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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Ungewöhnliche,
altertümliche und mundartlich gefärbte Ausdrücke bleiben gegenüber
dem Original unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht
vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch
nicht berührt wird.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
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Σχϝαβυλων
oder
Der sturmfreie Junggeselle
Roda Roda
Σχϝαβυλων
oder
Der sturmfreie Junggeselle
[Illustration]
1921
Rösl & Cie. / München
1.-5. Tausend
Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Rösl & Cie. München, 1921
Dem Oberstleutnant
Duschan Petrowitsch
in unverbrüchlicher Freundschaft
Inhalt
Subjektives Ritornell 7
München 9
Malerei 18
Münchener Heimatkunde 26
Linguistische Relikten 27
Fasching 28
Münchener Sittlichkeit 46
Ein Schock neue Zeitschriften 50
Kleine Nachrichten 54
Lostag der Nation 58
Politik 59
Eine politische Rede 66
Die Schaubude 68
Die vierte Dimension 71
Die Musen und die Parzen 75
Tanz 76
Das Vertrauen der Öffentlichkeit 78
Einfälle 83
Das Ziegengebäude 91
Schach 96
Der Münchener Zoo -- aufgelöst? 100
Tante Emmys Plüschvorhang 107
Der Ausflug 114
Jordans Letzte Hilfe 117
Das Kunstvariété 122
Die Katzen 130
Das Telephon 132
Blümelhubers Begegnungen mit Richard Wagner 138
Der Postscheckverkehr 143
Die Löwen des Professors Behn 150
Die Trauung 156
Die Schwabinger Alp 165
Die Grandeln 172
Tobias Leinzeltners Schicksale im Münchener Umsturz 177
Die Reinhold Lenz-Gesellschaft 185
Mein letzter Wille 190
Der große Serbe 194
Das Plagiat 196
Die Post 201
Das Marienkäferchen -- ein Glückssymbol? 202
Die höchste Leistung des menschlichen Geistes 204
Die Männer sind klatschsüchtig 206
Die Schuldsumme 209
Der Kindelwein 211
Die schiefe Ebene 214
Musik 222
Schwänke 225
Von den Malern 227
Von Prinzen, Komponisten, Architekten, Tänzerinnen 249
Von Dichtern 253
Münchener Schwänke 297
Roda Rodas Kondensationslexikon 305
Todesfall 332
Subjektives Ritornell
über die Bewohnbarkeit
deutscher Städte
Hauptstadt von Preußen!
Nie wirst du mich wiedersehn, Berlin -- ich
Schwör es bei Zeus’en.
Hamburg, du schönes!
... Dennoch bist du mir ein Gegenstand des
Tiefsten Geklöhnes.
Frankfurt am Maine!
Was ich, ach, in Frankfurt mitgemacht: ich
Heule und weine.
Liebliches Leipzig!
Wer zur Bleibe da verurteilt ist, er
Geht und entleibt sich.
Du aber, München:
Alle Zäune möchte ich mit deinem
Lobe betünchen.
München
Geographische Koordinaten. -- Klima.
München, die Hauptstadt der Erde, liegt unter 48° 10′ nördlicher Breite
-- und 11° 35′ östlicher Länge (von Greenwich).
Dieser Lage, so weit nach Osten vorgeschoben, verdankt München seine
herzlichen Beziehungen zu den kraushaarigen Völkern: über Salzburg, das
Tor des Balkans, strömen die begabten Schlawiner zu.
Der Schwabinger Breitegrad wieder, der 48ste, schneidet anderswo
New-Foundland und Sachalin; daher das Klima.
Es ist wechselnd. Im Vorfrühling haben wir Regenstürme, daß kein
fühlender Mensch einen neuen Anzug aus dem Haus jagt. Es folgen jene
Aprilschauer, die für den Münchener Juni so charakteristisch sind. Im
August etwa nimmt der Winter bei uns Sommeraufenthalt. Der September
ist schön. Vom November kann mans nicht verlangen. Und ehe man sich
recht besonnen hat, ist wieder der Frühling da.
Verkehr und Freßangelegenheiten. -- Die soziale Schichtung. -- Die
Existenz Gottes.
Anderswo ist der saure Apfel Volksnahrungsmittel. München ist die
Stadt, wo man seine Not am leichtesten verschmerzt -- und seine
Millionen am wenigsten genießen kann.
Der Millionär hat ein Auto; der Künstler fährt in der Elektrischen. Die
Autos sind sehr langsam; die Elektrische ist flink; das ist der soziale
Ausgleich.
Der Millionär ißt in den feinsten Gaststätten, der Künstler nur in den
wohlfeilen. In den feinen Münchener Gaststätten ißt man aber auch nicht
gut; das ist wieder der soziale Ausgleich.
Übrigens gibt es jetzt schon -- für Fremde -- Weißwürste in Zinntuben.
Dadurch erübrigt sich die vielfach empfohlene Form des Genießens: in
Oblaten.
Der Millionär kann sich nobel kleiden. Er hat aber nicht das mindeste
davon, denn die Schwabinger Futuristen kleiden sich individuell, in
Kaliko und Sturmpelerinen, und sehen Leute, die Toilette machen, über
die Achsel an. Man erntet also mit feiner Kleiderpracht nichts als
Ärger und gibt sie bald auf.
Der Millionär kann sich täglich kämmen; dann hält man ihn aber für
talentlos.
Der Millionär kann sich zwei Geliebte halten; der junge Maler vier.
Der Millionär besucht den Armenball; wenn er Graf ist, adlige
Hausbälle; als Strohwitwer den ~Bal paré~. Der Schwabinger
vergnügt sich in der ‚Brennessel‘ und im ‚Bunten Vogel.‘ In der
‚Brennessel‘ ist es überaus amüsant, auf den adligen Hausbällen
unendlich langweilig. Wieder ein Werk der Himmelsgerechtigkeit.
Es wäre töricht, die Existenz allgerechter Himmelsmächte anzuzweifeln
angesichts von München-Schwabing.
Polizei. -- Zensur. -- Die verlorne Festigkeit.
Die irdische Exekutive transzendentaler Beschlüsse ist der
Polizeipräsident. Er verbietet: das Konfettiwerfen, das Wachbleiben
über Zwölf, den Nackttanz, den Bauchtanz, den Schiebetanz -- und die
eleganten Lokale überwacht er so lange, bis sie freiwillig sperren.
Er schickt Schutzleute aufs Pressefest, damit dort nicht geschoben
werde -- und auf den Ball der Kunstakademiker, um einen One-step zu
verhindern. Wir in Schwabing tanzen sowohl Bauch wie Schiebe und können
daran schwer gehindert werden: einfach, weils in München mehr Ateliers
als Schutzleute gibt.
Ich genoß einmal die Auszeichnung, vom Herrn Polizeipräsidenten
persönlich empfangen zu werden. Es handelte sich um ein Stück von mir
und Gustav Meyrink; es schien der Zensur anstößig.
In dem oft so deprimierenden Umgang mit den Staatsbehörden habe ich
im Bewußtsein meiner innern Lauterkeit, in meinem ehrlichen Äußern
immernoch die stärksten Stützen gefunden.
