Makart war ein wortkarger Mann. Einst wurde er Tischnachbar der

Geistinger -- blieb aber still wie immer.

Eine Weile hörte sichs die Geistinger an. Dann sagte sie:

„Wissen S was, Makart? Schweigen mir jetzt von was anderm.“

*

Als Gedon und Leibl in Wien studierten, da wohnten sie zusammen in

einem Zimmer.

Eines Abends, zu sehr vorgerückter Stunde, geriet Leibl in irgendeiner

Kneipe in Streit mit Makart. Leibl, der Riese, setzte seinen Bierkrug

auf den Tisch, daß er in Stücke ging und ihm die Hand zerschnitt. Gedon

brachte den blutenden, trunkenen Kameraden heim und schaffte ihn ins

Bett.

Gegen drei Uhr morgens ein Rascheln, ein Plätschern, ein Stühlerücken.

Leibl hantierte mit der Waschschüssel, am Koffer, am Schrank.

Gedon fragte ihn überrascht: was er denn treibe?

Und Leibl noch überraschter:

„Ja, Mensch -- weißt du denn nicht? Ich muß doch fliehen -- ich habe

Makart erschlagen.“

*

Und nun, nach so vielen Geschichten, deren Zeuge oder Erzähler

Professor von Stieler war, auch eine Begebenheit, deren Held er selbst

ist:

Ein junger Akademiker -- Trattner -- hatte Stielers schier

übermenschliche Menschenliebe schamlos ausgenutzt; hatte sich im ersten

Jahr eine runde kleine Summe von Stieler gepumpt und dann jedes Jahr

das Schulgeld und etwas mehr dazu. Bis die Schuld zu ansehnlicher Höhe

gewachsen war.

Und als wieder ein Termin verstrich und noch einer -- wohl der

zwanzigste -- von Trattner keine Botschaft und kein Pfennig -- da rief

Professor von Stieler, und seine Augen flackerten wild:

„An dem Kerl, an dem werd ich ein Exempel statuieren. Er wird was von

mir erleben. Ohne Gnade...“ (hier schwollen des Professors Zornadern.)

„... ohne Gnade schreib ich ihm einen Mahnbrief.“

*

Man muß wissen, daß Professor von Stieler aus einem Beruf kommt, der

herzversteinernd wirkt: Stieler war einst, eh er sich der Kunst seines

Vaters zuwandte, Jurist und so etwas wie Staatsanwaltsubstitut.

Man erzählt in München, wie er einst einen Muttermörder anklagen

sollte. Der Muttermörder weinte und jammerte, wie schlecht es ihm immer

ergangen wäre; nur in seiner äußersten Not hätt er dann endlich den

Raubmord an der eignen Mutter verübt.

Der Staatsanwaltsubstitut ward gerührt und immer gerührter; fühlte

das Elend des Angeklagten mit und stellte schließlich den Antrag: die

Notlage dieses Menschen wäre wirklich fürchterlich gewesen; immerhin,

für den Muttermord gebühre ihm ein Verweis.

Diese Geschichte hat sich niemals zugetragen -- sicherlich nicht. Doch

der sie erfand, hat des alten Herrn Charakter damit aufs treffendste

gezeichnet. So ist es ja in aller Welt wohl mit den Anekdoten; auch

wenn sie sich zufällig nie abgespielt haben: ihr Geist ist immer wahr.

*

Meister Max Nonnenbruch erzählt von einem Besuch, den er vor ein paar

Jahren dem verstorbenen Alma Tadema in London gemacht hat.

Alma Tadema führte den Münchener Kunstgenossen nicht ohne Stolz in

seinem Palais umher und ließ alles nach Gebühr bewundern -- besonders

die Palmen; es waren herrliche Bäume darunter.

„Man sieht, daß Sie hohe Preise für Ihre Bilder erzielen,“ meinte

Nonnenbruch.

„O, sagen Sie das nicht. Ich habe erst unlängst ein Bild mit Müh und

Not an den Mann gebracht.“

„Wie ist das möglich?“

Alma Tadema berichtete:

„Es war ein Akt, ich nannte ihn ‚Venus.‘ Dutzende von Kunsthändlern

hatten bei mir vorgesprochen und sich mit verlegenen Mienen und

Achselzucken abgewendet -- denn in England kauft man keine Akte. Da

stellte ich das Ding in irgendeine Ecke und beachtete es weiter nicht.

