Viktor Léon, die Musik von Oskar Straus. Nachmittag war uns die
Aufführung durch einstweilige gerichtliche Verfügung verboten, und man
bezichtigte mich des Plagiats; hinsichtlich des Textes tat es Grünbaum,
hinsichtlich der Musik Paul Lincke.
Ich schrieb sofort nagelneue Verse:
„Ach, jeder Kuß
Schafft Hochgenuß --
Drum küsse, o küsse nur zu!
Sieh doch, voll Lust
Hebt sich die Brust,
Ach, meine Seligkeit bist nur du.“
Da meldeten sich sämtliche lebenden Librettisten als Verfasser.
Der Abend war ein einziger Kampf mit den Mächten des Himmels, des
Staates, der Kunst und des Magistrats.
Der Amerikaner mit seinem Sketch hatte vorausgesagt: nach dem ersten
Bild würde es schüchternen Beifall geben -- das wär immer so -- nach
dem zweiten starken Beifall, nach dem dritten ‚kämen die Galerien
herunter.‘ -- Man hörte plötzlich schüchternen Beifall; der ganze
Sketch war vorüber.
Die zwölf ~english girls~ hatten alle miteinander keine Stimme;
der Agent hatte garantiert, sie hätten zwölf Stimmen.
Die chinesische Tragödin verlor auf offener Bühne ihre chinesischen
Füßchen.
Dem Kunstschützen versagte die Flinte -- die Ziele hagelten trotzdem im
Polkatakt herab.
Ich sollte, als vierte Nummer, die Situation retten und trat mit ganz
neuen Geschichten auf. Kaum fing ich eine an, riefen mir die Leute aus
dem Parkett schon die Pointe zu.
„Stören Sie meinen Humoristen nicht!“ zischte Geißler beschwörend ins
Publikum.
„Was heißt Humorist?“ antwortete ein Literaturfreund von unten. „Roda
Roda is ä ernster Künstler.“
Die jugendliche Oteritta hatte eben zu tanzen, da kam ein Mann und
sagte: er dulde nicht, daß seine Mutter sich öffentlich preisgebe.
Dem Löwen fiel das künstliche Gebiß ins Orchester.
Der Herkules-Jongleur vermißte sein Kanonenrohr; das Bübchen des
Kapellmeisters war mit dem Rohr davongelaufen.
Unsre Hoffnung war noch der sprechende Hund -- die Zensur verlangte
seine Texte in zwei Exemplaren und verbot ihm (als angeblich zum
Klassenhaß aufreizend) das einzige Wort, das er sprechen konnte: Hunger.
Indessen suchte Geißler unten die Zuschauer immer wieder zu beruhigen.
Da kam (ist es verwunderlich bei diesem Riesenbetrieb?) da kam der
Logenschließer, der Herrn Geißler nicht kannte, und schmiß ihn als
ruhestörend hinaus. Schmiß Herrn Geißler hinaus; den eignen Direktor.
Die Athleten vom Sketch forderten ihre Gage. Von wem? Von mir. Ich wies
sie an den Geschäftssekretär. Sie packten ihn und wollten ihn unter
sich aufteilen. Er rief nach dem Dramaturgen -- der Regisseur meldete
kurz: „Ist beruflich verhindert. Wird eben gepfändet.“ Die Herren des
Ausschusses bestürmten den Verwaltungsrat um Aufklärung. Der Portier
trat dazwischen.
Schon hatte der sprechende Hund den Löwen verbellt, als auf
einmal Stille in die streitenden Gruppen kam: die städtischen
Elektrizitätswerke hatten das Licht abgedreht, weil die Rechnung nicht
bezahlt war.
