Wenn nun eine Postanweisung an mich kommt, schickt man mir nicht etwa

das Geld, sondern ich erhalte -- ganz wie es der Amtsvorstand angedroht

hat -- nurmehr die Verständigung, dieser und dieser Betrag wäre meinem

Konto gutgebucht worden.

Jeden Betrag, den ich von irgendwoher bekomme, schickt man aufs

Postscheckamt und schreibt ihn auf Nummer 1130.

Erst gestern kamen wieder:

Vom ‚Lustigen Sachsen‘ für ein hübsches Trinklied

2 ℳ 50.

Von der ‚Literarischen Rundschau‘ für einen Artikel ‚Sollen junge

Mädchen Korsette tragen?‘

15 ℳ

Ich kriege das Geld nicht. Wir haben seit sechs Wochen nichts mehr im

Haus.

Einmal füllte ich ein Formular aus und ging damit auf die Post.

Der Beamte sah die Geschichte durch, nickte beifällig, hielt das Papier

gegen das Licht, um das Wasserzeichen zu prüfen, und sprach:

„Sie können ganz beruhigt sein. Der Scheck is echt.“

„Ich wollte hundert Mark...“

„Schicken S’ halt den Schein aufs Scheckamt.“

Ich schicke öfters einen Schein aufs Scheckamt.

Dann weist das Scheckamt hundert Mark an -- an Herrn Roda Roda, München

23, Leopoldstraße.

Das Postamt München 23 bekommt die Anweisung, sagt sich aber mit Recht:

‚Der Mann hat ein Konto, auf das wir diesen eingelaufenen Betrag

überweisen müssen.‘ -- Und die hundert Mark gehen wieder ans Scheckamt.

Meine Mutter verkümmert in Not, Bettelstab ist bei uns Küchenmeister.

Mein Geld geht ans Postscheckamt.

Gestern war ich persönlich bei einem Verleger und suchte ihm zwanzig

Mark abzulisten.

Er sagte mir:

„Gewiß, mit Vergnügen. Ich überweise Ihnen das Geld durch einen

Postscheck.“

Ich ging gebrochen vondannen.

Ich wiederhole den Versuch, Geld von der Post zu erhalten, jede Woche.

Ich sehe ja ein, der Versuch ist töricht. Doch das eben ist die Art der

Verzweifelten, törichte Versuche zu wagen.

Die Regierung bleibt unbarmherzig. Die Einführung des

Postscheckverkehrs war ein Teil der Finanzreform des Reiches. Man

wollte Geld haben, und nimmt es nun den Ärmsten. Meine kargen, sauern

Schriftstellerhonorare wird man der Entente überweisen. Und die

deutsche Kunst gibt man dem Hungertuch preis.

Die Löwen des Professors Behn

Es wird hier nicht die Rede sein von Behns Löwen aus Porphyr, Marmor,

Syenit, Fayence, Gips, Erz, Eisen, Porzellan und Sandstein -- sondern

von zwei wirklichen, lebendigen... eben: von Löwen schlechtweg. Aus

allem möglichen Material hat Behn Löwen gehauen, gegossen, geknetet --

ruhende, zornige, brünstige, sterbende Löwen -- er hat aber auch zwei

Stück selbst gefangen, nach München mitgebracht und jahrelang gehegt.

Sie müssen nämlich wissen: Fritz Behn ist kein Professor mit Vollbart

und Brille, er ist ein sehniger Sportsmann; nicht nur Bildhauer, nein,

auch Afrikajäger.

Unten in der Villa Behn war der Zwinger, nebenan das Atelier -- oben

die Wohnräume. Unten knurrten in jener Faschingsnacht die Bestien und

fletschten ihre Reißer -- oben tanzte man Walzer, One-step und Tango.

Es war im Tangojahr, Februar 1914.

Diese Nacht ist sehr unliebsam gestört worden; gegen vier Uhr nämlich

stürzte Matthes, der Wärter, in den Salon und schlotterte und stotterte:

„Herr Professer! Auskummen saan s’.“

Nichts weiter.

Das Jazz war damals noch nicht erfunden -- Behn in seinem Schrecken

erfand es: er machte einen regelrechten, riesigen Jazzsprung nach dem

Flur; kehrte mit einer Pirouette um ins ‚Saharazimmer‘ und raffte rasch

zusammen: einen derben Strick; die Rifleexpreßbüchse; eine Handvoll

Patronen.

