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(Wie schön wäre die Geschichte erst, hätt ich sie auf gut Bayerisch
erzählen können!)
Der Kindelwein
Als ich noch in Radkersburg diente, da pflegten wir alle im Jägerhorn
zu essen: drei Offiziere der detachierten Batterie, der Bezirksrichter
mit seinen vier Beamten, der politische Adjunkt und ein paar ledige
Herren der kaiserlichen Forstverwaltung. Wenn niemand von uns
Offizieren kommandiert worden war und von den Beamten keiner auf
Kommission, alles in allem grade dreizehn Mann. Dann mußte sich Bertha
zu uns an den Tisch setzen.
Bertha war nämlich die Kellnerin. Ein sehr nettes Mäderl. Ungefähr
siebzehn Jahre alt und von jener Sicherheit, die eben nur ganz, ganz
unverdorbene Landkinder an sich haben.
Eines Tages... -- ich kann nicht einmal sagen, daß es mir besonders
aufgefallen wäre; denn auf die Dauer gab es in Radkersburg doch keinen
Gesprächsstoff, und so schwiegen wir meist. Eines Tages also wars an
unserm Tisch muckmäuschenstill. Drückend still. Alle dreizehn da, und
Bertha doch nicht am Tisch.
Da erhob sich der Bezirksrichter, bat Bertha, ein wenig draußen zu
bleiben -- schloß die Tür ab, räusperte sich und sprach:
„Meine Herren, Sie wissen, um was es sich handelt. Wer sich nicht
beteiligen will, braucht es ja nicht zu tun. Ich glaube aber: es ist am
besten, wir zahlen jeder monatlich einen Gulden -- und zwar von heute
an -- so lang, bis das Kind volljährig ist.“
Niemand sträubte sich. Alle atmeten erleichtert auf. Dem
Bezirksrichter, als dem Ältesten zu Ehren, sollte das Kind Albert
heißen. Albert Themeier. (Gegebenenfalls Albertine.)
Und ich schickte pünktlich an jedem Ersten einen Gulden nach
Radkersburg -- viele, viele Jahre.
Um 1902 kam ich durch Graz. (Da war ich schon außer Dienst.) Und es
reizte mich, meinen alten Bezirksrichter wiederzusehen, der jetzt
in Pension in Radkersburg lebt. Auch den alten Tisch und das alte
Städtchen und am Ende -- na, sehr neugierig bin ich ja nicht, aber
wenns das Schicksal grade will: am Ende auch Albert Themeier.
Im Jägerhorn zu Radkersburg fand ich -- es war am 19. Juli -- die Tafel
prächtig gedeckt.
Oho, man feiert ein Fest? Wie dumm. Ich hätte mich doch so gern mit zu
Tisch gesetzt, wenn ich das erste bekannte Gesicht erblickte.
Doch lauter fremde, neue Leute.
Ah, der Oberforstrat! (Damals war er noch Forstgeometer.) Er erkennt
mich, und... ist verlegen.
Dann der Gemeindearzt. Er erkennt mich und... errötet.
Endlich der Bezirksrichter selbst -- jetzt schon im Ruhestand.
Er erbleicht.
„Sie sind grade zurechtgekommen,“ sagt er mir. „Wir haben so eine
kleine... Erinnerungsfeier, ganz intern... Oh ich bitte, Sie müssen
natürlich teilnehmen.“
„Was ist denn los?“
Der Bezirksrichter wippt von einem Bein aufs andre, ficht unbeholfen
mit einer Hand in der Luft -- endlich faßt er sich ein Herz und
beichtet:
„Also, wissen Sie... dieser Albert Themeier, der ist schon ziemlich
lange tot. Einige Jahre. Und die Herren, die von hier weggezogen sind,
die schicken doch jeden Monat am Ersten den Gulden? Sollten wir die
Lappalie zurückgehen lassen? Das macht doch Umstände auf der Post. Da
haben wir einen Fonds gegründet, und an jedem Neunzehnten trinken wir
den Herren Vätern von Albert Themeier zu Ehren den Kindelwein.“
Die schiefe Ebene
s = ct + ((gt^2)/2)sin(α)
„Ein total unbenutzbares Publikum,“ pflegte Niki jeden Abend zu sagen,
und seine Blicke fegten ärgerlich den Saal.
