Er beachtete ihren Einwurf nicht, fuhr wie zu sich selbst fort: »Mir ist
zumute, wie in meinen Kindertagen; alte unklare Erinnerungen suchen mich
heim. Ich sehe eine große Stadt, höre wilde Schreie, Menschen kommen mit
Knüppeln, fallen über andere her. Woher kommt dies Bild? Ich erinnere
mich an nichts derartiges. Dann gibt es noch ein Bild, das mich bis in
meinen Schlaf verfolgt: auf hohem Hügel ein zertrümmerter, eingestürzter
Bau, eine Woge des Weinens und Klagens umspielt ihn, und ich weiß, daß
zusammen mit diesem Bau die Hoffnung der Menschen vernichtet ward.«
»Wir richten ihn wieder auf!« rief sie eifrig. »Schon sind die Bauleute
an der Arbeit, bei uns und in allen Ländern.«
Er schüttelte verzagt den Kopf. »Ich sehe keine.« Dann nach einer
kleinen Pause: »Du wolltest mir doch etwas erzählen?«
»Ja, ein Brief von Savin ist gekommen.«
»Aus Rußland? Wie ist das möglich?«
»Wir wissen es selbst nicht. Heute Morgen fand Boris in seiner Tür einen
schmutzigen Umschlag ohne Aufschrift stecken. Darin lag ein Zettel, Savins
Schrift, bloß ein paar Worte: ›Verliert nicht den Mut, Großes bereitet
sich vor, wir arbeiten trotz allem zusammen. Grüße die Genossen.‹
Siehst Du, daß wir Freunde haben, Johannes?«
»Ich begreife den ganzen Vorfall nicht, seid vorsichtig, es kann eine
Falle sein. Und Deine zweite Neuigkeit?«
Sie neigte den Kopf zu ihm herab, sprach halblaut. »Weißt Du, wer heute
bei uns war, um die Arbeit zu organisieren?«
»Nun?«
»Ich will keine Namen nennen, die Wände haben Ohren. Wir haben unseren
Führer wieder, den Mann, dem wir am meisten vertraut haben, und der uns am
bittersten enttäuscht hatte.«
Johannes schnellte auf. »Gioia! Ist das möglich? Er hat sich besonnen,
ist zu uns zurückgekehrt?«
»Ja, er sammelt die Genossen in aller Stille, niemand darf davon wissen.
Bist Du noch immer so niedergeschlagen?«
Er war wie verwandelt; helle Röte stieg ihm in die blassen Wangen, neue
Glut belebte die müden Augen. Er rang nach Worten.
»Er, der Mann, der Deutschlands Bestes verkörperte, von dem wir alles
erhofften! Wenn es einen Menschen gibt, der die Massen von ihrem Wahn zu
heilen vermag, ist er es. Gioia, daß wir ihn wieder haben, daß er der
Sache dennoch treu geblieben ist!«
»Wirst Du wieder daran glauben, daß alles gut werden wird? Wir hier, in
den anderen Ländern die Freunde, wir sehen einander nicht, hören unsere
Stimmen nicht, aber wir wissen, daß jeder den Stein herzuträgt, jeder
am Tempel der Freiheit baut, bis er aufragt über Blut und Tränen der
geschändeten Menschheit.«
* * * * *
Bleiern schleppte sich die Zeit dahin, auf dunkle Wintertage folgte ein
freudloser Frühling. Weshalb scheint die Sonne, weshalb schmücken sich
die Bäume mit frischem Laub? Draußen an der Front stehen die Menschen,
vergehen in Elend und Not, daheim hockt an jedem Herde die Trauer um
Verlorene und hüllt das ganze Haus in ihre schwarzen Schleier. Kommt noch
kein Ende? Sieg oder Niederlage, bloß ein Ende des Grauens. Regen sich die
Völker noch immer nicht? Stumpf ziehen sie aus, stumpf kehren die Krüppel
und Verwundeten heim. Und noch immer betäuben die Regierungen die Ohren
ihrer Untertanen mit dem Wort: »Vaterland« und ersticken in patriotischem
Fanfarenklang das Weinen der Verzweifelten.
Die Asche dumpfgrauer Ergebung bedeckt die Länder. Niemals kann daraus die
befreiende Flamme auflodern.
Und dennoch! Knistert es nicht hier und dort wie verborgene Glut, leuchtet
nicht bisweilen ein roter Funke auf?
Durch siegestrunkene Massen, durch niederlagegeängstete Völker gehen
Menschen, die eine andere Sprache reden, die Sprache, die vor dem Kriege
so vielen verständlich war. Einer horcht auf, dann ein zweiter; scheu,
ängstlich, schier wie im Traum flüstern sie die Worte nach. Totes wird
wieder lebendig. Erstarrtes taut auf. In allen Sprachen werden die Worte
geflüstert, harte und weiche Laute fließen zusammen. Noch ist es
bloß Raunen, doch Tag für Tag fallen neue Stimmen in den Chor ein. Die
Schuldigen, die an sicheren Stellen verharren, die Henker, die reuelos ihre
Völker in den Tod schicken, sind taub gegen das unterirdische Gemurmel.