In der finstern Halle aber tönte die Stimme Geißlers:
„München -- dieses Nest! Hier ist ja nichts zu machen. Geben Sie mir
augenblicklich meine fünfzehn Mark heraus! Ich gründe in Berlin ein
Schauspielunternehmen.“
Die Katzen
Ich habe eine Zeitlang in Innsbruck gelebt. Es war ja nicht
überströmend amüsant -- doch ich hatte eine nette Hauswirtin und vor
allem meine beiden Katzen. Unwahrscheinlich, unsagbar liebe Tiere.
Eines Tages stirbt mein Onkel (na endlich -- Gott sei Dank!) -- ich muß
im Augenblick meine Zelte abbrechen und nach Darmstadt eilen.
Gut. Wie aber bringe ich meine Katzen dahin?
Ich tat ihnen hübsche Halsbänder um, nahm sie an die Leine und stieg in
den Zug.
Und nun soll ich die Katzen neun Stunden lang beaufsichtigen? Man muß
dreimal umsteigen.
Mit mir im Abteil fuhr eine Dame mit zwei kleinen Kindern.
„Wohin, Gnädigste, wenn man fragen darf?“
„Nach Darmstadt,“ sagte sie.
„Ach, das trifft sich ja herrlich; da will auch ich eben hin... Wollen
Sie übrigens die Güte haben, Gnädigste, meine Katzen einen Augenblick
zu halten? Nur einen kleinen Augenblick?“
Sie nahm die Katzen, und ich suchte mir einen andern Wagen.
Und schlief prachtvoll.
Viele, viele Stunden. In München stieg ich um.
Und schlief wieder -- bis Aschaffenburg.
In Aschaffenburg stieg ich abermals um und schlief. Fast bis Darmstadt.
Eine Station vorher sah ich mich nach der Frau mit den Katzen um.
Sie stand da in ihrem Abteil -- die Katzen pfauchten, die Kinder
schrien -- die Katzen kratzten, die Kinder pißten -- und die Frau
in vollkommener Hilflosigkeit, umwickelt von den Leinen. Schon seit
Stunden, von Innsbruck an. Sie hatte meine Kätzchen nicht aus der Hand
gegeben, die Gute.
Ich dankte ihr herzlich. Sie übergab mir meine Tiere und wischte sich
ein paar Tränen ab.
Das Telephon
Ich sehe die Notwendigkeit des Telephons nicht ein. Es ist wie der
Tango: eine Modesache -- heute mit Jubel aufgenommen -- jeder muß
mitmachen; morgen ist sie vergessen. -- Andrerseits weiß ich Fälle, wo
sich das Telephon wirklich als praktisch erwiesen hat.
Ich habe einen Freund. Aus Rücksicht auf seine unbescholtene Familie
will ich ihn nur kurzweg Riemer nennen. -- Dieser Riemer kniff eines
Tages sein Kindermädchen ins Bein.
Das war aber kein gewöhnliches Kindermädchen, sondern ein
Fürsorgezögling des Pastors Brausewetter -- fromm erzogen, von
stahlstrenger Denkungsart -- die ließ sich niemals ins Bein kneifen.
Und ging durch.
Nun waren Riemers zu Abend geladen. Doch wie konnten sie weg vom Haus,
wenn das Kindermädchen nicht da war?
Riemer ist Ingenieur, Elektrotechniker. Er wußte sofort Rat: er
schob die Wiege unters Telephon, tat dem schlafenden Säugling die
Sprechmuschel auf die Brust -- und Riemers gingen.
Sooft der jungen Frau den Abend über die Sorge um den Säugling aufstieg
-- ob es daheim auch ruhig schlafe, das süße Kind -- ließ Frau Riemer
sich telephonisch mit ihrem Haus verbinden und horchte hin.
Dreimal hörte sie die ruhigen Atemzüge ihres Kindchens. Als sie
zum viertenmal hinhorchte, vernahm sie die geflügelten Worte des
Kindermädchens:
„Riemer, ich habe dich von jeher geliebt. Ich bin zurückgekommen. Tu
was du willst mit mir.“
-- -- --
Ich habe einen andern Freund -- in Hamburg. Er ist ein blutjunger Mann
und hat eine echte Hamburger Mutter. Die kennt kein Beben in Liebe.
