Wie hatte sich Lotte dieses Wiedersehen ausgemalt! Und nun war alles

anders. Sie fühlte kaum den Mut auf ihn zuzugehen. Na? sagte er, nachdem

er die Tür geschlossen hatte, du darfst mir schon noch einen Kuß geben!

-- Sie überwand das Gefühl der Kühle, das sie bei seinen Worten empfand,

und legte beide Arme um ihn. -- Ist ja nicht so schlimm! meinte er

tröstend, weine doch nicht, das hat doch gar keinen Zweck! Du stellst

dir alles viel zu schwer vor. In einem halben Jahr wirst du wieder ganz

lustig sein. -- Also du hast es doch erraten! sagte sie leise, dann

brauche ich es dir nicht erst zu sagen. -- Erraten? fragte Fox, da ist

doch gar nichts zu erraten; ist doch alles klipp und klar! -- Ihr taten

diese Worte wehe; aber sie bezwang sich und wiederholte: Dann brauche

ich es dir nicht erst zu sagen. -- Aber ich bitte dich: Wozu denn diese

Feierlichkeit?! Und dann möchte ich dich doch fragen: Bist du wirklich

extra hergereist, um mir zu sagen, was ich doch längst weiß: daß du --

daß ich -- also ich meine: daß wir uns lieben? so fragte er in einem

beinah konstatierenden Ton; das ist doch wirklich kindisch von dir,

einfach kindisch! -- Also weißt du es doch nicht! sagte sie und löste

sich etwas aus seinem Arm und sah ihn staunend an. -- Nee, was anderes

weiß ich nicht! antwortete er mit einem plötzlich unbehaglichen Gefühl,

da sei etwas, das ihm unangenehm werden könne. -- Ist deine Großmutter

tot? -- Sie schüttelte den Kopf. -- Oder -- habt ihr euer Geld verloren?

Das wäre, dachte er, wirklich fatal. -- Sie schüttelte wieder den Kopf,

und dann flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr. -- Er fuhr zurück und

