Oben auf barock-kubistischen Gewitterwolken der Kriegsgott (16,3

~m~) mit hochgekämmtem Schnurrbart, Adlerhelm (Gips). Der

Kriegsgott schwingt ein Banner -- na, ich sage Ihnen: ein Banner: wie

das Focksegel eines Kauffarteischiffs. Der Kriegsgott ist von Wodans

wildem Heer begleitet. (Alles Gips.) Im Gefolge erkennt man: den

ehemaligen Chef des Generalstabs v. Moltke; Hindenburg; dann Kluck,

Falkenhayn. Ungern reißt sich der Blick von ihnen los -- doch tiefer

unten gibt es ebenso Anziehendes zu schauen: die deutschen Stämme mit

den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (11 ~m~), Ruprecht, Albrecht

an der Spitze: im ganzen etwa 360 Figuren, keine unter 8 ~m~.

Wer schwindelfrei ist und eine Feuerwehrleiter ganz hinansteigt, wird

herrliche Details bewundern können.

Das Ganze ruht auf einem Sockel (in Wirklichkeit sollt ja der Spessart

von Aschaffenburg bis Gemünden als natürlich überhöhte Basis dienen) --

und am Sockel werden ~en relief~ sämtliche deutschen Mitkämpfer in

natürlicher Größe verewigt. (Alles Gips.)

Das ist die Schwabinger Alp, wie sie im Herbst 1914 als Modell

fertigstand. Wenn man vom künstlerischen Wurf ganz absieht: schon als

Äußerung roher Kraft allein eine ehrfurchtgebietende Arbeitsleistung.

Da schrieb der Magistrat München:

So, die Schulferien wären nun zu Ende -- Hensel werde ersucht, den

Saal der Mädchenhandelsschule Schwabing bis 12. d. M. wieder für den

Unterricht freizugeben.

Wie sollte Hensel sein Modell hinausbringen -- durch die Tür oder durch

die Fenster? -- Die Schulkommission erklärte, darüber möge sich der

Künstler selbst schlüssig werden.

Wenn man aber die Mauer weit genug aufbrach, fiel die ganze

Mädchenschule zusammen.

Nachdem sich erst eine Stimme aus der Bevölkerung im Generalanzeiger

der Neuesten Nachrichten für ein pietätvolles Belassen des Werkes im

Festsaal ausgesprochen hatte, nahm sich die Sezession der Sache an --

und ein Wink von oben gab den Ausschlag; man ließ Henseln einstweilen

in Ruhe: bis zu den nächsten Ferien.

Indessen aber war die Mädchenschule dem Kriegsministerium

überwiesen worden -- der Festsaal insbesondre als Bureau der

siebenhundertgliederigen Zentrale zur Beschaffung von Ersatzhornknöpfen

für Papierlitewkas.

Da fielen übereinander her: der Magistrat; die Schulkommission; die

Künstlergenossenschaft; der Bund zur Erhaltung von Denkmälern; das

Kriegsministerium; und eine Gruppe von Gläubigern, die Henseln Gips

geliefert hatte. Es entstand ein Wirbel von Staats- und Bürgergewalten,

von militärischen und kulturellen Belangen, die einander aufs

schrecklichste flankierten.

Sie flankierten und befehdeten einander -- immerzu -- immerzu --

jahrelang. Schließlich drückten sie Henseln völlig an die Wand: er habe

das Modell jedenfalls hinauszuschaffen, und zwar auf seine Kosten.

Beinah mußt er nachgeben, seine Alp zerstören...

Da kam ihm ein erlösender Gedanke: in einem prachtvollen Brief schenkte

er die Alp, wie sie stand, dem bayerischen Herrscherhaus.

Das war im Sommer 1918.

Das Oberhofmeisteramt dankte dem Künstler brieflich.

Worauf die Schulkommission sich an den König wandte -- mit dem

Ansinnen, über ‚sein‘ Denkmal zu verfügen. München, 8. November 1918.

Das Haus Wittelsbach gedachte, die Schwabinger Alp ganz einfach der

deutschen Nation zu stiften, da...

... da kam der Umsturz.

Nun war die Sache erst recht verfahren:

Die Münchener Gewerkschaften wollten die Schwabinger Alp als

Gipsbergwerk sozialisieren.

Die Mehrheit der bayerischen Abgeordneten betrachtete das Ding als

Krongut.

