Nun, ein Bild Björnsons; Björnson selbst hatte es -- noch kurz vor
seinem Tod -- einem Dichter zugedacht als Gegengabe für ein Buch.
Als der Arzt das Bild zu Hause besah, fand er auf der Rückseite eine
Inschrift von der Hand des Toten:
„Herzlichen Dank für die wohlgelungene Arbeit.“
*
Ein Jugendfreund Liliencrons, jetzt Oberstleutnant außer Dienst,
hat mir erzählt, wie er vor Jahren Liliencron in Hamburg besuchte.
Damals war Liliencrons Triumph noch nicht vollendet, Schmalhans war
Küchenmeister.
Der Oberstleutnant lud den Dichter zum Abendessen. Man ging in
den Gasthof. Liliencron bestellte sofort ‚ein Beefsteak für Seine
Exzellenz,‘ ‚einen Johannisberger für Seine Exzellenz.‘
„Warum denn Exzellenz?“ fragte der Oberstleutnant.
Liliencron gab keine Auskunft.
Als sie aber gegangen waren, sagte Liliencron:
„Herr Oberstleutnant, lieber, alter Freund! Ich danke Ihnen für die
Bewirtung; noch mehr aber dafür, daß Sie meinen Kredit in diesem
Gasthof so stark gehoben haben.“
*
Er hatte niemals Geld und fand es, wo er es suchte.
Einst war er bei Frau St. zu Gaste, einer der reichsten Frauen
Deutschlands.
„Denken Sie sich,“ erzählte mir die Dame später, „-- der Baron hat
mir sein Leid geklagt -- so lange geklagt, bis ich ihm, tief gerührt,
einige Tausend Mark gab...“
„Das war schön von Ihnen, Gnädigste, das war edel.“
„Ach,“ fuhr sie fort, „ich war ja selbst so glücklich, dem Dichter
helfen zu können. Er schied selig von mir. Ging... traf unten im
Torflur meinen Schwiegersohn... klagte über seine Armut... und borgte
sich noch hundert Mark.“
*
Liliencron war nach Prag zu einer Vorlesung geladen worden und sollte
dafür etliches Gold bekommen und außerdem Gast sein des besten Hotels
auf Kosten des Literarischen Vereins.
Als Liliencron aber den goldnen Lohn empfangen hatte, dachte er keinen
Augenblick daran, aus dieser schönen alten Stadt zu scheiden, wo es
so viele Bänkelsänger gab und Harfenzupfer, Gaukler, Schwertschlucker
und Volkspoeten. Und Liliencron blieb noch drei, vier, fünf Nächte bei
diesen Menschen.
Als er endlich abreisen wollte, da konnte ers gar nicht mehr: sein Geld
war beim Teufel.
Da ging er reuevoll zurück zu seinen Literaten und hieß sie, eine
Generalversammlung des Vereins berufen.
Und stellte in aller Form den Antrag: dem Baron Liliencron wäre mit
Rücksicht einerseits auf seine literarischen Verdienste, anderseits auf
seine peinliche Lage für seine Vorlesung doppeltes Honorar zu zahlen.
Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
*
Ein berühmter Dichter ließ sich zum zweitenmal scheiden und heiratete
eine dritte Frau.
Max Liebermann kam am Abend in eine Gesellschaft.
„Meister,“ fragt man ihn, „kennen Sie schon des Dichters dritte Frau?“
„Nö,“ sagte Max Liebermann.
„Wollen Sie sich ihr nicht vorstellen lassen, lieber Meister?“
„Nö, die überspring ick.“
*
Ein Erlebnis Ludwig Ganghofers, das er mir einmal selbst erzählt hat:
Er hatte als Schüler auf dem Gymnasium zu Regensburg ein langes Lied
verfaßt ‚Sehnsucht‘. Es schilderte die ferne Waldheimat. „Und schaue
ich,“ (hieß es da ungefähr) „im Geist die vertrauten Berge wieder, die
blühenden Täler --
-- da denk ich nur das Eine:
Ich weine!“
Jede Strophe schloß mit dem Kehrreim:
„Da denk ich nur das Eine:
Ich weine!“
Es gelang dem jungen Dichter, das Lied in der Zeitung unterzubringen.
Stolz las Ganghofer eines Sonntags sein Gedicht gedruckt.