-- Kommt da unlängst wieder ein Händler zu mir und verlangt, ein Bild

zu erwerben.“

„Ich habe nichts.“

Der Mann wird immer dringender.

„Ich habe nichts.“

„Doch, Sir -- hier in der Ecke, sehen Sie...“

„Ach, das ist eine Venus. Die ist nicht anzubringen.“

„Wenn ich sie aber haben möchte?“

„Ich sage Ihnen doch: sie ist nicht anzubringen. Kein Mensch will bei

uns solch ein Bild im Zimmer hängen haben.“

„Nun,“ sagte der Mann, „ich bin volljährig und willens, mein Geld zu

wagen. Was kostet das Bild?“

„Sie kennen meinen Preis: tausend Guineen.“

Der Mann schreibt einen Scheck aus, nimmt sein Bild und geht.

Nächstens begegne ich ihm in der Ausstellung und denke mir: dem Mann

weichst du lieber aus.

Er aber kommt strahlend auf mich zu und ruft:

„Ein herrliches, ein glänzendes Geschäft. Ich bin Ihnen außerordentlich

dankbar, Sir Tadema!“

„Ja, Mensch, wie haben Sie es nur angefangen, das Bild loszuwerden?“

„Ganz einfach: ich nannte es ‚Die Unschuld‘; andern Tags hatte ich

dreitausend Guineen dafür.“

*

Bei Max Nonnenbruch stand ein Mädchen Aktmodell -- ein junges Ding

natürlich und wohlgewachsen. Kein Wunder eben, daß sie eines Tages

einen Brillantring am Finger trug, das Geschenk eines nobeln Verehrers.

Doch allzu sicher der Noblesse schien sie nicht zu sein -- sie fragte

Nonnenbruch, ob der Ring auch gewiß echt wäre.

„Fräulein,“ erwiderte Meister Nonnenbruch, „davon verstehe ich nichts.

Sie müssen zu einem Juwelier gehen.“

Am nächsten Tag erzählte das Fräulein:

„Ich hab den Juwelier gefragt. Wissen Sie, wie hoch er den Ring

schätzt? Drei Mark. Wissen Sie aber auch, was ich getan habe? Meinem

Schatz hab ich gesagt: „Du,“ hab ich gesagt, „ich hab deinen Ring

verkauft -- unter Garantie -- für fünfhundert Mark.“ -- Da ist der

falsche Kerl fein blaß worden. -- „Und dann,“ sag ich, „hab ich meine

Schneiderrechnung davon beglichen. Kaum hab ich sie beglichen, da

kommt der Käufer wieder und nennt mich eine Betrügerin und will seine

fünfhundert Mark -- der Ring wär unecht -- sonst bringt er mich ins

Gefängnis. Ich fürcht mich nicht vor dem Gefängnis. Ich sag vor Gericht

einfach, von wem ich den Ring hab -- und er muß echt sein.“ -- Da ist

mein Schatz, der falsche Hund, ganz kreideweiß geworden und hat sein

Tascherl zogen und hat mir fünfhundert Mark geschenkt.“

*

Studierte da ein junger Mann aus Jüterbog in München; hatte daheim

im Norden einen Onkel sitzen, bezog eine Rente von ihm und lebte in

München frisch und froh.

Plötzlich ein schrecklicher Umschwung: dem Onkel dort oben war des

lieben Neffen Studium allgemach zu lang geworden, die Geldansprüche gar

zu hoch -- der Onkel machte kurzen Prozeß und stellte die Rente ein.

Was tut man in solchem Fall? Man schreibt dem Onkel einen

herzbeweglichen Brief.

Und der Junge tat es. Schrieb: wie dankbar er dem lieben Onkel

allzeit wäre -- wie fleißig er studiert hätte, wie weit er es gebracht

-- und jetzt grade, im letzten Augenblick, wolle der liebe Onkel

ihn verlassen? Jetzt, wo der begabte Neffe sich schon einen Namen

in München gemacht habe, wo er mit den Berühmtesten verkehre, mit

Kaulbach, Grützner, Stuck und Defregger?

Der Oheim hörte es gern -- nur glaubte er es nicht recht; und fuhr

augenblicks von Jüterbog nach München, um sich von seines Neffen Ruhm

zu überzeugen.

