Schadet nichts! dachte er am nächsten Morgen; wenn man nur selbst rein

aus allem hervorgeht und seine Überzeugungen beibehält, das ist die

Hauptsache. Angenehm ist es freilich nicht, daß ich die Person nun am

Halse habe.

Aber als sie sich wiedersahen und nach der Stunde nebeneinander

herschritten, wartete er vergebens auf irgend ein andeutendes Wort. Auch

das übernächstemal geschah nichts, und endlich konnte er darüber nicht

mehr im Zweifel sein, daß Fräulein Lisa ihre Beziehungen zu ihm mit

jenem einzigen Abend als abgeschlossen erachte. Nun ärgerte er sich

wieder _darüber_: Er hatte es sich so schön gedacht, sie noch ein

paarmal zu bewirten, ganz als Kavalier, und sich unter ihrer Wohnung mit

nachdrücklichem Anstand zu verabschieden. -- Sie hat's wohl gemerkt!

tröstete er sich -- und sich die Blamage ersparen wollen; diese

Frauenzimmer sind schlauer als man denkt. --

Im Lauf der Zeit nahm Fox bis ins kleinste hinein die Sprechweise seines

Lehrers an; er bildete sich ein, dies sei ein neuer Stil, _sein_ Stil,

den er sich erobert, zu dem er sich durchgerungen habe. -- Mensch, ich

gratuliere Ihnen! sagte Herr von Sander eines Tages in feurigem

Konversationston, nun kann ich es Ihnen offen sagen: die allererste Zeit

habe ich Sie nicht für sehr talentiert gehalten! Aber heute stelle ich

Ihnen einen Garantieschein für die Zukunft aus! Ah, ich vergesse: Sie

wollen ja gar nicht sich der Bühne zuwenden -- es ist doch wirklich

schade um Ihr Talent! Es ist erstaunlich, was Sie alles in der kurzen

Zeit gelernt haben! Nur in den Bewegungen hapert es immer noch, doch das

ist auch gar nicht anders möglich! -- Ja! sagte Fox bedauernd, aber das

liegt wahrhaftig nur an diesem Mauseloch von Salon, man kann seine

Kräfte unmöglich frei darin entfalten. --

Eines Tages blieben Fräulein Lilli und Fräulein Lisa aus. Statt ihrer

kamen nur Postkarten mit Beleidigungen. Was da vorgefallen war, konnte

Fox nicht recht erfahren. Herr von Sander und Herr Eichinger besprachen

die Sache lebhaft, ohne daß es ihm gelang einen Faden zu entdecken. Herr

von Sander konnte sich nicht enthalten beider Talent auf das schärfste

herunterzusetzen und die Worte herauszuschmettern: Es ist ein Jammer,

wenn solche Wesen die Kunst diskreditieren! so daß das Klavier leise

nachzitterte; Herr Eichinger pflichtete ihm in jedem bei, erzählte aber

später den beiden Damen alles haarklein wieder. Nach einiger Zeit

verlautete, sie seien zu einem Konkurrenten auf dem Gebiete der

Theaterschule übergegangen. Sowie Herr von Sander dies erfuhr, schrieb

er ebenfalls beleidigende, sinnlose Postkarten. Die Antwort hierauf

waren zwei Briefe, die nichts enthielten als seine eigenen Karten. Jetzt

geriet Herr von Sander in Raserei. Er schrieb zwei Briefe, in denen er

seine früheren Ausdrücke noch überbot und den Damen ein ironisches

»Bravo« zurief für ihr »vornehmes« Schweigen. Die Briefe ließ er von

fremder Hand adressieren, nachdem er Fox vergeblich darum ersucht hatte.

