicht

einging. -- Dann nicht! sagte er; es scheint dir seit einiger Zeit

überhaupt alles egal zu sein, was ich vorschlage. -- Er hatte ein

bitteres, gekränktes Gefühl gegen sie, und lediglich nur deshalb, weil

sie das Kind erwartete. -- Fox verlangte mehr Geld von seinem Vater; der

begann ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner vielen Ausgaben, die sich

steigerten, und auf Pitt hinzuweisen, der nicht einmal die Hälfte von

dem brauchte, was Fox bekam. Diese Vorwürfe erschienen Fox ungerecht und

kränkend, denn das Geld wanderte ja nun zu einem großen Teil in die

Hände Fräulein Nippes. Lotte war zwar sehr bescheiden in dem was sie

brauchte, aber immerhin mußte er sich ihretwegen doch sehr einschränken.

Auf die Dauer jedoch wurde ihm dies unmöglich; er begann Schulden zu

machen, und anstandslos borgten oder lieferten ihm Restaurateure und

Geschäftsleute, da er ihnen allen schon so viel zu verdienen gegeben

hatte. Von dem einen Gegenteil verfiel er nun ins andere: Er wollte sich

entschädigen für alle Unbill, er zog wirklich aus und mietete sich für

die kurze Zeit seines Aufenthaltes -- denn inzwischen war das Semester

vorgerückt und bald nahte es seinem Ende -- in einer der schönsten

Straßen ein. -- Wie alles werden sollte, wenn erst die großen Summen

kamen für Lotte, die er dann zu bezahlen hatte, wußte er vorläufig

nicht. Aber daran dachte er jetzt noch nicht. -- Weniger und weniger sah

er Lotte; das »Problem des Weibes« war entschieden interessanter als

sie. -- Lotte selbst vermißte ihn nicht, ja sie war froh, daß er nun

bald ganz fortging. In den ersten Zeiten wollte sie sich das nicht

eingestehen, aber mehr und mehr ahnte sie, daß auch ihre Liebe schwand.

Ihre Zukunftsbilder beschäftigten sich nie mit ihm. Schmerzlich war es

ihr, daß er niemals von dem Kinde zu ihr redete, daß er sagte: Wenn es

da wäre, dann sei immer noch Zeit dazu. -- Da wirft sie mir nun Kälte

vor! Gesagt hat sie es ja nicht, aber ich fühle es durch, ich fühle es

durch! so dachte Fox; und Pitt scheint sie für den zartfühlendsten

Menschen zu halten! Was mir da Fräulein Nippe erzählt hat über die Art,

wie er sich bei Lotte zu Anfang über die Vaterschaft des Kindes

erkundigte -- sie scheinen beide nichts dabei zu finden -- nun, das weiß

ich: Niemals wäre _mir_ ein solches Wort über die Lippen gekommen!

Neinnein, niemals! Ich finde das zynisch, ohne jede weitere

Entschuldigung.

Um so wohltuender war es Lotte, daß Fräulein Nippe so oft von dem

Kindchen zu ihr redete. In ihren freien Stunden saß sie bei ihr und

häkelte und strickte mit ihr zusammen Sachen für das zu erwartende

kleine Wesen. Einmal sagte sie: Es ist mir beinahe so, als ob ich selbst

das Kind erwartete! Ach es muß doch zu schön sein, so ein wonniges

kleines Ding im Arm zu halten, das einem ganz allein gehört!

