Die Bücher der Rose
Achter Band
Pitt und Fox
Achtundneunzigstes bis hundertundzwanzigstes
Tausend 1919
Pitt und Fox
die Liebeswege der Brüder Sintrup
Roman
von
Friedrich Huch
Ebenhausen bei München
Wilhelm Langewiesche-Brandt
Die gute Ausstattung der früheren
Drucke hätte diesem Neudruck bei den
gegenwärtigen Herstellungskosten nicht
einmal unter Verdreifachung des
Verkaufspreises gegeben
werden können.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Erstes Kapitel.
Pitt -- -- so nannte Philipp Sintrup sein Spiegelbild, wie er es als
kleines Kind zum erstenmal erblickte und mit dem Finger berührte. Die
Familie heftete den Namen an ihn, und mit einer Art von Folgerichtigkeit
ward nun sein jüngerer Bruder nur noch Fox gerufen. Pitt war es
gleichgültig wie er hieß. Fox dagegen wehrte sich gegen den ihm
aufgehängten Namen, ohne daß er ihn vertreiben konnte. So behauptete er
denn, als er in das Alter kam, wo man moderne Weltgeschichte lernt, ein
Nachkomme des großen, bekannten Fox wäre sein Pate, und seinen
gewaltigen Reichtum werde er einmal erben.
Schon früh begann Fox Großes von sich zu erzählen. Er stellte sich als
den Helden von selbsterfundenen Geschichten hin, die er Märchen nannte,
die aber außer ihrer Unmöglichkeit nichts Märchenhaftes an sich hatten,
sondern der allernächsten Umgebung entnommen waren und nur in einem Tone
vorgetragen wurden, der Grausen erregen sollte. -- Der grauäugige, etwas
hochgeschossene Pitt hörte sie mit gelangweilten Augen an, und wenn Fox
geendet, erzählte er mit gleichmäßiger Stimme: ihm sei Ähnliches
begegnet, nur sei alles umgekehrt gewesen; vor seinen Feinden habe er,
anstatt sie anzugreifen, sich versteckt, indem er sich bewegungslos
gegen den Zaun drückte, so daß sie ihn für einen Holzpfahl hielten.
Während unter seines Bruders Tritten die dicksten Brückenbalken
krachten, genügte ihm ein Strohhalm, sich seinen Verfolgern über das
Wasser hin zu entziehen. Unter diesen befanden sich ganz unbesehen seine
nächsten Verwandten, seine eigenen Eltern. Herr Sintrup zog an ihrer
Spitze, und Frau Sintrup, Pitts Mutter, sonnte sich im Eingang einer
Höhle, ohne sich zu bewegen, so daß er nicht an ihr vorbei konnte, um
sich ein für allemal zurückzuziehen. Wurde Fox am Ende seiner
Erzählungen König, so verscholl Pitt am Schlusse ganz und gar, und wußte
selbst nicht wo er blieb. -- In solchen Augenblicken schwelgte Fox im
Gefühle seiner eingebildeten Stärke. Herr Sintrup aber sagte: aus dir
wird mal was Großes! Aber du, Pitt kannst dich nur gleich begraben
lassen. -- Dann zog Pitt unbemerkt ein Taschenbüchlein hervor, suchte
eine bestimmte Seite und machte einen Bleistiftstrich. Sein Vater und
seine Mutter sagten stets dasselbe und er führte darüber eine Art
Statistik.
Herr Sintrup war ein rühriger, geachteter Fabrikant in dem kleinen
Städtchen. Pünktlich mit dem Glockenschlag war er zumeist im Bureau und
schnauzte seinen Angestellten ein gutmütiges »guten Morgen« zu. Nur
manchmal kam es vor, daß er im Bette länger liegen blieb, denn ab und zu
liebte er einen »guten Tropfen«, wie er das nannte. Bekam er einen neuen
Lehrling, so stellte er ihn vor sich hin, durchbohrte ihn mit seinen
Augen, und sagte in schrecklich drohendem Ton: Bengel, Bengel, ich sage
dir ....! Im Grunde aber war er gutmütig und leicht gerührt.
Fox fühlte sich in seiner Haut sehr wohl; den Dienstboten gegenüber tat
er, als sei er eigentlich eine Art von Kronprinz; seine Mutter hatte er
ganz in der Gewalt, sie verwöhnte ihn und gab ihm in allem seinen
Willen, um so mehr, als Pitt ihr nicht im Wege war, der nie um etwas bat
und mit einem stereotypen: danke -- alles in Empfang nahm, mochte es nun
Gutes oder Geringwertiges sein. Pitt erschien wie ein verschlossenes,
etwas impertinentes Waisenkind, das trotz aller jahrelangen Gewöhnung
niemals recht häuslich wird in dem Kreise seiner Pflegeeltern. Die Namen
seiner nächsten Verwandten konnte er nicht auseinanderhalten. Manchmal
mußte er sich erst besinnen, wo das Eßzimmer, wo die Wohnstube lag.
Genau so fremd lebte er in der Schule. Seinen Kameraden gegenüber hatte
er einen leise überlegenen, ironischen Ton, feiner oder plumper, je
nachdem er es für angemessen hielt. Wirkliche Freundschaften kannte er
nicht. Er litt darunter, konnte es aber nicht ändern. Einmal schloß er
sich an eine gleichaltrige Cousine an; aber das Mädchen wurde so
gefühlvoll, ihm war, als spielten sie Theater; und als sie ihn eines
Tages wie gewöhnlich besuchen wollte, fand sie seine Tür verschlossen,
und er rief ihr durchs Schlüsselloch zu, es sei aus zwischen ihnen, er
wolle sie nie wiedersehen. Als er dann später einmal ein tragisch auf
ihn gerichtetes Gesicht erblickte, mußte er sich erst besinnen, wer das
war. -- Fox unterhielt Freundschaften mit Mädchen, die viel jünger waren
als er selbst; er verlachte Knaben, die mit gleichaltrigen oder älteren
gingen: das hat doch gar keinen Sinn! Die kann man ja später doch nicht
heiraten! Ein Mann muß doch immer älter sein als die Frau! -- Trotz
dieser massiven Untergründe wechselte er seine Liebe ziemlich oft. --
Über seinem Bette prangte die gedruckte Gestalt eines Athleten; die
Muskeln hatte er mit Tinte nachgezogen und verstärkt. Über der Tür hing
ein großes Pappschild, darauf hatte er sein eigenes Monogramm gemalt,
mit Blau- und Rotstift, in kolossalen Buchstaben. An der Wand hinter
seinem Arbeitstisch aber stand jene von einem autodidaktisch arbeitenden
Onkel unternommene, lebensgroße Kreidekopie nach einem kleinen Bilde,
das ihn in seinen ersten Jahren darstellte. -- Ich wog damals schon
fünfzig Pfund! sagte er zu einem Freund, der ihn besuchte. Und die
Muskeln! fügte er hinzu und blickte auf das Bild, auf dem man von Armen
überhaupt so gut wie gar nichts sah. Mit rascher Fassung aber sagte er:
Da oben kannst du sie hundert Jahre suchen und findest sie nicht, aber
ich hatte sie schon damals, das ist bombensicher! --
Fox war bei seinen Kameraden tonangebend, er umgab sich mit einem Stab,
der auf sein Wort zu hören pflegte. --
Pitt war jeder Lärm ein Gräuel. Er hielt seine Fenster zumeist
verschlossen und trug zu Haus fast immer Filzpantoffeln. Ein
eigentliches Zimmer für sich besaß er nicht; er wechselte stets. So wie
er anfing sich gemütlich zu fühlen, glaubte er irgend einen Mißstand zu
entdecken. Frau Sintrup gab dann mit gleichmütiger Stimme dem Mädchen
die Anweisung, sein Bett irgendwo anders hinzuschaffen; einen großen
Spiegel nahm er jedesmal persönlich mit von einem in das andere Zimmer.
