Sie stand einen Augenblick mit Pitt allein im Wohnzimmer, während Frau

van Loo mit Hedwig zurückblieb. -- In Elfriedens Gesicht waren immer

noch Spuren von dem harten, besonderen Ausdruck von vorhin. Wie heftig

sie für ihn Partei genommen hatte! Er betrachtete sie mit Wärme und

wartete, daß sie zuerst sprechen solle. Und doch schoß -- er wußte

selbst nicht wie das kam -- in seinem Gefühl der Dankbarkeit

zwischendurch der wunderliche Gedanke auf: Ob ihr erster Satz wohl mit

Sie oder mit ich anfängt? -- Aber Elfriede schwieg. So redete keines,

bis Frau van Loo eintrat. Jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Spaziergang!

sagte sie und trat zu ihm heran, als er sich langsam in den besten

Sessel niederließ. -- Gerade wollte ich mich da auch niederlassen!

meinte sie in einem freundlich resignierten Ton. Er stand gleich wieder

auf und sagte: Ja, es ist der bequemste Stuhl im ganzen Zimmer.

Eigentlich hatte Pitt keine rechte Lust zu erzählen, aber undeutlich

empfand er sein Benehmen als einen Mißklang zu diesem Raum und zu Frau

van Loo selbst; so überwand er sich und geriet schließlich in ein

fließendes Sprechen; und plötzlich interessierte es ihn selber, zu

erfahren, wieviel von allem in ihm haften geblieben war, und er nannte

so viel kleine Einzelheiten, daß Elfriede ganz erstaunt fragte: Ich

dachte, das hätten Sie alles überhaupt nicht wirklich gesehen und

bemerkt. -- Habe ich auch nicht, aber hier -- er deutete auf seine

Stirne -- hat sich trotzdem alles aufgespeichert. -- Dies erinnerte

Elfriede irgendwie an die Geschichte mit den Eckzähnen und dem

Geburtstag, sie erzählte beides; Frau van Loo hörte etwas skeptisch

lächelnd zu. Wollen Sie den Jungen einmal sehen? fragte sie, und bat

Elfriede den Kasten mit den Photographien zu bringen. -- Hier haben Sie

Harald als Faun verkleidet, von einer Aufführung her. Pitt sah das Bild

einen Augenblick an, fand sein eigenes inneres ziemlich bestätigt und

damit war seinem Interesse Genüge getan; denn er entdeckte Bilder von

Elfriede, die ihn weitaus mehr anzogen, und fragte, ob keine Lupe da

sei. Die übrigen Verwandten, über die sein Blick flüchtig hinging,

beurteilte er nur nach der Ähnlichkeit mit ihr selber, so daß Elfriede

sagte, er täte so, als ob sie die Stammutter des ganzen Geschlechtes

sei. -- Waren Sie einmal so sentimental? fragte er erstaunt, indem er

von einem kleinen Bilde zu ihr aufsah, auf dem ihre Augen groß und

schwärmerisch blickten, unter einer breiten, weichen Haarfrisur. -- Sie

nahm es ihm wortlos aus den Händen, riß es mitten durch und warf es ins

Kaminfeuer. -- Aber Elfriede! sagte Frau van Loo, das wonnige Bild; --

und verlangte, daß sie es wieder heraushole aus den Flammen, die es

schon verzehrt hatten, während Elfriede etwas unruhig auf Pitts Hände

sah, welches Bild von ihr sie nun gefaßt halten würden; das ist Hedwig!

sagte sie; ich würde mich nie im Trauerkostüm haben photographieren

lassen! -- Dies Bild war bald nach dem Tode ihres Vaters gemacht worden,

und Hedwig hatte es Frau van Loo zu Weihnachten geschenkt. Elfriede war

froh, daß sie nicht zugegen war. Gewiß hätte sie jetzt gesagt: Mein

Vater ist im indischen Meer gescheitert, -- mit einem Tone, als wenn sie

sagte: Nelson fiel in der Schlacht bei Trafalgar. -- Mit einem Male

klappte sie den Kasten zu: Sie haben nun genug gesehen! sagte sie in

einem plötzlichen instinktiven Impulse. --

Bald darauf erhob er sich und meinte, er müsse nun nach Hause. Frau van

Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handkuß hin, und als Pitt

begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der draußen im Vorplatz hing,

abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand

geriet, sagte sie: Sollten Sie öfter in unser Haus kommen, Herr Sintrup,

so will ich Sie etwas erziehen; Sie _scheinen_ die Mühe wert zu sein! --

Es kamen jetzt schöne, stille Wochen für ihn. Zum erstenmal in seinem

Leben fühlte er sich glücklich. Das was er gesucht hatte, schien er

gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung

verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu

studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging,

würde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmäßiger zur Universität, und

mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten

Wochen beschäftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank

gesetzt, die Rückenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze

Bemerkungen darüber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war

er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in

der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wäre als die

andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in

Beziehung auf sich selbst, er fühlte sich im Verkehr mit Elfriede

ausgefüllt. --

Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek

ganz zufällig ein philosophisches Werk in die Hände; lange Zeit las er

stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurück,

merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er

sich allmählich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt

erschien. So kam es, daß er auch philosophische Vorlesungen hörte und

die juristischen allmählich ganz vernachlässigte, ohne jedoch seinen

Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.

Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van

Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde

gewählter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein

Benehmen glättete seine etwas ungehobelte Oberfläche; allerdings gab es

darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem übrigen

zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die

geeigneten feinen Messer besaß, gerade über diese Stellen hinzugehen.

Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem

eigenen Zimmer fühlte er sich niemals wohl; dort erfaßte ihn stets die

alte Unruhe, und wie früher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von

Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu können, welche Schäden

und Mängel ihn dazu veranlaßten. -- Ihnen fehlt die Häuslichkeit! sagte

Frau van Loo; Sie müßten Menschen um sich haben, die wirklich für Sie

sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! --

Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner äußeren Existenz.

Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine völlige

Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde,

ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ob er

nicht bei ihnen selbst wohnen könne, aber sie sagte sich sogleich, daß

weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein würden. Da

leitete sie etwas ganz Besonderes ein.

* * * * *

In seinem bescheidenen Heime saß Herr Könnecke. Die Abendsuppe war

gegessen, die Kartoffeln in der Schale -- so recht locker, aufgebrochen

wie er sie liebte -- dufteten vorzüglich, das Bier schien auch noch

frischer, schäumender als sonst, und es drängte Herrn Könnecke, zu

seiner Cousine, die ihm den Haushalt führte, zu sagen: Selma, meinst du

wohl, daß reichere Leute glücklicher sind als wir? Aber er vermochte das

nicht; es nagte ihm am Herzen, daß er durch ein gutmütig gegebenes

halbes Versprechen im Begriff war, diese Häuslichkeit zu zweit zu

stören. Aber es mußte heraus. Er sog nachdenklich an seiner Zigarre, und

endlich sagte er: Selma, wie wäre es wohl, wenn wir ein Zimmer

vermieteten? -- Fehlt dir etwas an Bequemlichkeit? fragte sie dagegen;

-- meinst du, durch ein bißchen Nebenverdienst könntest du sie bekommen?

Genügt dir dein Gehalt nicht? Und das, was ich durch meiner Hände Arbeit

verdiene? O Wilhelm, ich will mich ja gerne noch mehr abarbeiten als ich

tue -- das heißt -- was tue ich denn eigentlich? Ich lebe ja wie eine

Prinzessin! Wie viele Menschen gibt es, die überhaupt nichts haben! Und

ich, ich habe doch dich, du Einziger, Geliebter! -- Herr Könnecke

errötete: Selma, wenn dich jemand so reden hörte, könnte er wirklich auf

unreine Gedanken kommen; ich weiß ja, daß du dir nichts Schlimmes dabei

denkst, aber du bist manchmal so übertrieben in deinen Ausdrücken! --

Sofort schoß die dunkle, von ihm so gefürchtete Röte auf ihre Stirn:

