sei; denn inzwischen war schon fast eine Viertelstunde verflossen. --
Ich muß mir die Hefte nun aber wirklich kaufen, dachte sie, denn sonst
wäre es eine Lüge gewesen, und ich lüge nie. -- Wo wohnen Sie denn
eigentlich? Pitt nannte die etwas entfernte Straße, und sie sagte, da
kaufe sie immer ihre Schulhefte. Sie fing noch einmal an von ihren
Aufsätzen zu sprechen und dann erzählte sie ihm, daß sie schon einmal
durchs Examen gefallen sei, nicht aus Dummheit, sondern aus Angst, daß
sie sonst Lehrerin werden müsse. Großmutter dürfe das nie erfahren, das
wäre entsetzlich. -- Auch Ihrem Bruder, fügte sie hinzu, würde ich das
nie erzählen; aber ich weiß nicht, zu Ihnen habe ich ein so großes
Zutrauen. -- Sie erreichten allmählich seine Straße; wirklich entdeckte
sie dort einen Schreibwarenladen, sagte zu Pitt, er möge draußen warten,
sie wäre im Augenblick wieder da, und blieb dann sehr lange drinnen.
Endlich erschien sie wieder, mit einem glücklichen Ausdruck in den
Augen: ich habe alles um fünf Pfennige billiger bekommen als in dem
eigentlichen Laden -- ich kaufe manchmal auch wo anders -- und nun darf
ich zehn Pfennige für Kuchen verwenden anstatt fünf! -- Ist eine
Konditorei hier in der Nähe? fragte Pitt. -- Konditorei? ich gehe immer
in Bäckerläden, da kriegt man mehr. -- Er wollte aber durchaus in eine
Konditorei. Sie zögerte erst, indem sie dachte, sie könne ihre zehn
Pfennige ausgiebiger anlegen, aber dann überwog die Freude, mit ihm
zusammen zu sitzen.
Nun standen sie vor dem ausgebreiteten Gebäck. -- Soll ich dies nehmen
oder das? flüsterte sie dicht an seiner Seite; wenn ich das linke nehme,
habe ich noch fünf Pfennige für eine Makrone. Sie zögerte; aber das
teuerere Stück hatte einen so festlichen kleinen Geleeaufputz, und das
nahm sie endlich. Als sie es gegessen hatte, sagte Pitt: Nun dürfen Sie
sich noch aussuchen was Sie wollen, ich schenke es Ihnen. Das hatte sie
nicht erwartet. Sie sah ihn erst halb ungläubig an, dann sprang sie auf
und kam mit einem leckeren, kleinen Törtchen zurück, das sie schon
vorher voll Verlangen angesehen hatte, ohne Hoffnung es jemals zu
besitzen. -- Aber das teilen wir! Und als er sich weigerte, erklärte
sie, dann äße sie überhaupt nichts davon, so daß er einwilligte. Sie
überreichte ihm seine Hälfte mit zwei Fingern, und streichelte mit den
übrigen drei halb aus Dankbarkeit, halb um einen Witz zu machen, über
seinen Handrücken hin. -- Gehen wir bald wieder in eine Konditorei?
fragte sie draußen, wurde aber sogleich rot und setzte hinzu, sie meine
nicht etwa, daß er sie wieder dazu einladen solle, im Gegenteil: das
nächstemal wollte _sie_ bezahlen, nicht des Geldes wegen, sondern weil
sie ihm für seine Freundlichkeit auch etwas Freundliches antun möchte.