Und als das Söhnchen einmal heiß entbrannt war für eine sehr anständige
und hoffnungsvolle Cafékassiererin in Sankt Pauli, da machte jene
Hamburger Mutter ihrem Sohn Vorhaltungen -- Vorhaltungen, die
nach Ansicht der meisten Juristen noch innerhalb des mütterlichen
Züchtigungsrechtes blieben.
Hierauf erinnerte sich die Mutter des weisen Wortes: ‚Aus den Augen,
aus dem Sinn,‘ bestellte für den Herrn Sohn eine Kajüte erster Klasse
nach Ägypten und barkierte ihn ein.
Der Sohn nahm tränenden Auges Abschied von der Stätte seines Glückes.
Und fuhr mit dem nächsten Dampfer ab.
Er fuhr bis Kuxhaven, zwei Stunden von Hamburg. Dort stieg er aus.
Und kehrte zurück.
Zu seiner Erwählten.
Und wohnte mit ihr einen kurzen Frühling zu Sankt Pauli, An den
Viehschuppen 7, vier Treppen, links.
Von Zeit zu Zeit ging er in den nächsten Zigarrenladen und rief
telephonisch seine Mutter an:
„Hallo, Hallo! Hier Kairo. Sie werden sofort gerufen.“
Ließ die Dame am Apparat eine halbe Stunde warten und piepste dann mit
sterbender Stimme:
„Hallo, Hallo! Mama -- bist dus? Ich spreche aus Kairo. Wie geht es
dir? Ich wohne sehr gut und bin gesund.“
Das war mein Freund in Hamburg.
-- -- --
Ich habe einen dritten Bekannten. Er ruft jeden Morgen vom Café aus
Herrn Neumann an -- mit leicht verstellter Stimme:
„Herr Neumann, wo ist Ihre Frau?“
Herr Neumann, etwas verwundert:
„Na, zu Haus natürlich.“
„So? Das meinen Sie. Ich aber sage Ihnen: sie ist in der Kaserne des
Feldhaubitzregiments Prinz von Lobkowitz Nr. 13.“
Worauf Herr Neumann regelmäßig etwas erregt nach Haus läuft.
Grade an dem Fenster vorüber, wo mein Bekannter sitzt. Und das macht
uns immer recht viel Freude.
-- -- --
Diese angenehmen Erfahrungen im engsten Kreis veranlaßten mich voriges
Jahr, mir gleichfalls ein Telephon anzuschaffen.
Gott, so ein Telephon bietet eine Menge Annehmlichkeiten. Man muß
freilich nicht alles glauben, was einem die Staatsbehörde versichert.
In München zum Beispiel herrscht vielfach -- selbst unter gebildeten
Leuten -- der Aberglaube, man könne Autodroschken durchs Telephon
bestellen. Das ist natürlich übertrieben. Autodroschken bestellen kann
man nicht.
Auch der Versuch, mit Hilfe des Apparats um das Telephonfräulein zu
werben, hat noch selten zu einem greifbaren Ergebnis geführt. Ich
wenigstens erfuhr letzthin eine Absage, als ich krank und einsam
im Bett lag und -- unter eingehender Darstellung meiner Lage --
das Telephonfräulein bat, zu mir zu kommen und mir Gesellschaft zu
leisten. Die Dame erklärte mir schnippisch: sie besuche grundsätzlich
nur Herren, die ihr persönlich bekannt sind. Eine Beschwerde beim
Aufsichtsbeamten blieb fruchtlos.
Ich hatte gehört, man könne auch von weither nach München
telephonieren, selbst von Berlin aus. Gewohnt, Gerüchten auf den Grund
zu gehen, stellte ich unlängst in Berlin den Versuch an: ich klingelte
nach meiner Münchener Braut.
