Das deutet auf eine Zersetzung des Staatskörpers.
*
Der große Dieb:
„Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem...“
Endlich nahm er sich sogar das Leben.
*
Mit drei Dingen, erzählt mir der Japaner, drei Dingen in Europa könne
er nicht fertig werden: dem Käse, den Wanzen und den Damen, die da
lorgnettieren.
*
Sie schritt wie ein lebendes Standbild daher -- etwas üppig zwar, doch
majestätisch. Auf ihrer östlichen Hemisphäre blühte eine Rose.
*
Ich kam heim -- da standen zwei Kinderbadewannen vor der Tür. Es waren
Miß Ellinors Galoschen.
*
Alles hat sie von selbst gelernt -- was sie ist, ist sie von selbst
geworden.
Ein Selfmännmädchen.
*
Gar Manche, die sich mir versagt,
Die wollte später.
Jedoch zum Teufel war der Äther --
Ich hab nicht mehr nach ihr gefragt.
*
Wenn die Friseure einen Schutzgott brauchen sollten: ich schlage
Zebaoth vor, den Herrn der Haarscheren.
*
Wer lang hat, läßt tief blicken.
*
Ein wahrhaft fürstliches Essen: ganz durchlaucht.
*
„Oberst a. D.“ „General a. D.“ -- weltferne Gestalten.
Es gibt auch Städte a. D. -- zum Beispiel: Linz.
*
Die äußersten, dem Menschen gesteckten Grenzen sind von Asiaten
erreicht worden: vom Priester Buddha, vom Krieger Djingiskan. Dort:
Verzicht, Schonung, Verinnerlichung, Rückwärtsschauen, Liebe -- hier
Genuß, Herrschen, Töten, Vorwärtsstürmen, Haß.
*
In Österreich sind Satiriker überflüssig; da macht sich die
Staatsverwaltung immer selbst lächerlich.
*
„Der Sohn eines Seidenfabrikanten -- Führer der Bolschewisten?“
„Gib einem Juden einen Patsch auf den Kopf, so is er ein Uhrmacher.“
*
Die neuen Machthaber versuchen immerzu Methoden, deren Untauglichkeit
die Verantwortlichen von gestern schon als Praktikanten begriffen haben.
Ich für meinen Teil lasse mich lieber von schlechten Professionals
regieren als von übereifrigen Dilettanten.
*
Demosthenes stotterte, konnte kein R aussprechen und brachte es dennoch
zum größten Redner.
Nicht weniger bewundernswert ist der Abgeordnete Wolf, der es trotz
angebornem Schwachsinn zum Führer einer Partei gebracht hat.
*
Schon wieder kam eine Schneiderin mit religiösem Wahnsinn ins Irrenhaus.
Seit Menschengedenken aber passierte das noch keinem Bischof.
*
Ein zudringlicher Kerl; heut nacht erschien er mir sogar im Traum.
*
„Der Handelsgeist der Juden zeigt sich selbst in den Evangelien.“
„Ja. Und durch ihre Schwermut verraten die Berliner ihre slavische
Abkunft.“
*
Ein Weib kann ledig, verheiratet, Witwe sein -- oder geschieden.
Doch der Ausdruck ‚geschiedene Frau‘ scheint mir langatmig. Ich schlage
‚Schiedwe‘ vor.
*
Der breite Epiker Homer hat zahllose Nachfahren. Nennen wir sie mal:
Homeroiden.
*
Die Geschichtsschreiber -- rückwärts gewandte Propheten...
Oft sind sie nur verdrehte Journalisten.
*
In Italien wird sie bald heißen: ‚die gefürchtete Grafschaft Tirol.‘
*
Drei Tage im Jahr -- vermöge einer Religion oder nur aus irdischer
Klugheit -- sollten einander die Menschen nicht hassen. In diesen drei
Tagen würden die weisesten Dinge geschehen.
*
Das Ziegengebäude
Um das Jahr 1913 fuhr ein königlich preußischer Assessor aus Allenstein
mit leichtem Gepäck nach Rom. Auf dem Rückweg wollt er sich mal München
ansehen. Drei, vier Tage plante er zu bleiben. Es wurden vier Wochen
daraus.
