Frau van Loo empfing ihn: Gut, daß Sie kommen! Hören Sie! Elfriede übt

ihre Etüde eben zum siebenundzwanzigstenmal, und darin kommt ein Akkord

vor -- im selben Augenblick hörte man einen schrillen Klang -- sie hielt

die Hände an die Ohren und fragte dann: ist er noch da? -- Darauf ging

sie langsam zur Tür, rollte sie auf und rief Elfriede zu, sie habe

Besuch. -- Ja! antwortete sie, und ihre Stimme klang ganz abwesend. Frau

van Loo zog sich zurück. -- -- Pitt ging auf sie zu und faßte ihre

beiden Hände. -- Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt. Er wollte mit

ihr spazierengehen -- nur eine einzige Stunde! -- Elfriede hörte kaum

zu; mit geröteten Backen saß sie da, ihre Gedanken irrten fortwährend zu

ihrer Etüde zurück. -- Auf keinen Fall! sagte sie, o, ich bin in so

herrlicher Stimmung zum Arbeiten, -- und ich kriege es auch noch, fügte

sie, schon wieder abgelenkt, hinzu. -- Sie sollen aber mit mir gehen!

sagte Pitt heftig, ich halte es einfach nicht mehr aus! Und wenn Sie

jetzt nein sagen, komme ich nie wieder zu Ihnen, denn dann sehe ich, daß

Ihnen meine Freundschaft gar nichts wert ist. -- Elfriede sah ihn ganz

erstaunt an: War dies Pitt Sintrup, der so heftig reden konnte? Fast wie

selbstverständlich gab sie nun ihre Einwilligung, und jetzt erst fiel

ihr ein, daß wohl alles mit seinem Vater zusammenhänge. -- Frau van Loo

war sehr zufrieden, als sie hörte, Elfriede wolle gehen. Sie hatte sich,

wirklich erschöpft durch die Töne, zum Ruhen hingelegt; wohlig schaute

sie aus ihren weichen Decken und Fellen heraus, mit ihrem

silberglänzenden, vollen Haar und den schön geformten, großen

Wangenflächen, auf denen sich zwei kleine Grübchen bildeten, als sie,

ohne ihre Haltung zu verändern, die Augen zu Elfriede gehen ließ und

sagte: Weißt du, was ich gerade in aller Schnelligkeit geträumt habe?:

Harald sei da und setzte mir einen Kranz von Kirschen auf den Kopf.

Harald hat doch zu hübsche Ideen! -- Als Pitt und Elfriede das Haus

verlassen hatten, ging sie, nachdem sie genug geruht, in das

Musikzimmer. Und als es später zu dunkeln begann, erleuchtete sie den

ganzen Saal, um sich einzubilden, Elfriede übe. Das war viel angenehmer

als sie wirklich üben zu hören.

Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das

Gewölk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes

Hellblau geworden, so tief, daß man endlos weit hineinschauen konnte,

und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten,

Vögel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten

immer in die höchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen,

obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die

Sonne nur am Abend, und von allen Bäumen liebte er nur die Pappeln, mit

ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren Ästen, diese Bäume, deren

Anschauen weit weg führt von den Menschen und von allem, was mit der

Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schönen Stimmung. --

Wenn das Leben immer so wäre wie in diesem Augenblick, sagte er nach

einem Schweigen, wie wundervoll wäre das; aber man darf es nicht

aussprechen: sogleich wird alles trivial. -- Wenn ich Sie so reden höre,

antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schön, so

etwas auszusprechen; wäre man immer stumm, so würde der andere niemals

wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus!

Es tut mir doch wohl, zu fühlen, wenn ich einem andern wohltue. -- Sie

schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem,

langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wären. -- Wissen

Sie, sagte er nach einer Weile, daß mein Vater auf den Gedanken kam, Sie

für heute abend einzuladen? -- Sie war zunächst überrascht, dann aber

sagte sie mit einem Entschluß: ich gehe mit. -- Er nahm dies anfänglich

als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es muß mich doch

interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz

egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause würde sie

telephonieren -- sprach sie weiter -- sie gehe ins Theater -- so sehr

lange würde das Zusammensein doch nicht währen -- morgen früh oder ein

andermal würde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht

mehr so schlimm wäre. -- Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so

gern mögen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! -- Erst recht, wenn ich

den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fügte sich. -- Als es endlich

Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie über dem Reden stehen

blieben und langsam umkehrten, warf sich plötzlich ein kleines, weißes,

lebendiges Paket gegen Elfriedes Körper. Es war das Hündlein, welches

sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wußte, daß es

eigentlich zu Hause bleiben müsse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso

heim und es könne sich somit durch sein plötzliches Zuerkennengeben

nichts mehr zerstören. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen

Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine

Schildwache, den Rücken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund,

hob die Pfoten und blickte vernünftig drein aus seinen rötlich

umränderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht

genügend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es

völlig, lachte und stieß es leicht vorwärts. Es schnellte bis zur

nächsten Straßenecke, blieb dann stehen, da es nicht wußte, ob man sich

nach links oder geradeaus wenden würde, kam wieder zurück, bewegte

ausnehmend läppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den

Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt,

führt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt,

kennt keine Konflikte; Wollen, Fühlen, Handeln, alles ist wie ein

einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivität!

