Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu
versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund
für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an
diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so
stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen
Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es
zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da
dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach
Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ
ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer
Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten,
Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft
gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der
Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam,
das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so
begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere
erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne
weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele
durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man
jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer
Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann
vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder
aber er sagte etwa: Teufel noch mal -- Sie haben recht! Das Gespräch
interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie
hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ...
wirklich ganz famos! -- Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich
wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt
irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder,
vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein
Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab
es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme,
mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen,
sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht
neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und
murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein
hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später,
er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den
Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so
bescheiden! so einfach! so ganz und gar -- also doch wirklich --
bescheiden! -- Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit
anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem
Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er
dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast
zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja
auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand
herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert
als Kunstwerk! -- Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen
Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. -- Am meisten
aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox
hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt
in der Familie als musikalisch. -- Bei den ersten Tönen führte er die
Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte
nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten
Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann
wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit
großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt
geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die
Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange
herunter. -- Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte,
konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.
Was ist denn _das_? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines
Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weißdrucken,
die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings
abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hänge die Bilder nicht hin zu
meinem Vergnügen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet
habe und mein Geist nicht mehr recht vorwärts will, dann sehe ich das
Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn
ich eine Kritik schreiben soll über Mozartsche Opern, kucke ich nach dem
Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen
Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters
überhaupt ganz von selbst erklingen läßt. -- Du schreibst Kritiken? --
Natürlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus
seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. -- Lies das mal zu
Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin
ist deine Stimme die eines Unbefangenen. -- Ganz im geheimen hatte Fox
eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt
Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, -- -- so brauchte er
sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! -- Er richtete sich aber dann
doch danach. -- Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik
werfen, neben meiner Jura. Nächstes Semester kommt die Schauspielkunst
dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen
Persönlichkeit. Jeder Mensch muß die Fähigkeiten in sich ausbilden, die
da sind. Wie? Was? --
Fox übernahm für einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem
kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte
Fox, der immer noch mehr wußte als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe
empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken,
nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein,
nannte die Saison den »Winter unseres Mißvergnügens« und redete von
»goldnen Früchten, auf silbernen Schalen dargereicht«. Ehe die Kritiken
erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. -- Der
Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifällig. Fox sah ihn mißtrauisch
an, doch ohne Grund: Pitt hatte längst vergessen, daß dies ein Ausspruch
war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier für sich
allein stand, aus dem übrigen etwas herausfiel. _Den_ Gedanken, sagte
Pitt, hättest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So
für sich allein wirkt er eigentlich unverständlich, am Schluß
widersprichst du dir sogar.
Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du
hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden
Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstöbern, ich werde
sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestärkte Fox
in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehöre ein besonderes
Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst könne das nicht, er habe zu
wenig anhaltende Energie und Spannkraft. -- Ja, das ist die Hauptsache!
bestätigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer häufiger bei ihm. -- Ich
dachte, du hättest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. --
Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gönnerhaft. -- Pitt ging, läutete
aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? --
Manchmal öffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie
wollte er sehen. -- Dies ist ein Mädchen, dachte er, das ich vielleicht
lieben könnte. Lotte öffnete stets vergnügt ihren roten Mund, wenn sie
ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn
Großmutter auf das Läuten hinausging, spähte sie durch die Zimmertür.
Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wußte mit Sicherheit,
daß Pitt am selben Morgen -- wenn es nicht dieselbe war -- mindestens
ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er,
sollten seine häufigen Besuche mit dem Mädchen in Verbindung stehen?
Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam?
Das reine Kind? Die dunkeläugige Blume?! -- Sein Ehr- und Selbstgefühl
regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten -- aber
immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber
fühlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er würde jede drohende
Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein --
ganz in Ehren natürlich -- so war er selbst das doch, wo er sowieso im
Hause wohnte -- und dann: Überhaupt, er hatte moralischere Rechte. --
Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und
kann dich kaum gebrauchen -- und wenn es läutete, stürzte er die
nächsten Tage selbst zur Tür. --
Pitt kam nicht mehr. -- Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er,
Gott weiß, in was ich mich da verstrickt hätte. Dafür kam Fox mit seinen
Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.