Hensels Gläubiger haben es mit Beschlag belegt.

Durch eine bereits ausgestellte, nur im Gesetzblatt noch nicht

abgedruckte Urkunde ist die Schwabinger Alp Reichseigentum geworden.

Wem gehört sie also? Das ist das große Rätsel.

-- -- -- Unterdessen geht Georg Hensel in den Kaffeehäusern umher, mit

den Händen in den Hosentaschen, und pfeift sich eins: ein Mann, der

nach schweren innern Kämpfen zur Herzenseinfalt zurückgefunden hat.

Die Grandeln

Vorigen Frühling äußerte meine Frau die Absicht, im Juli nach Kissingen

zu gehen.

Der Juli hat 31 Tage. Um diesen überaus langen Monat nicht allein

in München verbringen zu müssen, sah ich mich als vorsorglicher

Familienvater schon im Mai nach etwas um.

Ich fand es. In der Pinakothek.

Es war eine babylonische Witwe. Nicht besonders klug, aber freundlich,

schwarz von Haar, finanziell unabhängig und mit etwas Malerei begabt.

Sie hatte mit sechzehn geheiratet, berichtete sie, war fünf Jahre lang

Gattin gewesen, fünf Jahre Witwe und zählte im ganzen zweiundzwanzig.

Sie hieß Ludovica. Ich liebe Frauen, deren Namen man sich leicht merken

kann. Ein mnemotechnischer Zufall kam mir zu Hilfe: Ludovica war in

diesem Jahr die Dritte.

Ludovica war sogleich entbrannt. Um mich nicht zu zersplittern,

vertröstete ich sie auf den Juli; und sie wartete.

Plötzlich, am 1. Juli -- wer beschreibt meinen Schrecken? -- gab meine

Frau ihre Kissinger Reise auf.

Augenblicks beschloß ich, auf die Hochwildjagd zu gehen.

Ich selbst habe natürlich kein Revier. Doch Walter Ziersch hat eins.

Sooft ich nun Wert darauf lege, mich zu diesem oder jenem Zweck für ein

paar Tage zu dematerialisieren, pflege ich meinen Verwandten gegenüber

eine Jagdeinladung zu Walter Ziersch vorzuschützen.

Das Verfahren ist sehr einfach: ich passe im Flur auf, bis mich

irgendwer telephonisch anruft; hierauf ergreife ich beide Höhrrohre --

jawohl, beide Höhrrohre -- und was mein Partner auch immer sage -- ich

jauchze in die Muschel:

„Ah, du bists, lieber Doktor Ziersch? -- Fein, fein gehts mir, ich

danke... Hochwildjagd? Gewiß, gewiß, mit Vergnügen.“

Der Mann am Telephon widerspricht eindringlich: er wäre der

Gemüsehändler und wisse nichts von einer Jagd, es sei ein

Mißverständnis.

Ich noch lauter, noch freudiger:

„Mittwoch? Famos! Herrlich! -- Wie, Auerwild gibts auch? Ich werde

bestimmt erscheinen. Ich danke sehr. Schluß!“

Und ich wende mich an meine Familie:

„Denkt euch, Walter Ziersch hat mich schon wieder zur Hochwildjagd

gebeten.“

Alle freuen sich mit mir und preisen den edeln Jagdherrn und Gönner.

-- -- --

Mittwoch also fuhr ich mit meiner Babylonierin nach Augsburg.

In Augsburg kaufte ich einen Rehbock und schickte ihn meinen Lieben,

damit auch sie teil an Vaters Jagdvergnügen hätten.

Der Tante schickte ich zwei Fasanen.

Meinem Bruder nur ein Rebhuhn -- er glaubt die Geschichte von der Jagd

ohnehin nicht.

Dem Onkel aber selbsterbeutete Hirschgrandeln, denn ich verehre den

lieben Onkel sehr.

Ich weiß nicht, ob es allgemein bekannt ist, daß echte Grandeln

heidnisch teuer sind. Ich kaufte nachgeahmte, für fünfzig Pfennig.

Onkelchen, der Schurk, muß auf den ersten Blick erkannt haben, daß

diese Grandeln aus Zelluloid bestehen; er fand das Geschenk ‚zu kostbar

für einen alten Onkel‘ und verehrte es... meiner Frau.

Meine Frau schmollte ein wenig, daß sie ihres Ehemanns Trophäe erst auf

Umwegen bekommen hätte, beruhigte sich aber und ließ das kostbare Stück

vom Juwelier in Gold fassen.