Haben gnädiges Fräulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprößling meines

armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrüßung

die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle

Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darüber, wie

angemessen der Ausdruck sei, in Rücksicht der »Weltfirma« der van Loos.

-- Elfriede hätte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr

dieser Mann vor, der in so untertänigem, devotem Tone zu ihr sprach.

Dies war Pitts Vater?! Er ließ seine Augen voll und biedermännisch auf

ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu

verändern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das

geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch

Herr Könnecke! Jawohl, rief Pitt, und Fräulein Nippe wird auch noch

erwartet! -- Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz

schlichtes, einfaches Souper -- und läutete dem Kellner, noch ein Gedeck

mehr aufzutragen. Herr Könnecke, der sich bescheiden zur Gardine

zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab -- er war

bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen

geraten -- und begrüßte Elfriede mit einem kavaliermäßigen Bückling.

Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschärft, sich möglichst

weltmännisch zu benehmen und »das schwere Brot der Schule hinter sich zu

werfen«. -- Und gnädiges Fräulein sind so vielseitig talentiert, wie mir

Herr Könnecke mitteilte? Haben Interesse für Mathematik, für Kunst und

Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie

hierüber in ein Gespräch fest. Herr Könnecke, eingedenk der Ermahnungen

seiner Cousine, wartete immer darauf, daß er auch ein Wort in die

Unterhaltung einwerfen könne, fand den Moment aber nie, ähnlich einem

alten Herrn, der noch gern Karussell fahren möchte, das Ding schon in

Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie

vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschließt, wenn es schon zu

spät ist, und nun warten muß bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt

ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, wandte er sich möglichst unbemerkt

zur Seite und sprach zu dem Hündchen ein freundliches Wort. Es kam auch

sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergnügt sein

Stummelschwänzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen

in die Höhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten

fortzudrängen. Es ließ sich jedoch nicht beirren, und schlug schließlich

mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, daß ihm Angst wurde.

Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, -- aber seine

Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich -- es sah

niemand hin zu ihm -- packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja

schließlich doch nur ein Hund! -- leicht im Genick und gab ihm, selbst

erschrocken über seine Kühnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur

Seite. Das Hündchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Könnecke erhob

sich rasch, trat möglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht

wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die gründlichste; ich

meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert -- --

er wußte nicht weiter. -- Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede,

die ihm helfen wollte. -- Die kommt bald! sagte Herr Könnecke lebhaft,

so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei

erst jetzt der eigentliche Gesprächsstoff erreicht. Und als ob seine

Worte eine Beschwörungsformel gewesen wären, die Fräulein Nippe bei den

Haaren gepackt, durch die Straßen geschleift und vor der Tür abgesetzt

hätte, öffnete sich diese, und Fräulein Nippe, mit etwas zerzauster

Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Fülle von

Blumen. Sie sah lächelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht,

wen sie zuerst aus ihrem Füllhorn überschütten solle, entdeckte

Elfriede, ließ sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine

Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls

eine gewählt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und

sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederließ.

Der Diener meldete, das Essen sei bereit. -- Mit den Blumen, sagte Herr

Könnecke, wollen wir die Tafel schmücken, das macht man immer so in

feinen Häusern! -- Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte

ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Fräulein Nippe

überwand schnell eine kleine Enttäuschung und näherte sich Pitt. Der

blickte zurück auf Herrn Könnecke, der mit seinen Blumen bepackt

dastand. Gewinnend lächelnd sah sie ihn an, und -- hast du nicht

gesehen! -- fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Könnecke folgte, das

Hündlein machte den Beschluß, zerstreut die Ohren hängen lassend, bis

ihm plötzlich einfiel, daß es zu Elfriede gehöre. Es jagte hinterher,

witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, schoß an ihr vorbei und

gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mußte sich dann

aber bescheiden zu Elfriedes Füßen setzen. -- Ist das aber mal ein

schönes Zimmer! sagte Herr Könnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede

meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewöhnt sein. Seine

hochzeremonielle Anrede vergaß er nach und nach.

Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum -- Herrn Sintrups Bemerkungen

enthielten vorläufig fast ausschließlich diesen Kern, verhüllter oder

nackter -- irritierten Elfriede allmählich, nachdem sie zuerst innerlich

gelacht hatte. Fast unbewußt sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt

hinüber, der sich begnügte ein spöttisches Gesicht zu machen. --

Fräulein Nippe bedauerte, daß die Suppe schon in den Tellern stand; sie

hätte sie so gerne aufgefüllt! Sie ließ ihre Augen kontrollierend über

die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und

wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der

jetzt lebhaft zu Elfriede über Knallbonbons redete: die müßten an einem

Weihnachtsbaum hängen, er selbst habe sich seinerzeit unter

Knallbonbonsschüssen verlobt -- verstand halb ihr Wort und ihre

Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und

warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschäftige

du doch diese Dame! Das Hündlein, das hervorgekommen war, mußte sich

wieder zurückziehen. Fräulein Nippe fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und

doch: wie echt männlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich,

heute früh war Herr Sintrup etwas liebenswürdiger gewesen; das war aber

ganz natürlich! Jetzt saß eben eine Jüngere an seiner Seite, und da

folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos

war, daß sie bei ihm Hausdame werden könnte?!

Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gespräch zu kommen, und wandte

sich an Pitt, mit dem Herr Könnecke eine Unterhaltung führte über

Stunden im allgemeinen und im besondern. -- Was ist dies für ein Fisch?

fragte sie und deutete auf das viereckige grauhäutige Stück auf ihrem

Teller. Pitt überhörte dies, aber sie faßte ihn am Ärmel. -- Das ist

eine Forelle! -- Wie interessant! Sie nickte zartfühlend, als habe er

ihr etwas Diskretes mitgeteilt. -- Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten

aus seinem Gespräch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal,

daß du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu

Hause gegessen, und Forellen womöglich noch öfter? Er erklärte den Namen

Steinbutt und forderte Fräulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da

fände sie die Steine drin. Fräulein Nippe fand sie wirklich, war aber im

Zweifel, ob das nicht eine neue Irreführung sei, und äußerte sich nicht

weiter. Herr Könnecke aber erzählte eine Geschichte: wie er als Junge

einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der

gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber

das Tier hätte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so

erbarmungswürdig angesehen, daß er es schnell in die Freiheit

zurücksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, daß er eine

Tierquälerei beging. -- Fräulein Nippe fand diese Erzählung

uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darüber zu

debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger sänge oder aus Liebe. Sie

glaube nun und nimmer, daß sie des Hungers wegen sänge -- dann würde sie

doch einfach fressen. -- Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch

ein, der immer nur auf das hörte, was sein Vater sprach. -- Liebe ist

allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tüchtigen Schluck Wein. Und

dann redete sie von den schwülen Sommernächten, in denen man sich

ruhelos auf seinem Lager wälze, so daß das Bettuch am nächsten Morgen

ganz zerknüllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die

Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines

bengalischen Lichtes betrachtet!

Selma kucke mal! sagte Herr Könnecke und hob seine Roastbeefscheibe an

der Gabel hoch. -- Was willst du denn? -- Nichts, ich freue mich nur. --

Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, daß während wir hier

schwelgen, Tausende von Menschen hungern -- und sie führte dies des

weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drückt Sie ein

Kummer? Mir können Sie ihn erzählen, es gibt doch nichts Größeres als

einen Menschen aufzurichten! -- Können Sie schweigen? -- Vollkommen!! --

Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! -- Fräulein Nippe durchfuhr es

unbehaglich. Aber vielleicht mußte er sich erst sammeln für seine

Geschichte? -- --

Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleißig zugesprochen, war sehr

lebhaft geworden, erzählte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten

Hotels, in denen er je abgestiegen war; überall dienerten die Portiers

schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er

zählte die besten Weine auf und betonte, daß auch in seinem Hause gut

gelebt würde, wenn er es sich auch nicht gestatten könne, so wie die

Großherrn der Hansastädte Feste zu geben, die gleich in die Tausende

gingen. Aber hoch in die Hunderte -- so log er -- ist es bei uns auch

schon oft gegangen. Er ließ sich in seinen Übertreibungen immer freieren

Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es

gern gesehen hätte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig

teilgenommen, und sich darauf beschränkt, mit anscheinender Kindlichkeit

seinen Vater öfter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann

Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und ärgerte sich

dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehört, um

seinen Vater richtig zu beurteilen, beschloß er, ihn gleichsam in der

Idee seines Wesens ihr vorzuführen: Anstatt ihn zurückzuhalten, spornte

er ihn möglichst an, sich selbst zu überbieten, und um ihm dies noch zu

erleichtern, begann er, erst leise, dann stärker, seine Bewegungen,

seinen Tonfall nachzuahmen, schließlich kopierte er ihn geradezu in

seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit

unverfrorener Miene stellte er die gröbsten Behauptungen über das Leben

zu Hause auf, und Herr Sintrup bekräftigte dann jedesmal seine Worte, so

wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden

derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten

Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt.

