Professor Westwald nickte: »Jawohl, Exzellenz.«

Ohne ein weiteres Wort schickten sich die beiden Herren zum Gehen an.

Gustav begleitete sie mit ausgesuchter Höflichkeit bis zur Tür. »Es war

mir eine große Ehre, Exzellenz.«

Allein geblieben lachte er auf: »Was ist denn eigentlich in mich gefahren?

Gott weiß, was ich mir da eingebrockt habe! Und weshalb war ich so

wütend? Aus revolutionärer Gesinnung oder -- über die Vergewaltigung der

Wissenschaft?«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten hatten den Schlaf verloren, und auch

das Essen wollte ihnen nicht mehr recht schmecken, geheime, uneingestandene

Angst versalzte ihnen die Speisen, gab teueren Weinen den herben Geschmack

des geringsten Krätzers, verlieh den weichsten Betten unbehagliche Härte.

Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten fühlten sich nicht wohl. Welch ein

Unglück! Draußen sterben unsere tapferen Feldgrauen für uns, für unser

Behagen, für unseren Reichtum, und wir in der Heimat werden von Ängsten

geschüttelt, können das Leben, das uns andere so teuer erkaufen, nicht

recht genießen, welch ein Unglück! Da gilt es Abhilfe schaffen! Aus dem

Angstschweiß verstunkener Bürgerseelen, aus der prickelnden Unruhe des

Junkers wurde der weiße Terror geboren. Unser einstiger lieber Vetter, der

Zar, hat uns gezeigt, wie die Sache gehandhabt werden muß. Schade, daß

nicht auch wir ein Sibirien haben, doch gibt es Gott sei Dank Gefängnisse

genug im Deutschen Reich, auch die Schutzhaft ist keine üble Einrichtung.

Am Abend des 28. Juni schmeckte den Herren das Essen viel besser: Karl

Liebknecht war in erster Instanz zu zwei Jahren, sechs Monaten und drei

Tagen Zuchthaus verurteilt worden. »Ein Hetzer weniger,« meinten sie in

den Klubs, »mit den paar Übrigen wird man auch noch fertig werden.

Die anderen Sozialdemokraten halten sich wacker, sind unsere besten

Bundesgenossen. Solange die zu uns stehen, halten wir das Volk in der

Hand.« Und sie stießen an, auf das Wohl des vernünftigen Kriegsgerichtes

-- etwas strenger hätte das Urteil sein können --, auf unsere Feldherrn

und unsere braven Freunde, die Sozialdemokraten.

Dennoch waren sie nicht ganz beruhigt; es gab noch andere Elemente, die

hetzten und schürten; auch die muß man unschädlich machen. Im Juli wurde

Rosa Luxemburg zum zweitenmal ins Gefängnis geworfen, im August ereilte

Franz Mehring das gleiche Schicksal. »Der alte Mann war besonders

gefährlich,« bemerkten die Herren untereinander, »seine siebzig Jahre

machten Eindruck auf die sentimentale Masse. Es ist zu hoffen, daß er bei

so hohem Alter das Gefängnisleben nicht lange ertragen wird.« Und nun

genossen sie wieder eine ungestörte Nachtruhe.

Auch Unbekannte, die sich in nichts hervorgetan hatten wurden dem guten

Schlaf und dem Appetit der Herren geopfert; unter ihnen befand sich Gustav

Selder. Seine unvorsichtigen Worte: »er werde vielleicht seine Formel

anderweitig verwenden können«, wurde gegen ihn ausgenützt; er wurde in

Schutzhaft genommen. Er fand sich mit dem gewohnten Gleichmut darein, warf

den ihn abführenden Polizisten etliche griechische und lateinische Zitate

an den Kopf, die diese für ganz besondere Injurien hielten und bedankte

sich feierlich für die ihm gebotene Ruhe und Abgeschlossenheit, die seinem

Studium von großem Nutzen sein würde. --

Endlos schlichen die Tage dahin. Der Fluch des Deuteronoms schien über der

Welt zu lasten: »Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es Abend wäre!

Des Abends wirst du sagen: Ach, daß es Morgen wäre! Unsägliches Warten

spannte alle Nerven, warten, warten, von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag.

Warten auf die Erlösung, die nicht zu kommen scheint und doch kommen muß.

Hunger und Not fraßen an den Menschen mit scharfen, nagenden Zähnen,

stumpfer, hoffnungsloser Grimm vergiftete die Seelen, lähmte die Kräfte.