Dann trug sie die Grandeln öffentlich als Brosche.

Ich ärgerte mich bunt. Jeden Tag zweifelte ein andrer Mittagsgast die

Echtheit meiner Jagdbeute an. Meine Lieben begannen, mich mit scheelen

Blicken zu betrachten.

Da kam Professor Bechtel zu Besuch -- Bechtel, der Zoologe.

Meine Frau wollte offenbar die Gelegenheit ausnutzen und zeigte dem

Herrn Professor die Grandelbrosche, natürlich um sie prüfen zu lassen.

Doktor Bechtel besichtigte die Brosche oberflächlich, nickte freundlich

und schob sie zurück. Sie wäre sehr geschmackvoll, sagte er. Und

hochmodern.

Schon atmete ich auf. Meine Frau aber hatte offenbar Verdacht gefaßt

und wollte durchaus Sicherheit haben. Sie rief:

„Was sagen Sie nur, Herr Professor? Vetter Toni behauptet immer, die

Grandeln wären nicht echt.“

„So?“ rief der Professor. -- „Nicht echt?“ -- Er schob die Brille

in die Stirn und hielt sich die Brosche an die Nasenwurzel. -- „Man

müßte das Ding chemisch untersuchen: das Gold mit Hilfe einer Mischung

von Schwefel- und Salpetersäure, dem sogenannten Königswasser -- die

organischen Bestandteile der Brosche mit...“

„Ha,“ unterbrach ich, „ich lasse mich von Vetter Toni nicht beleidigen.

Die Grandeln sind echt. So lieb sie mir sind -- als Andenken an meinen

ersten Hirsch -- ich werde sie erbarmungslos opfern. Bekanntlich,“

rief ich -- und meine Stimme hatte hier ehernen Klang -- „bekanntlich

gibt es eine unwiderlegliche Probe: falsche Grandeln sind durch Feuer

unzerstörbar, echte aber flammen auf und verbrennen.“

Ehe meine bestürzten Anverwandten noch ein Wort hatten erwidern können,

zündete ich ein Streichholz an -- ein Zischen, ein wenig Gestank -- und

die Grandeln waren gewesen.

Wie stand ich da? Ungefähr wie Mucius Scaevola. Oder wie Manlius

Torquatus. Je 2,5 Zentimeter ein König.

-- -- --

Aus dieser schlichten Begebenheit erklärt sich die eigentümliche Stelle

in Professor Doktor Bechtels ‚Leitfaden der Zoologie,‘ 17. Auflage,

München, 1921:

„Die Schneidezähne mancher Hirscharten (Cerviden) zeichnen sich durch

leichte Brennbarkeit aus, was unter Umständen die Unterscheidung von

Schädelresten der Gattung ~Cervus~ von denen andrer Wirbeltiere

erst ermöglicht.“

Tobias Leinzeltners Schicksale im Münchener Umsturz

Tobias Leinzeltner ist Diener der Süddeutschen Verlagsgesellschaft

Euterpe, Wochenblatt für Milchwirtschaft und Käserei.

Georg Leinzeltner ist der Direktor; ein älterer, massiv gebauter Herr,

den man beim ersten Ansehen eher den alkoholhaltigen Branchen zurechnen

würde.

Zwischen Herrn und Diener besteht mehr als Namensverwandtschaft; sie

sind richtige Vettern. Nur darf Tobias bei Strafe eines prasselnden

niederbayerischen Ungewitters sich dritten gegenüber zu Georg

Leinzeltner als Vetter nicht bekennen; muß ihn als Herrn Direktor

anreden, auch in den vier Wänden und wenn sie unter sich allein sind,

‚sonst fliegt er von der Stelle;‘ muß vergessen, daß sie einst zu

Dingolfing gemeinsam Schuljungen gewesen -- und er denkt stündlich

daran; muß den nagenden Groll in seiner Brust erwürgen und verleugnen,

daß sein Vetter Gebieter ist und er nur Sklave -- wo sie doch eines

Bauernblutes sind, aus einem knorrigen Holz, Tobias sogar älter -- und

Georg nur darum aufgeblasen sein darf und grob, weil sein Vater dem

Vater Tobiae das Stammgut der Familie einst vor Jahren in langwierigen,

sumpfigen Sitzungen abgeschmust und abgelachselt hat.