Fox machte sich Vorwürfe, daß er Lotte bis jetzt so wenig beachtet
hatte. Er mußte ihr Vertrauen gewinnen, und das Vertrauen der alten Frau
Bornemann ebenfalls. Deren Geburtstag bildete die passende Einleitung
zur Annäherung. -- Er ließ sich bei ihr melden und verehrte ihr einen
Hummer zum Wiegenfeste. Frau Bornemanns Augen wurden naß, sie wollte ihn
erst nicht nehmen, da er doch gewiß sehr teuer sei, und hielt die Hände
in die Schürze geknüllt, wie ein schüchternes Mädchen. Dann nahm sie ihn
aber doch, bereitete eine Sauce dazu nach ihren Erinnerungen einer
besseren Zeit, und lud Fox später zögernd zu dem Mahle ein, obgleich
Lotte meinte, sie wollten das Tier lieber allein verzehren. Auf Lotte
war dieser Hummer eigentlich berechnet. Fox wußte, daß sie gerne etwas
Gutes aß. Er hatte das öfter bemerkt, wenn er an der Küche vorbei ging.
Da stand sie an dem rohen Brettertisch, hielt eine seiner nicht ganz
ausgeleerten Delikateßbüchsen in der Hand -- Fox liebte es nicht von
Resten zu leben -- stocherte die Fischlein mit der Gabel heraus und
verzehrte eines nach dem andern, andächtig, ohne Brötchen. Frau
Bornemann, erst zurückhaltend, taute doch allmählich auf. Sie klagte,
daß sie hier wie in einem Meer von Steinen säße, die Straßen verwirrten
sie, sie kenne kaum jemand, alle ihre natürlichen Berater, Kinder und
Schwiegersöhne, seien tot, man nütze ihre Unkenntnis in geschäftlichen
Dingen aus, sie fühle sich der Welt preisgegeben, und Lotte wisse noch
weniger als sie selbst, obgleich sie doch das Seminar besuche. Und dann
sagte sie, das Großstadtpflaster sei doch nichts für junge Mädchen,
obzwar sie ja auf Lotte wie auf einen Felsen bauen könne, denn im Grunde
sei sie brav und gut -- und ihre Rede floß weiter, leise und bescheiden
wie ein ganz kleines, spärliches Wässerchen. Fox sagte zu allem: jaja,
jaja, blickte nachdenklich und fürsorglich drein und versprach, er werde
ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie möge sich nur in allen
schwierigen Fragen an ihn wenden. Das tat sie in Zukunft auch wirklich,
erzählte ihm lange Geschichten über ihre bescheidenen Bankpapiere, und
fragte: Nun sagen Sie, was soll ich tun?! -- Er hörte stirnrunzelnd zu,
versprach, sich die Sache im Kopf herumgehen zu lassen, besprach sie
dann mit Leuten, die davon mehr verstanden als er selbst, meinte
zustimmend, dasselbe habe er ungefähr auch schon gedacht, und legte
dieses Selbe später der Frau Bornemann als Resultat seines
vierundzwanzigstündigen Nachdenkens vor. Lottes Wohlwollen erwarb er
sich dadurch, daß er ihr nun ab und zu auch noch intakte kleine
Leckereien verehrte, und Frau Bornemann hatte nichts dagegen, denn sie
sah ja nun: Ihr Mieter war brav und meinte es gut mit ihnen. Und diese
Überzeugung wurde besonders rege in ihr, wenn er Lotte, die zuweilen
merkwürdig frei redete, ohne sich dabei im geringsten etwas zu denken,
nachdrücklich zurechtwies: So etwas _paßt_ sich nicht für ein Fräulein!
