Als wir noch die ‚schwarze Schmach‘ in Bayern hatten (ich persönlich

habe mich unter der Zentrumsherrschaft sehr wohl befunden) -- damals

klagte man viel über den Niedergang der Sittlichkeit. Ich fürchte, man

werde auch in aller Zukunft noch in Schlagwortschätzen wühlen -- darum

sage ichs vorweg:

Es geht nicht an, sich bei Abwägung der Sittlichkeit (diese im

engherzigsten Sinn verstanden) auf das Gedächtnis der Generation

zu verlassen. Ihr Urteil ist von Gefühlsmomenten gefälscht. Manch

ein älterer Herr wird behaupten: in den Sechzigerjahren, selbst zur

Zeit Ludwigs II. noch, wäre mehr als heut geliebt worden. -- Für die

Wissenschaft sind solch wehmütige Erinnerungen natürlich ebenso wertlos

wie das Gezeter jugendfeindlicher Neutra.

Wie aber die Wahrheit feststellen?

Mit amtlichen Daten? Der Polizeibericht erfaßt nur jene Damen -- und

triumphiert: wir in München hätten -- mit Ausnahme der betagten Dame

Ecke Maximilianplatz-Pfandhausstraße -- sozusagen überhaupt keine.

Da rümpfen die Herren Neutra besorgt die Achseln (warum besorgt? um den

Fremdenverkehr??) und erwidern:

„Tja, der Polizeibericht ist eben unverläßlich; er beweist eher, daß

die Polizei zu lax ist.“

Ein andres amtliches Material über das Wachsen oder Sinken der

Sittlichkeit aber gibt es nicht. Das Leben scheint sich zum Verkehr mit

den Behörden wieder einmal nicht zu eignen. -- Die Grenzen zwischen

Tugend und Laster fließen, sogar zwischen Ehe und Nichtehe. -- Die

Sozialwissenschaft versagt vollends: sie bedauert seit Jahren, die

Liebe und ihre Ausartungen nicht statistisch erfassen zu können. -- Ein

überaus heikles Thema, ein oedipëisches Problem. Man ist, kurz und gut,

hilflos.

Da kann ich ihnen den Vorwurf nicht ersparen -- der Regierung, der

Presse, den Anwälten allen des öffentlichen Lebens: daß sie nicht mich

zuerst befragt haben, den einzigen vielleicht, von dem gewissenhafte

Auskunft zu holen war.

Ich bin vermöge meines Alters an der Unsittlichkeit rundum persönlich

unbeteiligt; ich bin aus Gründen, deren Darlegung man mir gütigst

ersparen möge, an der größern oder geringern Willfährigkeit des

Münchener Weibes nicht mehr unmittelbar interessiert. Trotzdem habe ich

das Studium der Unmoral zu meiner Lebensaufgabe gemacht.

Doch ich habe meine Forschungen weise auf eine einzige unter den

vielfältigen Formen der Unsittlichkeit beschränkt: auf den Ehebruch;

ihn betrachtet mein akademischer Eifer seit langen Jahren.

Die Zunft der Sozialkritiker blickt scheel auf meine Arbeit --

selbstverständlich. ~Je m’en fiche.~ Ist der Ehebruch nicht eine

gesellschaftliche Einrichtung? Die man wissenschaftlich betrachten kann

wie... -- na, sagen wir: die Ehe selbst? Die man doch wohl als Objekt

nützlicher und notwendiger Forschungen wird gelten lassen müssen? --

In Polynesien ist der Hausfreund eine behördlich anerkannte Person des

Familienrechtes und wird in den dortigen Matrikeln geführt; ein Beweis,

wie verbreitet die Institution ist...

Ich habe ohne staatliche Hilfe, ohne Anerkennung der Zunft

fertiggebracht, woran sie alle verzweifelten, die Fachleute: eine

Statistik des Ehebruchs; aus ihr werden Rückschlüsse auf die übrigen,

ähnlichen Verirrungen zu ziehen sein.

Ich greife, indem ich die folgende Tabelle veröffentliche, zwei

Quartbänden vor, die ich demnächst bei Perthes in Gotha herausgebe.

Meine Methode zwang mich, dem weitesten Kreis zunächst die Fragen

vorzulegen:

„Wie oft haben Sie sich leider des Ehebruchs schuldig gemacht?