Und ich sprach bescheiden, aber gewissensfest:
„Sehr verehrter Herr Polizeipräsident! Wiewohl nur ein deutscher
Schriftsteller, aus dürftigen Anfängen halb emporgekommen und aus dem
wenig vertrauenswürdigen östlichen Donaubecken geboren: meine ich mich
doch durch jahrelange gute Aufführung des Wohlwollens einer löblichen
Polizeidirektion soweit würdig erwiesen zu haben, daß ich die Bitte
wagen darf:
Euer Hochwohlgeboren mögen Ein hohes Ohr der Volksstimme leihen, als
welche auch Gottes Stimme ist und mir nach meinem bisherigen, stets
staatserhaltenden literarischen Wirken niemals nachsagen wird, ich wäre
ein frivoles Stück zu schreiben willens oder fähig gewesen.“
Das sagte ich -- der Polizeipräsident aber legte den Zeigefinger an die
Klingel. Und sprach zum Diener:
„Bringen Sie den Personalakt Roda Roda!“
-- -- -- Ich habe das Zutrauen zu meiner innern Lauterkeit verloren.
Und ich kann sagen: dadurch auch die festeste Stütze meines Lebens.
Die Halbwelt.
Wir haben, dank der Energie unsres Polizeipräsidenten, so gut wie keine
Konstitution. Spezialärzte gibt es viele.
Im Café Luitpold wirkt ein wunderschönes Wassermädel. Sie wird einst
-- so gehts im Leben -- auf dem Umweg über die Kokotte die geschiedene
Frau eines berühmten Malers werden.
Die Maler.
Es gibt ihrer 20000 in München. Jeder einzelne erklärt alle andern für
Kitschijehs, die Anwesenden ausgenommen.
Über die Malerei soll später ausführlich geredet werden.
Zwischenbemerkung.
Des öftern war hier von Schwabing die Rede und einmal auch von
Weißwürsten, ohne daß die Begriffe noch umgrenzt und beleuchtet wären.
Mit solchen Erörterungen konnte sich der Autor nicht aufhalten.
Der Leser hat sich mit Geduld und Aufmerksamkeit zu wappnen: diese
Abhandlung -- wie alle schwerwissenschaftlichen Werke -- setzt eben
schon von Anbeginn die Kenntnis des Ganzen, des Endes voraus. Da bleibt
nichts übrig als: den Text zweimal, viermal, immerwieder zu lesen --
bis man in die Materie eingedrungen ist.
Die Dichter.
Es leben in München (ich nenne sie, um niemand zu verletzen, in
alphabetischer Reihenfolge): Achleitner, Adelt, Gräfin Baudissin,
Becher, Justizrat Bernstein, Blei, die Böhlau, Bonsels, die Brachvogel,
Brandenburg, M. G. Conrad, die Croissant-Rust, Falckenberg,
Feuchtwanger, die beiden Frank (Bruno und Leonhard); Frey; die
Godwin; Gumppenberg, Gütersloh, Halbe, Henckel, Georg Hirschfeld,
Korfiz Holm, Ricarda Huch, Frau Janitschek, Johst, Georg Kaiser,
Klabund, Langheinrich, die Brüder Mann, Kurt Martens, v. Maßen, A. de
Nora, Ostini, Owlglaß, Prévot, Przybyszewski, Pulver, Rehse, Rieß,
Ringelnatz, Roda Roda, Peter Scher, Schmidtbonn, Seeliger, Willy
Seidel, Speyer, Sternheim, Therese Prinzessin von Bayern, Thoma,
Wolffenstein, Wolfskehl und Ziersch. -- Sollt ich, Gottbehüte, einen
vergessen haben?
In dieser Gemeinde ist -- ganz anders als bei den Malern -- tiefster
Friede. Gewiß: die Jüngern beschimpfen die Alten öffentlich. Doch
man weiß diesen Dienst zu schätzen; man ist wieder für einen Tag der
Vergessenheit entrissen worden und revanchiert sich, indem man ein
junges Talent fördert. Heute wirft mir einer in der ‚Münchener Zeitung‘
Meineid vor. Na, Meineid geht ja noch. Aber Kassendiebstahl? Du
Schlimmer! Da würde ich ernstlich böse.
Ich habe oben Karl Rößler absichtlich nicht erwähnt. Er fällt ein
wenig aus der Reihe, denn er ist Besitzer eines Zylinderhutes, den er
gewerbsmäßig zu Begräbnissen verborgt.
Man sagt den Münchener Künstlern nach, sie hielten nicht viel auf ihr
Äußeres. Nun, Rößler ist ein Gegenbeweis. Übrigens trägt auch der Maler
Jodokus Schmitz einen Zylinder, und die Herren Basil und Stieler vom
Nationaltheater haben goldne Manschettenknöpfe.
... So bin ich, ohne es selbst zu merken, zu
den Theatern
gekommen:
Es gibt sehr viele Theater hier -- immer eins zu viel, genau wie in
Berlin. Dieses eine macht dann Pleite. Im Augenblick ist die Reihe an...
Ja, das darf man nicht sagen. Münchens Schutzgeist ist Zeus Xenios, der
Schirmer des Fremdenverkehrs, Urheber des Sommerwetters. Die Gipfel des
bayerischen Hochgebirges gelten für seinen Wohnsitz, die Blätter des
heiligen Zeitungshains rauschen seine Offenbarungen. Mit der Rechten
schleudert er Broschüren, mit der Linken klebt er Plakate. Zeus Xenios
lockt die Fremden durch Theaterspiele nach München. Über diese Spiele
Böses sagen, wäre Todsünde.
Ich gehe nie ins Theater. Hie und da warte ich am Bühneneingang, um die
Sibyll Binder zu sehen oder die Martha Newes. Ihr Anblick stärkt mich
für harte Wochen.
Im Sommer haben wir Wagner-Festspiele und das Künstlertheater.
Das Künstlertheater ist auf Aktien und Theorien gegründet. Die Aktien
bleiben -- die Theorien wechseln -- je nach Raum und Repertoire. Ist
zum Beispiel die Bühne zu klein, so nennt man sie Reliefbühne; will man
Operetten aufführen, so ‚bedarf die alte Kunst des neuen Singspiels,‘
‚Singspiel‘ klingt sehr fein.
Die Theorien wechseln ziemlich rasch -- man kann aber leicht folgen,
wenn man aufmerkt. Ich habe bisher im Ganzen sechs Theorien miterlebt
und alle ohne weitres begriffen.
Ich besuche auch das Künstlertheater nie, obwohl ich unmusikalisch bin.
Einmal holte ich einen Vetter aus der Vorstellung ab. Da hörte ich im
Publikum raunen:
„Und der Busen von der Zimpel wird auch immer länger.“
(Eine Aktrice namens Zimpel gibt es in Wahrheit nicht; man messe an
diesem scheinbar so geringfügigen Umstand die Größe meiner Diskretion.)
Die Wissenschaft.
Der gelehrteste Mann von München ist der königliche Oberstudienrat
Wägele. Einst, als feuriger Jüngling, schrieb er ein Buch über
die Metathesis im Altarabischen. Doch erst durch ‚Das ~Jota
subscriptum~ bei Euripides‘ (Leipzig 1879, 4 Bände) hat er sich
seinen Namen gemacht. Man kann sagen: er ist Bayerns Glossy. Er wirkt
auch als Zensurbeirat.