sah sie mit großen Augen und offenem Munde an. Daran hatte er allerdings

niemals auch nur im entferntesten gedacht. Wie konnte das denn außerdem

möglich sein! -- Ist ja nicht wahr! sagte er endlich, mit der

Ungläubigkeit, womit ein junger Mann eine solche Tatsache, die seinem

eigenen Erleben so fremd ist, aus dem Munde seiner Geliebten, wenn sie

seine erste Geliebte ist, entgegennimmt. Aber nun brach sie in Tränen

aus und beteuerte, daß es wahr und wahrhaftig sei. Er umfaßte ihre Figur

mit einem Blicke und sagte dann: Wirklich? Nach einer Pause fügte er

hinzu: Ja, dann reise nur bald nach Hause, -- zu Hause hat man es ja

doch immer am besten. -- O nein, Großmutter darf nie etwas davon

erfahren, Großmutter weiß gar nichts, sie würde mich ja verfluchen! --

Unsinn, Großmütter verfluchen nie. Deine Großmutter wird höchstens ein

paar Stunden weinen, und dann ergibt sie sich ins Unabänderliche. --

Aber Lotte sagte, eher ginge sie ins Wasser als nach Hause. -- Aber

wohin willst du _dann_ gehen? -- Das weiß ich ja nicht, das mußt du mir

sagen, deshalb bin ich doch hergekommen! -- Er bestand darauf, daß sie

zu ihrer Großmutter zurückginge, und das Blut lief ihm zu Herzen, als

sie sagte: Nein, ich will immer bei dir bleiben! -- Das geht noch viel

weniger, du kannst mir doch nicht immer nachziehen, mal hierhin mal

dahin! Nächstes Jahr zum Beispiel mache ich eine Weltreise! -- Da könnte

ich doch mit! sagte sie, ganz verzweifelt. Hätte er gesagt, er gehe an

den Nordpol, so würde sie auch gesagt haben: Da könnte ich doch mit! --

Aber mein Gott, rief Fox, was denkst du dir denn eigentlich? Jeder

Mensch hat doch seine Freiheit! Er war ganz in Affekt geraten, das

letzte Wort kam voll und rund heraus, Herr von Sander hätte seine Freude

daran gehabt. -- Ein jeder Mensch hat doch seine _Freiheit_! wiederholte

er, aus dem Bedürfnis heraus, etwas, das ihm unbewußt geglückt war, noch

einmal als bewußte Leistung zu genießen. Aber das zweitemal gelang es

nicht so gut. -- Was meinst du denn damit? fragte sie angstvoll und

unsicher; du willst mich doch nicht etwa verstoßen? -- Fox wiegte den

Kopf und bewegte stirnrunzelnd die Lippen, als schmecke er etwas

Unangenehmes. Verstoßen! sagte er, was für ein romanhaftes Wort! Klingt

so nach Treppe und hageren Armen. Ich denke doch gar nicht dran dich zu

verstoßen! -- Also heiraten wir uns _doch_! fragte sie wieder, angstvoll

und schnell. -- Fox ging im Zimmer auf und ab. Muß denn, so fragte er,

muß denn eine Liebe stets von der Obrigkeit sofort beglaubigt,

gestempelt und besiegelt werden? Ist sie nicht vielmehr etwas -- also

etwas Leichtbeschwingtes, dem die leiseste Berührung von außen den

Schmelz abzustreifen droht?! Ich will ja gar nicht sagen, setzte er

hinzu, daß ich dich _nicht_ heirate, das hängt ganz von uns beiden ab,

aber wenn du mir damit ewig in den Ohren liegst, so kannst du mir nicht

verdenken, daß mich das endlich verstimmt. -- Aber es ist doch das

erste, das allererstemal, daß ich danach frage! -- Na ja, du weißt eben

nicht, was du manchmal sagst. Jedenfalls kann jetzt von Heiraten noch

lange nicht die Rede sein. Aber wenn du mich lieb hast, wahrhaft lieb

hast, so tust du was ich dir sage: Du gehst zu deiner Großmutter zurück.

-- Lotte schüttelte den Kopf. -- Gut, dann nehme ich an du liebst mich

nicht mehr, und dann ist es eben aus; dann haben wir uns heute zum

letztenmal gesehen. -- Aber ich kann doch nicht, ich kann doch nicht!