Jetzt kamen zwei eingeschriebene Briefe als Antwort: Jede der Damen habe

die Sache ihrem Bräutigam, der Jurist sei, übergeben, und der dulde es

nicht, daß irgendein hergelaufener Mensch seine Braut beleidige. Es war

nicht ersichtlich, ob es sich um zwei, oder um einen gemeinsamen

Bräutigam handle. Und nun tat Herr von Sander den letzten Schlag: Er

schickte zwei Telegramme, die nur die Worte enthielten: Schließe mit

einem »Pfui« die Akten. -- Hierauf waren alle füreinander tot. --

Zu Hause mußte nun Fräulein Nippe Foxens Übungen assistieren. Er

brauchte einen lebenden Menschen, zu dem er die Worte sprach, die für

lebende Menschen berechnet waren. Und Fräulein Nippe kam so gern! Sie

mußte sich als Desdemona auf sein Sofa legen, wogegen sie sich erst

schwach sträubte. Aber aus Liebe zur Kunst tat sie es doch. Wenn nur der

lange Monolog erst vorüber wäre! Und doch! schön war der auch! Sie lag

da und wartete, das offene Buch in ihrer Hand, denn auswendig konnte sie

es nicht, es war so schwer! In Hemdärmeln beugte er sich über sie, selig

schloß sie die Augen und bildete sich den Kuß ein, den sie nicht bekam.

Aber dann wurde es anders! Fox rollte die Augen, sein Vortrag riß sie

mit fort, mit Ausdruck las sie ihre Sätze, immer näher kam der Moment,

und endlich war er da: Mit großer Bewegung streifte Fox seine

Manschetten zurück, trat in zwei schweren Schritten nah an sie heran,

und nun begann die Prozedur des Erwürgens! Es war angreifend, aber

herrlich! Durchgerüttelt, selig erschöpft lag sie dann da, bis Fox

wieder schrie: Nicht tot? Noch nicht ganz tot? und sich abermals auf sie

stürzte. -- Noch einmal! sagte sie, schnell atmend, es ging noch nicht

so wie es muß! -- Es greift mich zu sehr an, meinte Fox. -- Dann

wenigstens noch einmal das letzte. -- Wenn es _Sie_ nicht angreift? --

O, ganz und gar nicht; ich merke nicht das geringste, Sie brauchen sich

nicht zu genieren und können gern noch fester zugreifen. -- Fox wußte

nicht wie das kam: vor Fräulein Nippe spielte er immer viel besser als

vor Herrn von Sander. --

Aber Selma, das geht doch nicht! sagte Herr Könnecke zu seiner Cousine,

was soll denn Herr Sintrup von dir denken! -- Nun bitte, sage mir, was

_meinst_ du denn was er denken soll?! Herrn Könnecke machte diese

direkte Frage verlegen. Ich weiß es auch nicht, sagte er endlich. -- Nun

also, was sollen dann diese dummen Redereien! Du scheinst dir manchmal

überhaupt nichts bei dem zu denken, was du sagst. -- Fräulein Nippe war

in der letzten Zeit zuweilen recht rücksichtslos gegen ihren Vetter. --

Spiel du doch einfach mit, sagte sie einmal, dabei kannst du uns ja

gleichzeitig beaufsichtigen; -- und wollte ihn veranlassen, die Rolle

der Emilie zu übernehmen. --

Nun, schreist du noch? fragte Pitt manchmal seinen Bruder, wenn er ihm

begegnete. -- Jedenfalls ist es besser ich schreie, als wenn ich gar

nichts täte, so wie du! entgegnete Fox. Dann lachte Pitt, ohne die

Spitze zu parieren. Fox sah ihn jetzt seltener, Pitt hatte sich

vollkommen in die Juristerei vergraben und arbeitete den ganzen Tag

durch. Dies war das beste Mittel seine Gedanken von sich selber

abzulenken.