Sie hören bloß ihr eigenes Kriegsgebrüll. Und der Chor schwillt an. Bald
wird der Tag kommen, da er aufgellend Kanonengedröhn und Hurrageschrei
übertönt, da aus Schützengräben und Spitälern, aus Elendswohnungen
und Gefängnissen ein Wort hervorbricht und wie Blitz in den Himmel fährt:
»_Friede, Freiheit, Revolution!_«
Zwanzigstes Kapitel.
In weichen blauen Schatten, blaßflimmernden Lichtstrahlen gleitet der
erste Maitag in die Nacht hinüber. Bogenlampen kämpften noch mit der
Tageshelle, glühen fahl und gespenstisch auf.
Reges Treiben herrscht auf den Straßen, Menschen hasten dahin, stoßen,
drängen in eine Richtung, als wären sie magnetisch angezogen. Auf dem
Potsdamer Platz staut sich das Volk; harte Arbeitergesichter, blasse
abgehärmte Frauen, zufrieden-fette neugierig glotzende Bürger,
Schutzleute mit herausfordernden Gebärden, alles wogt durcheinander.
Bisweilen schrillt ein Pfiff durch die Luft, ein Ruf wird laut; leises
gedämpftes Murmeln umspült den Platz, wie Wogen ein Felsenriff.
Noch kommen Menschen, mehr und mehr. Seltsam verändert scheinen die seit
zwei Jahren in tierischer Ergebung verstumpften Gesichter. Trostlose Augen
leuchten plötzlich hoffnungserfüllt, halboffene Münder scheinen nach
frischem Trank zu gieren, schlaffe Muskeln straffen sich, von neuer Ahnung
belebt. So mag die Menge ausgezogen sein, den Nazarener zu sehen, der Worte
des ewigen Lebens hatte. Und so, mit dem hämischen Feindesblick, mit der
satten Selbstherrlichkeit mögen auch damals die Pharisäer und Reichen
abseits gestanden haben, törichter Neugierde voll, wie heute die Bürger.
Menschen um Menschen, schwarz wird der dicht gedrängte Platz, und noch
immer kommen neue hinzu, kommen, kommen ...
Einer hat sie gerufen, einer, auf den sie vertrauen dürfen, der Freund der
Geknebelten und Geknechteten, der Mann, der aus dem Schlamm der Feigheit,
in dem seine einstigen Genossen versunken sind, aufstieg, der Feind der
Herren und Unterdrücker.
Er spricht zu ihnen, Blitze sind die kurzen scharfen Worte, die das
Dunkel der Geister erhellen, Schöpfung ist seine Rede, aus verängsteten
Herdentieren formt sie Menschen, Ketten zerreißt sie, knüpft von neuem
das Band, das Volk mit Volk vereint. Von Mund zu Mund gehen seine Worte,
fallen, unauslöschlicher Funken, auf entflammbaren Boden. Bebende
Bürgerangst peitscht die Schutzleute vor: »Laßt diesen Mann nicht
sprechen, seine Worte bedeuten Verderben für uns. Weh uns, wenn das Volk
die Wahrheit erkennt. Schafft uns den Mann aus dem Weg!«
Die Polizisten drängen durch die Menge; da erhebt der Mann seine Stimme,
tausend Stimmen aus allen Ländern klingen in dieser einen Stimme mit,
Drohung, Prophezeiung, Weltgericht verkündet die Stimme: »_Nieder mit dem
Krieg! Nieder mit der Regierung!_«
Zwei Schutzleute greifen ihn, er wehrt sich, wird fortgeschafft. Schreien,
Johlen und Pfeifen schlägt gegen Häusermauern. Langsam zerstreut sich die
Menge. Sie trägt die Worte mit heim, wird sie hüten und wahren, bis sie,
zum Feuerstrahl werdend, in das morsche Gebäude hineinschlagen, das ihnen
allen als Kerker dient.
Rohe Hände haben des Mannes Mund verschlossen, und doch fliegen seine
Worte über die Grenzen, entflammen die Herzen der wenigen Getreuen in den
anderen Ländern mit Freude und Hoffnung, treiben anderen, denen der Mut
der Überzeugung fehlt, Schamröte ins Gesicht.
»Gott sei Dank, der ist unschädlich gemacht,« seufzen erleichtert die
Bürger, »nun können wir unseren heiligen Krieg ungestört genießen; er
hat ja doch auch seine guten Seiten.«
Gioia hat die Nachricht von Karl Liebknechts Verhaftung gebracht, bestürzt
sitzt sie mit Johannes und Lene in der Wohnung der letzteren.
»Was nun?« fragt Johannes mit der alten Verzagtheit.
Gioia hat glühende Wangen und leuchtende Augen. »Doppelte Arbeit für
uns; auch im Gefängnis bleibt er unser Führer, wirkt vielleicht noch mehr
denn zuvor. Weißt Du nicht, was in den Meßgebeten der Märtyrer steht:
»Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.« Die schwerste Arbeit
ist getan, die Masse hat die Not erkannt, die sie umgibt, jetzt können
auch kleine Leutchen wie wir, den Weg zur Wahrheit weisen.«
Lene drückt der Freundin Hand. »Du bist die Tapferste von uns, Gioia,
verlierst nie den Mut.«
»Wenn Ihr ihn heute abend gesehen hättet!« rief die junge Frau
begeistert. »Das war nicht ein Mensch wie die anderen, der da stand und
sprach, war die Verkörperung aller Menschensehnsucht nach Freiheit und
Gerechtigkeit, die Liebe aller Liebenden, und der Haß aller Hassenden. So
lange ...« Sie stockt, draußen wird heftig geklingelt, Lene erhebt sich
und tritt gleich darauf von Gustav gefolgt wieder ins Zimmer.
Gustav ist sehr blaß, er beantwortet kaum den Gruß der anderen, wendet
sich sofort an die Schwester.
»Lene, wann kommen Deine Narren wieder zusammen?«
»Meine Narren?«
»Ja, Narren, Revolutionäre, Heilige, wie Du sie nennen magst. Ich
will mich Euch anschließen, mit Euch arbeiten, kann nicht mehr abseits
stehen.«
Die drei starren ihn betroffen an.
»Was ist mit Ihnen geschehen?« fragt Gioia verblüfft.
Gustav wirft sich aufs Sofa. »Geschehen? Ich habe eingesehen, daß jeder,
der nicht gegen diesen gottverdammten Krieg arbeitet, ein Verbrecher ist,
daß jeder, der abseits steht, ein Verbrecher ist, daß ...«
»Aber wie kommst Du mit einem Mal darauf?« Johannes betrachtet staunend
den Freund; noch nie hat er ihn so erregt gesehen.
»Sie waren am Potsdamer Platz!« ruft Gioia erratend.
»Ja, zufällig kam ich vorbei. Ein Mann drückte mir ein Flugblatt in die
Hand; ich las darin und fand alles, was dort geschrieben stand, richtig,
trotz des ungeschliffenen Stils. Dann sah ich, wie sich Leute um einen Mann
drängten; ich folgte ihnen, fragte, wer der Mann sei. Einer lachte: ›Das
wissen Sie nicht? Das ist Karl Liebknecht.‹ Woher sollte ich das wissen,
ich hörte den Namen zum erstenmal. Ich hörte zu, was Liebknecht sprach,
es waren nur wenige Worte -- aber es war die Wahrheit. Als ich dann sah,
wie er abgeführt wurde, weil er die Wahrheit ausgesprochen hatte, ward mir
seltsam zumute. Ich glaube sogar, ich habe mitgebrüllt, als er im Gehen
nochmals rief: ›Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!‹«
Gustav schöpfte Atem und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.
»Nachher,« fuhr er fort, »spazierte ich planlos umher, merkte, in
Gedanken vertieft, gar nicht, wohin ich kam, und befand mich plötzlich auf
dem Friedrichsbahnhof. Da fiel mir Anatol ein; heute verstand ich ihn zum
erstenmal. Ich betrat den Perron.« Er lachte ein wenig befangen. »Alles
hat zusammengewirkt; es war soeben ein Verwundetentransport eingelaufen.
Ihr wißt, ich bin nicht weichherzig, aber ich hätte heulen mögen bei
dem Anblick, oder noch lieber ein paar Verbrecher erschlagen, die an
allem schuld sind. Ist das nicht die richtige Stimmung für einen
Revolutionär?«
Gioia fiel ihm um den Hals. »Lieber alter Gustav! Morgen werden wir Sie
bei den ›Narren‹ einführen. Sagte ich es nicht, Johannes? Das Blut der
Märtyrer ...«
* * * * *
Etwa eine Woche später stürzte Gustavs Wirtin aufgeregt in sein
Arbeitszimmer: »Ein Herr Unterstaatssekretär und Professor Westwald
fragen, ob Herr Doktor sie empfangen können?«
Gustav schnitt ein geärgertes Gesicht. »Die alten Trottel! Na gut, ich
lasse bitten.«
Die beiden Herren erschienen und waren äußerst verbindlich und
liebenswürdig. Gustav, der wohl ahnte, was der Zweck dieses Besuches sei,
benahm sich zurückhaltend, fast unhöflich, was seine Gäste jedoch gar
nicht zu bemerken schienen. Man sprach von allerlei gleichgültigen Dingen;
schließlich wurde es Gustav langweilig, er unterbrach ein Kompliment des
Unterstaatssekretärs mit den Worten: »Und welchem Umstande verdanke ich
die Ehre dieses Besuches?«
Der Unterstaatssekretär betrachtete angelegentlich seine wohlgepflegten
Nägel, räusperte sich und bemerkte: »Herr Professor Westwald hat mich
bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß Sie, Herr Doktor,
sich mit der Herstellung giftiger Gase befassen. Wenn ich den Herrn
Professor richtig verstanden habe, so ist Ihnen eine Zusammensetzung
gelungen, die die bereits bekannten weit übertrifft.«