Sogar Monate: da war nämlich mittlerweile ein Onkel des Herrn Assessors
gestorben, und der rührige Erbe verspürte keine Lust mehr, nicht die
geringste Lust, heim ins heilige Amt zu gehen.
Ich weiß nicht, ob Sie Allenstein kennen und wie Sie darüber denken. Es
hat ja dort letzthin eine Volksabstimmung darüber gegeben, ob Stadt und
Kreis bei Deutschland bleiben sollten oder nicht. Wenn ich Allensteiner
wäre und hätte mitzuentscheiden gehabt -- ich stimmte natürlich für
Deutschland -- aber -- bei aller Vaterlandsliebe -- nur unter der
Bedingung: daß sich das Reich endlich des vernachlässigten Ortes ein
wenig annehme. So, wie es zur Zeit dort aussieht, ist es nämlich kein
Leben, am allerwenigsten ein Nachtleben. Ha, es ist die Wüste.
Also empfand Assessor Gehricke schon im Jahr 1913 und zog München vor
-- in zufriedenem Hinblick auf seine durch den Erbfall begründete
wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Er wurde da unter dem Namen ‚Ziegengebäude‘ bald volkstümlich.
Der anscheinend sinnlose Beiname erklärt sich aus der Gewohnheit
Gehrickes, unter gewissen Umständen, jedoch nie vor zwei Uhr morgens,
Menschen, die ihm begegneten, als ‚verehrliche Ziegengebäude‘ anzureden.
Ziegengebäude nahm also Abschied von Staat, Regierung und
Regierungsdienst und lebte fortan als Privatmann in München. Lebte da
viele, viele Jahre.
Es kann keine Rede davon sein, daß er es ruhig tat. Nein. Er lebte
unter beständigen Gewissensbissen, in heißen Kämpfen mit einem bessern
Ich, das immerfort in seinem Innern brütete, an die harte Schale
pickte, ohne sie jemals sprengen zu können.
Wie folgt spielte sich des Ziegengebäudes Dasein ab:
Abends um acht erhob er sich vom Lager und fragte nach dem gebotenen
Häring. Der Häring stand, sauber geputzt, von der sorglichen Wirtin
garniert, auf dem Tisch bereit.
Ziegengebäude verzehrte ihn und sprach:
„Frau Rummel, diesmal -- ich schwöre Ihnen -- diesmal solls das
allerallerletztemal gewesen sein. Ich habe beschlossen und werde es
halten: ich bin solid. Mit zwanzig Mark in der Tasche -- das ist doch
nicht zuviel? -- gehe ich vom Hause weg, werde abendessen -- und in
längstens zwei Stunden bin ich wieder da.“
„Wanns nur wahr is, Herr Zie... naa, Herr von Gehricke!“ entgegnete
bekümmert die Wirtin.
„No, nacher schaun S’ mir halt zu!“ antwortete Gehricke -- (seine
Sprache hatte, wie man bemerken kann, durch langjährige Übung schon
Lokalkolorit angenommen.) „Überzeugen S’ Ihnen selber!“ -- Gehricke
steckte ostentativ zwanzig Mark ein.
Und ging. In seine Stammbude ‚Zum Pfälzer.‘
Als er den Pfälzer gestärkt verließ -- da wandelte ihn eine ganz, ganz
kleine Schwäche an. Um ihrer Herr zu werden, würde es, meinte er,
genügen, in der Torggelstube ein einziges Gläschen Cognac zu nehmen. --
Er hat kein Geld? Nun, die Marie in der Torggelstube kennt ihn.
Und schon betrat er -- leider -- die Torggelstube. Er wandte sich an
Marie mit den Worten:
„Ich komme vom Pfälzer.“
Über die tiefere Bedeutung dieser Einleitung soll später abgehandelt
werden.
Die Nächte in München sind sehr windig -- der Wind bringt die
besten Vorsätze ins Schwanken; daher der Stadtname München: vom
altgriechischen ~mynomai~ = vorschützen, zaudern. -- Die Rauhheit
des Klimas wieder erklärt den gesteigerten Schnapskonsum.
