-- ein Schmerz, den meine Frau, die zartfühlende, sich dahin deutete,

daß der Geheimrat irgendwie -- sei es von Goethen, sei es von Faust

abstammen müsse, und die Erwähnung seiner toten Verwandten berühre sein

Familiengefühl.

-- -- --

Der Fall Huber-Urfaust war mir eine fürchterliche Warnung. Ich

beschloß, den Aufenthalt unter dem Damoklesschwert aufzugeben und

endlich mal nach so viel Jahren wirklich in die Lenz-Gesellschaft zu

gehen.

Freitagabend. Die Extrastube im Eberlbräu. Ein freundlich gedeckter

Tisch.

Neun Uhr. Ich der erste Lenz-Gesellschafter.

Zehn Uhr. Noch hat sich mir niemand zugesellt.

„Kathi,“ locke ich die Kellnerin -- „ich bin hungrig geworden. Bringen

Sie mir die Speisekarte!“

Ich esse ein Schnitzel mit Kartoffeln -- Käse -- eine Omelette...

(unglaublich, wie hungrig Einen das Warten macht) --

-- und als auch 10^h30 noch kein zweites Mitglied da ist,

beschließe ich in meiner Verwunderung, beim Vorsitzenden telephonisch

anzufragen: ob denn die Sitzung am Ende verschoben wäre?

Nein. Die Gemahlin ~Dr.~ Kitzheimers bestätigt mir: es sei heute

Sitzung.

Punkt elf abend. Ich -- mutterseelenallein.

Offenbar irrt sich Frau Kitzheimer -- ich klingle bei Huber:

„Halloh! Herr Geheimrat zu sprechen?“

Eine dünne schläfrige Stimme erwidert mir:

„Mein Mann ist seit sieben Uhr im Eberlbräu -- in der Reinhold

Lenz-Gesellschaft.“

Nun bin ich beruhigt.

„Kathi -- zahlen!“

Ich gehe. Ihr Eberlräume seht mich nun ein Dezennium nicht wieder.

Doch die Reinhold Lenz-Gesellschaft will ich fortan regelmäßig besuchen

und leichtern Herzens.

Mein letzter Wille

Wir leben -- was übrigens viele meiner Mitbürger noch nicht bemerkt

zu haben scheinen -- in einer schweren, schweren Zeit. Fast gewaltsam

heißt es sich durchs Leben schlagen -- dabei nimmt seit kurzem die

Gesetzlichkeit des Alltags wieder erschreckend überhand und beraubt

einen aller halbwegs leichten Erwerbsmöglichkeiten. Ein Schritt abseits

vom ehrlichen Weg, dem längsten zum Elend -- und du bist die Beute der

Polizeihunde. Feste arbeiten, intensiv und rechtzeitig vorsorgen tut

not. Vorsorgen nicht nur für sich -- nein, seit die Witwenverbrennung

abgeschafft ist, diese prächtige wirtschaftliche Maßregel unsrer

Altvordern -- auch Vorsorgen für die geliebten Rechtsnachfolger.

In dieser Erwägung habe ich beschlossen, schon jetzt mein Testament zu

machen. Es ist im Entwurf fertig.

-- -- --

„Bei vollkommen klarem Verstand, so klar, wie ich ihn mein Leben lang

nicht gehabt habe, verfüge ich, was folgt, als meinen letzten Willen:

Mein Vermögen mit allen Bar- und Liegenschaften gehört meiner Frau. Die

Barschaften sind in verschiedenen Westentaschen zerstreut, ein großer

Teil liegt, mit einem Verbot behaftet, auf dem Gerichtsdepositenamt.

Mein unbewegliches Vermögen besteht aus dem Stammgut meiner Familie,

das mir mein älterer Bruder samt dem Erstgeburtsrecht für ein

Linsengericht überlassen hat. Ich trage ihm die Übervorteilung aber

weiter nicht nach.