wiederholte sie immer und immer wieder. -- Fox sah nach seiner Uhr. --

Ich muß hart sein mit ihr, äußerlich hart -- so dachte er -- das ist in

der Wirkung wohltätiger für sie als wenn ich ihrem Gefühl nachgäbe, was

ja für mich viel bequemer wäre. -- Ich muß jetzt in die Stunde! sagte

er, überlege dir alles bis zum Abend, du hast die Entscheidung selbst in

der Hand, das sage ich dir ganz ausdrücklich. -- Was soll ich denn hier

tun? fragte sie; ich kenne doch keinen Menschen, kann ich dich nicht

begleiten? Ich kann ja unten warten bis deine Stunde zu Ende ist! -- Das

fand er stumpfsinnig; sie müsse etwas tun was sie zerstreue. Er schlug

ihr vor, sie könne ja in der Stadt herumgehen und die Sehenswürdigkeiten

in Augenschein nehmen, davon gebe es hier genug auf den Straßen und

Plätzen. Und da sie gar nichts anderes wußte, sagte sie endlich ja, das

wolle sie. --

Es ist doch scheußlich, dachte Fox, als sie sich getrennt hatten und er

allein die Straße hinabschritt, in was für zweideutige Situationen man

gerät ohne es zu wollen! Aber was soll ich machen!! Auch die Ärzte

spiegeln ihren Kranken vor, ihr Zustand sei nicht so schlimm; und was

für eine wohltätige Wirkung liegt in der Suggestion! Jetzt dachte Lotte

wirklich, er ginge zur Stunde. In Wahrheit mußte er eine Verabredung mit

einer neuen Schülerin des Herrn von Sander einhalten, ein Mädchen, das

er gerade noch vor den Händen des Herrn Eichinger gerettet hatte, der

doch ein notorischer Lüstling war!! -- Scheußlich! wirklich

unsympathisch scheußlich! dachte er, da geht man nun von einer Geliebten

zur andern und setzt sich der schlimmsten moralischen Beurteilung vor

sich selber aus! -- Seinen innern ernsten Zustand ließ er die neue

Freundin fühlen, indem er einsilbig war und manchmal tragisch zerstreut

in die Büsche starrte. --

Wie Lotte so allein war und ratlos und unschlüssig nach rechts und links

blickte auf all die grellen, sonnebeschienenen Häuserreihen, die ihr so

fremd waren, wurde ihr noch öder und leerer zu Sinn. Aber da unten am

Ende der Straße schien ein Denkmal, ein Reiterdenkmal zu stehen. Das

konnte sie sich ja ansehen, damit sie später Fox etwas zu antworten

wußte, wenn er sie fragte. -- Sie ging auch wirklich hin, merkte sich

den Namen von dem, den es darstellte, und von dem, der es gemacht hatte,

und dann wußte sie wieder nicht was sie tun sollte. Plötzlich fiel ihr

Pitt ein. Der wohnte ja auch hier in der Stadt. Wenn sie nun zu dem ging

und ihm ihr Leid klagte? Aber sie wußte seine Adresse nicht; vielleicht

wußte sie die Dame, bei der Fox wohnte. -- Sie kehrte wieder um und

läutete nach einigem Zögern. Ein Herr von mittleren Jahren öffnete. Sie

brachte ihr Anliegen vor, er sagte sie möchte lauter reden, er verstände

sie nicht. Und um ja alles recht gut zu machen, schrie sie das Gesagte

noch einmal, im Glauben, der Herr sei schwerhörig. -- Ach so! sagte Herr

Könnecke, Sie brauchen nicht so zu schrein, ich bin nicht taub. --

Entschuldigen Sie bitte viele Male, bat sie mit unterdrückter Stimme, um

ja alles recht gut zu machen und niemand zu beleidigen. Herr Könnecke

sagte ihr nun den Namen und die Nummer der Straße, erst müsse sie links

gehen, dann rechts, dann zwei Straßen überschlagen, dann wieder in eine

Straße einbiegen, bis eine Anschlagsäule käme. -- Also wie? Erst soll

ich rechts gehen, dann links, dann wieder rechts, und dann bin ich da?

Herr Könnecke sah gutmütig in ihr verängstigtes Gesicht. -- Warten Sie

mal! sagte er und sah nach der Uhr; es ist zwar noch ein bißchen früh

für meine Stunde, aber ich kann doch mit Ihnen gehen, es ist kein Umweg

für mich. Gleich bin ich wieder da! -- Sie wartete, und als er

wiederkam, meinte er gründlich: Ich mußte mir nur erst einen reinen

Kragen umbinden! -- Sie gingen nun zusammen die Treppe hinab und die

Straße hinunter. Herr Könnecke war ein wenig neugierig, weshalb dies

Mädchen wohl zu Pitt Sintrup wolle, und warum sie so verängstigt und

verschüchtert war. Zum Mittagessen hatte er sich verspätet, seine

Cousine war bereits ins Geschäft gegangen, als er heimkam. Aber er

fragte nichts, nur erfuhr er, daß sie hier fremd am Orte sei.

An einer Straßenecke wartete ein Schüler. Er wußte, daß Herr Könnecke

etwa um diese Zeit hier vorbeikommen mußte. Sein blasses, gespanntes

Gesicht rötete sich mehr und mehr, je näher Herr Könnecke kam. Einen

Augenblick schien er zu schwanken, die Gegenwart der jungen Dame

verwirrte ihn, aber dann brach er in Weinen aus: Ach Herr Könnecke,

erlassen Sie mir doch die Strafe, nur diesmal, ich will es ja auch ganz

gewiß nie wieder tun! -- Herr Könnecke war stehen geblieben, Lotte ging

einige Schritte weiter und wartete. Ganz zerknirscht stand der Junge da,

in der hellen Nachmittagssonne; Herr Könnecke zögerte, dann sagte er: Na

ja, dann will ich es dir _diesmal_ noch erlassen! -- Und plötzlich

getröstet, wie wenn eine Last mit einemmal von seinen Schultern

herabgenommen sei, sah das Kind dankbar, glücklich zu ihm auf. --

Man weiß gar nicht, sagte Herr Könnecke im Weiterschreiten zu Lotte, wie

tief so ein Kind eigentlich empfindet! Da hat der arme Junge nun die

ganze Woche seine Angst mit sich herumgetragen, daß er morgen, am

Samstag, nachsitzen soll, und er hat noch niemals nachgesessen, er war

immer ehrlich! Und heute, am letzten Termin, hält er es nicht mehr aus;

immer hat er es hinausgeschoben, von einem Tag zum andern, und nun, im

letzten Augenblicke, kommt er. Das Nachsitzen selbst ist ja nicht das

schlimmste, aber der Strafzettel, die Eltern, die Unehrlichkeit! Na,

diesmal ist er ja noch drum herumgekommen! -- Ja, sagte Lotte, diesmal

ist er noch drum herumgekommen. -- -- So, da wohnt Herr Sintrup! meinte

Herr Könnecke endlich, also adieu, Fräulein, grüßen Sie Herrn Sintrup

von mir, Könnecke ist mein Name. -- Ich bin Lotte Pfanz. -- Er zog

seinen Hut, sie streckte halb ihre Hand aus, wollte sie wieder

zurückziehen, fast gleichzeitig machte Herr Könnecke eine ähnliche

Bewegung, schließlich streckten sie sie beide wieder vor, er ergriff die

ihrige und schüttelte sie herzlich. -- Ein sonderbares Mädchen! dachte

er im Weitergehen, die sah ja so traurig aus, und so blaß! Es ist doch

gut, daß ich sie begleitet habe; sonst liefe sie vielleicht noch wer

weiß wie lange in der heißen Sonne herum. --

Pitt war aufs äußerste überrascht, Lotte plötzlich vor sich zu sehen.