Zuweilen lud er sie ein, mit ihm in eine Bildergalerie, in ein Museum zu
gehen. Er erklärte ihr, daß es »Schulen« gäbe unter den alten Meistern;
das glaubte sie erst nicht, ließ sich dann aber belehren, und erzählte
zu Hause alles Großmutter wieder. -- Lies ihm doch mal deinen neuen
Aufsatz vor! Er interessiert sich doch für unser Wohl und Wehe! -- Aber
das wollte sie nicht, sie wußte selber nicht warum. Sie hatte ihn ja
ganz gern, und verehrte ihn, weil er alles wußte, aber -- ihre Aufsätze
vorlesen, -- nein, das wollte sie nicht. -- Weshalb sein Bruder wohl gar
nie mehr kam? Der sah so interessant aus! Ob der wohl noch viel mehr
wußte als Fox? Manchmal wollte sie Fox fragen, weshalb er sich gar nicht
mehr sehen ließe, aber sie unterließ es, aus einem unklaren Gefühle.
Eines Tages stand Pitt plötzlich vor ihr, unter der Tür. Es regnete
stark, er hatte weder Schirm noch Mantel und wollte sich beides von
seinem Bruder borgen. -- Er ist nicht zu Hause! sagte Lotte, aber kommen
Sie nur herein, vielleicht ist er bald da! Pitt sah in ihre lebhaften
und erfreuten Augen und ließ sich hineinziehen. Er saß ihr nun
gegenüber, und es war, als habe sich da ein ganz besonderer
interessanter Vogel neben ihr niedergelassen, den sie bisher nur
flüchtig und im Fluge sah. -- Was er für schöne tiefe Augen hatte! Gewiß
hatte er furchtbar viel Interessantes erlebt. -- Ich soll mich auf mein
Lehrerinnenexamen vorbereiten! erzählte sie sofort, wir haben nicht viel
Geld und ich muß einen Broterwerb ergreifen! -- Sie sollten lieber
heiraten! sagte er, ich glaube dazu passen Sie viel besser. -- O Gott,
das möchte ich ja so gern! Aber wen? ich weiß ja keinen! -- Sie holte
Großmutters Visitenkartenschale, die nun Zimmerschmuck bei Fox geworden
war: Mit was für vornehmen Leuten Ihr Bruder verkehrt! Sehen Sie, hier
ist ein Baron, da ein Graf! Sie nahm die Karten achtungsvoll aus der
Schale. -- Furchtbar schade, daß die immer kommen, wenn ich im Seminar
bin! -- Diese Karten hatte Fox selbst importiert, um sein Renommee zu
heben. In Salons für einen Moment allein gelassen, pflegte er zuweilen
die Visitenkartenschalen zu revidieren. -- Ihr Herr Vater wird ja nun
auch bald Graf! -- Mein Vater? -- Natürlich! Der Kaiser wartet nur auf
die nächste Gelegenheit, und dann wird er Graf! -- Hat Ihnen das Fox
erzählt? Sie nickte und fand gar nichts Verdächtiges in seiner Frage. --
Es klopfte leise und bescheiden. Frau Bornemann hatte an Foxens
Zimmertür gehorcht und drinnen Lottes Stimme und eine andere, männliche
gehört; wenn Lotte auch nichts Unrechtes tat: Es _schickte_ sich nun
einmal nicht. --
Lotte war etwas verlegen. Sie stellte Pitt sogleich vor und erklärte
eifrig, er warte hier auf seinen Bruder. Frau Bornemann dachte: dann
kann ich ja ein bißchen mitwarten! überlegte, ob sie sich wohl auf einen
ihrer eigenen Stühle setzen dürfe und ließ sich dann auf den Rand eines
Sessels nieder. Also Sie sind der Bruder von unserm Herrn Sintrup?
begann sie höflich und mit stillem Vertrauen, ja das habe ich mir gleich
gedacht. In meiner Heimat hatte lobesam der Herr Bürgermeister auch zwei
Söhne. -- So sagte sie, indem sie ihn aus ihren sorgenvollen Augen halb
freundlich und halb kurzsichtig ansah. Dann fuhr sie fort: Merkwürdig,
wie einem doch manches zum Segen ausschlägt, von dem wir vorher denken,
es brächte einem nur Kummer. Wie bitter schwer kam es mir an, einen
Mieter für die neue Wohnung zu nehmen! Wenn einer so etwas nicht erlebt
hat, versteht er's nicht. Alles, was man durchmacht, muß erlebt sein.