Lange harrte ich und harrte einer Antwort.
Plötzlich -- nach etwa zwei Stunden -- regte sich etwas. Offenbar am
andern Ende des Drahtes, in München.
Mein entzücktes Ohr vernahm gar lieben Klang: die Stimme meiner
Münchener Braut.
Zitternd vor Glück rief ich in die Muschel:
„Hier Roda.“
Darauf meine Braut in München:
„Ach, Blech! Herr Roda ist doch in Berlin.“
Und sie hängte geärgert das Hörrohr ein.
Immerhin, das Telephon hat seine schönen Seiten. Man kann sich vor
Gläubigern verleugnen lassen. Man kann mit Hilfe des Telephons
beleidigen. Und schwört nachher einfach, man wär es nicht gewesen.
Im nördlichen Stadtteil Münchens, der mit Recht Schwabing heißt -- in
Schwabing hat man das automatische Telephon eingeführt. Früher wurde
man von der Zentrale aus falsch verbunden. Jetzt muß man das selbst
besorgen. Vorige Woche fragte mich die Handelskammer, wie mir das
neue Telephon gefalle. Ich schwieg, um nicht als lästiger Ausländer
ausgewiesen zu werden.
Das automatische Telephon hat eine sehr peinliche Eigenschaft: wenn man
sich auch nur um eine Ziffer irrt, meldet sich ein ganz andrer.
Im November sollte unser Mädchen zwei Zentner Kohlen bestellen. Ich
erhielt zwei Zentner Kohl. Den einen Zentner hab ich gegessen. Aus dem
andern Zentner errichtete ich beim vegetarischen Verein ‚Thalysia‘
eine Stiftung, deren Zinsen der Verein alljährlich am Gedenktag des
Ereignisses an zwei strebsame Mitglieder zu verleihen hat -- zum Zweck
der Ausbildung im Vegetarischen.
Ich habe von Schwabing gesprochen. Früher hatten wir auch da das
gemeine Rufsystem -- wie allerorten. Es hat sich nicht bewährt. Wenn
der Teilnehmer eine Nummer vom Amt verlangte, offerierte ihm das
Zentralfräulein regelmäßig um 3 bis 5, oft um 200 weniger, als er
erwartet hatte. Rief ich meinen Freund Hauschildt auf, Nummer 30216,
bot man mir auf der Zentrale höchstens 3215. Um des lieben Friedens
willen schlug ich dann meistens vor, die Differenz zu teilen. Dieses
Feilschen schien der bayerischen Postverwaltung unwürdig, sie ging
nicht darauf ein.
Mein Draht (ein leutseliger Beamter, den ich zu Hilfe rief, hat mirs
erklärt) -- mein Draht ist der oberste Draht von München, er ist hoch
über alle andern Drähte der Stadt gespannt. Und da ich die oberste
aller Leitungen habe (wenn da der Rang mitspräche, käme sie mir nicht
zu) -- ist grade meine Leitung, sooft es Schnee und Sturm regnet, zu
allererst zerrissen.
Dann fällt mein Draht vom Stengel und liegt über sämtlichen andern
Drähten des Bezirks. Ich bin mit ganz München verbunden. Alle
Ungeduld der Großstadt, die Grobheit Bayerns, die Schimpfreden von
30000 ergrimmten Fernsprechteilnehmern geben sich in meinem Hörrohr
Stelldichein. Immerfort klingelts.
Zu solchen Zeiten pflege ich im Heim für Handwerksburschen zu wohnen.
Das Heim hat kein Telephon. Es ist überhaupt eins der angenehmsten
Quartiere von München. Ich empfehle es jedermann.
Blümelhubers Begegnungen mit Richard Wagner
Wir sprachen wieder einmal von unirdischen Dingen --
Geistererscheinungen und Telekinese.