Morgen? -- Aber ganz bestimmt! sagte er, und sie erklärte zum Schluß,
vor acht Tagen habe sie noch keine Ahnung gehabt, daß sie sobald einen
wirklichen Freund bekommen würde. Sagen Sie aber um Gottes willen Ihrem
Bruder nichts! Dann drückte sie ihm alle seine Finger und an der
nächsten Straßenecke prallte sie gegen einen Herrn, da sie sich immerzu
winkend zurückwandte. --
Sie trafen sich nun jeden Tag; Pitt wartete mit Ungeduld an irgendeiner
Straßenecke wohin sie sich verabredet hatten. Dann umfaßte sie wohl
seine ganze Hand und sagte: Wenn das nun Menschen wären, müßten sie sich
erst anziehen ehe sie sich so guten Tag sagten! und lachte. -- Ist das
nun Naivität oder Raffiniertheit? dachte er. Wenn er im gleichen Sinne
etwas antwortete, schien sie ihn nicht zu verstehen. Obgleich er sich
nie darin geübt hatte, besaß er doch eine Leichtigkeit, zweideutige
Dinge zu sagen, die sich bei einiger Konzentration der Gedanken bis ins
Virtuosenhafte zu steigern fähig war. Sie ging dann neben ihm her, zog
eifrig die Brauen im Nachdenken zusammen und fragte: Was heißt denn das,
was heißt denn das? Manchmal erschrak sie selber, wenn sie irgend etwas
sagte, das ihr vorher gar nicht recht klar gewesen war. Zuweilen meinte
sie auch nur: darf ich so etwas nicht sagen? Papa sagte manchmal noch
viel Ärgeres, o Gott, wenn ich das noch alles wüßte: Großmutter hielt
sich die Ohren zu und sagte: Aber Anton, denk doch an das Kind! --
Diese erste Zeit ihres Verkehrs war still und glücklich für Pitt, durch
ihre Aussicht auf die Zukunft. Jeder Tag fast brachte sie einander
näher. Aber dann begann eine Zeit des gänzlichen Stillstandes; alles
schien so bleiben zu wollen, wie es war. Für Lotte war damit der
Höhepunkt denkbaren Glückes erreicht. Pitt dagegen begann unruhig zu
werden, er wurde einsilbig und zerstreut, sein Blick ruhte länger in
ihren Augen, wenn sie sich trennten, er küßte sie heftiger als früher
und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Es war doch gar kein Grund zu
seufzen, den Abschied immer wieder um eine Minute hinauszuschieben, dann
nebeneinander herzugehen und doch nichts zu sagen! Für sie lag die
Zukunft vollkommen klar. Es galt ihr als ausgemacht, daß sie heimlich
verlobt seien, sie würden sich nach ein paar Jahren -- wenn er eine
Stellung hatte -- heiraten, bis dahin blieb sie Lehrerin, und
zwischendurch kamen wahrscheinlich romantische Prüfungen ihrer Liebe,
hervorgerufen durch die Tücken der Welt, die sie alle siegreich
überwinden würde. Bei seinen Küssen fühlte sie schon jetzt manchmal
einen leisen schönen Schauer, das kam daher, daß sie später eine ganze
Etage beziehen würden und niemand ihnen mehr etwas anhaben konnte, wenn
sie erst durch alle Fährnisse glücklich hindurchgegangen waren. -- Er
rang oft mit sich, aber niemals brachte er das Wort über die Lippen, das
den Gedanken aussprach, der ihn ganz erfüllte. Mehr und mehr ahnte er,
daß Lotte ein vollkommenes und reines Kind war. Dazwischen kamen wieder
Stunden, wo er sich töricht schalt und feige. Dann faßte er den festen
Entschluß: Morgen frage ich sie; und wirklich zwang er sich dazu; aber
er kam nicht über die Einleitung hinaus: Ich muß dich etwas fragen!