Seine unbestimmte Hoffnung, Elfriede wiederzusehen, hatte sich nicht

erfüllt. Ihre Gestalt hatte sich ihm mehr und mehr verdichtet, als er

all die alten Plätze wiedersah, die Unruhe trieb ihn die ersten Wochen

herum, die Möglichkeit, ihr selbst irgendwo zu begegnen. Niemals geschah

das; seine Spannung wich einer allgemeinen Melancholie, als er eines

Tages zufällig durch Fräulein Nippe erfuhr, Elfriede sei überhaupt gar

nicht mehr hier am Orte, sie befände sich schon lange in Paris und

studiere dort am Konservatorium. Im ersten Augenblick traf ihn dies wie

ein Schlag, indem ihm nun die Unmöglichkeit jeglicher Aussichten in die

Zukunft diese Aussichten um so näher, um so sicherer erscheinen ließ,

wenn Elfriede nicht in der Ferne geweilt hätte; dann machte er

allmählich einen Kult aus dieser Liebe in die Ferne: Nachts, wenn er von

der Arbeit müde sich nach frischer Luft sehnte, suchte er das Haus der

van Loo auf. Manchmal lag es still im Mondschein da, die vielen Scheiben

seiner wenigen Fenster spiegelten sich silbern im Lichte, manchmal

strahlte es im eigenen Glanz, und Equipagen hielten vor seiner Tür. Er

suchte auch die Bank auf, wo er Elfriede einst in ihrem Knabenkostüm

traf, und setzte sich still neben den Platz, auf welchem sie damals

gesessen hatte; aber schließlich erschien ihm dies Ganze sentimental und

albern: Was hatte er von diesen Rückblicken in die Vergangenheit? -- Ich

könnte ja nun auch einen Lottekult unternehmen und jeden Tag

Kirschtörtchen mit Schlagrahm in der Konditorei essen! -- Was hatte doch

Fräulein Nippe gesagt?: Ja ja, Sie zwei Brüder haben schwer zu tragen!

Das hatte er damals ganz überhört. Liebte Fox unglücklich? und hatte er

Fräulein Nippe zu seiner Vertrauten gemacht? Plötzlich erinnerte er

sich, daß Fräulein Nippe rot bei diesen Worten geworden war. Weshalb war

sie rot geworden? Weil sie gedankenlos die Diskretion gegen Fox

gebrochen hatte? Das stimmte nicht zu ihrem Wesen. Offenbar hatte sie

sich irgendwie selbst verraten. -- Sie hat wahrscheinlich -- dachte er

-- irgend einmal, oder auch öfter, an der Tür gehorcht. --

Fräulein Nippe betrachtete Fox jetzt zuweilen mit halb neugierigem, halb

fragendem Blicke. Es waren stumme, sprechende Blicke, wie wenn sie in

seiner Natur grüble und zu keinem Resultate komme. Sie wartete, Fox

solle ihr sein Herz eröffnen. Konnte er denn das so allein mit sich

herumschleppen? Brauchte er denn keine teilnehmende Seele, die ihn

verstand, nach deren Rat er sich sehnte? Hatte er denn kein Vertrauen zu

ihr? Fox bemerkte diese Blicke nicht, oder er legte sie sich falsch aus.

Durch ihre gemeinsamen Schauspielübungen kameradschaftlicher geworden,

faßte er sie dann wohl gutmütig im Nacken und sagte: Hast du zu Nacht

gebetet, Desdemona? -- so daß sie etwas zusammenknickte und dankbar zu

ihm aufsah. Aber damit war es dann auch aus, keinen einzigen

sorgenvollen Gedanken schien sich dieser prachtvolle junge Mann zu

machen!

Das arme Mädchen! Was soll nur werden! so sagte sie zu sich selbst, auf

seinem Sofa sitzend und einen gelesenen Brief auf ihrem Schoße haltend.