Herrgott, der Onkel ist da! Da war guter Rat teuer. Doch der Neffe

wußte einen: er veranstaltete einen netten Abend im Atelier, lud ein

paar Freunde ein, die möglichst würdig aussahen, und stellte sie dem

Herrn Oheim vor: Professor von Kaulbach, Professor Grützner, von Stuck

und Defregger.

Nun konnte sich der Jüterboger Oheim freuen, mit den Berühmtesten der

Palette am Tisch zu sitzen. Stuck bot ihm gar die Bruderschaft an.

Am Morgen darauf erwachte der Onkel mit furchtbarem Gehirnschmerz. Doch

auch mit froher Seele: der Neffe, dieser Teufelskerl -- bei Allah -- er

hatte sich durchgesetzt.

Und Onkelchens erster Weg war... ein Antrittsbesuch bei seinem neuen

Freund von Stuck.

Nur dieser Uebereifer des alten Herrn aus Jüterbog hatte zur Folge, daß

des Neffen schöner Streich mißlang und der Onkel ärmer um eine schöne

Erinnerung wurde, um einen schönen Stolz.

Es gibt einen Bildhauer, dessen besondres Gebiet Grabsteine sind; und

einen Maler, der über alles gern andre Menschen reizt und foppt. Der

Maler heißt Erich Wilke.

Eines Tages telephoniert Erich Wilke den Bildhauer an:

„Hier Gräfin Erika Wilkinska. Sind Sie der gefeierte Mann, der

Denksteine setzt? Mein Gemahl ist vor acht Tagen gestorben. Ich möchte

ihm ein Grabmal stiften. Bitte, kommen Sie doch mit ein paar Entwürfen

und mit Steinproben ins Hotel Vier Jahreszeiten.“

Der Bildhauer legt reine Wäsche an, einen Besuchsanzug und fährt mit

seinen Entwürfen und Steinproben ins Hotel. Die Entwürfe allein sind

ein so großer Packen, daß der Droschkenkutscher sich erst nach langem

Zureden entschließt, die Mitnahme einer solchen Ladung zu gestatten.

Und nun erst die Steinproben! Zwei riesige Koffer.

Im Hotel weiß natürlich niemand was von einer Gräfin.

Der Zufall will, daß acht Tage später eine wirkliche und wahrhaftige

Gräfin beim Bildhauer anklingelt.

„Ich möchte eine Urne bei Ihnen bestellen. Ich bin die Gräfin...“

Weiter läßt der Bildhauer sie garnicht reden.

„Ach, die Frau Gräfin! Ihr Gemahl ist vor acht Tagen gestorben -- wie?

Und eine Urne wollen Sie -- ha? Ich soll Entwürfe und Steinproben

ins Hotel bringen -- he? Packen Sie die Asche Ihres Gemahls in eine

Zigarrenschachtel und werfen Sie sie in die Isar! Schluß!“

Eine Stunde darauf fährt vor dem Atelier des Bildhauers ein Wagen vor.

Eine Dame in Trauer entsteigt ihm keuchend und verlangt nichts weiter,

als: den Mann zu sehen, der ihr einen so zynischen Rat gegeben hat.

*

Es gibt eine junge Dame in München, die entzückend malt. Keine Malerin

-- das möchte sie erst werden.

Doch die Eltern spreizen sich hartnäckig. (Ist es denkbar? Es gibt

immernoch solche Eltern -- sogar in München, der Kunststadt.) Sie

schaudern bei der Vorstellung, daß ihr Töchterlein aktzeichnen sollte.

Die kleine Dame aber ist sich ihrer Sendung bewußt, sie gibt keinen

Frieden -- bis die Eltern einen Ausweg ersinnen:

Vater verkehrt doch mit dem berühmten Meister... Der Meister wird

unsrer Lisbeth Bilder ansehen, und sein Schiedsspruch soll dem kleinen

Fräulein den Lebensweg weisen.

Lisbeth ists zufrieden -- Lisbeth vertraut auf ihr Können -- Lisbeth

frohlockt. Ahnt garnicht, die Arme, daß der Meister längst von den

Eltern heimlich und inständig bearbeitet ist: er wird bedingungslos,

wird lebhaft abraten vom Malen.

Wirklich, er rät ab; es sei keine Begabung da, sagt er, und vor allem:

ein unheilbarer Mangel an Technik.

Lisbeth ist mehr als verzweifelt -- sie ist vernichtet.

