Eines Tages schrieb Pitt an Fox, er möge ihn abends besuchen, und zwar

ohne Mantel und Schirm. Er hatte die Absicht, ihm jene von Frau

Bornemann geliehenen Stücke um- und anzuhängen und ihn damit zu ihr

zurückzuschicken. Fox sah in jenem Ansinnen nur eine der bekannten

verrückten Marotten seines Bruders, und nahm aus Opposition außer dem

Mantel auch noch einen Schirm mit, obgleich der klarste Sternenhimmel

war. Verständigt von dem Plane seines Bruders, weigerte er sich mit

Entschiedenheit, die Sachen zurückzutragen; er könne sie durch einen

Dienstmann schicken, den er ihm gern bezahlen wolle, wenn Pitt kein Geld

habe. Und überhaupt: Fox spitzte plötzlich seinen Geist und sah Pitt mit

fragenden und großen Augen an: Weshalb willst du denn die Sachen nicht

selbst hinbringen? -- Pitt antwortete nicht, sondern sah nur gleichmütig

in die Lampe. -- Aha! dahinter steckt was! Ihr seid also endlich

auseinander, was? -- Du kannst es so nennen, wenn du willst; sagte Pitt.

_Ich_ würde es nicht so nennen, denn wir waren ja nie zusammen. -- Na

na, sagte Fox und lachte ungläubig und überlegen, mir brauchst du das

nicht aufzubinden. Gut -- fügte er nach einer Pause hinzu, gut, daß du

dich besonnen hast, wenn es auch ein bißchen lange gedauert hat;

wirklich, ich habe es von Anfang an nicht schön gefunden, ich habe es

dir ja auch damals voll und ganz gesagt. Übrigens, du kannst vollkommen

ruhig sein, ich schwatze nicht darüber, ich meine: die zu Hause brauchen

nie was davon zu erfahren, dafür sind wir doch Brüder, was? Brüder

sollen doch immer zusammenhalten, wie? Und seine »wie« und »was« rissen

sich so schneidig von seinen Lippen, daß Pitt fragte: Bist du die letzte

Zeit viel mit Offizieren zusammen gewesen? -- Allerdings! sagte Fox mit

einem unklaren Bedauern, daß dies wirklich der Wahrheit entsprach, und

das dem noch unklareren Gefühl entsprang, man hätte aus dieser

imponierenden Tatsache irgendwie zwei machen können, neben der ersten

noch eine erfundene, denn die erfundenen imponierten ihm selbst noch

mehr als die wirklichen. Weshalb frägst du denn das? -- Da Pitt die

Frage zu überhören schien, verbreitete er sich wieder über den ersten

Gegenstand: Nun wisse er auch, weswegen Lotte die letzten Tage so

verweinte Augen gehabt habe. Hm hm, also so stehen die Tatsachen! setzte

er nachdenklich hinzu. Na -- leb wohl und mach solche Dummheiten nicht

wieder. Menschlich ist schließlich jeder mal, aber dafür gibt es dann

auch Einrichtungen, die der Staat selbst sanktioniert hat. -- Übrigens,

setzte er nach einem Nachdenken abermals hinzu, ich könnte die Sachen

doch am Ende mitnehmen, dann brauchst du nicht noch erst einen Brief zu

schreiben; pack sie mir mal gehörig ein, schließlich: Bei Nacht sind

alle Katzen grau. -- Pitt tat es und Fox entfernte sich mit dem Paket.

Er gab es Lotte persönlich in die Hände. Als sie die alten Sachen

wiedersah, die ihr durch Pitt so gewohnt geworden waren, hielt sie mit

Mühe die Tränen zurück. -- Armes Kind! sagte Fox und sah sie bieder an.

Da war es um ihre Fassung geschehen; ihre Tränen liefen ungehindert, sie

wurden zum Schluchzen, als Fox väterlich und sanft den Arm um ihre

Schulter legte. -- Armes Kind! sagte er wiederum. Jaja, jaja!

In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt:

Abgeklärtes Überschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern

menschlicher Schwächen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine

stille Resignation. -- Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch

fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles

kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie muß von selber dazu

kommen. -- Wozu denn? fragte sie verwirrt und ängstlich. -- -- Na, um zu

erkennen, daß das doch nichts war. Ich weiß doch, daß mein Bruder von

einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch genügend!

Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen

wie von selbst. -- Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne

es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit

ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und

dann fiel ihr ein, daß es ja sein Bruder war, der sie so hielt und

tröstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er,

und unwillkürlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich

ein, er sei es selbst. -- Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller

geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Tränen von

neuem fließen ließen. -- Sie muß sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte

er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die

er genoß. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause

setzte er hinzu: jaja, jaja! -- Ganz in Gedanken zählte sie diese vielen

Jas, und plötzlich mußte sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte

nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. -- Nanu? sagte Fox, was lachen

Sie denn! -- O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie

ich Sie einmal borniert genannt habe. -- -- Aber liebes Kind, Sie sind

doch wirklich recht kindisch! Ich tröste Sie hier -- -- Ich weiß ja, ich

weiß ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fühle ja, daß Sie es

wirklich gut mit mir meinen, und daß Sie ein viel besseres Herz haben

als Ihr Bruder! -- Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrücklich,

nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so

gutherzig und ehrlich an, daß sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein

einziges Mal so angesehen hätte!

Fox drückte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine

Zeitlang, Fox drückte heftiger, wenngleich noch väterlich. -- Ich muß

jetzt gehen, zu Großmutter, sie wird sonst mißtrauisch! sagte Lotte

endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem

Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann

drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor,

halb abwehrend und halb wehrlos. --

Als sie draußen waren, dachte Fox über alles nach: Wie standen denn nun

die Dinge? Jetzt gehörte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel,

-- das heißt: das hing immer noch von _ihm_ ab. Sollte er oder sollte er

nicht? Ein wenig dämpfte sein Selbstgefühl die Überlegung, daß er im

besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein könne. Aber

immerhin: Er würde sich niemals Vorwürfe zu machen haben: Wenn er sich

jetzt mit ihr einließ, so blieb die Schuld der ersten Verführung immer

auf seinem Bruder haften. Außerdem: Wenn er sie jetzt _nicht_ nahm, so

nahm sie einen andern! Ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen

wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm

unumstößlich; und irgend einem Menschen in die Hände zu fallen -- _dazu_

war diese Lotte denn doch zu gut! Wer weiß was für schlimme Erfahrungen

er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf

Gott weiß wen losgehen würde! Er hatte geradezu die _Pflicht_, sie zu

übernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt

gegenüber war sie in diesen gefährlichen Zustand gekommen! Pitt war

eigentlich ein Schafskopf, daß er dies famose Mädchen so ohne weiteres

aufgab; das heißt, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es

zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beimaß. Aber

die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher

berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er übersehen: Die einmal erregte

Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt

nachkommen! --

Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit

widerstandslos geworden, sie glaubte Fox tötlich zu beleidigen, roh und

undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen ließ,

und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam

noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die

Liebe gar nicht kannte und »schnöde mit ihr gespielt habe«. -- Und das,

worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox

mit einer Leichtigkeit, über die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne

die geringste Vorstellung ließ sie sich von ihm leiten, wohin er wollte.

Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr

Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte

sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, daß Fox

verblüfft, verdutzt war, daß er sich dies nicht zusammenreimen konnte

mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, daß sie nichts, gar

nichts wisse, daß sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch

gestanden haben konnte, daß sie ein reines, unberührtes Kind war. -- Ach

du großer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewußt -- wenn

ich das gewußt hätte -- -- aber sie flüsterte: Sage doch jetzt so etwas

nicht -- und bedeckte die Augen mit beiden Händen.

Diese Entdeckung ließ ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz

andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall

gekommen, den er seinem Bruder irrtümlicherweise vorwarf, aber hierüber

half ihm die Erwägung hinweg, daß -- wie er sich schon vorher sagte --

ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im übrigen kam er

sich nun seinem Bruder vollkommen überlegen vor, ja triumphierend über

ihn. Daß er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmähte -- diese

Vorstellung lag vollkommen außer seinem Gesichtskreise; er hielt sich

nur an die Tatsache, daß er dieses Mädchen hatte und daß Pitt es nicht

gehabt habe.