Seit einiger Zeit besaß Fräulein Nippe einen zweiten Schlüssel zu Foxens

Schreibtisch, das erleichterte die Teilnahme an der Korrespondenz

wesentlich. -- Immer aufgeregter wurden diese Briefe, immer

verzweifelter, da er nicht wiederkam, und in dem letzten hieß es, wenn

er sich von ihr trennte, wäre es ihr Tod; sie würde sich dann wahr und

wahrhaftig das Leben nehmen. Aus einigen Stellen war zu ersehn, daß Fox

versucht hatte sie zu trösten, daß sie aber allmählich nicht mehr an

diesen Trost glaube. Und das gute, gute Kind! In ihrem letzten Briefe

schickte sie ihm eine Photographie von sich, ganz klein, billig,

armselig, auf einem Jahrmarkt gemacht, aus Blech, und dazu schrieb sie,

dies Bild solle ihm ihre Züge wieder ins Gedächtnis rufen. Und diese

Züge waren doch so lieb, so nett, soweit man nach dem schlechten Ding

urteilen konnte. -- In alle vier Ecken des Briefbogens hatte sie das

Wort »Vergißmeinnicht« verteilt -- nein das war in einem der vorigen

Briefe, die ebenfalls auf Fräulein Nippes Knien lagen. Dieser letzte

enthielt nichts von solchen Kindlichkeiten, er war ganz ernst, so ernst,

daß Fräulein Nippe die Tränen in die Augen traten. Mit keinem Wort war

es erwähnt -- und doch konnte man sie deutlich zwischen den Zeilen

lesen, diese böse Tatsache, die sich langsam vorbereitete und das

Mädchen so verzweifelt machte.

Fox sprach zu niemand von diesem Briefwechsel. Zu Anfang hatte Pitt ihn

zuweilen nach Lotte gefragt; er hatte geantwortet, die Beziehungen zu

ihr habe er abgebrochen, schon damals, als er fortging.

Ihre erste große Enttäuschung, daß er jetzt nicht wiederkam, milderte er

mit dem festen Versprechen im übernächsten Semester zurückzukehren. Dann

wurden seine Briefe immer spärlicher, und schließlich, da er gar nicht

mehr wußte was er ihr schreiben sollte und sie doch immer auf seine

Antworten wartete, erzählte er ihr Anekdoten und Witze, die er aus den

Fliegenden Blättern für sie abschrieb. Damit war sie auch zu Anfang ganz

zufrieden, denn sie mußte über alles lachen. Sie baute auf sein

Versprechen, später zurückzukommen, und machte sich Vorwürfe so

ungeduldig zu sein. Denn Fox hatte doch extra geschrieben, er dürfe

jetzt nicht kommen, da sein Studium einen ganz geregelten Gang habe und

gewisse Vorlesungen an der fremden Universität unumgänglich notwendig

seien dafür, daß er sein Examen später mit Auszeichnung bestand.

Seine Aussichten auf die große Karriere standen ihr wieder vor dem

Gedächtnis, die durfte sie nicht stören; sie mußte ein vernünftiges

Mädchen sein, das ihrem Geliebten die Wege ebnete, oder, da sie nur ein

unbedeutendes und aller Mittel und Verbindungen bares Wesen war,

bescheiden zuwarten und ihm wenigstens die Wege nicht noch schwieriger

machen als sie ohnehin schon waren. Dazwischen begann sich zuweilen

leise die Frage einzuschleichen, ob Fox sie wohl wirklich so liebe, daß

er sie später heiraten werde. Dann schalt sie sich aber sogleich töricht

und sogar undankbar gegen seine Liebe, daß sie an ihr zu zweifeln wage.

-- Großmutter meinte, sie arbeite zu viel, sie solle weniger arbeiten;

sie sei nervös. Unruhig, matt, gereizt wurde Lotte, und doch fühlte sie

sich nicht eigentlich krank. Aber was _war_ das nur? Was _hatte_ sie

nur? Frau Bornemann meinte eines Tages lächelnd: Es ist ja fast als ob

du guter Hoffnung wärst; das heißt ich versündige mich mit solchen

Reden! -- Wie ist denn das? wollte Lotte gerade neugierig fragen, aber

sie fing den Satz gar nicht an -- denn auf einmal war es, als bliebe ihr

das Herz stehen vor einem plötzlichen, eisigen Schreck.

Ihr erstes Gefühl war so fürchterlich, daß ihr leise schwindelte; dann

dachte sie: dies ist ja nicht möglich, ich stehe ja noch hier und lebe.

