Als ichs erfuhr, wars zu spät, der Vertrag schon unterzeichnet. Ich

ging ins Café Größenwahn, stellte Herrn Direktor Herbesloh körperliche

Qualen in Aussicht -- den Verkehr mit Tante Emmy aber brach ich als

zwecklos ab und ließ ihren Geisteszustand nur darum nicht beobachten,

weil der Sanitätsrat unerschwingliche Vorschüsse verlangte.

Es kam, was kommen mußte.

Das Symbolistische Theater verkrachte. Hannes Konrad Herbesloh fiel der

öffentlichen Irrenpflege zur Last, und Tante Emmy wurde nach dritter

Klasse begraben. In ihrem Nachlaß aber fand man außer einem Armvoll

gerichtlicher Vorladungen nichts -- nichts als den Plüschvorhang.

Den Plüschvorhang des Symbolistischen Theaters. Er war papageigrün,

bedeckte ausgebreitet einen halben Morgen Landes und trug so

gräuliche Fratzen in Applikation, daß kein Gläubiger gewagt hatte,

ihn zu berühren. Ich aber fürchtete mich nicht und ließ ihn von vier

handfesten Burschen auf meine Bude schaffen.

Nun lag er da, Tante Emmys teurer Plüschvorhang -- ein kolossales

Mausoleum begrabener Hoffnungen. Aufgestapelt füllte er die halbe

Stube. Wenn ich das Fenster öffnen wollte, mußte ich hinüberklettern,

und wenn ich ihn zum Verkauf ausrief, lachten mir die Leute ins Gesicht.

Eines Tages fiel mir ein, ob sich das Ding nicht parzellieren ließe.

Ich erinnerte mich, manchmal, besonders auf Kostümfesten und auf

dem Land, Frauen in papageigrünen Plüschroben bewundert zu haben.

Ich zog einen Fachmann zu Rate -- er belehrte mich aber: die Frauen

mit papageigrünen Plüschroben wären seit zwei oder drei Jahrzehnten

ausgestorben.

Wiederum eines Tages hatte ich das Billardtuch im Café Größenwahn

zerrissen. Ich bot Herrn Dörfel, dem Wirt, als Ersatz für den Schaden

die eine Hälfte von Tante Emmys Vorhang an. Dörfel ließ sich auch

herbei, das Gewebe zu besichtigen, prüfte es umständlich und sprach:

„Nein, zu einem Billardüberzug eignet sichs nicht. Aber ich weiß einen

vorzüglichen Rat.“

Ich erschöpfte mich in Danksagungen für Herrn Dörfels Mitgefühl und bat

ihn, deutlicher zu werden.

„Sie kennen doch,“ sagte er, „das Trübsal der heutigen literarischen

Produktion? Gewaltige Begabungen, die zum Teil auf meinem Dubiosenkonto

stehen, verkommen im Elend. Gründen Sie doch zu Ihrem Vorhang ein

Symbolistisches Theater!“

Ich beleidigte Herrn Dörfel, bezahlte das Billardtuch, bezahlte die

Gerichtskosten und die Strafe. Tante Emmys Plüschvorhang aber lag in

meiner Stube und erpreßte mir Tränen.

Als ich wieder einmal so schluchzend dasaß, trat mein Freund Makula bei

mir ein und rief:

„Mensch, denk einmal! Sie haben mich angekauft.“

„Wie?“

„Ja. Das große Stück Leinwand, ‚Morgen am Indus‘ -- im vergangenen Jahr

hab ichs hier draußen bei Tutzing gemalt -- das kaufte gestern einer in

der Juryfreien Ausstellung. Jetzt richte ich mir ein Atelier ein.“

Ich wünschte ihm herzlich Glück, ersuchte ihn aber, mich mit meinem

Schmerz allein zu lassen.

„Kein Gedanke,“ sagte er. „Grade auf Tante Emmys Sterbelinnen hab ichs

abgesehen, es wird mein Atelierprunkstück werden. Das mußt du mir

borgen.“

„Alles will ich gern opfern, lieber Makula -- daß ich mich aber von dem

einzigen Erbstück Tante Emmys trennen soll, wirst du nicht verlangen.“

„Mann Gottes, hier hast du hundert Mark, und halt den Mund! Oder

bist du nicht zufrieden? Gut, dann will ich dir noch fünfzig Mark

verabreichen, wenn ich einen zweiten Schinken verklopft hab.“

-- Tante Emmys Plüschvorhang wanderte zu Richard Makula auf das

neugemietete Atelier.