Nie sind Ketten knirschender getragen worden. Wenn Tobias vormittags um

elf dem Herrn Direktor Weißwürscht aus dem Hackerbräu zu holen hat,

so betrachtet er sie bei sich als seine Weißwürscht und sieht mit Neid

und Ärger, wie der reiche Vetter sie frißt. Jeden Pfennig, den Georg

ausgibt, reißt er dem Tobias vom Herzen. Er praßt unaufhörlich vor

Tobiae Augen; so sieht es der Diener.

In Wahrheit ist auch Georg Leinzeltner, der Herr Verlagsdirektor,

keineswegs auf Rosen gebettet. Man hegt ja große Hoffnungen für die

Euterpe m. b. H. -- einstweilen aber geht das Wochenblatt nicht

besonders gut. Man kann sagen, es geht garnicht. Es lebt von Anzeigen

-- und die Anzeigen werden vom Herrn Direktor selbst äußerst mühsam

‚hereingeholt‘: indem der Herr Direktor zuerst einen saftigen

Aufsatz I. schreibt ‚über gewisse gewissenlose Aussauger des armen

Milchproduzenten‘ und mit dem Gelöbnis schließt, ‚in der nächsten

Nummer unsres verbreiteten Blattes in diese Elemente ausführlich

hineinleuchten‘ zu wollen. Die ewig drohende Fortsetzung II. ist noch

nie erschienen; denn alles, was Butter in Milchdingen auf dem Kopf hat,

beeilt sich, rechtzeitig in der ‚Euterpe‘ halbseitig zu annoncieren.

Wirkt Direktor Georg Leinzeltner also im Grund sittlich bessernd auf

seinen Kreis, indem er die Schädlinge durch fortgesetzte Erpressung

wirtschaftlich schwächt, so steht er doch stets mit einem Fuß in den

Schlingen der öffentlichen Rechtspflege. Die Weißwürscht, wo das

Schicksal ihm gewährt, sind nur eine -- nicht einmal unbescheidene --

Gefahrprämie.

Tobias merkt es nicht; sein Grimm nimmt die Weißwürscht des Vetters

wahr, nicht die Seelenängste.

In Anbetracht der peinlichen Finanzlage des Verlags war es doch wohl

übertriebene Vorsicht des Herrn Direktors, wenn er schon beim ersten

Hahnenschrei des revolutionären Maschingewehrs aus München floh --

offenbar befangen von dem Irrwahn, er wäre Kapitalist und Zielscheibe

des Proletenhasses. Andrerseits muß ein Schutzengel ihn gewarnt

haben: denn schon am Geburtstag der Räteherrschaft hatte Tobias, der

böse Diener, in einem blindgehässigen Brief ohne Unterschrift grade

Herrn Georg Leinzeltner, den Vetter, als einen der reichsten Bürger

gekennzeichnet, als Leuteschinder, vielfachen Millionär und fanatischen

Weißwurschtgenießer, den das erwachende ‚Voik‘ zu allererst zu

vernichten hätte ‚wannz überhaubz an Ordnung gäbet in der königlichen

Rebublick.‘

Ob mit, ob ohne Not -- genug, Georg, der Herr Direktor, war nun einmal

nicht da, sondern im heimatlichen Dingolfing und -- Tobias, der

Diener, sah sich allein im Brausen des Umsturzes; sah sich, der Diener

ohne das Korrelat eines Herrn. Und hatte die neue Regierung ohnehin

verkündet: es gebe keine Diener mehr -- so ist ein herrenloser Diener

am allerwenigsten denkbar. Tobias Leinzeltner tat also recht daran,

wenn er sich seiner Stellung enthoben fühlte, für arbeitslos hielt.

Ob sein Vetter, der Herr Direktor, zurückkehren wird, stand in den

Sternen geschrieben, Tobias Leinzeltners rückständiger Lohn vielleicht

sogar im Schornstein. Tobias beschloß nach einiger Überlegung, sich an

das Sichere zu halten: an die Arbeitslosenunterstützung des Staates.

Und Tobias stellte sich an -- hinten als letzter an eine endlos krumme

Menschensäule, um seinen Anspruch auf die Unterstützung anzumelden.