Und Lotte begann sich leise auf diesen Augenblick zu freuen. Allmählich,

ganz allmählich war Ruhe über sie gekommen, die furchtbare Angst um das

Unabänderliche war von ihr genommen, sie erschien sich nicht mehr, so

wie früher, wie das verruchte Gegenteil einer Mörderin etwa, indem sie,

anstatt zu töten, einem Wesen widerrechtlich das Leben gab. Pitt sah sie

nicht besonders häufig. Ihre Gefühle zu ihm waren ganz schwesterliche

geworden. Wärme und Kühle gingen bei ihm durcheinander, das empfand sie

wohl, aber er war der erste Mensch gewesen, der ihr half, der sie

verteidigte, und das vergaß sie ihm niemals. Ab und zu besuchte sie ihn

noch, ging mit ihm ein wenig spazieren und dachte nicht mehr daran, daß

sie ihn belästigen könnte; dazu war sie zu ernst, zu ruhig, ihrer selbst

zu sicher geworden. Unter den Bäumen, die nun ihr goldenes Laub bereits

langsam zur Erde sinken ließen, saß sie manchmal mit ihm zusammen, auf

einer Bank, und während sie sich still von der Mittagsonne bescheinen

ließ, dachte er: Nun gibt sie bald einem Kinde das Leben! Was wird sein

Schicksal sein? Und wenn es mein eigenes wäre -- was für ein trostloser

Gedanke, sich selbst noch einmal auf der Welt zu sehen; und dieses Kind

wächst dann heran, wird groß, und sieht sich später wieder in anderer

Gestalt durchs Leben schreiten, und das geht immer so fort, immer so

fort, und war von allem Anfang so.

Also Lotte, sagte Fox eines Tages, indem er wieder, so wie damals beim

ersten Abschied, in seinen roten Glacéhandschuhen, den steifen Hut in

der Rechten, vor ihr stand, also Lotte, laß es dir gut gehen. Ich reise

heute ab. Ich habe meinen Aufenthalt hier schon weit über Gebühr

verzögert und kann nun nicht mehr länger warten. Meine Eltern werden

ungeduldig. Ich habe Fräulein Nippe noch eine gehörige Summe für dich

hinterlassen, wenn die zu Ende ist, wird sie mir schreiben; die Summen

werden sich jetzt allmählich häufen, ich weiß noch nicht wie sie

geschafft werden sollen, aber geschafft werden sie, das garantiere ich.

Du sollst dir nicht zu allem übrigen auch noch Sorgen um das leidige

Geld machen. Wo du das Kind hintun wirst, wie es versorgt wird, das

schreibst du mir später wohl, natürlich postlagernd. Ich komme für alles

auf, ich bin ein verläßlicher, anständiger -- Vater. Ja ja, Lotte,

manche Fehler rächen sich im Leben; es ist der Fluch der bösen Tat, daß

sie -- na und so weiter. Hab nur keine Angst, wird sich schon alles

überstehen! Und was unsere Zukunft betrifft -- deine und meine -- so

kann ich dir beim besten Willen noch nichts Näheres sagen, ich habe in

den nächsten Jahren große Pläne vor mir, und diese Pläne erfordern --

aber Lotte unterbrach ihn: Ich weiß das alles; mach dir nicht so viel

Mühe, Fox. -- Na ja, sagte er, etwas verlegen; also dann: Leb wohl,

Lotte! Er hielt ihre Hand einen Augenblick, indem er darauf wartete, daß

sie ihm die Lippen zum Kusse bieten würde, dann nahm er ihre Wangen

zwischen seine Hände und drückte seinen Mund zart und schützerisch auf

ihre Stirn.