sagte er. Dann sah sie ihn so neugierig und unbefangen-erwartungsvoll
an, daß er sogleich stockte und schnell irgend etwas ganz
Bedeutungsloses erfand, das in ihren Augen aber sofort höchst
bedeutungsvoll erschien, da er eine so feierliche Einleitung gemacht
hatte. -- So blieben sie immer auf demselben Punkte stehen, er wurde
blaß und müde, in seine Augen trat ein ruheloser und oft ungeduldiger
Ausdruck. Sie ahnte von dem Grunde nichts; wenn er in der Konditorei
nicht aß, schob sie das auf seine Magenverstimmung -- er hatte es ja
selbst gesagt! -- und wenn er ihr kindliches Geschwätz zuweilen
ungeduldig unterbrach mit den Worten: So hör doch endlich einmal auf! so
schwieg sie wirklich ganz erschrocken, und dachte, sie habe etwas recht
Dummes gesagt. -- Einmal, am Abend, schmiegte sie sich dicht an ihn und
sagte: Ich habe noch nie einen Menschen geliebt, aber dich liebe ich! --
Ist das wirklich wahr? fragte er heftig und langsam. -- Ja natürlich,
das weißt du doch, weshalb fragst du mich denn das so feierlich, so wie
wenn -- ja ich weiß selbst nicht wie. Da sah er sie wieder so sonderbar
an. Es kamen Tage, in denen er stumpf und gleichgültig war, in denen
alles, was er an Lotte liebte, einfach überhaupt nicht da war, wo sie
ihn nur irritierte durch ihr vieles und lebhaftes Reden, dessen Inhalt
man auf Null reduzieren konnte. Dann wieder begriff er nicht, wie er so
blind sein konnte und war so zärtlich zu ihr, daß sie sagte: O Pitt, ich
könnte alles, alles für dich tun! -- Und doch wußte er, daß sich nichts,
gar nichts dahinter verbarg. Allmählich hatte er sie vollkommen
überschauen gelernt. Und langsam, nach und nach überkam ihn die
Gewißheit, daß für ihn eigentlich der Rausch schon vorüber war, obgleich
er ihn nicht mit ihr zusammen genoß. Aber er hatte, wie er sich vor sich
selber ausdrückte, experimentell erfahren, daß das, was er Liebe nannte,
mit Liebe wenig zu tun hatte. Wie war es sonst möglich, daß sie ihn nach
Momenten der Erregung innerlich kalt und gleichgültig ließ, daß er, wenn
er sie wirklich sah, sie immer öfter fort wünschte, ja daß auch die
Vorstellungskraft an Stärke mehr und mehr nachließ und seine Gedanken
schließlich von ihr auf andere irrten, die er irgendwo und flüchtig
gesehen hatte? -- Er begann es als ein Glück zu empfinden, daß er sich
ihr gegenüber beherrscht hatte, und nun stellten sich auch die
moralischen Erwägungen mit doppelter Kraft ein, wie recht er gehandelt
habe, Lotte in dem Bereich zu lassen wo sie war. Sie mußte in dem
wohlgeordneten, kleinen bürgerlichen Leben bleiben, in dem sie sich
befand, sie mußte zuwarten, bis sich eine Gelegenheit bot sich solide zu
verloben und dann später zu verheiraten. Immer öfter geschah es, daß er
eine Verabredung nicht einhielt, so daß Lotte, in Konditoreien wartend,
halb aus Mangel an Widerstandskraft ihre ganze kleine Barschaft in
Kuchen draufgehen ließ. -- Wollen wir uns nicht lieber in der
Bahnhofrestauration treffen? fragte sie; da gibt es auch lauter kleine
Kuchen, aber man _braucht_ sie nicht zu essen, man kann auch so dasitzen
und warten, und wenn du einmal nicht kommst ist es nicht so schlimm. Er
wollte das nicht. -- Dann kann ich ja unten an der Bibliothek auf dich
warten, bis du heraus kommst. -- Wirklich tat sie dieses; er begann
Ausflüchte zu erfinden. Sie merkte es nicht; sie überwand nur schnell
ihre Enttäuschung, fragte nicht nach den Gründen, wenn er ein
Beisammensein ablehnte, sondern sah vernünftig drein, so wie wenn sie
etwa gesagt hätte: Morgen ist Sonntag, und er ihr darauf den Kalender
zeigend bewiese, daß Sonntag erst in ein paar Tagen sei.
Fox war es schon seit einiger Zeit aufgefallen, daß Lotte jetzt so gut
wie gar keine Zeit für seine Belehrungen hatte. Sollte da etwas dahinter
stecken? dachte er. Auf Pitt aber geriet er nicht. Pitt war die letzte
Zeit nicht mehr in die Wohnung gekommen; Lotte wollte das nicht. Sollte
es einmal dringend notwendig sein, daß er sie spräche, so war für diesen
Fall die Rückgabe des Mantels und des Schirmes vorgesehen. Lotte hatte
eine vorzeitige und nutzlose Rückgabe verhindert in dieser Erwägung,
Frau Bornemanns Gedächtnis war nicht sehr stark, und inzwischen hatten
diese Gegenstände schon manchen gemeinsamen Spaziergang und Regen
mitgemacht. --
Eines Tages entdeckte Fox Lotte wartend vor der Bibliothek. Aha! dachte
er, nun werden wir ja herauskriegen, wer es ist; und er versteckte sich.