Unbeschadet dieser Verfügung über mein Gesamtvermögen soll mein Freund

~Dr.~ Hermann Sinsheimer das Recht haben, sich aus meinem Nachlaß

als Andenken einen beliebigen Gegenstand auszuwählen, jedoch im Wert

nicht über 1 ℳ 50, schreibe: eine Mark fünfzig Pfennig R.-W.

Die Tantiemen aus meinem vor sechzehn Jahren verfaßten Lustspiel ‚Der

Räuber von Crucina‘ schenke ich meinem Verleger -- unter der Bedingung,

daß er bei der Uraufführung persönlich die Titelrolle krëiere. Die im

letzten Akt vorgeschriebenen Torturen müssen aber echt durchgeführt

werden.

Viele meiner Bekannten waren Maler. Ich begnade sie nun mit den

Bildern, die sie mir einst gestiftet haben. Doch soll jeder Maler ein

von seinem Nebenbuhler gemaltes Bild erhalten.

Meinem Paten Paul Geier fällt jener schwersilberne Löffel zu, den er

mir zu meiner Taufe gespendet hat. Der Löffel ist stark abgenutzt und

schwärzlich. Er muß daher vernickelt werden, um genau so täuschend

auszusehen wie damals. Zwei andre, mit R. v. D. gravierte prächtige

Löffel hinterlasse ich meinem liebenswürdigen Gastfreund und Mäzen

Rudolf von Delius. Er wird sie hocherfreut begrüßen, sie fehlen an

seinem Dutzend.

Alle meine Kämme, Schwämme, Bürsten und dergleichen vermache ich Erich

Mühsam, dem Münchener Freund und Kommunisten. Er möge sie nicht

achtlos beiseitelegen, sondern die Gebrauchsanweisung, die ich für ihn

verfaßt habe, lesen und beherzigen -- dann wird er die Scheu vor Kamm

und Seife bald überwinden. ~Credat experto.~

Mein Patent als Freischwimmer hinterlasse ich der Kirche meines

Heimatsortes.

Das Sterbequartal meines k. u. k. Pensionsanspruchs von 28 Gulden habe

ich vor Jahren Herrn Moritz Knochenmehl verpfändet. Man bestreite es

ihm nicht.

Ich wünsche, an meinem Rasiertag zu sterben -- und bei heftigem Regen,

jedoch ohne überflüssigen Pomp begraben zu werden. Drei oder vier

Priester, etwas Chor und fünfzig bis sechzig Meter Vereine genügen mir.

-- Von Blechmusik hingegen sehe man ab; die Leute verlangen jetzt schon

20 M. pro Kopf und Bestattung -- ein Preis, der in keinem Verhältnis

mehr zu dem Vergnügen steht. -- Am Grab möge Friedenthal jene Rede

halten, die uns von frühern Trauerfeierlichkeiten her so vertraut ist.

Künstliche Blumen weise ich als gesundheitsschädlich zurück, andre

Liebesgaben erbitte ich in bar. Meine treue Schreibmaschine soll, mit

einem neuen Farbband gezäumt, hinter meinem Sarge hergeführt und dann

mit mir bestattet werden.

Ich wünsche, in Deutschland begraben zu sein -- meine Eingeweide aber

bitte ich in meinem teuern Österreich beizusetzen. Die Leber, mein

kostspieligstes Organ, händige man unserm Hausarzt aus, worauf er

seine Diagnose vermutlich doch noch ändern und die ärztliche Praxis

aufgeben wird.

Bezüglich meiner Grabstelle ordne ich weiter nichts an, ich zähle aber

auf die Pietät meiner Erben, wenn ich erwarte, daß man mich neben meine

letzte Geliebte, Frau......[C] betten wird. Sollte sich das nicht

durchführen lassen, dann lege man mich zwischen meine literarischen

Freunde Franz Blei und Karl Kraus. Man traue aber ihrer einfachen

Versicherung nicht und überzeuge sich, am besten durch Beträufeln mit

siedendem Siegellack, ob sie wirklich schon tot sind. Jedenfalls muß

mein Sarg eine Vorrichtung erhalten zum Verriegeln von innen.

