wenns wieder einmal dazukommt!
Mich, wie gesagt, geht das alles garnichts an. Und schließlich ist, was
ich sagte, auch nicht meine Meinung.
Eine politische Rede,
die ich noch nie zu halten wagte
„Sehr geehrte Versammlung! Viele haben heute zu Ihnen gesprochen und
auf den Gegenstand der Beratung ihr Licht geworfen. Sie, meine Freunde,
sind eben daran, nach stundenlangem, eifrigem Zuhören einen Beschluß
zu fassen. Ich fordere aber, daß Sie nicht abstimmen, ohne auch mich
gehört zu haben.
Meine Herren! Entscheiden Sie zunächst, ob diese Versammlung die
einzige ihrer Art ist -- oder ob zur selben Stunde oder vorgestern
oder übermorgen... ob überhaupt Volksversammlungen im Deutschen Reich
getagt haben, tagen oder tagen werden, die sich rühmen dürfen, der eben
anwesenden Menge gleichwertig an Geisteskräften zu sein. Ich glaube,
Sie werden nach einiger Überlegung zugeben, daß die gegenwärtige
Versammlung andern gewesenen, gleichzeitigen und zukünftigen
Versammlungen in keiner Hinsicht überlegen ist.
(‚Alles, was wahr ist -- da hat er recht.‘)
Wir sind also Leute von durchschnittlicher politischer Bildung. Gut,
diese Erkenntnis wollen wir festhalten! -- Nun sind zwei Fälle möglich:
Entweder unsre Einsicht reicht aus, in die Lenkung des Staates
einzugreifen -- oder sie reicht nicht aus.
Reicht sie nicht aus -- dann möge niemand versuchen, uns mit
öffentlichen Angelegenheiten zu befassen; uns ‚politisieren‘ hieße
ja nur: Dummköpfen einreden, sie wären Staatsmänner. In diesem Fall
bitte ich Sie vielmehr, jeglichen Beschluß zu unterlassen und still und
betrübt heimzugehen.
Dürfen wir im Saal hier uns aber eines mindestens mittlern
Verständnisses für die Lenkung des Staates bewußt sein -- dann, meine
Damen und Herren, laßt uns keine Zeit versäumen! Sie räumten mir ja
ein, es gäbe tausend Versammlungen im Reich gleich uns; dann ist
offenbar so viel politische Klugheit in Deutschland -- so kristallne
Weisheit in seiner Regierung, daß Ihr Beschluß völlig überflüssig
ist...“
So weit bin ich gekommen -- da wird mich vermutlich eine Stimme
unterbrechen:
„Roda, das ist ein Witz!“
Ich werde antworten:
„Herr, es ist das Ernsteste, was über die deutsche Gegenwart zu sagen
blieb.“
Die Schaubude auf dem Oktoberfest
„Herrreinspaziert, meine Herrschaften -- ’ziert, meine Herrschaften
-- ’ziert meine ’schaften -- ’schaften! Was die sämtlichen Weltteile,
was Amerika und der Ozean wirklich Gediegenes bieten -- hier wird
es gezeigt und sieht man es, hier entrollt es sich dem staunenden
Besucher. Hier amüsiert man sich, hier unterhält man sich, hier ist
das Vergnügen zu Haus, die Wonne, Seligkeit und Unterhaltung. --
Kuriositäten, Raritäten, Athleten, Magneten samt Geräten. -- Der
Löwenmensch, der herrliche Jüngling in scheußlicher Tiergestalt,
ein kolossales Weltmonstrum von wunderbarer Schönheit. Er liest
die Bibel, altes und neues Testament, er verspeist Kerzen, Nägel,
Lederwaren, Eisen -- frißt Thermometer, Quecksilber und Kohlen -- er
frißt die Bibel, altes und neues Testament; ein Mensch von wunderbarer
Monstrosität, innen und außen mit blonden Haaren bewachsen, ein
Liebling der Damen. -- Nur zwanzig Pfennig -- zwei Sechser, meine
Herrschaften! -- Die große Negerkarawane. Nicht ein Neger, nicht
zwei Neger oder drei Neger, sondern eine unzählige Karawane, nämlich
vier Neger. Wo der Äquator seinen Gürtel um die Erde spannt, da ist
diesen Negern deren Heimat. Schöne Neger, graziöse Neger, die schwarze
Schmach, Lieblinge der Damen. Menschenfleisch ist ihre Nahrung,
Muhammed ihr Gebet. Sie sprengen Fesseln, und sie fressen Feuer.