-- Sie stand dicht vor dem Eingang, den sie fast versperrte. Studenten
gingen an ihr vorbei und musterten sie mit unverschämten Blicken; sie
beachtete das gar nicht und spähte nur immer zum Treppenhaus, wie ein
wachsamer Hund, der auf seinen Herrn wartet. Schließlich kam Pitt. Sie
nahm wie selbstverständlich seinen Arm und wanderte sorglos lachend die
Straße mit ihm hinunter. Fox sah erst perplex bestürzt drein, dann erhob
sich in ihm eine große moralische Entrüstung: Also so eine ist das! Und
gegen mich tut sie immer auf das allerehrsamste! Na warte, dich wollen
wir schon kriegen! Dich wollen wir schon entlarven! Und wieder dachte
er: Wenn jemand ein Anrecht auf sie hat, so bin ich das doch natürlich!
Dies hier war ja der reine Betrug! Schon manchmal hatte er sie
aufgefordert, mit ihm spazieren zu gehen: Nie hatte sie Zeit gehabt,
immer mußte sie arbeiten! Dann war sie natürlich mit seinem Bruder
gelaufen! Es war einfach ein niedriger, gemeiner Betrug, also doch
wirklich, ein -- -- Betrug!!! --
Am selben Abend besuchte er Pitt, entzündete sich eine Zigarre und
begann unvermittelt seine Predigt. Pitt wußte erst nicht, worum es sich
handle, dann nickte er und ließ ihn weiter reden. Dadurch geriet Fox
immer mehr in Feuer. -- Traurig, so schloß er, daß es soviel
Unsittlichkeit in der Welt gibt. Sie ist einmal da, und daß du und ich
sie nicht ausrotten werden, das steht wohl fest. Aber wir sollten nicht
noch mithelfen an ihrer Verbreitung, und vor allen Dingen nicht
anständige Mädchen auf den Weg der Untugend bringen; das ist eine
Gewissenlosigkeit, wirklich, eine Gewissenlosigkeit! -- Er schwieg und
sah Pitt in die Augen, als wolle er seine Worte noch wie mit einem
Petschaft versehen, so kernig und saftig war sein Blick. Pitt hielt ihn
aus, ja er erwiderte ihn, anders, stiller; sein Mund zeigte ein kaum
merkbares Lächeln, sein Blick schien durch seines Bruders Augen zu gehen
wie eine feine Sonde. Er schwieg. -- Na also, sagte Fox, indem er wo
anders hinsah, das mußte ich dir sagen, und hoffentlich nimmst du mir's
nicht übel, das wäre furchtbar kleinlich von dir. -- Er sah wieder auf
sein Gesicht, begegnete aber noch demselben Blick wie zuvor. -- Bist du
blödsinnig geworden? fragte er plötzlich, instinktiv nach einem Schutz
suchend, ganz im Tone seines Vaters. -- Pitt erhob sich. Er dankte ihm
für seine Mühe, aber versprechen könne er ihm gar nichts. Mir scheint,
fügte er hinzu, du nimmst dir doch ein wenig zu viel gegen mich heraus.
-- Wenn du's mir übel nimmst, ist es deine Schuld; ich habe gedacht: wir
sind beide keine Kinder mehr; daß du etwas älter bist als ich kommt
nicht in Betracht, jetzt wo wir beide im Leben stehen als
gleichberechtigte akademische Bürger; der Kinderstube, wo der ältere
Bruder über den jüngeren herrscht, wären wir, dächte ich, entwachsen!
Also nichts für ungut.
Pitt sagte jetzt zu Lotte: Sie dürfe ihn nicht mehr von der Bibliothek
abholen, überhaupt wollten sie sich weniger treffen, man rede über sie,
sie bringe sich in einen schlechten Ruf. -- Es war ihr außer Zweifel,
daß es ein Mann gewesen sein müsse, der das behauptete. Irgend jemand,
der böswillig war.
Auf Fox geriet sie nicht; der war die letzten Tage besonders freundlich
gewesen und hatte ihr erst gestern ein Lederfutteral geschenkt; es sei
sehr praktisch, sagte er. -- Wenn sie nur wüßte, wer es gewesen war!