Den Sarg befehle ich hölzern. In einem Metallsarg könnte ich mich

niemals behaglich fühlen. Mein Schädel muß eine Etikette tragen mit der

Jahreszahl 19.. -- ausdrücklich: ~post Christum natum~. Ich will

nicht nach ein paar Jahren als Neandertaler herumgezeigt werden.

Über die Vollziehung all dieser Anordnungen hat als

Testamentsvollstrecker mein Rechtsanwalt zu wachen, dem ich da zum

erstenmal Vertrauen schenke.

Freunden und Feinden, die ich je im Leben mündlich, schriftlich oder

tätlich beleidigt habe -- ihnen allen sei hiemit verziehen.

Geschlossen und gefertigt zu München im Hornung[D] 1921.“

Fußnoten:

[C] Der Name ist mir natürlich heute noch nicht bekannt; ich werde ihn

nachtragen.

[D] Hornung -- so nennt der gebildete Münchener mit Recht den

Karnevalsmonat sive Februar.

Der große Serbe

Ein sonderbares Organ, das Gehirn. Wunderlich wie alle seine Funktionen

ist auch seine Treue: das Gedächtnis.

-- -- -- Ich frage die schöne Dame:

„Gnädigste interessieren sich wohl nicht für Politik? Für Russland und

Polen? Für Griechenland und die Türkei?“

„Doch, doch, Roda. Besonders die Balkangeschichten -- ich höre sie

immer gern. Und für einen Menschen dort habe ich gradezu geschwärmt.“

„Der Glückliche! Wer ist es denn?“

„... Dieser große Serbe...“

„Wer?“

„Na, wie heißt er gleich?“

Sie faltet ungeduldig die Brauen, sie schnalzt burschikos mit den

Fingerchen. Endlich ruft sie fast bös:

„So erinnern Sie mich doch, zum Kuckuck! Der große Serbe -- der

elegante, entschlossene Mensch...“

„?“

„Sie selbst, Roda, haben mir ihn wiederholt genannt -- tausendmal stand

sein Name in der Zeitung, sein Bild sogar in den Schaufenstern...“

„??“

„Helfen Sie -- der große Serbe mit den schönen Augen?! Ich habe den

Namen auf der Zunge -- mit P fing er an, und alle Welt sprach von ihm.“

„Meinen Sie Putnik, den Wojwoden von 1912, Generalissimus im Weltkrieg?“

„Nein, anders.“

„Dann also Paschitsch? Von König Milan zum Tod verurteilt, später

Serbiens Bismarck und jetzt sein Unterhändler?“

„Auch nicht. Einer mit P, von dem soviel die Rede war.“

„Am Ende Patschu, einst Arzt in Belgrad, Serbiens Miquel?“

„Nein, nein. Einer mit P, ein ritterlicher Kerl mit Feueraugen.“

„Ah -- -- Pribitschewitsch? Oesterreichischer Oberleutnant, nun

serbischer Minister?“

„Herrgott, sind Sie ungeschickt! Oder stellen Sie sich nur so? Der

soignierte, tapfere große Serbe mit P, für den ich so geschwärmt habe,

der berühmte Mann... Er war Gesandter in Paris, hat dann den Sultan

entthront... (Freudig:) Ich habs! Er hieß Enver-Bey. -- Sagen Sie,

Roda: warum hört man jetzt nichts von ihm?“

Das Plagiat

Als ich diese beiden Worte hingeschrieben hatte -- jawohl, die Worte,

die Sie eben überfliegen: den Titel ‚Das Plagiat‘ -- da pochte man an

meine Tür, und herein trat ein Mann, den ich nie vorher gesehen hatte.