-- -- --

Als ungefähr sechs Wochen vergangen waren, meinte ich, Makulas Stern

müßte durch Verkauf eines zweiten Bildes neu vergoldet worden sein, und

stieg die vier Treppen zu ihm hinan.

Im Flur keine Seele.

An der Tür kein Schild.

Im Atelier aber fegte der Portier die kahlen Wände rein.

„Wohnt mein Freund Makula hier?“

„Hat.“

„Wie meinen Sie?“

„Hat gwohnt. Heut ham mir eahm außagfeuert. A scheener Freund. Schwitzt

keine Miete.“

Und Tante Emmys Vorhang? Hing groß und herrlich an armdicken

Messingstangen.

„Dann nehme ich meinen Vorhang gleich mit,“ sagte ich.

„Was? Mitnehmen? Ka Spur. Is gepfändet.“

„Oho, der ist nicht bezahlt, der gehört mir, den können Sie nicht

pfänden.“

Man holte den Hausbesitzer -- ich legte ihm die Sache klar. Er bäumte

sich mächtig. Er richtete sich klafterhoch auf, stieß mit den Hufen

vorwärts, wälzte die Augen hervor und schrie wie ein Stier. Doch gegen

mein offenbares Recht konnt er nicht an. Der Vorhang war mein.

Da wurde Herr Müller weich. Er faßte mich zart am Schultergelenk und

führte mich durch Makulas leere Stätte der Tätigkeit -- fünfundzwanzig

Schritte auf und fünfundzwanzig ab.

„Sie sehen,“ sprach er, „hier das größte Atelier beider Hemisphären

vor sich. Ich kann es in seinem normalen Zustand unmöglich vermieten

-- wer es sieht, erschrickt vor den grenzenlosen Dimensionen. Für

eine Automobilfahrschule liegt es zu hoch, und ein Zirkus läßt sich

hier nicht unterbringen, weil Zirkusse rund sind, dieses Atelier

aber viereckig. Ich wollte das Ding zu einem Symbolistischen Theater

umgestalten -- man hat mich gewarnt. Ich wollte eine neue Religion

stiften und hier das Bethaus aufschlagen -- dazu fehlt es mir an

Haarwuchs und Salbung. Ich weiß also keinen Ausweg, die Halle zu

verwerten -- außer, wenn ich Ihren grünen Vorhang habe. Wenn ich den

Vorhang habe -- ah, dann steht die Sache ganz anders: dann läßt

sich das Glashaus harmonisch teilen -- in einen Arbeitsraum vorn und

ein geräumiges Wartezimmer für die Gläubiger hinten -- beides wie

geschaffen für einen tüchtigen Künstler. -- Ein Vorschlag, lieber Herr:

überlassen Sie mir Ihren Plüschvorhang!“

„Nie. Er ist das einzige Andenken...“

„Ich ehre Ihre Pietät, ich habe selbst ungemein viel Familiensinn. Wenn

ich Ihnen aber zwanzig Mark biete?...“

Ich schlug ein und überließ Herrn Müller den Vorhang für zwanzig Mark

bis zum Augenblick der Vermietung. Jawohl: bis zum Augenblick der

Vermietung.

Einige Tage später war es geschehen, und der neue Mann eingezogen. Ein

Bildhauer, Priem geheißen.

Pünktlich stellte ich mich ein, um den Vorhang wegzuschaffen.

Priem war wie vom Schlag gerührt.

„Den Vorhang?“ heulte er. „Aber grad wegen dem Vorhang bin ich Esel

doch hier eingezogen, der macht ja die Höhle erst bewohnbar.“

Ich lächelte.

„Verehrter Herr Priem,“ sagte ich ihm ungefähr, „wir leben in einem

Zeitalter, wo die Pflicht der Nächstenliebe längst zur Legende

geworden ist. Auch ich war kindlich gut, edel und hilfsbereit, ehe

mich schmerzliche Enttäuschungen zum kühlen Rechner gemacht haben. Das

lieblose Verhalten der Gesellschaft dem einzelnen gegenüber zwingt

mich, meinen Vorteil zu wahren. Begreifen Sie? -- Nein? Nun, dann muß

ich Ihnen klar heraussagen: ich nehme den Vorhang mit, wenn Sie sich

nicht entschließen, mich für die Abnutzung zu entschädigen, die er hier

erleidet.“

„Sie wollen also Geld. Schön. -- Wieviel?“

Ich machte es billig: zwanzig Mark. -- Der Vorhang blieb.