Und wie er sie so stumm und bleich umhergehen sieht, der berühmte

Meister, und fühlt sein Gewissen schmerzhaft nagen -- da möcht er das

Unrecht gern irgendwie gutmachen. Wie? Nun, mit einem Geschenk.

Er ruft Lisbeth zu sich und sagt ihr:

„Na, Mädel -- dieser Tage hab ich Urteil über dich sprechen müssen

-- -- sag jetzt du: welches von meinen neuen Bildchen gefällt dir am

besten?“

Sie wählt und schwankt und entscheidet sich endlich für die ‚Türkin in

Gelb.‘

„Schön,“ ruft der Meister. „Sollst sie haben. Gratulier dir übrigens zu

deinem Geschmack, Teufelsmädel! Die ‚Türkin in Gelb‘ ist mein Bestes.“

Und soviel sie sich wehrt gegen die kostbare Widmung -- er gibt

nicht nach -- sie muß das Bild mitnehmen; denn er hat ihr eine Lüge

abzubitten, braucht seine Seelenruhe wieder.

-- -- -- Das kleine Fräulein ist stolz auf ihr schönes Eigentum,

die ‚Türkin in Gelb.‘ Betrachtet das Bildchen früh und spät --

endlich setzt sie sich an die Staffelei und kopiert es. Kopiert es

so täuschend, daß wahrhaftig kein Mensch mehr Original und Abklatsch

unterscheiden kann.

So weit ist es -- da vernimmt Lisel von Freunden des Hauses, wie des

Meisters vernichtender Schiedsspruch damals zustande gekommen ist. Und

hell empört beschließt sie, sich zu rächen.

Falschheit gegen Tücke: sie packt fein säuberlich ihre Kopie ein und

wandert damit aufs Atelier zum Meister.

Schlägt scheinheilig die langen Wimpern auf und flötet:

„Meister, Sie haben mir unlängst die Wahl gelassen... ich bat um die

‚Türkin in Gelb.‘ Ich habe mirs indessen anders überlegt: ich möchte

doch lieber die ‚Madonna‘.“

Der Meister begrüßt mit Freuden die ‚Türkin‘ wieder, sein

Lieblingsbild... heut gefällt sie ihm besser als je... und entläßt

Lisel mit der ‚Madonna‘.

Lisel zieht heim, mit dem Entschluß, vier Wochen schweigend zu warten.

Nach vier Wochen, das ist gewiß, wird sie dem guten Meister gehörig die

Meinung sagen über ihren ‚unheilbaren Mangel an Technik.‘

Und sollt die Kopie der ‚Türkin‘ mittlerweile als Meisters Werk

verkauft sein: so wird das die gerechte Strafe des Meisters nur

verschärfen.

*

Pascin ist eines Tages nach Paris verzogen -- so plötzlich, daß die

Miete und Gasrechnung unbeglichen blieben.

In einer Anwandlung von Sentimentalität schrieb er seiner ehemaligen

Berliner Wirtin: sie möge ihm auch fernerhin ihre Sympathien bewahren

und einstweilen das Gasgeld für ihn auslegen; er würde demnächst

zurückkommen und die Wirtin fürstlich belohnen.

Da antwortete die Wirtin:

„Herr Pascin, Ihr Jeehrtes erhalten, worin Sie sehr dicke tun. Der Jas

looft sich die Füße ab un mit die fürstliche Belohnung so sehn Sie aus.“

*

Im Glas-Palast hing einst das Bild eines Geigers von Picasso.

Zwei Maler standen betrachtend vor dem Bild: der eine in Bewunderung --

Pascin; der andre kopfschüttelnd -- ein gewisser Rebitzer.

Rebitzer murrte:

„Man sollt diesem Picasso eine Photographie von Burmester schenken,

damit er lernt, wie man eine Violine hält.“

Pascin darauf:

„Und Ihnen, Rebitzer, sollt man eine Photographie von Moltke schenken,

damit Sie lernen, wie man das Maul hält.“

*

Andreas Szenes pflegt im Garmischer Keller zu essen.

Eines Abends, als die Gäste so ziemlich alle schon gegangen sind, setzt

sich der Wirt freundschaftlich zu Szenes, dem letzten heute.

Und betrachtet aufmerksam eine Mappe mit Aktskizzen.

„Hm,“ sagt er. „Hm. Was soll das, Herr? Was ist das?“

„Studien,“ antwortet Szenes gutmütig.

