Gustav grinste. »Das will ich meinen, daß meine Formel besser ist.«

»Wir haben nun erwartet,« fuhr der Unterstaatssekretär salbungsvoll

fort, »daß Sie, Herr Doktor, uns Ihre Erfindung anbieten würden. Da dies

bis heute noch nicht geschehen ist, suchte ich Sie auf, um ...«

»Weshalb sollte ich Ihnen das Angebot machen?«

»Wir wissen ja, aus welch echt patriotischer Familie Sie stammen, Ihr Herr

Bruder hat an der Front wahre Heldentaten verrichtet und ...«

»Mein Schwager sitzt im Gefängnis.«

Der Unterstaatssekretär schien peinlich berührt. Begütigend legte er

die Hand auf Gustavs Schulter: »Mein lieber Doktor, niemand ist für

angeheiratete Verwandte verantwortlich; es fällt niemandem ein, Ihnen aus

dem unpatriotischen Verhalten Ihres Schwagers einen Vorwurf zu machen. Aber

eben in Berücksichtigung dieser Tatsache muß es Ihnen als Patriot doppelt

am Herzen liegen, dem Vaterland in seiner Not zu helfen.«

»Ich bin kein Patriot.« Gustav begann ungeduldig zu werden.

Der Unterstaatssekretär wetzte unruhig auf seinem Sessel hin und her.

»Der Herr Doktor meint wohl, er sei gegen Annexionen,« warf Professor

Westwald beschwichtigend ein, »dies ist ja auch die Ansicht verschiedener

durchaus ehrenhafter, loyaler Leute.«

Eine peinliche Pause folgte.

Schließlich nahm der Unterstaatssekretär wieder das Wort. »Es ist Ihre

Pflicht, Herr Doktor, uns die Formel auszuhändigen; das müssen Sie doch

selbst einsehen?«

»Wenn ich es aber nicht einsehe?«

»So werden wir, so leid uns dies auch tut, zu strengeren Maßnahmen

schreiten müssen.«

Jetzt verlor Gustav die Geduld. Er schnellte auf und schrie seinen Gast an:

»Strengere Maßnahmen! Wer gibt euch ein Recht auf mein Gehirn und

dessen Erzeugnisse? Ich habe mich mit der Sache befaßt, weil sie mich

interessierte, aber nicht, um an unzähligen Unschuldigen zum Mörder zu

werden. Zupfen Sie mich nicht am Rock, Herr Professor Westwald, ich weiß

genau, was ich tue, und ich erkläre Ihnen hiermit, Exzellenz, _Sie werden

die Formel nicht bekommen_!«

Auch der Unterstaatssekretär hatte sich erhoben, blaß vor Zorn starrte er

auf Gustav. »Sie werden die Regierung zu Schritten zwingen, Herr Doktor,

die Ihnen äußerst unangenehm sein dürften.«

»Ich pfeife auf eure verdammte Regierung!« Außer sich vor Wut, riß

Gustav die Schreibtischlade auf, zog einen beschriebenen Zettel heraus und

zerriß ihn, bevor ihn die beiden daran hindern konnten, in kleine Stücke.

»So, Exzellenz, jetzt lassen Sie eine Haussuchung vornehmen, das war die

Formel!« Er lachte grimmig auf: »Aber da drin in meinem Kopf steht sie

noch immer geschrieben, und ich werde sie vielleicht einmal anderweitig

verwenden können.«

Der Unterstaatssekretär wandte sich an den Professor. »Haben Sie die

letzten Worte des Herrn Doktor genau gehört; könnten Sie sie im Notfall

unter Eid bestätigen?«

Der Tempel: Roman · 第 24 / 26 题