„Was ist denn geschehen? Was ist los?“ schnatterten die Damen, riefen

die Herren; einige wollten mit Behn.

„Ruhe! Nichts ist geschehen. Bitte: sofort zurück in den Tanzsaal!

Niemand darf hinaus.“ -- Frau von Pleininger, in Hermelin gehüllt,

hatte eben mit ihrem neuesten Freund holländisch davongewollt, im Auto;

Professor Behn hielt die Flüchtlinge unsanft auf.

Einen Herzschlag später stand Behn vor dem Käfig. Die Tür des Käfigs

weit offen. Die Löwen weg.

„Sie werden im Garten sein...“ sagte sich Behn, glaubte sichs

selber nicht und begann den Garten abzustöbern. Die Büchse hielt er

schußbereit vor sich, den Finger am Züngel, und über der Schulter trug

er den derben Strick.

Den Strick... hatte er in der ersten Verwirrung mitgenommen. Vor so

viel Jahren am Taganjaka -- ja, damals hatte er die Löwen mit eben

diesem Strick gefangen, gewiß. Drei Eingeborne hatten mitgetan. Die

Löwen waren jung und dumm gewesen, die Nigger erzgescheit. Heute aber?

Die Löwen sind seither voll erwachsen. Es besteht nur Hoffnung, sie

lebendig zu kriegen, wenn etwa der Wärter sie mit rohem Fleisch...

„Matthes! Matthes!! Wo steckst du?“

Prost Mahlzeit! Matthes war nicht da, der Lump; er hatte sich

verkrochen.

Und die Löwen waren nicht im Garten; waren nirgends. Die erregte, die

ängstliche, die schnatternde Gesellschaft konnte nach einer guten

Stunde Zögerns, nach zahllosen Beteuerungen und Schwüren des Hausherrn

die gastliche Villa verlassen. Sind die nach ihren Wagen gerannt, die

Damen und Herren, an jenem Faschingsmorgen! Und haben tief aufgeatmet,

als sie in den sichern Betten lagen. Frau von Pleininger hatte sich an

ihren eignen Gatten geklammert; mein Gott -- in der Panik.

Behn war allein.

Zunächst rief er 20231 auf, Polizeidirektion.

Keine Antwort.

Ach so -- man muß die Nachtnummer verlangen.

Eine bärbeißige Stimme:

„Wos mögen S’ denn?“

„Hier Behn. Meine Löwen sind mir durchgegangen.“

„Wer is Eahna durchganga?“

„Meine Löwen.“

„I hör allweil ‚Löwen‘? Buchstabieren S’ mal!“

Behn buchstabierte:

„Louise, Otto, Ernst, Wilhelm, Ernst, Nikolaus.“

„Saan Eahna durchganga? Die Louis, der Otto, Ernst...? Melden S’ es

halt um a neune auf Zimmer 126, ‚Vermißte Kinder.‘ Schluß.“

Behn blieb geduldig. Rief nochmals 20231 an.

„Jo??“

„Hier Behn.“ -- Weiter kam er nicht.

„Saan S’ scho wieder do? I hab Eahna scho gsogt: Zimmer 126, um a

neune.“

„Aber hören Sie doch: es handelt sich garnicht um Kinder. Zwei

L--ö--w--e--n sind mir ausgekommen.“

„L--ö--w--e--n?? Derblecken S’ Eahnern Großvatter!! Verstehn S’??“

„Mensch, es sind doch gefährliche Raubtiere -- Sie müssen etwas tun.“

„So? Raubtiere?? Ha. Wirkliche Löwen??“

„Gewiß.“

„So rufen S’ halt Amt Eglfing, Nummer vier!!“

Dem Professor fiel aber nicht ein, der behördlichen Weisung zu folgen.

Eglfing Nr. 4 -- das ist nämlich die bayerische Irrenanstalt.

-- -- --

Eine halbe Stunde darauf schrillt Behns Telephon.

„Hallo! Hier Polizeidirektion... Sie selbst, Herr Professor? Man hat

bei uns vorhin... Waren Sie es? Und Ihnen sind tatsächlich...???

Kommissariat Freymann meldet zwei Pudel in der Größe von Kälbern...“

Himmel, das sind sie! Freymann liegt nordöstlich von München, fünf,

sechs Kilometer weit.

Von nun an stand die Klingel nicht mehr still.