Sie konnte zu Anfang kein Wort vorbringen und bat um ein Glas Wasser.

Dann erzählte sie ihm ihr Geheimnis, mit einfachen Worten, die ganz von

selbst und ohne jede Befangenheit über ihre Lippen kamen. Im Gegenteil,

sie fühlte sich erleichtert durch ihre Mitteilung. Pitt sagte lange

nichts. Die Vergangenheit zog an ihm vorüber, während sein Blick ins

Leere gerichtet war. Dann fand er sich in die praktischen Fragen der

Gegenwart zurück. -- Eines mußt du mir sagen, sprach er nach kurzem

Nachdenken; du darfst mir meine Frage nicht übelnehmen und meinen, ich

dächte deshalb etwa schlecht von dir: Bist du sicher, daß du dich nicht

irrst -- ich meine, daß es wirklich Fox ist -- -- sie ließ ihn nicht zu

Ende reden, sondern unterbrach ihn lebhaft mit der Versicherung, dessen

sei sie so gewiß, wie man einer Sache überhaupt sein könne: Außer ihm

habe ich ja in meinem ganzen Leben noch niemand geliebt! Sie errötete,

als sie seinen stillen, grauen Augen begegnete, und fuhr fort: Ich

meine, du verstehst mich doch, du weißt doch was ich sagen will! Und nun

will er durchaus, ich soll zu Großmutter gehen und ihr alles sagen. --

Ja, sagte Pitt, das halte ich auch für das beste. Schließlich hat doch

deine Großmutter, als sie jung war, dasselbe durchgemacht. -- Aber da

war sie doch verheiratet! -- Ach so, ja ja, und das bist du nicht, das

ist richtig. Trotzdem halte ich es für das beste. -- Und er zählte ihr

alle Gründe auf, und als schwerstwiegenden, daß, wenn alles jetzt so

abliefe, wie sie wolle, das Geheimnis trotz allem Geheimhalten

irgendwann einmal an den Tag kommen werde; die Scherereien mit den

Gerichten, die Sorge für das Kind selbst, später -- das alles könne sie

viel leichter übernehmen, wenn sie es nicht noch dazu verbergen und

geheim halten müsse. -- O Gott, wenn das bekannt wird -- ich kann ja

niemals Lehrerin werden! -- Dies leuchtete ihm ein, und nach einer

neuen, reiflicheren Überlegung schien es ihm nun wirklich besser, sie

bliebe hier. -- Vielleicht kann ich eine Freistelle bekommen! meinte sie

schüchtern. Aber diesen Glauben zerstreute er ihr. Außerdem habe sie

dann nicht die Bequemlichkeiten, die sie beanspruchen könne. Das ist ja

auch das wenigste, fügte er hinzu: Fox hat doch die selbstverständliche

Verpflichtung, dich auf das anständigste verpflegen zu lassen. Das wird

dem guten Jungen noch teuer zu stehen kommen! Pitt lächelte, indem er

das verstimmte Gesicht seines Bruders vor sich sah, der sich nun wohl

mit seinen Delikateßbüchsen und guten Weinen etwas einschränken mußte,

in Zukunft. -- Er sagte aber, wenn ich ihn lieb hätte, so müßte ich nach

Hause gehen, sonst wäre es aus zwischen uns; es sei ein Prüfstein für

meine Liebe! -- Ach?! meinte Pitt, aufhorchend: dieser Prüfstein ist ja

recht interessant! -- Eine leise Bitterkeit gegen Fox stieg immer

deutlicher in ihm auf: Das hatte er nun aus diesem Mädchen gemacht!