Fräulein Nippe sagte ihm allein adieu. Sie hatte Tränen in den Augen,

hielt seine beiden Hände gefaßt und nannte ihn einen Ehrenmann; es tue

ihr ja so leid, daß dies alles für ihn gekommen sei; ein junger Mann

müsse unbeschränkt die goldne Freiheit genießen; sie verstehe es ja so

gut, daß er gegen Lotte mehr Ungeduld als sonst etwas empfinde; andere

könnten es gefühllos nennen -- aber es sei das Recht der sieghaften

Jugend! Wieviel besser es doch gewesen wäre, wenn dieses ganze Unglück

seinen Bruder Pitt getroffen hätte, der -- na seien wir offen, zu Ihnen

darf ich schon ein freieres Wort reden! -- im Grunde ein wenig

stumpfsinnig dahinlebe! -- Absolut nicht, absolut nicht! sagte Fox,

dessen Familienstolz sich regte, aber im Herzen dachte er: Recht hat

sie! Endlich doch mal 'ne Person, die mich versteht! -- Mein Vetter,

fuhr sie fort, sitzt nun in seiner Schule und kann Ihnen nicht adieu

sagen, leider. -- Ist auch gar nicht nötig, dachte Fox, denn seine

Sympathie für Herrn Könnecke war in der letzten Zeit wesentlich

herabgemindert. --

Und du, sagte er zu Pitt, willst du nun wirklich ganz hier bleiben in

den Ferien? Ja du kannst dir das schon leisten; ich muß zurück zu den

Alten, ich bin Pleite, absolut Pleite! -- Er hinterließ ihm noch einen

Haufen Aufsätze, die er in den letzten Monaten zusammengeschrieben

hatte, und die zumeist über das Bühnenwesen handelten. -- Ich habe da

erst mal mit groben Besen gekehrt, die feineren kommen später dran, und

die eigentliche positive Arbeit beginnt erst, wenn dieser Augiasstall

einmal ganz ausgemistet ist! Mein Lehrer hat mir vorgeschlagen, ich

solle Dramaturg oder Regisseur werden, aber solche Tätigkeit ist doch

eine zu untergeordnete. --

So räumte Fox wirklich das Feld. Zu Hause ist es doch am besten, man mag

sagen, was man will! dachte er, als er im heimatlichen Bahnhof abstieg:

Die Heimat ist ein Hafen, in den man sich allzeit flüchten kann vor den

Miseren des Lebens. Und die praktische Bestätigung dieses Ausspruches

sollte er erfahren, als er sich endlich entschloß, sich seiner Mutter

anzuvertrauen, da er beim besten Willen nicht mehr wußte, wie er nun das

viele Geld für Lotte schaffen solle. -- Du bist mir ja ein schöner

Windbeutel, du bist mir ja ein sauberes Früchtchen! so sprach Frau

Sintrup und ließ diesen Bildern noch mehrere folgen, die gleichfalls dem

Gebiet der Konfitüren entlehnt waren. Aber dann verstand sie sich doch

dazu, Fox die Summe zu bewilligen, um die er bat. Alles mußte er ihr

erzählen, von Anfang bis zu Ende, und wie es nichts mehr zu fragen und

zu erzählen gab, sagte sie, sie wolle nicht in nähere Einzelheiten

eindringen, die Tatsache sei ihr genug. Ähnlich sprach sie zuweilen zu

Herrn Sintrup, wenn der ihr seine Erlebnisse beichtete, aus einem innern

Gefühl der Anständigkeit und aus einer Forderung des Gemüts heraus. --

Lotte wartete der Zukunft entgegen, die Zeit verging. Frau Bornemann

schrieb seit einigen Wochen mahnende Briefe, es sei nun die höchste

Zeit, daß sie zurückkomme, der Lehrkurs des neuen Halbjahres beginne

bald, und mit bescheidener Frivolität fragte sie endlich an, ob Lotte

sich etwa verliebt habe und darum nicht zurückkomme? Sie hätte ja dem

Kind so gerne den Lehrberuf erspart! Ach, wenn sie sich doch verlobt

hätte! --

Und Lotte wartete in dieser stillen Zeit ihrem Ereignis entgegen, mit

immer größerer Ungeduld, so wie man in kostbaren freien Tagen draußen

den zögernden Frühling erwartet, ehe man in die dunkle Stadt zurück muß

und in das graue Einerlei des Lebens, das nichts von den Herrlichkeiten

da draußen weiß. Alle Angst hatte sie verloren, sie war zuversichtlich

still und beinah glücklich. -- Es handelt sich nur noch um Wochen! sagte

Fräulein Nippe zu Herrn Könnecke, und setzte sich mit einer Frau in

Verbindung, da sie sich diesem Dienste nicht gewachsen fühlte.