Da war unser Nachbartisch: eine ungarische Familie; die Frau, drei
halbwüchsige Jungen, ein Pinscher und ein Ehemann -- Pferdehändler,
Theaterdirektor oder sowas.
Da waren die Leute aus Meran; er und sie stumm und dumm.
Die Berliner hatten eine nette Tochter. „Aber,“ sagte Niki, „ich bin
nicht hergekommen, fremder Leute Kinder sexuell aufzuklären. Eh’ der
Balg begreift, ist der Winter um.“
Kurz: langweilige Bande. Wir dachten schon ans Kofferpacken.
Mit einemmal wurde alles anders. Eines Morgens, wir hatten eben
gefrühstückt und standen in der Halle und wollten rodeln gehen --
da sehe ich im Vorgarten ein fremdes Paar. Madame war schlank und
melodiös, in Distinktion getaucht; die Schultern ein wenig zu beweglich.
„Trotzdem eine Weltdame vom Scheitel bis zur Sohle.“
„Glaubst du, Niki?“
„Das sieht man auf den ersten Blick.“
Niki schob seine Kappe auf Courage, und wir folgten dem Paar nach
hinten in den Park. Vor dem verschneiten steinernen Herkules blieb
Madame stehen und debattierte mit ihrem Mann -- wahrscheinlich über
Herkules: denn der Fremdling stellte sich in Positur und blähte seinen
Pelz auf. Sie lachte herzlich und sah, wie von ungefähr, zu uns herüber.
Die beiden schritten weiter -- wir ihnen nach -- und Madame blinzelte
sooft zurück, daß ich besorgt wurde.
„Niki, paß auf, der Herkules haut dir dieser Tage eine herunter.“
Ich hatte es noch nicht gesagt, da wandte sich Madame schon wieder
um. Herkules folgte ihrem Blick. Er hatte einen Kneifer auf und
Parkettbürsten an den Backen; redete auf Madame ein -- offenbar von uns
-- schien aber ansonsten nicht übel gelaunt.
Als sie im Parktor standen und Madame wiederum nach uns blickte,
stiegen mir neue Bedenken auf. Niki schien sie zu teilen.
„Denn,“ sagte er, „wenn sie wirklich eine Dame wär, müßt sie wissen,
daß sie so viel Acquit nicht zu geben braucht. Es kann sich nur mehr
darum handeln, wo das Hühnchen wohnt.“
Sie wohnte sehr anständig, vorn hinaus, Nr. 7, im ersten Stock. Es ist
das Zimmer mit den Himmelbetten und goldnen Engeln darüber.
Niki holte Rodel und Fäustlinge und schritt nach der krausten Linde. Er
kalkulierte: „Früher oder später kommt das Hühnchen auch hin. Rodelt
sie -- gut. Rodelt sie nicht, wird sie Lust äußern, es zu lernen. Das
Weitere findet sich.“
Wir warteten und warteten -- sie kam nicht. Als wir, halb erfroren,
einrückten, saß sie mit Herkules im Lesezimmer. Herkules zückte
immerfort die Uhr, knurrte und schüttelte die Mähne -- er paßte
offenbar auf die Freßglocke.
Das Diner über lachte Madame uns immerzu an. Ich behauptete:
mich. Niki behauptete: ihn. Niki meinte, wir müßten jetzt aus
Repräsentationsgründen Sekt trinken. Sekt bei Tage macht sich sehr gut.
Der Kellner fragte: „’tschujding, Herr Baron -- auf welche Rechnung
därf ich es notieren?“ Und guckte uns beide an.
Niki fixierte ihn. „Entweder Sie sind Demagog, oder Sie sind Kellner.
Ich ziehe lautlose Bedienung vor.“
Der Kellner entmaterialisierte sich. Niki aber war ungehalten und
verdächtigte mich, ich hätte meine Wochenrechnung bezahlt, um Eindruck
beim Hotelpersonal zu schinden. „Traurige Freundschaft,“ sagte er, „die
Raum für so kleinlichen Ehrgeiz läßt.“
Wie unbegründet der Vorwurf war, erwies sich sofort: als wir auf unsre
Bude kamen, lagen Duplikate unsrer Wochenrechnungen auf dem Tisch, das
Wort ‚Duplikat‘ war zweimal unterstrichen.
„Niki, die Leute gehen scharf ins Zeug.“
„Sei unbesorgt. Mein Schwager ist ein wenig langsam im Geldanweisen.