Nach drei Wochen hing am Tor die Ankündigung:

‚Geräumiges Atelier zu vermieten.‘

„Aha,“ dachte ich mir, „deine Stunde hat geschlagen.“ -- Und ich

schröpfte Herrn Müller, den Hauswirt.

Am nächsten Tag den dritten Mieter, Priems Nachfolger.

Wie lang das so fortgehen wird, weiß ich nicht.

Einstweilen aber beziehe ich aus Tante Emmys Plüschvorhang eine

Monatsrente von achtzig Mark. Sie entspricht genau den Bankzinsen

jenes Legats, das mir die liebe Tante dereinst in ihren bessern Tagen

zugedacht hatte.

Der Ausflug

Base Wuckereit studiert Kunstgeschichte. Nebenbei hört sie etwas

Literatur bei Professor Kutscher, Psychologie bei Becher und

Volkswirtschaft (Sinzheimer). Diese Kumulierung von Wissensgebieten

macht hie und da ein Ausspannen nötig, einen Ausflug aufs Land.

So begab sich denn Base Wuckereit unlängst, als zwei Feiertage

vorfielen, in nahezu alpinistischer Verkleidung nach Kochel.

In Kochel fand unsre Base, dem vorgeschrittenen Lenz zufolge, in

keinem Gasthof ein freies Zimmer. Eine mitfühlende Wirtsfrau wies die

Wohnungsuchende an das bäuerliche Ehepaar Reibeisel.

In der Tat erklärten sich Reibeisels bereit, der Fremden ein

leerstehendes Bett zur Benutzung für eine Nacht einzuräumen -- als

welches Bett jedoch in jener Kammer stände, wo der Bauer ansonsten sein

Pferdegeschirr aufbewahrt.

Kammer und Bett, unter Führung von Vater und Mutter Reibeisel

kommissionell besichtigt, erwiesen sich als praktikabel. „Der Jeruch

vons Leder,“ rief Base Wuckereit, „is sogar zücknd.“ Man einigte sich

freihändig auf einen Preis von fünf Mark, die sich auf zehn erhöhen,

falls der städtische Gast Wert auf Teilnahme am ländlichen Abendessen

der Familie legen sollte.

Rasch war auch hierüber Verständigung erzielt. Base Wuckereit saß, von

Rucksack und Loden entlastet, am derben Eßtisch mit Reibeisels und

deren erwachsenem Sohn.

Hiezu ist zu bemerken, daß Base Wuckereit -- als miggriger, jüngster

Zwilling der Gumbinner Wuckereits -- von ostpreußischer Körpergröße

ist; auch drückt sich ihre Beschäftigung mit Volkswirtschaft einerseits

und Rubens andrerseits in beiderseits entwickelter Fülle aus, während

Sturm und Drang von ihren Backen und Augen leuchten.

Vater und Sohn Reibeisel nahmen von der anwesenden Fremden kaum durch

gelegentliches Aufblicken Kenntnis; Mutter Reibeisel hingegen äußerte

in lauten Reden Zweifel und Erstaunen darüber, daß Base Wuckereit den

Landausflug ohne jegliche männliche Begleitung unternommen haben sollte.

Im diesbezüglichen Verhör blieb die Base aber hartnäckig, mit nicht

geringem Stolz bei der Behauptung ihrer magdlichen Alleinigkeit,

wobei sie das naiv-dörfliche Beschwatzen der Sexualkomplexe mit

erschütterndem Gumbinnenser Lachen und vulkanisch-schämiger Rotglut

quittierte.

Nach dem frugalen Mahl zog sich die Base in ihre Kammer zurück.

Der Mangel eines innern Riegels an der primitiven Tür wurde bemerkt,

der dadurch ausgelöste, anfangs unangenehme Affekt jedoch alsbald

verdrängt durch mit Willen wachgerufene, stark betonte Vorstellung des

biderbehrbaren Reibeiselschen Ehepaares.