Mein französischer Professor? fragte sie. Der war gleichzeitig
Privatdozent an der Universität. Oder war es vielleicht jemand, der sie
öfter in der Konditorei sah, der vielleicht in sie verliebt war und den
sie gar nicht kannte?! -- Ist es der? fragte sie, und deutete auf einen
vollbärtigen gesetzten Herrn, der langsam seinen Kaffee schlürfte und
dann mit abwesend-vollem Blick aus seinen Augengläsern auf sie sah und
sich den Schnurrbart leckte, ehe er die Zeitung wieder ergriff. -- Sie
bekam es nicht heraus.
Unsäglich langweilig war ihm allmählich dieses fortwährende in die
Konditoreigehen geworden; ihr war es etwas ewig Neues. Ganz in
Zerstreutheit sagte er einmal, als er eine Verabredung vermeiden wollte,
er wisse nicht, wo sie sich treffen sollten: In der Konditorei? fragte
sie, als sei dieses etwas noch nie Dagewesenes. --
Es war unausbleiblich, daß Lotte schließlich doch den Wandel in seinem
Gefühle bemerkte. Sie litt darunter und fragte sich vergebens, was wohl
die Ursache sei. Einmal fiel es ihr ganz plötzlich ein, daß er sie ja
gar nicht mehr küsse. Sie fragte ihn danach. -- Es hat doch eigentlich
gar keinen Sinn, sagte er, wenn du zum Beispiel verlobt wärest, so
dürften wir uns gar nicht küssen. -- Aber ich bin doch gar nicht
verlobt! -- Eben deshalb! sagte er ganz ernsthaft. -- Wieso? sie
verstand das nicht in aller Schnelligkeit: gerade weil ich doch nicht
verlobt bin, -- das heißt -- -- -- Nun? fragte er in aller Seelenruhe.
Aber da mochte sie nicht weiter reden. Und zum ersten Male kam ihr der
Gedanke: Faßte Pitt denn ihr Verhältnis als eine einfache Freundschaft
auf? Das war doch gar nicht möglich! Wie sehr hatte er sie immer geküßt!
Waren das alles Freundschaftsküsse gewesen? -- Er will mich nur auf die
Probe stellen, ob ich ihm treu bleibe! so sagte sie sich, und dachte
sich wirklich etwas dabei. Wenn wir uns nicht küssen ist unsere Liebe
viel idealer. Aber sie konnte es doch nicht hindern, daß sie sich nun,
wo sie sie nicht mehr bekam, nach seinen Küssen sehnte, bei denen ihr
immer so unbestimmt wohlig zumute gewesen war.
Sie gingen nun nicht mehr regelmäßig spazieren; dafür sah er sie aber
fast jeden Tag einmal hier, einmal da, wo er sie gar nicht vermutete.
Sie kannte allmählich seinen Stundenplan und trug ihn immer bei sich,
auf dem Herzen. Dann begleitete sie ihn bis zu seinem Hause. Mit jedem
Tage machten sie den Weg in kürzerer Zeit; Pitts lange Beine schritten
rüstig aus, mit lebhaftem Atem sprang sie bald links bald rechts von
ihm, schalt auf das schmale Pflaster und die vielen Passanten, beklagte
sich aber niemals. Pitt dehnte seinen Aufenthalt in der Bibliothek
länger aus, aber das half nichts: Suchend trat sie in den Lesesaal,
setzte sich, ohne daß er sie bemerkte, ihm gegenüber, und wenn er
endlich mechanisch von seinem Buche aufschaute, freute sie sich über
seine Überraschung sie zu erblicken. Dann ging er wortlos neben ihr her.