Und als Gehricke gegen elf -- nun schon ausgeglichenern Gemüts -- das
Lokal wechselte, lautete sein Gruß in der Odeonbar:
„Ich komme aus der Torggelstube.“
Um eins huschte Gehricke ins Tabarin:
„Ich komme aus der Odeonbar“ -- während er um zwei den Ober bei Benz
anschrie:
„Verehrliches Ziegengebäude! Ich komme von Kathi Kobus.“
-- -- -- -- -- Um sechs am Morgen -- vom ‚Club der Zukunft‘ (der in den
Privaträumen der Kinodiva Hoheisl wirkt), nahm Gehricke ein Auto und
schärfte dem Automedon ein, gegen Abend den Fuhrlohn abzuholen...
„I woaß scho, Herr Assessor,“ versicherte der Wackere. Er kannte ja
seinen Kunden.
-- -- -- Gegen Abend, wie es ihm befohlen war, fuhr Automedon beim
Ziegengebäude vor, Schwabing, Seestraße 18 -- und Gehricke stieg ein
zum schwersten Werk des Tages, dem ‚Rückwärtskruch.‘ Als welcher sich
folgendermaßen abzuspielen pflegt...
Gehricke fragt den Wagenlenker:
„Woher bin ich gekommen?“
„Von der Fräuln Hoheisl, Herr Assessor.“
Der Motor knattert, die flinken Räder schnurren.
Bei Fräulein Hoheisl zahlt Ziegengebäude seine Zeche und fragt:
„Woher bin ich gekommen?“
„Aus dem Bühnenclub.“
So muß Gehricke, von Prinzipien gepeitscht, von Haarweh gequält, alle
Stationen seines gestrigen Kreuzwegs zurückschreiten -- alle Stationen,
nicht eine bleibt ihm erspart; muß überall seine Schulden bezahlen...
-- -- -- bis er nach langlanger Wanderung von Maries süßen Lippen das
erlösende Wort vernimmt:
„Sie sind vom Pfälzer gekommen, Herr Assessor!“
Nun weiß er, daß der Rückwärtskruch vollendet ist; denn im Pfälzer hat
er regelrecht bezahlt.
-- -- -- „Ach,“ seufzt Gehricke so manchesmal, „wie lange werde ich die
Strapazen dieses Daseins noch ertragen können?“
Und seine Sehnsucht ist öfter, als man glaubt, im stillen Allenstein,
wo die Entfernungen kürzer, die Spirituosen wohlfeiler, die
Versuchungen kleiner -- gradezu negativ sind.
Schach
In einem Stimmungsbild aus München, das die Augsburger Abendzeitung
unlängst abdruckte, wurde ich als Schachmeister gefeiert. Nach langen,
enttäuschenden Jahren habe ich also doch noch erlebt, jene Anerkennung
zu finden, die ich mir so oft erträumte: Anerkennung meiner Verdienste
auf den vierundsechzig Feldern der Ehre.
Schach ist ein königliches Spiel, eigentlich nichts für meinesgleichen.
Doch grade die hocharistokratische Atmosphäre des Schachs atme ich
so gern -- der arme Hund freut sich, wenigstens hier auf dem Brett
Schiebungen vornehmen zu dürfen mit Bischöfen, Damen und Königen, die
ja unserm Einfluß sonst entzogen sind.
Ein königliches, ein edles Spiel. Wers nicht nobel und edel treibt,
lieber weit weg vom Handwerk bleibt.
Ich spiele Schach mit dem Major v. Vestenhof. Der Herr Major hat
zahlreiche Feldzüge mitgemacht -- gegen Preußen, gegen Piemont und
Montenegro -- und ich kann nur sagen: er ist ein unerschrockener
Gegner. Seit Jahren kreuzen wir fast täglich unsre Bauern im Café
Stefanie; ich habe den Major in Kriegslagen gesehen, wo jedem andern
die Haare zu Berg gestanden wären. Vestenhof hat seine Kaltblütigkeit
nicht verloren; kein Wimperzucken, kein fahler Schein im Aug des
greisen Kriegers verriet Furcht.
Wir eröffnen gewöhnlich mit
~e2~ -- ~e4~;
der Gegner antwortet:
~e7~ -- ~e5~.
Bis hierher ist die Partie von uns theoretisch völlig durchgearbeitet.