Ein vierschrötiger, rothaariger Mann mit durchsichtigen Augen.

„Ich bin Kolonel Mac Gee,“ sprach er, „Schriftsteller aus Northampton,

Massachusetts. Ich komme in einer Angelegenheit, die Ihre Ehre berührt.“

„Um des Himmels willen,“ rief ich bestürzt. (Ich bin ehemaliger k. u.

k. Kadett-Titular-Korporal in der Reserve der Sanitätstruppe.)

„Jawohl, Ihre Ehre berührt, Herr Roda. -- Sie haben eine meiner

Erzählungen plagiiert.“

„Kolonel, ich habe Ihre Arbeiten nie gelesen, ich kenne nicht einmal

Ihren Namen.“

„Es ist, wie ich sage,“ erwiderte er mit ruhiger Sicherheit. „Hier

in meiner Tasche steckt die Nummer des Massachusetts Herald vom 23.

November vorigen Jahres. Sie enthält meine Geschichte -- jene, die Sie

später wörtlich abgeschrieben -- wörtlich abgeschrieben, Herr! -- unter

Ihrem Namen veröffentlicht haben.“

„Unmöglich, Kolonel! Welche meiner Arbeiten soll denn Ihr Eigentum

sein?“

„Diese hier.“

„Mit Verlaub -- was heißt das: diese hier?“

„Nun -- ‚Das Plagiat‘ -- eben diese, die hier gedruckt steht.“

Ich sah den Amerikaner starr an. Nicht ein Tropfen Blut kann in meinem

Hirn geblieben sein. Ich fühlte deutlich, wie darin alle mühsam

geordneten Begriffe mit einem Schlag in Verwirrung gerieten. Die

Vergangenheit und die Gegenwart (ich hatte sie bisher immer in zwei

Fächer verteilt gehabt) stürzten aus der obern Lade in die untere,

brachen durch und bildeten mit meinem Gewissen einen dickflüssigen

Brei. Die Großhirnrinde platzte der Länge nach -- man konnte die

stärksten patriotischen Empfindungen durch die Spalte stecken. Die

Ursachen quollen über in das Fach ‚Nebenflüsse des Indus,‘ lösten die

Raumbegriffe auf und überschwemmten die Ganglienzellen ‚Gesang‘ und

‚Botanik.‘

Mit dem letzten Rest von Besinnung, den ich eben noch retten konnte --

etwa wie man einen fallenden Spazierstock auffängt -- gelang es mir,

ein Endchen Bewußtsein festzuhalten.

„Wissen Sie auch,“ rief ich, „mit wem Sie reden, Kolonel? Ich werde

doch nicht Stoffe stehlen gehen? Mir fällt täglich beim Zähneputzen ein

ganzseitig illustrierbarer Originalwitz ein. Ich schüttele Novellen

aus dem Ärmel -- verstehen Sie? Und aus dem andern Ärmel hochkomische

Lustspiele in fünf Akten. Ich entwerfe zwischen Frühstück und Mittag

einen Kolportageroman, zwischen je zwei Löffeln Suppe Balladen, dichte

nachmittags lyrisch und gehe selten schlafen, ohne eine Jambentragödie

an die Bühnen verschickt zu haben. Ich habe mehr Einfälle als andre

Leute Sünden und könnte mit all dem literarischen Stoff, den ich

jährlich unverarbeitet lasse, die Waisenkinder Ihrer Heimat bekleiden.

Schlagen Sie sich also Ihre Idee aus dem Kopf, Kolonel! Ich habe noch

niemals plagiiert.“

Mac Gee blieb kalt wie ein erfrorner Gartenlaube-Intrigant und

antwortete:

„Sie verlegen sich aufs Leugnen? -- Gut. Ich werde Sie öffentlich

brandmarken.“

Ich erbebte.