Allmählich begriff sie, daß es mit ihren Zukunftsträumen ein für allemal
nichts war. Sogleich setzte sie aber auch in Gedanken bescheiden hinzu,
daß sie vielleicht auch viel zu nichtig und unbedeutend sei für ihn und
redete sich ein, daß sie selber für ihn ja auch von Anfang an nichts als
reine Freundschaft empfunden hatte. -- Du sollst nicht denken, sagte sie
das nächstemal, daß ich etwa verliebt in dich wäre, gar nicht, was ich
dir gebe ist ein reiner Freundschaftskuß! und ehe er etwas erwidern
konnte, fühlte er ihre Lippen auf den seinen, und sie machte ein ganz
schwesterliches und festes Gesicht dabei. Aber als sie ihm das
nächstemal wieder einen Schwesterkuß gab, hatte sie schon die Arme um
seine Schulter gelegt, er dauerte länger als der erste, und bei dem
dritten, den er bekam, wollte sie ihn überhaupt nicht mehr loslassen. --
In ihm regte sich etwas von den vergangenen Gefühlen, aber er machte
sich frei von ihr und sagte, Geschwister küßten sich nicht; er erinnere
sich zum Beispiel nicht daran, daß er und Fox sich je geküßt hätten. Nun
begann sie seine Hände zu drücken und ihn dabei verlangend anzusehen;
sie wurde immer ruheloser. Nachts träumte sie jetzt viel von ihm, da war
er ganz, ganz anders, so wie er früher war, oder war er früher nicht so,
hatte sie sich das nur eingebildet? -- In die Konditorei gingen sie
schon lange nicht mehr; das Wort hatte einen wehen Klang für sie
bekommen, sie vermied es; sie wußte auch, daß Pitt sie selbst vermied;
aber sie konnte nicht anders: wenn sie ihn in der Ferne sah, lief sie
hinter ihm her, bis sie ihn eingeholt hatte.
Sie gab ihm einen »Freundschaftsring«; den hatte sie von dem ersparten
Geld, das nun nicht mehr in die Konditorei wanderte, gekauft, ein armes
silbernes Ding mit einem Vergißmeinnicht darin. Sie mußte irgend etwas
für ihn tun, etwas für ihn opfern. Er wollte ihn erst nicht nehmen. Sie
beteuerte nochmals, es sei ja nur ein »Freundschaftsring«, und wenn er
ihn nicht immer trüge, wäre es aus zwischen ihnen. -- Aus zwischen uns!
wiederholte er, das klingt so, als ob irgend etwas »zwischen uns« wäre!
Ich sehe nichts, absolut nichts! -- Es ist ja auch gar nichts zwischen
uns, erklärte sie in ihrer Angst, aber du mußt ihn trotzdem tragen, ich
schenke ihn dir doch nur _so_! O Gott, du quälst mich so, Pitt, du
quälst mich so! --
Pitts Gedanken liefen zurück in vergangene Zeiten, und eine
gespenstische Stimmung kam über ihn. Diese Worte hatte er schon einmal
gehört, es war, als ob das Leben sich schattenhaft wiederhole. --
Er mußte ein Ende machen. Ich verreise morgen! -- Für wie lange? -- Das
weiß ich noch nicht. -- Er hatte die Absicht, ihr nach einigen Tagen zu
schreiben, daß es das beste wäre, sie sähen sich nicht wieder. Sie sagte
ihm gefaßt adieu, und wie sie so schlicht und zurückhaltend vor ihm
stand, und doch so voll von Liebe, nahm er sie ein letztes Mal in seine
Arme. Er fühlte, daß es jetzt keines Wortes mehr bedürfe, um sie sich
ganz zu eigen zu machen, er fühlte, wenn er sie länger halten würde, ein
Wanken seiner Festigkeit, und er machte sich los von ihr. Sie ging
getröstet und dachte: Alles wird noch gut! -- Wohin er wohl reisen
würde? Sie war doch eigentlich sehr neugierig. Am nächsten Tage bezwang
sie sich noch; aber am übernächsten fragte sie Fox danach. Sie habe
gehört, erklärte sie, von einer Freundin, die einen Bruder habe, dessen
Freund mit Pitt zusammen studiere, daß er verreist sei. Wohin er wohl
gereist sei? -- Fox sah sie mit runden Augen verständnislos an; dann
sagte er, der Bruder von der Freundin wisse mehr als er selber; er sei
Pitt noch heute morgen auf dem Gang in der Universität begegnet. Wenn er
das nicht selbst gewesen wäre, müsse es wohl sein Geist gewesen sein. --
Waren die Beziehungen zwischen Lotte und Pitt immer noch nicht aus? --
Am selben Abend ging sie in Pitts Wohnung. Fast unvermittelt stand sie
in seiner Tür. -- Du bist noch da? fragte sie erstaunt. Schon wieder!
log er mit schneller Geistesgegenwart. Sie wollte sich gerade darüber
freuen, als ihr plötzlich alles, sie wußte selbst nicht wie, klar wurde.