Kurz nach Eintritt der Schlaftrunkenheit hörte Base Wuckereit

halb unbewußt ein Knacken an der Kammertür, ohne darüber vollends

zu erwachen. Erst ein Ziehen an der Bettdecke brachte heftige

reflektorische Abwehrbewegungen der Base hervor. -- Wie sich bald

zeigte, war ein männliches Wesen in die Kammer eingedrungen, das seinem

Unwillen über das Benehmen der Base durch die Worte „Blödes Saumensch,

blödes“ Ausdruck gab.

Sofort setzte das Gumbinnenser Lachen ein -- was der Eingedrungene

irrtümlich eher als Einladung, seine unzüchtigen Bestrebungen

fortzusetzen, aufzufassen schien. Die Drohung der Base, sie werde

sich durch Stimmenaufwand Hilfe zu schaffen suchen, brachte nicht die

erhoffte Einschüchterung des nächtlichen Werbers hervor; erst eine

deutliche, durch Brachialkraft unterstützte Absage führte zu seinem

Rückzug.

Schon nach wenigen Minuten rührte es sich an der Kammertür von neuem.

Diesmal jedoch war es die bäuerliche Wirtin selbst, die, mangelhaft

bekleidet, unter höflichen Beteuerungen und Bitten erschien: das

Fräulein möchte die Attacke keineswegs übel deuten; sie wäre im Sinn

der Gesamtfamilie Reibeisel erfolgt und in der barmherzigen Absicht,

dem Fräulein in seiner Verlassenheit eine kleine Feiertagsfreude zu

bereiten.

Jordans Letzte Hilfe

„Resi, noch einen Schoppen! -- Ich gebe zu, daß mein Vorleben etwas

bemakelt ist. Besonders von meinem zwanzigsten Jahr an bis in den

letzten Winter habe ich mich in Gleisen bewegt, die am Abgrund führten.

Und über die Zeit vor meinem zwanzigsten Jahr -- ich möchte, wissen

Sie, darüber nicht gern befragt sein -- selbst in diesem Augenblick, wo

ich gelaunt bin, Geständnisse zu machen...

Sie sind nicht neugierig? Umso besser. Die Neugier bliebe übrigens

unbefriedigt: nach zehn Jahren werden ja gelinde Vorstrafen von den

Behörden gelöscht...

Einen Schoppen, Resi! -- Aber so wie ich muß eben ein Mann beschaffen

sein, der ins Leben von heute passen soll. Eine Zeitlang krumme Pfade

wandeln: glauben Sie mir, es ist eine gute Schulung. Man lernt die

Augen offen halten, schwindelfrei sein... Lachen Sie nicht!... Man

lernt: auftreten, sich auf die Beine stellen. Im alten Deutschland war

jedes Schrittchen von der Polizei bewacht -- da konnte selbständig nur

werden, wer sich -- wie ich -- manchmal aus den Gehegen wagte...

Doch wozu die Vergangenheit aufrühren? Sie ist vorbei. Jetzt bin ich

Jordan, Gründer und Leiter von Jordans Letzter Hilfe -- stehe Menschen

bei, die es besser in ihrer Jugend hatten, weicher als ich geblieben

sind und sich dafür nun auf meine gestählten Muskel stützen können...

Denn, sehen Sie -- nicht wahr? -- Jordans Letzte Hilfe schafft Rat, wo

alles den Kopf verlor. Muß ich einstweilen auch erst in kleinem Kreis

wirken: München ist mein Anfang; bald gehe ich nach New York. Jordans

Letzte Hilfe macht München zur Großstadt -- sie wird demnächst New York

zur Großstadt machen. -- Resi, einen Schoppen!

Oh, ich könnte schon hundert Fälle anführen aus meiner kurzen Tätigkeit

-- interessant vom ersten bis zum letzten. In meinem Büro reichen ja

verzweifelte Menschen einander die Türklinke. Man blickt in Schicksale

-- in Klüfte, sag ich Ihnen. Man zieht stündlich Existenzen aus dem

Schlamassel -- am obersten Schopf. Gestern die Rettung des Fräuleins

aus der Isar -- haben Sies in den ‚Neuesten‘ gelesen? Auch Arbeit von

Jordans Letzter Hilfe...

Aber Jordans vornehmste Pflicht ist Schweigen.

Immerhin: einen leichten Fall -- ja, den kann ich preisgeben.