Doch wie schrecklich hatte ein Druckfehler die letzte Strophe
verstümmelt:
„Ich seh die Anverwandten alle --
Mit geistgem Aug, so fern sie sind.
Der Oheim sitzet in der Halle --
Die Tante wiegt ihr blondes Kind.
Der Vetter füttert seine Pferde,
Die Base kocht und bäckt am Herde --
Da denkt ich nur das Eine:
Schweine!“
*
Als Ludwig Ganghofer im Jahre 1881 sein erstes Lustspiel aufführen
ließ ‚Anfang vom Ende,‘ -- auch da versauerte ihm ein Druckfehler den
Erfolg. Ein Wiener Blatt schrieb: man hätte sich vorzüglich unterhalten
bei dem Erstlingswerk ‚des blinden Aasgeiers.‘
Es mußte natürlich ‚blonden Allgäuers‘ heißen.
*
Egon Friedell, dem Eckermann Peter Altenbergs, verdankt man viele
Geschichten über den Wiener Diogenes. Friedell drohte Petern immer, er
werde die Geschichten nach Peters Tode gesammelt herausgeben -- worüber
sich Peter wütend ärgerte.
„Denn,“ fragte er mit Recht, „warum sollen andre Leute mit meinen
Geschichten mehr Geld verdienen, als ich selbst je im Leben verdient
habe?“
-- -- -- Behauptete da Peter Altenberg einmal, er sei so abgehärtet,
daß er die kälteste Winternacht bei offenen Fenstern verbringe.
Eckermann wandte ein:
„Lieber Peter, das scheint doch nicht ganz zu stimmen. Ich ging gestern
zeitig morgens an deiner Wohnung vorüber -- alle Fenster waren fest
geschlossen.“
„Nu,“ schrie Peter, „war gestern die kälteste Nacht?“
*
Peter Altenberg sah, wie gesagt, nicht allzu gern, wenn andre Leute
Geld heimsten.
Und er fand auch sonst, wenn er grade übler Laune war, tausend Gründe,
seinen besten Freunden gram zu sein.
Einmal schrieb er an Adolf Loos (der sich sooft für Petern geopfert
hatte) einen saftiggroben Brief.
Adolf Loos ging damit zu einem befreundeten Antiquar und ließ Peters
Brief ins Schaufenster hängen mit der Aufschrift:
„Autogramm -- Preis 10 Gulden.“
Da hättet Ihr Peters Verblüffung sehen sollen.
*
Peter Altenberg wäre bizarr gewesen? -- launenhaft? -- unberechenbar?
Ganz und gar nicht. Er war der folgerichtigste Denker, der mir je
begegnet ist, unter allen Charakteren der am schärfsten umrissene.
Eben weil er sein Volumen bis in die letzten Kanten füllte wie ein
wohlgebildeter Kristall -- darum stieß er so hart an die Mitwelt;
stieß immerzu an und überall, wo andre rundlich ausgewichen wären. Und
diese diamantne Konsequenz auch in den letzten Auswirkungen -- --
die Bürger, überrascht und befremdet, nannten sie Laune, Bizarrerie,
Unberechenbarkeit.
Peter Altenberg hatte sich selbst zum Kunstwerk gestaltet -- ja,
diese Gestaltung schien ihm wichtiger und hatte ihn mehr Hirnphosphor
gekostet als seine Schriften; er sah nicht ein, warum sich ihm grade
die Arbeit an der Persönlichkeit, seine mühseligste, nicht lohnen
sollte. Zogen die andern Genuß aus Peters Dasein und Anwesenheit: dann
mußten sie ihn dafür auch bezahlen; das verlangte er mit Recht.
Einst war Herr Muhr dahergekommen, ein Bergwerksbesitzer aus Kärnten --
Freund, Anbeter und Mäzen Peter Altenbergs.
Peter sprach:
„Müssen nur Unternehmer gutbürgerlich essen, Kapitalisten, Banausen,
Schiffsreeder, Verleger, Fabrikanten? Warum Dichter nicht, die das
Feine doch am innigsten zu würdigen verstehen?“
Hierauf lud Herr Muhr seinen Peter in den Gasthof Sacher.
Sie aßen und tranken.
Peter freute sich: an der wohltemperierten Kühle und Heiligkeit
des Saales; an dem diskreten Benehmen der Kellner; der blitzenden
Sauberkeit des Tischzeugs; der wohltuenden Ruhe...