-- Und nun begann eine Zeit des Grausens, des Zweifels, der

vollkommensten Rat- und Hilflosigkeit, der fürchterlichsten Furcht vor

dem Unsichtbaren, von dem sie nicht wußte: war es in ihr oder war es

nicht in ihr. -- Jetzt schlich sie sich, so oft sie konnte, in Foxens

früheres Zimmer, wenn der neue Mieter abwesend war. Angstvoll saß sie

bald über diesen, bald über jenen Band des Konversationslexikons

gebeugt. Alle Zeichen stimmten! -- Und doch, trotz allem: Es konnte, es

konnte ja nicht möglich sein! Dies war so entsetzlich, daß es nicht

möglich sein konnte! Sie geriet wieder in Zweifel, alles erschien ihr

für Momente wie ein furchtbarer Traum, aus dem sie schon halb erwacht

war; sie schalt sich kindisch, sie suchte über ihre Angst zu lachen, und

doch stand schon von neuem das Grauen über ihr, um sie im nächsten

Augenblicke anzufallen. Und endlich konnte gar kein Zweifel mehr

bestehen. Jetzt schrieb sie jene Briefe an Fox, daß sie sich das Leben

nehmen werde, wenn er sie verließe. Und schließlich hatte sie nur noch

den einen Gedanken: Fortgehen, zu Fox gehen; Großmutter darf nichts

erfahren. Fox mußte Rat schaffen, er hatte dazu die Verpflichtung. Und

sie baute fest auf ihn wie auf einen Fels; er war doch viel klüger als

sie, er hatte doch dies alles kommen sehen, er mußte ja alles eigentlich

schon wissen! --

Sie müsse fort, sagte sie zu Frau Bornemann, sie halte ihren Zustand

nicht mehr aus, sie sei überarbeitet, sie müsse sich erholen, sonst

reibe sie sich vollends auf. Und da sie die letzten Monate, um über die

Trennung mit Fox hinwegzukommen, wirklich über das Maß gearbeitet hatte,

so glaubte ihr Frau Bornemann aufs Wort. Glücklicherweise sprach sie

nicht davon, den Arzt kommen zu lassen; sie war der Meinung, alle Ärzte

seien doch nur unwissende Schurken, und hatte dafür viele Beweise aus

ihrem langen Leben. So kramte sie denn nur in ihrer Hausapotheke, gab

ihr bald dieses bald jenes harmlose Mittelchen und kochte ihr

Kräutertees. Lotte aß und trank alles, nicht ganz in der Hoffnung es

könne helfen, aber doch um wenigstens alles zu tun was ihr geboten

wurde. Wie glücklich erwies es sich jetzt, daß sie in so sehr

bescheidenen Verhältnissen lebten! Frau Bornemann klagte, daß sie sie

nicht begleiten könne, es gehe aber beim besten Willen nicht, und sie

müsse doch schon des Zimmerherrn wegen am Orte bleiben. Lotte sagte, sie

solle dann auch ja für die Zeit ihres Fernseins ihr eigenes Zimmerchen,

das dann leer stünde, vermieten. -- Na, so lange bleibst du nun

hoffentlich nicht fort! meinte Frau Bornemann bedächtig, und Lotte

sagte: Nein, so lange bleibe ich wohl nicht fort -- und hatte keine

Ahnung, wie lange sie nun fernbleiben müsse. -- Sie ging zum Atlas, und

suchte Städte auf, die ungefähr ebensoweit von ihrem Wohnort entfernt

lagen wie Foxens Aufenthalt -- des Billettpreises wegen. Dann nannte sie

eine kleine Stadt, fast einen Marktflecken. Dort wohne eine Freundin von

ihr, mit der sie auf der Schule gewesen sei, bei der könne sie umsonst

wohnen, sie habe sie schon öfter eingeladen, sie werde sich furchtbar

freuen wenn sie käme. Dorthin wolle sie reisen, es sei da die

herrlichste Landluft. Frau Bornemann freute sich hierüber; sie ging auf

alles ein, sie war von einer Ahnungslosigkeit, daß Lotte sich ganz

schlecht gegen sie vorkam.