Nach der Hohenzollernstraße 15 sollt er, zwei Treppen, Zimmer 59,

gleich links -- da war das Amt -- und er stand gegen Mittag noch auf

dem Kaiserplatz. Herrgott, bis die Menschensäule da im stockenden

Schritt der Wartenden nach der Hohenzollernstraße vorrückt! Er

hatte mit dem Nachsinnen kostbare Stunden vertrödelt, das ist klar

-- und wirklich, er kam zur unrechten Zeit: vor ihm waren schon

Zehntausende auf dem Amt gewesen, vielleicht hunderttausend, und der

Volksbeauftragte war sehr kritisch mit der Zuteilung der grünen Zettel;

er sah sich jeden Bittsteller dreimal an.

„Du, Genosse,“ sagte er zu Tobias, „bist doch ein kräftiger Mann? Du

könntst hinaus aufs Dorf? Kartoffeln graben? Torf stechen?“

Davon verstehe er nichts, wandte Tobias ein und blickte scheu hinweg;

er sei nun einmal gelernter Redaktionsdiener für Milchwirtschaft.

„Na, deinetwegen werden wir keine Fachblätter gründen,“ brummte der

Beauftragte. „Tritt in die Rote Garde ein -- anders gibts kein Brot!“

Tobias -- was sollt er? -- sagte: Gut! -- und sie führten ihn mit

einem Trupp Leidensgenossen nach der Türkenkaserne, hängten ihm ein

Gewehr um, steckten ihm fünf Handgranaten von oben in den Hosenriemen

und gaben ihm eine gestempelte Binde, die sollt er auf dem Ärmel

tragen. Die Hauptsache aber: einen Napf Pichelsteiner Fleisch kriegte

er und zwanzig Mark Handgeld. Das ließ er sich wohl gefallen; und

trollte sich nach Haus.

Am nächsten Morgen sitzt Leinzeltner gemütlich daheim mit seinen Spezis

bei einer frischen Maß und erzählt seine Abenteuer von gestern und haut

auf den Tisch und sagt: wenn jetzt, wenn heut, wenn abermals der saubre

Herr Vetter käme, der Direktor, und tät wiederum so maulen und ‚Tobias,

Tobias!‘ brüllen und ihn, den Leinzeltner, zehnmal an einem Vormittag

auf die Post schicken -- und andre reaktionäre Umtriebe machen: so

würde er als Rotgardist es garnie nicht dulden; für so was hätt er nun

ganz einfach die Flinte da hinterm Bett und fünf Stück Handgranaten.

„Hehe!“ grinsten die Spezis, „hast denn schon amal aus an Gwehr

gschossen?“

Habe er allerdings noch nicht, räumte Tobias ein -- indem er wegen

seiner Plattfüße dauernd untauglich gewesen; doch wenns zum Knallen

ist, werde er seinen Mann schon stellen, darauf könne man sich

verflucht verlassen.

Da öffnet sich die Tür, und klirrend erscheint eine rote Patrouille,

blutjunge Bursche.

„Achtung!“ ruft der Führer. „Saan Sö der Leinzeltner?“

„Ja.“

„Hände hoch!“

Aber, wandte Leinzeltner hilflos ein, er sei ja selber Rotgardist,

da auf der Kommode -- er wies mit dem Finger hin -- liege doch seine

Armbinde.

Pardautz! -- hatte er eins an der Schnauze sitzen, und „Hände hoch!“

brüllte der Führer. „Sö kommen mit auf die Polizei!“

Leinzeltner schritt knieweich und beklommen inmitten der Patrouille auf

die Polizei, immer mit den Händen hoch -- nur eben verschränken durfte

er sie im Nacken. O du lieber heiliger Tobias, Schutzpatron -- was wird

man ihm dort antun, was von ihm wollen?

Auf der Polizei meldete der Führer:

„Leinzeltner zur Stelle gebracht.“

„Ah, der Herr Leinzeltner!“ riefen die Volksräte und schienen sich

grimmig zu freuen. „Der Georg Leinzeltner?“

Nein, versicherte der Häftling; der Georg wär er nicht, vielmehr der

Tobias.

Sie wollten es nicht gleich wahrhaben, doch er stellte die Sache dar,

wie sie lag -- da sprachen sie zu ihm:

„Wanns so is, Genosse -- nachher geh nur schön heim und trink a Maß auf

den Schrecken!“

Das ließ sich Tobias nicht zweimal sagen.

Saß eine halbe Stunde darauf mit seinen Spezis und schilderte ihnen

haargenau sein Erlebnis...

Da öffnete sich die Tür, und klirrend erscheint -- wer?