Er liebte es, sich vor ihn hinzusetzen, hineinzusehen, alles zu
vergessen und gar nichts zu denken. So müßten die Menschen sein! Ganz
still und stumm, nur wie Erscheinungen! In Wirklichkeit dagegen waren
sie alle so laut und heftig, machten aus jedem Gefühl viele Worte, ganz
wie die Schauspieler auf der Bühne. Zuweilen empfand er sich selbst wie
einen Schauspieler, namentlich dann, wenn er in Erregung geriet, was
nicht oft geschah. Dann hörte er sich auf einmal selber reden, alles
erschien ihm plötzlich hohl und albern. Dabei besaß er selbst die
Fähigkeit, aus dem Geiste eines andern herauszureden, ihn nachzuahmen in
allen seinen Äußerungen. Aber davon wußte niemand, und er empfand
geradezu einen Haß gegen sich selbst, wenn er sich manchmal allein in
diesen Nachahmungen gehen ließ, denn dann war es, als hafte ein
besonderer Nachgeschmack an allem, was er selber tat und sagte.
Fox versäumte keine Schülervorstellung im Theater und versuchte zu Hause
alles nachzuahmen, wobei es ihm ganz gleichgültig war, wer etwa zuhörte.
--
Alljährlich pflegte die Familie Sintrup für einige Wochen in ein Bad zu
gehen. Frau Sintrup litt an einem Übel. Da es ihr aber vorläufig keine
großen Unbequemlichkeiten bereitete, pflegte sie zu sagen: Einmal muß
der Mensch doch sterben; ob es nun ein bißchen früher oder später kommt,
ist doch ganz gleich. -- Die Schneiderin kam mehrere Wochen vor der
Abreise und huschte maßnehmend um Frau Sintrup herum, bis diese meinte:
Nun hören Sie aber auch mal wieder auf; die Dinger werden wohl von
selber sitzen. -- Der einzige, der es sich gestatten konnte, jederzeit
so wie er war zu bleiben, war Herr Sintrup selbst, dessen tadelloser
»Habitus« wie er es nannte, dessen glänzend steifer Hut und funkelnd
rote Handschuhe ihn schon von weitem überall signalisierten.
Pitt lebte im Bade genau so wie zu Hause; es kümmerte ihn nicht, ob er
zu spät zur Mittagstafel kam: als sei er ganz allein, trabte er durch
den Saal und starrte den Menschen in die Gesichter, als wolle er
entscheiden, ob es seine Eltern waren oder nicht.
Pitt! du bist nun bald konfirmiert, du verläßt in ein paar Jahren die
Schule! sagte Herr Sintrup: _So_ ißt man seine Suppe! Er nahm den Löffel
zierlich und hielt die Ellbogen an den Leib gedrückt. Frau Sintrup,
deren Busen den Teller fast berührte, fügte mechanisch hinzu: Wozu hat
man denn seine Eltern, wenn man sich nicht nach ihnen richten will --
und hatte soviel Geistesgegenwart, den Löffel unterwärts nicht
abzulecken, wie sie zu Hause gerne tat. Fox saß in solchen Augenblicken
stramm auf seinem Stuhl. Die Haare klebten straff an beiden Schläfen,
sein roter Schlips aus Halbatlas glänzte wie seine Backen. Er fühlte
sich als den Sohn des reichen Fabrikanten, und wußte, was er der Welt
schuldig war. -- Den einzigen Menschen, welchen Pitt grüßte -- den
Portier -- grüßte er nicht; Fox grüßte niemals Untergebene; gerne hielt
er sich in der Nähe solcher Fremden auf, die durch anspruchsvolles Wesen
seine Aufmerksamkeit erregten. Er wußte Bekanntschaften einzuleiten, und
es machte den Menschen Spaß, den halbwüchsigen, dicken und im Grunde
gutmütigen Jungen scheinbar ernst zu nehmen und fast wie einen
Erwachsenen zu behandeln. Wenn er von solchen Reisen nach Hause
zurückkehrte, erschien er jedesmal ein Stück gefestigter und reifer.
Auch schrieb er alsdann viele Briefe, an Mädchen, die er kennen lernte,
von denen er die eine oder die andere später zu heiraten gedachte,
Mädchen, die Pitt samt und sonders langweilig oder häßlich fand. Pitt
selber schloß einmal eine nähere Freundschaft, nachdem er lange
geschwankt hatte ob er solle oder nicht. Schon Tage vor der Abreise
sprach das Mädchen in geheimnisvoller Weise von einem Andenken. Er war
neugierig, und am Tage der Abfahrt überreichte sie ihm einen großen
Kranz, den sie gemeinsam mit der Gesellschafterin der Familie geflochten
hatte. Pitt schenkte ihn heimlich dem Portier. Später bekam er einen
richtigen Liebesbrief, den er vier Seiten lang beantwortete, aber so,
daß er von jedem Worte nur den allerersten Buchstaben niederschrieb, so
daß das Ganze wie ein regelloses Alphabet aussah. Damit war dies
Erlebnis beendet.
Fox arbeitete zu Hause weiter an seiner Entwicklung. Wenn Freunde seines
Vaters zu Tisch kamen, merkte er stets auf die Unterhaltung, sein gutes
Gedächtnis ließ ihn vieles behalten, und später wiederholte er es andern
Leuten gegenüber als sein geistiges Eigentum. So gelang es ihm, bei
Menschen den Glauben an Frühreife wirklich zu erwecken, nachdem sie im
ersten Augenblick über ihn gelacht hatten. Solchem Lachen pflegte er
einen ernsten, bedauernden Blick entgegenzusetzen. Er verdarb es mit
niemand, auch nicht mit solchen, die ihm unangenehm waren. Wie oft kam
es vor, daß Herr Sintrup über irgend einen Menschen in der
lästerlichsten Weise redete; begleitete ihn Fox noch am selben
Nachmittag auf der Straße, so konnte es geschehen, daß Herr Sintrup
denselben Herrn auf die kordialste Weise ansprach, ihm derb die Hand
schüttelte und sich bedauernd wieder von ihm trennte. --
Weltgewandtheit, mein lieber Fox, Weltgewandtheit muß man haben; ohne
die kommt man nicht aus im Leben! Der Kerl da weiß ganz genau was ich
von ihm denke; und ich weiß ganz genau was der Kerl von mir denkt. Mit
der einen Hand hält man sein Portemonnaie fest, mit der andern winkt man
sich zu, das ist einmal nicht anders! -- Fox eiferte seinem Vater nach;
und wenn der öfter gezwungen war größere Reisen zu unternehmen, -- was
Fox jetzt noch nicht konnte, so stellte er sich dafür manchmal auf den
Bahnhof, wartete, bis der große Eilzug kam, der für wenige Minuten
verweilte, kletterte hinein, sah für ein paar Augenblicke ernst und
interessant aus dem Fenster einer ersten Klasse, stieg dann wieder
heraus, und ging, die Hände in den Hosentaschen, mit einem
erschöpft-bedeutenden Gesichte auf dem Bahnsteig auf und ab.