Lotte überstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne große

Erschütterungen. Sie wunderte sich nur, daß alles so schön sei und gar

nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es

ihr früher hatten erscheinen lassen. -- Wußtest du denn wirklich nichts,

gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schüttelte den Kopf: Großmutter hat

mir nur einmal den Faust erzählt. -- Kennt denn den deine Großmutter? --

Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie weiß was drin vorkommt. Und

dann sprach sie immer so, daß ich Angst bekam, von Höllenpfuhl und

Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen

betrunkenen Esel mit hölzernen Beinen, ich weiß selber nicht warum. --

Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrängte diese Gedanken, aus

Pflichtgefühl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu

mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewußt hat?! -- Sie wurde nun

wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit

Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. -- Da bin ich mit Pitt auch

immer gewesen! gab sie als Erklärung an. Aber darauf ließ er sich nicht

ein. Das wäre außerdem wie eine Nachahmung gewesen! --

Nur mit Großmutter zusammen unternehmen wir etwas! -- Und Großmutter

ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie hätte nie gedacht,

daß sie noch zu einem solchen Glücke kommen würde. Manchmal meinte sie,

es würde doch ein bißchen teuer, aber Fox sagte, darüber brauche sie

sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater käme es nicht drauf an

monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere überhaupt kein

Wort darüber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, --

worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaßten mit dem Kopf zu

nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe

hat zu kaufen, der muß auf bloßen Socken laufen. --

Frau Bornemann merkte von der neuen Veränderung nicht das geringste. In

ihrer Gegenwart nahm sich Lotte sehr zusammen, und Fox kostete es keine

besondere Mühe, sich zusammen zu nehmen, da sein Benehmen gegen Lotte,

auch wenn sie allein waren, keine große Zärtlichkeit verriet, wenngleich

es immer wohlwollend und freundschaftlich blieb. Zuweilen, wenn sie alle

drei in der guten Stube saßen und Frau Bornemann einmal aufstand um ihre

Brille zu holen, oder eine Näharbeit, spitzte Lotte die Lippen zu ihm

herüber, oder sie erwischte auch seine Hand und drückte einen schnellen

Kuß darauf, war dann aber gar nicht böse, wenn ihr sein Handrücken etwas

derbe gegen die Lippen schlug, während sie ein schulmeisterlicher Blick

aus seinen Augen traf und sein Körper götzenhaft und unbeweglich blieb.

Fox hatte soviel Selbsterziehung!

