nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm
beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und
die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz
war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich
austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet
hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja »durchaus notwendig« für
eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden
kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. -- Weshalb reitest du
eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß
und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer
unerträglicher. -- So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses
nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter
ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel
mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie
erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends
mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald
und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in
der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte
alle Fenster, ihr Blick blieb auf _einem_ haften während der ganzen Zeit
ihres Rückwegs. -- Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu
ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie,
sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein
Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder,
sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen.
Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat
Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war
sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte,
ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich
konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu
haben.
Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort
sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr
eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre
Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch
von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle!
-- Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. --
Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie
das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.
Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand
reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes
Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. --
Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. -- Ja,
sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte
kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und
selbstverständlich sprach. -- Harald teilte dies sofort Elfriede mit:
sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede
hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und
die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete
sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es
war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In
seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem
Gesetz zu folgen.
Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß
ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber
lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte,
sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in
seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu
Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten
Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah
sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf
seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie,
wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen
Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen
würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken
zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber
gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war.
Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten
von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend
jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen
suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis
mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine
glückliche Stille führe, -- und wenn er dann endlich zu ihr herübersah,
da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ
ihre Spannung etwas nach.
Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine
Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu
empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all
seinen Schimmer für ihn zu verlieren.
Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber
hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken
daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte,
hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst,
wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu
einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! -- Du reist morgen? Elfriede
erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo
anders? -- Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. -- Siehst
du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. -- Sie stand vor ihm, hob die
Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. -- Oder ist es dir doch
gleichgültig? -- Sie sah ihm fast flehend in die Augen. -- Es war als
käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar,
zweifelnd, grübelnd, und er blieb. -- Aber ihre Gegenwart bedrückte,
beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt
zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags
zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so
schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei.
Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und
interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die
sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher
unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und
Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte
geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue
Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig
oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich
als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas
vorsichtiger um. -- Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte
Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas
Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte
und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und
einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten,
muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein
Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. --
Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen
hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar
nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen
Augen stand sie da -- er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen --
und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten
ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte,
und das ihm so gut gefallen habe. -- Im selben Augenblick, wo sie so
unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte
sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein
Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in
seinem Zimmer das Fenster schließen. -- Sie dachte: das können doch auch
die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel,
schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus,
zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne
Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam
nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie
horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis
vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem
sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand
bewegungslos und fragend auf der Schwelle.
Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete
Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen
Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr
gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. -- Ach so!
rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel
vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst
gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. -- Sie hatte die
Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und
ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse
Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf
halbem Wege stehen. -- Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu
sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von
allen war. -- Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen
Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte
es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach
sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da
lösten sich ihre Tränen.
O, du quälst mich so! -- -- diese Worte schienen das Zimmer noch zu
füllen, nachdem sie längst verklungen waren. --
O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte,
wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz
umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn
nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles
um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.
In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum
erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal
empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen
gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum
erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl,
beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker.
Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner
Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger
Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder,
die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe
Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe
gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen
wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es
anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine
runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich
im Gehirne bilden -- -- -- und dann war er wieder in der Wirklichkeit
und fühlte Elfriedes Körper.
Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach
noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien
mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele
stand. -- Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er
es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu
sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte:
Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? -- Jetzt?! fragte sie
verständnislos, mit großen Augen. -- Er schwieg wieder. -- Was soll nun
werden? fragte sie endlich tonlos. -- Ich reise ab. -- Das Blut lief ihr
zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier
bleiben.
Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm
zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach,
widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last
wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte,
und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe
verband. --
Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor
ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er
nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese
armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick
nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die
Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden
Druck.
Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für
einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen,
es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm
vorbei und verließ das Zimmer.
Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der
Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte
sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van
Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.
Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das
Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen
bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. -- Aber dann tat
sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die
Treppe hinauf. -- Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da
sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war,
sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett
gegangen; sie lasse niemand herein. -- Auch mich nicht? -- Nein. --
Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene
Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. --
Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig
allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die
Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war
einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte
sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau
van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. --
Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und
sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen.
-- Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. --
Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr
sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere
Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. -- Sie
ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte
Photographien. -- Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser
Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! -- Pitt sah zerstreut
seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen
weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein
einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in
ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in
ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo
selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem
fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein!
-- Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien
an. -- Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du
Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein
Vater aus Italien mitgebracht hat. -- Harald holte sie und betrachtete
die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen,
reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo
aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten
schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. -- Er geriet
in immer größeren Eifer. -- _Möchtest_ du einmal nach Italien? fragte
Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas
fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. -- Ich würde
dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine
Erziehung sehr erfreulich. -- Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr
Knie. -- Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen
ziehen lassen kann. -- Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich
dachte du meintest gleich! -- Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine
Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir
ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in
Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem _er_
gerne reisen würde. -- Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob
der gerade vom Himmel gefallen wäre. -- Der wird sich wohl bedanken und
lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. -- Hierauf
schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun
blieb, war Sache Haralds. -- Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt,
worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war
-- er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. -- Ich muß nach
Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine
Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief
bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! -- Das ist nicht
wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und
ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. -- All
die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.
Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück,
blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand
etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber
sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht
ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter
sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich
schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden
drohte, -- dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück
ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.
Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte,
dankbar und voll Traurigkeit. -- Der Wagen rollte davon, Frau van Loo
wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie
Elfriede ein.
Viertes Kapitel.
Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten
Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem
sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich
gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren,
untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den
großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase
zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des
Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an
die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre
wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr
in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm
nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas
schüchternen Blick über ihn hingehen.
Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint
auch da zu sein; zwar -- wenn die denkt, ich würde irgend etwas
unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind --
also: unantastbar, -- aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein
herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!
Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert
hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter,
sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.
O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der
Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und
begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. --
Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich
vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch
versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich
nur um deine Seminararbeiten! --
Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch
größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte
ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn
möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie
Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter
ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte
entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das
unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es
die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im
übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht
unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! --
Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich
erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des
Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten,
aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte.
Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision
zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden.
Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus
seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere
Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.
Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie
auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus
gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu
denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen
denken, das ist doch viel einfacher!
Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich
ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann
dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz
lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war
ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die
andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht
gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn
Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt
antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und
vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich
endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu
machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag
nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen
japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den
Namen »das Angßangbel«.
Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen
Zimmern möglichst wenig zu tun haben. -- Und deine Bücher? fragte Fox.
Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in
Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in
einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen;
er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr
wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran.
Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß
er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.