fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal
sicher! -- Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein
Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen.
-- Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. -- Üblich oder nicht:
Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche.
-- Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem
Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das
Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr
verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere
haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort
wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es
zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der
die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. --
Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich
nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich
dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. -- Ach Gott, schmeckt das
mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum
zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich _auch_ noch? --
Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er
zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er
einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns
hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine
Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr »süßes
kleines Händchen« küssen. -- Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich,
man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der
Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne
seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem
Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. -- Sie
starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie
unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. -- Herr
Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede
und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder
rumkriege! -- Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas
und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? -- Wieso? fragte
sie mißtrauisch. -- Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als
Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber
wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die
Sache reden. -- Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern
und sagte nur: O bitte. -- Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie
grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er
bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben
wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er
wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie
dachte -- nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht
so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung
über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und
daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte -- mein Gott, ein bißchen
plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser
Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte
ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann -- ein Wort! -- Was
verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke
neugierig. -- Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit
Genugtuung. -- Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie
flehend an. -- Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden
sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht
gedacht. -- Sie trank den Rest aus ihrem Glase. -- Na, so bald ist es
hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. -- Sie wollte gerade
antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel.
-- Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht --
noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn
sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes
Gesicht. -- Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze
Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles
sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube
sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem
Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und
sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich
verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater,
aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich
rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht
helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er'n
nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal
gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden
die soviel, es hilft ja nichts, -- sie wird ja _doch_ enthauptet. -- Das
verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs
rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler
der Lüfte, -- da weine ich jedesmal meine Naht 'runter! Wird in Ihrem
Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. --
Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell -- das wird alles bei uns gegeben! --
Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich
darauf, im schwarzen Seidenkleide. -- Du darfst uns dann mal besuchen!
wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich,
obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal
so zu ihm, als ob sie -- als ob er -- er wußte selber nicht wie. -- Und
die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon
gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch
jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an
Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und
sauber in Ihrem Hause wird! -- Das wäre sehr zu wünschen! -- Dann wäre
es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! -- Ja, offen
gestanden: lieber heut als morgen. -- Aber Sie drolliger Mann, weshalb
lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! -- Elfriede
erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen.
-- Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch
getreten war, hörte, wie sein Sohn -- der dieses selbst nicht wußte --
in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die
beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir
auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel
Mühe zu geben brauchen. -- Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit
genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. -- Das ist ja aber
jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht
gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu,
als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. -- Ich _muß_ leider gehen!
sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn
Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie
wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später
zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie
sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert
an und pries seine »gentile Großmut«, während Herr Könnecke rot wurde
und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend
und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts
half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von
Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen!
-- Und _Sie_ wurden von _mir_ mitgenommen, das kommt doch auf eins
heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke
über die Situation hinweghelfen. -- Nun war Herr Könnecke eisern in
seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen.
Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen
und nahm Abschied. -- Schreiben Sie mir nun recht bald so einen
richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und
überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? -- In dem gutmütigen Herrn
Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine
Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich!
sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur
einen Scherz mit dir gemacht hat?! -- Fräulein Nippe fühlte etwas
Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir
erlaubt? -- Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen
schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. -- Sie würgte an ihrer
Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen,
rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre
intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? -- Ein andermal, ein
andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann _noch_
intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann
wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie,
und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine
irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in
ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund
sah -- hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen
wollte? Was konnte _er_ ihr denn bieten? --
Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er
dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in
Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl
wieder einstellen würde. -- Kann man dich auch so allein gehen lassen?
fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich
denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause,
Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem
Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder
zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend
durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. --
Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank.
Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. -- Hatte ich
Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden
würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt
vor; es kann ja auch kaum anders sein. -- Ihr war, als erwache sie aus
einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was
sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch
unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück,
ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es
ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er
allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie
kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.
Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und
dunkel um sie war.
Drittes Kapitel.
Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran,
Elfriede wurde traurig. -- Ich komme ja in ein paar Monaten wieder!
meinte er. -- Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und
sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.
Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten
noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein
drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein
soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte
Elfriede undiszipliniert. --
Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! -- Dieser
einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und
hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so
brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie
gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos
zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. --
Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie
erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten
Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem
Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. --
Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane:
Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten
sie von Dauer sein. Du übersiehst -- so sagte sie zu ihrer Mutter -- was
ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit,
daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar
nicht so unbedachtsam handeln. -- Hältst du mich eigentlich für dumm?
war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone,
der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber
Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten,
daß sie sich verliebe. --
Pitt wußte von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die
Tatsache. Aber da darüber Tage hingingen, ahnte er doch den
Zusammenhang. -- Er lächelte für sich, denn unwillkürlich dachte er all
die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. -- Wenn
das Verlieben etwas so Stilles, Gemütliches war wie er es selbst
empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darüber aufzuregen. --
Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen!
sagte Hedwig, ich finde dies stillos. -- Aber Frau van Loo meinte, es
sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der
Familie zu verleugnen.
Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Könnecke bei Pitt, um
sich zu verabschieden. Pitt hatte den größten Teil seiner Sachen
zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er
wiederkäme. Auf diesem Haufen saß er, als Herr Könnecke eintrat. Der war
gerührt, was Pitt mit Erstaunen sah. -- Wir haben noch nie im Leben
einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag
ich es viel lieber als früher, und denke, Sie müßten nun immer drin
wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! -- Worin das liegen sollte,
wußte Pitt nicht, aber wie Herr Könnecke nun treuherzig seine Hand
schüttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und
Hafenruhe. Doch als Herr Könnecke ihn verlassen hatte, dachte er
sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurückgehe? Habe
ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? --
Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß
er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist
eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage
fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese
fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag --
lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue
Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts
zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will
-- -- Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem
Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie
auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es
denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! --
Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu
verschnallen, -- Sie werden zudringlich. -- Fräulein Nippe wich ein
wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb
hinausgeworfen. -- Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte
mehr überlegen! _Ich_ verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre
Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will.
Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot,
nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu
warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso
dort in der Nähe vorbei führt? --
Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich
das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas
Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick
lachte er über sich selbst. --
Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte
einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von
ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf
öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas
Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie
überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich
Langweiliges zu ersparen.
Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was
sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich
glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich
aufleben und die Natur genießen würde. Und daß _sie_ ihm dazu verhalf,
das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen
tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau
die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm
ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden
konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn
nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es
nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und
gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so
unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große
und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar
nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr
nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er
ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben
erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel
wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob
sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie
ebenso glücklich gemacht haben würde. -- Was denkst du? fragte Elfriede
endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so
nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. -- Er errötete fast wie wenn er
ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und
als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen,
war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. -- Frau
van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch
Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche
auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete,
dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. --
Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal
aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. -- Ach wären wir doch
wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland
friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal
verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. -- Aber
Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. -- Das ist ganz gleich; er
kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der
einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure
Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die
Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf
Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu
Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. --
Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation.
Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden
Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo
sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher
geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. -- Hedwig hatte
ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten
mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein,
das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an
dem andern emporzuspringen suchte.
Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein
immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel
verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich
heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen
es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre
Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu
fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem
kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich
in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen
vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends.
Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis
vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das
Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die
fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. --
Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen.
Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt
seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. -- Mit
seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend
als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen -- ist es nicht
töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? -- Elfriede fragte sich
vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte
sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz
etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen
der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem
sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten
Schimmer der Nacht. -- Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen,
um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. -- Fünf Minuten! sagte Pitt nach
kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald
hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte,
schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf,
es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. --
Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um
ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden
sich noch wundern. -- Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine
Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen
rüttelte weiter in die Tiefe. -- Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort,
auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er
hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man
sie schon kennt. -- Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund,
jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um
sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen
waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu
beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen,
ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.