Und Peter geriet in außerordentlich lebhaften Zorn: warum, warum
hat es der Dichter nicht immer so? -- täglich? -- sein Leben lang?
Warum muß Peter sich in lauten, schmutzigen Kneipen herumschlagen,
bei grellem Tellerklappern, warum ekeln Geierfraß schlingen von
zersprungen-mißfarbigen Schüsseln?
Warum ist gedämpfte Musik seltener als schmetternde Musik, diskrete
Bedienung kostspieliger als indiskrete, warum schönes Porzellan teurer
als geschmackloses -- wo doch eins mit dem gleichen Kraftaufwand wie
das andre herzustellen wäre?
Warum überhaupt ist das vornehme Leben unerschwinglich, statt
Allgemeingut zu sein?
Peter schnaubt:
„Wieviel kostet denn dieses gutbürgerliche Mahl?“
Muhr lächelt:
„Wenn du es durchaus wissen willst? Ich werde die Rechnung verlangen.“
„Verlang sie!!“
-- -- -- Da aber fährt Peter erst recht empor:
„Ist es nicht eine ausgesuchte Gemeinheit, einen armen Menschen durch
Protzentum so zu reizen? Für ein einziges blödsinniges Essen eine Summe
zu vergeuden, von der ein Dichter wochenlang zufrieden leben könnte??“
Dem Mäzen blieb nichts übrig als: den Betrag der Rechnung noch einmal
zu erlegen -- in Peters Hand.
*
Café Zentral, Wien. Ich hatte eben eine hübsche Geschichte gelesen und
reichte sie Peter Altenberg.
Er las sie.
Plötzlich hieb er auf den Tisch.
„Dieser Hund,“ schrie er, „-- wie heißt der Hund? Rehwald?
Abgeschrieben hat ers von mir.“
„Nein, Peter. Nirgends in deinen Büchern steht was Ähnliches. Die
Geschichte ist herrlich, aber nicht von dir.“
„Was heißt das? Wörtlich, wort-wörtlich von mir. Genau so hätt ich sie
geschrieben.“
*
Gerhart Hauptmann in einem Berliner Salon. Man redet von der
bevorstehenden Uraufführung der ‚Jungfern von Bischofsberg.‘
Der Hauswirt allein scheint über die literarische Tätigkeit des Gastes
nicht auf dem laufenden zu sein. Er ruft überrascht:
„Sie haben ein neues Stück geschrieben, Herr Hauptmann? Wann ist denn
die Uraufführung?“
„Dienstag.“
„Wie schade! Grade Dienstag bin ich nicht frei.“ -- Und setzt gleich,
sich und den Dichter beruhigend, hinzu: „Na, hoffentlich wird das Stück
noch ’n zweitesmal gegeben.“
*
Paul Scherbart kam von der Aufführung eines seiner Stücke ins
Kaffeehaus.
Er war sehr erbost. Die Zuschauer hatten der wilden Phantasie des
Dichters nicht folgen können.
„Sechzehnmal,“ rief er, „-- sage und schreibe sechzehnmal hab ick in
dem Stück denselben Witz jemacht. Meenst de, de Leute haben jelacht??“
*
Saß da einmal die knappe Mehrheit der seligen Elf Scharfrichter im Café
Stefanie -- saß mit betrübten Mienen, und alle wünschten sich eins: es
möchte doch der russische Hofrat kommen, der immer so nobel zu helfen
versteht, wenn man in der Klemme ist. Rosenboot hieß er und bohrte sich
immer in der Nase; darum nannte man ihn kurzweg Rosenbohrer.
Im Augenblick öffnet sich die Tür, und der russische Hofrat erscheint.
Mit einem Blick hat er die Lage erfaßt -- beim nächsten Schlag seines
guten Herzens beschließt er, einzugreifen. Er langt in die Westentasche
und sagt:
„Meine Herren, ich erinnere mich eben, daß ich jedem von Ihnen zehn
Mark schulde. Verzeihen Sie, daß ich mich so spät erinnere!“
Langt in die Westentasche und drückt Mann für Mann zehn Mark in die
Hand -- dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften.