Fox war faul. Aber er hatte die größte Meinung von sich und seiner
Zukunft, und oft redete er davon, er werde Pitt sogar noch auf der
Schule überflügeln. Sein außerordentliches Selbstvertrauen aber ließ ihn
auf persönliche Anstrengungen verzichten, indem er dachte, alles würde
schon von selber getan; und so kam es, daß Pitt, der sich ebenfalls
keine Mühe gab, doch immer voran blieb. Pitt machte seinen Weg genau so,
wie er auf der Straße, wie er zu Hause ging: leise, ohne sichtbaren
Rhythmus. In kein Ding vertiefte er sich wirklich, er hatte keine Zu-
und keine Abneigungen, er erledigte seine Schularbeiten ohne Hast, ohne
Leidenschaft, nicht spielerisch, auch nicht zerstreut, aber so, daß
seine Lehrer sagten: Es fehlt ihm das Mark und die Kraft! Es kam vor,
daß man ihn ungerecht bestrafte. Trat dann durch Zufall seine Unschuld
an den Tag, und fragte man ihn verwundert, weshalb er sie denn nicht von
vornherein beteuert habe, so sagte er wohl: Es ist ja alles doch ganz
gleich! -- War aber ein Verdacht gegen ihn begründet, und ging er nur
nach einer falschen Richtung, so klärte er alles auf, mit belehrender
Offenheit, die an Unverfrorenheit grenzte, gleichsam als Dritter,
Unbeteiligter, Darüberstehender, und es hätte nur gefehlt, daß er, wie
einmal ein Lehrer sagte, von sich selbst als »er« gesprochen hätte. Man
hielt ihn für kalt und hochmütig. Er selbst hielt sich weder für das
eine noch für das andere. Ihm war, als führe er hier zu Hause und auf
der Schule ein Traumleben, und als müsse das anders werden, sowie er
draußen wäre. Daß er seinen Eltern nicht nahe stand, lag an seinen
Eltern; daß er keine Freunde hatte, lag an denen, die zur Auswahl
standen; mit geläufiger Zunge setzte er alle ihre Nachteile und
Schwächen auseinander, und sprach über sie wie über die einzelnen
Objekte einer Sammlung.
Sein Examen rückte nun heran, und damit auch die Frage nach einem Beruf.
Diese war ihm vollständig gleichgültig und sehr langweilig. Er fühlte
sich jedem Beruf gewachsen, und was einer wurde war ja doch nur Zufall.
Nur zur Universität im allgemeinen entschloß er sich, da er dann am
schnellsten herauskam aus diesem öden, freudlosen Leben zu Hause.
Möchtest du Mediziner werden? sagte Herr Sintrup. -- O ja, warum nicht?
-- Aber ich glaube, du hast nicht das mindeste Talent zum Mediziner. --
Dann kann ich ja auch was anderes werden. -- Solche Antworten brachten
seinen Vater zur Verzweiflung: wie ist dieser Geist in dich gefahren!
Hast du denn keine Spur von Ehrgeiz? -- Pitt schüttelte den Kopf. -- Ich
lasse dich einfach ein Handwerk lernen! -- Gut, ich bin mit allem
einverstanden! -- Nirgends, von keiner Seite war dieser Mensch zu
fassen.
Erbittert machte Herr Sintrup eine Faust hinter ihm drein, wie er ihn am
ersten Examentag, ein wenig gekrümmt, zur Schule gehen sah. Pitt blieb
stehen, sah aufmerksam auf seinen Vater, der hinter der Scheibe stand,
und rief irgend etwas. Herr Sintrup glaubte eine unerhörte, grenzenlose
Unverschämtheit zu vernehmen und öffnete energisch das Fenster. -- Ach
du bist es, sagte Pitt trocken und schlich weiter. Die nächsten Tage
ging jener dumpfe Geist im Hause um, wie ihn die Aussicht auf ein
reifendes trübes Geschick zeitigt; denn Pitt machte keinen besonders
freudigen Eindruck. Nur Frau Sintrup sprach sehr gemütlich von dem
Unglück: Es sei doch ganz egal, ob Pitt noch ein Jahr länger auf der
Schule sei oder nicht, sie liebe überhaupt keine Veränderungen, und wenn
er jetzt fort müsse, so käme das doch eigentlich recht plötzlich. --
Alle waren überrascht, als die Nachricht kam, Pitt habe das Examen als
einer der Besten bestanden. Tanten erschienen zur Besichtigung und zur
Gratulation, und Frau Sintrup litt alsbald an einer Magenverstimmung. --
Fox war recht enttäuscht. Nun blieb ihm nur die Hoffnung, er werde Pitt
bald einholen und dann auf der Universität überflügeln. Fox wußte schon
längst, was er werden wollte: Regierungsbeamter, welcher Art, war noch
nicht sicher. --
Nach der ersten großen Freude begann Herr Sintrup wieder mit seinen
Fragen. Und Pitt, der sich sagte, etwas müsse nun getan werden,
erklärte: er wolle Jurist werden, es sei dies der einzige Beruf, für den
er sich eigne. Und da er dies mit lauter Stimme mehrere Male sagte, so
glaubte ihm Herr Sintrup, der anfänglich etwas mißtrauisch war. Fox
dagegen meinte: Er macht mir das nur nach.
Nun war der Zeitpunkt wirklich eingetreten, nach dem Pitt sich so
gesehnt hatte, und doch empfand er eigentlich keine Freude. Als er das
Gymnasium verließ, mit dem Bewußtsein, es nie wieder betreten zu müssen,
sagte er sich: dies wird mir nach vielen Jahren vielleicht noch als
einer der allerglücklichsten Momente meines Lebens erscheinen. Fühle ich
mich jetzt glücklich? Ich fühle mich genau wie vorher. Aber die Freude
wird schon hinterher kommen, wenn ich erst einmal ganz fort bin. -- Ein
Familiensouper wurde ihm zu Ehren gegeben. Er hatte keine Lust es
mitzumachen, sagte, er habe Kopfweh, und legte sich zu Bett. So ruhte
das Gewicht, die herangewachsene Generation in der Familie zu vertreten,
auf Fox, und seine breiten Schultern schienen um die Last, aber auch um
den Stolz einer solchen Bürde zu wissen. Er hielt eine Rede, und es
gewann schließlich fast den Anschein, als sei dieses Fest eine
Vorwegnahme eines späteren, und in seinen Augen lag es wie eine Garantie
der Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Frau Sintrup aber sagte, Pitt
sei nun genau so alt, wie ihr Mann damals gewesen war, als sie ihn zum
ersten Male sah. Nur habe der damals bereits einen Vollbart gehabt; --
ach Gott, ich weiß es noch wie heute; er steckte mir immer Bonbons zu,
und ich lauerte ihm auf, nur um die Bonbons zu kriegen. Na, dann wurde
es ja anders, aber wieviel Jahre gingen hin bis wir uns heiraten
durften, bis er Prokurist wurde! Und das pompöse Hochzeitsessen später!