Die Maximilianstraße wird flankiert von einer Denkmalallee: lauter
bronzierte Ärzte, jeder einzelne hat die Lehren seines Vorgängers
umgestoßen. Die Isar macht der interessanten Beweiskette ein Ende.
Dort steht auch das Wilhelmgymnasium, davor als Patron des Hauses der
große Zitzero.
Ferner ist München die Wiege des Soxhletapparats.
Das ist die Wissenschaft.
Der Hof. -- Die Bürger.
Hof gibt es zurzeit eigentlich keinen -- die Prinzen sind nur
außeramtlich da, sozusagen ‚mit Wartegebühr.‘ Adel und Hof spielen
im großen Münchener Leben keine Rolle. Auch der Bürger hat nur lose
Beziehungen zur Kunst: als Manichäer. Adel und Hof mögen Ateliers
besuchen -- die Wege der Literatur kreuzen sie kaum. Hie und da
verwechselt ein Prinz zwei Schriftsteller miteinander; das ist alles.
Am achtzigsten, am neunzigsten Geburtstag eines Dichters, eines
Theaterdirektors (fast alle werden hier neunzig Jahre alt; hundert nur
wenige) -- an diesen Tagen gibt es ein Bankett und Kränze. Aufstrebende
Talente (unter siebzig) kriegen bei besondern Anlässen eine Depesche
von Konrad Dreher. Sooft Dreher sein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum
feiert, kriegt wieder er Kränze. Und alles steht dann in den ‚Münchener
Neuesten.‘
Jaja, die Kunststadt München.
Malerei
Immer wieder bitten mich Freunde, die nach München kommen, sie in die
Welt der Linien und Farben einzuführen. Hier ein dünner Leitfaden:
Allgemeines.
Malerei ist eine Handfertigkeit, die vorgibt, ebene Flächen durch
Aufpinseln von Farbe zieren zu können. Um die Preisspannung zwischen
blanken und bepinselten Flächen etwas zu steigern, bezeichnen
interessierte Kreise oberwähnte Geschicklichkeit gern als einen Zweig
der Kunst; ohne zu bedenken, daß die willkürliche Ausdehnung des
Begriffes ‚Kunst‘ nicht ungefährlich ist: morgen könnte, vielleicht mit
dem gleichen Recht, die Musik mit ebensolchen Ansprüchen auftreten.
Lassen wir aber Musik und Malerei als Künste gelten, so ist zu sagen:
daß die Malerei zwar durch ihre Geräuschlosigkeit aufs angenehmste
auffällt, hinwiederum vermöge der dauerhaften Materialien, auf denen
sie ausgeübt wird, unter Umständen Folgen von Geschlechtern beunruhigen
kann.
Geschichtliches.
Schon die Höhlenbewohner wußten die Umrisse der Dinge
spielerisch-primitiv nachzuziehen. Die Ägypter und Babylonier füllten
die so umgrenzten Flächen dann bunt aus. Als man erst entdeckte, daß
Leinöl ziemlich rasch trocknet, stand der Weg zu den höchsten Firnissen
offen.
Manche Religionsstifter haben das Malen verboten, weil es die Gläubigen
zu Gotteslästerungen anreizt.
Technik.
Man kann Öl malen, Aquarell, Pastell, Gouache und Tempera; auf
Leinewand, Papier, Pappe, Holz und Mörtel.
Am billigsten ist Pappe. Sie ist als Malgrund sehr sympathisch -- schon
weil ihr Format nicht über Klafterbreite wachsen kann.
Gegenstände der Darstellung.
Als ich noch jung war und gut, hießen die Gemälde:
„Ah, ein Enkerl!“ -- oder:
„D’ Jagersbuam.“
Diese herzerquickende Art, das Genre, ist aber unmodern geworden: die
Öldruckindustrie konnte es im Punkt der Wohlfeilheit mit dem Münchener
Handbetrieb nicht aufnehmen; die Industrie ist im Konkurrenzkampf
zusammengebrochen.
Etwas später malte man Historisches, meist Könige und Feldherren mit
Pappenheimerstiefeln -- bis die hohen Preise von Leder und Brokat auch
dieser Kunstübung hemmend entgegentraten.
In den wirtschaftlichen Fährnissen der letzten Zeit haben sich die
Maler zu einer Erwerbsgenossenschaft zusammengetan; der Preis der
Bilder soll durch Trustbildung künstlich auf 3 ℳ 50 emporgeschraubt
werden.
Ich glaube nicht recht an die Möglichkeit.
Bei Landschaften vielleicht -- Landschaften tragen ein individuelles
Gepräge und erzielen bei verbissenen Liebhabern, denen sie grade
passen, Liebhaberpreise.
Porträts aber? Da ist das Angebot zu groß. Porträts kriegt man in
Schwabing, selbst solche der verzwicktesten Physiognomien, jederzeit
fertig in Hülle und Fülle zu kaufen. Man lasse sich aber schriftlich
einjährige Garantie zusichern der Ähnlichkeit.
Zu den Landschaften wäre noch zu bemerken: jene, wo sich links eine
Sturzwelle bäumt, in der Mitte ein Torpedoboot mit Scheinwerfer und
Eiszapfen -- diese nennt man Seestücke, und sie sind von Professor
Stöver. Bei Sieck ist hinten Nadelwald und vorn eine Wiese mit
Ranunkeln. Sieck und Stöver sind also leicht zu unterscheiden.
Ebenso leicht wieder Lenbach und Schattenstein bei Porträts, indem
bei Lenbach der Hintergrund aus Schokolade besteht, bei Schattenstein
jedoch aus Brustzucker, nur bei den im Krieg entstandenen Werken unter
Zusatz von Sacharin.
Die Bilder, wo Königin Luise das Busentuch zusammennimmt und aus Angst
vor dem Parkwächter rasch die Treppe herabschreitet, weil sie hinten
den Springbrunnen angedreht hat -- diese Bilder sind ein Mittelding
zwischen Genre, Historie und Porträt.
Triptychen leiten ihre Herkunft gewöhnlich aus der Bibel her -- man
erkennt sie an dem vergoldeten Kreuz über dem mittlern Rahmen.
Ferner gibt es noch Tierstücke und Stilleben, sowie Blumen. Diese
beruhen meist auf weiblicher Handarbeit. Tierstücke sind in der Regel
von männlichen Malern und stellen Kühe dar.
Hierzu sei erwähnt, daß man Tantchens Porträt nicht soll von Verwandten
des Modells beurteilen lassen; sie finden meist einen ‚fremden Zug um
den Mund‘ und überhaupt das arme Tantchen sehr gealtert.
Doch kann man jetzt schon ebenso unähnlich photographieren, wie man
früher gemalt hat.
Auch wäre noch über Kokoschka zu sprechen. Er ist nicht volkstümlich.
Als ich unlängst seine Ausstellung besuchte, sie hing schon zwei Wochen
-- da bekam ich das Billett Nr. 5. Wieder zwei Wochen später: Nr. 6. In
der Zwischenzeit war niemand dagewesen. -- Das war in der Provinz, in
Karlsbad. In Wien ist man snobistischer. Dort interessiert man sich für
den interessanten Maler und streitet lebhaft, welches seiner Bildnisse
Gustav Meyrink vorstelle, welches Peter Altenberg. Der Streit ist
müßig, da sich das Meyrinkporträt dem Kenner sofort durch eine grüne
Emanation verrät, die den embryonalen Kopf umgibt.