Als ich in rasender Eile nachsann, was zu tun wäre, legte ich in meinem

Innern sozusagen das Ei des Kolumbus. -- Mensch, dachte ich mir, wie

konntest du dich von dem Narren ins Bockshorn jagen lassen? Es ist doch

klar, daß ‚Das Plagiat‘ kein Plagiat sein kann -- war ich doch nach

den beiden ersten Worten durch den Besuch gestört worden und die Fabel

zur Zeit der Unterredung noch garnicht geschrieben. Er kann sie also

auch noch nicht gelesen haben -- ja, es hängt ganz von meiner Laune

ab, ob ich sie überhaupt jemals verfassen werde. -- Das hielt ich dem

Amerikaner denn auch mit mildem Theologenernst vor.

Ein Nashorn wäre der Gewalt meiner Logik unterlegen. Kolonel Mac

Gee aber war kein Nashorn. Er zog sein Dokument aus der Tasche, den

Massachusetts Herald vom 23. November, und hielt mir ihn vor die Nase.

„Lesen Sie und dann... reden Sie noch, wenn Sie können.“

Ich las... und... l... a... s..., und mein Gesicht wurde i... m...

m... e... r länger..., denn... der Mann hatte recht: jedes Wort, jede

Pointe meiner Geschichte hatte schon im Herald gestanden. Grade wie ich

war Mister Mac Gee, nachdem er zwei Zeilen seiner Arbeit geschrieben

hatte, von einem Besucher gestört worden -- nur war der Besucher

damals O’Connor, ein Redakteur aus Arizona. Grade wie ich hatte Mac

Gee den Vorwurf anfangs empört zurückgewiesen, war dann auf Minuten

in Fieber und Irrsinn verfallen und hatte endlich vor dem grausam

augenscheinlichen Beweise stutzen, das Unbegreifliche glauben müssen.

-- So stand es in Mac Gees Aufsatz.

Es gibt rätselhafte Dinge auf der Welt. Unsre Schulweisheit hat einen

tiefen, traumlosen Schlaf.

Das Unglück ist also geschehen, ich bin ein Plagiator. Meine

literarische Ehrenhaftigkeit steht unter dem Gefrierpunkt.

Wie bitter, nach einem langen, durchaus unbescholtenen Lebenswandel

plötzlich ohne eignes Verschulden -- oh, ich kanns beschwören: ohne

eignes Verschulden -- das teuerste Gut des Mannes, die Ehre -- oh, die

Ehre -- zum Teufel gehn zu sehen!

Ich raffte alle Kraft zusammen.

„Kolonel,“ sagte ich, „Ihr Belegstück hat mich platt niedergedrückt --

ich gebe mich geschlagen. Sie werden meine Lage besser als sonst jemand

begreifen, denn Ihnen ist es einst ebenso gegangen. Ihr Henker war

O’Connor aus Arizona. Er kam, wie Sie jetzt zu mir, und stampfte den

Blumengarten Ihrer Hoffnungen mit plumpen Stiefeln nieder.“

„Auch diese Redensart ist von mir,“ murmelte Mac Gee.

„Es kommt auf die eine nicht mehr an. Sie haben sie ja von O’Connor.

-- -- Doch ich bin ein reuig Gotteskind. Sie werden mir die Erfüllung

einer kleinen Bitte nicht verweigern...“

„Sprechen Sie!“

„... Kolonel, welchen Schluß haben Sie damals Ihrer Geschichte ‚Das

Plagiat‘ gegeben?“

Zu Tränen gerührt -- ein schöner Zug von Menschlichkeit bei diesem

harten Mann -- legte er mir noch einmal den Herald hin, damit ich

ihm auch die letzten Zeilen stehlen könnte. -- O’Connor hatte sich

seinerzeit Mac Gee gegenüber ebenso edel benommen.

Die Post

Eine Treppe unter mir wohnt ein Herr Robert Roder.

Ich aber heiße Roda Roda.