Aber endlich schickt er doch.“
„Wenn er aber nicht schickt...?“
„Wenn --! Wenn --! Damit jagt man keinen Hund vom Ofen. Er +wird+
schicken.“
Drei Tage verrannen: Frühstück -- Rodeln -- Diner -- Rodeln --
Schlafen. Und Warten, Warten. -- Nichts. Das Hühnchen lachte uns an --
Herkules ging ihr nicht von der Seite. Und kein Lebenszeichen von Nikis
Schwager.
Zu solchen Zeiten wird Niki Philosoph. Als wir zu Bett gingen, redete
er dummes Zeug. „Glück in der Liebe,“ sprach er, „ist eine Funktion des
Besitzes. Geld ist ein Aphrodisiacum. Nicht nur, daß Geldbesitz beim
Mann die Weiber wahnsinnig aufregt -- grad wie eine Tenorstimme, Kraft,
Uniform, Titel -- sondern Liebe braucht auch Gelegenheit -- und um der
Liebe eine Gelegenheit zu schaffen, braucht man Geld. Ohne Kapital kann
man das Geschäft nicht betreiben.“
„Wozu sagst du mir das, Niki?“
„Weil du kein Gesicht machen sollst wie sieben Meilen Karrenweg. Ich
weiß schon, dich reun die paar Moneten, die wir hier verbrauchen. Du
weißt, was wir wollen. Und so was kann man nicht übers Knie brechen.“
„Schön, Niki. Woher aber Geld nehmen? Wir haben zusammen... viel ists
jedenfalls nicht. Die Hotelschuld...“
„Bitte, diesmal ist das meine Sache -- so haben wirs vereinbart, und
dabei bleibts.“
Es blieb dabei. Doch der Schwager rührte sich nicht. Das Hühnchen kam
nicht rodeln. Herkules machte runde Augen, wenn wir uns nur blicken
ließen.
Der Mißerfolg auf allen Linien machte Niki gereizt. Er brummte. Nach
dem Abendessen setzte er sich hin und schrieb. Ich dachte mir: an den
Schwager.
Dann rief er das Stubenmädchen.
„Fräulein, da haben Sie einen Brief. Wissen Sie -- die türkisblaue
Dame? Aus Nummer Sieben? Verstehen Sie? Aber aufpassen, wenn sie allein
ist! Ja nur, wenn sie allein ist. Ich gebe Ihnen ein hochgräfliches
Trinkgeld -- nachher.“
„Niki, was hast du getan?“
„Ihr geschrieben. Wenn du einen so ekligen Schnabel ziehst...? Da kann
man ja nicht systematisch vorgehen. Uebrigens: wer weiß? Vielleicht ist
es besser so. Werden ja sehen, was das Stubenmädel für eine Antwort
bringt.“
Da öffnet sich die Tür, und herein...
... herein tritt Herkules.
Er setzt sich in den Klubsessel an der Tür -- um uns den Rückzug
abzuschneiden?
Grinst uns an, schlägt ein Bein übers andre und weidet sich an
unsrer... an unsrer...
Niki versuchte, an die Fensterscheibe zu trommeln, doch ihm zitterten
die Finger. Ich wollte pfeifen -- die Zähne klapperten mir.
Da zog Herkules in aller Gemütlichkeit einen Brief aus der Tasche --
Nikis Brief. Und quarrte:
„Meine Herren, Ihr Interesse für meine... Frau ist sehr schmeichelhaft.
Wissen Sie: ich merke das schon seit einigen Tagen. Wissen Sie: ich
will auch ein Ende machen. Ich reise ab -- noch heute. Die Person lasse
ich hier. Für eine Person, was anderweitig kokettiert, habe ich keine
Verwendung. Sie können sie sofort greifbar übernehmen -- auf Nummer
sieben.“ Er erhob sich. „Angenehme Feiertage! Das Zimmer ist bis heute
abend beglichen.“ -- Und weg war er.
Wir wankten den Flur entlang -- da meldete uns der Portier:
„Es is Geld da für den Herrn Baron.“
Mit warmer Anteilnahme in der Stimme.
„Wieviel?“
„Zweitausend.“
Ah, der Pump ist also gelungen.
Es freute uns nicht einmal. Das Appartement mit den goldnen Engeln
kostet hundertfünfzig Mark täglich.
Niki betrachtete die Banknoten -- zweitausend Mark -- und seufzte.