Der Wirt verwundert:

„Sie? Studieren noch??“

„Nun, studieren muß man immer.“

„Und was... was werden Sie dann mit diesen Blättern beginnen? Wohl

wegwerfen?“

„Bewahre!“ sagt Szenes. „Es gibt Kunstfreunde, die derlei sammeln --

Liebhaber, die es gut bezahlen...“

„Wie hoch?“

„Nun, mancher gibt gern drei, vierhundert Mark für eine Zeichnung.“

Der Wirt ruft hinüber nach seiner Frau:

„Mutter! Hör! Es gibt Leute, die drei, vierhundert Mark für

+sowas+ zahlen!!“

Dann murrt er vor sich:

„Und ich Esel hab all mein Leben anständig gearbeitet.“

*

Von Prinzen, Komponisten, Architekten, Tänzerinnen

Es gibt einen kleinen Prinzen, der sehr geschickt Silhouetten

schneidet. Einmal gelang ihm ein besonders hübsches Stück -- er klebte

es auf einen Lampenschirm und brachte den Schirm heimlich, ganz

heimlich, in Zivil zu einem Kunsthändler.

Der Kunsthändler verstand sofort, was der Prinz bei ihm suchte: nicht

einen Geldverdienst, beileibe; sondern ein vom Rang des Herstellers

unbeeinflußtes Urteil über den Scherenschnitt. Der Kunsthändler tat,

als kenne er den Prinzen nicht, kaufte den Lampenschirm für einen guten

Batzen und baute ihn mitten ins Schaufenster. Mein Gott: mit einer

Hoheit muß man sich als Kunstkaufmann gut stellen.

Der Schirm mitten im Schaufenster fiel einem berühmten Komponisten auf;

und als der Komponist gar flüstern hörte, wer... Kurz, andern Tags war

der prinzliche Lampenschirm verkauft.

Der Komponist brachte stolz die Beute heim. Doch des Komponisten

Gattin, weniger servil als der Gemahl, fand das Ding weit überzahlt;

fand es überdies abscheulich -- -- und der Komponist war schließlich

froh, das so umstrittene Kunstwerk mit Verlust weitergeben zu können --

an einen konservativ gestimmten Freund im fernsten Vorort.

Hoheit ermangelten nicht, sich für das Produkt dero Hände auch

fernerhin innig zu interessieren. Hoheit in Höchstihrer Eitelkeit

umschlichen das Schaufenster des Kunsthändlers, fanden es leer --

betraten den Laden -- gaben sich huldvoll ‚zu erkennen‘ -- hörten

entzückt den Namen des berühmten Käufers und... sagten sich bei ihm zum

Tee an ‚unter einem wohlbekannten Lampenschirm.‘

Ha, da mußte der Lampenschirm sofort wieder herbei -- um jeden Preis.

*

Georg David Schulz und ich veranstalteten einmal in Berlin einen

Wohltätigkeitsabend. Da brauchten wir vor allem Leute, die uns Billette

abnehmen.

„Keine Sorge,“ sagte Schulz. „Wir schreiben der alten Lewi,

Kommerzienwitwe -- sie ist eine gepriesene Wohltäterin, eine Altruine

-- die kauft sicherlich zwölf Stück.“

„Gut. Man muß aber den Leuten für ihr Geld doch auch was bieten...“

„Keine Sorge. Schreib einfach der Carmencitta. Nenn sie eine südliche

Zaubergestalt und bitt sie, einen ihrer berückenden Fandangos bei uns

zu tanzen.“

Ich schrieb.

Carmencitta antwortete eisig kühl: sie könne unmöglich kommen und sende

anbei drei Mark für unsre Kasse.

Der andre Brief, von Frau Lewi, lautete:

„Meine Herren! Ich bin einundsiebzig Jahre alt. Deklamieren will ich

in Gottes Namen gern, weil es zugunsten der Armen ist. Doch einen

Fandango -- das können Sie nicht von mir verlangen.

*

Damals wußte man noch nichts von Rossius, er war ein kleiner,

unbekannter Anfänger. Mit ein paar ersparten Groschen konnt er endlich

eine Wohnung mieten; sogar eine im vornehmsten Stadtteil; doch Rossius

bekam sie wohlfeil -- ein Arzt hatte sie Hals über Kopf verlassen.