Ich glaube, ich kann die Speisekarte noch heute auswendig. Natürlich
sagten die Leute, er habe mich des Geldes wegen geheiratet. Lieber Gott,
und wenn nun ein ganz bißchen Wahrheit daran gewesen wäre -- Aber Mausi!
rief Herr Sintrup, aber Mausi, was fällt dir ein! Alle lachten, aber
Frau Sintrup übertönte den Lärm mit ihrer Stimme: Ich hätte dich doch
auch niemals genommen, wenn Vater nicht ganz genauen Einblick in die
Verhältnisse gehabt hätte! Solidität muß sein. Andere waren ja noch
begeisterter für mich, wenigstens in ihren Redensarten; aber die taugen
für eine Ehe nicht, die verfliegen mit den Flitterwochen. Ich verzichte
gerne auf den Kram! --
Sie lehnte sich mit Behaglichkeit zurück und gedachte ihres ganzen
Lebens, das ihr auch nicht eine einzige Enttäuschung gebracht hatte. Daß
ihr Mann ihr zuweilen etwas untreu war, das rechnete sie nicht; das war
nur auf Geschäftsreisen und ging sie also gar nichts an. Hier zu Hause
liebte er nur sie, bereits seit fünfundzwanzig Jahren; -- in der ersten
Zeit war ihre Ehe kinderlos. Voll Zufriedenheit saß sie im Sofa und ließ
den Blick auf ihrem Bilde ruhen, das, von Schiller links, von Goethe
rechts flankiert, ihr gegenüber an der Wand hing.
Bald nach diesem Abend verließ Pitt seine Vaterstadt. Mit einer
Riesengeschwindigkeit, wie zu einer ungeheuren Aufgabe jagend,
durchschmetterte er das deutsche Land -- und in Wahrheit war ihm alles,
was mit Beruf und Aufgaben zusammenhing, nebensächlich und nicht der
Rede wert. Nur seine Einsamkeit empfand er, und die Sehnsucht, daß es
besser werden möchte.
Zweites Kapitel.
Pitt stand eines Tages im Vorsaal eines vornehmen Hauses: Er wolle das
Fräulein sprechen. Der Diener bat um seine Karte, er gab sie zögernd.
Dann wartete er in dem großen, stillen Salon. -- Ein junges Mädchen trat
herein, mit stumpfem, blondem Haar und ganz hellem Gesichte. Sie hielt
Pitts Karte in der Hand, und gespannt, wer sie da wohl besuche, warf sie
einen neugierigen Blick ins Zimmer, aus ihren graublauen Augen, die wie
zwei lichte, besondere Kämmerchen für sich allein erschienen. Sofort
aber nahmen sie einen halb überraschten, halb beunruhigten Ausdruck an:
was fällt Ihnen denn ein! sagte sie schnell und halblaut, das geht doch
nicht! Sie kennen uns doch nicht! Meine Mutter und meine Schwester
wissen doch gar nichts von Ihnen! -- Die will ich ja auch gar nicht
besuchen; sagte Pitt. -- Sie sah beunruhigt auf die Tür: Wenn meine
Mutter jetzt hereinkäme -- ich kann ihr doch nicht gleich die ganze
Geschichte erzählen -- so gehen Sie doch, hören Sie denn nicht --
meinetwegen warten Sie draußen, ich muß sowieso in die Stadt. -- Er war
noch einen Augenblick wie unschlüssig, aber da schien es, als wollte sie
ihn in ihrer Unruhe vor sich herschieben; er lachte und ging eilig und
lautlos durch die teppichbelegte Vorhalle, an dem Diener vorbei, wie ein
Dieb, der einiges Silber in die Tasche gesteckt hat und sich bemüht, nun
möglichst harmlos dreinzuschauen. Fast wäre er gegen eine äußerst
elegante, schlanke junge Dame geprallt, die ins Haus schritt und ihn
jetzt mit einem etwas erstaunten Blicke maß. Es war Hedwig van Loo,
Elfriedes ältere Schwester. -- Wer war dieser junge Mensch? fragte sie
als sie zu ihr ins Zimmer trat. -- Ein Freund von mir! sagte Elfriede
gleichgültig und kurz; Hedwig zog ein wenig pikiert die Augenbrauen
hoch; die Unterhaltung war abgeschlossen. Elfriede nahm einige Noten vom
Flügel und verließ das Haus. Wie sie draußen an der Ecke Pitt erblickte,
lachte sie, als sei es ein lebendig gewordener Witz, der da vor ihr
stände. Er begriff noch immer nicht, daß sie ihn fortgeschickt habe. --
Wenn ich nur vorher genau gewußt hätte, daß _Sie_ das wären! sagte sie,
aber in dem Augenblick war ich ganz verwirrt. Eigentlich, fuhr sie nach
einer Pause fort, ist doch unsere Bekanntschaft auch recht sonderbar. --
Das finde ich gar nicht! Ich finde sie im Gegenteil höchst natürlich.