Wenn ich dir nahestände -- sagte sie leidenschaftlich, und ihre Augen

wurden feucht -- dann könntest du nicht so reden; jedes warme Wort von

mir würde dir wohltun. Auf Liebe habe ich ja verzichtet -- du weißt, daß

ich verlobt war und daß er starb -- aber wenn einen nun noch unsere

nächsten Angehörigen verwunden, kaltherzig sind, wenn man um ein ganz

klein wenig Wärme bittet -- sie preßte ihre Lippen zusammen und aus

ihren Augen liefen Tränen. Er erhob sich und wollte den Arm um ihre

Schulter legen, sie wehrte ab: Mitleid will ich nicht! Wenn die Liebe

nicht von Herzen kommt, wenn man einander nicht begegnet in demselben

Gefühl -- Sie riß an ihrem Taschentuch und murmelte heftig: Lieber in

die Grube fahren, Sargdeckel zu, Erde drauf, fest gestampft, gut daß sie

tot ist, fertig!! -- Es war nicht das erstemal, daß Fräulein Nippe so

redete. Herr Könnecke geriet dann jedesmal in eine hilflose

Verlegenheit, da er auch nicht das geringste darauf zu sagen wußte. Es

kam bei ihr plötzlich und fast immer dann, wenn er am wenigsten darauf

gefaßt war. -- Jetzt hustete er leise, tief und unglücklich. -- Wenn ich

nur wüßte, sagte sie nach einer Weile ruhiger, was ich noch für dich tun

kann, um dich glücklich zu machen! Ich würde ja, um andere zu beglücken,

mir das Hemd vom Leibe reißen; -- direkt vom Leibe reißen, wiederholte

sie, indem sie in eine Ecke starrte und sich selbst in dieser Tätigkeit

beschäftigt sah, aber ich frage: Was nützt das alles, wenn man nicht

einmal anerkannt wird, wenn man dafür mit Steinen beworfen wird? Und

Steine auf den nackten Körper -- setzte sie hinzu, schmerzen noch mehr

als auf den bekleideten! -- Jetzt ergriff Herr Könnecke das Wort: Er gab

zu, daß sie vom Leben hart mitgenommen wäre, er wisse, daß sie engelsgut

sei, er hege die tiefste Dankbarkeit gegen sie, aber -- und er erhob

unglücklich seine Stimme: Ich kann dir das doch nicht Tag für Tag mit

Worten wiederholen! Ich bin nun mal nicht so! Habe ich je in meinem

Leben etwas Böses zu dir gesagt? --

Sie ging auf ihn zu, glitt an ihm nieder und drückte seine Knie, daß er

ganz verlegen erst das eine, dann das andere Bein in die Höhe zog. Auf

einmal sprang sie auf, setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, faltete die

Hände und sah ihn strahlend an: Nun sage mir, du Wonniger, wie meinst du

das mit der Stube? -- Er wollte zunächst das »du Wonniger« beanstanden,

unterließ es aber, erzählte dann sein Zusammentreffen mit Elfriede van

Loo, und fügte hinzu, daß der Herr Sintrup morgen kommen wolle, um sich

alles anzusehen. -- Und mit dieser einfachen Geschichte hast du solange

gezögert? Komischer Mann! Schweifst ab anstatt bei der Sache zu bleiben,

redest von hundert andern Dingen und quälst mich, und dabei ist doch

alles so klar, -- ich wüßte gar nichts was klarer sein könnte! Aber die

gute Stube bleibt wie sie ist; er bekommt _mein_ Zimmer, und ich ziehe

in die Kammer. Mir schadet das gar nicht. Junge Leute müssen

Bequemlichkeit haben; ach wie ich sie liebe, diese goldene Jugend! --

Sie lief auf den Vorplatz und kam gleich darauf zurück, den Kopf mit

einem billigen rosa Theaterschal umhüllt: Sitzt er recht? fragte sie und

lächelte. -- Sie wollte noch heute abend schnell zu einer Tante rennen,

in deren Besitz einige ihrer Möbel waren; er versuchte ihr das

auszureden, aber sie sah ihn grimmig von der Seite an. -- So blieb er

allein zurück, setzte sich in den Lehnstuhl, rückte ihn so, daß er nicht

wackelte, seufzte tief und sagte: Ach Gott! -- Und dann dachte er: Es

ist gut, daß sie noch an die frische Luft kommt, die Arme! Immer plagt

sie sich für andere Menschen, und sie hat ganz recht: ich zeige es ihr

nicht genug, daß ich sie lieb habe. -- Er dachte sich aus, wenn sie nach

Hause komme, solle der Kaffeetopf dampfend auf dem Feuer stehen. Zu

diesem Behuf erhob er sich, schnitzte Holz zum Herdfeuer, und dann

klemmte er die Kaffeemühle zwischen die Knie.