Kennen Sie Klingemann? Natürlich. Wer kennt ihn nicht -- Siegmund

Klingemann, bürgerlichen Poeten? ‚Gudrun‘ hat ja dreißig Auflagen,

glaube ich.

Klingemann also wohnt an der Widenmayerstraße, ziemlich standesgemäß,

zwei Treppen, Aussicht auf die Isar.

Wohnt und schafft: jährlich liegt ein Roman sauber auf dem

Weihnachtstisch der gebildeten Familie; gehört sozusagen in den

Kalender.

Ha, da setzt man ihm zu Oktober, wo grad wieder die ‚Spielmannsfahrt‘

erschienen war...

Resi, einen Schoppen, Prost! -- Wo bin ich geblieben?

Richtig -- bei: Ha! -- Zu Oktober also setzt man in die Wohnung über

Klingemann einen neuen Mieter. Sagen wir: Herrn Obermieter. Und mit

Klingemanns Schaffen ists sofort vorbei.

Klingemann pflegt nämlich seit Jahren von zwei bis drei nachmittags

sein sattes Schläfchen zu schlummern -- es ist Grundbedingung seines

Organismus -- sonst versagt der Leib eben dem Talent den Dienst.

Obermieter, der Hund, spielt Klavier von zwei bis drei.

„Sehr geehrter Herr!“ schreibt Klingemann -- und stellt die Sachlage

dar, wie sie ist: daß da ein Stück deutscher Kultur zerstört wird, wenn

das Gespiel von zwei bis drei nicht aufhört. -- Obermieter klaviert.

„Du Hund!“ knirscht Klingemann -- und schreibt einen zweiten Brief:

„Hochverehrtester Herr! Ich bitte Sie... nein, ich flehe Sie an bei

allem, was Ihnen heilig ist -- unterlassen Sie... usw. Verlangen

Sie jede Gegengefälligkeit von mir, betrachten Sie mich als ihren

Sklaven...“

Obermieter spielt.

Da begreift Klingemann: mit dem Kerl oben ist in Güte nicht

auszukommen. Man muß die dicke Saite spannen.

Sie kennen doch das Mittel? Nein? Jedermann sollt es aber kennen:

im Zimmer, über dem gespielt wird, tut man den Eßtisch und die Lampe

weg. Hierauf schraubt man in den Fußboden einen Haken und spannt

zwischen dem Haken unten und dem Lampenhaken senkrecht die dicke Saite.

Beginnt Obermieter seinen Walzer: so streicht man unten unermüdlich

mit dem Baßbogen die dicke Saite. Wunder der Resonanz! Sie glauben

nicht, welche Mißtöne dann aus Obermieters Piano strömen. Es ist zum

Steinerweichen -- einfach unerträglich für jeden musikalischen Menschen.

Doch Obermieter ist ein Schweinsohr. Ihm macht die dicke Saite nichts;

ihn freut der Lärm; er klaviert.

Hierauf hat Klingemann die Nähmaschinen ankurbeln lassen -- und zwar

drei, besetzt von Frau Klingemann mit ihren zwei Nichten, kurz nach

Mitternacht. -- Obermieter schlief -- und am nächsten Nachmittag um die

kritische Stunde klavierte er. Klingemann klopfte vergebens mit einem

Besenstiel in falschem Takt die Decke ab.

Klingemann versuchte seine Begabung durch Flucht ins Hofzimmer zu

retten: Obermieter, gereizt durch die dicke Saite, die Nähmaschinen und

den Besenstiel, rollte sein Piano ins Hofzimmer. Hatte er Spione in

Klingemanns Haus?

Klingemann änderte seine Lebensweise: er aß zwischen zwei und drei

nachmittag; schlief bis Mitternacht; und dichtete am frühen Morgen.

Sofort stellte sich auch Obermieter um: er klavierte von Mitternacht

bis Mittag.

Sehen Sie, die Lage war verzweifelt.

Was tut man in verzweifelten Lagen? Man ruft Jordans Letzte Hilfe an.

Klingemann abonnierte bei mir.

Ich liefere vier junge Leute und ein Piano. Es spielt jetzt bei

Klingemann von vier bis zehn vormittag ein gewisser Strehle,

Konservatorist; von zehn bis vier Fräulein Ziegler, eine Anfängerin;

von vier bis zehn Uhr abends der Korrepetitor Seil; von zehn bis vier

ein Turnlehrer.