Der sechste aber -- Paul Schlesinger ruft ungehalten:
„Verzeihung, Herr Hofrat! Von mir haben Sie sich zwanzig Mark geborgt!“
*
Man sollte meinen, die Elf Scharfrichter hätten zweiundzwanzig
Beine gehabt. Das wäre aber ketzerischer Irrglaube -- sie hatten
einundsiebzig. Die Sache erklärt sich zwanglos aus dem Umstand, daß die
Elf Scharfrichter sechsunddreißig Mann stark waren und einer davon ein
Holzbein hatte.
Dieser eine, jetzt ein berühmter Lyriker, machte am Abend die
Bekanntschaft eines jetzt ebenso berühmten Architekten. Man fand
Gefallen aneinander und trank. Man fand mehr Gefallen aneinander und
trank mehr. Als man viel getrunken hatte, wollte man heimgehen. Nun, so
weit wandern -- bis nach Haus -- mit dem Holzbein ist nicht angenehm.
Und der Lyriker bat:
„Lieber Architekt, möchtest du mich nicht bei dir übernachten lassen?“
„Gewiß, mein lieber Lyriker!“
Im Junggesellenheim des Architekten sank der Dichter auf den Diwan und
verfiel sofort in Agonie. Der Architekt fand, es wär unmenschlich, den
nächtlichen Gast in seinen Kleidern schlafen zu lassen. ‚Ich will ihm
wenigstens die Stiefel ausziehen.‘ Er schnürte die Stiefel auf und zog
-- zog -- und zog plötzlich das ganze Bein mit.
Warf es hin in panischem Schrecken und entfloh.
Nur Eingeweihte werden erraten, daß der Architekt Max Langheinrich hieß
und der Dichter Ludwig Scharf.
*
Väterchen Rößler war einst Charakterspieler und Utilität am Hoftheater
zu Detmold.
Eines Abends, nach einer besonders braven Leistung Rößlers kam der
Hofmarschall auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und rief
begeistert:
„Mein Lieber, ich habe Sie nun als Franz Moor gesehen; als Mephisto;
als Zigeunerbaron; als Bettelstudenten; als Baumeister Solneß. Immer
derselbe, mein lieber Rößler -- immer derselbe.“
*
In Teplitz spielte Karl Rößler den Wallenstein.
Da hatte er -- im fünften Akt -- zu sagen:
„Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
Denn dieser letzten Tage Qual war groß.“
Sprachs -- ging hinten ab -- -- öffnete nach einer Weile wieder
spannweit die Tür und stellte seine Reiterstiefel zum Putzen auf die
Bühne.
Er ist ohne Kündigung entlassen worden.
*
In einem oberösterreichischen Flecken irgendwo hatte Vater Rößler ein
Sommerengagement. Wohnte in der Mansarde des ersten Gasthofs und fühlte
sich da wohl.
Eines Tages kommt der Wirt und sagt:
„Herr von Rößler! Mittwoch müssen S’ ausziegen.“
„Warum denn, um des Himmels willen, Herr Wirt? Ich habe doch immer
pünktlich die Miete gezahlt? Habe nie gestört?“
„Alles schön und gut, lieber Herr von Rößler -- aber i brauch grad des
Zimmer, grad des -- d’ Leut saans scho so gwohnt. Mittwoch is Markt.
Die Hur kimmt.“
*
Eines Tages kam ein Mann zu Rößler und sprach:
„Herr von Rößler -- gel? -- Sö saan jetz Dichter? Alsdann da hätt i
Eahna an Idöö für a Lustspiel. A großartigs Lustspiel -- so was zum
Lachen war no net da. -- Hören S’ zu, Herr von Rößler! -- Erschter
Akt -- Stammtisch mit Herren -- a Bayer; a Weaner; a Sachs; a Heß; a
Preiß: Ein Witz; Eine Laune; Eine Komik nach der andern. Zweiter Akt a
Kaffeegsellschaft -- die Gemahlinnen von dene Herren: Ein Humor; Ein
Scherz; Schlager folgt auf Schlager...“
„Und der dritte Akt?“ fragte Rößler.
Da sprach der Mann kopfschüttelnd:
„Alles ich, Herr Rößler? Etwas könnten S’ doch aa selber derzu dichten.“
*
Rößler wohnte Jahre hindurch in Dachau. Eine halbe Stunde von München.
Natürlich verbrachte er den Tag in der Stadt. Und versäumte regelmäßig
den letzten Abendzug -- daher verbrachte er in München auch die Nacht.
Nur höchst selten gelang es ihm, sein Dachauer Heim zu erreichen.