Mißtrauen durchtränkte das Volk, Mißtrauen gegen die Herren, aber auch

Mißtrauen gegen die anderen, die mutig und unentwegt an seiner Aufklärung

arbeiteten. »Ihr redet nur, warum tut Ihr nichts? Ihr seid genau wie die

anderen,« sagte eine alte Frau, deren zweiter Sohn gefallen war, zu Gioia,

und diese wußte keine Antwort. Sie selbst trieb die Freunde zur Tat,

geriet in Verzweiflung, wenn deren Vorsicht ihr klar machte: noch ist es

zu früh, wir sind zu schwach. Boris Isralew tröstete sie: »Die Befreiung

muß kommen, Gioia, doch wird sie nicht von einem Land ausgehen, das in

vielen satten Jahren hart geworden und zu Stein erstarrt ist. Sie wird von

jenem Lande kommen, wo Schmerz und Elend seit Jahrhunderten das Feuer

in Brand erhalten, die Flamme geschürt haben. Nur ein gekreuzigtes Volk

vermag der Messias der Völker zu sein.«

Die alte Frau von Reuter schien von den Freunden die am härtesten

Betroffene zu sein; jetzt, da das ungeheuerliche Verbrechen der Blockade

Kinder und Frauen mordete, erinnerte sie sich mit Entsetzen, daß sie dem

Lande angehörte, das diese Schuld auf sich genommen hatte. »Ich schäme

mich, den Menschen in die Augen zu sehen,« sagte sie zu Lene, und Tränen

flossen über ihr feines, altes Gesicht. »Wir alle tragen Schuld am

Kriege, mich aber drückt noch die Schuld und Schande meines Landes.« Sie

gönnte sich keine Ruhe, die müden alten Füße stiegen unzählige Treppen

hinauf, um Nahrung und Kleidung in elende Dachkammern zu tragen. Es war

bald bei den Freunden ein beliebter Scherz geworden, sie bei jedem Besuch

zu fragen: »Was haben Sie heute verkauft?« Dann errötete die alte Frau

wie ein junges Mädchen: »Nichts, gar nichts.« Und Lene fragte: »Wo ist

denn Dein Diamantring?« »Am Finger irgendeiner fetten Schiebersgattin,«

brummte Boris Isralew von der Chaiselongue her. »Eine alte Frau braucht

keine Ringe,« bemerkte Frau von Reuter lächelnd, »aber kleine Kinder

brauchen Milch.« Der schön eingerichtete Salon wurde kahl und dürftig.

Ein wertvolles Möbelstück nach dem anderen wanderte zum Antiquar. Als die

Teuerung immer größer wurde, überraschte die alte Dame die Freunde mit

der Nachricht, daß sie ihre Wohnung aufgegeben habe und mit Boris Isralew

zwei kleine Stuben in einem ärmlichen Viertel beziehen werde. »Fast

alle meine kleinen Kinder leben dort,« bemerkte sie entschuldigend, »ich

brauche dann nicht mehr so weit zu laufen.«

»Sie richtet sich zugrunde,« meinte Lene besorgt zu Boris.

»Nein, laßt sie nur; sie könnte das Elend nicht ertragen, wenn sie

sich nicht selbst gäbe. Sie ist noch aus der alten Schule, die an private

Wohltätigkeit glaubt, die liebe Alte. Übrigens kein schlechtes Produkt

der alten Schule.«

Warten, warten, warten! An den Fronten verbluten sie zu Millionen; Krüppel

kehren heim, Blinde, Kranke; Kinder verhungern, ein einziger Jammersaal

eines ungeheueren Spitals ist das ganze Land. Kommt denn keine Erlösung?

Verzweiflung schreit zum ehernen Himmel auf, Verzweiflung winselt in

Spelunken und elenden Kammern. Der Himmel ist taub und taub sind auch die

Menschen, die dem Unheil Halt gebieten könnten. Bleierne Tage schleppen

sich in den Herbst, schleppen sich in den Winter. Endlos ist dieser Winter,

es wird nie Frühling werden. Früher, vor dem Krieg, da gab es einen

Frühling, das Eis schmolz, selig erneutes Leben sproß auf. Das war

einmal; es klingt wie im Kindermärchen oder verbirgt dieser Satz noch

einen anderen Sinn?

Warten, warten, warten!

Der Märzwind, der ungestüm mit junger Kraft dem Winter an den Leib

rückt, bringt die Kunde. Worte peitscht er durch die stickige schwarze

Wolkenluft, daß sich die Nebel teilen und blauender Himmel sichtbar wird.

Zauberworte. »Rußland! Revolution! Der Zar ist gestürzt! Die Sozialisten

am Ruder! Friede!« und immer wieder: »Rußland! Rußland!« Der

Völkerheiland erstand aus seinem Grab, das Heil kommt!

Fremde sprechen einander auf der Straße an: »Haben Sie's gelesen? Ist es

wahr?« Osterahnen geht durch die Welt, die Zeitungen, die Kunde aus dem

Osten bringen, werden gelesen wie das Evangelium. Gebeugte Leiber straffen

sich, in verängstete Seelen strömt neuer Mut. »Die haben's gekonnt,

warum nicht auch wir?« Lippen, die das Wort »Feind« versehrt hat,

leuchten rot und geheilt, sie sagen: »Unsere Brüder.«

Die Herren reiben sich die Hände: »Revolution in Rußland! Das ist recht!

