Nippe zu wohnen, der Anblick der Haarwolke bestärkte ihn in seinem
Vorsatz und er fragte: Wo ist denn mein großer Koffer? -- Hier! sagte
Herr Könnecke und deutete auf das »Angßangbel«, da steht er drunter! Und
er sah Pitt verblüfft an, als der sagte, er lasse ihn im Lauf des Tages
abholen, denn er wohne wo anders. Och nein! meinte er enttäuscht, fügte
aber nichts hinzu, da es nicht seine Sache war, sich den Menschen
aufzudrängen. Pitt ließ ihn grübelnd zurück, was wohl der Anlaß sein
könne, daß er nicht wiederkommen wolle. Zum Schluß sagte er noch, er
wolle ihm seinen Bruder schicken, von dem Herr Könnecke auch einen
höheren Preis verlangen könne, denn er habe viel mehr Geld als er
selber. Eine Mischung von Herrn Könnecke, Fräulein Nippe und Fox -- so
dachte er -- kann etwas ganz Lustiges ergeben, und empfahl Fox dieses
Zimmer mit großer Zungenfertigkeit. -- Er hat doch ein gutes Herz! sagte
Fräulein Nippe, der Zusammenhang ist doch so einfach! Als er hörte,
_ich_ wohnte in dem Zimmer, hat es ihm leid getan mich wieder daraus zu
vertreiben, das ist doch sonnenklar! -- Mach du nur die Stube recht in
Ordnung, denn wenn der Bruder kommt, so darf da nicht wieder so was
herumliegen! Herr Könnecke führte sie zu der Haarwolke, die er
aufbewahrt hatte, weil er dachte, sie habe sie vielleicht noch nötig.
Hat er das gesehen? fragte sie; und wenn auch! Daß das Haar echt ist,
hat er dann jedenfalls auch gesehen! So dunkles, dichtes Haar, und die
Farbe so kastanienbraun -- ich konstatiere nur! Manche Frauen gäben was
drum, wenn sie die Farbe hätten! --
Als Fox erschien, war das Zimmer peinlich sauber. Die Hände unter der
Brust zusammengelegt, die Knie etwas eingeknickt, stand Fräulein Nippe
da und sah verehrend zu ihm hinauf. Dieser stattliche junge Mann! Diese
regelmäßig-blühende Figur, dieser volle rosige Hals, und die Backen
lachten vor Wohlergehen! -- Kostet? -- Diese Präzision, diese fast
militärische Einfachheit! Sie nannte den Preis. -- Bon! -- Mieten wir?
fragte sie, kurz, aufmunternd, burschikos. -- Abgemacht. -- Träbong. --
Bien! verbesserte er, worauf sie militärisch grüßend die Hand an die
Schläfe führte. Sie verstand es schon mit jungen Leuten umzugehen! --
Mein Bruder ist ein Schafskopf. -- Sie erwartete, daß noch etwas folgen
werde, aber er war fertig; sie lächelte taktvoll-allgemein. Fox
verschwand wieder, im Lauf des Nachmittags kamen seine Koffer, und, wie
früher Lotte, weidete sich nun Fräulein Nippe an dem schönen Leder. Am
nächsten Tage, als er ausgegangen war, durchstöberte sie sein Zimmer, um
den neuen Herrn »etwas näher kennen zu lernen«. Gleich der Kasten zur
Nagelpflege zog ihre Aufmerksamkeit an. Bis in die Fingerspitzen hinein
soignierte sich dieser junge Mann! Auf dem Waschtisch standen
geschliffene Flakons mit wohlriechenden Essenzen, kleine Etuis mit
verschieden geformten Bürstchen, Büchschen mit Pomade und Pasten. Sie
roch an allem, befühlte die Stärke seiner Zahnbürste und polierte sich
endlich versuchsweise einen Nagel. Aber hatte er denn nichts anderes im
Zimmer, das sie wirklich »interessierte«? Die Laden waren sämtlich
verschlossen, aber halt! da lag was, ein Taschenbuch, das mußte er
vergessen haben. -- Es war doch vorsichtiger, vorher die Korridortür
abzuriegeln. -- Der tausend! Was für noble Bekanntschaften! Lauter
Barone und Adlige! Weiter: Eine unbenützte Rennkarte; ein kleines
Notizbuch. Das mußte interessant sein! Überschrift: Eindrücke aus
Bilderausstellungen. Was aber darin stand, konnte sie beim besten Willen
nicht entziffern. Es hatte wohl Ähnlichkeit mit Buchstaben und Worten,
aber nur eine ganz entfernte; so etwa wie man sich denkt, daß
Schauspieler auf der Bühne schreiben, wenn es das Stück erfordert. Was
mochte das wohl bedeuten? Achtungsvoll schob sie das Büchlein wieder an
seinen Platz. Da, endlich! Ein Brief! Sie merkte sich genau die Art, wie
er zwischen die übrigen Sachen hineingesteckt war, dann nahm sie ihn
heraus: Geliebter Fox! Das Schicksal hat uns für einige Zeit getrennt
.... o das war ja interessant, das übertraf alle ihre Erwartungen!