Am nächsten Tage begegneten sich die zwei in demselben Ziele: Jeder

wollte auf sein eigenes Zimmer verzichten und in die Kammer übersiedeln,

jeder wollte dem andern wohltun. Aber Fräulein Nippe siegte: Sie preßte

die Zähne aufeinander und riß die Augen weit auf, indem sie ihn zur

Schwelle drängte mit all ihren Kräften. Er mußte in sein eigenes Zimmer,

sie verriegelte ihn von außen. -- Licht! Luft! Und Liebe! hörte er sie

jammern, auf Liebe habe ich ja verzichtet, aber Licht und Luft verliere

ich nun auch noch! Dieses elende dunkle Loch! -- sie stürzte zum Fenster

und riß die Flügel auf -- und dann jammerte sie weiter, daß gerade sie

vom Schicksal ausersehen sei alle Marter der Welt zu tragen.

Als Pitt erschien, war das Zimmer fertig eingerichtet, obgleich sie ja

nicht einmal wußte, ob sie es nun auch vermieten würde. Herr Könnecke

hatte ihr erzählt, Fräulein van Loo habe zu ihm gesagt, der Herr Sintrup

müsse es gemütlich und heimisch haben. So sagte sie denn, um es ihm

recht warm ums Herz herum zu machen, sogleich: ihr eigenes Lebensgebäude

sei ein luftig durchbrochener Bau, in den überall die Sonne

hineinscheine; ihre eigene Wärme strahle über auf ihre Umgebung: Wo ich

erscheine, verbreite ich Behaglichkeit und Vergnügen. -- Vergnügen schon

-- sagte Pitt ernsthaft. -- Nun sehen Sie! Und die Behaglichkeit wird

sich auch noch einstellen! -- Pitt machte dieses Fräulein Spaß. Herr

Könnecke erschien neben ihr wie die menschgewordene epische Breite, und

er dachte: Für ein paar Wochen wenigstens kann ich es immerhin

versuchen. Er mietete. -- Am Nachmittage zog er ein: Fräulein Nippe

hatte in aller Eile einen Kuchen gebacken, und das Willkommschild

nagelte sie gerade an die Tür, mit viel zu langen Stiften, die klaffend

ins Holz fuhren, als er die Treppe heraufkam. --

Zu Anfang war es ihm, als befinde er sich in einem Lustspiel; nach und

nach erfuhr er ihre ganze Lebensgeschichte, an die sie Sentenzen mit

verfehlten Bildern knüpfte, und zu solchen Sentenzen reizte er sie immer

wieder. Aber allmählich fing sie an sich zu wiederholen, und nun begann

sie ihn zu langweilen. Sie ihrerseits begriff nicht, warum seine Tür

immer verschlossen war, wenn sie zu ihm herein wollte. Alles war doch so

gut gegangen, zu Anfang! Ach! immer drängte ihre stürmische Seele vor,

die Frucht zu pflücken, ehe noch die Blume voll entfaltet war; die

Menschen waren einmal so sonderbar: langsam wollten sie erwärmt werden,

anstatt sich direkt ans Herz schließen zu lassen, wie es doch das

Natürlichste war. Sie beschloß still zuzuwarten und es der Zeit zu

überlassen, seine rauhe Schale »aufzutauen«. Herr Könnecke hielt sich

von Anfang an in angemessener Entfernung, nachdem er zuerst gehofft

hatte, abends ab und zu mit ihm und seiner Cousine »schwarzer Peter« zu

spielen; er spielte auch eigentlich gern mit ihr allein schwarzer Peter,

aber sie fand es langweilig, da jeder immer wisse, was für Karten der

andere habe und gar kein Geheimnis dabei sei. -- Pitt hatte in Bälde

sich den Tonfall beider angeeignet und erfreute Elfriede zuweilen damit,

daß er einen Dialog zwischen ihnen improvisierte, wobei ihm dann

blitzartig auch entlegenere Seiten ihrer Charaktere klar wurden, die er

vorher noch nicht beachtet hatte. Ich glaube aber, sagte er manchmal,

ich ziehe bald wieder aus; es wird mir langweilig, immer dasselbe zu

sehen.

