Der Mann wurde abgeführt.
Die Arbeit nahm ihren Fortgang; Gedröhn, Gerassel, eilende Schritte, Rufe,
schrille Pfiffe erfüllten den Bahnhof. In der Nacht schleppten pustende
Lokomotiven überfüllte Wagenreihen nach dem Osten.
Neunzehntes Kapitel.
Gustav schob den kleinen Emanuel, der sich mit unwillkommener Zärtlichkeit
immer wieder an seine Knie klammerte, sanft aber energisch fort und blickte
seine Schwester an. »Du kannst froh sein, daß die Sache Deines Mannes
noch so gut abgelaufen ist. Sechs Jahre Zuchthaus sind eine milde Strafe.
Und wem verdankt Ihr das?«
»Lieber Gustav, ich weiß, was Du für uns getan hast.«
Er wehrte ungeduldig ab: »Ich spreche doch nicht von mir, obgleich auch
meine Freunde ihr Teil dazu beigetragen haben. Das Hauptverdienst jedoch
gebührt Friedrich; wenn der sich nicht eine Woche nachher an der Front
auszeichnet ... So aber, als Schwager eines ›Helden‹ ist Anatol noch
glimpflich davongekommen. Ich möchte nur wissen, warum er eigentlich den
Unsinn gemacht hat.«
»Er mußte, Gustav, konnte nicht anders.«
»Merkwürdig; was mir an ihm gefällt, ist, daß er, dieser impulsive
Mensch, sich so völlig der Massensuggestion entziehen konnte. Aber er
brauchte diese Tatsache doch nicht in alle Welt zu schreien.«
»Sollen wir unsere Überzeugungen verleugnen?«
»Steig' doch nicht gleich aufs hohe Roß. Übrigens, ich bitte Dich, was
sind Überzeugungen? Vor fünf Monaten haben wir alle behauptet, es sei
ein Verbrechen, einen Menschen zu töten, und jetzt, wenn einer recht viel
Morde auf dem Gewissen hat, bekommt er das Eiserne Kreuz.«
»Und Du bist damit einverstanden?«
»Nein, ich halte die ganze Sache für eine maßlose Vergeudung von Werten,
bin auch ganz froh, daß mich meine Kurzsichtigkeit untauglich macht. Ich
habe weder Lust, mich aus mir unbekannten Gründen totschießen zu lassen,
noch fremde Menschen, die mir nie etwas zuleide getan haben, umzubringen.
Aber deshalb stelle ich mich doch nicht auf die Straße, schreie wie ein
Zahnbrecher und riskiere den Galgen. Wenn die Leute dumm genug sind, sich
als Schlachtvieh behandeln zu lassen, so geschieht es ihnen ganz recht.
Übrigens,« fügte er ernst werdend hinzu, »habe ich eine gewisse Achtung
vor Anatol und euch übrigen Narren. Ihr seid wenigstens konsequent, nicht
wie der unausstehliche blonde Kerl, den ich öfter bei euch traf, und der
nicht fünf Worte reden konnte, ohne zu versichern: ich bin Sozialdemokrat.
Und dann geht der Mensch hin und meldet sich freiwillig. Wie heißt er denn
nur?«
»Philipp Schermann.«
»Hoffentlich fällt er bald. Ich kann patriotische Sozialisten nicht
leiden, auch reine Patrioten nicht. Mir scheint, mir sind überhaupt alle
Menschen widerlich geworden. Wo man hinkommt: ›Haben Sie's schon gehört?
Ein neuer Sieg! Gefangene! Der Feind hat schwere Verluste erlitten!‹ Was
geht mich der ganze dumme Krieg an? Ich will in Ruhe arbeiten.«
»Auch Du wirst nicht gleichgültig bleiben können. Jetzt heißt es, die
eine oder die andere Partei ergreifen.«
»Spiele nicht die Seherin, das hast Du Dir von dem alten Rabbiner
angewöhnt, der immer bei euch hockt. Übrigens schrieb mir die Mutter
ungefähr das Gleiche. Ich habe Dir ihren Brief mitgebracht -- ein
Zeitdokument. Hier ist er, lies!« und Lene las:
Lieber Gustav!
Du wirst vielleicht erfahren haben, daß unser lieber Friedrich mit dem
Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist. Der Vater und ich sind sehr
stolz darauf und danken Gott, daß er uns einen so tapferen, edlen Sohn
gegeben hat, und daß wir ihn dem Vaterland schenken dürfen.