Gleich sah sie nach der Unterschrift: Deine treue Lotte. Und ein
Herzchen war dahinter gemalt, etwas schief, mit Tinte. Darin stand ein
Monogramm aus L und F. Trennung und Wiedersehen, Wiedersehen und
Trennung wiederholten sich durch alle vier Seiten hindurch. Und am
Schluß hieß es: Nun habe ich dir so furchtbar viel geschrieben, daß es
inzwischen Nacht geworden ist. Dann kam noch einmal der Trost, daß sie
ihn ja nun bald wiedersehen werde, wenn er in das Semester zurückkehre.
-- Fräulein Nippe sah nach dem Wohnort. -- Ob die wohl inzwischen
erfahren hatte, daß Fox wo anders hingegangen war? Und weshalb war er
wohl nicht zurückgegangen? --
Ich verstehe absolut nicht, sagte Fox zu Pitt, weswegen du nicht wieder
in die Wohnung wolltest; anfangs dachte ich: Sie hat einen Haken, den
mir mein lieber Bruder verschweigt; aber bis jetzt habe ich keinen
gefunden. Die Wohnung ist tadellos, das Ameublement direkt so, daß es
bei uns zu Hause im Salon stehen könnte! Und die Leute sind doch
wirklich reizend! Dieses Fräulein Nippe hat ein Benehmen, das man
geradezu als kavaliermäßig bezeichnen muß! Schön ist sie nicht, das gebe
ich zu, aber da ist auch kein Wort zu viel an dem, was sie sagt, jedes
sitzt bei der am rechten Fleck. Und dann hat sie überall einen direkt
weiten Standpunkt! Vor meinen Augen hat sie die Waschschüssel, weil eine
Stelle abgestoßen war, aus dem Fenster in den Hof geworfen, und als ich
meinte, das könne ihr doch Unannehmlichkeiten bringen, sagte sie, die
Menschen führten ein solches Philisterleben, daß ihnen ein kleiner Krach
und Schreck ganz heilsam in die Glieder fahren würde. Ich finde da alles
mögliche, so eine Urwüchsigkeit und Frische, und so ein sorgloses
Umspringen mit dem Gelde, -- denn gut geht's der Person nicht, das merkt
man. Und dann diese heitere Ruhe unter ihrer äußern Lebhaftigkeit! Da
sieht man wieder: Das Leben selbst ist die beste Erziehung für die
Menschen, -- wenn nämlich die Menschen sich vom Leben erziehen lassen!
Der Könnecke allerdings gefällt mir weniger, der hat ein bißchen was
Vulgäres, aber alles in allem: Man muß ihn gelten lassen, wenn man sich
einmal auf das Niveau dieser Sorte Menschen stellt! --
Seinem Plan gemäß warf Fox sich dies Semester auf die Schauspielkunst.
Er wollte Stunden nehmen, und bereitete sich autodidaktisch auf sie vor.
Eines Morgens dachte Fräulein Nippe, ihr Heim sei der Schauplatz einer
jener Tragödien, wie sie sie bisher nur aus dem »Vermischten« ihres
Zeitungsblättchens kannte. Leidenschaftliche Ausrufe, Drohungen wurden
da ausgestoßen; helfend, sich selbst preisgebend stürzte sie ins Zimmer,
im Geiste schon von einem »schuldlosen Opfer einer entsetzlichen
Katastrophe« in dem »Vermischten« lesend, aber Fox versicherte ihr
höflich, er rezitiere nur.