Am Haustor fand Rossius die Aufschrift vor: ‚Nachtglocke zum Arzt.‘ Er

radierte ein paar Buchstaben weg und machte daraus eine ‚Nachtglocke

zum Architekten.‘

Die Geschichte von dieser Nachtglocke sprach sich um -- Rossius kam in

aller Mund. Man wurde auf ihn aufmerksam -- er war ein gemachter Mann.

*

Eine Tänzerin, deren Name jetzt überall den besten Klang hat, war vor

Jahren einmal als junges Ding das erstemal in Wien mit ihrer Kunst zu

Gast gewesen.

Sie kam nach München heim, und man fragte sie:

„Nun, Gnädigste? Hatten Sie Erfolg in Wien? Hat es Ihnen da gefallen?“

Die Tänzerin entrückt:

„Es war kein Erfolg mehr, es war schon ein Succès. Und wie populär --

denken Sie sich nur! -- war ich schon nach zwei Tagen: ich ging am

Graben spazieren -- da traten Kavaliere mit Zylindern auf mich zu,

grüßten elegant und fragten:

„Fahren wir, Euer Gnaden!?“

*

Alpursa, die Tänzerin, ist aus sehr honetter Familie, sie hat sogar

einen Pastor zum Onkel.

Er macht der Nichte empörte Vorhaltungen wegen ihres Gewerbes.

„Aber Onkel,“ ruft Fräulein Alpursa, „du bist in völligem, in

grundlegendem Irrtum befangen. Mein Tanz ist kein ‚Gewerbe‘ -- er

ist eine Äußerung der Kunst -- nicht geringer als eine Dichtung von

Stefan George etwa, eine Komposition von Richard Strauß, ein Gemälde

von Kokoschka -- mein Tanz hat ebenso hohe ethische Werte wie deine

Predigt.“

„Mag sein,“ sagt der Herr Pastor. „Doch, liebe Nichte: ich predige nie

mit entblößtem Unterleib.“

Von den Dichtern

Da ist mir ein Buch in die Hände geraten: ‚Dichter- und

Schriftsteller-Anekdoten.‘ Es ist ja Sitte geworden, fremder Leute Witz

zu sammeln und ihn als eignes Buch herauszugeben.

Diesmal gilts den Poeten. Mit vielem Fleiß sind Deutschlands,

Frankreichs, Englands Geister im Blitzlicht merkwürdiger Aussprüche

festgehalten. Wer aber meint, alle Blitze zündeten, der irrt sich; die

meisten deutschen Wetter wenigstens führen kalte Schläge.

Von Modernen führt der emsige Autor nur zwei oder drei Episoden an.

Sogar das bekannte Erlebnis Gottfried Kellers fehlt: wie Keller, der

trinkfeste Mann, des Nachts zu Zürich im Graben lag und den Wächter

fragte:

„Guete Fründ, chöned ihr mir ächt nüd sägge, wo de Gottfried Keller

wohnt?“

„De Gottfried Keller? Hä, dä sid ihr ja sälber.“

„Säb han ich dich nüd gfraget, du chaibe Hagel! Wüsse will ich,

wo--n--er wohnt.“

Sicherlich hat ein Dutzend Literaturhistoriker nachgewiesen, die

Geschichte könne unmöglich wahr sein: weil Gottfried Keller niemals

trank; oder weil er nie in Zürich wohnte; oder weil Zürich keine

Nachtwächter hat; oder weil die Zürcher Nachtwächter auf keine Fragen

antworten. Irgendeinen Grund werden die Herren Literaturhistoriker

schon gefunden haben. Was tuts zur Sache? Hübsche Anekdoten sind

niemals wahr.

Nun aber kommen ein paar wahre.

*

Es gibt einen Publizisten von Ruf und Talent, doch leider führt er

eine wahrhaft groteske Kralle. Ein Sinologe, der einst eine Probe

davon zu Gesicht bekam, erklärte sie zögernd für ‚wahrscheinlich

südtibetanisch,‘ den Dialekt für ausgestorben und das Ganze für

chiffriert. Ein einziger Setzer in der Druckerei vermag bei günstiger

Witterung besonders langsam geschriebene Wörter zu entziffern, wobei

persönliche Freunde und Familienangehörige des Verfassers mitwirken.

Dafür bezieht der Setzer eine Zulage, hat zwei Nachmittage in der Woche

frei und wird auf drei Schritt Distanz mit ‚Mein lieber Memminger‘

angesprochen. Von der Möglichkeit seines Scheidens aus der Druckerei

spricht der Metteur nur mit gedämpfter Stimme.