Ich habe noch nie im Leben einen Menschen auf so natürliche Weise kennen
gelernt wie Sie. -- Ich auch nicht! fiel sie schnell ein, aber gerade
deshalb finde ich es so komisch. -- Und eigentlich kenne ich Sie ja auch
jetzt noch so gut wie gar nicht! fuhr er fort. -- Ja das ist wahr! sagte
sie sehr ernsthaft und ging unwillkürlich etwas gemessener. -- Wenn Sie
wirklich in unser Haus kämen, fuhr sie nach einer Pause fort, so müßte
ich meiner Mutter doch irgend etwas vorher sagen, das geht gar nicht
anders. -- Gut, dann tun Sie das, und dann komme ich morgen wieder. --
Bitte -- sagte sie stolz, das hängt doch von mir ab, ich muß mir das
sehr überlegen. Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Pitt: Weshalb
tragen Sie eigentlich täglich diese Mappe? -- Weil ich täglich in die
Stunde gehe! Sie haben mich schon zweimal danach gefragt und jedesmal
dieselbe Antwort bekommen. Und als er bestätigend nickte, fragte sie:
Sind Sie öfter so zerstreut? -- Er erfuhr jetzt, daß sie sich ganz im
Klavierspiel ausbilde, viel habe sie schon gelernt, aber noch lange
nicht genug. Die Lehrer seien hier nicht besonders gut, sie wolle später
nach Paris gehen. Darauf teilte er ihr mit, er mache niemals Pläne,
alles käme ja doch immer so, wie es kommen müsse. Sie fand das dumm; er
bewies es ihr an seinen letzten Erfahrungen: Eigentlich, wenn es nach
dem Plan gegangen wäre, säße er jetzt ganz wo anders. Er habe sich
irgendeine Universitätstadt ausgesucht, aber mitten auf dem Bahnhofplatz
habe er dem Gepäckträger gesagt, er wolle umdrehen, er wolle
weiterfahren. -- Weshalb? -- Pitt zuckte die Achseln. -- Und dann sind
Sie weitergefahren? -- Jawohl, bis ich hier war, und da dachte ich: Nun
ist es richtig. -- Elfriede machte einen etwas spitzen Mund und sagte in
kleinen Tönen: Sie scheinen die Originalität zu lieben. -- Über diese
Worte ärgerte er sich, da sie ihn gar nicht trafen. -- Jetzt werde ich
nur noch in einem kleinen Kreis von Möglichkeiten herumgetrieben, sagte
er nach einer Pause, denn ich ziehe fortwährend von einer Wohnung in die
andere. Sie fand dies toll und direktionslos -- ein Ausdruck, den Hedwig
gern gebrauchte. Er sah halb von der Seite auf ihr Gesicht, und nach
einem kleinen Nachdenken sagte er: Ihnen geht es ja gerade so wie mir!
Sonst würden Sie doch hierbleiben und nicht durchaus nach Paris wollen!
-- Das ist doch etwas ganz anderes! Gerade das Gegenteil davon! Ich
folge doch dabei einem ganz festen Plane! Er bestritt dieses, sagte, das
rede sie sich nur ein, und berief sich auf seine Menschenkenntnis. --
Dann ist Ihre Menschenkenntnis keinen Pfennig wert! rief sie rasch und
ärgerlich. Er lachte und sah sie aufmerksam an. Ich meinte das auch gar
nicht so! Ich wollte nur gerne einmal sehen was Sie für ein Gesicht
bekommen wenn Sie böse sind! -- Nun war sie wirklich böse, hob den Kopf,
antwortete nichts und schritt schneller. Ein wenig unsicher blickte er
ab und zu auf ihr Profil, auf ihre feine, ein ganz wenig stumpfe Nase,
die so fest und eigensinnig in die Luft sah. -- Seien Sie doch nun
wieder anders! sagte er endlich. Da lachte sie und meinte, er sei ein
komischer Mensch. -- Sie hatten jetzt ein großes Haus erreicht,
Elfriedens Ziel, und verlangsamten ihren Schritt; Pitt, der es nicht
gewohnt war, eine gleichmäßig schnelle Gangart einzuschlagen, hatte in
den Beinen ein Gefühl, wie wenn ein Räderwerk im Ablaufen sei. -- Wenn
Sie nun wirklich nichts zu Hause sagen, dann sind Sie in Zukunft nie
mehr vor mir sicher. Ich erkenne Sie auf hundert Schritte. -- Das ist
nicht wahr! sagte sie blindlings, nur um zu widersprechen. -- Wollen wir
wetten? -- Sie schwieg wie im Nachdenken, dann sagte sie auf einmal:
Wollen Sie morgen mit mir spazierengehen? Bis dahin sage ich dann alles
meiner Mutter. -- Er war sehr überrascht über diese plötzliche Wendung
und sagte zu. Sie verabredeten die Stelle wo sie sich treffen wollten,
dann verschwand sie im Gebäude, nachdem sie noch einen kleinen
spitzbübischen Blick auf ihn zurückgeworfen hatte, als wisse sie etwas
ganz Besonderes. Er hatte wieder Gelegenheit, ihren rhythmischen Gang zu
bewundern, das erste was ihm an ihr aufgefallen war, damals, in der
ersten Zeit, als er immer, wenn er sie sah, den Mantelkragen hochklappte
und wie ein Krüppel tat, aus Furcht, sie möchte ihn sonst für einen Don
Juan halten. -- -- Am nächsten Tag war er pünktlich um die angegebene
Zeit auf der Allee. Lange wartete er vergebens, endlich setzte er sich
auf eine Bank. Guten Tag, sagte da ein halbwüchsiger Knabe neben ihm,
und sah pfiffig in die Luft hinaus. Im selben Moment erkannte er
Elfriedes stumpfes, feines Profil. Die Haare hatte sie unter einer
weichen Mütze verborgen, der dunkelblaue, nur oben leicht geöffnete
elegante Tuchmantel mit den breiten Aufschlägen und den Metallknöpfen
reichte ihr genau bis an die Waden; sie trug schwarze Strümpfe und
Schnallenschuhe, ihr Hals war frei unter dem Matrosenkragen. -- Sehen
Sie, sagte sie stillvergnügt, ohne sich zu rühren, nun haben Sie mich
doch nicht erkannt! Ihr Scharfblick ist etwas mäßig. -- Sie sprang auf,
und wie sie nun dastand, konnte man sie für einen Knaben oder für ein
Mädchen halten. -- Wir nehmen einen Wagen! sagte sie; ich möchte schnell
heraus ins Freie; draußen kann er umkehren und wiederkommen, wenn wir
ihn brauchen. -- Pitt war etwas befangen durch diese neue Wandlung, und
wie sie nun nebeneinander herfuhren, konnte er nicht gleich den rechten
Ton wiederfinden. Zudem sah er sie zum erstenmal im hellsten
Tageslichte, unter einem klaren Himmel. -- Sie lehnte sich zufrieden in
die Ecke zurück. Vorne an der Stirne schauten ein paar blonde Härchen
durch; die Lider hatte sie vor Vergnügen halb geschlossen; mit
Genugtuung lugte sie auf die Menschen, und ihre Lippen spitzten sich
unmerklich, wenn eine ihr bekannte Dame den Blick gleichgültig über sie
hingehen ließ. -- Endlich hielt der Wagen; sie waren im Freien. -- Wo
gehen wir nun hin? fragte sie. Es stellte sich heraus, daß Pitt auch
nicht eine Ahnung von der ganzen Gegend hatte, obgleich er nun schon
seit ein paar Wochen hier war. Er fand solche Frage überflüssig: Man
geht einfach los, wohin die Beine gehen. Irgendwo wird man schon
ankommen. Ein Baum ist ja doch genau so wie der andere! -- Sie wollte
aber ein festes Ziel vor Augen haben: Man geht mit einem ganz anderen
Vergnügen, wenn man weiß, wohin es geht, und mit einem viel
gesicherteren Gefühl; und dann hat man doch auch eine Vorfreude! --
Vorfreude? fragte er, was ist das? -- Ihr fiel etwas Schönes ein und sie
nahmen eine feste Richtung. Sie griff das Gespräch wieder auf: Wenn ich
kein festes Ziel vor Augen sähe, so wäre mir das Leben überhaupt nichts
wert; ich weiß ja nicht ob ich etwas Großes erreichen werde, aber ich
versuche es doch wenigstens, habe den guten Glauben daran und arbeite so
fest los darauf wie ich kann. -- Und wenn Sie es _nicht_ erreichen? --
Sie sah ihn ganz erschrocken an. -- Daran darf man nicht denken; wenn
man gleich so denken will, braucht man überhaupt nicht anzufangen. --
Das soll man auch nicht. -- Aber Sie haben doch auch einen Lebensplan?