Nächstes Jahr wird gesungen, sagte Fox zu Pitt; jeder Mensch hat eine
Stimme, es kommt lediglich auf die Ausbildung an. Übrigens habe ich da
einen niedlichen Aufsatz über das neue Lustspiel geschrieben, das letzte
Woche aufgeführt wurde, du darfst ihn mal durchlesen, wenn du willst,
ich möchte gerne hören, was du über die Episode denkst, wo ich über das
antike Lustspiel rede und es mit dem modernen vergleiche. Ich habe mir
da mit Büchern durchhelfen müssen, und möchte gerne wissen, ob man das
sehr merkt! Schließlich, wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir ja
doch gestehen, daß uns in unserm inneren Gefühl herzlich wenig mit der
Antike verbindet, die Gelehrten mögen sagen was sie wollen. Der
Tieferblickende kann darüber nicht im Zweifel sein. Wir sind andere
Menschen, mit anderm Gefühl, heutzutage. Das gilt nicht nur vom antiken
Lustspiel, von der antiken Tragödie, das gilt auch von allen übrigen
klassischen Kunstäußerungen. Prüfe doch mal ein jeder, wenn er vor einer
griechischen Plastik steht, sein Herz, ob er irgend etwas empfindet,
Wirkliches empfindet! Ob er sich nicht vielmehr schöngeistige Phrasen
vormacht, und warum vormacht? weil die ganze Welt sie sich vormacht, vor
der man sich nicht blamieren möchte! Die Form ist ja da, aber es ist
eben auch nichts als Form, das geistige Element fehlt, und ohne das ist
für einen modernen Menschen eine Kunst undenkbar; wenn dann diese Form
gar noch in eine Formenspielerei ausartet, wie in den späteren Perioden
und schließlich im Barockzeitalter, dann geht die Kunst überhaupt in die
Binsen! Zurück zur Natur! Das möchte ich allen zurufen, die einem mit
ihrem Phrasengeklingel in den Ohren liegen! Von dem was ich eben sagte,
findet sich schon eine Andeutung in meinem Aufsatz; der Verstehende wird
mehr heraushören als eigentlich drinsteht. Es juckt mich wahrhaftig, das
mal in eine klare Form zu bringen! -- Pitt bekam nun wieder öfter
Aufsätze von ihm zu lesen, und Fox hoffte auf eine allmähliche
Verbreitung seiner »im tiefen Sinne« populären Ideen.
Allmählich hatte er sich nun genügend auf die Schauspielstunden
vorbereitet. -- Was jetzt noch zu tun ist, sagte er, ist Sache des
Lehrers. Satz für Satz habe ich für mich ein ganzes Drama -- das hier
neulich scheußlich aufgeführt wurde -- durchgenommen. -- Da ist mir
vieles aufgegangen; aber meine Stimme geht nicht so wie ich möchte, die
Wirklichkeit bleibt hinter der Intention erschreckend weit zurück, nun
heißt es: Technik erwerben, damit die Karre gut in Gang kommt. --
Es gab da einen Herrn von Sander, der wöchentlich einmal eine Annonce im
Blatt erscheinen ließ: er habe eine Theaterschule. Diese wählte Fox aus
ähnlichen Annoncen heraus, da er sich sagte, der Adel sei eine gewisse
Bürgschaft für die Bildung dieses Mannes. Bildung vermißt man gerade
unter den Theaterleuten so vielfach! Außerdem war Herr von Sander
Mitglied des Schauspielhauses. -- Fox suchte ihn auf, zunächst etwas
verblüfft über die Erscheinung seines neuen Lehrers: weder Mann noch
Frau, in einem unbestimmbaren Alter, mit etwas verwitterter
Gesichtshaut, so stand Herr von Sander vor ihm, in seinem knappen,
enganschließenden Jäckchen mit Seidenschnüren und Seidenaufschlägen. Fox
versicherte ihm sogleich, daß er die Schauspielkunst nicht als
Beruf ergreifen wolle, daß er Jurist sei und sich später der
Regierungsbeamtenkarriere zuwenden werde. Herr von Sander ließ ihn einen
berühmten Monolog vorlesen -- das tat er jedesmal, wenn er einen neuen
Schüler prüfte -- und sagte am Schluß: An Ausdruck fehle es ihm nicht,
nur wäre das nicht der Vortrag eines mittelalterlichen Anführers
gewesen, sondern etwa eines modernen Leutnants. Aber er werde ihm seine
Fehler schon herausbringen. Vor allem müsse seine Stimme geschult
werden, damit sie das Knarrende, Schnarrende verliere und Biegsamkeit
und Ton bekomme. Dann trug er ihm selbst jenen Monolog vor, in seinem
Hausjöppchen und den saffianledernen koketten Schuhen. Mächtig rollten
die R's dahin, der Vortrag wuchs aus einem schlichten Erzählerton empor,
bis zur Höhe allvergessender Begeisterung, um schließlich wieder
herabzusinken und in einem gemäßigten Feuer zu enden. -- Ja, das ist ja
alles recht schön, sagte Fox, aber besser als meins war es auch nicht.