Darauf folgt das Pensionistengambit der ältern Gebührenklasse. Der
siebente Zug ist ein Rösselsprung, zugleich Angriff auf die weiße
Dame. Nun sind zwei Fälle möglich: entweder Weiß bemerkt, daß seine
Dame eingestellt ist und rettet sie -- das ist dann die Feldmochinger
Variante; oder Weiß bemerkt den Angriff nicht, die Dame wird genommen:
Partie Seiner Exzellenz, des k. u. k. Feldzeugmeisters ~ad honores~
Stieglitz v. Donnerschwert.
Auf diesen Zug hat der verstorbene Gendarmeriewachtmeister Göttlicher
eine prachtvolle Erwiderung gefunden.
Herr v. Vestenhof verwirft Göttlichers Erwiderung und zieht den
weißen Läufer in rasantem Bogen von ~a2~ nach ~h8~. Dies ~h8~ ist
ein schwarzes Feld. Dadurch bekommt mein Gegner plötzlich zwei
schwarze Läufer und ist in triumphierender Übermacht. (Man findet das
interessante Endspiel veröffentlicht in der Schachecke der Allgemeinen
Fleischerzeitung, Nr. 52, mit der Unterschrift: Weiß zieht und setzt in
drei Minuten matt.)
Wie sichs für Meister schickt, spielen wir ~pièce touchée~ -- das
heißt: alle Figuren werden angerührt, ehe wir eine ziehen. Ist aber
der Zug geschehen und dem Gegner unangenehm, dann leuchtet unsre
Ritterlichkeit im schönsten Glanz auf: auf Verlangen auch nur einer
Partei, selbst eines Kibitzes wird der Zug zurückgenommen.
Ja, die Kibitze! Sie scharen sich in dichten Reihen um uns und
stören uns mit ihren Ratschlägen. Wir folgen ihnen aus Höflichkeit.
Allen können wirs doch nicht recht machen. Gustav Meyrink in seiner
unausstehlich höhnischen Art vergleicht unsern Kampf mit einem Duell,
bei dem man mit den Pulsadern pariert.
Ja, die Kibitze! Meist sind es Maler. Sie spitzen ihre Stifte, um unsre
Gesichter zu studieren -- und, bei Gott, sie kommen auf ihre Rechnung.
Das Schach ist eine harmlose Lustbarkeit, wenn der Spieler die fünf,
sechs, zehn, zwölf nächsten Züge des Gegners vorherweiß. Es ist, als
hätte der Reichskanzler gesagt: „Wir leben im tiefsten Frieden, der
stetige Gang der Politik ist auf Jahre hinaus gesichert.“ Da bleibt die
Börse flau.
Auf unserm Schachbrett aber? Ist ewige Pein. Wir tanzen auf einem
Vulkan, mit einem Fuß im Grab, und über uns an einem unsichtbaren Faden
hängt das Schwert des Damokles. Rechts, links, hüben, drüben ahnt der
Partner unermeßliche Gefahren. Der leiseste Zug kann den Tod bringen.
Mir oder dir?
Das ists, was unsre Partie so scheußlich spannend macht. Wir spielen
Hazard -- um die Ehre. Und die Kibitze studieren in unsern Gesichtern
die Ausdrücke von Angst und Grauen.
Seit dreizehn Jahren gibt sich der Herr Major den fürchterlichen
Erschütterungen des Glückspiels hin. Seine Hirnrinde ist ihm vor der
Zeit ergraut. Ich aber sitze mit vibrierenden Nerven da, wenn mein
Gegner wieder einmal die lauernde Frage tut: „Wer ist am Zug?“ Und er
antwortet sich regelmäßig selbst: ein kleines Rücken von zwei, drei
Figuren -- zunächst zu Versuchszwecken -- dann ein Basiliskenblick
-- knurrige Flüche, die mich um alle Fassung bringen -- endlich ein
riesiger Sprung des Rössels über drei oder vier Felder -- und mein
Schicksal ist besiegelt.
Und stände mein Gegner allein da mit dem entthronten König gegen meine
lückenlose Phalanx -- nie gibt er die Partie auf, nie die Hoffnung. Er
glaubt an ein Wunder; oft genug ist es gekommen.
Einen so zähen Kämpen zu besiegen, ist nicht leicht. Die meisten
Partien enden damit, daß der Herr Major sich weigert, aus dem Schach zu
ziehen. Meyrink nennt das: ewiges Schach. So hat der tapfere Vestenhof
schon manche verzweifelte Situation gerettet.
Der Münchener Zoo -- aufgelöst?
Was wird mit den Tieren geschehen?
Ich traf unlängst auf einer Reise nach Nymphenburg Meister Birkigt, den
Musiker; er erzählte mir von ‚allerhand dummen Gerüchten, die jetzt in
München umgingen:‘ unser Zoo solle aufgelöst werden. Kein Wort sei wahr.
Nun ist die Sache so, daß Meister Birkigt ein froher, kräftiger Mann
ist mit guter Verdauung, daher Optimist -- er nennt Gerüchte, die da
umlaufen, dumm und glaubt sie nicht. Ich aber als Dyspeptiker habe die
Erfahrung gemacht, daß Gerüchte vielleicht manchmal der Wirklichkeit
vorauseilen, aber schließlich dennoch irgendwie eintreffen. Es sei
nur an König Gustav von Schweden erinnert: er wurde 1908 in München
totgesagt; und zu Weihnachten 1909 starb -- zwar nicht er -- doch
Leopold der Zweite von Belgien. Garso inhaltlos pflegen also Gerüchte,
wie man sieht, nicht zu sein.
Schade, wirklich schade um unsern Zoologischen Garten. Ich habe ihn
fast täglich, mit Inbrunst besucht, und noch heut in der Ferne, am Rand
von Schwabing, denke ich gern an ihn. Ich bin auch Mitglied gewesen der
‚Gesellschaft zur Erhaltung des Tierparks,‘ zwei Mark jährlich -- und
ohne Aufhebens damit machen zu wollen -- (nachträglich wird mans wohl
sagen dürfen): jenes vielbewunderte Exemplar einer seltenen Dackelart
mit Spitzohren und einem schon von Natur ausgerissenen Schweif --
dieses Exemplar also habe ich gestiftet.
Was wahr ist, wird man wohl sagen dürfen: der Zoo war nicht ganz
richtig angelegt. Es ist ein alter Münchener Mißbrauch, daß in
alles die Künstler dreinreden dürfen. In diesem Fall hätte man die
Tierbändiger befragen sollen.
Ja, ich sage es unumwunden, auf die Gefahr hin, in München lautesten
Widerspruch zu erregen: in öffentlichen Angelegenheiten, auch solchen,
die nichts mit der Kunst zu schaffen haben, auf die Künstler zu hören,
ist abgeschmackt. Was kommt dabei heraus? Die Künstler sind ja nicht
einmal imstande, Fragen ihres eignen Fachs richtig zu beantworten. Wenn
wir einem scheußlichen Gemälde begegnen -- wer hats hingeschmiert? Der
Galeriebeamte etwa? Nein, ein Maler. Von wem rühren die mißlungenen
Denkmäler und Brunnen her? Von Gemeinderäten? Nein, von Bildhauern.
Und sämtliche Häuser, die im Lauf der letzten zehn Jahre einstürzten,
waren, eine Privatstatistik hat es erwiesen, von Architekten errichtet
worden. Also nur keine falsche Empfindlichkeit, ihr Herren Künstler! --
Sehen sich aber Maler und Bildhauer zusammen, um Standeskontroversen
auszutragen -- ah: dann fehlt der Tierbändiger sehr.
Doch zurück zum Zoo! Ist das (von den Künstlern gestellte) Problem
überhaupt lösbar: Tiere stets in ihrer natürlichen Umgebung zu zeigen?
Der Räucherlachs lebt im Ozean, die Ratte in der Großstadt, die Gemse
wieder auf den Gletschern, wo sie sich mit ihren Hörnern spärliches
Moos aus den Spalten kratzt. Das Gebäude möchte ich sehen, wo sich alle
Bedingungen für Ratte, Räucherlachs und Gemse vereinigen!
Da der Magistrat nun einmal die Unvorsichtigkeit begangen hatte, die
Künstler zu befassen, haben sie, naturwissenschaftlich gebildet, wie
sie nicht sind, bei einem Tierpark sofort an Tiger gedacht und sich für
die Dschungeln von Hellabrunn entschieden.