Eines Morgens zog er eben in Dachau ein -- nach recht langer
Abwesenheit. Sein Töchterchen, die kleine Lotte, erblickte ihn von
weitem und rief:
„Mama, Mama! Sieh nur, da kommt Herr Rößler!“
*
Wir lebten zu Gmunden im Gasthof, Karl Rößler und ich, und arbeiteten
gemeinsam an einer Komödie.
Rößler ist kein Frühaufsteher. Er erhob sich gewöhnlich gegen drei Uhr
nachmittag, wenn die ersten Morgennebel gewichen waren -- und dann
schrieben wir bis in die Nacht.
Mit dieser durchaus normalen Lebensweise war aber Rößlers greiser
Vater nicht einverstanden. Er erschien täglich um sieben Uhr früh im
Gasthof und stellte an Rößler das Ansinnen, das Gold aus dem Munde der
Morgenstunde zu holen.
Zwei Tage kämpften Vater und Sohn.
Am dritten Tag hatte sich Rößler schon ein stilles zweites Zimmer im
Seitenflügel des Gasthofs gemietet, wo er die gewohnte Lebensweise
fortsetzte.
Das erste Zimmer aber wurde dem alten Herrn vom Stubenmädchen in
völlig aufgeräumtem Zustand gezeigt mit der Behauptung: der Dichter
wäre heute schon seit fünf Uhr früh auf den Beinen, um im einsamen Wald
seiner Kunst obzuliegen.
*
Väterchen Rößler borgte sich hundert Mark und versprach mir Bezahlung
zu Neujahr -- auf Ehrenwort.
Er zahlte natürlich nicht.
Gestern aber bin ich ihm begegnet und kriegte mein Geld.
„Freund,“ sagte er, „eigentlich hätt ich dirs zu Neujahr geben sollen,
ich habs dir feierlich versprochen; ich hab auch Geld gehabt. Aber,
weißt, ich wollte keinen Präzedenzfall schaffen.“
*
Als Otto Erich Hartleben seinen Theatersieg mit dem ‚Rosenmontag‘
errungen hatte, suchte Brahm den Dichter an sein Lessing-Theater zu
binden und setzte ihm ein Jahrgehalt aus von 2400 Mark. Dagegen sollte
Hartleben verpflichtet sein, alle Stücke zuerst dem Lessing-Theater
anzubieten.
Hartleben unterschrieb.
Am Abend sagte er im Freundeskreis:
„Noch einen solchen Vertrag, und ich rühre in meinem Leben keine Feder
mehr an.“
*
Die Herren der Literarischen Gesellschaft zu Halle an der Saale
erzählen einem, wenn man sie darum fragt, gern von ihrem Hartlebenabend.
Schon zwei Tage vor der Vorlesung war Otto Erich in Gesellschaft eines
Freundes eingetroffen und widmete sich umfassenden Portweinstudien.
Man fragte den Dichter nach seinem Programm.
„Ist noch nicht fertig,“ entgegnete er. „Ich schreibe eben erst an der
Geschichte, die ich morgen lesen will.“
Er war auch am Vorabend noch nicht damit zu Ende, nicht des Morgens,
nicht zu Mittag. Erst eine Stunde vor der Vorlesung, in einer Kneipe
bei sehr viel Rotwein beendete er die Novelle.
Und saß am Abend (sein Freund mit ihm) im Saal der Freimaurerloge auf
dem Podium und war unbändig gut aufgelegt. (Der Freund desgleichen.)
Sie brauchten einander nur anzusehen und lachten schon. Die Geschichte,
die Hartleben da vortragen sollte, war garzu köstlich. (Fand auch der
Freund.) Ein klein wenig locker war sie überdies.
Ich weiß nicht, ob es allgemein bekannt ist, daß Halle keineswegs eine
hemmungslose Stadt ist. Die Damen in Halle wenigstens haben ziemlich
strenge Begriffe von Zucht und Sitte. Sie fanden es nicht in der
Ordnung, daß man sich so benehme, wie sich Hartleben benahm (und sein
Freund).
Hartleben las und las und freute sich immer auf die kommende Pointe und
lachte schon, ehe er sie gesagt hatte (der Freund nicht minder).
Da gingen die Damen, eine nach der andern -- und Hartleben blieb
schließlich nur mehr mit seinem Freund und drei, vier Herren des
Vorstands im Saal zurück und las ihnen bei einer neuen Flasche Rotwein
sein Werk zu Ende.