Mit wunderbarer Muskulatur sprengen sie Fesseln, mit herrlicher
Muskulatur fressen sie Feuer. -- Die scheußliche Brillenschlange
Provoca -- vom Kopf bis zum Schwanz zehn Fuß lang, vom Schwanz bis
zum Kopf abermals fünfzehn Fuß, im ganzen fünfunddreißig Fuß -- das
giftigste Insekt der Erde. Ohne Preisaufzahlung wird sie gähnen und dem
zitternden Besucher ihren Rachen zeigen -- ein Liebling der Kinder.
Das interessiert den Gelehrten, meine Herrschaften, interessiert den
Soldaten, das ist Wissenschaft. -- Die Riesendame, unsre schöne Zessa,
zu Zürich in der Schweiz geboren. Schon mit sieben Jahren verlor sie
ihren Vater und kam in Klostererziehung. Sie wiegt 837 Pfund. Die
schwerste, die zierlichste Dame der Erde, ein Liebling der Herren.
Soeben ist der Beginn der Galavorstellung, soeben wird ein Kavalier
auf ihren Busen steigen. Gegen eine Extravergütung von zehn Pfennig
können die Herren ihre Waden umspannen. Nur anständig, meine Herren,
nur anständig! Zehn Pfennig Extravergütung -- dieses ist ihr Douceur,
dieses ist ihre Gage. -- Die herrliche Miß Sivilla, die Dame ohne
Unterleib -- ein Gnadengeschenk des Himmels an die schönheitsdürstende
Menschheit. Keine Spiegelung, meine Herrschaften, und keine Täuschung
-- Sivilla, die Dame ohne Unterleib, doch die Schöpfung hat ihr den
Unterleib versagt -- ein herzergreifendes Unglück. Mit tränennassen
Augen wird sie Ihnen ihr Schicksal erzählen -- Sivilla: von Seeräubern
entführt, vom Sultan von Zanzibar gefangen, von General Lettow-Vorbeck
befreit und retourniert. -- Koko und Toto sind ihre Kinder -- die
zusammengewachsenen Zwillinge, ein launisches Spiel der Natur. --
Das achte Weltwunder, Miß Leonora, die tätowierteste Dame der Welt.
Diese Anmut, Künstlerschaft und Grazie! Sehen Sie die Hand, meine
Herrschaften, das Korsett und Füßchen! Alles über und über in dreizehn
Farben tätowiert. Ich verspreche Ihnen nicht zuviel -- sie trägt auf
dem Oberschenkel das wohlgelungene Porträt weiland des hochseligen
Königs Leopold von Belgien. In der Achselhöhle die Tugend, die neun
Musen, das Abendgebet. Auf den Hüften Seine Majestät, den Präsidenten
Ohm Krüger von Transval. Glaube, Liebe und Hoffnung. Der Beruf des
Seemanns. Ich könnte Ihnen die Eleganz bis zu den Schultern zeigen
-- ich könnte Ihnen die Eleganz bis zu den Knien zeigen -- ich zeige
Ihnen die ganze Eleganz. Hier amüsiert man sich, hier ist die Bildung
zu Hause, hierher führt man seine Kinder. Das ist kein Schwindel oder
Humbug, sondern Amüsement und Eleganz. Sie hören die Glocke, Musik
und die Klingel. Im Augenblick beginnt die große Festvorstellung:
der Löwenmensch, die vier Riesenneger, die schöne Zessa, die
Brillenschlange, Miß Leonora, die Dame ohne Unterleib mit ihren Söhnen
-- Sivilla -- zu herabgesetzten Preisen. Soeben sprengt man die ersten
Fesseln, soeben gähnt die Schlange -- wer seine Familie liebt, ergreift
die Gelegenheit. Nur für Erwachsene, ausschließlich für Männer. Heute
ausnahmsweise auch für Damen; Kinder zahlen die Hälfte.“
Die vierte Dimension
Seit einigen Monaten haben wir eine Hochkonjunktur der Geisterwelt.