Der einzige Platz, wo er sich wirklich wohl fühlte, war das Haus der van

Loos, und, von einer inneren Unruhe getrieben, erschien er zu den

verschiedensten Tageszeiten dort, redete oft gar nichts, setzte sich in

einen Sessel und hörte Elfriede spielen. Zu Anfang hielt sie ihn für

ganz unmusikalisch, denn er kannte sehr wenig und verwechselte oft die

Namen der größten Meister; dann wieder verglich er Werke, die sie

spielte, mit seiner zögernden, sicheren Stimme in so nachdenklicher

Weise, daß ihr eigenes Urteil zuweilen unsicher wurde. Anfänglich

erschien ihr manches, was er sagte, beinah toll, und sie lachte einfach.

Nie ließ er sich dadurch beirren; dann dachte sie darüber nach, und

endlich schien es ihr, als könne er recht haben und sie unrecht. Langsam

bildete sie sich nach seiner Weise, und oft, wenn sie mit andern redete,

ertappte sie sich dabei, daß sie Dinge sagte, die sie zwar nicht von ihm

gehört hatte, die aber seiner Art des Wesens entsprangen. --

Pitt vergaß die ganze Vergangenheit, und um so mehr erschreckte ihn

eines Tages eine Postkarte, worauf sich sein Vater zum Besuch anmeldete.

Eine Geschäftsreise führte ihn in die Stadt, und er wollte nicht

versäumen, mit seinem Sohn zusammen zu sein. -- Pitt verwechselte die

Morgenstunde seiner Ankunft mit der Abendstunde, und traf seinen Vater

erst mittags, zufällig, in seinem eigenen Zimmer.

Vorher aber fand eine längere Begrüßung und Ansprache von seiten

Fräulein Nippes statt. Herr Sintrup war in seinem pompösesten »Habitus«,

ihr Herz war sofort im Sturm erobert. -- Darf ich Ihnen vielleicht ein

Gläschen Kognak anbieten? Ganz alten, echten! Und ehe Herr Sintrup

abwinken konnte, war sie schon hinaus, holte ihn und kredenzte ihm das

Gläschen mit einem kleinen Knix. -- In der Tat vorzüglich! sagte Herr

Sintrup und schnalzte mit der Zunge. -- Noch einen? Noch ein ganz

kleines Gläschen? Nur so ein ganz kleines Gläschen? Sie lächelte

schelmisch, kredenzte abermals, und er nannte sie eine liebenswürdige

Hebe. Der Kognak war wirklich hervorragend gut! Er fühlte sich etwas

angegriffen von seinen Geschäftsgängen, und nach einem kleinen Zögern

langte er mit einem: ist es erlaubt? -- zu einem dritten Gläschen selbst

zur Flasche. -- Dies war einmal jemand, der gern Gebotenes mit

Selbstverständlichkeit annahm! -- Ob er wohl Witwer ist? fuhr es ihr

durch den Kopf. Und sogleich reihte sich ein anderer Gedanke daran:

könnte ich bei dem nicht Hausdame werden? Diese gutfrisierte, herrlich

bartbeschnittene Gestalt! Diese freien, kernigen Augen unter den

männlichen, leicht ergrauten Brauen! Hatte er nicht etwas ganz

Witwermäßiges an sich, ja geradezu etwas _Hahnreihaftes_!? -- Denn unter

einem Hahnrei stellte sich Fräulein Nippe einen älteren, aber innerlich

jugendlichen und feurigen Herrn vor, dem ein ganzer Hühnerhof von Frauen

zur Auswahl steht. -- Pitt hatte niemals von zu Hause einen Brief mit

Frauenhandschrift bekommen; Fräulein Nippe wußte dies, denn sie las

alles. Wie geht es der Frau Gemahlin? fragte sie aber doch zur

Sicherheit; und spürte einen kleinen Stich, als sie hörte, daß es ihr

gut gehe, daß sie mithin noch existierte. Trotz allem aber -- um so

selbstloser war dies von ihr -- machte sie ihm die schmeichelhaftesten

Komplimente, die er etwas gönnerhaft, aber nicht ungern über sich

ergehen ließ. Pitt kam nicht. -- Er knipste ein paarmal an seiner Uhr --

gewiß ein liebes Andenken? Und so kostbar! -- und erhob sich. Er begriff

nicht, daß sein Sohn nicht kam, nannte ihn rücksichtslos und redete

davon, daß er ihm zutraue, womöglich erst zum Abendessen ins Hotel zu

kommen. Bei diesen Worten regte sich etwas Liebliches in Fräulein Nippe,

aber sie seufzte nur diskret, fragte nach dem Namen des Hotels, -- es

war das allererste, teuerste -- und das Liebliche regte sich noch

stärker. -- Da kommt er! ich höre den Schlüssel in der Korridortür!

sagte sie plötzlich, und als Pitt erschien, zog sie sich sogleich

taktvoll zurück und horchte während des Folgenden nur an der Zimmertür.