Da geschieht es denn manchmal, daß der Briefträger die Adressen

zu flüchtig liest und meine Post unten abgibt. Regelmäßig öffnet

dann dieser Robert Roder meine Briefe und schickt sie mit einem

Entschuldigungszettel herauf:

Er habe in der Eile den Umschlag aufgerissen, da er aber schon aus

den ersten Zeilen ersehen habe, daß der Brief nicht ihm, sondern mir

gehört, erlaube er sich... usw.

Gestern wurde mir das zu dumm. Ich bat meinen besten Freund, mir einen

Brief mit den Anfangsworten zu schreiben:

„Sie gemeinschädliches Gesinnungskrokodil, Büffelkönig beider Welten

und Vorsitzender des Reichsverbandes der Idiotenvereine...“

Diesen Brief also schickte ich geöffnet an Herrn Roder mit einer Karte:

„Ich habe das beifolgende Schreiben im Versehen angenommen -- da aber

schon aus den ersten Zeilen hervorgeht, daß es für Sie bestimmt ist,

hochverehrter Herr... usw.“

Robert Roder hat mir über die Treppe zugerufen: er wolle von nun an

scharf auf die Adressen achten.

Das Marienkäferchen -- ein Glückssymbol?

Handelnde Personen dieses kleinen Dramas sind alles in allem:

~Dr.~ +Eugen Meier+, Universitätsdozent,

+Agathe+, seine junge Frau.

Der erste Akt spielt am Abend nach Meiers Hochzeit; spielt im

Fremdenzimmer eines vornehmen Gasthofs.

Am Anfang des Dramas steht ein Entzückungsschrei: während nämlich der

Dozent ein Köfferchen auspackt und die dessen Eingeweiden entnommenen

Gegenstände auf das Spiegeltischchen reiht, ist die junge Frau Agathe

wie ein Schwälbchen durchs Zimmer geflattert; glaubt auf den Kissen

ihres Bettes ein Marienkäferchen erblickt zu haben und quiekt:

„Sieh! Sieh nur Eugen! Es bedeutet Glück!“

Der Dozent langsam:

„Ich vermag die Behauptung, daß ein Marienkäfer Glück bedeute, nicht

zu teilen. Glück in deinem Sinn heißt wohl: der gefällige Ablauf einer

Folge von kleinen persönlichen Erlebnissen. Im allgemeinen wird an

der Kausalität dieser Erlebnisse durch das akzessorische Erscheinen

eines Insektes nichts geändert. In dem hier vorliegenden besondern

Fall ist deine vom Erinnerungsbild eines Volksaberglaubens angeregte

Assoziation ‚Marienkäfer-Glück‘ umso weniger berechtigt, als dem

von dir aufgefundenen Insekt die charakteristischen sieben Punkte

des Marienkäfers fehlen; es hat ferner nicht, wie der Marienkäfer,

karneolrote sondern dunkelbraune Flügeldecken, der Körper ist nicht

kuppelförmig sondern ausgesprochen flach -- kurz, was du für einen

Marienkäfer, ~Coccinella septempunctata~ hältst, ist in Wahrheit

eine ~Cimex lectuaria~ oder Bettwanze.“

-- -- -- Wenn ~Dr.~ Eugen Meier hier die Bedeutung des

Marienkäfers als Glückssymbol leugnete, so traf sein --

wissenschaftlich nicht unbegründetes -- Urteil insofern ins Schwarze:

als Frau Agathe in ihrem jüngst dem Amtsgericht überreichten

Scheidungsbegehren grade den anläßlich der Auffindung des Marienkäfers

vom Ehegatten gehaltenen geschwollenen Sermon als ersten Erreger ihrer

unüberwindlichen Abneigung gegen den Gatten (§ 115, Bürgerliches

Gesetzbuch) bezeichnet hat.