-- Nanu, aber erlauben Sie mal! Herr von Sander sprach wieder in seiner
gewohnten Art, als ob er nie vorher anders geredet hätte. -- Jawohl!
sagte Fox, indem er ihn mit einem seiner umfassendsten Blicke ansah. Es
kam darauf an, diesem Manne von Anfang an zu imponieren. -- Glauben Sie,
fuhr er fort, daß der Kerl damals wirklich so geredet hat? Ich nicht. So
redet ein Schauspieler, aber kein Heerführer. -- Aber wir _sind_ doch
auch Schauspieler! warf Herr von Sander indigniert ein. -- Die
Schauspielkunst, sagte Fox, soll ein Gemisch sein aus Natur und Kunst;
ich gebe zu, daß mein Vortrag nicht gerade gut war; Ihrer war besser;
technisch wenigstens; aber mir schwebt ein Kunstideal vor, das zwischen
beidem steht. Natur und Kunst, verbunden zu höchster Einheit! Vielleicht
können wir beide von einander lernen. Ich habe -- also wirklich -- ein
Naturempfinden, das durch nichts getrübt ist. Lassen Sie es nun zur
Kunst werden, ohne meine Eigenart anzutasten. -- Der tritt ja gewaltig
auf! dachte Herr von Sander, und Talent scheint er auch nicht viel zu
haben. Aber immerhin: den verlangten höchsten Preis war Fox sogleich
bereit zu bezahlen, und da Herr von Sander am Theater nur eine mittlere
Größe war, und der Unterhalt mehrerer Beziehungen sehr viel Geld
verschlang, so war er froh, einen neuen Schüler zu bekommen. Außerdem
wollte der ja die Sache nur aus Luxus betreiben und keinen Broterwerb
daraus machen; so war kein Anlaß da, ihm von der Kunst abzureden -- was
Herr von Sander sonst vielleicht allerdings auch nicht getan haben
würde.
Vor allem erst mal 'ne Perücke auf, und ein Kostüm! sagte Fox zu sich
selbst, der nun zu Hause vor dem Spiegel jenen Monolog im Sinne Herrn
von Sanders fortwährend probte: Man muß sich selbst Illusionen machen,
sonst geht es nicht. Die Perücke kaufte er, das Kostüm nähte ihm
Fräulein Nippe aus einem Bettuch. -- Ich habe es ganz allgemein im
idealen Stil gehalten, sagte sie, indem sie es um seine Schultern hing,
nun sehen Sie mal, da ist der Heros fertig, mitten in unserem trivialen,
bürgerlichen Leben von heutzutage! -- Fox probte von neuem, es ging
entschieden schon besser. Aber den größten Schritt des Vorwärtskommens
bemerkte er doch erst, als er sich endlich entschloß, das Zungen-R des
Herrn von Sander und der Bühne überhaupt anzunehmen; zunächst erschien
es ihm affektiert und unnatürlich, er kam sich fast lächerlich vor, aber
dann dachte er: Sie machen es ja alle so, und folglich brauche ich mich
vor niemand zu genieren. Und als er es dauernd übte, meinte er: was für
ein Geheimnis doch oft in den unscheinbarsten Sachen steckt! Dies neue R
ist doch wirklich beinah wie ein Zaubermittel! Alles klingt gleich wie
in eine ganz andere Sphäre erhoben! Mit dem R hat er doch nicht so
unrecht gehabt wie ich dachte. -- Herr von Sander war nach den ersten
Stunden nicht unzufrieden, Fox ging jetzt daran Rollen zu üben.