So lebten sie wochenlang zusammen, und dies Zusammenleben erhielt durch

Fox eine Regel, einen Modus. Er setzte Lotte, die das nicht begriff und

dumm fand, auseinander, daß das Leben solcher Regeln bedürfe, daß sie

beide ihre Arbeiten viel besser erledigten, wenn sie ihr gemeinsames

Wochenprogramm hätten, das ein für allemal feststände und nach dem sich

jeder richte; für ihn selbst sei dies nicht einmal so wichtig, für sie

jedoch geradezu unentbehrlich. Sie sei eine haltlose Natur, die Regel

und Einteilung nötig habe. -- Ihr kam das so ledern und ausgedacht vor,

aber in der Folge fand sie wirklich, daß er recht habe. Sie erledigte

ihre Tagesgeschäfte nun mit viel mehr Ruhe, ja, die Lust zur Arbeit

kehrte ihr zurück. Sie konnte wieder länger still sitzen, sie sprang

nicht mehr plötzlich von ihren Büchern auf, ohne zu wissen warum, so wie

früher, als sie noch mit Pitt zusammen war. --

Sie fragte Fox zuweilen nach seinen Zukunftsplänen. Er ließ bedeutende

Hintergründe vor ihr aufsteigen, setzte ihr auseinander, daß theoretisch

nichts im Wege stände, daß er einmal Minister werde -- er entwickelte

ihr die Stufenleiter ganz einfach und plausibel -- und dann schwieg sie

andachtsvoll und drückte nur ganz leise seine Hand, indem sie das Gold

der Zukunft auch über sich selbst dahinrauschen fühlte. Aber niemals

sprach sie ein Wort darüber aus; das wäre ihr fast taktlos und roh

erschienen; es war ja selbstverständlich, daß sie sein Glück teilte, daß

er sie später heiratete. Freilich dauerte das lange, aber sie konnten ja

warten, und bis dahin war und blieb sie Lehrerin. Der Gedanke erschien

ihr gar nicht mehr so schlimm wie früher, im Gegenteil, sie wollte recht

fest arbeiten, um später nicht eine dumme Frau zu sein, sondern eine,

die sich, wenn auch bescheiden, an seiner Seite sehen lassen dürfte. Er

bestärkte sie in ihren Plänen, den Beruf betreffend, und sagte, es sei

für sie dringend notwendig, daß sie etwas Festes habe, woran sie sich

halten könne; ein gebildetes Mädchen mit einem Beruf sei in der Welt

viel angesehener als eines, das nur gelernt habe zu kochen und Strümpfe

zu stopfen: Näh mir doch mal einen Schlips! -- Sie war glücklich etwas

für ihn tun zu können, suchte mit ihm zusammen den Stoff aus, nähte ihn

so schön und kunstvoll wie sie vermochte, und eines Tages konnte Fox im

Kreise seiner Bekannten erklären: Hat mir meine Kleine gemacht! -- So

hatte er einmal einen jungen Architekten reden hören, was ihm großen

Eindruck machte.

Fox war mit seinem Leben sehr zufrieden. Die staatlichen Einrichtungen,

von denen er früher zu Pitt gesprochen, hatte er selber geprüft, aber

jetzt fand er doch, daß dabei, wie er es ausdrückte, die Seele

eigentlich nicht auf ihre Rechnung gekommen wäre. Und doch machte er

sich zuweilen Sorge um die Zukunft, da er sehr wohl fühlte, wie stark

Lotte auf ihn baute. Sollte er diese Gefühle immer fester werden lassen?

War es nicht seine Pflicht, Lotte allmählich auf sich selbst zu stellen,

nachdem er sie für ihren Beruf gefestigt und gestärkt hatte?

Lotte ahnte von diesen Gedanken nicht das geringste; ihre Liebe machte

kleine Enttäuschungen durch, ihre starke Gläubigkeit ließ sie alle

überwinden. Manchmal störte Fox das Wochenprogramm, überging die

Festtage, kam gar nicht heim, ließ sie vergeblich warten. Auch entdeckte

sie eines Tages in seinem Schreibtisch die Kabinettphotographie einer

feurigen, junonischen Dame, und mit blauer Tinte und etwas zügelloser

Schrift standen die Worte darunter: Ihrem Fox, Adelaide. Diese

Photographie hatte er früher einmal, als er Lotte noch nicht so nah

kannte, selbst gekauft und die Worte eigenhändig, mit verstellter

Handschrift, darunter geschrieben; er hielt sie verschlossen und hatte

sie nur aufgestellt wenn Freunde kamen, und damit erreicht was er

wollte: Denn bald war es herumgekommen, daß er eine pompöse Geliebte

besitze. -- Lotte beunruhigte es sehr als sie sie erblickte. Als er

heimkam, fragte sie ihn sogleich, ob er die Dame einmal geliebt habe:

Neinnein, kein Bein, neinnein, kein Bein! sagte Fox; gewünscht hätte sie

es wohl, aber ich habe nicht gewollt -- einfach nicht gewollt! -- Lotte

war nun noch viel glücklicher, daß er ihr gehöre; sie mußte doch wohl

etwas wert sein, denn diese Dame war doch so wunderschön, und so stolz!

-- Schreibt sie dir noch manchmal? -- Alles verbeten! -- Zeig mir doch

mal einen Brief von ihr! -- Alles verbrannt! -- Sie fand das schade. --

Aber weshalb hast du sie denn noch immer in deinem Schreibtisch? fragte

sie, da sie das Bild doch gern entfernt hätte. -- Du hast eigentlich

recht! meinte er nach einem kurzen Nachdenken; wenn du willst, kannst du

sie kriegen, mir liegt absolut nichts an ihr, absolut nichts; da!! --

Lotte nahm sie mit vielem Dank und stellte sie auf ihren eigenen kleinen

Arbeitstisch. Aber die Worte: »Ihrem Fox« radierte sie aus, und ließ nur

»Adelaide« stehen.

Fox gewann es auf die Dauer nicht über sich, Pitt gegenüber sein

Verhältnis zu Lotte zu verschweigen.

Ja, sagte er einmal zu ihm, indem er nachdenklich die Asche seiner

Zigarre abstreifte, man kommt manchmal zu Dingen, ohne zu wissen wie.

