Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener

Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein

weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen

haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als

wir das letztemal zur Stadt fuhren. -- Sie sah scharf hinauf: Da oben

bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne

fort, und manchmal sind sie da! -- In diesem Augenblick schoß dort oben

ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen

Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien,

als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede

überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen

hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr

herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche

Herausforderung klang. -- Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte

doch noch auf seiner Schule sein! -- Der Wagen erreichte langsam die

volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die

geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein

halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte

Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. -- Wer ist denn _das_?

fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. -- Elfriede! sagte Frau van

Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und

zeige ihm sein Zimmer. -- Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig,

aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser;

sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich

angerichtet werde. -- Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen

Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt

waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle,

und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen

Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei.

Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. --

Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem

eingerichtet war. -- Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange,

schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen!

-- Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre

Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. -- Du bist so gut! sagte er

und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie

traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel

ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in

den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von

ihrer Schulter. -- Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. --

Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte

und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch

ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie

fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten

wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.

Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank

gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ,

auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der

Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist,

magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine

vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.

Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch:

Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie

sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben

habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch,

dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen?

-- Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte,

und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre

ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du

doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! -- daß sie ihm schließlich alles

erzählte. -- Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher?

-- Sie sah ihn verwundert an. -- Du liebst ihn doch natürlich. -- Sie

wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten

gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und

wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins

Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach

habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf

der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas

Wundervolles! -- Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. --

Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! -- Das Hündlein

nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust,

er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er

küßte es auf die Schnauze. -- Wenn das die Komtesse sähe! -- Mit der

Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich,

denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.

Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten.

Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden

und hatte wie im Fieber gelegen. -- Das macht der Unterschied der Luft!

sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! -- und reichte ihm

noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.

Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah

auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh

taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das

soll ich nun viele Wochen aushalten?

Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger

Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt

waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier

keinen einzigen Tag verbracht.

Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte

ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei

sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede

dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte

sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg

und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine

Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause

zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er

in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn

er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle

Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille

sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie

wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man

habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem

Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei.

-- Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht

beirren. -- Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng

zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel

deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer

kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in

übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt

blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von

vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen

Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig,

sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in

der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den

Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in

grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß

er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen

Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu

einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern

zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht,

wenn er die Rede auf Hedwig brachte. --

Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein

sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß

sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich

die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig

nachhelfen konnte. -- Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen,

über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die

schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der

Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs

Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie

mit ihm durch den Garten. -- Sie glaubte sich und ihn schon gerettet,

als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch

gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell,

schnell, dann findet sie uns nicht! -- So ist dieser Spaziergang wieder

nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald

wünschte. -- Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe,

von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über

seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein

dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen.

Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem

dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem

schwarzen Kleide. -- Wie sie geschnürt ist, -- wie eine Rübe! sagte er,

und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es

geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu

ist sie so abscheulich! -- In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt

sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand

sie langsam. -- Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf

wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich

finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! -- So saßen sie

nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe,

er könne plötzlich doch aufstehen. -- Was ist das eigentlich für ein

Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. -- Ach ich weiß

es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung;

vielleicht ist es ein Weidenbusch -- nein, es sind Haselnüsse. Dann

schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich

aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst

erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus,

dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß

und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus -- und trat ins Freie. -- Was

ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich,

ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; -- du sahst mich

eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! -- Wir wollen nach

Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte

sie auseinander, so stark, daß sie knackten. -- Harald fand das

langweilig. -- Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt

mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. -- Wirklich schritt sie

allein den Pfad hinauf. -- Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute

zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete

immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. -- Weshalb hatte sie das

gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte

sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich

begann sie zu laufen. -- Frau van Loo trat ins Musikzimmer. -- Elfriede,

sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr

Pitt? -- Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit

frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden -- ich habe

sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen

ihre Finger wieder in die Tasten. -- Was spielst du da eigentlich? Es

kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! -- Ich mache

einen Marsch draus! Es klingt famos!! -- Frau van Loo verließ das Zimmer

wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast

mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann

regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage

kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies

eigentlich für ein Gebüsch? -- Je mehr sie von dieser sinnlosen

Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie

hinein; es war fast blödsinnig.

Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. -- Ich

möchte dir gerne etwas sagen. -- Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel

unterbrechen solle. -- Sprich nur, ich höre schon. -- Sie wartete wieder

eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den

Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich

einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. -- Elfriede stieß den Deckel

wieder auf. Was willst du denn? -- Was ich will? Kannst du dir das nicht

denken? -- Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. -- Dann

will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort

darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt.

-- Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. -- Es handelt sich nur um den

einen. -- Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von

jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! -- Ich rede von den

Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art,

sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er

stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich

will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch

andere Leute angesteckt. -- Wer sind die andern Leute? -- Du und Harald!

Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles

ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene

Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln -- denkt ihr denn ich sehe das alles

nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere

Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln,

nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter,

der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu

flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu

überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will:

Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch

einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr

versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze

über mich. Und »Herr Pitt« ist der Anführer. -- Das ist nicht wahr! rief

Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! -- Um so schlimmer! Soweit habt

ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz

anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt

aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein

Geist -- wenn ich es überhaupt so nennen soll -- der ihm ganz fremd ist.

Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen »losen Vogel«; er will

antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt.

Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf:

Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht,

woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein?

Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und

abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm

vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. -- Pitt ist niemals albern

oder abgeschmackt! rief Elfriede. -- Das wundert mich nicht von dir zu

hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen

läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du

sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn

blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar

in den Bewegungen ähnlich -- sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um

mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein

durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens

durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. -- Elfriede war

blaß geworden und ihre Lippen zitterten. -- Was du da sagst, rief sie,

sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb

habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! --

Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. -- Ich

gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in

deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! --

Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich.

-- Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es

empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt,

der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. --

Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie

vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und

lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen

Pitt liebe? -- Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze

Vorausgegangene mit. -- Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er

noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei,

drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle

Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger

bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch

nicht in ihn verliebt ist, -- die Unterschiede sind übrigens zuweilen

fast unkenntlich -- aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. --

Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die »Gefahr«, wie du es nennst,

vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit

vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird -- wie ich ihn

auffasse -- seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer

Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die

Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein

genügend deutlicher Fingerzeig. -- Zwei Dinge, sagte Frau van Loo,

können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz

Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.

Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles

nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen.

Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß

Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen

Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest,

sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er

darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um

sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie

sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so

erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß

denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und

Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen

wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.

Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach,

sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen

von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer

solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt,

abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß

zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit

vorher.

Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben,

Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber

wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles

und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie

unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er

verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? _Ich_ finde dieses

furchtbar dumm. -- Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte

er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann

ging er enttäuscht hinaus. -- Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie

mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran

herzlos ist. --

Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets

zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre

Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben.

Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter

zu folgen.

Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still

seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne

mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer

Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde.

Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den

abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues

Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich

unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe

Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und

schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und

begann zu leiden. -- Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er

zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche

Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal

allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu

sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie

auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf

etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber

hatte. --

Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein

Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich

im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz

unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der

anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte

trotzdem ihren Wandel.

Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und

Elfriede. -- Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie

deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er

wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er

sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als

er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche

machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine

Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich

selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich

für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut

-- worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte -- und dann ging

er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben;

dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn

seinem Vater schreiben wollen!? --

Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch

mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede

ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit

rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger

blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede

sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben?

Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? -- Die Ausflüsse solcher

Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und

plötzlich ging er wieder.

Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die

schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! -- Er log, er

habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. --

Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein

wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag

abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette.

Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum

Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den

Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch

progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß

Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. --

Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander;

sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise

täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer

erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll

innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. --

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 5 / 27 段