„Ich für mein Teil,“ sagte der Materialist, „werde erst glauben, wenn
ich das Wunder mit Händen greifen kann.“
„Ein bequemer, entrückter Standpunkt,“ erwiderte die schöne Frau und
rümpfte das Näschen.
„Bequem oder nicht -- es komme einer, auf dessen kühles Urteil ich
baue, und halte mir ein Erlebnis vor.“
Da sprach der Maler Szenes:
„Lieber Herr Materialist, wen werden Sie denn als kühlen Beobachter
gelten lassen?“
„Ihren Fachgenossen Blümelhuber zum Beispiel.“
„Nun, grade er kann Ihnen mit einem großen Erlebnis aufwarten.“
Diesen Blümelhuber muß man kennen: er ist kraft seines Phlegmas einer
der unangenehmsten Mitglieder dieses, weiß Gott, genugsam unangenehmen
Jahrhunderts. Vor Blümelhubers Untemperament erbleichen die Faultiere
neidisch und beschämt. Ihn ansehen macht einen schon vor Ungeduld rasen.
Wie er nur daliegt auf dem Sofa! Ein Felsblock im Sumpf. Ihn werden
Aeonen nicht vondannen rücken.
Blümelhuber klappt krötenlangsam die Augen auf, blickt krötenlangsam
in die Runde und sperrt die Deckel wieder zu.
„Schießen Sie los, Blümelhuber! Reden Sie! Spannen Sie uns nicht auf
die Folter!“
„Laß dich nicht gar so lang bitten, Alter!“
„Wann es aber doch so ganz uninteressant is...“ murmelt Blümelhuber...
Die Gesellschaft rückt gespannt zusammen, und der Maler Blümelhuber
beginnt endlich:
„Alsdann -- ich hab doch vor dem Krieg immer im Palazzo Vendramin
gemalt, in Venedig. Sö wissen, gnä Frau, daß Richard Wagner da gstorben
is -- net?“
„Oh!“
„Ja. Wie also nach dem Krieg die Grenze wieder offen war, bin i glei
nach Venedig zruck, in den Palazzo Vendramin...“
„Und?“
„Und der Herr Graf Bardi, der was schon der Besitzer is von dem
Palazzo, der hat mir halt die Erlaubnis geben, dort zu malen. -- Das
ist also die ganze Gschicht.“
„Aber Mensch, erzähl doch weiter!“ mahnte Szenes.
„No, was is da viel zum Erzählen?“
„Du bist doch hingekommen -- eines trüben Nachmittags gegen fünf -- im
März...“ sagte Szenes ein...
Blümelhuber fuhr gezwungen fort:
„Ja. Der Gondoliere legt an... Das sein nämlich diese... diese Kähne in
Venedig -- früher hat man eahm aane Lira geben, hat er sich noch schön
bedankt -- jetzt, wanns du eahm net...“
„Laß das, Blümelhuber! Weiter! Weiter!“
„Weiter! Ich geh also schö stad die Stiegen vom Palazzo aufi -- steht
dorten a Diener -- also aso a Blonder, grad so ähnlich wie der Szenes,
nur halt viel rassiger...“
„Weiter! Weiter!“
„No, sagt der Diener, ~buona sera, signor Blumeluber~, saan S’ aa scho
wieder da? -- aber natürlich auf Italienisch...“
„Weiter! Weiter!“
„No, sagt er -- i soll nur eini in die ~sala~.“
„Und?“
„Nix mehr. I bin halt hinein.“
„Aber jetzt, Blümelhuber -- weißt du denn nicht mehr? Jetzt kommt doch
das Wichtigste, das Unbegreifliche. So leg doch los!“
„Ich bin also drinnet in der ~sala~, da... da kommt mir also
nicht ein Mann entgegen -- ein Mann kann man net sagen... halt: etwas
kommt mir entgegen -- so mit unbestimmte Umrisse -- das wär schwer zum
Zeichnen -- am gescheitesten noch mit an sehr an weichen Bleistift...“
„Weiter, Blümelhuber, weiter!“
„Nur tönen müßt ma’s leicht mit Pastell, weil sonst hat ma net den
Eindruck.“
„So bleib doch, zum Teufel, bei der Sache! Wer, wer ist dir
entgegengekommen?“
„Eine kleine, gedrungene Gestalt mit an Barett, an seidnen Schlafrock
hat er anghabt und rosa Seidenhosen. -- I bin a bissl derschrocken.