Auch Schwalbachs Frauenbilder zeigen viel Grün, doch ist es mit Lila
durchsetzt. Laien halten daher die Bilder oft für Entwürfe zu den
neuen Reichsbanknoten, und die feinen Übergänge von Grün und Lila
sollen angeblich die Nachahmung der Banknoten fast unmöglich machen.
Alles Unsinn. Laien sollen nicht über Malerei urteilen. In Wahrheit
will Schwalbach in Petroleum ertränkte Frauen darstellen.
Soziales.
Die Fachbildung der Maler geschieht auf Kunstakademien und
kunstgewerblichen (nicht, wie man oft fälschlich sagen hört:
kunstverderblichen) Schulen. Doch sucht, wer sich irgend lieb hat,
alles, was er da lernte, möglichst bald abzuschütteln.
Sehr wichtig sind Privatschulen -- wenn auch nicht sosehr als
Bildungsstätten wie als die den Malersleuten eigentümliche Form der
Polygamie.
Die Maler leben bald paarweis, bald scharenweis in Schwabing, auf die
private Wohltätigkeit angewiesen, nagend am Bettelstab.
Sie kaufen einander gegenseitig die Bilder ab, um sie zu übermalen --
da Gemälde doch immer wohlfeiler sind als Leinwand.
Die ewige Beschäftigung mit Kohle und Farben stumpft ihren
Reinlichkeitssinn ab; schon nach wenigen Tagen kann selbst das scharfe
Auge der Schlawinermutter den Sohn aus dem schwärzlichen Gewimmel nicht
mehr herausfinden.
Der Mangel an Modellgeld entfernt von der Naturanschauung;
Hungerhalluzinationen führen zu verzerrten Linien, Farbenillusionen.
Daher: Expressio-, Infantil-, Dada-, Explosionismus.
Kauft man aber ein Bild, so kommt der Maler zu Geld und hört sofort zu
schaffen auf, wodurch die Kunst wiederum geschädigt ist. Für Mäzene ein
schreckliches Dilemma.
Wenig Maler nämlich üben ~l’art pour l’art~ aus. Von diesen
wenigen nur kann man sagen: sie wären, auch ohne Hände geboren, Maler
geworden.
Die meisten malen nur mit dem Maul.
Von den Mäzenen.
Die reichen Amerikaner kommen, mit dreiundzwanzig Dollar in der Tasche,
als Ententemissionare her und fragen den Hotelportier:
„~I wish to have my portrait painted.~“
„Wos mögen S’?“
„Ich wünsch, mich lassen zu malen. Uer ist mehr kostbar -- Mister Stöck
oder Mister Häbbermänn?“
Der Portier der ‚Vier Jahreszeiten‘ antwortet dann: „Stuck“; der
Portier im ‚Bayerischen Hof‘: „Habermann.“
Nun, wenn man schon dulden muß, daß die Zunftkritik hinter ihrer Zeit
zurückbleibt -- von den Hotelportiers wenigstens sollte man ein grades
Urteil in Dingen der Kunst erwarten dürfen.
Meine Herren Portiers! Was Sie da reden, ist dummes Zeug. Stuck und
Habermann sind überhaupt indiskutabel; Hengeler, Jank, Schmutzler sind
Petrefakte; Marr, Erler, Zumbusch, Dietz -- Plusquamperfekta; Seewald,
Caspar, Pechstein wurden gestern abend abgetan. Vielleicht gilt Kubin
noch etwas, Davringhausen oder die Lore Zeller; ich weiß es aber nicht
bestimmt, denn ich war heut noch nicht im Kaffeehaus.
Wie benehme ich mich als Besitzer von Gemälden?
Man kaufe nur gerahmte Bilder -- Rahmen sind unter allen Umständen eine
vorteilhafte Kapitalanlage, da sie im Preis immerfort steigen. Man kann
einen schönen Rahmen auch stets für wenig Geld neu füllen lassen, wenn
einem das alte Sujet nicht mehr gefällt.
Man hänge das Bild so auf, daß des Malers Signum rechts unten bleibt,
und ist dann beinah sicher, nicht verkehrt gehängt zu haben. Doch kann
man moderne Gemälde ohne Schaden für die künstlerische Wirkung als
Quer- oder Längsformat gebrauchen -- je nachdem, ob die zu schmückende
Wand schmal oder breit ist.
Immer suche man dunkle Winkel der Wohnung aus: da stören die Gemälde
nicht so sehr und schlagen nicht leicht ein.
Wie reinigt man Bilder?
Bei Pastellen wird ein Teppichklopfer genügen.
Aquarelle wäscht man mit heißem Wasser und Seife.
Ölgemälde mit einer Mischung von Terpentin und rauchender Schwefelsäure
zu gleichen Teilen.
Bleiftiftzeichnungen sind am leichtesten zu reinigen: mit Radiergummi;
nötigenfalls helfe man mit einem scharfen Messer nach.
Konservierung von Gemälden.
Man setzt jetzt große Hoffnungen auf den Messingkäfer, der sich in der
letzten Zeit, besonders in Süddeutschland, rasch vermehrt hat; das
liebe Insekt soll Leinewand, Papier und Pappe ratzekahl wegfressen.
Aus: =Xaver Hubers=
‚Münchener Heimatkunde für die untern Volksschulklassen‘
(Mit Genehmigung des Verfassers.)
Bald wir üns jetzt dem Königlich Bayerischen Einwohner der Hauptstadt
zuwenden, so zerfällt derselbe:
~a~) in Menschen,
~b~) in Zugroaste.
Die Menschen teilen sich in ordentliche Bürger einerseits und
andrerseits in Bayern, Franken, Schwaben, Pfälzer und Tiroler.
Die Zugroasten bestehen aus Preißen und Schlawinern. In die Klasse der
Preißen fällt auch der Hesse, Sachse, Hanseate; die Schlawiner hingegen
sein Baschkiren, Londoner, Walachen usw., das bleibt sich ziemlich
gleich.
Während die Menschen die innere Stadt München bevölkern, dann
Bogenhausen, Giesing, Gern und Nymphenburg -- halten sich Preißen und
Schlawiner am liebsten in Schwabing auf, im Norden, wo man bei Nacht
aus die schwarzen Dächer die Orgien schon von weitem ankennt an die
beleuchteten Atelierfenster.
Die Schlawiner und Preißen reden untereinand russisch, kaukasisch
und schottisch, es ist eine große Sprachenwirrung, darum heißt der
Stadtteil Schwabylon, und was dort vorgeht, davor muß sich die Jugend
und der Bürger hüten, überhaupts ist das nördlich vom Siegestor garkein
Bayern nicht, sondern es ist schon mehr Preißen.
Aus:
Linguistische Relikten
Von ~Dr.~ Wägele, o. ö. Professor der Universität München.
Höchst interessant ist die Wortbildung
Σχϝαβυλων.
Die alten Griechen betonten die letzte Silbe.
