»Kleine Lene, liebster, bester Kamerad, versuche nicht, mich
zurückzuhalten.«
Sie war sehr blaß geworden. »Nein, das tue ich nicht.« Dann fuhr
sie leiser, mit nicht ganz fester Stimme fort: »Weißt Du, Anatol, wie
glücklich ich all die Jahre mit Dir war?«
Er drückte sie fest an sich.
»Was werden sie Dir tun, wenn sie Dich erwischen?«
»Ich weiß es nicht,« damit erhob er sich.
»Setz' Dich keiner unnötigen Gefahr aus.«
»Nein, Lene, Du wirst für unsere Sache weiterarbeiten, auch wenn ich
nicht wiederkommen sollte.«
»Ja.«
Er ging. Sie schaute ihm durchs Fenster nach, verfolgte mit ihren Augen die
rasch ausschreitende Gestalt, bis sie ihren Blicken entschwand.
Auf dem Bahnhof herrschte wildes Gedränge, Stimmen klangen durcheinander,
eilige Schritte dröhnten in der gewölbten Halle. Keuchende Maschinen
bliesen schwarzen Rauch von sich, Wachen schritten auf und ab, blickten mit
starren, gelangweilten Gesichtern auf das Treiben.
Plötzlich schien die geordnete Arbeit zu stocken. Alles drängte sich nach
einer Stelle, wo auf hoch übereinandergestapelten Kisten ein Mann stand.
Sein blasses Gesicht ragte über die vielen ihn umdrängenden Köpfe auf.
Laut, mit wilder, verbissener Heftigkeit sprach er zu der Menge:
»Was treibt ihr da? Ihr arbeitet! Wißt ihr auch, was eure Arbeit
bedeutet? Mord bedeutet sie, Mord an eueren Brüdern. Ohne euere Arbeit
würden die Züge nicht abfahren. Euere Arbeit schleppt die anderen in den
Tod, als schlepptet ihr jeden einzelnen an der Hand ins Verderben. Legt
die Arbeit nieder! Wie oft habt ihr gestreikt, wenn es sich um eine
erbärmliche Lohnerhöhung handelte, heute, da es um Menschenleben geht,
könnt ihr euch nicht genug tun an der Arbeit für die Herren. Wie oft
fiel in eueren Versammlungen das Wort: »Wir wollen nicht länger für die
Herren arbeiten!« Heute mordet ihr für sie. Arbeiter, kein Zug geht ab,
wenn ihr es wollt. Gebt das Beispiel! Wenn unsere Brüder in den anderen
Ländern, die ihr mit törichtem Nachbeten die ›feindlichen‹ nennt, von
euerer Tat hören werden, auch sie ...«
Er wurde von rückwärts zu Boden gerissen; vier Soldaten drangen auf ihn
ein. Er wehrte sich aus allen Kräften. Wilde Beschimpfungen prasselten auf
ihn nieder. »Schurke!« »Verräter!« »Spion!« »Saujud! Schlagt ihn
tot!«