-- Er zuckte die Achseln: irgend etwas muß man doch tun. -- Das fand sie
schwächlich und verächtlich und wollte nichts mehr davon hören; es
verderbe ihr die schöne Stimmung. Sie steckte die Hände in die Taschen
ihres Mantels und trat vergnügt einen Stein vor sich her. -- Wissen Sie,
fragte sie nach einer Weile, warum ich mich so verkleidet habe? Erstens
wollte ich Sie anführen, und dann hatte ich die Idee hier draußen mit
Ihnen einen Wettlauf zu machen, um Sie einmal etwas in Gang zu bringen.
Aber ich ahne schon, daraus wird nichts; ich halte Sie für ungeheuer
faul. -- Sie war stehengeblieben und sah ihn wettkampflustig an. -- Erst
später! sagte er; nicht alles gleich auf einmal. -- Sie verließen nun
den Wald und kamen in das offene Feld, zur Landstraße. Und nach einer
Weile fragte sie: Wollen Sie nun _erst_ wettlaufen und _dann_ etwas
essen, oder erst _essen_ und dann _wettlaufen_? -- Erst wettlaufen!
sagte Pitt, der schon gehofft hatte, sie würde das Ganze vergessen.
Sofort zog sie ihren Mantel aus und warf ihn auf die Erde, merkte einen
Baum als Ziel an, kommandierte: los, und Pitt hatte noch ehe er sich in
Bewegung setzte, gerade Zeit genug zu denken: was ist dies für ein
Blödsinn! Hätte ich sie doch niemals kennen gelernt! Aber dann drohte
sie ihn zu überholen; er mußte seine ganze Kraft anstrengen, an ihrer
Seite zu bleiben; sie erreichten das Ziel gleichzeitig, aber Elfriede
rief: weiter, bis zum weißen Stein; und nun überholte sie ihn, prallte
an einen Baum, umarmte ihn und rief: ich bin die erste! Die Haare hingen
ihr zerzaust vom Wind um den Kopf, die Mütze hatte sie hinter sich
geworfen als sie sich löste. Sie sah Pitt erschöpft und vergnügt an und
sagte ohne jeden Zusammenhang: Wissen Sie, daß ich gestern in Gedanken
»Schaf« zu Ihnen gesagt habe?
Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen in einer kleinen
Bauernwirtschaft, unter niedrigen Bäumen. Elfriede hatte das Laufen gut
getan, sie war mitteilsam und vergnügt geworden, hatte ihren früheren
Ernst ganz aufgegeben und antwortete nicht mehr so sachlich und
gründlich auf seine Meinungen und Ansichten, worüber er sich innerlich
vorher geärgert hatte. Dafür erzählte sie jetzt eine Menge Geschichten,
wie sie ihr gerade einfielen, aus ihrer Kindheit, von ihren
Geschwistern, und schließlich von ihren verschiedenen Stunden. Sie hatte
noch immer Unterricht in einigen Fächern, besonders in der Mathematik,
die ihr viel Freude mache. Ihr Mathematiklehrer heiße Herr Könnecke, den
müsse Pitt unbedingt einmal kennen lernen, denn er sei sehr komisch:
Früher war er noch mein Rechenlehrer und kam stets nachmittags; ich
hatte ihn immer gern, aber ich mußte ihn ärgern, das ging gar nicht
anders. Und Harald, mein Bruder, der jetzt fort ist, in Pension, und dem
der Anzug hier gehört, war mit im Bunde: Er stellte sich unten ins
Vestibül und durchweichte Herrn Könneckes Hut und Mantel mit der
Blumenspritze. Nach der Stunde ging ich dann mit hinab, Herr Könnecke
zog sich an, fühlte die Nässe und sagte: das ist ja mal wunderbar! Ich
wußte gar nicht, daß es geregnet hatte. Und dann fand er seinen Schirm,
der aus Versehen trocken geblieben war, und forderte mich auf zu äußern,
was ich meine. Ich stand da ganz verlegen, währenddessen war ihm die
Sache selber klar geworden und er belehrte mich: Der Schirm, so sagte
er, muß noch vom letztenmal her stehengeblieben sein, eine andere
Erklärung ist unmöglich! -- Sie lachte selbstvergessen hell auf in der
Erinnerung, ein leises kindliches Jauchzen, und Pitt sah sie voll
innerer Freude an. Und wie sie nun weiter erzählte, achtete er kaum auf
ihre Worte, sondern sah nur immer auf ihren Mund, auf ihre Nasenflügel,
die sich leise mitbewegten, und in ihre hellen Augen, deren Winkel sich
manchmal lustig zusammenzogen, und dann wartete er darauf, ob auch ihre
Hände, ihre schlanken Finger, die so fest und wohlgebildet waren,
mitsprechen würden, und er versetzte sich so sehr in die ganze Art ihrer
Bewegungen, daß er einmal aus Versehen den Arm leise miterhob. -- Nun
erzählen Sie aber auch einmal etwas von sich selbst! sagte sie endlich,
indem sie ihm den Teller mit dem letzten Stück Kuchen hinschob. Ich habe
Ihnen doch auch soviel von mir erzählt. -- Von mir? fragte er und setzte
nach einer Pause hinzu: das würde nicht auf all das Schöne passen, was
Sie mir gesagt haben; meine Erinnerungen sind wie eine farblose Masse in
einem Eimer, und wenn ich da hineingreife, finde ich nichts Festes und
es ekelt mich nur. -- Aber das muß ja furchtbar sein! sagte sie und sah
ihn ganz erschrocken an. Haben Sie denn nie einen Menschen lieb gehabt?
-- Er besann sich, was er hierauf antworten solle, denn alles was er
hätte sagen können erschien ihm dumm. Sie empfand plötzlich, daß ihre
Frage zu nah gewesen sei. -- Sie haben einen Bruder? fragte Pitt, der
das Gespräch von sich ablenken wollte; sieht er Ihnen ähnlich? -- Sie
nickte voll Stolz für sich selber, da sie Harald so sehr lieb hatte:
Früher war er immer voll toller Streiche; er wurde zu wild bei uns.
Anfangs hatte er noch Angst vor Hedwig, aber dann kam es einmal zu einem
schrecklichen Auftritt zwischen ihnen. Nun ist er fort, und wenn er nach
Hause kommt ist alles wunderschön. -- Pitt blickte auf den Anzug, und
die Vorstellung, den Knaben, ihren Bruder, darin zu sehen, wurde so
stark in ihm, daß er auf einmal schnell den Kopf hob und fragte: Hat er
nicht ganz spitze Eckzähne? So sehe ich ihn vor mir! -- Sie sah ihn
überrascht an, indem sie es bestätigte: Niemand weiter von uns hat
solche Zähne! -- Hören Sie! unterbrach sie sich selbst, indem sie den
Finger hob. Dicht über ihnen schmetterte ein kleiner Vogel seinen Ruf.