Bekanntlich ließen die Jonier und Attiker das Digamma sehr früh fallen,
während die andern hellenischen Stämme es zäh bewahrten. In den uns
überlieferten Texten der Ilias und Odyssee kommt das Digamma nicht mehr
vor; doch haben Homers Zeitgenossen es zweifellos ausgesprochen.
Σχϝαβυλων
ist vielleicht das einzige Wort, worin sich das alte ~Gamma
aeolicum~ bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
Fasching
Die rätselhafteste Erscheinung des Münchener Klimas:
Jedes Jahr, pünktlich zu Silvester stürzt sich ein Scirocco von den
Alpen, schwillt am Dreikönigstag zum Wirbelsturm und versetzt die
Stadt in Drehbewegung. Dann ist München nicht mehr Zentrum, nicht mehr
ultramontan -- Dionysos herrscht und Tumanbanga, der Fidschigott der
Ehebrecher.
Dann stellen die Maler ihre Arbeit ein, weil die Modelle tanzen.
Familienväter tragen die Betten ins Leihhaus; und können garnichts
besseres damit anfangen: die Stubenmädchen haben ihre Stellen gekündigt
-- niemand räumt auf; die Stubenmädchen privatisieren; viele haben sich
Magenleiden zugezogen durch Genuß von zu kaltem Sekt.
Die Schwabinger Kunstgewerblerin aber brütet schwere Sorgen: ‚Was ziehe
ich heut abend an?‘ -- Garnicht so einfach: als Griechin, Säulenheilige
oder Fee selbstverständlich das Tischtuch; als Skythin, Thusnelda,
Russin selbstverständlich den Bettvorleger; etliche andre Trachten
lassen sich durch Permutation herstellen von Tischtuch und Bettvorleger
oder Bettvorleger und Tischtuch. Doch gibt es Fälle, wo man den
Lampenschirm mitverwenden muß.
Mit dem Alltagsrock legt der Mensch sein Alltagsgesicht ab, mit dem
Kostüm hängt er sich einen Charakter um. Gar mancher ging das Jahr
über als Bürger verkleidet -- hier erst, auf dem Kostümfest, zeigt er
sein wahres, das Narrengewand und zeigt seine wahre närrische Seele.
Die Bogenlampen glimmen verloren im Nebel, die Kastanienbäume recken
ihre kahlen Äste, und ein süßer, stiller Malzgeruch ist in der
Nacht. Im Schwabinger Bräu hat man die Wände mit Rupfen bezogen, mit
Tannengrün bekränzt und feiert die
Werdenfelser Kirweih
bei schmetternder Blechmusik. Da findet sich, wer gern in Krachledernen
geht, mit seinesgleichen.
Niemand fühlt sich wohler als Josef Futterer. Vor ein paar Jahren war
er bekannter als Virtuose der Mundharmonika denn als Maler. Jetzt zieht
er das Scheckbuch, kauft seine eignen Bilder zurück, wo er sie kriegen
kann, ist Professor und Ehrenbürger seines Heimatortes.
Josef Futterer! Du bist ein berühmter Maler worden -- erst unlängst hat
ein valutakräftiger Kunstfreund für Unsummen deinen Stammtisch gekauft,
auf den du übermütig mit Wirtskreide eine Skizze hingeworfen. Ich aber
habe dich noch in deinem Glanz gesehen, im Aufstieg. Entsinnst du dich
jenes Bockfrühstücks bei mir? Es dauerte etwas länger als ursprünglich
vorgesehen war -- und in der zweiten Nacht (oder der dritten?) ging uns
das Bier aus. Ein Auto, mit unsrer Köchin bemannt, jagte die Brauhäuser
Münchens ab nach einem neuen Faß. Entsinnst du dich? Du warst nicht,
wie sonst, etwa als Hirtenjunge gekommen mit einem handtellergroßen
Hüatle und einem Kränzchen Ziegenmist daran -- nein, in der denkbar
gründlichsten Verkleidung bewegtest du dich -- als Elegant im
Smoking. Weltgewandt hofiertest du jener Vicomtesse, die gekommen war
‚~pour faire connaître les moeurs de la Bohême~‘ -- hofiertest
ihr weltgewandt im Smoking -- -- hinten aber, nur uns sichtbar und
nicht der lorgnettierenden, aufgeblasenen Urschel, hinten hattest
du eine meterlange Pfauenfeder stecken und begleitetest parodierend
deine eignen geschraubten Redensarten mit niedlichen Courbetten der
Pfauenfeder. Josef Futterer -- denk ich daran, schmerzen mir noch heut
vor Lachen die Rippen.
Wie ließest du ‚die Hunde bellen im Dachauer Moos‘! Wie konntest
du erschütternd komisch stottern! Vor allem: wie spieltest du
Mundharmonika! Das, ja, das war Musik -- die Orchester des
Prinzregententheaters müssen vor Neid erbleichen. Aus der rechten
Hosentasche holtest du den Beethoven, aus der linken Wagner. -- Grins
nicht, Idiot von Leser! Hör erst Futterer Mundharmonika spielen, sieh
Schwegerle dazu tanzen, und dann urteil!
Im Arzberger Keller war
=Vorstadthochzeit.=
Thöny und Rudolf Wilke haben einst das Fest gegründet -- Ferdinand
Spiegel und Arnold führten es fort. Hier trug man die vorige Mode:
breitkrempige Zylinder, Gehröcke und Orden auf der Brust. Arnold hielt
patriotische Ansprachen.
Im Arzberger Keller wars -- da habe ich mich so schrecklich blamiert:
Man sprach vom jungen Bildhauer Lessig, der als Dame durch den Fasching
gehe. Und er spiele seine Rolle so täuschend, daß ihn schon manch ein
abgebrühter Frauenkenner entzückt zum Souper geladen hätte...
Ich aber rief: solch ein Schabernack könnte bei mir nimmermehr
verfangen; ich würde beim ersten Anblick den Mann in der Maske erkennen.
Abwarten, sprachen die Genossen, Lessig käme ja heute her.
Eine Viertelstunde später trat Frau D. an den Tisch, die statiöse
Operndiva.
Ich sagte ihr sofort auf den Kopf zu: sie wäre der Bildhauer Lessig.
Bühnenball.
Gustl Waldau, was redest du einen italienischen Salat! Petrarca horcht
aus der siebenten Sphäre eine Stunde hin, wischt sich den Schweiß von
der Stirn und stöhnt:
„Ich fühle, dieser Herr spricht meine Sprache. Doch wehe -- ich versteh
ihn nicht.“[A]
Gibt es noch eine Stadt wie München, noch einen Schauspieler wie Gustl
Waldau? Sein sind die Höhen und die Tiefen, der Adel des Herzens ist
sein. Von Geburt nur Freiherr, durch Erziehung nur Gardeleutnant --
ein Künstler durch Trieb. Die Gebärde -- Kultur. Jedes Wort ist Klang.
-- Du spielst, Gustl Waldau, ein jagendes Scherzo in den Falsettlagen
des Humors, und stradivarische Resonanzen deines Gemüts beben die
Begleitung. Ein feiner Mensch bist du, Gustl Waldau -- fühlst du nicht
Einsamkeit um dich?