„Das schöne Geld soll man jetzt diesen Hotelräubern abgeben. Sag mal,
ist das dein bester Smoking?“
„Ja, Niki.“
„So tu genau wie ich.“ Er zog über den Smoking seinen Frack an.
„Bist du irrsinnig, Niki?“
„Ich sag dir: tu genau wie ich.“ Er schloss in den Cutaway. „So, jetzt
das Reisegewand! Immer einen Anzug über den andern! Und die Rodeljacke!
Alle Wäsche in den Rucksack. Den Rucksack aus dem Fenster schmeißen!
Nichts, nichts darf hier bleiben als die leeren Koffer.“
Ich verstand endlich und griff zu. Dann schlenderten wir so recht
harmlos und aufgeräumt zum Tor hinaus.
„Die Herren gehen noch rodeln??“ fragte der Portier. „So spät?“
Niki grüßte mit einem Finger. Und sagte zu mir laut, möglichst laut:
„Am schönsten ist es doch bei Mondschein. Den Pulverschnee muß man
genießen.“
Als wir draußen waren, umarmten wir einander und tanzten und lachten --
lachten diebisch. Schulterten die Rodeln -- und auf zur krausten Linde!
Um 7 Uhr 15 geht vom Bahnhof unten ein Zug nach München. Den erreichen
wir noch.
Am Ablauf bobten wir, sprangen auf -- und los in die Nacht. Niki voran.
Ich hinterher. So ist noch niemand in die S-Kurve gesaust. Der Schnee
stob, die Kufen zischten. Himmlischer Herrgott! Zweitausend Mark in der
Tasche -- die Qual hinter uns, die Freiheit vo...
„Halt!“ schrie Niki und überschlug sich und lag im Schnee.
Ich bremste, daß mir die Gelenke knackten.
In diesem Augenblick -- Niki war an eine Baumwurzel geraten --
rauschte es über uns, und etwas großes Schwarzes stürzte auf uns zu und
knirschte und krisch und stoppte neben uns: ein Bobsleigh.
Der Portier, der Oberkellner, der Hoteldirektor.
Der Portier packte Niki am Kragen, der Direktor mich.
„’tschujdingen,“ sagte der Oberkellner, „die Herren haben noch einiges
zu regulieren vergessen. Därf ich gleich bitten?“
Wir mußten diese Nacht keuchend, mit so viel Kleidern bepackt, im
tiefen Schnee bis auf den Bahnhof waten. Die Rodeln hatten uns die
Hunde entrissen.
Musik
Oben Flöten, Klarinetten,
Rechts ein Horn, ein Bombardon,
Und mein stiller Kompagnon
Unten rührt die Kastagnetten;
Harfen, Zithern und Gitarren
Schnarren.
Trummeln
Rummeln,
Und die Bratschen
Quatschen.
Gegenüber baut man grade.
Brausend fährt die Straßenbahn
Hart an unserem Altan
Ihre kreischend-krummen Pfade.
Mit Musike ziehn die Truppen
Gruppen.
Ein getretner Kater plärrt
Schmerzverzerrt.
Tollgewordne Autohupen
Stärken das Konzert.
Stampfend im Asphalt rumoren
Pflasterer der Obrigkeit.
Im Parterre dem Schuster Veit
Ward ein Zwillingspaar geboren,
Welches unisono schreit.
Lächelnd lehne ich am Fenster,
Kratz die Geige hell und zart
Und dank Gott mit tiefer Inbrunst,
Daß ich taub geboren ward.
Schwänke
Von den Malern
Sie kennen wohl die Bayerische Schönheitsgalerie, sechsunddreißig
Frauenbildnisse; hängen im Saalbau der Residenz. Josef Stieler, Ludwigs
des Ersten Hofmaler, hat sie geschaffen.
In Mailand porträtierte derselbe Josef Stieler den Vizekönig Eugen; in
Wien Beethoven und den Kaiser Franz; in München den König; in Weimar
Goethen und den ältern Humboldt.
Josef Stieler hatte zwei berühmte Söhne: Karl, den Dialektdichter --
er starb vor einem Menschenalter; Eugen Ritter von Stieler (nach Eugen
Beauharnais genannt) lebt wohlgemut, der alte Herr, war viele Jahre
Syndikus der Münchener Kunstakademie und ist jetzt Geheimer Rat im
Ruhestand.