Endlich, so dachte er, fängt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich

hinaus will. -- Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er

nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, daß sie ihn kaum mehr

erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich -- dessen Sohn er

doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand

zwiespältig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte

sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner

etwas zurief, flüsterte sie ihm zu: Pitt, ich _kann_ dies Wesen nicht

länger ertragen! -- Und wie Herr Sintrup seine Sätze wieder aufnahm,

wandte sie sich an Herrn Könnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu

erklären, die sie für ihn zu lösen hatte. Herr Könnecke zog seinen

Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen,

die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup riß

ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinüber, um

mitzulernen, wie er sagte, während Elfriede ein wenig zur Seite wich.

Herr Könnecke wurde sehr gründlich, und seine Stimme war genau so wie in

der Schule. -- Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe

nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. -- Das

Quadrat sitzt hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf eine Linie. --

So? na, gut, daß man das weiß; _ich_ sehe es immer noch nicht! -- Es ist

auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Könnecke. -- Wer

zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun

lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? -- Herr

Könnecke sah ihm starr in die Augen: Da _muß_ aber ein Quadrat sitzen!

sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. --

Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen

Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat

und der gleich darauf ins Zimmer tritt. -- Das ist ein schöner Beweis!

rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz über die Linie und sagte: ist es nun

da oder nicht?! -- Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem

er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. -- Ein jeder hat sein

Kreuz zu tragen! seufzte Fräulein Nippe, und wenn man meine alle sähe --

ich sähe aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herüber und

dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das

eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! --

Herr Könnecke runzelte die Stirn. In der Schule würde er jetzt gesagt

haben: Och bitte wollt Ihr nicht gefälligst ruhig sein! -- Dann dämpfte

er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch

andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und überhörte Herrn

Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort »Quadrat«

immer durch das Wort »Kreuz« zu verbessern, oder zu »durchkreuzen«, wie

er sagte. --

Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schön mit ihr im

Gange, und Pitt ist doch ein prächtiger Junge! -- Er sann über einen

neuen Witz nach, fand aber keinen, fühlte sich infolgedessen, unbeachtet

wie er war, plötzlich auf einem allgemeinen öden Nullpunkt, trommelte

mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.

Fräulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt für gekommen, sich Herrn

Sintrup zu nähern.

Für uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb

konstatierenden, halb leise überredenden Tone gleichgestimmter Seelen:

Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen können, und Sie als

Kaufmann haben weiß Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken.

Haben Sie mehrere Söhne? -- Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. --

Ist er ebenfalls -- wird er auch studieren? -- Höchstwahrscheinlich!

sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschäftsmäßigen Ton; aber

Fräulein Nippe hörte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn

ein Vater sein großes, blühendes Geschäft immer weiter ausgestaltet, und

sich am Ende sagen muß: Für wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch

alles in fremde Hände über. -- Sehr vernünftig, wirklich vernünftig! --

Dann wird Ihr großes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort

sind; oder haben Sie noch Töchter? -- Nee; -- ja ein bißchen öde wird es

wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto

dreieinhalb Jahren. -- Ach! -- Fräulein Nippe machte ein tief

bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie plötzlich viele

Stufen mit einem Male übersprungen. -- Ja, sagte sie, und dann ein

ganzes, großes Hauswesen führen, das strengt an; zumal wenn keine

Töchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen,

um die Frau Gemahlin zu entlasten. -- Das kann ich ja auch mal, wenn es

nötig ist, das ist doch furchtbar einfach. -- So furchtbar einfach ist

das nicht! meinte Fräulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre

Herzensbildung gehört dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich

habe selbst einmal länger einen Haushalt geführt. Wie war der vorher

verwahrlost, durch gemütsrohe Damen, die vor mir da waren! --

Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten

wollen, um später, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei

schoß ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr,

steckte sie aber beruhigt wieder ein. -- Nein, nein, sagte er, mir

genügt schon, wenn die Person keine silbernen Löffel stiehlt. --

Fräulein Nippe fuhr ein klein wenig zurück, als wolle sie einem

Stäubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorüberflöge. Und Herr Sintrup

redete weiter: Brauche bloß zu annoncieren, am nächsten Morgen steht der

ganze Vorplatz voll. -- Ja, aber ich meine doch -- Fräulein Nippe

stockte. -- _Was_ meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 3 / 27 段