-- -- -- Auf den Bühnenball, das ist mein erster Gang ins Freie
gewesen, als ich vor soundsoviel Jahren nach München kam. Ich nicht
viel über dreißig, meine Braut war jung, blühend wie ein Frühlingstag.
Wir saßen in der Pause an einem langen Tisch: rechts der kleine,
düsterdunkle Max Dauthendey mit seiner schwedischen Blondine -- links
Mi von Hagen, zauberisch schön, Waldaus Gattin. Ein pudeljunger
Sizilianer mühte sich um meine Braut. Sie hatte ihm tückisch gelogen:
sie sei Malerin, habe ihr Atelier in Solln -- morgen um drei werde sie
ihn porträtieren. Er sah Chancen, der Sizilianer, und begehrte nach
einem Vorschuß, einem Kuß. Bekam ihn nicht. Wurde dringender...
Da rief ich vom andern Tischende:
„Hör mal, Kleiner! Auf diese täppische Art kommst du in Ewigkeit nicht
zu deinem Recht.“
Er höhnte:
„Alter! Du? Du willst mich lehren, wie man Mädchen behandelt?“
„Ja, ich. Gib acht! Ich muß nur wollen und kriege deinen Kuß. Wettest
du? Um drei Flaschen Sekt?“
Er wettete, der Tor. Ich bedang französischen Sekt aus, zu zwanzig
Mark, damit mich meine Braut auch gewiß nicht sitzen ließe -- und rief
gebietend:
„Komm, Mädel! Küß mich dreimal!“
Sie tat es gehorsam.
Das hat den Sizilianer irre gemacht an Gott und Menschen.
-- -- --
Fußnote:
[A] Mit diesem Kauderwelsch, lieber Gustl, führst du unbewußt eine
große Münchener Tradition fort. -- K. J. Weber erzählt im ‚Demokritos‘,
8. Band:
Im Jahr 1782 hielten die ~P. P.~ Augustiner in der Kirche an der
Neuhauserstraße eine feierliche Disputation. Prangerl, Narr des
Kurfürsten Max, schmuggelte sich unter die Opponenten, und nach der
zwingenden Beweisführung des ~Dominus defendens~ rief der Narr sein
~Nego~; mischte etliche lateinische Phrasen durcheinander -- so
geschickt, daß sich der ~Defendens~ mit dem Narren einließ. Prangerl
warf ein ~Nego~, ein ~Distinguo~ nach dem andern in den Disput und ließ
eine Flut lateinisch klingender Wörter hinterdreinfolgen -- bis der
~Defendens~ verblüfft gestand:
„~Non intelligo.~“ -- „Ich verstehe nicht.“
„I aa nit,“ rief Prangerl und lief vondannen.
Die Feste bei
Viktor Manheimer
im offenen Haus, unter rauschenden Bäumen! Niemand wie er, der
Schöngeist -- vor allem niemand wie sie, die kluge, liebliche Frau voll
stiller Wärme hat München so zu sammeln verstanden. Da drängte sich
Kopf an Kopf -- kein hohler dabei; destilliertes Schwabing mit 99 %
geistigen Inhalts. Man führte verschollene Stücke auf, tanzte in der
Halle und tafelte im Garten. Kinder! Soll das niemals wiederkommen?
Einst lebte irgendwo im amerikanischen Urwald ein Farmer namens Mister
Fürmann.
Ich glaube, es ging ihm nicht sehr gut.
Wenn bei uns in Europa einem honetten Menschen die Dampfwalze des
Lebens beinah schon übern Bauch gefahren ist -- dann, versichern die
Volkskalender, in letzter Minute ist ein verschollener Onkel in Amerika
gestorben und hat den besagten hoffnungslos bedrohten armen Teufel
flugs zum Dollarmilliardär gemacht.
Die interkontinentale Gerechtigkeit forderte, daß sich einmal auch der
reziproke Fall vollziehe -- und das Glück wählte Mister Fürmann aus zum
Gegenstand des Experiments. Eines Montags im Mai -- der Himmel war blau
und nichts deutete auf kommende Ereignisse -- da erhielt Mister Fürmann
zu Central City, Post Columbus am Platte river, Nebraska, einen Brief
des Inhalts:
Der Adressat sei nach dem letzten Willen seines zu München
entschlafenen Oheims Erbe geworden und Besitzer des Grundstücks Pl. Nr.
719 zu Schwabing, an der Belgradstraße 57.
Mr. Fürmann ordnete seine amerikanischen Angelegenheiten, nahm das
notwendigste Handwerkszeug mit sich -- Axt und Bowiemesser -- und
reiste über die atlantische Pfütze nach Schwabing, um sich die Sache
anzusehen.
Er fand einen Obstgarten da und eine Scheune. Im Nu hatte er seine
Pläne gefaßt und ging an die Ausführung:
Mit der Axt hieb er die Obstbäume ab; mit dem Bowiemesser spitzte er
die Pfähle. Und zog zuerst mal einen Palisadenzaun rundum -- gegen
Indianerüberfälle.
Dann verschmierte er die Wände der Scheune mit Lehm und hängte eine
große Lampe auf. Die Lampe bammelte zu niedrig, man stieß mit dem
Kopf daran. Mr. Fürmann sägte also eine Öffnung ins Dach, errichtete
eine Art Schornstein mit einem Querbalken darüber und schraubte den
Lampenhaken in den Balken. Nun wars richtig.
Die emsige Tätigkeit Mr. Fürmanns war dem Auge der Münchener Baubehörde
keineswegs entgangen. Es kam ein Amtsorgan mit der Frage:
Was denn all das bedeute und vorstelle?
„Dieses ist,“ sprach Mr. Fürmann, „die neugegründete Fremdenpension.“
„Die Tenne mit der großen Lampe?“
„Ist der Eß- und Tanzsaal.“
„Die hölzernen Käfige da rechts und links?“
„Sind die Wohnzimmer.“
„Ja, Mensch! Haben Sie denn eine behördliche Bewilligung zur
Umgestaltung der Scheune vorzuweisen, eine Konzession zum Betrieb der
Herberge?“
„Ah!? Braucht man dergleichen in euerm Europa?“
-- -- -- Was wollte die Polizei tun, wo der Bau nun einmal fertig
stand? Sie gab -- unter ernstlicher Verwahrung gegen künftige
Übergriffe -- Baulizenz und Konzession. Die Gründung der Pension
Fürmann war rechtens vollzogen.
Bald meldete sich der erste Gast.
„Was für ein Zimmer wünschen Sie?“ erkundigte sich Mr. Fürmann höflich.
„Womöglich nach Süden -- geräumig -- mit kalt und warmem Wasser, Sofa,
Bad...“
„Darnach frage ich nicht. Bei mir sind alle Zimmer gleich: ohne Sofa,
ohne Süden. Wasser im Brunnen, Bad im Würmkanal. Sondern: welche Farbe
soll Ihr Zimmer haben?“
„Pfaublau.“
„Gut, kommen Sie nachmittag!“
Stahlgrün -- karmesinrot -- schwefelgelb -- -- es kriegte jedermann
sein Zimmer nach Gefallen. Preis: täglich 2 ℳ 50 ~tout compris~:
Wohnung, Frühstück, Mittag- und Abendessen, Heizung aus Gottes
Wärmequellen, Licht aus dem Schornstein. Und Samstag abend: Ball.