Eugen von Stieler war ein Schüler Pilotys -- gleich Defregger, Lenbach,
Makart, Gabriel Max, Leibl, Hermann Kaulbach. Er durfte Münchens
glänzendste Vergangenheit miterleben und erzählt gern davon im Scherz
und Ernst. Hier ein paar Geschichten, die ich ihm verdanke.
*
Dem alten Kaulbach war eben ein Knabe geboren worden. Schwanthaler
begegnete dem glücklichen Vater und gratulierte ihm.
Doch eine bissige Bemerkung konnt er sich nicht verkneifen:
„Mein lieber Professor -- dös hätten S net tun sollen -- a Famüli
gründen; jetzt saan S net mehr der einzige Kaulbach.“
Kaulbach, der Sarkast, antwortete gereizt:
„Bei Ihnen is es grad umgekehrt, Herr Professor Schwanthaler.“
(Schwanthaler hatte stets zahlreiche Aufträge auf Denkmäler.) „Sie
sollten heiraten, dann könnt Ihre Witwe s Gschäft fortführen.“
*
Schwind und Wilhelm Kaulbach hatten sich in einer Akademiesitzung
überworfen und waren als Feinde voneinander gegangen. Die Zwietracht
erregte Münchens Künstlerschaft aufs höchste. Alle Versuche, die beiden
Herren zu versöhnen, blieben erfolglos.
Eines Tages saß Kaulbach mit ein paar Freunden im Hofbräuhaus -- und
wie sichs so trifft, ging er sich die Hände waschen. Vor der Tür traf
er mit Schwind zusammen, der zu demselben Zweck gekommen war.
Der sonst so grobe Schwind trat zurück. „Bitte, Herr Direktor, Sie
haben den Vortritt!“
„Oh, durchaus nicht,“ sprach Kaulbach, „unter keinen Umständen. Sie
waren zuerst da.“
So komplimentierte man einander an das Waschbecken. So lang sich
Kaulbach wusch, stand Schwind wartend dabei. Dadurch fühlte wieder
Kaulbach sich verpflichtet, auf Schwind zu warten. Und endlich betraten
die seit Jahren verfeindeten Meister versöhnt das Bräustübel.
*
Im alten München gabs eine sogenannte Lokalausstellung. Sie wurde nicht
eben von den Besten beschickt.
Eines Tages traf Menzel auf der Durchreise in München ein. Professor
Stieler suchte ihn im Gasthof auf und erfuhr zu seinem Erstaunen,
Menzel wäre in die Lokalausstellung gegangen. Er fand ihn dort in
Betrachtungen versunken vor einem recht uninteressanten Landschaftsbild.
„Sehen Sie,“ sagte Menzel, „wenn man sich nur recht bemüht, kann man in
jedem Bild etwas Gutes finden.“
„Haben Sie auch hier etwas Gutes gefunden, in diesem Bild?“
„Ja,“ sagte Menzel. „Den guten Willen.“
*
Als Menzel in Berlin seinen achtzigsten Geburtstag feierte, da gab
es allerhand Festlichkeiten auf der Kunstakademie: Abordnungen aller
deutschen Schulen und Museen waren gekommen -- die brachten Menzeln
ihre Wünsche dar; der Kaiser hatte die Schloßgardekompagnie als
Ehrenwache hingeschickt.
Am Abend ein Bankett im Kaiserhof: Prinzen, Minister, Exzellenzen
ohne Zahl. Alles war pünktlich erschienen, nur einer fehlte: die
Hauptperson, das Geburtstagskind, Exzellenz Menzel.
Bange zehn Minuten verstrichen; da schickte man einen Eilboten nach
Menzels Wohnung.
Seine Exzellenz aber stand im Pelz, mit warmer Mütze vor dem Haustor;
die dicken Handschuhe hatte er im Eifer abgelegt, den Pelz geöffnet
-- ein Dutzend Orden war sichtbar auf der Brust. Und der alte Menzel
zeichnete und zeichnete das Hofgespann, das ihn holen gekommen war zum
Jubiläumsmahl.
Der Bote wollt ihn stören -- Menzel ließ nicht ab. Feste, sagte er,
gäbs mehr als genug; ein so schönes Gespann aber komme einem nicht alle
Tage in den Wurf.
*
Stieler war damals Vorsitzender der Deutschen Kunstgenossenschaft.