Eine rote Patrouille: diesmal vier ältere, bärtige Männer.

„Achtung!“ ruft der Führer. „Saan Sö der Leinzeltner?“

„Ja -- aber...“

„Hände hoch!“

Ja -- aber... er sei doch eben erst auf der Polizei gewesen -- hier --

hier auf dem Nachttischchen habe er den Schein...

Weiter kam er nicht. Pardautz! -- hatte er eine rechts an der Schnauze,

eine links -- einen Kolben im Bauch -- er merkte gleich, das waren

Frontsoldaten. Und die Hände hoch sollt er halten, sowie das Mäu und

augenblicklich mit auf die Polizei wandern.

„Herrgottfix -- des is ja scho wieder der Tobias Leinzeltner und net

der Georg,“ riefen die Räte zornig, sowie er sich nur zeigte. „Was

willst denn du bei uns, du damisches Rindviech, damisches? Schaug, daß

d in Schwung kimmst, sonst wern mir dir scho helfen, du Bazi!“

Na, dachte der arme Tobias, gar a so mundartlich hätten s mit an

Genossen und Gardisten net reden bräucht -- immerhin war er froh, aus

der Höhle der neubayerischen Löwen draußen zu sein...

... Wollte eben daheim das Gespräch da fortsetzen, wo er es vorhin

abgebrochen hatte, durch die Patrouille gestört -- -- wehe, wehe: sie

holten ihn zum drittenmal.

Denn er sei durchaus nicht der Tobias Leinzeltner, für den er sich

immer ausgebe, sondern der vielgesuchte Georg selbst, der ‚wo die

Anzeige eines klassenbewußten Proletariers gegen ihn vorliege‘

wegen Leuteschindens, bürgerlichen Millionärprotzes und frevlen

Weißwurschtfressens.

Die Patrouille war nun mächtig verärgert über den frechen Burschoa, dem

sie zweimal so weit hatte nachlaufen müssen.

Wieviel Holz der arme Tobias diesmal kriegte, auf den Buckel sowohl

wie vornhin und drüber weg: Kinder, es geht auf keine Kuhhaut. Und es

dauerte eine geschlagene -- wie geschlagene! -- Stunde, eh er alles

klarstellen konnte -- teils, weil sie seine Sprüch nicht glaubten,

teils, weil seine Red und Fresse so geschwollen war.

Endlich, endlich entließen sie ihn, und Tobias zog sich gebrochen

zurück: scheinbar nur aus dem Zimmer der Räte, innerlich aber aus der

Partei, aus der Welt, aus dem Umsturz überhaupt.

Er hat seine Flinte nie mehr angerührt -- noch weniger die Handgranaten.

Nach Dingolfing ist er geschlichen und Redaktionsdiener ist er worden

bei seinem Vetter, dem Georg -- bei der Euterpegesellschaft, behaftet

mit Beschränktheit, Wochenblatt für Milchwirtschaft und Käserei.

Die Reinhold Lenz-Gesellschaft zur Förderung junger Talente

Wenn Sie, Gnädigste, Ihr kleines Handbuch der Weltliteratur

aufschlagen, wissen Sie gleich Bescheid:

„_+Lenz+_, Jak. Mich. Reinhold, * 12. (23.) Jan. 1751

zu Seßwegen (Livland), studierte i. Königsberg, ging 1771

n. Straßburg, trat hier alsbald in Berührg. m. Goethe u.

Jung-Stilling. Nach Goethes Abreise unterhielt L. ein leidensch.

Verhältnis zu Friederike Brion (s. d.!), dem Lieder entstammten,

die man lange für Goethes Werk hielt. Am Weimarer Hof machte sich

L. durch Taktlosigkeiten unmögl. Verfiel 1777 in Wahnsinn, ging

1780 n. Petersburg u. Moskau, † 1792. Dramen: D. Hofmeister, D.

Soldaten; Roman: D. Waldbruder.“

Welch erschütternde Tragödie in wenig Zeilen!

Nun war in München etwas ähnliches geschehen -- ein junger Dichter

war in Not umgekommen -- und damit der Fall sich gewißlich nimmer

wiederhole, gründete Universitätsprofessor ~Dr.~ Beutemann die

Reinhold Lenz-Gesellschaft. Mitglieder: die Münchener Dichter Mann für

Mann -- an ihrer Spitze Georg Hirth, Graf Keyserling, Ruederer und

andre. Sitzung: jeden Freitag abend, Eberlbräu.