Da begab es sich eines Tages, daß der Publizist in vornehmem Kreis eine

politische Nachricht von Wichtigkeit erfuhr. Ans Telephon konnt er

nicht eilen -- es wäre der Gesellschaft aufgefallen. Er verlangte vom

Ober einen jener schmalen Zettel, die den Kellnern zur Berechnung der

Zeche dienen, und warf einige Zeilen darauf:

„Dr. Kahr ist zum Ministerpräsidenten ausersehen“ und schickte das

Ding mit der mündlichen Botschaft ‚Äußerst wichtig‘ auf die Redaktion.

Auf der Redaktion hielt man es zuerst für einen schlechten Spaß; doch

erkannte man zum Glück bald den Schreiber.

„Na, dann ist ja leicht geholfen,“ sprach der Chef. „Wir lassen einfach

unsern lieben Memminger rufen.“

O Verhängnis -- Memminger hatte seinen freien Nachmittag.

In die allgemeine Ratlosigkeit platzte der jüngste Redakteur mit dem

Vorschlag, das Zettelchen in die... Apotheke zu schicken; die Herren

Apotheker wüßten sich ja aus den schwierigsten Handschriften einen Reim

zu machen.

Gesagt, getan.

Und als eine Viertelstunde vergangen war und noch eine -- da kam der

bang erwartete Bote aus der Apotheke zurück. Und stellte stumm eine

Flasche mit rötlichem Inhalt auf den Tisch.

*

In München gabs einmal ein Bankett zu Ehren von Paul Heyse -- ich

glaube, an seinem siebzigsten Geburtstag -- und wie das so zu geschehen

pflegt, wurde unendlich viel geredet -- von beamteten und nicht

beamteten Persönlichkeiten.

Nach etlichen siebzehn Trinksprüchen erhob sich noch ein Student, um

den greisen Dichter auch im Namen der Jugend zu feiern. Eine sehr

schöne, wohlgemeinte Rede -- doch sie hatte einen Fehler: kein Ende zu

nehmen; und einen zweiten: sie war ein wenig durcheinandergeraten. Der

arme Student, das war klar, hatte den Faden verloren und bemühte sich

heiß, leider ohne Erfolg, ihn wiederzufinden.

Max Halbe saß dem Studenten gegenüber und hätte ihm gern einen

Rat gegeben: doch um des Himmels willen endlich mit einem Hoch zu

schließen. Diesen Rat kleidete Halbe in eine Gebärde, indem er, nach

dem Studenten gewendet, immer wieder ermunternd sein Glas erhob.

Der Redner, ohnehin nicht Herr der Stunde, errötete noch glühender

unter Halbes Blick -- und als Halbe fortfuhr, sein Glas ermunternd

zu schwingen, schloß der Unglückliche die lange Rede auf Paul Heyse

plötzlich mit dem Ruf:

„Und so erheben... erheben wir unser Glas mit dem donnernden Ruf: Max

Halbe lebe hoch!“

*

Paul Heyse konnte blindgrimmig hassen.

Einst kam ein junger Literaturhistoriker zu Heyse, um ihn über dies und

jenes zu befragen. Im Lauf der Unterhaltung kam Heyse auf den ‚Verfall‘

der deutschen Dichtkunst zu sprechen.

„Ich will Ihnen nur gleich ein Beispiel vorführen,“ sagte er, „wie tief

wir gesunken sind...“

Ergriff ein Buch und las daraus mit Schauder...

Es waren Liliencrons ‚Ausgewählte Gedichte.‘

-- -- -- Ein andermal zeigte Paul Heyse auf den Flügel in seinem Salon

und rief:

„Das Instrument ist, Gottseidank, noch nie durch Wagners Höllenmusik

entweiht worden.“

M. G. C., der zufällig dasaß, konnte sich nicht enthalten, auf dem

heiligen Flügel alsbald den Hochzeitsmarsch aus dem ‚Lohengrin‘

anzuschlagen.

*

Als der alte Björnson -- zu Paris -- gestorben war, erschien ein junger

norwegischer Arzt im Trauerhaus und bat um die Auszeichnung, den großen

Toten einbalsamieren zu dürfen.

Offen gesagt: der Familie kam das Angebot recht zupaß; denn sie stak

angesichts der vielen plötzlichen Geldauslagen in einiger Verlegenheit.

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 11 / 15 段