-- Ist das eine Drossel? fragte Pitt; eigentlich kannte er nur
Sperlinge, und glaubte durch diese Namensnennung schon Naturkenntnisse
zu zeigen. Sie schüttelte den Kopf: Ein Fink ist es, sehen Sie, da oben
sitzt er! Sie beugte sich etwas vor und sah vorsichtig hinauf. Das
kleine Tier hatte seine Tonkaskade noch einmal in die Luft geschleudert,
daß sich die feinen Federn an seiner Kehle sträubten, jetzt senkte es
den Kopf neugierig, mißtrauisch nach unten, stemmte sich einen Moment
halb unschlüssig mit den Füßen gegen den Zweig und flog davon. Pitt sah
ihm gutwillig nach.
Die Sonne warf jetzt schräge Strahlen durch die Baumstämme. Wir müssen
fort! sagte Elfriede, sonst kommen wir zu spät. -- Auf dem Wege fiel ihr
wieder ein, wovon sie zuletzt geredet hatten, und sie fragte ihn noch
einmal, woher er das mit den Eckzähnen wisse. -- Er lachte: das dachte
ich mir bloß, es hätte ja ebensogut nicht stimmen können. -- Sie fand
das sehr sonderbar. -- Ebenso, sagte er nach einer Weile, bilde ich mir
eben, wo ich darüber nachdenke, ein, daß Sie nur im Februar Geburtstag
haben können, ich weiß selber nicht weshalb. -- Sie blieb stehen: _Das_
hat Ihnen aber jemand gesagt! Von selber können Sie das nicht wissen! --
Er lachte belustigt über ihre Sicherheit, schüttelte den Kopf, und so
mußte sie ihm endlich glauben. Und nun fühlte sie etwas wie Respekt vor
ihm. -- Sie erreichten den Wagen, der an der Waldecke hielt, und fuhren
zur Stadt zurück. -- Sie kommen doch mit zum Abendessen? -- Als er mit
der Antwort zauderte, fuhr sie bekräftigend fort: Sie müssen mit! Sie
werden doch erwartet! -- Erwartet? fragte er; das klingt ja gräßlich.
Sie verstand das nicht und sagte, es sei doch ein ganz gebräuchliches
Wort. -- Ich finde, beharrte er, es klingt furchtbar; nach
Vorbereitungen, Händedrücken und Verbeugungen. -- Übrigens entsprachen
seine Befürchtungen nicht der Wirklichkeit. Frau van Loo hatte keine
Ahnung, daß Elfriede mit Pitt spazieren ging, erwartete ihn also auch
nicht zum Essen. Elfriede hatte ihr am Morgen von ihrer Bekanntschaft
mit Pitt erzählt, sie hatte schweigend zugehört und dann gesagt: Er soll
einmal zum Tee kommen, da werden wir ihn dann besichtigen. -- Auf diesen
Worten fußend, dachte Elfriede, sie dürfe sich wohl auch erlauben, ihn
gleich zum Abendessen mitzubringen. -- Ich bin im Augenblick wieder da!
sagte sie leise zu Pitt, als sie nun zu Hause in der Halle standen; ich
will nur schnell hinauf und mich umziehen. Meine Mutter soll nicht
wissen, daß ich in Haralds Anzug mit Ihnen spazieren ging, und Hedwig,
wenn die es erführe -- sie würde acht Tage lang darüber reden. Gehen Sie
ins Flügelzimmer, dort sind Sie allein! Und ehe er sich besinnen konnte
zu fragen, wo das Flügelzimmer sei, war sie schon die Treppe
emporgelaufen. Da stand er nun, sah sich die verschiedenen Türen an und
dachte endlich: Ich gehe hier hinein. --
Unter einer breiten, mit schwarzrotem Stoff verhängten Lampe, die ihr
Licht voll nach unten warf, saß eine stattliche Dame mit jugendlichen,
schönen Gesichtszügen und schimmernd silbernem, vollem Haar. Langsam
wandte sie den Kopf zu ihm von ihrem Buche.
Pitt konnte nicht mehr zurück. -- Wenigstens, so dachte er in aller
Schnelle, ist kein Vater da. Er hatte im Adreßbuch gelesen, daß sie die
Witwe eines Großkaufmanns war. Langsam näherte er sich ihr und blieb
endlich stehen, indem er eine etwas linkische Verbeugung machte. Sie zog
die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, ohne ihre Stellung zu verändern
und sagte mit gemäßigtem Erstaunen und einer Stimme, die merkwürdig
gesichert klang: Wer sind Sie denn und wie kommen Sie so plötzlich hier
herein? Pitt nannte seinen Namen; Frau van Loo schien einen Augenblick
nachzudenken, dann führte sie den Blick auf ihn zurück und sagte: Ach
Sie sind der, mit dem meine Tochter gestern spazieren gegangen ist. Und
sah ihn mit einem Blick an, als wolle sie sagen: Eigentlich finden Sie's
auch wohl ein wenig komisch. -- Heute auch, sagte Pitt. -- Heute auch?
-- Davon hat mir Elfriede nichts gesagt, dachte sie. Sie hieß ihn Platz
nehmen, sagte mit fast naiver Freundlichkeit: Was für ein Mensch sind
Sie eigentlich? und sah dabei ohne allzu große Besorgnis auf sein
Gesicht, das ihr wie das eines frühreifen, etwas melancholischen Kindes
erschien. Aber ehe er irgend etwas antworten konnte, ging die Tür auf
und Elfriede trat herein, noch immer in ihrem Knabenkostüm. -- Ich
wollte mich eigentlich umziehen, aber ich finde es dumm, dir nicht zu
sagen, daß ich in Haralds Anzug ging. Ich hatte ja außerdem den langen
Mantel darüber! Frau van Loo verschwieg etwas, musterte sie und sagte:
Sollte dieser Offenheit nicht etwas Eitelkeit zugrunde liegen? Dann
entließ sie sie mit einem nachlässigen, zärtlichen kleinen Schlage ihrer
Fingerspitzen. -- Elfriede zog sich wieder zurück, und gerade, als Frau
van Loo ihr Gespräch mit Pitt wieder aufnehmen wollte, ward draußen eine
Damenstimme laut, die äußerst gelenk klang und so, als sei sie gewohnt
zu reden und gehört zu werden. Hedwig trat ein, dieselbe Hedwig, die
Pitt am ersten Tage flüchtig sah, und von der Elfriede erzählte, sie
habe jenen schrecklichen Auftritt mit Harald gehabt. Pitt ward
vorgestellt, sie erkannte ihn augenblicklich, schien überrascht, nickte
kühl mit dem Kopfe und sagte: Also mit Ihnen ist meine Schwester in
diesem Aufzuge gegangen? Und dann redete sie mit ihrem schnellen Tonfall
Sachen, die sämtlich unangreiflich waren. -- Die stille Stimmung des
Zimmers war mit ihrem Eintritt verändert, so wie wenn man ein Fenster
geöffnet hätte. Jetzt drehte sie nebenbei noch an einem kleinen Knopf
auf der Tapete, daß der Raum plötzlich im hellen Lichte des
Kristallkronleuchters lag, und sagte, dieses Dämmerlicht habe etwas
Totenhaftes.