Die Sache ließ sich schön an. Wir entdeckten Begabungen und

unterstützten sie; lenkten die Aufmerksamkeit der Theater auf ringende

Autoren; gaben Versbücher heraus, Almanache -- veranstalteten

Vorlesungen, bis...

... bis sich dieser und jener verletzt fühlte, weil man seinen

Schützling unaufgeführt ließ -- Lyrik, die er empfohlen hatte, für Mist

erklärte...

Es starben Georg Hirth, Graf Keyserling und Ruederer -- Professor

Beutemann verzog nach Berlin -- Gustav Meyrink nach Starnberg -- der

Eifer erlahmte -- und von der Reinhold-Lenz-Gesellschaft ward es

still. Malzumal hörte ich: anstelle Beutemanns wäre nun ~Dr.~

Kitzheimer Vorsitzender geworden; oder: die Lenzgesellschaft hätte die

Absicht, im Schauspielhaus eine verschollene Komödie von Gumppenberg zu

inszenieren. Wiederum vergingen Monate -- und ich wußte nicht: hatte

man den Plan fallen lassen? vergessen? ausgeführt?

Ich kümmerte mich nicht um die Reinhold Lenz-Gesellschaft. Nur wenn ich

irgendein Geschäft hatte, das ich mit meiner Frau nicht diskutieren

wollte, verlegte ich es gern auf Freitag.

Und sagte nachmittag meiner Frau:

„Schatz, ich komme heut nicht zum Abendessen.“

„Oh! Warum?“

„Es ist Sitzung der Lenz-Gesellschaft. Im Eberlbräu... Laß mir den

Smoking bereitlegen!“

„Den Smoking...??“

„Ja. Es ist Festsitzung.“

Das ging viele Jahre so.

Manchmal kam ~Dr.~ Kitzheimer zu uns ins Haus, und ich fürchtete

sehr, entlarvt zu werden. Aber nein. Kitzheimer benahm sich tadellos.

Meine Frau fragte lauernd (denn sie ist ein wenig mißtrauisch):

„Die Herren haben einander wohl lang nicht mehr gesehen?“

Dann hob Kitzheimer in seiner müden Art die Lider, und ohne sich auch

nur durch einen Blick auf mich zu verraten, sprach er:

„Roda war doch wohl Freitag in der Lenz-Gesellschaft?“

Ich konnte seelenruhig erwidern:

„Letzthin habe ich leider gefehlt, Herr Doktor -- aber vor zwei Wochen

bin ich dagewesen.“

„Schon zwei Wochen?“ murmelte ~Dr.~ Kitzheimer träumerisch. „Wie

die Zeit vergeht...“

Und das Schwert des Damokles war glücklich vorbeigesaust, ohne mir ein

Haar gekrümmt zu haben; oder hing vielmehr wie eh und je an seinem Haar.

-- -- --

Auch mein Freund Schütz gehört zu den fleißigen Mitgliedern der

Reinhold Lenz-Gesellschaft. Jede Woche wirft mir Frau Schütz vor:

„Ihr mit euerm abscheulichen Verein! Mein Mann ist erst um fünf Uhr

morgens heimgekommen.“

Ich antworte in schönem Baryton:

„Gnädigste, wo es solche Ziele gilt -- die Förderung junger Talente --

muß einen das Opfer an Stunden nicht gereuen.“

Schütz summt unterdessen sphärische Arien vor sich hin. Der Racker hat

also immernoch seine Gesangselevin...

-- -- --

Als zweiten Vorsitzenden hatte ich meiner Frau stets den Geheimrat v.

Huber angegeben, einen uralten Griesgram, der sich nie, oh, niemals in

unsern Kreisen blicken läßt. Unseligerweis mußte grade er mit meiner

Frau zusammentreffen, und sie verfehlte nicht, von jenem ‚ersten

Entwurf zum Urfaust‘ zu reden, den -- nach meiner Angabe -- die

Lenz-Gesellschaft damals in so festlicher Gewandung beraten hätte.

Schon spaltete v. Huber die Lippen, um zu versichern: er wisse nicht

das mindeste, keine Spur...

Da trat ich dem alten Mann so energisch auf die Zehen, daß er, selbst

er, sofort verstand und sprach:

„Au! Sie tun mir ernstlich wehe --“

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 8 / 15 段