Diese Lotte! Du hast sie ja damals nicht haben können, -- ich dachte

früher, die Dinge lägen ganz anders; ich hätte mir meine Rede sparen

können. Jetzt sehe ich ja, daß ich mich getäuscht hatte: ich wußte

nicht, daß sie _mich_ eigentlich liebte und dich deshalb zurückwies, bis

sie mir dann so was Ähnliches gesagt hat -- na, und da war es schon zu

spät; ich konnte nicht mehr zurück ohne sie tötlich zu verletzen, --

ohne sie direkt tötlich zu verletzen. Ich mag sie übrigens sehr gern;

kann absolut nicht klagen. --

Pitt hatte eine ähnliche Wendung der Dinge schon seit langem geahnt,

jetzt lief ihm aber doch das Blut zu Herzen. Unbeweglich hörte er zu und

faßte den eigentlichen Sinn von Foxens näheren Erörterungen erst

allmählich; dann sah er ihn nachdenklich an. Diese Drehung der Tatsachen

erstaunte ihn. Möglich, daß Lotte sie nachträglich so entstellt hatte,

das war nur menschlich, obgleich es ihm zu ihrem Wesen nicht zu passen

schien; in diesem Falle hatte er zu schweigen, um sie zu schonen;

möglich auch, daß das Ganze nur eine Lügerei von seinem Bruder war, um

sich ihm gegenüber in eine höhere Position zu setzen. Dann hatte er

ebenfalls zu schweigen, da es sich ja gar nicht der Mühe lohnte, die

Wahrheit zu konstatieren, die Fox ebenso bekannt war wie ihm selbst. --

Du hältst mich nun wohl für charakterlos und inkonsequent? fragte Fox.

-- O nein, ich finde du hast ganz recht, ich hätte es wahrscheinlich

ebenso gemacht wie du. -- Wenn du gekonnt hättest!! sagte Fox, und in

dieser Antwort genoß er im Extrakt den ganzen Triumph, der ihm zuvor

durch Pitts Gleichmut verdünnt worden war. -- Auch hierauf antwortete

Pitt nichts, obgleich ihm für einen Augenblick ein Wort auf der Zunge zu

schweben schien. Die Genugtuung, mit der Fox das letzte sprach, klang so

echt, so unangreiflich, daß Pitt unwillkürlich dachte, es sei nun doch

nicht anders möglich, als daß Lotte ihm gegenüber die Sache auf eine

nicht schöne Weise verdreht habe; aber dieses stimmte so ganz und gar

nicht zu Lottes Wesen. -- Es blieb ihm nichts anderes übrig als

anzunehmen, daß Fox sich in seine Lügerei so sehr hineingeredet habe,

daß er sie schließlich selber glaubte und für Wahrheit nahm.

Eine große Niedergeschlagenheit kam die nächsten Tage langsam über Pitt.

Die Entfernung hatte ihn allmählich alles vergessen lassen, was ihm an

Lotte langweilig und irritierend war, nur das Schöne, Liebenswerte war

in seiner Erinnerung geblieben, und hatte sich, abgesondert von allem

andern, verstärkt in seiner Vorstellung. Daß er sich gewaltsam von ihr

loslöste, kam ihm sinnlos, ja wahnsinnig vor, er begriff sich nicht, wie

er mit vollem Vorsatz und Bewußtsein etwas von sich schleudern konnte,

das ihn mit Glück und Wärme füllte; -- so stellte sich jetzt die

Erinnerung in ihm dar; alles Korrigieren dieses Gefühles mit dem

Verstande half nichts dagegen. Nun war es zu spät! Und doch wieder

fühlte er deutlich, daß, wenn alles ungeschehen wäre, er immer wieder so

handeln würde wie er gehandelt hatte. Dieser Zwiespalt seines Gefühles

machte ihn ruhelos, selbstquälerische Gedanken stiegen in ihm auf, er

wußte nicht mehr, was er von sich selber denken sollte.