Sie war mehr gekränkt als empört. Als ob ich ein kleines Mädchen wäre!
rief sie. Wenn du mich einmal ein paar Tage nicht sehen magst, so kannst
du mir das doch ruhig sagen! Ich bin doch vernünftig genug, das zu
verstehen! Aber so eine Komödie zu machen, dazu sind wir doch beide zu
erwachsen! -- Du hast recht, sagte Pitt, der sich über sich selber
ärgerte, aber ich fand es zu grausam dir die Wahrheit geradezu ins
Gesicht zu sagen! -- Welche Wahrheit denn? fragte sie, indem ihr das
Blut zu Herzen lief. -- Mein Gott -- daß ich dich nicht liebe. -- Sie
beherrschte sich mit Mühe. Aber ich liebe dich doch auch nicht -- gar
nicht, wir mögen uns doch nur sehr gern! Deshalb braucht man doch nicht
gleich wegzureisen -- oder vielmehr nicht wegzureisen -- der Faden ihrer
Gedanken schwand ihr einen Augenblick spurlos, bis sie ihn wieder hatte.
Also du willst mich die nächste Zeit nicht sehen? -- Doch. -- Im
nächsten Moment ärgerte er sich wieder über sich selbst. -- Morgen? --
Pitt seufzte. Wie oft hatte er das nun schon gehört, dieses kleine, halb
hingeworfene Wort mit dem unsichtbaren Haken daran. Sie sah seine Miene
und sagte schnell: Also ich sehe doch, daß du morgen nicht möchtest,
weshalb sagst du denn nicht einfach: übermorgen! Ich bin doch keine
Klette! --
Ich muß den Verkehr mit ihr abbrechen; dachte er, als er allein war. Wie
alles jetzt ist, ist es würdelos; ich quäle sie, dieser Verkehr ist eine
ewige Hin- und Herzerrerei. Wenn ich es ihr sage, tut es keine Wirkung,
weder auf sie noch auf mich; sie schlingt dann ihre Arme wieder um mich,
und in dem Moment, wo ich sie so dicht an meinem Körper fühle, verwirren
sich mir die Gedanken und alles, was ich klar und sicher weiß, erscheint
wie Unsinn; ich muß ihr alles schreiben, und zwar muß ich lügen und hart
mit ihr sein, sonst ist alles was ich schreibe umsonst.
Als sie sich wiedersahen, überreichte er ihr einen Brief; sie möge ihn
zu Hause lesen. Sein Inhalt war kurz und klar. In der Hauptsache sagte
er ihr nur, sie habe sich von Anfang an getäuscht in ihm und er wünsche
den Verkehr mit ihr abzubrechen. -- Darauf war sie nicht gefaßt gewesen.
Einen ganzen Tag lang weinte sie; Frau Bornemann versuchte sie zu
trösten: Es werde schon alles noch gut; sie sei doch fleißig, das könne
jeder mal passieren, daß sie im Französischen eine schlechte Note
bekomme, sie solle den Kopf nicht hängen lassen, sondern ihn oben
behalten wie der Vogel Kakadu. --
Auf den Gedanken, Pitt zu antworten, kam sie gar nicht; alles war nun
aus, einfach aus. Die nächsten Tage vergingen schwer, sie konnte sich
nicht daran gewöhnen, daß nun alles vorbei war. Oft stand sie abends
unten auf der Straße und sah zu seinem erleuchteten Fenster hinauf, und
dann verzog sich ihre Miene wie bei einem Kinde und ihre Tränen begannen
wieder bitterlich zu fließen. Sein Stundenplan auf ihrem Herzen behielt
noch eine Art selbständigen Lebens, das langsam verzuckte: Bald war sie
hier, bald da, um Pitt zu sehen, doch vermied sie es auf das
ängstlichste, daß er sie zu Gesicht bekam. Dann wollte sie ihn
vergessen; aber sie konnte es nicht ändern, daß ihre nächtlichen Bilder
sich weiter mit ihm beschäftigten; endlich wurden diese Bilder
unpersönlicher, allgemeiner, und eines Nachts war sie sehr erstaunt, als
sie, aus ihrem Traum erwachend, mit ausgebreiteten Armen in die Höhe
fuhr und undeutlich einen Menschen vor sich sah, der mit Pitt auch nicht
die geringste Ähnlichkeit mehr hatte. Wenn ich nur wüßte, wer es gewesen
ist! dachte sie und nahm sich vor, im nächsten Traume ganz genau
aufzupassen.