Lotte war viel für sich allein; sie suchte die Einsamkeit. Sie dachte an

die eigne Kindheit, an ihre Eltern, die nun schon lange tot waren, an

die Großmutter, die ihr nun alles ersetzte. Und stärker als früher war

das Gefühl in ihr, sie handle unrecht, indem sie diese Frau hinterging,

die stets nur das Beste für sie gewollt hatte. -- Lotte hatte sich an

ihren Zustand, an den Gedanken, der ihr anfangs selber so unfaßbar war,

gewöhnt; alles Schreckliche lag so weit hinter ihr, daß es nur noch als

ein Schatten in die ruhige Wirklichkeit hineinragte. Unwillkürlich

übertrug sie diese Ruhe auch in die Vorstellungen, die sie von ihrer

Großmutter hatte: Vielleicht, wenn sie doch einmal alles erfuhr, wie

Pitt immer sagte, vielleicht würde es sie dann viel mehr schmerzen, daß

Lotte kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte, daß sie zu andern, zu fremden

Menschen ging. Vielleicht würde sie, wenn Lotte jetzt zu ihr kam, ehe

das Kind geboren war, sie zwar sehr traurig aufnehmen, aber doch

wenigstens froh darüber, daß sie ihre Furcht und Angst besiegte und

Vertrauen bei ihr suchte; sie war doch die Mutter ihrer Mutter! Es

traten Lotte die Tränen in die Augen; die Sehnsucht nach ihrer

Großmutter wurde immer stärker, es wurde ihr zu immer größern Gewißheit,

zu immer dringenderer Forderung, daß sie fort, daß sie zu ihr müsse.

Fräulein Nippe redete ihr ab: Das sei so eine vorübergehende Stimmung;

wenn sie ihr folgte, würde sie es wahrscheinlich bitter zu bereuen

haben. Sie rief ihr ihre erste Angst, ihre Furcht zurück, aber Lotte

sagte: Großmutter _kann_ mich ja gar nicht verfluchen, sie hat mir ja

nie, nie das geringste Wirkliche gesagt, sie müßte sich ja selbst

verfluchen! -- Aber Fräulein Nippe blieb bedenklich und sagte: Kind, ich

kenne die Leute besser; das ist ja alles schön und richtig, aber die

Scheuklappen, die sie andern um die Augen legen, werden zu schweren

Eisenpanzern, in die sie ihre eigenen Seelen hüllen, und unbarmherzig

ziehen sie daraus das Flammenschwert des Gerichtes hervor, mit dem sie

ihr Opfer dann umgarnen! Tun Sie es nicht, tun Sie es nicht!

Auf Lotte machten derartige Reden im Augenblick wohl Eindruck, aber er

stumpfte sich ab, ihre Sehnsucht wurde stärker und stärker, und

schließlich wurde sie einzig und allein von dem Gefühl beherrscht: Nach

Hause! Mochte alles kommen wie es wollte. --

Da ihr Entschluß nicht mehr zu erschüttern war, erbot sich Fräulein

Nippe, voranzureisen und Frau Bornemann auf alles vorzubereiten. Lottes

Plan erschien ihr nicht mehr so verwerflich, sowie sie sich selbst eine

Rolle in ihm spielen sah, und was für eine Rolle! In Gedanken war sie

schon gerührt über die Worte, die sie sprechen wollte, dann würde sie

Lotte hinter einem Vorhang hervorziehen -- sie sah einen grünen Vorhang

vor sich -- und dann würde sie eine segnend-symbolische Bewegung machen.

-- Aber Lotte wies ihr Anerbieten mit Dank zurück; sie wollte allein

gehen, ganz allein, nur vorher schreiben, daß sie käme.