Freilich suchte sein Verstand dies Gefühl sogleich zu zerstreuen, und er

dachte: Vielleicht wäre es mir ebenso gegangen. -- Heute abend gehen wir

zusammen zu ihm, sagte er, bis dahin bleibst du wohl bei mir! -- Lotte

fühlte einen so tiefen Dank gegen Pitt, sie legte ihre Arme um seine

Schulter und drückte ihn leise und zärtlich. Seit sie ihn gesehen und

gesprochen, war sie um ein großes Stück erleichtert, sie fühlte einen

Schutz, sie wußte, daß nun nichts mehr geschah, was gegen ihren Willen

war. -- Pitt streichelte ihr brüderlich über die Wange: was er für sie

empfand, war Mitleid, nur tiefes Mitleid. Alle übrigen Gefühle, alles

Halbklare, Zerrende war gänzlich erloschen. -- Wo gehen wir nun hin?

fragte er, und als er sie ansah, glaubte er einen Wunsch in ihr zu

erraten: In die Konditorei? Sie errötete und sagte, das sei kindisch.

Aber ich halte dich doch von nichts ab? fragte sie wieder und wieder.

Sie hatte Angst, sie könne ihm lästig sein, und das wollte sie unter

keinen Umständen. Und nachdem sie wirklich in der Konditorei gewesen

waren, schlug sie vor, er solle nun nach Hause gehen, sie wolle sich

hier auf eine Bank setzen. Für zwanzig Pfennige könnte sie sich ein Buch

kaufen und es lesen. Er schüttelte den Kopf. -- Aber es kostet doch nur

zwanzig Pfennige! Er blieb dabei, sie solle mit ihm gehen. So schritt

sie wieder neben ihm, ihre innere Gespanntheit löste sich mehr und mehr.

-- Du machst ja so ein glückliches Gesicht? fragte Pitt plötzlich. Sie

hatte für einen Moment alles Schreckliche vergessen, wie ausgelöscht war

es gewesen, sie hatte gerade etwas Lustiges sagen wollen, aber nun stand

alles auf einmal doppelt schrecklich wieder vor ihr. Wie ist es nur

möglich, wie ist es nur möglich! dachte sie. -- Willst du vielleicht

etwas schlafen? fragte Pitt, als sie oben im Zimmer waren. -- Nein, das

wollte sie nicht. Unklar dachte sie, das mache irgendwelche Umstände. --

Oder wenigstens ruhen? -- Nein, das wollte sie auch nicht. Doch, das

wollte sie, sie wollte auch schlafen! Sie fühle sich wirklich müde! --

Es fiel ihr plötzlich ein, daß sie Pitt ja am wenigsten zur Last war,

wenn er sich nicht mit ihr zu unterhalten brauchte. Sie legte sich auf

sein Sofa, er bedeckte sie sorglich, und nach einigen Minuten fiel sie

wirklich in einen tiefen, segenvollen Schlaf. Von seinem Schreibtisch,

an dem er arbeitete, trat er auf den Zehenspitzen zu ihr hin. Mit

kindlichem, reinem Ausdruck lag sie da, tief und ruhig atmend. Er ging

wieder zurück an seinen Tisch.

Die Holzrouleaus ließen das Licht des Tages nur gedämpft herein; es war

still; eine Fliege summte an der Fensterscheibe. Pitt las in den

Pandekten, aber seine Gedanken irrten ab und wurden immer träumerischer.

Er hörte auf das Summen der Fliege an der Fensterscheibe, und ihm war

als läge da draußen gar keine Straße, sondern ein baumüberschatteter

Weiher, und dahinter kamen Ställe und Scheunen. Das Haus aber war ganz

klein, und er befand sich in der Stube zu ebener Erde; kein Geräusch war

um ihn, nur die Fliege summte gegen die Scheibe, die heiß war von der

Sonne. Sie wollte hinaus ins Freie; nun, sie würde es aufgeben, denn

hier drin war es auch gemütlich, und all die Blumensträuße in den

Fenstern verbreiteten Duft. Wer hatte sie dort hingestellt? Zwei blonde

kleine Knaben mit kurzem Haar; es waren Zwillinge und seine eigenen

Kinder. Da standen sie schon vor ihm, in ihren kurzen Lederhosen und

weißen Hemden, und wie sie jetzt lachten, sah er ihre spitzen Eckzähne.

Wo hatte er nur solche Zähne gesehen? In der Luft lag ein Geruch von

frischer Milch, und aus einem der Nebenräume drang das leise Stampfen

eines Mörsers. -- Er hörte auf den fernen Klang und sog den Duft ein --

und die Fliege summte noch immer an der Scheibe. Draußen aber lag

Sonnenlicht und alle Bäume bewegten sich glitzernd, und ganz ferne

krähte ein Hahn. -- Das Essen ist angerichtet! sagte eine bekannte

Stimme, -- vor ihm stand ein großes, blondes Mädchen mit einer

schneeweißen Schürze. War das Elfriede? -- Unbeweglich lächelnd sah sie

auf ihn, er fühlte, daß er schlief und daß sie ihn nicht wecken wollte,

und doch hatte er die Augen offen und sah ganz deutlich diese

schneeweiße Schürze. Da war es, wie wenn ein Ton fern verklänge, die

Gestalt schien zurückzuweichen -- und er starrte in sein aufgeschlagenes

Pandektenbuch. -- Plötzlich tat er einen Ruck. -- Ich glaube fast, ich

habe geschlafen! sagte er und sah auf seine Uhr, während er sich erhob.