Die höchste Leistung des Geistes

Wir wissen, wer Liebigs Fleischextrakt erfunden hat -- wer aber

erfand das Brot? Wer das Feuermachen? Wer die Kunst des Webens? Des

Schmiedens? Wer entwarf den Plan der Pyramiden, wer dichtete die Ilias?

Die höchsten Leistungen des Menschengeistes sind namenlos.

-- -- -- Im Jahr 480 vor Christi rückte der Perser Darius mit 100000

Mann gegen die Athener.

Miltiades, der Sieger von Marathon, hatte nur 9000 Mann. Dazu kamen

noch ein Bataillon Platäer und etliche Kompagnien bewaffneter Sklaven.

Miltiades kämpfte -- wie Hindenburg -- mit starken Flügeln: rechts

Athen, links Platää. Die Sklaven standen im Zentrum.

Die Perser durchbrachen das Zentrum. Da schloß sich die Hindenburgsche

Zange und vernichtete die Perser. Man sieht: die Gesetze der Taktik

sind ephemer -- Strategie ist Ewigkeit.

-- -- -- Aus der Mitte der Athener nun löste sich ein junger Bürger und

lief zwei deutsche Meilen weit nach der Vaterstadt.

Dem Rausch des Blutes war er entstürzt, dem betäubenden Geklirr der

Schlacht, dem Rachen des Todes.

Rannte, was ihn die Beine trugen, nach Athen.

Schmetterte mit dem letzten Atemzug die Jubelnachricht heraus:

+~Nenikêkamen!~+

Wir haben gesiegt!

und sank tot um.

Wahrlich:

daß dieser Mann -- auch sein Name ist uns nicht überliefert --

daß dieser Athener in so viel Erregung, Gefahr und Mühe, trotz

Lebensbangnis und Sterbensnähe das Perfektum von ~nikáo~,

~nikân~, erste Person Pluralis, durch Reduplikation der

Anfangssilbe richtig konstruierte: es ist eine der höchsten Leistungen

des menschlichen Geistes.

Die Männer sein klatschsüchtig

„Die Männer sein manchesmal noch klatschsüchtiger als wie die Frauen,“

sagte plötzlich meine Sitznachbarin. Dabei kannte ich sie garnicht --

sie war nur hier im Kino zufällig neben mich geraten. Ein Mädchen, etwa

dreißig, schon im Verblühen. Sie ging sicherlich nicht darauf aus, eine

‚Bekanntschaft zu machen.‘ Nein. Die packenden Vorgänge dort auf der

Leinwand -- ‚Rache des Andalusiers‘ -- hatten das Mitteilungsbedürfnis

meiner Nachbarin so mächtig angeregt.

„Die verklatschten Männer richten auch mehr Unglück an...“

„Warum grad die Männer?“ fragte ich.

Und meine Nachbarin, der ein Erlebnis auf der Zunge brannte, legte ohne

Hemmung los:

„Segen S’, ma glaubt denen Männern eher -- darum. Zum Beispiel: auf

unserm Büro, da is meine Freundin, die Paula -- das heißt, meine

Freundin is sie nicht -- wir sitzen halt nebenanand. Die Paula is

verlobt mit an Magazineur, und in sechs Wochen hätt’ sollen die Trauung

sein. Die Möbeln sein schon bestellt.“

„Und die Sache ist auseinandergegangen?“

„Warten S nur! Da -- gestern kommt der Hilfskassierer, der was schon

bei der Tageskasse sitzt, der Kragelsberger -- überhaupt ein sehr ein

großer Intrigant -- der Hilfskassierer also kommt zum Magazineur, zum

Bräutigam, und sagt ihm:

„Wissen S, Herr Hugo, wo überhaupt ihner Fräulein Braut is, die Paula?

Mit an fremden Herrn is s’ im Hotel.“

„Sie lügen!!“ sagt der Hugo un is ganz aufgebracht.