Übernatürliche Kräfte, die jahrelang ausgeruht zu haben scheinen,
erwachen zu desto unheimlicherer Vitalität. Da zeigen sich Phänomene,
gar überraschend und einprägsam; und Gelehrte, die dergleichen unlängst
noch mit überlegenem Lächeln als Schwindel, Sinnestäuschung von sich
gewiesen hätten, formen besorgte Stirnfalten zu Fragezeichen: ob wir
da nicht Erscheinungen auf der Spur wären, die der beobachtenden
Wissenschaft annoch entschlüpften. Offenbar ist die Wissenschaft so
zerstreut gewesen, eine ungeheure Sphäre des Weltgetriebes völlig zu
übersehen.
Das Gesellschaftsspiel mit der Übersinnlichkeit ist außerordentlich
anregend. Es hebt das Niveau der bürgerlichen Unterhaltung und belebt
sie. Dem Minderbegabten tut es wohl, der dünkelhaften Systematik mit
den einfachsten Mitteln ein Schnippchen schlagen zu können: eine
Weidenrute, ein Draht in der Hand eines Schusters findet Erzgänge und
Wasseradern, wo alle Geologie versagte; ein Siderisches Pendel (der
an einem Faden befestigte Ehering von Frau Lehmann) stellt Tiziane
als echt fest -- die Kunstgeschichte ging kurzsichtig daran vorbei;
ein kleines Tischchen mit drei Beinen sagt Entwickelungen der Politik
voraus, von der Diplomaten, selbst Gewerkschaftssekretäre noch nichts
ahnen... Dann der Aufenthalt in verdunkelten Räumen, die wechselreiche
Berührung mit netten Nebenmenschen: das Monopol des Kinos ist
gebrochen; ein unverstandenes Wesen von etwas Fleisch und Bein kommt
auch bei der Nekromantie auf seine Rechnung. Endlich bietet es mir, dem
Mann aus dem Volk, nicht geringe Genugtuung, täglich, sooft ich irgend
will, einer Unterredung mit Exzellenz Goethen teilhaftig zu werden und
unsern verstorbenen Vetter Siegfried drüben (nein, diese Ehre -- wer
hätt es je gedacht?) in stetigem Umgang mit der hochseligen Kaiserin
Elisabeth zu wissen.
Von gedämpfter Musik und zärtlichen Fragen angelockt, naht der
Griesgram Schopenhauer und gibt Tante Laura einen guten Tip in
Frühkartoffeln; Schopenhauer war ja auch im Leben kaufmännisch sehr
behend. Maria Stuart rät zu Haussespekulationen: Deutschland werde sich
unbedingt erholen. Leider hat die zudringliche Neugier Karl Rößlers die
dienstbereite Maria vorzeitig verscheucht: Rößler fragte sie, ob sie
beim Bakk auf fünf nachzukaufen pflege.
Man kann all die Geheimnisse, die da aus den Ritzen der Wunderwelt
hervorlugen, nicht ernst genug betrachten. Wenn wir von den
Interessen der Metaphysik absehen: die praktisch verwendbaren
Abfallprodukte der Erkenntnis schon sind verblüffend. Oder bedeutet
es nichts, daß letzthin mit Hilfe der Telepathie Diamantenfelder in
Oberföhring festgestellt wurden? Lichtzeichen, die von tüchtigen
Medien ausgehen, sind jetzt die einzigen Phanale in der Finsternis
des Wirtschaftslebens. Gestern erst hat mir eine Psychographologin
(Honorar zehn Mark) Winke gegeben -- aus einem Brief, ich bitte, der
garnicht von mir geschrieben, nicht einmal an mich gerichtet war --
Winke, die mich in eine neue Laufbahn weisen; nur muß ich vorher meine
Schüchternheit und die asketische Lebensverneinung überwinden; was mir
umso leichter fällt, als sich auch meine Finanzlage binnen kurzem ins
grade Gegenteil verkehren wird. Ein berühmter Forscher hat nach einem
einzigen Blick in meine Achselhöhle nicht nur die günstige Prognose
des Psychographenweibes bestätigt -- er mahnt mich auch, gewisse
Begabungskeime nicht zu vernachlässigen. In der Musik, sagt er, würde
ich es zur Meisterschaft bringen; und ich Esel hatte die Musik bisher
so wenig gepflegt, daß ich die große Trommel von der Klarinette nur
nach Anfrage bei den Nächstbeteiligten unterscheiden kann. -- Derselbe
Forscher macht obgenannte Tante Laura auf ihr Talent für Barmherzigkeit
aufmerksam. Barmherzigkeit verrät sich dem Kenner äußerlich durch
die emporgerichteten Nasenlöcher, wie ich mir erklären ließ. Für das
Tierreich scheint die Regel nicht zuzutreffen -- wenigstens galt
Barmherzigkeit bisher nicht für den hervorstechendsten Charakterzug der
Möpse.