In wieviel Fällen hatten Sie das Pech, gefaßt zu werden?“

Dank dem Vertrauen meiner Freunde konnte ich ermitteln, daß von 123

Übertretungen erst 1,0 fatal endet (0,81 %).

Ein überraschendes Blitzlicht auf die Leichtgläubigkeit und Milde

der Betroffenen wirft dann die unwahrscheinliche und doch (von mir)

durchaus erwiesene Tatsache: daß erst jeder siebente Flagrantifall zur

Ehescheidung führt.

Das Ei des Columbus. Ich mußte nurmehr die Zahl der Scheidungen auf

Grund von Untreue (816 auf 1000) multiplizieren mit 123 mal 7, um zu

folgendem Ergebnis zu gelangen:

Es entfallen auf den Kopf der Bevölkerung

Ehebrüche in München Wien Berlin

1917 0,047 0,048 0,048

1918 0,046 0,039 0,046

1919 0,047 0,049 0,047

Wiewohl sich meine Beobachtung nur auf einen kurzen Zeitraum erstreckt,

wiewohl die letzten Jahre von mir noch nicht methodisch durchgearbeitet

sind, lassen sich schon jetzt einige wichtige Lehrsätze gewinnen:

Die Unsittlichkeit bleibt in allen drei deutschen Großstädten auf der

einmal behaupteten Höhe, ohne die Tendenz, zu fallen oder zu steigen.

Die Not des letzten Kriegsjahrs 1918 hat überall kalmierend auf

die menschlichen Leidenschaften gewirkt -- am meisten in Wien --

worauf sich (und das ist höchst merkwürdig) grade im Tiefstand des

Wirtschaftslebens, 1919, die Zahl der Verfehlungen wieder hob. Wollten

sich die Leute trösten?

Die Frequenz ist überall ungefähr die gleiche -- Wien hat einen kleinen

Vorsprung, nicht der Rede wert.

Gewiß aber ist, daß München immernoch sehr gut abschneidet -- mag man

die Sache nun vom Standpunkt des Fremdenverkehrs betrachten oder vom

andern der Sexualethik.

Meine Herren! Angesichts meiner Tabelle werden Sie nicht mehr zu

jammern wagen, wir in München hätten uns vor andern Städten, Berlin

besonders, auch nur im mindesten zu schämen.

Ein Schock neue Zeitschriften

Eine Zeitlang war das Papier knapp in Deutschland. Jetzt scheint die

Blase irgendeiner Zentrale geplatzt zu sein; man erblickt an allen

Litfaßsäulen die Plakate neuer Zeitschriften, und die Post bringt einem

täglich die Versicherung: die und jene Revue werde vom nächsten Ersten

an erscheinen -- zur empfindlichen Verstopfung einer Lücke.

Meist sind es politische Monats- und Wochenschriften: das vorige

Geschlecht hat erwiesen, daß Talente Hungers sterben; da versucht das

neue Geschlecht, von seiner Gesinnung zu leben.

In München haben wir jetzt zehn neue Zeitschriften. Eine heißt ‚Der

Blitz‘ -- wohl nach ihrem flüchtigen Erscheinen; die andre ‚Janus‘

-- weil der Abonnentenkreis zwei Gesichter hat; sie gehört zu den

erfolgreichern; die dritte ‚Helios‘ -- erscheint am Morgen und wird

am Abend untergehen; die vierte ‚Agora‘ -- nach dem bekannten größten

Gemeinplatz Athens; ‚Das Rätsel‘ geht seiner Auflösung entgegen; ‚Das

wilde Roß‘ -- wer denkt daran, es zu halten? -- ‚Die Zirbeldrüse‘ --

ein winziges Organ, von dem niemand recht weiß, wozu es eigentlich da

ist; ‚Der Vollmond‘ -- weil das Format von Woche zu Woche abnimmt; ‚Der

Vulkan‘ ist zum Speien; endlich ‚Der Komet‘ -- -- doch nein, er hat den

Schweif schon eingezogen und zeigt sich nicht mehr.