Viel Menschen hausten dort bei Fürmann: persische Khane, holländische
Forscher; Ärztinnen aus Lissabon, Sankt Petersburg; Maler aus Hindostan
und Honolulu. Was jung ist und einen Namen hat in der Münchener
Literatur, Koloratur, Architektur und Skulptur hat irgendeinmal bei
Vater Fürmann in Futter und Kreide gestanden.
Welche berauschenden Feste! Welche Armut an Alkohol und Mitteln,
welcher Reichtum an Fleiß und Phantasie! Sie sagten einen Ägyptischen
Abend an, die Fürmannschen: und die Scheune ward zum Ammonstempel,
die Türrahmen zu Pylonen, der Kochherd -- eine Sphinx, der Müllhaufen
-- Pyramide. Sie gaben eine Frühlingsfeier -- und First, Mauern und
Fenster, Zäune strahlten weiß und fliederblau. Jedes Plakat ein
Aquarell, jede Einladung und Eintrittskarte handgezeichnet; keine glich
der andern. Denn man hatte doch das Geld nicht für die Druckerei; aber
Arbeitsfreude und Erfinderkraft in Überfluß.
Zu Weihnachten schenkten sie ihrem Mister Fürmann eine große Trommel.
Nun ging der Feetz erst an. Hundert, zweihundert Menschlein hockten
im Saal unter der großen Lampe, rund an den Wänden und sahen den
arabischen Schlangentänzen zu. Kun-Bukowina schlug ins Klavier, Missis
Gwallior schlug in die Trommel. Der albanische Pfarrer sollte in
München kirchliche Malerei studieren; er tanzte bis fünf Uhr Two-step
bei Fürmann -- ging die Messe lesen -- kam wieder und tanzte weiter. --
Kinder! Das war Fasching! Und meiner Seel: alles in Tischtüchern und
Bettvorlegern.
-- -- --
Da fiel eines Herbsttags der Pension Fürmann ein, das Königlich
Bayerische Königtum zu stürzen.
Ich weiß es noch wie heut:
Ende Oktober hatte ich Urlaub aus Bulgarien nach München bekommen; saß
im Café Stefanie -- um zwei Uhr nachmittag -- und spielte Schach mit
Erich Mühsam.
Sie kennen ihn doch -- den komischen, haarigen Bohémien? Sohn eines
reichen Apothekers aus Lübeck, ursprünglich selber Apotheker. War
der Lehre entlaufen, hatte den Anarchisten gespielt -- in der
Freien Gemeinschaft zu Berlin, in Ascona; vom Vater entmündigt, von
der Polizei (und niemand sonst) ernst genommen -- von der Polizei
gelegentlich auch eingesperrt. Hatte ein paar prachtvolle Gedichte
gemacht und trat -- mit glänzenden Schüttelreimen -- im Kabarett auf:
Das kleine Mädchen reibt sich leise
Das Knie, wenn ich nach Leipzig reise...
Im übrigen ein herzensguter Kerl, ein treuer, hilfsbereiter Kamerad.
Nur von Politik und sozialen Fragen durfte man mit ihm nicht reden;
da überschrie er sich vor Eifer. Und weil man seine schwache (oder
stärkste?) Seite kannte, verbot man ihm den Gegenstand; verbot ihm jede
Silbe darüber: am Majorstisch im Café Stefanie, auf der Halbeschen
Kegelbahn, in Wedekinds Torggelstubenecke.
„Hüte dich vor Menschen, die nur ein Buch gelesen haben.“ -- Ich
glaube, Tolstoi hat Mühsams Strudelkopf verdreht. Mühsam begann in
Versammlungen zu reden, er scharte den ‚fünften Stand‘ um sich: die
Landstreicher, Zuhälter, Verbrecher, Päderasten. Er soll sehr gut
geredet haben, gewandt und glühend. Und redete sich, der Tepp, um
Verstand und Güte. Es erwies sich, daß die Polizei doch rechtbehielt:
Erich Mühsam ward gefährlich.
-- -- -- An jenem Novembertag 1918 also saß ich im Café Stefanie
und spielte Schach mit Mühsam. Für drei Uhr war Versammlung auf der
Theresienwiese angesagt.
Ich fragte Mühsam noch: was die Versammlung wolle?
„Ach, nichts,“ erwiderte er mürrisch. „Die Menschen sind ja so dumm...“
Dann bot ich Schach und hätte Mühsams König in drei Zügen mattgesetzt,
wenn nicht...
...wenn nicht Bruno Frank gekommen wäre. Er verschleppte meinen Mühsam
in die Nische des Cafés, in den ‚Kuhstall‘. Dort tuschelten sie heftig.
Dann gingen sie zusammen nach der Theresienwiese.
Auf der Wiese sprach Eisner zu den Massen.
Die Massen zogen demonstrierend in die Stadt. Noch dachte niemand an
Putsch und Umsturz.
Selbigen Abends stürmte eine Fürmannpensionärin die Türkenkaserne.
-- -- -- Und auch die Räterepublik, das Jahr darauf, ist von der
Pension Fürmann ausgerufen worden.
907 bis 1918 regierten in Bayern die Wittelsbach; 1919 Erich Mühsam.
-- -- --
Ich weiß nicht, wie es auf dem bayerischen
=Hofball=
zuging. Fröhlicher als bei Fürmann sicher nicht. Auf der Straße und
im Theater machten unsre Prinzessen den Eindruck, als wär höchste
Zeit gewesen, die königliche Zivilliste zu erhöhen. Unter den
Modeschöpferinnen wenigstens fand ich nirgend eine Wittelsbachsche
abgebildet.
Eine sympathisch einfache Dynastie. Eine Schwabingerin war Masseuse
Ihrer Majestät. Jenes Nachmittags verspätete sie sich und stammelte
eine Entschuldigung: es wäre so’n Menschenauflauf in der Stadt
gewesen...
„Ja, warum denn?“ fragte die alte Königin.
„Nun, die Leute eilen zur Versammlung auf die Wiese...“
„Versammlung? Woher wissen Sie es, liebes Fräulein?“
„Aus den Neuesten Nachrichten.“
„Kathl!“ rief die Königin. „Bringen S’ die Neuesten!“
Dienstfertig eilte die Kammerfrau um die Zeitung; erschien alsbald
wieder und meldete:
„Der Kini liest s’ grad.“
So ist die Königin denn unvorbereitet von der Revolution überrascht
worden.
Es gibt keinen Hof mehr, und ich habe nun geringe Aussicht, je einen
Hofball mitzuerleben.
Vom
=Bal paré=
hingegen kann ich auf Grund wiederholten Augenscheins berichten, aus
der Erfahrung einer langen Zeit.
Im Urteil des Fremden sind die ~Bals parés~ der Münchener Fasching
schlechthin.
Und der Münchener Fasching ist berühmt. Warum eigentlich? Die Frauen
in Stockholm sind schöner, in Kopenhagen eleganter, in Amsterdam
sinnlicher. -- Die Herren? Eine kundige Thebanerin versicherte mir
schon vor Jahren: man müsse sich ‚durch siebzehn Kommis durchtanzen, eh
daß man an an Gawlier kummt.‘ -- Die kleinen Mädchen? In Paris gibt es
gigolettes und ~midinettes~, denen unsre Matschackerln nicht das
Wasser reichen. Also: warum eigentlich?