Halloh! sagte Pitt unwillkürlich, als er jemand in seinem Zimmer stehen

sah.

Nach der ersten Begrüßung machte ihm Herr Sintrup Vorwürfe, daß er

niemals schreibe, daß er keine von den Besuchen gemacht habe, zu denen

er ihm die Empfehlungen gab, daß er so oft von einer Wohnung in die

andere ziehe, und endlich, daß er nicht einmal auf den Bahnhof gekommen

sei. -- Pitt wußte für all dieses Gründe anzugeben, die Herr Sintrup

sämtlich für nicht stichhaltig erklärte. Er nannte ihn einen verlorenen

Sohn, an dem seine Eltern keine Freude erlebten, und als er die vielen

philosophischen Bücher auf seinem Tische liegen sah, verlangte er, daß

da in Zukunft nur juristische zu liegen hätten. Pitt versprach alles was

er wollte, und damit war dies Kapitel, wie Herr Sintrup sich ausdrückte,

erledigt. Während sein Vater sprach, wunderte sich Pitt darüber, wo die

Kognakflasche herkam, aus der er sich ganz in Zerstreutheit ab und zu

ein Gläschen einschenkte, das er auf einen Zug leerte. Donnerwetter!

sagte Herr Sintrup, als sie sich endlich erhoben, um zum Mittagessen zu

gehen -- Fräulein Nippe zog sich bei dem Geräusch sofort zurück -- mir

ist so schwer in den Gliedern! Herr des Himmels, jetzt habe ich der den

halben Kognak ausgetrunken! Alter, französischer Kognak, das muß ein

Erbstück sein. Ich muß ihn ihr irgendwie ersetzen. Er zog ein Goldstück

aus dem Portemonnaie, warf es auf den Tisch und sagte, damit möge ihr

Pitt die ganze Flasche abkaufen, es wäre gut bezahlt. -- Das geht nicht;

sagte Pitt. Herr Sintrup dachte nach: Immerhin war sie eine Dame! Es

fiel ihm ein, was sie vorhin für Augen machte, als er vom Abendessen im

Hotel redete, und er sagte zu Pitt: Ich könnte mich ja revanchieren,

indem ich sie für heute abend ins Hotel lade! Nebenbei wäre es ein gutes

Werk, die mal recht vollzufüttern, denn sie sieht höllisch mager aus.

Überaus bedeutend ist sie zwar nicht, aber sie hat doch ein ganz nettes

Wesen! -- Pitt war damit einverstanden; er brauchte dann nicht den

ganzen Abend mit seinem Vater allein zu sein. Fräulein Nippe wurde

geholt, sie nahm strahlend und dankend an, und Herr Sintrup machte

verwunderte Augen, als sie auch im Namen ihres Vetters dankte. -- Um so

besser, dachte Pitt.