Jetzt wird man fertig werden mit der Bande!«

Boris Isralew schüttelt den Kopf, als er die Namen der Führer

liest. »Jubelt nicht zu früh; das ist bloß die erste Stufe.

Bourgeoisrevolution. Aber sie macht den Weg frei für die andere, die

wahre. Es ist noch nicht der Tag, bloß der erste helle Schein im Osten.

Aber der Tag wird kommen!« -- --

Der Tag kam und brachte für Deutschland schwärzeste Nacht; eine Nacht,

aus der sich in Flammenzeichen zwei Worte abheben, ein ewiges Brandmal der

Schande: _Brest-Litowsk!_

Die Herren, die Kapitalisten haben gesiegt: deutsche Soldaten dringen vor

in einem entwaffneten Land, und Deutschlands Ehre liegt im Kot, wird von

Deutschen auf Rußlands Straßen zertreten. Aber diese Schande peitscht

viele auf, die, stumpf vor Elend und Not, sich in alles gefügt haben.

»Sie haben unsere Leiber verkauft,« ruft Kerner, bebend vor Wut, in einer

geheimen Versammlung, »und wir haben es geduldet. Waren von jeher gewohnt,

daß unsere Leiber und Leben den Kapitalisten gehören. Jetzt aber wollen

sie unsere Seelen verkaufen, und das dulden wir nicht! Die sind noch unser,

die kann uns kein Kaiser und kein Feldherr rauben. Unsere Brüder im Osten

sollen sich nicht vergeblich an uns gewandt haben.« Doch noch sind die

Herren zu mächtig, das Volk ist zu schwach; seine Stimme wird übertönt.

Eines jedoch ist gewonnen, der deutsche Arbeiter hat die geblendeten Augen

geöffnet; er erkennt allmählich den wahren Feind, den ihm schurkische

Führer als Freund dargestellt haben; er erkennt auch die Brüder. Der

Osten streckt die Hand aus, und unzählige Hände greifen nach ihr, über

Drahtverhaue, aus Schützengräben und Gefängniszellen, aus dem Kerker

der Not. Noch herrscht die Nacht, doch rötet sich schon der Osten. Zum

zweitenmal hat ein Gewaltiger das Wort gesprochen: »_Es werde Licht!_«

Die Nebel zerteilen sich, die Sonne, noch hinter Wolken verborgen, wärmt

bereits die erstarrte Erde, und über blindes Chaos, Haß und Bestialität

erhebt sich siegreich der Geist!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Boris Isralew lag im Sterben. Seit Monaten bereits fragte sich Johannes

staunend, was dem siechen Körper noch die Kraft zum Leben gab; war es

der unbeugsame Wille des einstigen Katorgasträflings, der nicht fortgehen

wollte, ehe er das Ende des Entsetzens gesehen hatte, oder die glühende

Sehnsucht nach der ersten befreienden Tat im Deutschen Reich?

Er wurde immer ungeduldiger, herrschte die Freunde an, wenn sie von ihrer

Arbeit berichteten, von Flugblättern, geheimen Versammlungen.

»Ihr bleibt im ersten Kapitel des Evangelium stecken!« pflegte er gereizt

auszurufen. »Bei euch ist es immer noch: im Anfang war das _Wort_.

Laßt doch endlich die _Tat_ folgen. Euere vielen Worte, gesprochene wie

gedruckte, erdrosseln die Tat. Aber natürlich, in diesem verdammten Land

der Ordnung wartet ihr, bis euch die Revolution behördlich gestattet

wird!« Als er allmählich schwächer wurde, verschwand jedoch seine

Ungeduld. »Es muß ja kommen und wird auch ohne mich gehen. Wir haben euch

den Weg gezeigt.«

Er sprach von Rußland, grenzenloses Heimweh hatte sich seiner bemächtigt.

Wenn die langen Schatten des Sommerabends in die Stube fielen, redete

er verwirrten Geistes vor sich hin: »Siehst Du, wie die Ebene leuchtet?

Endlos, unbegrenzt. Und dort hinten der Birkenwald, wie er duftet. Heilige

russische Erde, Mutter der Märtyrer und des Heiles, sehe ich Dich doch

noch einmal?« Er sprach zu alten Kameraden: »Morgen, Ivan, wenn der

Minister ausfährt ... Ist Dein Revolver in Ordnung? ... O diese Fesseln,

wie eisig sie im Winter sind! ... Wer ist in der Nachbarzelle? Klopfe noch

einmal, Kamerad, ich habe Dich nicht verstanden.«

Der Tempel: Roman · 第 25 / 26 题