Dein letzter Brief hat den Vater peinlich berührt, er versteht nicht,
wie Du Dein Herz in dieser großen Zeit so verschließen kannst. Auch
ich begreife Dich nicht. Hast denn nicht auch Du im Elternhaus Liebe
fürs Vaterland und für unseren herrlichen Kaiser gelernt? Ist Dir
Dein Volk nicht teuer? Der Vater ist sehr betrübt darüber, daß Du
untauglich bist. Er hätte so gerne der Heimat zwei Söhne gegeben.
Eben bringt er mir die erfreuliche Nachricht, daß im Osten eine große
Schlacht geschlagen wurde und der Feind an die zwanzigtausend Mann
Verluste hat. Gott wird uns auch fürderhin beistehen ...«
Lene warf den Brief unmutig auf den Tisch: »Ich kann nicht weiterlesen, es
ekelt mich.«
Gustav lachte. »Unsere gute, sanfte Mutter, eine freudige Nachricht, daß
zwanzigtausend Menschen getötet worden sind! Das würde ich schließlich
noch begreifen, sie ist borniert und phantasielos, wie alle Frauen; sieht
nicht ein, daß auch die Feinde Menschen sind. Aber was sie über Friedrich
schreibt, ihren Liebling! Stolz über die Auszeichnung, Freude, daß sie
ihn dem Vaterland schenken dürfen! Ich hätte geglaubt, eine Frau würde
schreien: ›Gebt mir meinen Sohn zurück, mit welchem Recht setzt ihr sein
Leben aufs Spiel. Was geht mich euer verdammtes Vaterland an? Ich will mein
Kind!‹«
»Unzählige Frauen denken so,« entgegnete Lene traurig.
»Warum brüllen sie's dann nicht heraus? Warum tun sie nichts? Ihr seid zu
nichts gut, ihr Weiber!«
»Weil wir feig sind. Laß aber einmal Elend und Verzweiflung stärker
werden, als die Feigheit, dann wirst Du sehen, was wir tun können.«
Kalter, feiner Regen rieselte herab, die Laternen spiegelten sich im
feuchten Asphalt, der Nebel dämpfte das Rollen der Räder und Pusten
der Automobile. Gioia hastete heim, die Hände in den Muff gepreßt.
Im Wohnzimmer fand sie Johannes regungslos in einem tiefen Lehnstuhl
vergraben.
»Du hast Dich wieder den ganzen Nachmittag nicht gerührt, Johannes.«
»Wozu?«
»Ich habe gute Nachrichten.«
»Es gibt keine guten Nachrichten.«
Sie nahm den Hut ab und setzte sich auf die Lehne seines Stuhles.
»Johannes, es hat gar keinen Sinn, hier zu sitzen und zu verzweifeln.«
»Was soll ich denn tun?«
»Arbeiten! Es sind unserer so wenige, jeder zählt. Warum bist Du heute
nicht zu Frau von Reuter gekommen?«
»Um zu hören, wie in einem Salon drei oder vier Menschen verstohlen das
Wort: ›Revolution‹ flüstern, während draußen vor den Fenstern die
Menge: ›Sieg!‹ johlt?«
»Heute waren es nicht drei oder vier Menschen. Wir haben geglaubt, alle
Führer seien verschwunden. Es gibt noch Führer.«
Er lächelte wehmütig. »Mag sein, daß der eine oder der andere sich
selbst wiedergefunden hat. Aber was sollen Führer ohne Anhang? Und heute
denkt das ganze Volk, wie die Regierungszeitungen wollen.«
»Weil wir diesen Zeitungen freie Hand lassen.«
Er seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia, eine unverbesserliche Optimistin.
Alles ist zusammengebrochen, eingestürzt, und Du nimmst einen winzigen
Stein aus den Trümmern und rufst freudestrahlend: ›Aus diesem Stein
werde ich den neuen Bau errichten!‹«
»Heute ist ein neuer Stein hinzugekommen, nein, zwei neue Steine. Setz
Dich auf, Johannes, schau' nicht so verzweifelt drein, Du benimmst sonst
auch mir den Mut.«
Er streichelte zärtlich das rotbraune Haar, das von der Feuchtigkeit
gelöst in ihr Gesicht hing. »Du darfst nicht ungeduldig werden, Gioia,
mußt doch begreifen, wie mir zumute ist. Alles, woran man jahrelang
geglaubt hat, in einer kurzen Woche vernichtet. Aus dieser Zerstörung
läßt sich nichts mehr aufbauen. Und die Menschen! Ich gehe durch die
gewohnten Straßen, wie durch eine fremde Stadt. Eine unbekannte Sprache
umflutet mich, ich treffe Freunde, freue mich sie zu sehen, und bemerke
nach den ersten Worten, daß mir Fremde gegenüberstehen.«