-- -- -- Ich habe tief in der Zukunft gepopelt und zahlreiche
Astralleiber interviewt. Wenn ich die okkulten Vorgänge der letzten
Wochen zusammenfassend überschaue, muß ich allerdings sagen: daß
mich die Engstirnigkeit der lieben Verstorbenen ein wenig enttäuscht.
Erstaunlich, um wie kleine Dinge die Abgeklärten sich bekümmern --
und selbst die Jenseitsintelligenz der Allergrößten scheint das
hinieden übliche Durchschnittsmaß nicht erheblich zu übersteigen.
„Die Lebenden,“ sagt Meyrink irgendwo, „wissen eben ihre Albernheit
geschickt zu verhüllen; nach dem Tod kommt sie kristallklar hervor.“
Darum übe ich gegen Geister zunächst eine -- vielleicht übertriebene --
Vorsicht und Zurückhaltung.
Ich habe beschlossen, meine Weltanschauung nicht gleich gänzlich
aufzugeben.
Ich möchte vielmehr angesichts der verwirrenden Fülle der Vorgänge eine
Weile noch im Stande rationalistischer Unschuld verharren.
Zeigt sich später, daß es ein Fortleben nach dem Tode gibt: nun, dann
habe ich ja immernoch Zeit, meine Ansichten zu revidieren und mich
durch Klopftöne bemerkbar zu machen.
Die Musen und die Parzen
Da es uns gelang, Margarine und Feigenkaffee durch schmackhafte
Chemikalien zu ersetzen, Kunstseide durch Brennesselfasern und die
alte Regierung durch eine neue Regierung -- nun erschrecken wir auch
nicht mehr, wenn die Feinde drohen, die Musen von der deutschen Kunst
abzusperren, die deutsche Kunst von den Musen.
Apollo ist längst zum Variété gegangen; seitdem taugten die neun
Frauenzimmer ohnehin nicht viel.
Wir werden Ersatz finden; ich schlage folgende neue Musen vor:
* * * * *
Terpzichorie, die Muse des Chantantcafés;
Eklio, die Muse der Malerei;
Metropolyhymnia, die Muse der Operette;
Pêle-Mêlepomene, die Muse der Revue;
Taillia, die Muse des Modeballetts;
Kallipygiope, die Muse des Orpheums;
Plagiato, die Muse des Humors;
Hurrania, die Muse der Kriegslyrik;
Hinterterpe, die Muse des Kinos.
* * * * *
Das sind die neun.
Die Parze Atropos, die mit der Schere, ist journalistisch beschäftigt
-- doch es will
Lozelachesis als Muse der Zeitgeschichte fungieren.
Tanz
Das war ein unvergeßlicher Abend gestern abend, dieser Abend in
den ‚Vier Jahreszeiten,‘ bei gehobenen Gefühlen und ebensolchen
Eintrittspreisen.
Als sich der Vorhang mitten spaltete, erblickte man einen zweiten
Vorhang, er war blau wie Rotwein.
Vorn stand ein Holzgerüstchen, zartvergoldet. Eine Harfe? Ein Schafott?
Es war ein Sessel, Gotisch-Fraktur.
Weiter hinten stand die Tänzerin, mit einem verkürzten Bein. Schon nach
der dritten Nummer zeigte sich, daß ihr Bein nicht wirklich verkürzt
ist, sondern es war nur eine künstlerische Verkürzung, nach einer
Radierung von Slevogt.
Wie hieß sie doch, die Tänzerin? Kita Rido. Nein, Rita Kido. Oder so
ähnlich.
Das Klavier seufzte auf, und die Tänzerin begann zu tänzen.
Sie tänzte Spondäen, hie und da Anapäst und Amphibrachys.
Sie tänzte schwermütige Allegretti und muntre Nänien.