Es ist nicht nötig, all die Sachen zu bestellen -- Ew. Hochwohlgeboren

müssen nur im Verzeichnis der Fernsprechteilnehmer stehen, um

wöchentlich mit den Leidenschaften von zehn Herausgebern überspritzt,

mit der Keilschrift von zehn Illustratoren gezüchtigt zu werden. Da

nämlich jede der Zeitschriften eine ‚garantierte Auflage von 10000

Exemplaren‘ hat, München aber nur die gleiche Anzahl von lesenden

Einwohnern, so ist klar, daß jede Zeitschrift denselben 10000

Leuten regelmäßig zugehen muß -- und ihre Adressen eben stehen im

Telephonverzeichnis.

Neben den politischen gibt es immernoch auch kulturelle Zeitschriften.

Den ‚Erdgeist‘ habe ich eigenhändig abonniert, was in den beteiligten

Kreisen einiges Aufsehen erregte und große Hoffnungen wachrief

für die Zukunft des neuen Unternehmens. In Nummer 1 schon fesselt

mich ein Essay ‚Hochzeitsgebräuche im östlichen Grönland,‘ der zum

Ergreifendsten gehört, was aus deutscher Feder je geflossen ist. Leider

bricht der Artikel grade an spannendster Stelle ab, um erst im nächsten

Heft weiterzulaufen. Ich werde einen vollen Monat warten müssen, um

endlich zu erfahren: wie sich die Eskimobraut ‚hingegen in Upernivik‘

benimmt, ‚falls ihr geschiedener Gemahl kein Weiberboot besitzt.‘ Einen

Monat wird mich peinigende Wißbegier verfolgen: schüttet die Braut

das Tranbecken aus -- oder trinkt sie es leer? In Upernivik? Die von

Ritenbenk hat es (unter interessanten Beschwörungen) ausgeschüttet. --

Die Herausgeber sollten einige Rücksicht nehmen auf die Nerven ihres

Lesers.

Ich habe den Revuekommandeuren Münchens einen gewiß beherzigenswerten

Vorschlag unterbreitet:

„Wozu,“ sagte ich, „all das Zeug erst drucken lassen? Wozu die hohen

Auslagen für Satz und Papier? Laßt doch die Manuskripte selbst

bei den Abonnenten zirkulieren! Damit ließe sich dann eine nette

Manuskriptausstellung verbinden -- bei Schönwetter im Freien und an

Regentagen unter Dach.“

Leider will man nicht auf mich hören -- die Menschen sind so

starrköpfig, die Idee noch zu neu.

Glückliches Deutschland! Nicht genug, daß jeder Bauer sein Huhn

im Topf hat -- nein: es entbehrt auch kein Jüngling seines eignen

Vogels -- und, um ihn auszudrücken, hat er seine Privatzeitschrift;

wo er sagen darf, ungehemmt von banausischen Redakteuren, wie es dem

Reichspräsidenten ums Herz zu sein hat und wie sich diese herrliche

Welt verbessern und wieder verbessern ließe -- durch einen gewaltigen

Ruck nach links oder nach dem jetzt noch beliebtern Rechts.

Sooft mir eine neue Wochenschrift begegnet, muß ich meines Freundes

Keller gedenken. Er, er ist der klügste Herausgeber gewesen, der

tüchtigste und glücklichste. Er gründete das ‚Österreichische

Marineblatt,‘ erster Jahrgang 1897.

Drei Jahre später begegnete ich ihm wieder. Ich äußerte Beileid; ich

hätte in all der Zeit die Marinehefte mit keinem Auge gesehen -- das

Unternehmen müsse wohl gestrandet sein?

„Im Gegenteil,“ rief Keller, „ich blühe und gedeihe. Sofort auf meinen

Prospekt hin haben sämtliche Erzherzoge das Marineblatt abonniert, der

Erzbischof von Wien, die Hofbibliothek fünf Exemplare, die Statthalter

der Provinzen, die Ministerien. Alle, alle zahlen pünktlich 36 Kronen

im Jahr. Und niemand hat noch bemerkt, daß das Marineblatt überhaupt

nicht erscheint. -- Gestrandet?? Ich rechne auf ein sorgenloses Alter.“

Kleine Nachrichten

=Abermals Mißhelligkeiten= in der Münchener Künstlerschaft! Der

Maler Oppenheimer-Mopp hatte bisher als Gründer und einziges Mitglied

der Prager Gemeinschaft angehört. Infolge von Zerwürfnissen mit sich

selbst ist er aus der Prager Gemeinschaft ausgetreten und schließt sich

der neuen Künstlergruppe ‚Hakenkreuz‚ an, wiederum als einziger.