Was Klingemann unterdessen treibt? Er ist nach Partenkirchen gefahren

und dichtet dort.

Und Herr Obermieter? -- Sie fragen noch? Seine Lage ist doch ebenfalls

verzweifelt. Selbstverständlich ist auch Obermieter bei mir abonniert.

Auch bei ihm spielen vier Mann von Jordans Letzter Hilfe Klavier --

unaufhörlich, Tag und Nacht. -- Obermieter selbst lebt in Garmisch.“

Das Kunstvariété

Eines Tages erheischten meine Finanzen dringend der Ordnung. Eben

zur rechten Zeit sprach draußen im Flur ein Herr vor und nannte sich

Direktor Geißler.

Ich empfange Direktoren nur ungern. Was heißt überhaupt: Direktor? Was

bedeutet es? Nichts. Direktor ist ein jüdischer Vorname, sagt man in

Berlin. Gewöhnlich hat solch ein Direktor nicht einmal das Recht, sich

selbst zu dirigieren.

Dennoch -- diesmal war ich zu Hause und hatte es nicht zu bereuen.

Direktor Geißler war eine mittelgroße, kräftige Erscheinung mit reinem

Kragen, kurzgestutztem Bart und einem Glasauge. Wohlwollend richtete er

es auf mich, nachdem er Platz genommen hatte, und sprach:

„Sie werden bemerkt haben, Herr Roda Roda, daß das Variété von heute

dem Verfall entgegengeht.“

„Dem Verfall, Herr Geißler? Die Leute machen doch faustdicke Geschäfte?“

„Sag ich doch,“ rief der Direktor triumphierend. „Leben wir denn in

einer vernünftigen Zeit? In einer konsequenten Zeit? Wo man sagen

kann: das und das ist gut, das wird bestehen? Nein. Die Welt ist ja

verrückt. Heute so und morgen so. Zu Mittag himmelhoch jauchzend, am

Abend verheiratet. Was eben noch gedeiht, wird im nächsten Augenblick

zugrunde gehen. Darum, weil das Variété von heute voll ist, sage ich:

es trägt schon den Keim der Pleite in sich.“

„Ach so?“

„Ja. Woher aber diese fürchterliche Katastrophe des Variétés?“

Ich überging Geißlers rhetorische Frage mit Schweigen.

„Falsch!“ schrie er. „Die Kinos tragen keine Schuld. Das Variété

ruiniert sich selbst -- durch seine Indolenz. Wo alles ringsum sich

die Kunst dienstbar macht, wo man jeden Nachttopf, jeden Lausekamm von

einem Professor entwerfen läßt, bleibt das Variété bei seinem alten

Flitterkitsch. -- Herr Roda, ich gründe das neue, das Kunstvariété mit

einem Aktienkapital von fünf -- was sage ich fünf? -- mit einem Kapital

von zehn Millionen Märkern, und Sie sind meine erste engagierte Kraft.

Haben Sie die Güte, einstweilen die Taxe des Autos auszulegen, das

unten auf mich wartet.“

-- -- --

Ich habe vielleicht unterlassen, zu bemerken, daß sich die eben

geschilderte Szene in München abspielte. Wir haben da oberhalb

der Theresienwiese eine gigantische Festhalle, die für gewöhnlich

leersteht. Sie regt unternehmende Köpfe immer wieder zu Plänen an. Es

ist wahr, die Halle liegt etwas abseits, man braucht bei gutem Wetter

eine Stunde, um zu ihr zu gelangen. Und wieviel bei schlechtem Wetter?

Das hat noch niemand ausprobiert.

Einmal gastierte Barnum in der Halle. Zehntausend entzückte Besucher.

Am nächsten Morgen schrieben die Zeitungen, es wär halb leer gewesen.

Einmal ankerte das Zeppelin-Luftschiff darin. Dem Grafen gab man ein

Bankett im Rathaus. Als er nachher in die Halle kam, um sein Schiff zu

suchen, fand er es nirgend. Es hatte sich hinten in die Proszeniumsloge

gesetzt.

Einmal wollte ein findiger Mann die Halle benutzen, um der Menschheit

das Planetensystem in natürlicher Größe vorzuführen. Die Sache

scheiterte am Widerstand der Zentrumspartei.

Ein hoffnungsloser Bau. Von Zeit zu Zeit macht die Fußartillerie darin

ihre Schießübungen. Das ist alles.