Und das ganze Traumbild zog noch einmal klar an ihm vorüber, wie er so

unbeweglich dastand. -- Sonderbar, sonderbar! sprach er zu sich selbst,

was für Dinge liegen einem im Unterbewußtsein, von denen man keine

Ahnung hat. --

Er sah zu Lotte hinüber, machte eine Bewegung als wenn er alles von sich

abtue und trat langsam zu ihr hin.

Sie rührte sich nicht. Er legte zart seine Hand auf ihre Stirn. Sie lag

nach wie vor bewegungslos. Er nannte ihren Namen; ihr Atem ging tief, in

immer größeren Zügen, plötzlich schlug sie die Augen auf.

Wir müssen gehen! sagte er leise. -- Gehen? zu wem? -- Zu Fox. -- Sie

dachte einen Augenblick nach, sagte dann: o es war so schön, und schloß

noch einmal die Augen. -- Es muß sein; sagte sie endlich mit einem

Entschlusse und erhob sich.

Fox runzelte die Stirn, als Pitt mit Lotte zugleich ins Zimmer trat; er

ahnte, daß es jetzt Kämpfe geben würde. -- Er wollte wieder mit seinen

alten Argumenten kommen, ja er redete sogar von Großmutter- und Enkel-

und Urenkelliebe, von den natürlichen Banden der Verwandtschaft, von

Heimatsgefühl, das neuerdings auch in der Kunst so lebhaften Ausdruck

fände, von liebgewordenen Betten, in denen man geboren sei und die doch

auch zu Hause zur Verfügung ständen, und als das alles nichts half, rief

er: Ja Kinder, und an die Hauptsache denkt ihr alle beide nicht, an die

Kosten! Wer soll denn das bezahlen, wenn Lotte jetzt hier bleibt? -- Du

natürlich! -- Ich?! -- Ja wer denn sonst? -- Aber mein lieber Freund,

das sind doch horrende Summen! Das kann ich ja gar nicht, so gern ich

möchte; wir kosten doch unserem armen Vater sowieso schon Geld genug! --

Sie redeten hin und her. --

Ich will dies nicht mehr mit anhören! sagte Lotte, die wortlos in einem

Winkel gestanden hatte, ich werde ja hier verhandelt wie -- wie ich weiß

nicht wie! -- Ja, lieber Pitt, ich möchte dich auch bitten, etwas mehr

Rücksicht auf Lottes Gegenwart zu nehmen. -- Ich will nicht dabei sein!

sagte Lotte leidenschaftlich. --

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. -- Ach! Fräulein Nippe! rief

Fox, als sie sich auf der Schwelle zeigte, ich muß gerade etwas

Wichtiges mit meinem Bruder bereden -- wären Sie wohl so freundlich --

Lottchen, du gehst wohl für einen Moment hinüber, du kannst ganz ruhig

sein, die Leute sind furchtbar nett und freuen sich nur, wenn sie Besuch

bekommen. --

Kommen Sie, Fräuleinchen, kommen Sie! sagte Fräulein Nippe und zog Lotte

hinaus.

Die beiden Brüder standen sich gegenüber.

Du hast mindestens ebensolche Verpflichtungen wie ich! sagte Fox; sie

hat es zwar entschieden in Abrede gestellt, jemals nah zu dir gestanden

zu haben, aber das ist auch ganz selbstverständlich; das tut jedes

Mädchen; ich nehme ihr das auch durchaus nicht übel. Wenn wir die Kosten

zu tragen haben, so haben wir sie gemeinsam zu tragen! -- Fox redete mit

vollster Überzeugung; die Einbildung, in die er sich hineinredete,

beherrschte ihn so stark, daß er sie für die Wahrheit nahm. Er wußte

plötzlich wieder, daß seine früheren Verhöhnungen Pitts, als habe sich

der vergeblich um Lottes Gunst bemüht, nicht der Wahrheit entsprachen.