„So? Ich lüg?“ sagt der Kragelsberger, der Intrigant. „Einen Lügner

heißen Sie mich für meine Freundschaft? Eh daß Sie so etwas Gemeines

behaupten können, daß ich ein Lügner bin, wo ich die Paula selber hab

gesehen hineingehen, laufen S ins Hotel und überzeugen S Ihnen mit

eigene Augen!“

Richtig -- der Hugo lauft davon -- aber nicht zu Fuß -- nein, in ein

Auto hat er sich gesetzt, daß er die Paula ganz gewiß überrascht --

und is bis zum Hotel Kliebusch, hat lassen den Schofför warten und hat

gelauert.

Auf einmal kommt ganz fröhlich die Paula heraus mit einem fremden

Herrn. -- Gel, da schaugst? -- Ja, jetz hätt die Verlobung sicher

müssen in Brüche gehn, wo die Möbeln schon bestellt sein. -- Aber der

fremde Herr, das war kein so ein klatschsüchtiger Mensch -- sondern ein

sehr nobler Charakter war er.

„Bedaure,“ sagt der fremde Herr, „indem daß ich Ihnen mein Ehrenwort

gib mit zwei Fingern in der Höh, daß nichts Unrechtes nicht vorgegangen

is im Hotel mit ’m Fräuln Paula, so hoffe ich, Sie werden ihr

verzeihen. Überhaupt hat sie nur mit mir besprochen, ob ich Ihnen nicht

könnt eine bessere Anstellung verschaffen bei unsrer Firma, und ich

leite es bereits energisch in die Wege.“

Auf das hat der Hugo, der Bräutigam, natürlich nichts sagen können --

und die Hochzeit wird stattfinden. Weil, Gott sei Dank, der fremde Herr

ein vornehmer Mann is und der Hugo, der Bräutigam, die Paula wirklich

liebt und ihr nichts Unrechtes nicht zutraut... Aber sagen S’ selber:

is nicht genug Unannehmlichkeit geschehen durch die Klatschsucht von

dem elenden Menschen, dem Hilfskassierer? Dem Hugo und der Paula nicht

-- die haben sich ja wieder. Aber dem fremden Herrn: der Arme hat

müssen das Auto zahlen.“

Die Schuldsumme

Der folgende merkwürdige Fall hat sich in der berühmten, hochlöblichen

und überaus ehrsamen Reichsstadt Nürnberg ereignet:

Zum Rechtsanwalt Bitter kam einmal ein Bursche vom Land und sprach:

„Jetzten, wie is des, Herr Dokter -- därf i mei Bäuerin verklogen? Auf

tausend Mark? Daß s’ mr’s zahlen muß?“

„Ja, ja -- des därfst lei -- wann sie dir’s schuldig is.“

„Schuldi is s’ mr’s scho.“

„Kannst aber aa Beweise bringen?“

„An Beweis wüßt i scho.“

„Und kannst du auch schwören?“

„Mei, schwören -- da feit si nix.“

„Du hast ihr wohl ein Darlehen gegeben?“

„Han??“

„Geborgt wirst ihr halt tausend Mark haben...“

„Naa, naa -- borgt hab i ihr nix.“

„Oder is ’s a rückständiger Lohn?“

„Naa, naa -- des nit.“

„Oder gebührt dir ein Gewinnanteil aus an Gschäft?“

„Naa, naa. Klagen S’ nur auf tausend Mark -- d’ Bäuerin waaß scho.“

„So geht das nicht. Auch das Gericht will wissen, wofür du ’s Geld

verlangst.“

„No, wann i ’s sagen muß?? Alstern i bin zwanzig Jahr alt -- net?

Und d’ Bäuerin is vierzig, der Bauer sechsevierzig. -- ‚Martin,‘ sagt

s’ mir amaal, d’ Bäuerin, ‚Martin, wann i a Kind krieget -- i gäbet

gern tausend Mark.‘ -- No -- und ’s Kind is da. Alstern verlang i mei

tausend Mark.“

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 9 / 15 段