=Theo von Brockhusen= hat sein Verfahren der Van-Gogh-Plagiierung

zum Musterschutz angemeldet. Brockhusen droht nun gegen jeden auf das

Strengste einzuschreiten, der ihm künftig das Vorrecht auf Van Gogh

streitig macht.

=Unangenehmes Erstaunen= erregte das jüngste Auftreten des

Fräuleins Tiedemann im Schauspielhaus. Seit Monaten ein geschätztes

Mitglied des Ensembles, hatte sie zu Klagen keine Ursache geboten.

Umso peinlicher mußte es die beteiligte Direktion berühren, als sich

Fräulein Tiedemann ohne den geringsten äußern Anlaß plötzlich als

Talent entpuppte. Es sind bereits Unterhandlungen im Gang, um die

widerspenstige Künstlerin für eine Berliner Bühne freizugeben.

=In der Wittelsbacher Kellerei= hat sich eine

österreichisch-ungarische Partei gebildet, bestehend aus dem Hofrat

a. D. Franz Pohlavka Edlem von Siegesdurst, dem Rentmeister Huber und

Baron Simmen. Die drei Herren pflegen jeden Mittwoch von ½9 bis 10

Uhr die k. und k. Monarchie zu beweinen. Da Herr Hofrat Pohlavka oft

verhindert ist, wird ein vierter Teilnehmer gesucht.

=Der Verein der Münchener Theaterprojektanten= hielt im Saal

des Kindlkellers, einem der größten Europas, seine ordentliche

Generalversammlung. Den Vorsitz hatte, wie immer, Dr. Karlsruher. Nach

einer kurzen Begrüßung der Anwesenden, worin er der Versammlung die

Bestrebungen des Vereins warm ans Herz legte, erteilte der Vorsitzende

das Wort dem Vereinsschatzmeister. Das vergangene Kalenderjahr war

eines der glänzendsten seit der Gründung des Vereins (1603). Nicht

weniger als 129 neue Theaterprojekte waren seit dem Winter aufgetaucht,

und jedes hatte durchschnittlich 5,3 Interessenten gefunden. 129

mal 5,3 beträgt denn auch die Zahl der neuaufgenommenen Mitglieder.

(Beifall.) Das Vereinsvermögen ist auf 7 ℳ 60 ₰ angeschwollen, wovon

die Hälfte zur Stillung der dringendsten Not an ältere, verdienstvolle

Theaterprojektanten verteilt werden soll, während der Rest auf neue

Rechnung gutgeschrieben wird. An Stelle des ausscheidenden Vorsitzenden

tritt der durch Zuruf gewählte neue Präsident August Weigert.

=Zwischen der Luftschiffgesellschaft m. b. H.= in Friedrichshafen

und Direktor Reinhardt-Salzburg ist endlich das geplante Übereinkommen

zustande gekommen. Darnach erbaut die Luftschiffgesellschaft fünfzig

Hallen in den größten Städten Deutschlands und versieht sie mit

Zeppelinkreuzern. Sobald einer davon scheitert, bezieht unverzüglich

Reinhardt die Halle und führt mit seinen Leuten den ‚Danton‚

auf. Scheitert wieder das Gastspiel, tritt ein neuer Zeppelin an

seine Stelle. Man hofft, durch diese Kombination der beiden so

groß angelegten und so waghalsigen Unternehmungen die gemeinsamen

Riesenhallen aufs Intensivste ausnutzen zu können und dem Publikum ein

stets wechselndes Repertoire zu bieten.

=Eine ärgerliche Überraschung= hat der zweite Vorsitzende des

Männervereins zur Bekämpfung der Unsittlichkeit erlebt, als er am

letzten Mittwoch die Redoute im Matthäserbräu besuchte. Er wurde vom

ersten Vorsitzenden erkannt.