Alle Farben erschienen nun viel wirklicher, und Pitt kam es vor, als sei
sie selber plötzlich die Seele dieses Raumes geworden. -- Kommen Sie
eigentlich gerade von einem Ritt? fragte er nach einer Weile. -- Wieso?
fragte sie zurück, etwas erstaunt über die Direktheit der Frage, denn
sie kannten sich ja gar nicht; haben Sie mich schon einmal reiten sehen?
-- Er schüttelte den Kopf. -- Morgen besorge ich eine Leine! wandte sie
sich an ihre Mutter; Lili hat nicht die Spur von Anhänglichkeit; sie
läuft wohin sie will und ist wie besessen. Da kommt es, dies Geschöpf!
-- Die Tür öffnete sich, und mit Elfriede trat ein glatthaariges, weißes
Hündchen ein, indem es sich ungeduldig zwischen ihr und der Tür
hindurchzwängte. Es lief auf den Teppich zu, vollführte einige rasende
Bewegungen um sich selbst, prustete und nieste, bohrte den Kopf in den
Boden, strich sich die Schnauze nach links und rechts ab, sprang auf
Frau van Loo zu, legte ihr die Pfoten aufs Kleid und sah sie, als sei
nichts geschehen, aus seinen blanken, rötlich-schwarzen Augen klug und
blinzelnd unbeweglich an. Aber Hedwig sagte, es gehöre hinaus, schritt
zur Tür und rief es. Es hob aufmerksam die Ohren, ließ die Pfoten
niedergleiten und raste durch den Raum. Im nächsten Augenblick war es
ausgesperrt, und das Gerassel seiner Klauen an der Tür verstummte erst,
als der Diener es fortführte. -- Das ist unser Haus- und Plagegeist!
sagte Frau van Loo; und wenn es einmal zu einer Trennung zwischen uns
kommt, so ist es seinetwegen. Ich und Elfriede lieben es, aber Hedwig
kann es nicht leiden. Doch es ist einmal da und wird sich zu behaupten
wissen! Hedwig verteidigte ihre Abneigung: Sie könne nur Tiere leiden,
die Nutzen hätten, Foxterrier seien überdies abscheulich. Und da
Elfriede leise mit Frau van Loo redete, so wandte sie den Rest ihrer
Auseinandersetzungen wohl oder übel an Pitt, und unterbrach sich nur ein
einziges Mal, als sein Gesicht für einen Augenblick vollkommen vor ihr
verschwand, da ihre Mutter das elektrische Licht wieder abdrehte: Mama,
was sollen diese Späße? Aber Frau van Loo sagte mit ihrer sicheren,
freundlichen Stimme: Mein süßes Kind, ich bin die Herrin im Hause. --
Elfriede hatte ihr inzwischen heimlich mitgeteilt, sie habe noch ein
Gedeck für Pitt zur Abendtafel auflegen lassen, da sie ihn aus Versehen
zum Essen eingeladen habe. Frau van Loo schwieg, dann sagte sie:
Elfriede, dein Sündenkonto steigt immer mehr; wir werden noch abrechnen!
-- Friedrich, der Diener, meldete, das Essen sei bereit. Hedwig wartete
vergeblich, daß Pitt sich nun endlich entfernen würde. Ein schneller
Blick auf den Tisch nebenan überzeugte sie jetzt, daß er zum Abend
eingeladen war. Niemand hatte ihr dies mitgeteilt; sie empfand das als
rücksichtslos. Wer war überhaupt dieser Mensch, der so plötzlich bei
ihnen auftauchte, dessen Namen sie nicht einmal richtig wußte? Wie hatte
Elfriede ihn kennen gelernt? Hedwig war erfahren genug, zu wissen, daß
sie nichts aus ihr herausfragen würde. -- In früheren Jahren war ihr
Elfriede vollständig unterworfen gewesen, mit der Zeit aber war sie in
eine bewußte Opposition zu ihr getreten, hatte sie ihren Einfluß
abgeschüttelt. Hedwig wurde es schwer, auf die gewohnte Macht zu
verzichten, in der Übergangszeit gab es unerquickliche Kämpfe, jetzt
hatte sie allmählich resigniert, und nur gelegentliche kleine
Bitterkeiten und vor allem Bloßstellungen vor andern waren die einzige
Genugtuung für das Verlorene.
Jetzt kam sie sich unwürdig behandelt vor, sie hatte Verantwortung vor
dem Hause im allgemeinen, sie saß pikiert und kühl auf dem Stuhle und
tat als sei Pitt überhaupt nicht da. Dabei brannte ihr die Frage auf der
Lippe, und endlich konnte sie sich nicht länger beherrschen: Woher
kennen Sie eigentlich meine Schwester? fragte sie über den Tisch
hinüber. Der Ton klang für alle unerwartet, so gereizt war er. -- Pitt
fühlte sich augenblicklich in einem altgewohnten Fahrwasser, es machte
ihm Freude, diese junge Dame zu ärgern, und er sagte: Von der Straße! Es
folgte eine kurze Pause. -- Mit andern Worten: Sie haben sie auf der
Straße gesehen und sind dann einfach in unser Haus gekommen? -- Ganz
richtig! entgegnete er in einem Tone, wie etwa ein Lehrer die Antwort
eines Schülers begrüßt, den er auf den rechten Weg geleitet hat. -- Was
für ein kindlicher Grobian! dachte Frau van Loo und sah ihn halb mit
Sympathie, halb mißbilligend an. -- Das ist ja höchst eigentümlich!
sagte Hedwig. -- Eigentümlich? fragte Elfriede, mit einem aggressiven
Blick von ihrem Teller her, ich möchte wissen, was dabei eigentümlich
ist! -- Sagen wir einfach, bemerkte Frau van Loo, und warf einen stillen
Blick zu Hedwig hinüber, Herr Sintrup ist ein Findelkind, das wir in
unserm Hause entdeckt haben. Aber Hedwig reizte dieser Blick, den sie
als eine stumme Zurechtweisung empfand; sie überhörte die einlenkenden
Worte ihrer Mutter, die ihr abgeschmackt erschienen, und fragte mit
plötzlicher Taktlosigkeit, wie sie zuweilen aus ihrem gesellschaftlich
sicheren Benehmen hervorsprang: Woher stammen Sie? Was ist Ihr Vater?
Elfriede legte mit einem Ruck die Gabel auf den Tisch. In diesem
Augenblick trat der Diener wieder ein, Frau van Loo half mit
gesellschaftlichem Geschick über die Situation hinweg. Aber die Stimmung
war einmal gestört, und Elfriede war froh, als das Essen beendet war.