Fremde Erfahrungen bringen einen selbst nicht weiter. Das denke ich
manchmal, wenn ich die Menschen Irrtümer über Irrtümer begehen sehe; ich
möchte ihnen dann zurufen: Kinder, seht ihr denn nicht, daß ihr das
falsch macht? Aber dann denke ich: Laß sie nur gehen, laß sie nur
machen! Hinterher sehen sie's dann besser ein, und einmal gebrannte
Kinder scheuen das Feuer! Frau Bornemann schwieg, es kam nichts mehr.
Und als Pitt sie erwartungsvoll ansah, drehte sie ihr kleines
Hasengesicht freundlich hin zu ihm und blickte ihn so niedlich an, daß
er innerlich lachte. Und das mit dem Segen des Zimmers? fragte er. --
Sie sah ihm erst unsicher auf die Lippen, ob er vielleicht einen Wunsch
habe, dann in die Luft, endlich hatte sie den Faden wieder und fuhr
fort: Ach ja, das wollte ich ja sagen: Ich müßte lügen, wenn ich
behaupten wollte, daß ich nun sehr glücklich gewesen wäre, -- obgleich
es Ihr Herr Bruder ist. Aber der Wahrheit die Ehre: Die ersten Tage war
ich ganz unglücklich darüber! In dem Bett, worin er schläft, ist mein
Mann-selig gestorben, und den Fußteppich hat mir meine Schwester-selig
gestickt zur Hochzeit; na, und was da noch für Erinnerungen sind, das
kann Sie ja kaum interessieren. Aber jetzt danke ich unserem Schöpfer,
daß er da ist -- Ihr Herr Bruder nämlich: So ein ausgereifter Verstand
in einem so jungen Kopfe -- wenn man so sagen darf -- und dann die
hoch-anständige Gesinnung: Einen Teppich hat er legen lassen auf dem
Vorplatz! Ich sehe ihm auch manches gerne nach; einem andern würde ich
es nicht erlauben, all die alten Familienbilder von den Wänden zu
nehmen; meine Tochter gehört nun mal übers Sofa, wo sie immer drauf
gesessen hat, und mein eigenes Jugendbild von anno dazumal hat auch
stets einen Ehrenplatz gehabt. Aber ich dachte: Mathilde, du versündigst
dich, der junge Mann ist in der Fremde, und wenn er dich bittet, eigene
Bilder hinhängen zu dürfen -- laß ihn dem Zug seines Herzens folgen. Na,
Familienbilder hat er ja nun nicht gerade hingehängt, sondern solche
abgemalte Bilder; ich versteh ja nichts davon, aber wenn ihm das Freude
macht -- ich habe nichts dagegen! Nun sagen Sie mal: was studieren _Sie_
nun eigentlich? -- Auch Jura. -- Sieh mal! Dann sind Sie also _zwei_
Juristen? --
Pitt wurde dies langweilig, er erhob sich und wollte gehen. Der Regen
hatte aber zugenommen und Frau Bornemann sagte: Nun werden Sie ja naß!
Lotte flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie murmelte dagegen: alte Andenken,
-- und so tief weggepackt -- verstand sich dann aber dazu, sie zu
suchen, und Pitt mußte versprechen, sie am nächsten Tag wiederzubringen.