Menzel nahm ihn im Verlauf des Banketts beiseite (es war Sonntag abend)
und bat ihn und zwanzig, dreißig andre Herren zum Schoppen für Dienstag
früh. Wohin? Das wollte Menzel den Herren schon noch sagen lassen.
Stieler wäre gern Montag abgereist. Doch um eines Frühstücks mit Menzel
willen -- nicht wahr? -- bleibt man gern noch einen Tag.
So warteten denn dreißig Herren, Stieler mit ihnen, auf die Nachricht
von Menzel.
Bis Dienstag morgen keine Zeile. Seine Exzellenz hatte offenbar
vergessen...
Man fürchtete: Menzel sitze nun irgendwo an einem Tisch mit
einunddreißig Gedecken, ganz allein, und warte auf seine Gäste. Um ihm
die Verlegenheit zu ersparen, ließ man bei ihm bescheiden anfragen: wie
es denn mit dem Frühstück stände?
Er, der schon längst wieder mitten in der Arbeit war -- er knurrte: ob
denn die Herren Sonntag abend nicht genug gegessen hätten?
*
Stieler hatte mit Menzel irgendeine Angelegenheit zu besprechen, die er
gern beim Frühstück erledigt hätte. Nun mußte er den Meister wohl oder
übel im Atelier aufsuchen.
Auf langes Klingeln öffnet Menzel endlich. Er ist eben im Begriff,
einen Herrn zu verabschieden, wohl einen Kunsthändler.
Der Fremde: „Dreitausend also, wenn ich recht gehört habe?“
„Dreitausend,“ bestätigt Menzel -- begrüßt den neuen Besucher und
geleitet ihn den langen finstern Flur entlang ins Atelier.
„Halt,“ ruft er plötzlich, „ich muß dem Mann noch was sagen.“
Stürzt an die Tür und schreit ins Treppenhaus, dem Kunsthändler nach:
„Taler! Wohl verstanden: Taler!“
*
Als Knaus, damals schon eine Größe, in München einzog, empfing ihn eine
Abordnung von Künstlern -- darunter auch Leibl.
Leibl hatte von der herkulischen Stärke des Professors Knaus gehört --
Knaus nicht weniger Erstaunliches über Leibls Riesenkraft.
Man stellte sie einander vor; und nun reichten sie sich die Hände und
quetschten -- alles in Gegenwart des Begrüßungskomitees -- und drückten
und preßten, bis ihnen die Augen aus den Höhlen traten -- keiner wollte
nachlassen, keiner um Schonung bitten -- nicht der Riese Leibl, nicht
der Athlet Knaus.
*
~Naturam expellas furca~...
Defregger war schon ein sehr, sehr gefeierter Mann, und seine Bilder
wurden nicht mit Gold, nein, mit Dollarnoten aufgewogen -- da hatte er
ein Grundstück in München an der Mandlstraße; ein hübsches Haus, einen
hübschen Garten mit ein paar sonnigen Flecken. Hier im Garten pflegte
Defregger zu malen.
Nun wars Mai, das Gras üppig gewachsen, Defregger ließ es mähen. Und
weil die Leute doch eben an der Stelle, wo er zu malen pflegte, mit den
Sensen an der Arbeit waren, mußte Defregger seine Arbeit unterbrechen
und ging Freunde besuchen.
Man sitzt in anregendem Gespräch -- da stutzt Defregger plötzlich,
blickt hinaus auf den Himmel, der sich ein wenig verfinstert hat --
blickt hinaus mit großen Augen und stammelt bleich:
„Um Gottes willen -- ein Regen zieht herauf.“
„Haben Sie denn keinen Schirm, Meister?“ fragte liebenswürdig die
Hausfrau.
„Was -- Schirm? Aber mein Heu, mein Heu!“ schreit Defregger.
Und stürzt verzweifelt davon -- das Heu des Gärtchens vor dem Regen zu
retten. Zwei, drei Schiebkarren Heu im ganzen.
Er, der berühmte Professor -- nein, der Tiroler Bauer Defregger.
~Natura tamen usque recurret.~
*
Irgendwo in einer bayerischen Stadt lebte eine Witwe und hatte ihren
Sohn verloren -- was sie aber am meisten schmerzte: sie hatte kein Bild
des Toten.