Hellabrunn ist sumpfig und kalt. Schon am Eröffnungstag des
Tiergartens, es war im März, sah ich, wie sich der Mantelpavian fester
einwickelte. Sogar der Seehund war verschnupft. Nach kaum zwei Wochen
kränkelte der Löwe in seinem feuchten Käfig, die chemische Untersuchung
stellte einen Überschuß von Harnsäure und etwas Zucker bei ihm fest.
Und was sagten die Herren Künstler? Sie wollten die Schuld an der Säure
und dem Zucker auf die Apfelsinenschalen schieben, an denen sich der
Löwe übernommen hätte. Gewiß, das Münchener Kindl pflegt dem Löwen
Apfelsinenschalen zuzuwerfen, und der Löwe fraß sie. Doch Apfelsinen
sind gesund -- der Löwe aber war krank -- und das ist zweierlei, meine
Herren! Jetzt, wo es Apfelsinen doch so spärlich gibt, zeigt sich klar:
der Löwe hat die Gicht. -- Das Wasser von Hellabrunn scheint den Tieren
ebensowenig zuträglich zu sein -- der Schimpanse kriegte einen Kropf.
Gut, beim Schimpansen machts nicht viel aus -- er verlor durchaus nicht
die Sympathien des Landpublikums, im Gegenteil, er gewann sie. Wie
aber, wenns den Flamingo betroffen hätte oder den wilden Schwan? An
ihnen wären Kröpfe direkt unästhetisch.
Die Kriegsnot hat unter den Insassen des Tierparks gewütet. Dabei
blieb der Nachwuchs sogut wie völlig aus. Als die Krokodilstute
trächtig ging, sah man der Entwicklung der Angelegenheit hoffnungsvoll
entgegen -- und was wurde schließlich geboren? Ein kümmerliches
Achtmonateidechschen mit Gehirnwassersucht und greisenhaften
Gesichtszügen. -- Dem Elefanten schlotterten die Pantalons zum
Erbarmen; selbst Hofschneider erklärten einmütig, da wäre mit Bügeln
und Wenden nichts mehr zu machen. -- Die türkisblaue Garnierung des
Mandrils ward so schäbig, daß er sich mit Recht scheute, unter Menschen
zu gehen. -- Das Zebra krepierte; man konnte es ja notdürftig ersetzen
-- durch einen Schimmel der bayerischen Post, indem man ihn artig
rastrierte. Doch die Giraffe ist durch eine Kuh, und sei sie noch so
langhalsig, nicht darstellbar; ich wenigstens ließ mich keine Sekunde
täuschen. -- Der Eisbär war in der Mottenversicherung, und der Verein
zahlte jahrelang pünktlich die Prämien -- jetzt lehnt die Anstalt die
Haftung ab; ich finde das wenig nobel.
Die Künstler wollten nicht Gitter zwischen sich und dem lieben
Vieh aufrichten, und man nahm für den Münchener Zoo das System von
Stellingen an, wo Hagenbeck die Tiere durch unsichtbare Gräben vor
der Zudringlichkeit der Besucher geschützt hat; dieselben Gräben
verhindern zugleich Rohheitsakte der Raubkatzen an den zahlenden
Gästen. Sind die Gräben aber wirklich noch vonnöten -- heute, wo die
Fleischkarte selbst den Panthern allen Übermut genommen hat? Nein. Wenn
der Zoo wirklich aufgelöst werden sollte: ich bin der Erste, der die
gefleckte Hyäne in seine Häuslichkeit aufnehmen und betreuen wird.
Ich kann sagen, ich freue mich auf die gefleckte Hyäne. Wir haben da
seit vielen Jahren die sogenannte Halbesche Kegelbahn, jeden Mittwoch
bis gegen vier Uhr früh. Sooft ich von da heimkehre, findet meine Braut
es unmoralisch. Vergeblich pflege ich darauf hinzuweisen, daß -- im
Sinne Kants wenigstens -- die Moral an keine Tageszeit gebunden ist;
es gehe nicht an, Handlungen, die um acht Uhr abend als einwandfrei
gelten, von drei Uhr morgens an aus sittlichen Gründen zu verdammen.
Ich finde für diese Beweisführung kein Verständnis bei meiner Braut.
Angenommen nun, ich kehre um die bezeichnete Stunde zurück und führe
dabei an einer Leine die gefleckte Hyäne: was wird meine Braut noch
viel sagen können?