Herr Könnecke war fast bestürzt über diese Wendung. Er äußerte dies

unverhohlen und sah Lotte mit traurigen Augen an. Und als sie Abschied

nahm, hielt er ihre Hand lange in seinen beiden, sagte immer wieder: Ach

Gott, nein ist das traurig, ach Gott, nein ist das traurig, und es war

ihm, als wolle er noch viel mehr sagen, aber er brachte kein Wort weiter

heraus. -- Ihr selber kamen die Tränen: Ich bin Ihnen so sehr vielen

Dank schuldig, ich weiß garnicht, wie ich Ihnen das vergelten soll! --

Das ist doch nicht der Rede wert, sagte Fräulein Nippe, ich habe das

alles sehr gern für Sie getan. -- Lotte wußte nicht, wem sie mehr danken

sollte, ihm oder ihr. Und doch: Herrn Könnecke war sie noch viel

dankbarer als Fräulein Nippe, die es ja auch stets gut mit ihr gemeint

hatte; aber Herr Könnecke war doch noch anders: Er hatte niemals

irgendein Wort darüber verloren, was er für sie tat, alles war

schweigend, selbstverständlich geschehen, niemals würde er gesagt haben,

daß sie eine »arme Schluckerin« sei. --

Pitt begleitete sie zur Bahn. Im Wagen gab sie ihm den Brief zu lesen,

den sie an ihre Großmutter geschrieben hatte, aber noch immer bei sich

trug. Er fing an: Mutter meiner Mutter! Indem du selbst das Leben in

allen seinen Tiefen kennen gelernt hast, lenkt mein Herz vertrauensvoll

den Pilgerstab zu dir. -- Nicht wahr, das geht doch nicht, das klingt so

-- so beinah unbescheiden! -- Hat dir Fräulein Nippe diesen Brief

aufgesetzt? fragte Pitt und lachte. -- Ja! und sie sagte, er sei in

seiner Art geradezu vollendet! -- Allerdings! sagte Pitt, da hat sie

recht. -- Sie habe ihn fünf-, sechsmal umgearbeitet und immer wieder

daran gefeilt, und wenn ich ihn nun nicht einmal abschreiben wolle, für

wen sie sich dann die große Mühe gemacht habe?! Da habe ich ihn

abgeschrieben, um sie nicht zu kränken, aber abgeschickt habe ich ihn

doch nicht! -- Das ist auch viel besser, sagte Pitt; so siehst du deine

Großmutter erst in der Wohnung; vielleicht wäre sie sonst auf die Bahn

gekommen. -- Leb wohl, Pitt, und -- und -- ich habe dich doch viel

lieber als Fox! so sagte sie leise und küßte andachtsvoll seine Wange.

Was tust du denn da mit dem Fernrohr? fragte Fräulein Nippe und lugte

zwischen den Wänden der Hinterhäuser hindurch, auf das ferne freie Feld.

-- Ich wollte nur den Zug sehen, sagte Herr Könnecke treuherzig, mit dem

sie abgefahren ist; gerade ist er durchgekommen.

Lotte näherte sich ihrem Ziele. Ihre zuversichtliche Stimmung nahm

langsam wieder ab. Sollte sie nicht doch irgendein vorbereitendes Wort

an ihre Großmutter schicken? Sollte sie nicht telegraphieren? Aber sie

wußte, wie sehr Frau Bornemann über jedes Telegramm erschrak, und

außerdem: war es richtig gehandelt? -- O wenn doch alles gut ausging!

Großmutter konnte sie ja gar nicht anders als freundlich aufnehmen! Aber

wenn sie sie nun überhaupt nicht aufnahm, -- wenn sie sagte: Lotte

gehöre auf die Straße -- und vor ihr die Tür ins Schloß warf? Aber sie

war doch ihre Großmutter, die Mutter ihrer Mutter! -- So zogen in Lotte

die Empfindungen wechselnd hin und her, während draußen die

Telegraphendrähte langsam auf und nieder schwebten, wie von zwei

verschiedenen Mächten bewegt, die sich befehdeten. Sie verfolgte diesen

ewigen schwankenden Wechsel, brachte ihn mit ihrer eigenen Furcht und

Hoffnung in Verbindung, und dann lenkte sie gewaltsam die Augen davon

ab, da es ihr die Brust zuschnürte. Sausend flogen Dörfer und Felder an

ihr vorbei, die Sonne sank fern hinter braunem Ackerland und sprühte

einen Goldstaub auf den dunklen Grund. Der Himmel rötete sich mehr und

mehr, die Welt schien wie in einem Flammenmeer zu brennen, ganz still,

ganz lautlos, während nur das Rollen der Räder weiterbrauste, und dann

sank alles langsam in ein fahles, erstorbenes Licht, die Bäume ließen

sich nicht mehr genau erkennen, alles wurde zu starrenden, drohenden

Massen. -- Wenn ich doch da mitten drinnen wäre! dachte Lotte; niemand

wüßte dann von mir, keiner erführe etwas von mir, ich wäre ganz allein.