-- -- --

„Unter diesen Umständen, Herr Direktor, werden Sie mir, fürchte ich...“

„Keine hohe Gage zahlen wollen? Das erstemal natürlich nicht viel --

ich weiß nicht, wie Sie meinem Publikum gefallen...“

„Und das zweitemal bin ich nicht mehr neu. Ich kenne das.“

„Sie werden bitter, Herr Roda. Ich mache Sie aufmerksam: Ihre sehr

geschätzte Kraft ist mir nicht unbedingt vonnöten. Es ist da eben ein

dressierter Buckelochs frei, der gleichfalls sehr humoristisch wirkt.“

Eingeschüchtert unterschrieb ich den Vertrag.

-- -- --

Ich will von dem Münchener Künstlervariété nicht viel erzählen. Es

hatte bald ausgelitten.

Ein Riesenbetrieb. Kein Mensch kannte sich aus.

Da war zunächst Geißler, der Direktor. Er hatte einen artistischen

Sekretär, einen Geschäftssekretär und einen Dramaturgen. Der Dramaturg

war mit zwanzig Prozent beteiligt, dem einen Sekretär gebührte die

Hälfte des Reingewinns, dem andern ein Viertel der Bruttoeinnahme. Alle

Herren zusammen hießen: die Konzessionäre.

Da war der Verwaltungsrat mit einem Präses, einem Vorsitzenden und

einem Vorstand. Sie hießen zusammen: das Kassendepartement.

Da war der repräsentative Ausschuß, an seiner Spitze eine senile

Exzellenz. Lauter Herren, die täglich in der Presse erklärten: ihre

Namen wären ohne ihre Einwilligung auf die Liste gekommen.

Endlich das Regiekollegium. Es bestand aus jenen berühmten Münchener

Malern, die immer wieder die Kunstkommission bilden -- ob es sich

nun um einen Vereinsball handelt, eine Rindviehausstellung oder das

Bismarck-Denkmal auf Bornholm. Sie wählen jedesmal aus ihrer Mitte den

‚engern künstlerischen Beirat‘ und protestieren dann gegen ihn.

Der wichtigste Mann aber im Variété auf der Theresienhöhe war der

Portier. Er war nämlich der Kapitalist.

-- -- --

In der allgemeinen Verwirrung habe ich vergessen, zu sagen, daß

unsre Bühne auch sogenannte Ziele hatte. Die Programmschrift war

von Professor Fuchs verfaßt. Es sollte bei uns ‚zum erstenmal auf

deutschem Boden‘ gezeigt werden, daß das Variété ‚des üblichen Tandes

entbehren könne,‘ um, ‚anknüpfend an die Idylle der Biedermeierzeit,‘

das deutsche Gauklertum in seiner primitiven Gestaltung, frei vom

Snobismus einer dreimal verdammten, nun, dank den verfeinerten

Sinnen unsrer Zeit überwundenen Epoche falscher Prachtentfaltung,

wieder in jener Keuschheit zu zeigen, die uns die Körperkultur in

ästhetisch-harmonisch angepaßter Umgebung bewundern läßt; nicht

Alhambrahöfe, nein, den Dorfmarkt mit seinem malerischen Getriebe

wollen wir zum Schauplatz unsrer Seiltänzer erwählen.

Goldne Worte -- wie?

Schon vor der ersten Vorstellung klagte mir Geißler über mangelhaften

Besuch -- ich möge eine Reklame aushecken. Ich schlug vor: er sollte

sich aus Verzweiflung die Pulsadern aufschneiden -- am Vorabend, aber

doch zeitig genug, damit es noch in die Morgenblätter käme. Geißler

meinte -- mit einem Blick auf mich -- er würde den Unfall eines

engagierten Mitgliedes vorziehen.

Der Morgen vor der Eröffnung war nervenerschütternd. Unsre Soubrette

(am Abend die erste Nummer) fand plötzlich: ihr Repertoire sei zu intim

für diesen Raum. Sie müßte etwas Jahrmarktgemäßes haben.

Geißler verlangte, ich sollte ihr ein Lärmcouplet dichten, spätestens

bis elf.

„Ich kann nicht dichten. Und Couplets schon garnicht.“

„Hätt ich nur den Buckelochsen engagiert,“ jammerte Geißler. „Hätt ich

ihn nur engagiert!“

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 5 / 15 段