Um acht waren die Löwen bei Ramersdorf; sie mußten im Bogen um die

Stadt gelaufen und durch die Isar gefurtet sein.

Um zehn waren sie im Perlacher Forst.

Um elf kam eine betrübliche Nachricht aus Benediktbeuern, nicht weit

vom Kochelsee: die Bestien hatten zwei Vollblutfohlen des Staatsgestüts

gerissen. (Zwei Vollblutfohlen: es werden hoffentlich nicht gleich

Derbycraks gewesen sein; immerhin kann man sich auf zehntausend Mark

Schadenersatz gefaßt machen.)

Um ein Uhr: Garmisch.

Nun aber wurde Professor Behn stutzig. Garmisch -- Donnerwetter -- das

liegt doch in der Luftlinie achtzig Kilometer weg von München -- und

mit den Umwegen über Freymann, Benediktbeuern müssen es gut zweihundert

sein, quer durch Gebirg und Flüsse... Sonderbar. Rasen sie denn wie

Schnellzugslokomotiven, die verdammten Viecher?

Da hieß es im Fernsprecher:

„Wetterstelle Zugspitze, 2964 Meter über dem Meer. -- Herr Professor!

Soeben sind Ihre Löwen wohlbehalten bei uns eingetroffen.“ -- Dazu

lebhaftes Hohngelächter.

Behn wußte alles. Er sprach ohne Vorwurf, ohne Zorn:

„Sag mal, Ebbinghaus, wie lang willst du den langweiligen Ulk noch

forttreiben?“

Denn nun wars gewiß: Behns Löwen hatten das Haus überhaupt nicht

verlassen. Professor Ebbinghaus, der Spaßmacher, hatte sie des Nachts

in Behns Keller gebracht; und dann von Stund zu Stunde vom Café

Stefanie aus Berichte über Wege und Untaten der Löwen an den Professor

telephoniert.

Die Angelegenheit war also ziemlich glatt verlaufen.

Die einzig Leidtragende war Frau von Pleininger; sie glaubt, in jener

Nacht eine große Chance versäumt zu haben; und bis heute hat sie es

Behn und Ebbinghaus nicht verziehen.

Die Trauung

Eines Tages beschlossen wir, meine Frau und ich, einander zu heiraten.

Nämlich mit Hilfe der Staatsgewalten -- damit wir ein anerkanntes,

königlich bayerisches Ehepaar würden. Wir besprachen unsern Entschluß

-- und auch, daß wir vom nächsten Ersten an ein Abonnement auf die

Straßenbahnen nehmen würden. -- Doch was sind menschliche Entschlüsse?

Wir vergaßen den einen wie den andern.

Irgend einmal sprach uns Väterchen Rößler von der schlechten

Zugsverbindung, die er nach Dachau habe (er käme, wenn er erst in

München sei, nicht vor dem dritten Morgen heim) -- da erneuerten wir

unsre Vorsätze, nahmen auch richtig das Abonnement -- mit der Heirat

bliebs wieder bei der Absicht.

Nicht mehr lang. Am Abend nach der Taufe unsres Jüngsten sagte meine

Frau:

„Du, erinner mich morgen, daß ich aufs Standesamt gehe.“

Und sie ging. Und erzählte mir später:

„Es sind ganz umgängliche Menschen, garnicht sehr roh. Ich fragte:

‚Bitte, was muß ich tun, um meinen Mann zu heiraten?‘ -- Sie schrieben

mir sofort alles nötige auf. Hier ist der Zettel.“

Er enthielt im ganzen sieben oder acht Gegenstände.

* * * * *

Ich bin irgendwo an der serbischen Grenze geboren -- und als sei das

des Jammers nicht genug, war unser Pfarrer am Tag meiner Geburt ein

wenig angeheitert. Er schrieb mich nicht in die Matrikel.

Solang ich daheim lebte, machten sich die Folgen der hochwürdigen Laune

nicht weiter fühlbar -- die Ämter bei uns begnügten sich mit meiner

Anwesenheit und fragten nicht nach dem Schein.

Jetzt aber sollt ich erfahren, was es heißt: auf der Welt und nicht

in der Matrikel sein. In Deutschland muß man beweisen können, daß man

geboren ist. Ich konnt es nicht beweisen.

Ich schrieb sieben Briefe nach Haus: sie sollten mir einen

Geburtsschein schicken. Irgendeinen. Wenn er auch nur im mindesten für

mich passe.