Er lernte nun auch Herrn von Sanders Schüler kennen. Da waren zwei junge
Damen, die sich bereits jetzt Theaternamen beigelegt hatten, und ein
Herr Eichinger, Sohn eines Sattlermeisters, der eigentlich eine
Baritonstimme hatte, aber nicht Sänger wurde. Diese »Theaterschule«
hatte Fox sich anders gedacht: Alles spielte sich in dem kleinen Salon
ab; wie in einer Menagerie stieg jeder über die Füße des andern hinweg;
aber das lag daran, daß sie Anfänger waren; Herr von Sander sagte, auch
der kleinste Raum gestatte freieste Entfaltungskraft. Er machte alles
vor, setzte die Füße zierlich vor einander und verstand es wirklich,
nirgends mit den Knien anzustoßen. Dann zog er sich wieder in seinen
Winkel zurück, von wo aus er, das Buch in der Hand, die Übung
überwachte. -- Mehr Bewegung! Mehr Motion! rief er von seinem
Klavierstühlchen aus, Herr Sintrup, Sie stehen da wie ein Stock! Ich
bitte Sie: haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben ein Mädel im Arm
gehabt? Jetzt zeigen Sie doch mal, ob Sie »Natur« in sich haben, von der
Sie damals redeten! Noch einmal, von Anfang an! -- Fox mußte sich wieder
links stellen, die Dame rechts. Das rechte Bein vor, Herr Sintrup, nicht
das linke! Die Zuschauer sitzen hier wo ich bin; denken Sie doch an die
Wirkung! Also: Egon nähert sich ihr leidenschaftlich. Los! -- Wenn Sie
los sagen, so ist bei mir jede Stimmung vorbei, dann kann ich einfach
nicht. -- Mensch, wenn Sie Theaterblut haben, so _müssen_ Sie können;
auf der Bühne geht's auch nicht anders; also: ^en avant^, wenn Ihnen das
besser paßt! -- Fräulein Delorma lachte, nahm aber im selben Augenblick
eine flehende Miene an und streckte zagend die Hände gegen Fox vor. --
Gut, Mädel, nun du! -- Sie! tönte Fox. -- Ach was, lassen Sie sich nicht
stören, wenn ich mal du sage; nachher nenne ich Sie Herr Graf, wenn Sie
wollen. Also, Lilli, noch mal dein Stichwort. -- Lilli gab es, Fox tat
einen Schritt, Herr von Sander erhob sich, drängte ihn zur Seite und
machte alles selbst vor: Wenn Sie sich im Leben so benehmen, lacht Sie
doch jeder aus! Denken Sie doch gar nicht an die Bühne! Sie sind ja wie
ein Klumpen! -- Fox weigerte sich weiter zu spielen, wenn Herr von
Sander nicht einen andern Ton anschlüge. Der bat ihn auch öfter nach den
Stunden um Entschuldigung, und sagte, wenn er sich manchmal hinreißen
ließe, so möge Fox das der Kunst zugute halten und seinem ehrlichen
Bestreben, aus seinen Schülern wirklich etwas zu machen. Fox hörte dann
knurrend zu, sah Herrn von Sander in sein ausgearbeitetes und doch
zugleich wieder schwammiges Gesicht, aus dem sich auch nicht ein
einziger Charakterzug herauslesen ließ, und dachte: Diese Theaterleute
haben im Grunde doch etwas tief Antipathisches! -- Die nächste Stunde
befleißigte sich Herr von Sander eines andern Tones, aber dann vergaß er
wieder vollkommen, daß Fox Regierungsbeamter werden wollte: Himmel!