-- Und sie versank wieder in Angst und Sinnen. --

Sie reisen gewiß sehr weit? fragte plötzlich eine laute Stimme. -- Lotte

gegenüber saß eine Frau, die sie schon lange teilnehmend betrachtete.

Solange es irgend anging, hatte Lotte alles getan, um ihren Zustand vor

den Menschen zu verheimlichen. Später sagte ihr dann Fräulein Nippe, sie

brauche sich durchaus nicht zu schämen; im Gegenteil: Eine Frau, die ein

Kind erwarte, sei ein erhebender Anblick; außerdem wisse ja doch

niemand, daß sie nicht verheiratet sei. -- Lotte räusperte sich und

nannte ihr Ziel. -- Gewiß ist es Ihr erstes Kind, das Sie erwarten!

sprach die Frau weiter und betrachtete sie mit Zufriedenheit, da sie gut

gepflegt aussah, einfach gekleidet war und einen sympathischen Eindruck

machte. Ja, sagte Lotte, es ist mein erstes Kind. -- Unwillkürlich ließ

die Frau ihre Augen zu Lottes Hand gleiten, um den Trauring zu suchen.

Aber Lotte trug wollene schwarze Handschuhe. -- Ihr Mann erwartet Sie

wohl an der Bahn? -- Ja, er erwartet mich an der Bahn. -- Die Frau

nickte beruhigt und sagte: Ja ja, zu Hause hat man es doch am besten! --

Endlich hielt der Zug an ihrem Bestimmungsort, der Endstation des ganzen

Zuges überhaupt. Lotte sagte der Frau hastig adieu, und suchte sich

möglichst ungesehen zwischen den Menschen zu verlieren, indem sie

anfangs den Kopf hin und her wendete, indem sie tat als spähe sie nach

jemand, denn die fremde Frau konnte ihr vielleicht nachblicken. -- Dann

nahm sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Wie sie alle die bekannten

Straßen sah, wurde ihr immer ängstlicher ums Herz. Das Bild ihrer

Großmutter, wie es allmählich in ihrer Vorstellung sich verändert hatte,

verwischte sich mehr und mehr; ihr Bild, so wie es war, trat ihr immer

deutlicher vor die Seele; und als der Wagen endlich hielt, klopfte ihr

Herz so stark, daß sie nicht vermochte sogleich aufzustehen und

auszusteigen. Zudem ging eine ihr bekannte Frau den Bürgersteig entlang;

die durfte sie nicht sehen. -- Es muß sein! dachte sie, erhob sich --

gezahlt hatte sie gleich zu Anfang -- und mit gesenktem Kopf, in dem

Gefühl sich möglichst zu verbergen, eilte sie in das Haus hinein.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf; mehrere Male blieb sie stehen.

Sollte sie nicht wieder umdrehen, wieder auf den Bahnhof fahren,

irgendwo hinreisen, um sich zu verstecken? -- Im untern Stock erklangen

Stimmen; da schritt sie wieder aufwärts. Dann stand sie vor der Tür. Da

war das Porzellanschild ihrer Großmutter, dies kleine, ovale Schild, das

sie kannte fast solange sie denken konnte. Sie starrte darauf hin. Das

Angstgefühl stieg ihr im Halse auf. Eine unbekannte Visitenkarte war

daneben auf die Tür geheftet. Sie las den Namen ganz mechanisch, ganz

mechanisch las sie ihn rückwärts, die Buchstaben umdrehend, immer

wieder. Das Herz klopfte ihr jetzt bis in die Fingerspitzen. Da hörte

sie inwendig einen Schritt, den Schritt ihrer Großmutter. Sollte sie

etwa von selbst die Tür öffnen? Vielleicht in Hut und Mantel

herauskommen und Lotte überraschen? Fast bewußtlos hob sie den Finger

und läutete. Es verging eine kleine Zeit, da hörte sie den Schritt

wieder. Schlürfend, langsam näherte er sich der Tür. Endlich, endlich

war er da. --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 13 / 27 段