=‚Glaube und Heimat,‘= dies kernige Stück Schönherrs, hat

die deutsche Bühne wiederum der Alpendichtung erobert. Allein die

Darstellung konnte der wuchtigen Tragödie niemals gerecht werden. Dem

deutschen Schauspieler fehlt leider nun einmal das charakteristische

Organ des vollkommenen Tirolers: der Kropf -- ein Mangel, der alle

Freunde echter Volkskunst mit Schmerz erfüllen mußte. Doch die Technik

der Neuzeit ist nicht untätig geblieben. Schon sind zwei bewährte

Konstrukteure, Gustav Meyrink und Roda Roda, der Natur zu Hilfe

gekommen durch Erfindung eines künstlichen, umschnallbaren Lederkropfes

für Theaterzwecke, ~DRP.~ Nr. 31069. Der ehrgeizige Bühnenleiter

wird hinfort in der Lage sein, die Gestalten unsres Schönherr

naturgetreu auszustatten. Die Erfinder liefern den patentierten Schmuck

des Älplers, um auch den verwöhntesten Ansprüchen zu genügen, in

mannigfacher Gestalt -- vom rosigen, kaum merkbaren Blähhälschen an

(Marke ‚Ischler Deandl‘ -- für Alpenbälle) bis zum sonnverbrannten,

sackartigen, doppelseitigen, voll ausgewachsenen Albatroskropf (Marke

‚Souvenir de Hallstadt‚). Ein Kropfabonnement, das die Fabrikanten

zur Lieferung stets wachsender Nummern verpflichtet, erlaubt auch

dem Minderbemittelten -- wofern er nur für Volkstum und Almenleben

schwärmt -- die Anschaffung der unentbehrlichen Zierde. Das Tragen

des künstlichen Kropfes stört den Denkprozeß nicht im mindesten. Der

Meyrink-Rodasche Kropf hat sich denn auch besonders in der benachbarten

Donaurepublik rasch eingebürgert und besonders in der grünen

Steiermark, im treuen Tiroler Landel zahlreiche Verehrer gefunden. Den

Vertrieb für Österreich besorgt Herr Siegfried Geyer in Wien, I.

Lostag der Nation

Das war ein paar Jahre vor dem Krieg -- ich ging eines Nachmittags nach

dem Café Stefanie. Wir pflegten da Schach zu spielen: ein paar Maler,

ein paar Dichter.

Nach der dritten Partie sagte ich so obenhin:

„Was war denn das heut für ’n Menschenauflauf...? Da in Schwabing?“

Weisgerber eine halbe Stunde später:

„Wo?“

Ich: „Vor der Schule... An die dreißig Menschen.“

Einer plötzlich erleuchtet:

„Eben fällt mir ein -- ich glaube, heut ist Reichstagswahl.“

Nach der siebenten Partie entspinnt sich eine Debatte: wer denn wohl

Abgeordneter von Schwabing wäre?

Niemand weiß es.

Wir rufen den Kaffeewirt zu Hilfe. Er sagt: Abgeordneter von Schwabing

sei, wenn er nicht irre, der Schulrat Kerschensteiner.

-- -- -- -- --

Kinder, das war Schwabinger Politik.

Kinder, das waren Zeiten!

Politik

Diese folgende Betrachtung ist, wie man gleich sehen wird, eine

durchaus unpolitische Betrachtung -- sozusagen eine Münchener

Lokalangelegenheit -- noch weniger: eine Privatsache -- alles in allem

nämlich nichts als eine Diskussion zwischen dem Künstler und einem

Berg von Fragen, an dem die Künstler gewöhnlich ratlos stehen. --

Ich schreibe die Betrachtung nieder in der Gewißheit, wieder einmal

ernstlich das Beste gewollt zu haben und nur Gelächter zu ernten --

törichtes, mißverstehendes Gelächter.

1.

In meinem Atlas finde ich eine Karte: ‚Schwefelproduktion der Erde.‘

Die Orte, wo Schwefel gedeiht, sind da durch gelbe und gelbere Klunker

ausgezeichnet. Es leuchten Sizilien hervor, Hawai und Berlin.

Eine andre Karte: ‚Verbreitung der Raubtiere.‘ Ceylon erscheint

dunkelblau, fast schwarz; das übrige Indien ultramarin; Stellingen

ist ein kaum sichtbares Pünktchen. -- Oberbayern nicht einmal

berücksichtigt -- wiewohl es das einzige Land der Erde ist, wo Löwen

noch wirklich wild gedeihen. -- Ja, die Herren Gelehrten!