Sakra, denk i mir -- ob des net am End der Richard Wagner is -- so nach
der Beschreibung? -- Er kuckt mi an -- i kuck eahm an -- dann lupft
er...“
„Das Barett??“
„Naa, den Kopf. -- ‚Guten Tag,‘ sagt er. Setzt ’n Kopf wieder auf und
verschwindt in der Mauer. -- -- --“
Ein einziger Schrei in der Gesellschaft: „Mensch!! Und Sie?? Und Sie??“
Blümelhuber erzählt:
„I? I hab halt mei Sach hinglegt, für morgen -- und bin gangen.“
„Und am nächsten Tag??“
„Am nächsten Tag is er kommen -- lupft den Kopf, setzt ihn wieder auf
un verschwindt in der Mauer.“
„Blümelhuber! Erinner dich -- er hat doch mit dir gesprochen!“
„Ja -- aber nix Besonders. Gfragt hat er so... wies in Deutschland is.
-- Schäbig, sag i. A Weißwurscht kostt jetz zwaa Mark fuchzig.“
„Sie Barbar! Wie konnten Sie dem Meister so albern antworten?“
„Gott -- was waaß i, was eahm grad intressiert? --“
„Blümelhuber! Ist Ihnen die Erscheinung noch öfters begegnet?“
„O ja. Hab doch vier Monat im Palazzo Vendramin gmalt. Täglich is er
kommen mit die nämlichen Blimiblami.“
„Ja, hat Ihnen denn nicht gegraust?“
„Nur im Anfang, wissen S’. -- Später war i’s so gwohnt -- es hätt mir
was gfehlt, wann er ausblieben war. -- I hab immer einfach ‚Guten Tag!‘
gsagt -- er lupft ’n Kopf und setzt sich zu mir.“
„Haben Sie denn nicht zu ihm geredet -- von der Menschheit großen
Gegenständen?“
„Naa. I, wissen S’, red net gern unterm Malen.“
„Er aber? Hat er nicht begonnen?“
„No ja -- scho. Manchmal hat er angfangen... Von Gott... und die
Sterblichen... und so... I hab eahm gsagt: Entschuldigen scho, Herr
Wagner, i hab a bestellte Arbeit, sehr dringend -- Sö müssen an
Einsehen haben. -- Er -- auf des -- fahrt wie ’r ’a Kettenhund auf mi
-- i zruck -- er aufs Fenster -- i ruf noch: ‚Bleiben S’ da, es regent‘
-- er will sich so quasi hinausschwingen -- auf aamal fallt eahm der
Kopf aus der Hand und -- platsch! -- hinunter ins Wasser; in den Kanal.“
Allen in der Gesellschaft stand das Herz still.
Blümelhuber sprach:
„Ich hab eahm gsagt: ‚Schauen S,‘ sag i, ‚des haben S’ jetzt von dem
Kometspielen! Bleiben S a wengerl ruhig, i hol Eahna Eahnern Schädel
wieder.‘ -- ‚Naa,‘ deut er mit die Händ -- er werd sich ihm selber
holen. -- No, umso besser -- im März is ’s Wasser kalt. -- Drauf is
er nimmer wiederkommen. Wahrscheinlich war er beleidigt. -- Aber i
kann natürlich net mit an jeden herumdischkurieren, wann i a dringende
Arbeit hab.“
Der Postscheckverkehr
Eines Tages setzte mich die Generosität einer Braut in den Besitz von
dreihundert Mark. Ich pflegte den Betrag im Hosensack zu tragen.