Dann etwas Spanisches, wobei sie durch Knacken der Schlüsselbeine die
Castagnuolas zu markieren suchte. Man hörte es nicht sehr, denn Riki
Tado ist gut genährt.
Vom Ägyptischen Tanz kann man nur sagen: pyramidal; das wenn der
hochselige König Schöps, Erbauer der Schöpspyramide, hätt erleben
dürfen!
Was Unkundigen als Gelenkübung im Bademantel erschien, war die
Versunkene Kathedrale von Debussy.
Bei ‚Großmutters Polka‘ waren Tari Kidos Hösinnen sehr lang, jedoch
durchsichtig, mit kleinen Rüschchen oben und unten. Überdies staken
niedlich gelbe Flügel an den Hüften. Ich entsinne mich nicht,
Großmutter jemals in so praktischer Kleidung gesehen zu haben.
Den Totentanz von Saint Saëns machte sie +zu+ herzig -- am
liebsten wollt man ihr zurufen: Geh, Dickchen, schwoof nochmal den
Totentanz von Saint Saëns!
Dann war ‚Tanz ohne Musik.‘ Eine Glanzleistung. Tiki Rado sollt auf
dieser Linie kühn weiterschreiten; auch den Tanz noch weglassen. Wenn
man so gebaut ist, hat mans wirklich nicht nötig.
Endlich ein ‚Bacchanal.‘ Musik:
„Das ist mein Wien im Foxtrottfimmel,
Da fühlt sich selbst der Ochs im Himmel.“
Ich war im Himmel.
-- -- -- Trotzdem muß ich sagen, daß mich die Tanzabende seit einiger
Zeit eher ernüchtern.
Denn wie sehr das Erotische des modernen Tanzweibes unser gesundes
Empfinden stachelt: man hat das jetzt daheim, beim Sonntagstee in der
deutschen Familie viel lasterhafter. Und durch Gewöhnung stumpft sich
der Reiz doch etwas ab.
B. G. Nuschitsch nacherzählt
Das Vertrauen der Öffentlichkeit
Gestern kam eine Abordnung unsres Bezirks zu mir. Ich begrüßte die
Herren ungemein freundlich.
Die Herren sagten, sie kämen mit einer Bitte. Unwillkürlich hielt ich
mir die Taschen zu. Doch ein Blick in die Mienen meiner Besucher hieß
mich, meine taktlose Reflexbewegung einstellen. Nein -- diese harmlosen
Größen des Bezirks wollen mich nicht zu Wohltätlichkeiten zwingen.
Es entspann sich zwischen mir und der Abordnung ein anregendes Gespräch.
+Die Herren:+ Das Volk wünscht, Sie als seinen Vertreter ins
Parlament zu entsenden.
+Ich:+ Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Ich möchte
Ihre Aufmerksamkeit auf den Umstand lenken, daß auch ich mich gern als
Vertreter des Volks im Parlament sähe. Der merkwürdige Zusammenklang
meiner eignen Wünsche mit denen der Nation verdient gewiß Ihre
Beachtung.
+Die Herren:+ Das Volk braucht einen Vertreter, der die Rechte der
Nation verteidigt und sich für ihre Interessen einsetzt -- mit ganzer
Seele, mit ganzem Herzen.
+Ich:+ Daran solls nicht fehlen. Ich gelobe, mich aufzuopfern.
Man stellt mir da eine Aufgabe, die ebenso verantwortungsreich wie
einträglich ist -- und ich will mich gern der Mühe unterziehen, die
Aufgabe zu lösen. Ich werde nicht der erste sein, der den Beruf eines
Parlamentariers ergreift.
+Die Herren:+ Das Volk wird Sie durch sein Vertrauen belohnen...
+Ich:+ Verzeihen Sie, daß ich Sie wiederum unterbreche. Was die
Belohnung betrifft, möchte ich die Last von den Schultern meiner
geehrten Wähler soviel wie möglich abwälzen. Ich werde mich wegen
meiner Belohnung an die Regierung wenden.
+Die Herren:+ Wir denken hier nicht an die Taggelder...