Auf den Rat irgendeines Freundes fuhr die Witwe nach München zu
Lenbach. Ihr Sohn hatte ihr ja einmal, vor sieben Jahren, des langen
und breiten erzählt, er wäre mit Lenbach in Italien zusammengetroffen
-- und wieviel anregende Stunden er in des Meisters Gesellschaft
verbracht hätte. Da dachte sich die Witwe: am Ende hat Lenbach ihren
Sohn, den prächtigen Jungen, zufällig einmal skizziert oder gar gemalt.
Doch Lenbach konnte sich des jungen Mannes nicht einmal entsinnen.
Die Witwe immer dringender:
„Wissen Sie nicht, Herr Professor? Dort und dort -- in Verona, in
Neapel -- müssen Sie ihn gesehen haben -- er schrieb mir, Sie hätten
ihn beschenkt, mit Wein bewirtet...“
Da stieg in Lenbach eine ferne, dunkle Erinnerung auf... Er langte nach
Bleistift und Papier und zeichnete mit raschen Strichen einen Mann hin.
„Ist es der, liebe Frau?“
„Nein.“
„Dann vielleicht dieser hier?“ -- Blitzschnell war ein andrer Kopf
entstanden.
Die Mutter jubelte auf, die Tränen traten ihr in die Augen. Das war ihr
Sohn.
Zwei Tage später hatte sie ein Oelbild ihres Sohnes in Händen.
*
Stieler hatte als Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft nach
langer Mühe den Bau des Künstlerhauses durchgesetzt. Lenbach war
entzückt. Als Stieler am Abend in der Allotria erschien, hielt Lenbach
eine Rede auf Stieler und pries ihn über den grünen Klee.
Die Sitzung der Künstlergenossenschaft war recht anstrengend gewesen.
Stieler ging bald schlafen.
Am nächsten Tag kam einer nach dem andern von den Leuten der Allotria
zu Stieler und fragte ihn:
„Herr, was haben Sie Lenbach angetan? Womit haben Sie ihn gereizt? Er
ist, als Sie wegwaren, furchtbar gegen Sie losgezogen.“
Stieler fackelte nicht lang und ging gradenwegs zu Lenbach.
„Ist es wahr,“ fragte er ihn, „daß Sie gestern unmittelbar nach Ihrer
Lobrede über mich...“
Lenbach ließ Stielern garnicht erst vollenden.
„Mein Lieber,“ sagte er, „bei mir ist alles möglich. Das sind eben
Stimmungssachen. Aber Sie sollen sehen, daß ich Sie hochschätze: sagen
wir einander von nun an ‚du‘.“
Und Lenbach drückte dem verblüfften Stieler den Bruderkuß auf die
Lippen.
*
Nach Eröffnung der Prinzregentenbrücke gabs eine Hoftafel. Der
Prinzregent fragte Lenbach:
„Was sagen Sie zu meiner neuen Brücke?“
„Königliche Hoheit! Wenn ich meine Meinung über den Architekten äußern
soll: lassen Sie mich einen Tag Scharfrichter sein.“
*
Als Makart auf der Akademie studierte, hatte er einen strengen Lehrer
in Piloty.
Makart hatte eine Gruppe von Landsknechten skizziert. Da sagte Piloty:
„Jetzt hören Sie aber, Makart! Ich dulde nicht, daß Sie mir das Bild
wieder unvollendet lassen. Sie werden daran weiterarbeiten -- verstehen
Sie? -- bis es fertig ist.“
Makart nickte.
Als Piloty am nächsten Tag zur Korrektur kam, saß Makart vor einem
Bild: ‚Badende Nymphen.‘ Und erklärte seinem Lehrer:
„Ich hab an den Landsknechten weitergearbeitet und immer weiter. So
sind mir halt Nymphen draus geworden.“
*
Einst hatte Makart eine purpurrote Quaste gefunden. Er hörte nun und
sah niemand mehr -- saß mit seiner Quaste am Fenster, drehte sie
zwischen den Fingern und freute sich an ihrem Farbenspiel. Auf der
Akademie sagte man: „Er spinnt.“ Das bedeutet in München: er ist
verrückt.
Er legte die Quaste aus der Hand, setzte sich an die Staffelei und
skizzierte ‚Das Gastmahl der Kardinäle.‘ Da gabs was zu schauen von
roter Pracht -- vom tiefsten Bordeaux bis zum strahlendsten Feuer.
Leider ist das Bild, wie so viele andre seiner Skizzen, niemals
ausgeführt worden.
*