Wer da wissen will, was Hartleben in Halle las, schlage in seinen
Werken nach. Die Geschichte ist ‚gewidmet den Damen der Literarischen
Gesellschaft zu Halle.‘
*
Ein andres Abenteuer Hartlebens. Quelle: Max Halbe.
Es muß nach dem Erfolg des ‚Rosenmontags‘ gewesen sein -- Otto Erich
Hartleben saß im Café ‚Florian‘ am Markusplatz in Venedig.
Ein schwarzer Mann kam und bewarb sich bei Hartleben um die Erlaubnis,
das erfolgreiche Stück ins Italienische übersetzen zu dürfen.
„Ick sprecke nickt ganz gut deutß,“ sagte er, „aber ick verstehe
vollkommen. Ick abe ßon mehre Sstück hübersetzen. Ick abe hübersetzen
‚Weber‘ von Gerart Auptmann: Flasche. -- Ick abe hübersetzen ‚Sodoms
Ende‘ von Sudermann: Flasche. -- -- ‚Probepfeil‘ von Blumenthal:
Flasche...“
„Erlauben Sie,“ fragte Hartleben, „warum sagen Sie denn immer: Flasche?“
„O -- Sie verstehen nickt? Fiasko, Fiasko aben ick gemackt.“
*
Vor vielen Jahren wars, da kam Frank Wedekind nach Berlin. Es war eben
zur Zeit, als er am schwersten um seine Anerkennung ringen mußte.
Er trat -- in Begleitung einer kleinen Kabarettdiseuse -- ins Bierhaus
Siechen und fand da Hartleben.
Rasch wollte er sich abwenden -- denn er war auch mit Hartleben
zerkracht -- da erhob sich Hartleben, ging auf Wedekind zu und begrüßte
ihn:
„Frank -- wenn alle dich anfeinden, will wenigstens ich mich mit dir
versöhnen. Reich mir die Hand!“
Wedekind antwortete gerührt:
„Gestatte, lieberr Otto Errich, daß ich dirr zum Zeichen meines tiefen
Dankes dieses junge Mädchen dediziere.“
*
Frank Wedekind traf einst meinen Freund Karl Rößler.
„Grüß Gott!“ rief er. „Und ich gratuliere dir herzlich zum Erfolg
der ‚Fünf Frankfurter.‘ -- Ich höre übrigens, daß du jetzt an einem
literarischen Stück arbeitest...?“
Rößler darauf:
„Ich -- an einem literarischen Stück? Ich werde doch nicht schlechte
Geschäfte machen, wenn ich gute machen kann?“
*
Es war in Zürich, anfangs der neunziger Jahre, zur Zeit der heftigsten
Literaturkämpfe -- da geriet einer unsrer Dramatiker in Streit mit
ein paar Studenten. Er war gegen Schiller losgezogen und sie -- am
Nebentisch -- verbaten sich das. Schiller, der Dichter des ‚Tell‘, wäre
der erste Dichter und Heiligtum der Nation.
Der junge Dramatiker war sprachlos. Wie? Zwei Leute, die nicht einmal
zur Gesellschaft gehören, zwei Fremde mischen sich ins Gespräch mit
einem geharnischten Protest? -- Und er rief:
„Sie scheinen aus einem jener schweizerischen Täler zu stammen, wo der
Kropf endemisch ist.“
Die Fortsetzung des Gesprächs kann man sich vorstellen.
Als der junge Dramatiker im Nebenzimmer gewaschen, verbunden und gelabt
wurde, rief er bös:
„Nicht einmal seine künstlerischen Ansichten darf man hier äußern. Und
das nennt sich dann die freie Schweiz.“
*
Wie ich Girardi kennen lernte:
Es war vor zehn oder zwölf Jahren, in München -- um vier Uhr morgens
klingelt wütend mein Telephon. Ich ärgere mich, wühle den Kopf ins
Kissen und lege mich aufs andre Ohr. Das Telephon rast. Endlich muß ich
aufstehen.