+Ich:+ Auch in diesem Punkt klingen wir durchaus überein. Ich
denke hier ebensowenig wie Sie an die Taggelder. Taggelder sind eine
Sache für sich -- ich werde sie bekommen, ob ich die Sache des Volkes
vertrete oder nicht. Sie wissen ja: auch ein ganz unnützes Mitglied
des Parlaments -- die ganze Opposition zum Beispiel -- bekommt
Taggelder. Ich spreche vielmehr von gewissen Nebeneinkünften, die mir
die Regierung wird gewähren müssen -- im Hinblick auf die Wünsche und
Bedürfnisse meiner Wähler.
+Die Herren:+ Wir verstehen Sie nicht.
Ich: Ich würde sehr bedauern, wenn sich zwischen meine Wähler und mich
jetzt schon Mißverständnisse drängten. Später, wenn ich das Mandat
erst in Händen habe, werden sich Mißverständnisse ohnehin nicht mehr
vermeiden lassen. Ich wäre der erste Abgeordnete nicht, den seine
Wähler nicht verstehen -- Sie nicht die ersten Wähler, die den Kopf
über Ihren Vertreter schütteln. Vorläufig aber, heute noch, müssen wir
einig sein. Ich gebe Ihnen also hier feierlich mein Wort und bitte Sie,
was ich sage, allen Wählern zu bestellen: daß ich jedesmal, wenn ich
Liebesgaben von der Regierung annehme, meinen Bezirk im Auge behalten
werde. Sooft ich, sagen wir... -- ich führe nur einen beliebigen Fall
an, der mir grade in den Sinn kommt -- sooft ich also von der Regierung
das Recht erbitte, eine Spiritusbrennerei zu gründen, werde ich sie
gewiß in meinem Wahlbezirk gründen; wenn man mir Lieferungen für die
Reichswehr oder die Eisenbahn überträgt, werde ich aus meinem Bezirk
liefern. Denn warum sollt ich einen Bezirk ausbeuten, der mich nicht
einmal gewählt hat? Die Liebe -- die Liebe zur Heimatscholle soll mich
leiten für und für.
Die Herren trocknen sich die Augen.
+Ich:+ Wischen Sie die Tränen nicht ab, Zeichen Ihrer Rührung, die
mich so sehr für Sie einnimmt! Sagen Sie mir nur: weinen Sie in eignem
Namen oder im Namen der ganzen Wählerschaft?
+Die Herren:+ Wir haben uns im Lauf einer jahrelangen politischen
Tätigkeit angewöhnt, immer im Namen aller Wähler zu weinen.
+Ich:+ Dank Ihnen, meine Herren! Dieser sinnige Volksbrauch war
mir nicht bekannt -- ich stehe nicht an, ihn als einen der schönsten
zu bezeichnen, die mir je begegnet sind. -- Pflegen Sie gewöhnlich vor
oder nach der Wahl zu weinen?
+Die Herren:+ Gewöhnlich +nach+ der Wahl.
+Ich:+ Man muß an solchen Überlieferungen festhalten. Ich bin ein
warmer Verehrer alter Sitten. Sparen Sie also die Volkstränen für jene
Zeit auf, wo ich schon im Parlament sitzen werde.
+Die Herren:+ Wir bitten Sie nun, uns Ihr Programm zu entwerfen.
+Ich:+ Programm? Sie bringen mich ein wenig in Verlegenheit -- ich
habe, bei Gott, kein Programm vorbereitet. Wozu mich mit dergleichen
erst plagen?
+Die Herren:+ Das Volk ist das schon so gewohnt...
+Ich:+ Gut, ich will die Gewohnheit ehren und mit einem Programm
in der Wahlversammlung erscheinen.
+Die Herren:+ Mit welchem?
+Ich:+ Das kann Ihnen doch wirklich gleichgültig sein. In unserm
sechzig- oder siebzigjährigen parlamentarischen Kampf haben wir ja
nicht viel erreicht. Eins dennoch: die Programme der Abgeordneten
sind Wort für Wort festgelegt. Man kann sagen: alle Programme sind
prächtig -- ohne Unterschied der Partei. Welches Programm immer ich zu
dem meinen mache -- Sie können zufrieden sein: es wird Hunderte von
Verheißungen enthalten -- für Arm und Reich. Es gibt kein Versprechen,
und sei es noch so kühn, das ich dem Volk vorenthalten werde -- ohne
Rücksicht auf die Kosten der Erfüllung. Seien Sie überzeugt, daß mich
kein lebender Parlamentarier an Versprechungen übertreffen wird, soweit
unsre Zunge klingt -- das gelobe ich Ihnen mit Herz und Hand -- fürs
Vaterland.