Drittes Blatt: ‚Graphische Statistik der Liebe.‘ Hauptorte: Odessa[B],

Schanghai, Buenos Aires; Sterne zweiter Größe: Hamburg, Budapest;

endlich an dreiundzwanzigster Stelle: Paderborn, Hammerfest, Quebeck,

München.

Wo bleibt eine graphische Statistik der Künstler? Wenns eine gäbe,

müßten Paris und München darauf obenan stehen. In und um München wohnen

die meisten, die besten deutschen Dichter, Bildner, Musiker. Ich

erwähne nur Richard Strauß (in Partenkirchen), Slezak (am Tegernsee) --

in München selbst: Samberger und Paul Klee (von denen der letzte, als

Meister der Geige, ebensogut bei den Musikern erwähnt werden konnte).

-- Die Münchener Dichter zu nennen, fange ich nicht nocheinmal an. Es

gibt ihrer 133 mit Ewigkeitswert und 79 ephemere; Roda Roda zum Exempel

wird bald dahin, bald dorthin gerechnet -- meistens dahin.

Genug: was die Kunst angeht, geht München an.

Fußnote:

[B] In Odessa: auf den Kopf der Bevölkerung je 0,5 Spezialarzt.

2.

Ich verspinne mich manchmal in folgende irrationale hypothetische

Periode:

Angenommen, die Künstler wären bei Besinnung; wie hätten sie zur

Politik zu stehen?

Garnicht? Die Politik ist doch das größte Zeitproblem. Politik ist

die Kunst, die Energie von Gruppen in Geltung umzusetzen. Die Gruppen

können Völker, ja Völkervereine sein (z. B. die Entente, bestehend aus

Frankreich; oder die Mittelmächte, bestehend aus der Deutschnationalen

Volkspartei. -- Ein Beispiel kleinerer Politik: unser Kerschensteiner,

Oberstudienrat, der jahrelang den Stadtbezirk München ~I~ im

Reichstag vertrat.)

Sollen sich die Künstler von der Politik ausschließen? Können sie’s?

Unsinn. Freuen sie sich denn nicht und leiden sie nicht mit ihrem Volk?

Es gibt nationale und anationale Künste, gewiß: Musik, Malerei, Tanz

auf der einen, die Dichtkunst auf der andern Seite. Trotzdem ist das

Glück jeder, jawohl, jeder Kunst an das Gedeihen der Nation gebunden:

Wagner sagt den Deutschen mehr als den Franzosen; Verdi am meisten den

Italienern.

Homer, Shakespeare und Johannes V. Jensen sind Gegenbeispiele. Sie

gehören der ganzen Welt, gewiß. Wird aber Georg Queri den Madagassen je

etwas bedeuten? So geschickt er die oberbayerischen Dialekte handhabt?

Es läßt sich eine Regel formulieren, die allerhand Ausnahmen erlaubt:

‚Der Künstler lebt und stirbt mit seiner Nation.‘

3.

Wer sich nie mit Astronomie befaßt hat; wer nicht die eignen Schicksale

immerfort, Sekunde um Sekunde, an der Ausdehnung der Milchstraße mißt,

ist bewußtlos.

Wer sich um Politik nicht kümmert, ist ein Esel -- selbst wenn er

Esotheriker wäre.

4.

In Fragen der europäischen, der Weltpolitik muß der Künstler mit seiner

Nation gehen. Er kann, wenn er das Volk auf falschen Wegen sieht,

warnen, protestieren. Im allgemeinen hat er mitzuhalten.

Da die deutsche Nation ihre äußern Geschäfte heut noch nicht selber

führt; vielmehr nur Ein Recht hat: zu jammern, wenns wieder einmal

schief gegangen ist: so wird sich der Künstler, was die äußere Politik

betrifft, auf inbrünstigen Mitjammer zu beschränken haben. Hardens

Zukunft erscheint wöchentlich; Preis 2 ~M~ 50; im Abonnement

billiger.

5.

Neues Kapitel: Innere, kleine Politik.

Hier fragt sich, ob der Künstler sich mehr als Mensch, Glied des

Ganzen, als Staatsbürger fühlt -- oder die egoistische Politik seines

Standes, des Künstlerstandes machen will.

Es ist Geschmacksache. Ich bin Ausländer und in deutschen Dingen

mitzureden nicht befugt; und auch ferner, wiewohl ich nicht das

mindeste davon verstehe, willens, am Grundsatz der Nichteinmischung

eisern festzuhalten.