Auf jeden der sieben Briefe blieb ich sieben Wochen ohne Antwort.

-- Wer da berechnet, daß siebenmal sieben etwa fünfzig sind und daß

ich vierzehn Tage brauchte, um mich zu besinnen -- der wird mir gern

glauben, daß ein Jahr fruchtlos verging.

Als das Jahr um war, fuhr ich -- eine verdammte Reise! -- persönlich

nach meinem Geburtsort. Ich erkannte ihn nicht wieder. Mein Vaterhaus

fehlte, ein vorüberfahrender Fuhrmann hatte es gestohlen. Den kostbaren

schmiedeeisernen Torflügel des Hofes, seit Generationen ein Stolz der

Familie, hatte der wirkliche Eigentümer erkannt und reklamiert.

Ich ging gradenwegs zum Pfarrer.

„Mein Sohn...,“ begann er...

„Verzeihung, Hochwürden, Sie verwechseln mich mit jemand anderm.“

Der Irrtum klärte sich rasch auf -- der Pfarrer hatte die Anrede ‚Mein

Sohn‘ nur figürlich verstanden.

Na, und da Seine Hochwürden zum Glück wieder gut gelaunt war, kriegte

ich meinen Geburtsschein ohne weiters. Ich ordnete meine häuslichen

Angelegenheiten, forschte den diebischen Fuhrmann aus, parierte

geschickt seine Ohrfeigen, zeigte ihn an und fuhr vondannen.

Zu Haus in München empfing man mich mit großer Freude. Daß Papa so

rasch heimkehren würde, hatte sich niemand gedacht.

„Aber,“ sagte meine Frau, „du hättest auch gleich deinen Heimatschein

mitbesorgen sollen.“

Richtig, den Heimatschein! Ein endloser Briefwechsel erhob sich.

Ähnlich wie einst um die Geburt des Homeros, stritten sich sieben

Städte -- nur verleugneten sie mich alle und schoben sich gegenseitig

meine Angehörigkeit zu. Verleugneten mich unter den nichtigsten

Vorwänden, das muß ich sagen. Endlich kamen Essegg und Agram in engere

Wahl. Ich schlug vor, die Magistrate sollten um mich würfeln -- man

lehnte mit Erlaß vom 23. Juni v. J., Zahl 12364, mein Ansinnen ab. Zehn

Kronen Geldstrafe wegen versuchter Verleitung zur Veranstaltung eines

unerlaubten Glücksspiels. -- Dank dem Eingreifen eines befreundeten

Abgeordneten mußte Essegg klein beigeben, und -- da der Abgeordnete

sehr mächtig war -- wälzte man meine Geldstrafe auf die Staatskasse

über. Sie prangt im letzten Budget der Königreiche Kroatien-Slavonien

~sub titulo~ ‚Investitionen,‘ Punkt 7: ‚Kanalbau‘ -- kaum

verschleiert durch einen Federhut für die Geliebte meines Beschützers.

Ich hatte also meinen Heimatschein und brauchte nichts weiter als

die Bewilligung des ungarischen Justizministers ‚zur Verehelichung

im Auslande.‘ Mir stiegen Beklemmungen auf. Das Justizministerium zu

Budapest arbeitet bekanntlich fieberhaft. Doch die Last, die man ihm

aufgebürdet hat, ist zu groß -- kein Amt der Erde kann eine solche

Aufgabe bewältigen: 896 n. Chr., vor mehr als tausend Jahren, fielen

die Madjaren in Ungarn ein und nahmen das Land in Besitz. Man nennt

das kurz: die Landnahme. Die Landnahme ist im königlichen Grundbuch

noch nicht ganz durchgeführt. Tag und Nacht schreibt man seit 896 die

Grundstücke um -- man ist erst im dritten Achtel. Wie wird man da Zeit

finden, mir meine Heiratsbewill...?

Ich bekam sie postwendend. ‚Seine Exzellenz freue sich ungemein,

dem großen Künstler dienen zu können.‘ Ich fühlte mich mädchenhaft

geschmeichelt, sah die Heiratsbewilligung durch -- da lautete sie für

den Bildhauer Rodin.