In der Muschel die scharfe und doch chinesisch höfliche Stimme
Wedekinds. Er tut überaus verwundert:
„Ist es möglich -- sollten Sie am Ende schon schlafen? Ich würde
unendlich bedauern, Sie gestört zu haben. Herr Girardi möchte Sie
sehen. Wollen Sie nicht so freundlich sein, in den Bayerischen Hof zu
kommen?“
*
Ein Berliner Impresario hatte das Ehepaar Wedekind und mich auf eine
gemeinsame Vortragsreise geschickt. Unser erster Abend sollte zu
Frankfurt am Main stattfinden, in einem Vereinshaus.
Eine halbe Stunde vor Beginn kommt der Vorstand des Vereines uns
begrüßen.
„Herr Wedekind,“ sagt er, „der Saal ist übervoll; wir konnten nicht
verhindern, daß auch junge Mädchen sehr zahlreich erschienen... Gott,
es sei selbstverständlich fern von mir, Ihnen Vorschriften zu machen --
doch Sie verstehen, nicht wahr? Ich bin in großer Verlegenheit... Wenn
Sie gütigst Rücksicht auf die jungen Mädchen nähmen...?“
Wedekind zeigte seine Vorderzähne (das bedeutete bei ihm niemals
Gutes) und schnarrte chinesisch höflich:
„Herrr Vorrstand, Sie werrden zufrrieden sein...“
-- -- -- Ob er wirklich zufrieden war, der Herr Vorstand, weiß ich
nicht. Die Mädchen waren es keineswegs; denn sie wurden schon nach
Wedekinds erstem Bänkelsang von ihren bestürzten Müttern stumm zum
Aufbruch gezwungen. Leis raschelnd, auf den Zehenspitzen sickerten
zuerst und strömten bald die Huldinnen nach den Türen.
In der Pause erschien der Vorstand mit düsterer Miene.
Wedekind -- unschuldsvoll:
„Oh, hätten Ihre Damen doch nur ein kleines Weilchen überdauert! Jetzt
kommt nichts Schlimmes mehr.“
*
Ich saß nach dem Vortrag langelang mit ihm im historischen ‚Schwan.‘
Die arme schöne Frau Wedekind hielt wie eine Märtyrerin aus. („Tilly,
du bist schläfrig -- Kellner, noch eine Flasche Roten!“)
Da sprach Wedekind von seinem damals so schweren Kampf ums Dasein.
Ich warf flüchtig hin:
„Gehen Sie doch dem Publikum einmal, nur einmal entgegen! Machen Sie
ein lustiges Stück -- Sie werden reich werden und von nun an immerzu
schreiben können, was Ihnen gefällt.“
Wedekind lächelte nachsichtig. „Das wäre unökonomisch. Ich müßte mich
überwinden, um Geld zu verdienen, und dann erst dürfte ich das Geld
wieder in Freude umsetzen. Diese doppelte Umsetzung wäre Kraftverlust.
Lieber schreibe ich gleich, was mir gefällt, und habe meine Freude
daran.“
*
Unsre gemeinsame Vortragsreise endete in München. Seit Menschengedenken
hatte das Polizeipräsidium niemals Zensur an Vorträgen geübt -- weder
an Wedekinds, noch an meinen Texten; wir beide an einem Abend aber
schienen der Polizei doch allzu bedenklich, und man forderte unser
Programm ein.
Mir strich die Polizei nichts; Frank Wedekind strich sie so manches.
Sonst pflegte ich den Abend zu eröffnen und zu schließen -- diesmal
wollte Wedekind es tun.
Er trat auf und sprach (mit gebleckten Zähnen):
„Meine Damen und Herren! Mein Vorrtrrag wirrd sich in zwei Teile
gliederrn: errstens die von der Polizei genehmigten, zweitens die von
der Polizei verrbotenen Liederr.“
Und er hielt pünktlich Wort. Er sang alle verbotenen Lieder ab.
Zur Ehre der Münchener Polizei sei es gesagt: kein Hahn hat darnach
gekräht.
Was aber unsern Frank nicht verhinderte, dem Polizeipräsidenten später
eines seiner allerboshaftesten Bänkel zu weihen:
„... Wofür läßt sich
Von der Heydte bezahlen?
Für den Weltrekord
In Kulturskandalen!
Verendet an ihm
Auch München, die Kunststadt --
Berlin lacht heiter:
Schadet det uns wat?“
Ich weiß nicht, ob die Verse in Wedekinds Gesammelte Werke aufgenommen
sind; in meinem Exemplar stehen sie nicht.
*
Auch Girardi hat den Krieg mitgemacht -- auf seine Weise: