Dann kamen Tage, an denen er stumm, bewußtlos dalag. -- --

An einem Augustmorgen, als es zu dämmern begann, öffnete er die Augen.

Frau von Reuter, die an seinem Bett eingenickt war, erwachte, als seine

Hand ihre Schultern berührte. Er blickte sie an, ohne sie zu erkennen,

lächelte, sprach ein paar russische Worte, hob die Arme und rief: »Wir

siegen!« Dann streckte sich der abgezehrte Körper, bäumte sich noch

einmal auf und fiel zurück; die gebrochenen Augen blickten starr nach dem

Fenster, in die aufgehende Sonne.

* * * * *

Als Lene etwa eine Woche später Johannes und Gioia aufsuchte, blieb

sie wie erstarrt an der Türschwelle stehen; der Mann dort beim Fenster,

unmöglich, es konnte ja nicht sein, und dennoch ... »Savin!«

Ein wohlbekanntes Gesicht lachte ihr entgegen. »Ein kleiner Irrtum, liebe

Lene, Herr Rotberger, Kaufmann aus Linz.«

»Wie ist es denn möglich?«

»Alles ist möglich und mehr als alles wird möglich werden. Wie geht's,

Strohwitwe? Was macht Anatol? Und Gustav sitzt auch? Ich habe auch

gesessen, verdammt lange sogar, bis zur zweiten Revolution.«

Am Abend kamen sie alle bei Frau von Reuter zusammen. »Es sind unser recht

wenig geworden,« meinte Savin, sich im Kreise umblickend. »Den armen

Boris hätte ich gerne noch gesehen. Und wo steckt der Prophet?«

»Der geht überhaupt nicht mehr aus,« erwiderte Johannes. »Hockt den

ganzen Tag daheim und betet. Er glaubt, der Messias werde demnächst

kommen.«

»Er hat so Unrecht nicht, der alte Mann. Wir in Rußland haben mit dem

Aufbau des Gottesreiches begonnen,« bemerkte Savin ernst.

»Erzähle!«

Er erzählte, berichtete, wie der geballte Wille eines gepeinigten

Volkes Gestalt angenommen, und aus dieser Gestalt sich das Räterußland

entwickelt hatte.

»Blutig, sagt Ihr, sei die Revolution verlaufen? Ja, sollen wir etwa

unseren Feinden mit der reinen Vernunft auf den Leib rücken? Sie

wehren sich, das ist von ihrem Standpunkt aus begreiflich, und wir sind

verpflichtet, das Errungene zu schützen. Nicht etwa, daß es vernichtet

werden könnte. Erschlagt uns alle, setzt die Autokratie wieder ein,

aus der russischen Erde werden sich Menschen bilden, die unsere Idee

fortführen. Rußland ist durchtränkt von der Idee, sie sickert in

die Geister ein; unsere Feinde von gestern sind heute unsere Anhänger.

Propaganda? Freilich treiben wir Propaganda; aber ich meine, wir hätten

es gar nicht nötig. Wir haben die Jahrtausende alte Sehnsucht der Völker

verwirklicht; unser bloßes Bestehen ist Propaganda genug.«

»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner.

»Bei Euch ist das anders. Ihr müßt vom Schlamm der Bourgeoisie erst in

den Schmutz des Kleinbürgertums geraten, des brutalen, herrschsüchtigen

Kleinbürgertums. Euch fehlt der Schwung, um diese Stufe zu überspringen.

Ihr müßt Euch emporarbeiten, Schritt für Schritt, werdet zurückfallen

und von neuem beginnen müssen. Das weiß man bei uns; wir rechnen noch

nicht auf euch, in drei, vier Jahren vielleicht.«

»Wir sind nicht müßig gewesen,« warf Gioia ein.

»Ich weiß es, auch ihr habt gute Führer, nur sitzen die meisten jetzt

augenblicklich im Gefängnis. Und dann noch eins, das russische Volk vermag

seine wahren Führer zu erkennen, das deutsche nicht. Gebt ihm Lenin oder

Trotzki, es wird ihn nicht verstehen, wird Mißtrauen empfinden, sich gegen

ihn aufhetzen lassen.«

»Haben Sie uns keine Botschaft gebracht, Savin?« warf Lene ein.

»Rotberger, bitte. Ja; aber die muß ich zuerst anderen berichten, dann

sollt ihr es erfahren.«

Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, fragten, erzählten. Es war,

als sei mit dem Russen ein frischer Lufthauch gekommen, der die dumpfe

Schwüle zerstörte. Sie lauschten ihm, wie man dem Wanderer lauscht, der

heimgekehrt, von einem sagenhaften Lande berichtet, einem Lande, in dem

alle Träume und Sehnsüchte Wahrheit geworden sind.

* * * * *

Die Welt hielt den Atem an und wartete mit klopfenden Pulsen. Die

Zentralmächte hatten ein Friedensangebot gemacht. Es gab keine laute

Freude, allzu teuer war dieser Friede erkauft; dumpfer Groll erhob drohende

Fäuste.

Die Patrioten zitterten, sie waren bereit, alles zu opfern, selbst den

»geliebten Kaiser«, um das Volk zu beschwichtigen. _Das Volk!_ Was war

aus der stumpfen Masse geworden, dem wehrlosen Schlachtvieh, über das die

Herren bedingungslos verfügen konnten? Plötzlich löste sich diese Masse

auf, und man erkannte schaudernd, daß sie aus Menschen bestand, lauter

verbitterten, haßerfüllten Menschen. Und wie viele es waren! Früher

hatte man jubelnd gesagt: »Ja, wir haben es, das Menschenmaterial«

und hatte sich über die Zahl derer gefreut, die man in den Tod schicken

konnte. Heute verfluchten die Herren die ungeheuere Anzahl, ja, mit einem

kleinen Volk, mit dem könnte man fertig werden, ein paar verläßliche

Regimenter würden genügen. »Verläßliche Regimenter?« Wer ist heute

noch verläßlich? Matrosen meutern, Soldaten; seltsam, es war den Herren

nie eingefallen, daß auch diese zum Volk gehören, Volk sind. Nun mußten

sie's erkennen. -- --

Die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Der Volksstaat Bayern wurde

proklamiert; noch stritt man über des Kaisers Rücktritt, da wurde auch

schon in Berlin die Republik ausgerufen.

»Revolution?« sagte Savin zu Gioia, die außer sich vor Freude war. »Das

ist keine Revolution. Ist vielleicht der Auftakt. Wer hat die Republik

verkündet? Ein Sozialpatriot. Wer wird herrschen? Die Sozialpatrioten. Der

kleine Bourgeois kommt ans Ruder, Kerenski und Dan. Das Volk ist eben

so schlecht daran, wie zuvor, schlechter, weil man ihm noch leichter

vortäuschen kann, es habe mitzureden. Glaubt ihr denn Revolution sei eine

Spielerei? Solange sie nicht ein Elementarereignis ist, ein Ausbruch der

Masse, kann sie nichts erreichen.«

»Du hast Unrecht, Savin,« meinte Johannes.

»Wir werden ja sehen. Weil ein Wetterleuchten die Nacht erhellt hat,

wähnt ihr, der Morgen sei gekommen. Glaubt mir, die Nacht, die dieses

unglückselige Land bedeckt, muß noch weit dunkler werden, ehe es tagt.«

Von der Straße drangen Jubel und Freudenrufe ins Zimmer. Gioia öffnete

das Fenster und lehnte sich weit hinaus.

»Der falsche Messias,« murmelte Savin verdrossen, »der Heiland der

Bürger! Schließen Sie das Fenster, Gioia, ich kann es nicht ertragen, die

Leute denen zujubeln zu hören, die sie knechten werden.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Mein Gott, weshalb haben sie uns nicht im Gefängnis gelassen?« sagte

Anatol Silberblatt düster und starrte in den grauen Winterabend

hinaus. »Dort waren wir glücklich, ahnten schon lange, daß sich etwas

vorbereite, füllten die grauen Tage mit Hoffnung aus. Und dann, diese

wundervolle Nacht vom neunten November! Mein Zellennachbar hatte die

Nachricht erfahren. Woher? So etwas sickert durch die Mauern hindurch. Er

klopfte an die Wand: »Sieg! Revolution!« Ich ließ ihn die Worte drei,

viermal wiederholen, mußte sie immer wieder hören. Als ich sie weitergab,

hörte ich meinen anderen Nachbarn schluchzen wie ein Kind. Wir waren alle

schier verrückt vor Glück. Endlich! Und dann kommt man heraus, und findet

-- das.«

Er wandte Lene sein zerquältes Gesicht zu.

»Liebster,« entgegnete sie zögernd, nach Trost tastend, »es ist doch

wenigstens der Anfang.«

»Nein, es ist das Ende. Wie habt Ihr es zugeben können? Einen Tag lag

die ganze Macht in den Händen des Proletariats, und es läßt sie sich

entwinden. Nicht entreißen, wenn es der Übermacht erlegen wäre, aber

nein, es läßt sich die Macht aus den Händen nehmen, glaubt dabei noch,

es habe sie an seine Freunde weitergegeben ...«

»Wir sind 1905 auch geschlagen worden,« warf Savin ein.

»Das war etwas anderes; damals seid ihr euren Feinden gewichen, habt

gewußt, in etlichen Jahren beginnt der Kampf aufs neue. Aber heute glaubt

der größte Teil des Volkes, alles sei in schönster Ordnung.«

»Wir haben doch Freunde in der Regierung,« Lene klammerte sich

verzweifelt an jedem Strohhalm.

»Die werden schön langsam verdrängt, heute der, morgen ein anderer.«

»Wir werden nicht dulden, daß einer geht,« rief Johannes und Gustav

fügte hinzu: »Du siehst zu schwarz, Anatol, wir können jeden Augenblick

Verstärkungen aus Spandau und Frankfurt an der Oder erhalten. Es wird

übrigens gar nicht nötig sein, zu derartigen Mitteln zu greifen. Laß am

Sonntag den Demonstrationszug zustande kommen, da wird unserer herrlichen

Regierung schon das Herz in die Hosen fallen.«

Aber Anatol wollte sich nicht beschwichtigen lassen.

»Ihr vergeßt immer, _wer_ heute die Macht an sich gerissen hat.

Unbedeutende, verbürgerte Leute, die sich zum erstenmal groß und wichtig

vorkommen. Die werden an der Macht festhalten, zäh wie ein Hund an seinem

Knochen, werden mit der Bourgeoisie paktieren, mit dem Militär, alles tun,

um nur an der Spitze zu bleiben. Die ...«

»Sie werden sich nicht eines solchen Verrates schuldig machen,«

unterbrach ihn Gioia heftig.

Anatol lachte bitter. »Sie haben sich in vier langen Jahren an den Verrat

gewöhnt; was könnt ihr anderes von ihnen erwarten? Das wissen auch unsere

Führer, wissen genau, daß es den Kampf aufs Messer gilt.«

»Komm, Anatol, wir wollen in die Versammlung gehen, Liebknecht wird

sprechen,« erinnerte Johannes.

»Ich kann nicht auf die Straße gehen, kann nicht die rote Fahne wehen

sehen, beschmutzt und entehrt von den Händen, die sie gehißt haben.

Zweimal hat Deutschland die Idee gemordet, in Brest-Litowsk und in der

deutschen Revolution!«

Er verbarg das Gesicht in den Händen, tiefe Stille herrschte in der

kleinen Stube, verzagte, trostlose Stille. Schließlich brach Frau von

Reuter das Schweigen. Ihre alte, zitternde Hand fuhr liebkosend über

Anatols gebeugten Kopf. »Ich verstehe nicht recht, worum es sich

handelt, weiß nur unklar, daß wieder einmal Menschen das Heilige zu sich

herabgezerrt und geschändet haben. Das brandmarkt die Menschen, mein Kind,

aber nicht das Heilige. Das bleibt, das ist ewig und unbesieglich. Und auch

hier tragen es noch viele im Herzen. Glaube mir, es ist so stark, daß es,

selbst wenn es auch nur ein Einziger in seiner Seele bewahrte, von dieser

einen Seele aus die Welt entflammen könnte.«

Anatol hob den Kopf, er schien die Worte der alten Frau nicht gehört

zu haben, mit verzerrten Zügen blickte er zum Fenster hinaus. »Wie der

Schnee fällt, alles zudeckt; die ganze Straße sieht aus wie ein Grab.«

Sie verstanden seine Stimmung, die sich allmählich allen mitgeteilt hatte.

Nur die alte Frau lächelte und sagte leise, aber bestimmt: »O ihr Jungen,

wißt ihr denn noch nicht, daß das Grab nicht den Tod bedeutet, sondern

die Auferstehung?« -- --

Durch die Siegesallee wälzte sich der endlose Zug, eine schwarze Drohung

im fahlweißen Wintertag. Mit blödem Staunen blickten die weißen

Marmorpuppen von ihren Sockeln herab: was soll das bedeuten? Das hat es

zu unserer Zeit nie gegeben! Da haben sich die gemeinen Leute schön

bescheiden geduckt und unseren Befehlen gefügt. Was sind das für

Menschen, die hier an uns vorüberziehen? Sie sehen arm aus, gleichen in

Kleidung und Äußerem unseren Untertanen, aber nie sahen wir in den Zügen

unseres braven Volkes einen derartigen Ausdruck. Gehorsam, Ergebenheit,

salbten sein Angesicht, und es wagte kaum, die Augen zu uns zu erheben.

Diese jedoch haben harte, entschlossene Gesichter, ehrfurchtslose,

kühn blitzende Augen. Bei Gott, das sind keine Untertanen mehr! Die

Fürstenpuppen der Siegesallee fröstelten, zogen sich den Schneemantel

fester um die Schultern und hätten gerne die Köpfe geschüttelt, wenn

ihnen dies der starre Marmornacken gestattet hätte.

Sie hatten mit ihren blinden Augen -- stets sind Herrscheraugen blind

gewesen, auch wenn sie nicht aus weißem Marmor gemeißelt sind -- zum

erstenmal richtig gesehen. Das waren keine Untertanen mehr, die an ihnen

vorüberzogen, waren Menschen, die, ihrer Würde bewußt, keinen Herrn mehr

anerkannten, weil sie endlich, endlich begriffen hatten, daß sie selber

die Herren waren, die Macht -- sie, das Volk, das Proletariat. Zu Tode

verbitterte Menschen waren es, weil sie erkannt hatten, man habe sie zum

zweitenmal betrogen und diesmal war nicht der Feind der Betrüger gewesen,

sondern der angebliche Freund, die Männer, denen sie jahrzehntelang

geglaubt hatten, die ihre Führer gewesen waren.

Diese Erkenntnis brütete schwüle Hitze aus, von Mensch zu Menschen flog

das böse Wissen, entfachte sich bei jedem neuen Anprall. Flammen des

Hasses züngelten auf, und jeder neue Gedanke brachte dem Feuer neue

Nahrung. Sturmwind waren die Worte der Führer, fuhren in die Flammen,

trieben sie hoch, vergrößerten ihre Kraft. Lodernder Haß, heiliger Zorn

schritt an jenem Sonntag durch die Straßen Berlins. Anatol, der sich dem

Zug angeschlossen hatte, lachte auf, aus befreiter Brust. »Besiegt? Wie

konnte ich dies nur glauben? Durch jeden Druck werden wir stärker. Wir

sind das Feuer, das den Lügenwald verzehrt, sind das Meer, das die Düne

überflutet. Für eine vom Felsen zurückgeworfene Welle gischen hunderte

auf. Wir sind unsterblich, weil wir die Menschheit sind. Mögen sie uns

töten, vernichten, neue Flammen werden aus Asche und Schutt brechen und

ihre Festen zerstören. Wir sind unbesieglich!«

* * * * *

Kampf tobt in den Straßen Berlins. Schüsse hallen wider, Blut befleckt

die Straßen, Schreie gellen auf, Militär jagt einher; Bürgerkrieg!

Verhaltener Grimm fletscht die Zähne. Die Besiegten vom neunten November,

die Offiziere, die »treuen« Truppen, toben sich aus; sie sind mit einem

Male gut Freund mit der bisher verhaßten Regierung. Entfesselte Roheit

feiert Triumphe. In ihren Höhlen liegt lauernd die Reaktion und freut sich

des Gemetzels.

Eine kleine Schar -- die erhofften Verstärkungen sind ausgeblieben --

kämpft einen Verzweiflungskampf, einen Kampf, der nur mit ihrer Niederlage

enden kann. Nicht immer werden sie die Schwächeren sein, das Reich der

Freiheit muß mit Blut erkauft werden. Und sie, die zerlumpt und elend

auf den Straßen sterben, zu Tode getroffen, von Pferden überritten, sie

lassen ihren Kindern ein köstliches Erbe -- die Idee. Und wenn unsere

Führer fallen, wir sind nicht führerlos, mit der roten Fahne in der Hand

zieht die Idee vor uns her, wie die Feuersäule des Herrn den Juden den Weg

wies ins gelobte Land. -- --

Gustav ist verwundet, es gelingt Anatol und Johannes, die in seiner Nähe

kämpfen, ihn in Johannes' Wohnung zu bringen. Als sie wieder fortwollen,

klammert sich Gioia einen Augenblick an Johannes. »Wann kommst Du

wieder?«

»Ich weiß nicht. War Lene nicht hier?«

»Sie brachte das Kind her, lief wieder fort. Und ich muß jetzt daheim

sitzen.«

»Einige müssen am Leben bleiben, Gioia.«

Sie erschrickt vor dem Ernst seiner Stimme.

»Du glaubst, daß es hoffnungslos ist, daß wir nicht siegen können,

vergeblich sterben?«

»Nicht vergeblich, Liebste. Dies ist kein Entscheidungskampf, ist bloß

der Anfang eines langen, langen Ringens.« Er küßt sie innig. »Leb'

wohl!« -- --

Die frühe Winternacht bricht herein, alles verschwimmt zu grauer Masse.

Der Kampf in den Straßen flaut ab; hier und dort dröhnt noch ein Schuß,

in der Ferne rattern Maschinengewehre. Bisweilen schleudern Scheinwerfer

grelles Licht auf den Asphalt.

Johannes steht auf seinem Posten. Er ist todmüde, kalter Wind läßt ihm

die Glieder erstarren, tiefe Traurigkeit lastet bleiern auf seinem Gehirn.

Pferdegetrampel klingt dumpf vom Pflaster auf. Johannes hebt das

Gewehr. Schon haben ihn die Feinde bemerkt. »Wieder so ein verfluchter

Spartakist!«

Ein Blitz zerreißt die Winternacht. Ein scharfer Knall. -- Die Soldaten

reiten weiter. Johannes liegt auf der Erde, fühlt, wie eine warme,

klebrige Flüssigkeit an ihm herabrieselt.

Am unteren Ende der Straße kommt es noch zu einem Zusammenstoß.

Scheinwerfer erhellen das Dunkel, Johannes sieht mit sich trübenden Augen,

wie kleine schwarze Punkte aufeinander losstürzen. Verzweiflung überkommt

ihn. Ist das das Ende? Die Ungerechtigkeit siegt und die Freiheit flieht?

Wird das gelobte Land niemals erreicht werden? Vor seinen Toren stehen

Heere mit Maschinengewehren.

Aus der Ferne tönt Hufschlag. Seltsam, es klingt wie etwas anderes,

klingt, als würden bei einem Bau Steine geklopft, Steine. Seine Gedanken

verwirren sich. Es ist ihm plötzlich warm und wohl zumute. Die bleierne

Trauer, die seine Brust zusammengepreßt, hebt sich. Zartes, gedämpftes

Klingen tönt in seinen Ohren, Schellen, ja Schlittenschellen. Vor seinen

geschlossenen Augen steigt ein Bild auf. Eine breite, unendlich lange

Straße ist es, hell erleuchtet. In einem Schlitten sitzt er als kleiner

Junge, in Pelze gehüllt neben einer schönen Frau ... Ein schlanker

Arm preßt ihn fest an einen duftenden Körper ... Der Schlitten rast

dahin ... Das Bild verschwimmt. Nun glaubt er, eine behagliche Wohnstube

zu sehen ... Gioia sitzt am Schreibtisch ... das elektrische Licht fällt

prall auf ihr rotbraunes Haar ... es schimmert wie Bronze ... Und immer

wieder, durch alle Bilder, durch alle wirren Träume dieser seltsame Ton,

als würden Steine geklopft ...

Er öffnet die Augen; woher kommt dies Geräusch? Und da sieht er von Licht

überflutet einen hohen Hügel vor sich ... Aus unendlicher Ferne hört

er eine längstvergessene alte Stimme: »Und siehe, sie fügten Stein an

Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und

Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der

heilige Tempel wieder aufgebaut werde, und sein Herz jauchzte und sprang

vor Freude ...«

Der Tempel; ja, Steine werden geklopft beim Tempelbau ...

Am Ende der Straße kämpfen noch immer schwarze, verschwimmende Pünktchen

miteinander. Johannes sieht sie vorspringen, zurückweichen, winzige,

schwarze Pünktchen. Bisweilen blitzt etwas auf, ein scharfer Strahl zuckt

von einem Pünktchen zum anderen. Eine kalte Wirklichkeitswelle spült

erstarrend über Johannes' Gehirn. Das sind Menschen, kämpfende Menschen.

Dann hüllt ein warmer, rosiger Nebel ihn völlig ein. Es duftet plötzlich

nach Flieder. Angestrengt starrt er auf die kämpfenden, schwarzen

Pünktchen. Und lächelt. Wie hat er nur glauben können, daß dies

kämpfende Leute sind, Menschen, die sich gegenseitig ein Leid antun? Das

ist nur ein böser Traum gewesen. Nun sehen seine Augen wieder klar,

immer lauter wird das Klopfen, und er erblickt einen endlosen Zug, der mit

Bausteinen in den Händen den Hügel hinansteigt ... Und immer neue kommen

hinzu, von allen Enden der Welt und bringen Stein um Stein ...

Es wird ihm schwarz vor den Augen, er schließt sie, ringt keuchend nach

Luft ... Dann öffnet er sie noch einmal, und vor seinem beseligten Blick

steht der Tempel, schimmernd und gleißend in überirdischem Licht, und

ragt in vollendeter Herrlichkeit in den Nachthimmel auf ...

Ende.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~.

Im Originalbuch fehlt, zwischen siebtem und neuntem Kapitel, die

Kennzeichnung eines achten Kapitels. Es wurde deshalb auf Seite 44

an der Position eines inhaltlichen Gedankenwechsels

die Überschrift "Achtes Kapitel." eingefügt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 4:

im Original "legten Stein an Stein, und meiselten und hämmerten"

geändert in "legten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten"

Seite 15:

im Original "»Und wer ist die Muttergottes.«"

geändert in "»Und wer ist die Muttergottes?«"

Seite 18:

im Original "alldies hatte er schon einmal gesehen"

geändert in "all dies hatte er schon einmal gesehen"

Seite 22:

im Original "gut zu den beiden. die bucklige Schustersfrau"

geändert in "gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau"

Seite 28:

im Original "Bitte, Muttergottes, für die Heilige!"

geändert in "Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«"

Seite 31:

im Original "»Margarete kommt demnächst zu Besuch!»"

geändert in "»Margarete kommt demnächst zu Besuch!«"

Seite 38:

im Original "»Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?"

geändert in "»Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?«"

Seite 38:

im Original "am Morgen fand er hiezu keine Zeit"

geändert in "am Morgen fand er hierzu keine Zeit"

Seite 46:

im Original "Mein Vater sagt aucht man müsse"

geändert in "Mein Vater sagt auch, man müsse"

Seite 50:

im Original "»Das unterirdische Rußland« von Stepniak, das kenne ich.«"

geändert in "»›Das unterirdische Rußland‹ von Stepniak, das kenne ich.«"

Seite 66:

im Original "Du sollst doch »gute« Bekanntschaften machen"

geändert in "Du sollst doch ›gute‹ Bekanntschaften machen"

Seite 76:

im Original "kommt ihnen merkwürdig vor, nicht wahr?"

geändert in "kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht wahr?"

Seite 77:

im Original "Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein"

geändert in "Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein."

Seite 78:

im Original "»Du, Lene?« Das ist nett, daß Du mich besuchst."

geändert in "»Du, Lene? Das ist nett, daß Du mich besuchst."

Seite 79:

im Original "›Was arbeitest Du jetzt? oder ›Was bedeutet diese Formel?‹"

geändert in "›Was arbeitest Du jetzt?‹ oder ›Was bedeutet diese Formel?‹"

Seite 82:

im Original "Diese alte Dame its die Liebe Ihres Bruders Johannes"

geändert in "Diese alte Dame ist die Liebe Ihres Bruders Johannes"

Seite 89:

im Original "sie besonders ergriffen hatte -- die der »»Scheuerfrauen«."

geändert in "sie besonders ergriffen hatte -- die der »Scheuerfrauen«."

Seite 90:

im Original "verwirrte ihren Geist' andere starben freiwillig"

geändert in "verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig"

Seite 92:

im Original "Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu:"

geändert in "Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu."

Seite 94:

im Original "»Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose"

geändert in "Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose"

Seite 97:

im Original "auch ich finde, die Leute hier entsetzlich"

geändert in "auch ich finde die Leute hier entsetzlich"

Seite 99:

im Original "»Sagen Sie nicht Gräfin«, lieber Herr Pastor"

geändert in "»Sagen Sie nicht ›Gräfin‹, lieber Herr Pastor"

Seite 101:

im Original "Mit heimwehschweren Augen betrachtet sie die"

geändert in "Mit heimwehschweren Augen betrachtete sie die"

Seite 101:

im Original "Ueber ihr lächelte im sonnigen Glanz"

geändert in "Über ihr lächelte im sonnigen Glanz"

Seite 106:

im Original "»Sehr ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr"

geändert in "»Seht ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr"

Seite 116:

im Original "»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt,« höhnte"

geändert in "»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte"

Seite 120:

im Original "»Verräter!« »Spion!« Saujud! Schlagt ihn tot!««"

geändert in "»Verräter!« »Spion!« »Saujud! Schlagt ihn tot!«"

Seite 120:

im Original "»Sollen wir unsere Ueberzeugungen verleugnen?«"

geändert in "»Sollen wir unsere Überzeugungen verleugnen?«"

Seite 122:

Absatz eingefügt vor "Lene warf den Brief unmutig auf den Tisch"

Seite 124:

im Original "Es seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia"

geändert in "Er seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia"

Seite 129:

im Original "Blut der Märyrer ist der Same der Kirche"

geändert in "Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche"

Seite 138:

im Original "Früher. vor dem Krieg, da gab es"

geändert in "Früher, vor dem Krieg, da gab es"

Seite 140:

im Original "»Laßt doch endlich die _Tat_ folgen."

geändert in "Laßt doch endlich die _Tat_ folgen."

Seite 143:

im Original "Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner."

geändert in "»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner." ]

Der Tempel: Roman · 第 26 / 26 题