Meine Mutter fand die Art der Aufbewahrung riskant und kaufte mir eine
hübsche rote Brieftasche.
Am selben Abend stahl man mir -- in einer Gesellschaft meiner
literarischen Freunde -- die Brieftasche; zum Glück hatte ich meine
dreihundert Mark immernoch im Hosensack.
Es gibt kein sichereres Depot als den Hosensack. Doch ich bin nicht
imstande, und kein Ereignis ist imstande, meine Mutter von dieser
großen Wahrheit zu überzeugen. Da erwogen wir, den Betrag einer Bank
anzuvertrauen.
Ich war dagegen. Man kennt die Herren Bankkassierer. Sie halten sich
Weiber und Automobile -- woher? wovon? Von ihrem Gehalt? -- Nein, auf
die Bank gebe ich mein Geld nicht. -- In diesem Augenblick der höchsten
Zweifel fiel mir der Postscheckverkehr ein.
Das Deutsche Reich ist vertrauenswürdig. Ich beschloß, mein Vermögen
auf ein Postscheckkonto zu legen. Und begab mich auf das Postamt
München 23, Leopoldstraße.
Gewöhnlich sind ja die Beziehungen zu den öffentlichen Gewalten wenig
erfreulich. Ich erinnerte mich peinlich eines Vorfalls aus alten Tagen
-- der Geschichte, wo mir die kritiklose Menge suggeriert hatte, es
gebe einen Apparat, der einem erlaubt, mit entfernten Menschen zu
sprechen. Zwei Jahre habe ich damals das Telephon im Haus gehabt,
benutzt und wieder benutzt, bezahlt und wieder bezahlt, und nie mit
jemand anderm gesprochen als mit dem Fräulein auf der Zentrale. --
Solche Erfahrungen sollten einen warnen. Ich aber bin unheilbar
weltgläubig.
Die Dienstvorschrift der bayerischen Postämter schreibt dem Beamten
am ersten Schalter vor, das Publikum an den dritten Schalter zu
weisen, und der dritte ist belagert. Für solche Fälle nun habe ich ein
prachtvolles Hilfsmittel. Ich fing an zu weinen und sagte, mein armer
Vater wäre vorgestern gestorben -- heut, in einer Viertelstunde, sei
die Beerdigung; ich möchte nur noch schnell dreihundert Mark einzahlen
-- dann hieße es, auf den Friedhof eilen.
Ehrfürchtig vor der Majestät des Todes teilte sich der Menschenhaufe,
und ich stand dem Beamten Aug in Auge gegenüber.
„Postscheckkonto? Dös is Schalter Eins.“
„Nein,“ sagte ich, „es ist am Schalter Drei“
Laut § 6 des 1. Nachtrags zur Dienstvorschrift für Postämter ist
bekanntlich jedermann verpflichtet den Beamten in schwierigen
Postangelegenheiten ‚höflich, jedoch in aller Kürze Rat und Auskunft
zu erteilen.‘ Diese humane Bestimmung bewährte sich wieder einmal aufs
beste. Als der Beamte hörte, daß er wirklich das zuständige Forum
wäre, holte er eine Reihe von Reglements, überzeugte sich durch
Nachschlagen, daß er sich nicht auskannte, und fragte einen Kollegen.
Der Kollege wußte natürlich nichts. Sie sagten, es gäbe keinen
Postscheckverkehr.
Grade diesen Einwurf hatte ich erwartet. Lächelnd holte ich meine
Zeitung hervor -- darin stand alles haarklein so, wie ich es behauptet
hatte. Da es ein Zentrumsblatt war, konnte der Beamte nichts entgegnen
und befahl mir, in einigen Tagen wiederzukommen.
Ich kam wieder. Diesmal gelang es mir, die Sache soweit einzufädeln,
daß ich meinen Namen auf ein Blatt Papier schreiben durfte, und man
würde mich verständigen.