Mensch! wo bleibt denn Ihre Mimik? Haben Sie eine Maske vor? Lachen Sie
mal! -- Fox sah ihn mit bösen Augen an. -- Haben Sie mich nicht
verstanden? ich sagte, Sie sollen lachen! -- Fällt mir doch gar nicht
ein! -- Herr von Sander klappte sein Buch zu: Dann können Sie sich einen
andern Lehrer suchen; wenn ich verlange, daß Sie lachen sollen, dann
_müssen_ Sie lachen: es steht in der Rolle und ich habe ein Recht zu
verlangen, daß Sie tun was in der Rolle steht. Sie denken viel zu sehr
an sich selbst; wenn man eine Rolle spielt, muß man vergessen, daß man
eigentlich ein anderer ist. Also wollen Sie nun oder nicht? -- Ja, aber
nur im Zusammenhang! Fräulein Delorma rief ärgerlich, es sei zu dumm,
alles immer zu wiederholen, sie wolle vorwärts. -- Also gut! sagte Fox
mit einem Entschluß, sagte seine letzten Worte noch einmal und ließ
ihnen ein ha ha ha folgen, wozu er seine Zähne zeigte. -- Besser als gar
nichts! meinte Herr von Sander, üben Sie das Lachen zu Hause vor dem
Spiegel, wir müssen weiter.
Es geht Ihnen nicht in Fleisch und Blut über! meinte er einmal nach der
Stunde; ich weiß auch woran das liegt: Talent haben Sie, das ist außer
Frage; aber Sie denken zuviel an die Worte; es fehlt Ihnen der rechte
Fluß, Sie stehen nicht _über_ den Worten, Sie bemeistern sie nicht,
kurz: Sie lernen zu wenig auswendig! Komisch, daß die Mädels immer
besser lernen als die Herren. Ganz gleichgültig, ob Sie die
Schauspielerei später als Beruf ergreifen wollen oder nicht, solange Sie
wirklich dabei sind, müssen Sie auch mit Ernst arbeiten! Der Ernst fehlt
Ihnen vorläufig noch! -- Ich kann ja ebensogut auch wieder aufhören!
sagte Fox geärgert, wie ein Kind, das schmollt. -- Herr von Sander
lenkte ein: Fox zahlte gut, er durfte ihn nicht verlieren. -- Ich
verstehe es ja, daß Sie sich der Sache nicht so ausschließlich widmen
können wie die Lilli oder die Lisa oder der Eichinger. Aber ein Mensch
mit wirklichen Zielen -- die haben Sie ja doch -- soll nichts halb tun.
Was haben Sie davon, wenn Sie nach einem Jahr Ihr Geld für nichts
herausgeworfen haben, und was habe _ich_ davon, wenn ich meine Zeit für
nichts an Sie verschwendet habe? -- Ich zahle doch! -- Gewiß, aber wenn
Sie kein Geld hätten und dafür Talent und Energie, würde ich Sie auch
gratis ausbilden, so wie die Lilli. -- Na na, sagte Fox, da spielt wohl
auch noch was andres mit. -- Herr von Sander spitzte die Lippen und
schlug ihn scherzhaft unter den Rücken. Fox runzelte die Stirn. -- Sehn
Sie, das nehmen Sie nun wieder übel! Es fehlt Ihnen der rechte
Zusammenhang, die Solidarität mit uns! Die Mädels haben schon manchmal
geklagt, daß Sie so hochmütig sind. Wir bilden hier doch alle zusammen
eine kleine Gemeinschaft! Sie sollten sich nicht so abschließen.
Gemeinsames Streben vereinigt doch! Mich wundert schon lange, daß Sie
für die Lisa zum Beispiel gar kein Auge zu haben scheinen. Sie müssen
doch merken, daß sie Ihnen Avancen macht. -- Ich denke die hat den
Eichinger? fragte Fox und setzte hinzu: Ich sage das nur ganz objektiv.
-- Herr von Sander lachte und antwortete: Dem brauchen Sie das ja auch
nicht gleich unter die Nase zu halten. Passen Sie mal auf: Ich habe hier
eine Photographie von ihr, da können Sie sie besser beurteilen als im
Leben! Er holte sie aus seinem Taschenbuch hervor und zeigte sie Fox
ganz im geheimen, obgleich niemand weiter zugegen war. Famos! nicht
wahr? flüsterte er; diese vollendete Figur! Diese Hüften, dieser Hals
und diese Büste! -- Die Büste ist immerhin ganz präsentabel! meinte Fox
mit nachlässigem Kennerblick; aber wie kommen _Sie_ denn zu dieser
Photographie? -- -- Diese Theaterwelt war doch verseucht, bis ins Mark
hinein verseucht!