Um drei! rief Lotte; und an der Tür sagte sie noch einmal leise und
dringlich: Punkt drei! Um diese Zeit -- so wußte sie -- war Fox nicht zu
Hause.
Wirklich war Pitt am nächsten Tage um die angegebene Zeit auf dem Wege.
Soll ich nun den Mantel einfach abgeben, und dann gleich wieder gehen?
So fragte er sich.
Die letzte Zeit, in der er Fox nicht mehr besuchte, hatte er kaum an
Lotte mehr gedacht. Aber seit gestern hatte er fortwährend an sie denken
müssen. Immer sah er sie vor sich, mit ihrer festen, etwas derben
Gestalt, mit ihren gesunden, frischen Backen und den blanken,
lebenslustigen schwarzen Augen. Nie hatte er ein Mädchen gesehen, das
ihm auf den allerersten Blick so sehr gefallen hatte.
Nach seiner Trennung von Elfriede hatte Pitt die erste Zeit sehr
zurückgezogen gelebt, fast ängstlich jede Bekanntschaft mit einem
Mädchen vermieden, da er sich vor einem neuen Schiffbruch fürchtete; bis
er schließlich den Zustand gänzlicher Zurückgezogenheit doch nicht mehr
ertrug und, wie die Schnecke, langsam seine Fühlhörner wieder
vorzustrecken begann. Aber seine Annäherungen blieben doch stets wie in
einer Ferne, und fühlte er gar eine Annäherung des anderen Teils, so
ergriff ihn sogleich wieder die erste Furcht, ja fast ein Schreck, er
zog sich augenblicks wieder in sein Häuschen zurück und lachte sich
selber aus: Liebe, so sagte er sich, ist etwas, das man nicht suchen
darf; sie muß kommen, ohne daß man sie sucht. Nun hatte er immer darauf
gewartet, daß sie von selber käme, aber sie kam nicht.
Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: Liebe ist etwas, das
im Blute liegt und zum andern will! Zum erstenmal fühlte er einen
starken Trieb in sich.
Mit äußerer Ironie und innerem Neide hatte Pitt auf seine Kameraden
gesehen, die ein ihm fremdes Leben führten. Waren sie nicht weit besser
dran als er selbst, der in jedem Sinn egoistisch nur für sich selber
lebte?! War es nicht Feigheit, Mangel an Selbstvertrauen, wenn er jetzt
auch nur der Möglichkeit eines Erlebens aus dem Wege gehen wollte? --
Unter diesen Erwägungen näherte er sich der Wohnung der Frau Bornemann.
Lotte öffnete, sah ihm frisch und freudig in die Augen und sagte: Ich
hatte schon gefürchtet, Sie kämen überhaupt nicht mehr, denn es ist
schon zwanzig Minuten nach drei! Wir wollen aber nicht in Ihres Bruders
Zimmer gehen, sondern in unser eigenes! Pitt war hiermit sehr zufrieden,
dachte aber: du lieber Gott! als ihm Frau Bornemann auch heute
entgegentrat; im ersten Momente sah er sie gar nicht, da ihre
unscheinbare Gestalt in dem braunen Kleide sich wenig von der ebenfalls
braunen Tapete abhob. Sie machte Pitt diesmal eine feierliche Reverenz,
die er ebenso erwiderte, ohne zu wissen, weshalb sie das beide täten. Er
hatte keine Lust, ähnliche Ansprachen zu erleben wie die gestrige, nahm
sich vor, sogleich wieder zu gehen, und Lotte an der Tür zu fragen, wann
er sie einmal allein sehen könne. Aber wie er nur das erste Wort davon
sagte, rief Lotte, das gehe nicht, sie habe sich so darauf gefreut, daß
sie ihm ihre Hefte zeigen würde! So ließ er sich mit einem innerlichen
Seufzer auf einen Stuhl nieder. -- Was mögen Sie am liebsten?