Ich wehrte mich schriftlich. Man sah den Irrtum ein und gab mir meinen

Schein. Die Budapester Blätter aber nennen Rodin seither ‚unsern

verblichenen großen Landsmann.‘

So hatte ich meine Papiere denn mit vieler Mühe gesammelt. Meine

Frau ist Deutsche, bei ihr dauerte es natürlich ein wenig länger: die

deutschen Behörden sind zäh, und Gewalt darf man hierzuland nicht

anwenden. Schließlich gelang es aber, auch die deutschen Papiere

herbeizuschaffen.

Wir gingen nun vereint aufs Standesamt. Der Beamte beanstandete einige

Dokumente -- wir drohten mit Konkubinat, und er gab nach. Nur müßte ich

die Geschichte aus Budapest ins Europäische übersetzen lassen. Was mir

mit Hilfe eines vom Polizeibezirk Schwabing beigestellten Taschendiebes

sofort gelang.

Da sagte der Standesbeamte:

„Ja, das ist die Heiratsbewilligungsurkunde; aber nicht die

Bescheinigung der Heiratswilligkeit. Ich brauche ein Dokument, aus dem

Ihre Heiratswilligkeit hervorgeht. Wer bürgt mir denn dafür, daß Sie

überhaupt heiraten wollen?“

Ein Naiver hätte nun vielleicht geantwortet:

„Herr, wenn ich nicht heiraten wollte, hätte ich doch all die Dinge

nicht unternommen, die seit zwei Jahren an meinen Ganglien reißen, all

die Schritte, die mir infolge ungeheurer Gallenabsonderung zu einem

Leberleiden verholfen haben. Ich hätte mich überhaupt des Verkehrs mit

den Behörden ängstlich enthalten.“

So hätte ein Naiver gesprochen. Ich aber weiß, daß man innerhalb von

Amtslokalen Vernunftgründe nach Möglichkeit vermeiden muß -- weil

Vernunftgründe nur zu leicht zu Beamtenbeleidigungen führen.

Ich fragte also:.

„Wo ist das Amt, wo ist die Behörde, die mir bescheinigen kann, daß ich

heiratswillig bin?“

„Im Rathaus, vierter Stock, Zimmer 235.“

Vierter Stock... Donnerwetter! Aber wer weiß? Wenn ich Glück habe, gibt

es einen Fahrstuhl.

Ich ging aufs Rathaus, ich fand auch einen Fahrstuhl. Und daran die

Inschrift: ‚Nur für Kranke und Gebrechliche.‘ -- Einen Augenblick

spielte ich mit der Illusion, daß meine Leberverhärtung...

„Haben S’ an ärztliches Zeugnis?“ fragte der Portier. „Wann net, na

schwitzens zwanzig Fennige, na fahr ich Ihnen hinauf.“

Ich schwitzte.

Wie hatte die Nummer des Zimmers gelautet? 253 -- nicht wahr?

Nein, da sitzt der Sachverständige für Bewertung von mäßiggekrümmten

Metallgasschläuchen.

243 ist das Bureau für Bemessung bayerischer Starkbierbestände.

233: Amtslokal der Delegierten zur Besichtigung normalspuriger

Straßenwalzen. Man glaubt nicht, wie verwickelt der Verwaltungsapparat

einer Großstadt ist. Ein humaner Beamter wies mich auf das Zimmer 235,

‚Register der ausländischen Heiratswilligen.‘

Der Vorstand dort erklärte: es läge ein häretischer Aberglaube des

Standesamtes vor; die Bescheinigung der Heiratswilligkeit könne man

hieramts nicht ausstellen, die könne niemand auf Erden ausstellen

als ich selbst; denn niemand als nur ich selbst könne wissen, ob ich

Willens sei, eine Ehe einzugehen.

Die Gründe waren so einleuchtend, daß sie mir ganz und gar unrichtig

erschienen. Und wirklich stellte sich später heraus: für Leute, die im

ehemaligen Österreich-Ungarn geboren sind, besteht eine Ausnahme: sie

müssen eine behördliche Bescheinigung ihrer Heiratsabsicht beibringen

-- die einfache Erklärung von Österreichern hält das Standesamt nicht

für glaubwürdig.

Schon rieten mir wohlmeinende Freunde, auf die Trauung zu verzichten.