Endlos lange saßen sie mittags im Restaurant, Pitt rauchte eine

Zigarette nach der andern, nur um irgendeine Ablenkung zu haben. Er kam

sich wie in einer Verbannung vor, zurückversetzt in seine Vaterstadt,

abgeschnitten von aller Freiheit, obgleich es sich ja nur um Stunden

handelte. Herr Sintrup fragte nach seinem Verkehr. Pitt nannte das Haus

van Loo. -- Herr Sintrup nahm die Zigarre aus dem Mund: Die Amsterdamer

van Loos? Verkehrst du da viel? -- Jeden Tag. -- Ist da eine Tochter? --

Kennst du denn die Familie? fragte Pitt zurück. -- Und ob! natürlich

nicht persönlich. Er warf Pitt einen verschmitzten Blick zu: Junge,

Junge, das könnte ja mal etwas Famoses werden! Du mußt es nur richtig

anstellen; wie bist du denn da hineingeraten? Und Herr Sintrup erzählte

die Geschichte von dem Vater, der im indischen Meer ertrank. -- Die

Familie erschien Pitt plötzlich in einem fast trivialen Lichte; bisher

hatte er ein Gefühl gehabt, als sei sie eigentlich nur seinetwegen

vorhanden; nun erfuhr er, daß der Name eine »Weltfirma« sei. -- Die

Familie halte dir warm! fuhr sein Vater fort, _die_ Marke ist ff! Hat

zwar jetzt direkt mit der Firma nichts mehr zu tun, profitiert aber noch

kolossal davon. Ja so was lasse ich mir gefallen! Hast du noch mehr von

der Sorte? -- So fragte Herr Sintrup und machte animierte Augen. Pitt

dachte: Ganz genau so wird Fox einmal werden! -- Und als ob dessen Geist

ungesehen im Zimmer schwebte, fuhr Herr Sintrup fort: Das muß ich Fox

erzählen! Das wird dem Eindruck machen! Übrigens: könnte die denn heute

abend nicht mitkommen?! Wenn ich nun vorher einen Besuch in der Familie

machte? Das ginge doch prächtig! -- Pitt wurde rot und sagte: auf gar

keinen Fall! -- Sein Vater mißverstand dies, drohte ihm schalkhaft mit

dem Finger und meinte: ^Noli turbare circulos meos^ -- das ist das

einzige, was ich noch vom Lateinischen behalten habe. -- Dann schwiegen

beide wieder, und Herr Sintrup, der schon vorher von Zeit zu Zeit etwas

abwesend schien -- Pitt schob dies auf die vielen Kognaks -- sagte

plötzlich wie nach einem Entschlusse: Ja, wenn du mich jetzt verlassen

willst -- ich habe noch ein paar Geschäftsbriefe zu schreiben, und

nachher möchte ich ruhen. Er zog seinen Füllfederhalter und einige

Blätter Papier hervor, und Pitt war froh, für den Nachmittag frei zu

sein. Draußen atmete er auf. Er wollte sofort zu Elfriede gehen, ihm

war, als sei er seit Wochen nicht bei ihr gewesen. -- Wie er so an

seinen Vater dachte, blieb er plötzlich mitten auf dem Platze stehen,

sah auf das Restaurant zurück, in einem halbklaren Gedanken, der -- er

wußte selbst nicht wie -- ihm durch den Kopf geschossen war, dann ging

er sehr schnell zurück und lugte vorsichtig durch die Fensterscheibe:

Herr Sintrup saß jetzt an einem andern Tisch, neben einer Dame, die Pitt

zwar vorher auch schon bemerkt aber nicht beachtet hatte. Sie hielt den

Blick nicht ohne Wohlwollen auf Herrn Sintrup geheftet, antwortete ab

und zu, und schließlich sah Pitt, wie erst sein Vater, dann die Dame die

Uhr hervorzog, und wie sie die ihrige nach der seinigen richtete. Dann

legte Herr Sintrup leise seine Finger über ihre Hand und sah ihr

freundlich in die Augen. Pitt wandte sich vom Fenster ab und schritt

wieder über den Markt. Nie hatte er einen starken Zusammenhang mit

seiner Familie gehabt; aber nun war ihm doch, als wäre die Wand eines

altbekannten Zimmers eingerissen, so daß ein neuer Raum entsteht, der

nur halb der alte ist, und in dem man sich mit einem Gefühl der

Fremdheit und des Fröstelns umsieht. Eigentlich müßte ich ja nun wohl

entrüstet sein, dachte er; aber es wollte kein ähnliches Gefühl in ihm

aufkommen; ja, sein Vater kam ihm bemitleidenswert vor. Derartige

Erlebnisse bildeten jedenfalls Lichtpunkte in seinem arbeitsvollen, öden

Dasein. Ob solche Lichtpunkte wohl öfters eintraten? Ob seine

Geschäftsreisen wohl meist so menschlich schlossen? Und ob wohl seine

Frau, Pitts Mutter, um diese Erlebnisse wußte? -- Er machte eine

Bewegung, als wolle er alles von sich abschütteln, und läutete schärfer

an der Glocke des van Looschen Hauses als sonst, so daß der Diener

Friedrich ganz verwunderte Augen machte.

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman · 第 2 / 27 段