Doch die wahlberechtigten, steuerzahlenden, die altsässigen Künstler?

Sie müßten, meine ich, Standespolitik treiben, ob auch mancher und

manche sagt: Ich fühle mich als Mensch. (Ich nenne keine Namen; sie

sind ohnehin allgemein bekannt.)

Welche Politik nun hat der Künstler zu machen (machen zu helfen), wenn

er zuerst seine eignen Interessen (nicht zuerst die der Volksgenossen)

fördern will?

Kunst ist Luxus. Die Künstler sind Drohnen der Gesellschaft. Wie

überflüssig wir alle sind, von Thomas und Heinrich Mann an bis zu Frau

Fourths-Mahler -- es ließe sich sofort erweisen, wenn uns plötzlich

beifiele, ein Jahr lang zu streiken; alle Welt würde befreit aufatmen

-- vor allem die Verleger und Theater. Doch den Gefallen tun wir ihnen

nicht. Ich nicht.

Kunst ist Luxus. In Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs wird sie zuerst

getroffen -- was wir seit etlichen Jahren auf das empfindlichste spüren.

Die Kunst findet Förderung nur in einem reichen Staat. Je größer rings

der Wohlstand, desto leichter hat es die Zufälligkeitserscheinung

des Genies, sich durchzusetzen. Und die Erhöhung des Lebensstandards

gelingt am ehesten im reglementierten Staat, wo wenig veruntreut,

viel gespart und weitblickend regiert wird. Heimat der Kunst wird

nicht etwa ein Zukunftsland sein, dessen einzelne Bürger ziemlich

gleichmäßig und daher mittelmäßig mit Gütern gesegnet sind; nein, jenes

andre Gemeinwesen mit unausgeglichenen Vermögensdissonanzen, wo über

der großen, schuftenden Masse eine dicke Bourgeoisie steht und der

exzessive Reichtum einzelner Prominenter. Demnach: nicht die Partei

des Kleingewerbes hat der Künstler zu nehmen oder gar die des vierten,

fünften, sechsten Standes; nein, die des Kapitalismus -- bei uns:

freisinnige, manchmal sogar mild konservative Politik.

~Inter arma silent Musae.~ (Übersetzung für malende, der

lateinischen Sprache also unkundige Leute: ‚Zwischen Waffen schweigen

Musen.‘) Kunst gedeiht im Frieden, in ruhigem, behäbigem Wohlstand. --

Krieg, Kriegsgefahr, Wirren und Wahlen -- Erhitzungen der Volksseele

-- machen das Thermometer des Kassenrapportes sinken. Die Kunst läßt

erhitzte Bürger kalt.

Ein milder Absolutismus, eine mit demokratischem Fett geölte,

geräuschlose Staatsmaschine dient der Kunst am besten. Der Protz

als Mäzen, Bürger und Edelmann als Genießer, der Arbeiter als halb

zufriedener Räsoneur -- diesen Zustand müssen wir erstreben.

Republik oder Monarchie? Ist völlig gleichgültig. Es gibt sone und

solche Monarchien: England und Afghanistan; sone und solche Republiken:

die Schweiz und Haiti.

Ein Künstler, der zur Revolution aufruft, ist blitzdumm; ist vielleicht

ein Fanatiker mit herrlichen Instinkten; Politiker ist er nicht.

Eine Hand wäscht die andre: der weise Autokrat (als welcher Louis

Quatorze oder Clemenceau heißen kann, Hohenzollern oder Schulze) --

der weise Autokrat wird die Kunst nach Möglichkeit fördern, wird gern

sehen, daß seine Untertanen Geld verdienen, Bilder kaufen, für Rilke

und Arthur Schnitzler schwärmen, Bibliophilitiker werden und sich Ex

libris zeichnen lassen von Willi Geiger, Hubert Wilm und George Grosz.

-- Robespierre, Marat und Bakunin hingegen hatten keine Ex libris.

Die Kunst umspannt freilich alle Erscheinungen des Lebens -- es gibt

auch eine kriegerische, eine Barrikadenkunst. Es gibt auch Meteoreisen.

Die Industrie ist dennoch auf Hochöfen angewiesen; die Kunst auf den

Frieden.

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 2 / 15 段