„Denn,“ sagten sie mir, „du bist jung -- auch Sie, gnädige Frau, sind

jung -- es wird euch früher oder später gereuen, den Behörden für

nichts und wieder nichts soviel Plackerack gemacht zu haben.“

Indessen kehrten wir uns nicht an die Redereien und heirateten

rüstig weiter. Ich stellte schriftlich die dezidierte Behauptung

auf, heiratswillig zu sein, bat einen mehrfach, auch vor dem Feind

dekorierten Oberstleutnant, mein Zeuge zu sein, und begab mich aufs

Konsulat, um meine Identität beglaubigen zu lassen. Als das Konsulat

immernoch zögerte, holte ich den Oberkellner aus dem Café Stefanie und

stellte ihn als meinen Vetter, den Grafen Wiltschek vor. Das wirkte.

Man beglaubigte mich.

Nun zurück aufs Standesamt. Der Beamte empfing mich freundlich. Meine

Frau fand ihn sehr gealtert gegen das erstemal.

„Gut,“ sprach er, „Ihre Papiere sind in Ordnung. Ich kann Sie ohne

weitres trauen. Haben Sie aber auch die Konsequenzen bedacht? Sie sind

Österreicher. Österreicher, die sich im Ausland trauen lassen, werden

daheim bestraft.“

„Bestraft?“

„Ja. Wegen Bigamie.“

„Erlauben Sie -- ich bin doch noch nie verheiratet gewesen?“

„Nicht? Dann wegen Monogamie. Bestrafen wird man Sie jedenfalls.“ --

Und mit leisem Mitleid: „So wollens die österreichischen Gesetze. Ich

kann sie nicht ändern.“

~Tu, felix Austria, nube!~ Da stehe ich nun mit meinen Papieren.

Mit meinem gräflichen Freund, dem Oberkellner. Dem mehrfach dekorierten

Oberstleutnant. Der unüberwindlichen Zuneigung meiner Frau. Daheim

schreien die Kinder.

Kostenrechnung: 5 ℳ dem Oberkellner. 1,25 dem Portier. 20 ℳ für

Papiere. Ein Vaterhaus -- 60 ℳ Eine Porzellanpfeife für meinen

Beschützer, den Abgeordneten -- 3 ℳ 50.

Ruiniert, blamiert und ledig. Mit einem Haufen unnützer Papiere.

Sämtliche Amtsdiener Bayerns grüßen mich auf der Straße -- wenn ich im

Keller neben sie zu sitzen komme, trinken sie, ohne zu fragen, eine Maß

auf meine Kosten.

5 ℳ dem Oberkellner, 1,20 dem Portier. Ein Vaterhaus -- 60 ℳ usw. usw.

Zusammen 182 ℳ 20.

Hiezu für Amtsdiener bisher 13 ℳ 80.

-----------------

Zusammen 196 ℳ --.

Ich bin entschlossen, diesem verfehlten Leben ein Ende zu machen.

B. G. Nuschitsch nacherzählt

Die Schwabinger Alp

Wenn Sie Ihre Schritte nach dem nördlichsten Schwabing lenken -- was

ohne jegliche Gefahr geschehen kann -- wenn Sie Ihre Schritte dahin

lenken, fällt Ihnen ein riesenhaftes Gebäude auf mit der Inschrift:

„Städtische

Mädchenhandels-

Schule“

Doch sollen da keineswegs auf Kosten der Stadt München Mädchenhändler

fachlich herangebildet werden -- vielmehr ist eine Handelsschule

geplant für Mädchen.

Geplant und erbaut -- doch nicht ins Leben gerufen. Das große,

schöne Gebäude steht leer -- es enthält nur die Schwabinger Alp. Die

Geschichte ist traurig und wahr:

Wir haben einen jungen Mann in München, Georg Hensel -- so was von

Begabung schreit zum Himmel. Man kann Henseln nicht mehr einen

Bildhauer nennen -- er ist schon Skülptör.

Im Jahr 1914 nun, knapp nach der Kriegserklärung, verdichtete sich

die Stimmung des deutschen Volkes in Hensel zu einer Idee: er wollte

ein kleines Medaillon schneiden, etwa in Pfenniggröße. Vorn: die

Siegesgöttin; hinten Schrift: die Jahreszahl.

Ganz einfach, aber bezwingend -- wirksam grade durch die strenge

Knappheit.