-- In freudiger Erregung, bereichert um tausend große Hoffnungen,
nahmen die Herren Abschied. Und schließlich: was wäre das Leben, wenn
es keine Hoffnungen gäbe?
Einfälle
„Alle Menschen sind Brüder.“ -- Daher der ewige Zank unter ihnen.
*
„Seit er sein Auskommen hat, ist dieser Schlieben ganz genießbar.“
Ach -- die Menschen alle wären Charaktere, wenn sie genug zu essen
hätten.
*
Estnisches Sprichwort:
‚~Kött tais, mel hä.~‘ -- ‚Bauch voll, Gemüt gut.‘
*
Der Drang, sich künstlerisch zu betätigen -- und die Begabung: zwei
Eigenschaften, die zufällig mal zusammentreffen -- wie etwa ein Gärtner
einen Buckel haben kann.
*
Es gibt Juden, die über Juden schimpfen.
Es beflegelt Max Jungnickel das Philisterium.
*
Darf man die Weisheit der Schöpfung noch anzweifeln, wenn man erfährt,
daß ~Pyrethrum hybridum~, die Insektenpulverpflanze, grade in Dalmatien
und Persien wild gedeiht?
*
Es genügt die kleinste Nuance komischer Betonung, ein Gedicht
lächerlich zu machen.
Es genügt der kleinste Toilettefehler eines Schauspielers, eine
Tragödie zu schmeißen.
Ich werde jenen Darsteller für den größten halten, dem es gelingt, den
König Lear mit sichtbaren Unterhosenbändchen zu spielen und die Menge
weinen zu machen.
*
Der Absolutismus, von anständigen Menschen ausgeübt, von großen, vollen
Menschen, wäre durchaus erträglich. Vom Bolschewismus gilt dasselbe.
Auf die Staatsform kommt es weniger an als auf die Menschen, die sie
erfüllen.
*
Was aus den zwei Schwestern Kümmerl geworden ist?
Die eine hat der Herr zu sich genommen, die andre der Herr Schmitz.
*
Ein Wiener Autor wird nicht müde, auf die Arbeit hinzuweisen, die er an
seinem Stil leistet.
Es gibt auch Menschen, die sich ihres gewaschenen Halses rühmen.
*
Was ist der Mensch? -- Nach Aristoteles ein staatenbildendes Tier --
nach Darwin ein Tier -- nach Zola eine Bestie.
Dabei hat Zola meine Tante garnicht gekannt.
*
Auch wir werden bald die arabische Zeitrechnung einführen -- die Jahre
zählen ‚von der Steuerflucht des Propheten.‘
*
„Ein tüchtiges Volk -- vornan in der Gesittung -- in allen Künsten,
besonders der Musik -- mit einer tapfern Vergangenheit -- und
macht sich so unbeliebt bei sämtlichen Nachbarn durch sein ewiges
Säbelrasseln...“
„Ach, lassen Sie doch die alten Geschichten!“
„Alte Geschichten? Ich spreche von den Tschechen.“
*
Ich dachte mir:
„Dieser junge Mann singt im Kabarett allabendlich drei unanständige
Lieder -- und davon lebt er. In Australien hegt man Schafe und schert
sie, damit der junge Mann einen Frack bekomme. In Krefeld fabriziert
man Lackleder aus holsteinischen Kalbfellen -- damit dieser junge
Mann...“
„Herr Roda,“ unterbrach ich mich, „nicht weiter! Oder Sie sind ein
Rückschrittler.“
*
Lord Stratford de Redcliffe war 1842 bis 58 englischer Botschafter in
Konstantinopel. Er sagte:
„Die einzig denkbare vollkommene Lösung der orientalischen Frage
ist, den Wasserstand des Mittelländischen und Schwarzen Meeres so zu
erhöhen, daß die Fluten über den Rhodopebergen zusammenschlagen.“
*
Leidenschaft macht wissen, Wissenschaft macht leiden.
*
Jegliches Extrem hat den Verdacht gegen sich, falsch zu sein.
Die Großen wollten stets Extreme und beschieden sich auf mittlern
Linien.
*