Und da die Wahrheit ja das Gegenteil der Unwahrheit ist, so kam er jetzt

dazu, seine Forderungen mit einer Art von moralisch-überzeugtem Pathos

aufzustellen. Pitt überging dies erst, aber als Foxens Stimme nun einen

fast predigerartigen Ton annahm, ging er auf ihn zu, sah ihm dicht in

die Augen, und fragte halblaut: Bist du eigentlich verrückt geworden?

Besinne dich doch, was du sagst! -- Fox sah ihn mit unsicheren Augen an;

dieser durchdringende klare Blick brachte ihn allmählich zu sich, die

Tatsachen, wie sie waren, rückten sich in seinem Geist zur Wirklichkeit

zurecht, wurden zu einer Macht, die ihn beherrschte, und er sagte mit

unsicherer Stimme: Na ja, ist doch alles klar! Mach doch die Sache nicht

noch komplizierter als sie ist. Ich leugne ja absolut nicht, daß du

recht hast, nur finde ich es durchaus nicht nötig, daß du dich mir

gegenüber so aufs hohe Pferd setzt! Ich bezahle selbstverständlich, ich

begreife nicht, weshalb du darum ein solches Geschrei machst! Ich finde

es unvornehm, um Geld ein solches Geschrei zu machen! Pitt überlegte.

Dies Benehmen seines Bruders grenzte schon hart ans Pathologische. War

es ganz und gar ausgeschlossen, daß sich solche Zustände eines Tages

wiederholten, und daß Lotte dann in die größten Verlegenheiten kommen

würde? Dem mußte vorgebeugt werden.

Bitte, setz das schriftlich auf. -- Er holte Feder und Papier. Fox sah

ihn verblüfft an und weigerte sich tief gekränkt. -- Ich erniedrige mich

dadurch. -- Du brauchst dich deshalb nicht vor mir erniedrigt zu fühlen;

es ist reine Formensache. -- Vor dir?! absolut nicht! aber vor Lotte,

vor der Familie! -- Die Familie wird das Papier niemals zu sehen

bekommen, auch Lotte soll nie etwas davon erfahren. Also bitte schreib,

es ist nur, um dein eigenes Gedächtnis frisch zu erhalten! -- Fox

weigerte sich noch immer, sagte, dies sei eine Komödie, ein gesprochenes

Manneswort bedürfe keiner schriftlichen Garantie, und ob er sich jemals

in seinem Leben ehrlos benommen habe?! -- Bitte, schreib. -- Als Fox

sich noch immer weigerte, griff Pitt zu einem letzten Mittel, von dem er

sicher wußte, daß es wirkte: Wenn du nicht schreibst, werde ich mir

Garantien von unserem Vater verschaffen. Seine Augen blickten nach wie

vor durchdringend auf ihn hin. Fox ergriff mechanisch die Feder, indem

er sagte: Ein schönes Mittel! Dies grenzt ja an Erpressung! Pitt lachte

innerlich, dann diktierte er, aber Fox sagte: ich weiß schon selber was

ich zu schreiben habe. -- Da hast du den Wisch! sagte er endlich. Pitt

las das Papier aufmerksam durch, faltete es dann sorgfältig zusammen und

steckte es in seine Tasche. -- Nun will ich aber nichts mehr von dir

hören! sagte Fox diktatorisch, und mit Lotte werde ich über diese

triviale Angelegenheit auch bloß ein paar Worte sprechen. Mir gehen weiß

Gott andere Dinge genug im Kopfe herum! Und er dachte an Herrn von

Sanders Schülerin, mit der er sich heute am Nachmittag angeregt und

geistreich unterhalten hatte über das Problem des Weibes. -- Dieser

Abstieg in die platteste Misere des Lebens war zu erbärmlich! --

Lotte war inzwischen in Fräulein Nippes Zimmer, erschüttert durch die

neuen Aufregungen, in Tränen ausgebrochen. Fräulein Nippe war so

teilnehmend, so liebevoll, es drängte Lotte, ihr, einer Frau, ihr ganzes

Herz auszuschütten, und sie tat es. Alles, alles erzählte sie, kaum

etwas, das Fräulein Nippe noch nicht wußte, aber so im Zusammenhang

erhielt sie doch einen besseren Überblick. -- Armes Kindchen! sagte sie

und streichelte ihre Hand, nein, zu Ihrer Großmutter dürfen Sie nicht

zurück, das ist ausgeschlossen, aber hier -- wenn Sie hier unter ganz

fremde Menschen gehen -- ach, das Herz krampft sich mir ja zusammen,

so'n junges Blut unter kalten, herzlosen Berufsmenschen, die die

heiligsten Dinge als ein alltägliches Geschäft ansehen! Nein, Kindchen,

das dürfen Sie nicht. Wenn ich nur etwas anderes wüßte! Fräulein Nippe

tat plötzlich eine Bewegung: Ein rettender Gedanke war ihr gekommen:

Hier sollen Sie bleiben, hier bei uns! Ich lasse Sie nicht wieder fort,

bis Sie alles glücklich überstanden haben. Ich weiß allerdings noch

nicht wie ich Platz schaffen soll, aber wir _müssen_ Platz schaffen. --

Lotte faßte wie gerettet ihre Hand und küßte sie, Fräulein Nippe aber

nahm sie in ihre Arme und hielt sie fest, und nannte sie eine arme

verängstigte Taube, die sich vor den Krallen des Geschicks an ihre Brust

geflüchtet habe. Sie fühlte sich so stolz, so glücklich wie noch nie in

ihrem Leben. -- Warten Sie hier, ich gehe hinüber zu den Herren und

bespreche alles mit ihnen! -- Sie huschte hinaus, und dann stand sie

klein, aber sicher vor den beiden großen Brüdern und teilte ihnen ihren

festen Entschluß mit. -- Bravo, Fräulein Nippe, bravo! rief Fox

warmherzig und lebhaft, und dann wandte er sich vorwurfsvoll an Pitt:

Siehst du, _so_ benehmen sich großherzige Menschen in großen

Augenblicken!! -- Das Pekuniäre, sagte er hierauf wieder zu Fräulein

Nippe, mache ich später mit Ihnen genauer aus! -- Ach das ist ja das

wenigste, meinte sie, Sie werden sie wohl nicht zu kurz kommen lassen!

-- Absolut nicht, absolut nicht! sagte er feierlich protestierend gegen

die Möglichkeit eines solchen Verdachtes; im Gegenteil, ganz im

Gegenteil! -- und als Fräulein Nippe weiter sagte, er solle nun

hinübergehen und ein paar Worte mit Lotte sprechen, nickte er: Sofort,

gewiß, jawohl, versteht sich! und wanderte sogleich hinüber. Auf den

Gedanken, daß es eigentlich nicht schön sei, Lotte nun immer in so

unmittelbarer Nähe um sich zu haben, kam er jetzt noch nicht. -- Na,

Lottchen, sagte er, also du bleibst ja nun vorläufig hier, -- und

streckte ihr die Hand entgegen; du weißt doch, daß ich es gut mit dir

meine! Hier ist es am besten für dich! Ich habe mir das überlegt,

obgleich es nicht leicht ist für mich, das kannst du dir wohl denken!

Also, Lotte, -- na, gibst du mir nicht die Hand? Sagst du gar nichts

Freundliches zu mir? -- -- Danke! sagte sie.

Sechstes Kapitel.

Lotte blieb nun wirklich in dem Heime Fräulein Nippes und Herrn

Könneckes. -- Herr Könnecke hatte tiefes Mitleid mit dem armen Mädchen,

und wenn er ihr einen Teil seiner Bequemlichkeit opferte, so sagte er

sich, er begehe dafür auch eine gute Tat: Er trat ihr sein eigenes

Zimmer ab und teilte in der Folgezeit die Stube mit Fox. Der war anfangs

über dieses Ansinnen tief verletzt. Herr Könnecke schlug ihm darauf vor,

er könne sich ja ein anderes Zimmer mieten. Verstimmt, sich von Herrn

Könnecke, vom Schicksal, von allen schlecht behandelt fühlend rief Fox

bitter: Natürlich! Ist ja ganz einfach, ich habe ja Geld wie Heu! Ich

kann mir ja auch gleich eine ganze Wohnung mit einem Tanzsaal mieten! --

Sie können doch nicht verlangen, sagte Herr Könnecke, daß ich mit meiner

Cousine in einem Zimmer schlafe! -- Ich verlange _garnichts_! antwortete

Fox und dehnte das letzte Wort betonend, bedeutend, zurechtweisend.

Meinetwegen ziehen Sie in mein Zimmer, aber reden Sie wenigstens nicht

vorher davon. -- Herr Könnecke verschluckte seinen Ärger, und am

nächsten Tage war die Stube für zwei eingerichtet. Sie war ganz

vollgestopft mit Möbeln. -- Ich kann überhaupt niemand mehr hier

empfangen! rief Fox gereizt in die Luft hinaus, als er sein Zimmer in

dem neuen Zustand erblickte.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 12 / 27 段