So geht Hensel sinnend die Friedrichstraße lang -- da begegnet ihm

~Dr.~ Kratz. Begrüßung und Händedruck -- ein Wort gibt das andre

-- -- schließlich fragt ~Dr.~ Kratz:

„Und Sie, Hensel? Was treiben Sie?“

„Eigentlich nichts... Man hat so Entwürfe...“

„Ah!! Entwürfe?? Das berührt mich aber innig. Reden Sie!“

„Nun...,“ antwortet Hensel, „... ich denk mir halt: ein Medaillon wär

fein; vorn die Siegesgöttin...“

„Außerordentlich!! Vorn die Siegesgöttin?? Glänzend!! Das wird

gemacht, das ist ein Hauptschlager, das ist Sensation. Sofort, auf der

Stelle modellieren Sie die Siegesgöttin! Medaille -- und gleichzeitig

eine kleine Plastik. Vielleicht so...“ -- (Kratz zeigt durch eine

oszillierende Gebärde 15 bis 65 Zentimeter Höhe an und bleibt bei 40

fest.)

Hensel wendet ein: er müßte doch noch überlegen, ob...

Kratz aber ist elektrisiert. „Ach was,“ sagt er „-- ich spreche heute

noch mit Borscht“ (dem Herrn Oberbürgermeister) -- „verlassen Sie sich

darauf: Sie kriegen ein Atelier.“

Hensel ist wie vor den Kopf geschlagen. Ein Atelier? -- für das

Medaillönchen?

Kratz ist schon verschwunden.

-- -- --

Was dieser Kratz damals auf dem Rathaus gesagt und geschwafelt hat,

wird ein ewiges Rätsel bleiben. Kratz selbst ist bekanntlich seit

Jahren wegen unheilbaren Blödsinns unter Verschluß, und der Herr

Oberbürgermeister erinnert sich des Vorgangs nicht mehr. Es wird ein

ewiges Rätsel bleiben, warum, wieso...

Kurz, es kam plötzlich ein gewappelter Bote nach der Pension Schmal und

begehrte den Bildhauer Georg Hensel zu sehen. Worauf er Henseln einen

Dienstbrief übergab.

Inhalt: Der Magistrat der kgl. Residenzstadt München stelle Henseln für

seine patriotisch-künstlerischen Zwecke unter dem Vorhalt jederzeitigen

Widerrufs, vorerst für die Dauer der Schulferien den Fest- und

Prüfungssaal der Schwabinger Mädchenhandelsschule zur Verfügung.

Man muß den Saal gesehen haben; er ist einer der imposantesten

Münchens. Er hat Fenster nach Osten, Süden, Westen; doch wenn die

Sonne da in einem Tag rundherumkommen will, muß sie sich sputen. Der

Saal hat eine gewölbte Decke; man nimmt es mit freiem Auge kaum wahr.

Der Saal ist 1,4 lang; Kilometer? oder deutsche Meilen? -- das ist

bisher nicht festgestellt. Bekannt ist nur, daß man die letzte Trambahn

verpaßt, wenn man den Saal mittags zufällig durch den unrichtigen

Ausgang verläßt. Ferner, daß sich einmal ein junges Mädchen im Festsaal

verirrte, worauf die Rettungsexpedition der Polizeiwache Ungererstraße

fünf Tage später von einer zweiten Rettungsexpedition in völlig

erschöpftem Zustand nächst der nördlichen Saalecke aufgefunden wurde.

In diesem Saal also stand Georg Hensel und sollte da sein Medaillönchen

schneiden. Selbstverständlich wuchs ihm die Idee, wenn er so in die Höh

und Ferne sah.

Einen Augenblick dacht er noch an die Plastik, wie Kratz sie angedeutet

hatte: 40 ~cm~ -- dann schämte er sich; schämte sich vor den

Ausmaßen des Saals.

Eine Victoria... Sie mußte doch den deutschen Siegen in Belgien,

Frankreich einigermaßen entsprechen. Nun waren aber Lüttich gefallen,

Namur, Maubeuge. Ein doppelt lebensgroßes Eisengerüst für das Modell

wird grade noch ausreichen...

Da fiel Antwerpen; Hensel ersuchte den Magistrat München, als

welcher durch Darleihung des Saals so lebhaftes Interesse an dem

vaterländischen Werk bekundet hatte, ‚zum Zweck der Verwirklichung der

Kolossalgruppe‘ etliche Wagen Gips anfahren zu lassen.

So entstand die Schwabinger Alp. Sie stellt sich den ewigen Gletschern

des Ortlers würdig an die Seite.

Nur ist sie künstlerisch gegliedert:

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 7 / 15 段