Er nahm sich nun vor, gegen diese Damen zwar äußerlich etwas
kollegialer, innerlich aber ganz kalt zu sein. -- Nie duldete er eine
längere körperliche Berührung mit ihnen. -- Au! sagte er mitten im
Spiele Fräulein, ich verbitte mir, daß Sie mich so drücken! Es steht
zwar in der Rolle: Preßt seine Hand -- aber Sie quetschen mich ja
geradezu! -- Ihre Hand ist so dick, man kommt da unwillkürlich ganz tief
hinein, außerdem fasse ich die Rolle des Klärchen eben viel feuriger
auf: das darf ich wenn ich will, nicht wahr, Herr von Sander? -- Quetsch
ihn wenn ihr allein seid! rief Herr von Sander, der mit übergeschlagenen
Beinen in seinen Saffianschühchen und dem beschnürten Hausjöppchen auf
dem Klavierstuhl saß. -- Quetschen Sie mich doch einfach wieder! rief
sie Fox zu; überhaupt: Ihr Brackenburg ist ja gar kein Mann! -- »Wenn
wir nach Hause gingen« -- tönte Herrn von Sanders Stimme soufflierend.
-- Ach da ist er wahrscheinlich ebenso langweilig! -- Wenn Sie zynisch
werden, Fräulein, spiele ich überhaupt nicht mit Ihnen!! --
Nach der Stunde gingen sie meist noch ein Stück Wegs zusammen; Herr
Eichinger, mit seinem grauen Schlapphut und hochgelbem Spazierstöckchen,
die beiden Damen in großen Hüten mit ausgestopften Vögeln. Anfangs wurde
Fox nicht recht klug aus ihrem Verhältnis zu Herrn Eichinger: Er ging
mit allen beiden; die kleinen Finger ineinander gehakt, schlenkerten sie
mit den Armen. Sie war doch -- also wirklich verseucht, diese
Theaterwelt! Nach einiger Zeit versuchte Fräulein Lisa, gereizt durch
Foxens Widerstand und derbe Männlichkeit, sich immer deutlicher an ihn
heranzumachen. Fox, innerlich entrüstet und zum Protest bereit,
beschloß, scheinbar alles mitzumachen und dann mit einem um so
gehörigeren Donnerwetter dreinzufahren. --
Es war nach dem Theater. Sie erwischte ihn in der Ausgangshalle, sagte,
sie sei heute den ganzen Abend frei, und schlug ihm vor, mit ihr in ein
Restaurant zu gehen. Sie wählte ein kleines Abteil, wo man ganz für sich
allein saß, und veranlaßte ihn, Austern und Sekt zu bestellen. Mit der
größten Unbefangenheit redete sie von Herrn von Sander und von Herrn
Eichinger, daß sie den einen wegen seiner kostenlosen Stunden und den
andern wegen seines Geldbeutels gern habe, aber wirklich lieben könne
sie keinen von beiden, dazu sei Herr Eichinger im Grunde zu kutscherhaft
und Herr von Sander zu wenig männlich. -- Na, ich denke: Mann bleibt
Mann! sagte Fox und machte ein selbstverständliches und überzeugtes
Gesicht. Sie lächelte, indem sie den Rauch ihrer Zigarette in die Luft
blies. -- Deine Zigaretten sind gut! bemerkte sie; viel besser als die
vom Eichinger! -- Er wollte das »Du« ablehnen, unterließ es aber. Sie
sollte erst noch weiter gehen! Das tat sie auch, ihre Liebenswürdigkeit
wurde stets bedeutender. -- Du bist ja wie ein Stock! Ich glaube, du
hast in deinem ganzen Leben überhaupt noch nichts erlebt! -- Oho! rief
Fox in ehrlicher Entrüstung, vielleicht noch mehr als du! und erzählte
ein paar Geschichten, Erinnerungen an Erlebnisse aus seinem
Freundeskreise. Sie rückte ihm immer näher, er kam bei seiner Geschichte
mit Lotte an, die Erinnerung an das wirklich Erlebte wurde stark in ihm,
er vergaß seine Moralpredigt in unmittelbarer Nähe dieses Mädchens, das
sich jetzt so warm an ihn schmiegte, der Sekt half mit -- kurz Fox
unterlag in einem Strauß, den er siegreich zu bestehen gedachte.