Ferner wünsche ich mir einen Ibis und ein Känguruh. Beides sehr
intelligente, dressurfähige Tiere. Mit dem Känguruh ginge ich
einkaufen. In Australien macht man das allgemein: das Känguruh trägt
dann die eingekauften Gegenstände in der Bauchfalte nach Hause.
Den Ibis habe ich von jeher bewundert, wie er stundenlang beschaulich
zuerst auf dem rechten und dann wieder stundenlang auf dem linken Bein
stand. Ich würde ihn zum Butterstehen abrichten.
O, wären meine Mittel nicht so karg -- die meisten Tiere fänden bei mir
Aufnahme au pair. Leider ist ja nicht daran zu denken: das bescheidene
Kamel nimmt mit einer Handvoll Datteln vorlieb; gut; woher aber
Datteln nehmen? Selbst ein mittleres Nilpferd -- ich sage noch nicht
einmal eines von den größten -- es würde mich in meiner bürgerlich
dimensionierten Wohnung im wahrsten Sinn des Wortes an die Wand drücken.
So umfangreiche Tiere muß ich mir versagen. Doch es gibt kleinere,
nicht weniger sympathische.
Da ist das Lama: wie treffend hat es immer meine Ansichten über die
Vorübergehenden geäußert!
Oder der Schimpanse (wenn auch mit Kropf): er gleicht so täuschend
meinem Freund, dem kleinen Hemmetsberger. Einmal kam meines Freundes
Gattin nach Hellabrunn, blickte in den Baum und schrie plötzlich:
„Hemmetsberger! Du -- hier?“ -- Ein andermal war der Schimpanse dem
Affenhaus entlaufen, die Wächter verfolgten ihn. Hemmetsberger in
seinem Autopelz ging nichtsahnend hin und ward gepackt. „Erlauben Sie,“
sagte er empört, „ich bin nicht der Schimpanse.“ „Das könnte jeder
sagen,“ erwiderten höhnisch die Wärter. Zum Glück konnte Hemmetsberger
sich legitimieren.
Der Paradiesvogel. Ich war dabei, als er entstand: Hagenbeck hatte 1173
ℳ 50 für einen Paradieshahn verlangt, loko Stellingen und ohne Gewähr.
Unser junger Verein konnt es nicht erschwingen; man schmückte das
Gesäß der Truthenne mit einem bunten Makartbukett, und sie machte sich
prächtig.
So knüpfen sich für mich fast an jeden Insassen des Münchener Tierparks
niedliche oder wehmütige Erinnerungen.
Nur das Stachelschwein möchte ich nicht mein Eigen nennen. Mein
Gemüt ist so weich. Und sooft ich ein Stachelschwein sehe, steigt
die fürchterliche Vorstellung in mir auf: wie mag es einer werdenden
Stachelschweinmama zumute sein, wenn sie merkt, daß ihr Kind in
verkehrter Lage liegt? Schon die Möglichkeit einer solchen Komplikation
würde mir die Herzensruhe kosten.
Tante Emmys Plüschvorhang
Es gab eine Zeit, wo mich ganz Schwabing um Tante Emmy beneidete --
meine herrliche, gute Tante Emmy, die so schwer reich war und sich
so lebhaft an die Siegesfeier von 1871 zu erinnern wußte. Sie ist es
gewesen, die damals dem König den schönen Rosenstrauß überreicht hat.
Tante Emmy war -- für ihre Jahre -- hübsch; freundlich, heiter und
verschwiegen. Sie verschanzte sich nicht hinter grundlosen Wehklagen,
wenn man sie anpumpte, und war in Geldsachen von jener Vergeßlichkeit,
die einem den Verkehr mit Tanten erst genießbar macht. Sie roch nicht
aus dem Mund, sie schnupfte nicht, sie feierte nie ihren Geburtstag.
Kurz, eine brillante, koulante, eine scharmante Tante.
Aber -- aber -- sie hatte leider einen peinlichen Fehler: sie
war modern. Noch mehr: sie liebte gradezu die Kunst. Als eines
schönen Tages Hannes Konrad Herbesloh, der verkannte Dichter, ein
Symbolistisches Theater zur Aufführung seiner Werke zu erbauen
gedachte, war Tante Emmy modern und kunstbegeistert genug, ihr Vermögen
dazu zu stiften.