Das Semester neigte seinem Ende zu. Sollte er später wiederkommen,

zusehen, wie Lotte mit Fox glücklich war? Eine starke Abneigung erfaßte

ihn gegen diese ganze Stadt, er mußte Lotte ein für allemal aufgeben, er

wollte sie nie, nie wieder sehen, sich auch jede Möglichkeit eines

Wiedersehens abschneiden. Er hatte eine unklare Vorstellung, daß sich in

jeder Stadt das wiederholen werde, was er an Elfriede und Lotte erlebt

hatte. Er hatte Angst davor. -- Aber war denn zwischen ihm und Elfriede

wirklich alles aus? Konnte nicht, wenn er sie wieder sah, alles anders

und schöner werden als es früher war? Würde er sie jetzt nicht mit ganz

neuen Augen ansehen? -- Es fiel ihm die Familie van Loo ein, und daß er

sich hier in ganz abenteuerliche Gedanken verirrte. Aber er konnte sich

Elfriede ja auch fern halten -- und nur, wenn er sie zufällig einmal sah

-- -- hiermit öffnete er seinen versperrten, drängenden Gedanken wieder

ein Hinterpförtchen. -- Was nützt nun alle Logik und alle Philosophie,

dachte er; vor den einfachsten Dingen im Leben hält sie nicht stand; ich

will etwas und will es nicht, und dann tue ich etwas, das nur Sinn hat

_wenn_ ich es will. --

Lotte wurde allmählich traurig. Sie sollte sich nun für ein paar Monate

von Fox trennen; er versprach ihr, für die Zeit der Trennung, oft zu

schreiben; daß er wiederkam war ausgemacht, und eigentlich

selbstverständlich. Zufällig erfuhr er von Pitts Plan, an seinen ersten

Studienort zurückzukehren. Er fragte nur: So? machte aber ein sehr

nachdenkliches Gesicht. --

Also leben Sie wohl! sagte die kleine Frau Bornemann, indem sie Fox, der

im steifen Hut und mit roten Glacéhandschuhen im Vorplatz stand und den

Dienstmann anwies, die Koffer in den Wagen zu bringen, beide Hände

drückte: Also leben Sie wohl, und nochmals Dank für alles was Sie an uns

getan haben, falls ich Sie nicht wiedersehen sollte! Das Leben ist wie

ein Fidibus, wie mein Mann-selig sagte, eigentlich weiß ich nicht recht,

was er damit gemeint hat, aber ich sage es nun auch manchmal, um sein

Andenken zu ehren. -- Aber Großmutter! rief Lotte, Herr Sintrup kommt

doch wieder, das ist doch ganz sicher, das ist doch ganz bestimmt!! --

Und sie sah Fox halb zuversichtlich, halb beschwörend an. Er bewegte,

beschwichtigend die Augen schließend, seinen Kopf zu einer

nachdrücklichen Bejahung auf und nieder und reichte beiden Damen noch

einmal die Hand. Lotte sah ihm fragend in die Augen: Hier durften sie

sich nicht küssen, das sah sie ein; aber wo sonst? meinte er, im

Treppenhaus? -- Ich begleite Sie hinunter! rief sie, aber Frau Bornemann

hielt sie zurück: Kind, sagte sie leise, man muß den Menschen auch nicht

den _Schein_ zu einem Vorwurf bieten!

Fox schritt schon abwärts; sie wollte sich losreißen, aber Frau

Bornemann hielt sie an der Schürze fest: Ich sage dir du bleibst! Sie

gab ihrer dünnen Stimme soviel Kraft als nötig war, und setzte hinzu: Du

Jungfer Unverstand und Übergescheit! -- Und grüßen Sie auch Ihren Herrn

Bruder! rief Lotte, halb verzweifelt. -- Jawohl, wird besorgt! tönte

Foxens Stimme von unten. -- Ich will ihm wenigstens nachsehen! rief

Lotte, und Frau Bornemann konnte es nicht verhindern, daß sie zum

Fenster lief. Aber bedächtig eilte sie hinterdrein, um ebenfalls mit

hinabzusehen: Die Großmutter neben der Enkelin. -- Foxens rote

Handschuhe bewegten sich grüßend und winkend im Gelenk. Und nicht einmal

geküßt hatten sie sich zum Abschied!

Fünftes Kapitel.

Ich hatte mir doch immer gedacht, Sie würden wiederkommen! sagte Herr

Könnecke; ein bißchen anders ist es ja nun geworden, meine Cousine hat

einiges umgestellt -- denn sie hat inzwischen natürlich drin gewohnt! --

Er entfernte unauffällig eine kleine Haarwolke vom Waschtisch.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 9 / 27 段