Sie schrieb noch einen Brief an Fox, sie habe ihm etwas mitzuteilen, was

sie ihm nur mündlich sagen könne, und nannte den Zug, mit dem sie am

nächsten Tage eintreffen werde. -- Gerade als sie abreiste, zog nun doch

ein neuer Mieter in ihr Zimmerchen, Frau Bornemann lobte Gott, der sich

ihr so sichtbar gütig erweise.

Fräulein Nippe überreichte jenen Brief Fox persönlich, und las ihn

hinterher an seinem Schreibtisch. Also nun ist es wirklich entschieden!

dachte sie; das arme Mädchen! und der arme junge Mensch! So jung, und

durch solche Bande gekettet. --

Fox war diesen ganzen Vormittag nicht zu Hause. Fräulein Nippe verfolgte

alle Stadien des Wiedersehens: Jetzt läuft der Zug ein! dachte sie, auf

die Uhr sehend; und sah die beiden jungen Leute sich im Geist umarmen.

-- Jetzt sind sie wohl schon im Wagen. -- Ob er sie wohl gleich hierher

bringt? -- Mehrmals ging sie ans Fenster, um hinabzusehen, wenn eine

Droschke nahte. Aber keine hielt vor ihrem Hause. -- Endlich läutete es.

Geschwind lief sie zur Tür:

Ein dunkeläugiges, einfach gekleidetes Mädchen stand da allein. Sie

erkannte sie sofort. -- Ist Herr Sintrup zu Hause? fragte sie halblaut

und etwas stockend. -- Ja hat er Sie denn nicht abgeholt? sagte Fräulein

Nippe erstaunt. Lotte war durch all die Aufregung, durch ihre

Enttäuschung am Bahnhof, durch die Erregung des Augenblicks, jetzt dicht

vor dem Wiedersehen, so hingenommen, daß sie nicht einmal darüber

verwundert war, daß diese fremde Dame Bescheid wußte. Sie schüttelte nur

den Kopf und zwang ihre Tränen zurück. Aber sie sagte, sie wolle nun

hier auf ihn warten. Fräulein Nippe setzte ihr sogleich ein Gläschen von

dem stärkenden Wein vor, den ihr Herr Könnecke zum Geburtstag geschenkt

hatte. Ihr Herz trieb sie, dieses arme Mädchen zu streicheln und zu

trösten, aber es fiel ihr ein, daß ihr ja hierzu jede Motivierung fehle.

Sie durfte offiziell von nichts wissen. Lotte fühlte aber doch ihre

Wärme durch, und dachte, sie selber lasse sich zu sehr gehen. Das

allerschlimmste war ja auch vorläufig überstanden, sie war glücklich von

zu Hause fortgekommen, fühlte etwas wie vorläufiges Ausruhen in sich --

und dann, dann mußte Fox dafür sorgen wie es weiter gehen würde.

Zu Mittag erschien Fräulein Nippe, die sich diskret zurückgezogen hatte,

wieder, und setzte ihr etwas zu essen vor. Noch immer saß das Mädchen

ganz genau so da, wie sie sie verlassen hatte! -- Lotte wollte zuerst

nichts nehmen, aber Fräulein Nippe redete so herzlich, daß sie

verstummte und sie nur dankbar anblickte.

Wieder verging eine Zeit, da erschien Fox endlich. Er hatte Lotte

strafen wollen für ihre unüberlegte, zwecklose Reise, über die er sich

nur ärgerte, um so mehr, als er sie nicht verhindern konnte, da ihr

Brief erst am Morgen eingetroffen war. -- Diese Mädchen lassen sich doch

immer von ihrem Gefühle leiten und setzen den Verstand beiseite! Was um

Gottes willen wollte sie ihm sagen, was sie ihm nicht schon tausendmal

gesagt hatte! --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 11 / 27 段