Schon nach überraschend kurzer Zeit rief mich ein Briefträger zum Herrn
Amtsvorstand.
Ich rasierte mich, schlüpfte in meinen Gehrock, tat meine Mitgift in
einen saubern Briefumschlag und ging.
Das Zimmer des Amtsvorstandes ist ein elegant, aber einfach
ausgestatteter Raum mit einem hübschen Schreibtisch, einem diebssichern
Kassenschrank und einem Kleiderständer. Zwischen den Fenstern grüßt uns
das wohlgetroffene Porträt weiland des Prinzregenten, flankiert von
brünstigen Hirschen. Unter den Gemälden steht ein braunes Ledersofa,
auf dem ich aber nicht Platz nehmen durfte.
Der Herr Amtsvorstand ist ein bejahrter, ernster Herr mit angegrautem
Haar und Bart, gütigen, doch energischen blauen Augen und einer Brille
davor, die dem Besucher alsbald Respekt vor der Verantwortlichkeit des
Amtes einflößt.
„Sie wollen also dem Postscheckverkehr beitreten?“ fragte er. „Es ist
meine Pflicht, Ihnen vorher die Folgen Ihres Schrittes klarzumachen.
Wissen Sie auch, daß Sie dann keine Postanweisung, überhaupt kein bares
Geld mehr in die Hand bekommen? Man wird die Beträge unmittelbar Ihrem
Konto gutschreiben. Paßt Ihnen das?“
„Gewiß,“ sprach ich -- völlig ruhig -- wie ichs immer bin, auch wenn
ich noch so hohen Herren gegenüberstehe.
„Dann fertigen Sie hier die Vollmacht aus!“
Ich tat es. Er betrachtete wohlwollend die Unterschrift und sagte:
„Ah, der bekannte Operndirektor. Ich habe Ihre Werke wiederholt
erwähnen hören. ‚Die lustige Witwe‘ und so. Sagen Sie: wie fallen Ihnen
die vielen Melodien ein? -- Na, Sie wollen also dem Scheckverkehr...
Gut, Sie können versichert sein: die Regierung wird Ihre Bitte
wohlwollend in Erwägung ziehen. Guten Tag!“
Ich war entlassen.
Als ich vierzehn Tage nichts hörte, fragte ich auf dem Postamt: ob es
nicht möglich wäre, jene dreihundert Mark einzuzahlen, die ich, zum
Leidwesen meiner Mutter, immernoch mit mir herumtrug.
Man sagte mir:
„Nein, einzahlen können Sie nicht. Denn Sie haben noch kein Konto und
keine Nummer.“
Es war eine schwere Zeit. Meine Mutter verlangte täglich das Geld zu
sehen -- damit ich es nicht verbrauchte -- und auch bei Nacht erwachte
sie öfters, kam herüber und guckte nach dem Geld.
Ich bat auf der Post, man möchte mir eine Kontonummer zuweisen. Sie
sagten, es ginge nicht. Warum? Weil ich noch nichts eingezahlt hätte.
„Ich will gern einzahlen...“ antwortete ich.
„Ja -- da müßten Sie erst eine Nummer haben, unter der wir es buchen
können.“
Endlich am 17. April -- nie werde ich den Tag vergessen -- am 17. also
durfte ich mein Geld hinlegen. Der Amtsvorstand ließ mich zu sich rufen
und sagte mir:
„Man hat, wie Sie sehen, Ihrem Ansuchen willfahrt -- wiewohl Sie
Ausländer sind und Ihr Vorleben durch mancherlei bedauerliche Schatten
getrübt ist. Die Regierung hofft, daß Sie sich der Aufnahme in den
Postverkehr würdig erweisen werden. Geloben Sie das?“
„Ich gelobe es,“ versicherte ich.
Und ich bekam die Kontonummer 1130, Scheckamt München.
-- -- --