Es ist die Atmosphäre einer stark von Künstlertum durchsetzen,
leichtlebigen Stadt. -- Ein verdammt reizvolles, ein himmlisches Bild:
der Riesendom des Deutschen Theaters, angefüllt mit Dimensionen, Farbe,
Licht und Trubel. Nur Dionysos, Tumanbanga und Severini bringen solch
eine Schöpfung fertig: die Logen bis zum Dach voll von verheißenden
Dominos, auf dem Parkett der quirlende Lärm des Vergnügens.
Ob all das der Ausdruck Münchens ist? Ob der Glanz der ~Bals
parés~ verblich im Lauf der Jahre? -- Letzthin führte ich einen
alten Herrn hin, der seit langem nicht mehr dagewesen war. Er äußerte
sich sehr zufrieden. „Zu meiner Zeit,“ sagte er, „hat man d’ Weiber
erscht bei der letzten Française in d’ Luft gehoben, um halber drei
in der Früh; jetz schon um elwe.“ -- Und er fand ein Wort des Tadels
nur für die Gitterchen, die eine überprüde Behörde kürzlich vor die
Brüstungen nageln ließ, damit man die Damen nicht gradenwegs aus dem
Tanzsaal in die Logen hebe.
Der ~Bal paré~ ist das Werk eines Malers, Rezniczeks. Freilich
gabs den ~Bal paré~ schon vor ihm -- doch Rezniczek hat ihn
berühmt gemacht. Noch mehr: er hat ihm die Linie gezogen. Er sah die
Mädel, die Herren nicht wie sie damals waren -- nein, wie sie nach
seiner Meinung werden sollten: schlank, graziös, schnittig. Und sie?
Wurden just so, wie er sie gesehen. Der Maler hatte ein Zuchtideal
aufgestellt, und die Wirklichkeit folgte ihm nach. Keiner nach
Rezniczek wird so formbildend wirken.
Ich muß dem Landfremden einiges erklären:
~Bals parés~ gibt es nur im Deutschen Theater, jeden Mittwoch
und Samstag. Mittwochs Nobelredoute, Samstags ists gemischter;
der katholische Hochadel fehlt, soweit er weiblich ist, Mittwochs
und Samstags; das Matschackerl, Gott sei Dank, ist immer da -- in
Wollsammet, in Halbseide, mit Straußfedern im Haar, mit blitzenden
Augen. -- Die Herren erscheinen im Frack und bluten vierzig
Mark. Die Damen lassen sich mitnehmen -- man zahlt an der Kasse
ichweißnichtwieviel für sie. Neben einer etwa bestehenden Ehe ist der
gemeinsame Garderobezettel das einigende Band zwischen Dame und Herr.
Man macht erst am Morgen Gebrauch davon.
Die Française ist eine akklimatisierte Quadrille mit One-step in
der zweiten, Knutschen in der ersten bis fünften und fürchterlichem
Geschrei in der vierten Tour. An einer gewissen Stelle wird nebenher
gezischt. An einer andern Stelle schaufelt man die Damen hinüber und
herüber. Dann läßt man die Damen wie Windmühlen rotieren. Endlich kommt
das ‚Ausdrehen.‘ Man sieht: die Sache ist kompliziert und tourenreich.
Wer die Française nicht auswendig kann, lasse sich garnicht erst darauf
ein, wenn er sich Rüffel von Partnern und Nachbarn ersparen will.
Strenge Gesetze schreiben dem Ballbesucher auch das Benehmen zwischen
den Françaisen vor: nach der ersten hat man die Tänzerin zu deutschem
Sekt zu laden, nach der zweiten ins Kellergeschoß zum Bier, nach der
dritten in die Grotte zu einer Erklärung.
-- -- -- Wenn Sie aber, verehrte Berlinerin, auch jetzt, nach dem
Krieg, noch auf Einhaltung des alten ~Bal paré~-Zeremoniells
rechnen, werden Sie bitter enttäuscht werden. Und wenn Sie hoffen,
Künstler da zu finden: spinnen Sie ruhig das Techtelmechtel mit
Ihrem Schieber weiter. Der ~Bal paré~ lebt nurmehr von seinem
vergangenen Ruhmesschein -- er ist nicht mehr; er ist gewesen.
Schön gewesen.
Schön wie du, Berliner Pflanze, als dich die Neugierde zum erstenmal
nach München trieb, auf den ~Bal paré~. O, wie brannten deine
Lippen und wanden sich gleich Blutegeln -- der Küsse gewärtig, die der
Abend bringen sollte!
Als du hörtest, man müsse sich dekolletieren, erschrakst du. „Niemals,“
schworst du nachdrücklich; solche Schamlosigkeit machtest du nicht mit
-- du gingest ‚hochgeschlossen.‘
Und batest schon nach Neun um meine Nagelschere, um dir im Hintergrund
der Loge dein Fähnchen bis zur siebenten Rippe auszuschneiden. So zogst
du aus auf neue Eroberungen. Ich sah dich niemals wieder.
-- -- --
Von der letzten Française stehen zwei Wege offen: ins Café Luitpold
oder zum
=Donisel.=
Gewöhnlich geht man beide -- wenn man nicht vorher im Odeonkasino
einkehren will.
Das Kasino ist teuer und vornehm. Luitpold ein Übergang. Der Donisel
ist eine Kutscherkneipe an der Weinstraße. Sie öffnet um fünf ihr
ängstlich schmales Türchen und läßt die Gäste ein: Nachtarbeiter,
Chauffeure, Damen in Zobelpelzen, Lebemänner im Frack. Es dauert
Sekunden, und alles ist besetzt: Gastzimmer, Flur, Küche, Tische,
Bänke, Herd. Die Nägel an der Wand sind behängt: mit Kutscherpeitschen
und Zobel. Man rauft sich um den Inhalt gargantuanischer
Weißwurstkessel.
Beim Donisel endet die offizielle Münchener Nacht. Trainierte fahren
noch auf den Hauptbahnhof, Kaffee trinken. Doch die ‚Gewappelten‘
haben dieser frivolen Überschreitung der Polizeistunde einen Riegel
vorzuschieben gewußt: in die Bahnhofwirtschaft wird nur eingelassen,
wer sich ‚im Besitz eins giltigen Fahrausweises befindet.‘ Es muß also,
wer frühstücken will, vorher ein Billett nach Dachau lösen. Nur wenige
verfügen zu so früher Faschingsmorgenstunde über das erforderliche
Betriebskapital.
Und dann? Was nach dem Kaffee geschieht? Tumanbanga weiß es. Er allein,
der schweigsame Gott -- und sagt es nicht.
Ich weiß nur: voriges Jahr kam eine junge Frau ihrem Gatten abhanden;
drei Tage wartete er -- sie kehrte nicht zurück; er lief aufs Amt.
Auf dem Amt aber war ein Gastwirt erschienen mit der Meldung: in seinem
Hotel liege seit drei Tagen eine junge Frau und weine.
Sie konnte nicht aufstehen, um heimzugehen; der niederträchtige
Kavalier hatte ihr die Kleider gestohlen.
Münchener Sittlichkeit