Französisch, Geographie? -- Aufsatz! sagte er, und dachte: da erfahre
ich wenigstens etwas über sie selber. Sie holte sogleich alle ihre
Hefte; er schlug das erste auf. -- Den nicht! sagte sie und blätterte
bis zum zweiten. Er las, sie sah ihm ab und zu über die Schulter, ob er
schon an die schöne Stelle käme, die ihr so besonders gut geglückt war.
Dann kam der nächste: Über die Erziehung der Jugend. Was für
abgedroschene Worte und Gedanken das alles waren! -- Sie glaubte etwas
wie Mißbehagen auf seinem Gesichte zu sehen, sagt selbst, alles sei
gräßlich, während sie alles eigentlich ganz in der Ordnung fand,
verteidigte sich auch gar nicht und rief bloß: Ich muß ja! Ich muß ja!
-- Er legte das Heft endlich beiseite, sie brachte sofort ein neues. Sie
wollte durchaus hören, was er über Iphigenie dachte und »Goethes
Stellung zum Christentum«. Auf diesen Aufsatz war sie wirklich stolz.
Sie hatte darunter die beste Note erhalten, und außerdem war alles
kalligraphisch musterhaft geschrieben. Er las ihn von Anfang bis zu
Ende, dann reichte er ihr das Heft mit einem stummen Blicke. -- Geist
und Ideen hatte dieses Mädchen nicht, das stand fest. Aber das schadete
ja gar nichts -- im Gegenteil: ein solches urwüchsiges, frisches,
einfaches Geschöpf und Aufsätze -- das paßte nicht zusammen. Und die
sollte in eine Schule eingesperrt werden? -- Lotte war etwas betrübt,
daß er gar nichts sagte. -- Hier ist noch ein Aufsatz, meinte sie aber
mit frischem Mute, der heißt einfach: Die Kuh. Den habe ich am
allerliebsten gemacht von allen, und immer wenn ich eine Kuh sehe, denke
ich: Ob das wohl die ist, von der ich das geschrieben habe? -- Pitt las
auch diesen Aufsatz, und ehe er etwas äußern konnte, ließ sich Frau
Bornemann, die mit Wohlgefallen zuhörte, wie ihre Enkelin sich
wissenschaftlich unterhielt, von ihrem Nähtisch aus vernehmen: Gegen
_den_ Aufsatz kann keiner was sagen, da fehlt auch kein Härchen vom
ganzen Fell! Nun quäle Herrn Sintrup aber auch nicht mehr! Doch Lotte
wollte jetzt durchaus, daß er auch ihre Geographiehefte ansähe. Sie
hatte bemerkt, daß es draußen regnete, und wünschte, der Regen möchte
inzwischen zunehmen, damit Pitt auch morgen einen Grund habe
wiederzukommen. Wirklich ging ein ganzer großer Guß nieder; als er fast
vorüber war, erhob sich Pitt, aber Lotte sagte: Es steht eine ganze Wand
am Himmel, Großmutter, er darf doch den Mantel noch einmal mitnehmen?
Frau Bornemann erlaubte es zögernd. -- Wenn es besseres Wetter wäre,
sagte Pitt an der Tür zu Lotte, hätte ich gedacht, ob Sie nicht ein
bißchen mitgingen. -- O Gott, dasselbe habe ich ja auch schon gedacht,
sagte sie erfreut; das Wetter macht mir gar nichts -- ich muß mir ja
sowieso neue Hefte kaufen, setzte sie hinzu und dachte: das kann ich ja
wirklich. In 10 Minuten komme ich! -- Sie begab sich ins Zimmer zurück,
setzte sich scheinbar an die Arbeit, behielt die Uhr genau im Auge und
brachte nach zehn Minuten ihr Anliegen vor. Großmutter suchte in ihrem
Portemonnaie, gab ihr ein Geldstück und sagte: von den zwanzig
Pfennigen, die übrigbleiben, darfst du dir ein Magenbrot kaufen, das
heißt: für fünf; die übrigen muß ich wieder haben! --