Lene pfiff durch die Zähne. »Jedes Jahr ein Kind, nicht wahr?«

»Lene, davon spricht man doch nicht.«

»So, das tut man bloß.« Sie betrachtete forschend die Schwester. »Jetzt

bist Du noch ganz hübsch, in vier, fünf Jahren wirst Du eine dicke Kuh

sein, wie Deine Freundin Käthe, oder ausgemergelt und verdrossen,

wie unsere arme Mutter. Und Dein Mann wird Dir aus der »Deutschen

Tageszeitung« vorlesen und am Sedantag und Kaisers Geburtstag betrunken

nach Hause kommen.«

»Ich verbiete Dir, so über Adolf zu sprechen.«

»Dein Adolf! Warum hat er Dir denn erst einen Antrag gemacht, als Tante

Margaretes Testament veröffentlicht wurde? Ja, die große Liebe ...«

»Du bist gemein.«

»Nein, bloß weniger dumm als Du. Sag' mir, Ilse, hast Du denn nie über

das Leben nachgedacht?«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Über die große Welt, und was wir ihr schuldig sind?«

»Du kannst nicht behaupten, Lene, daß ich je pflichtvergessen war.«

»Nein, nein. Du warst eine gute Tochter, wirst eine liebende Gattin und

Mutter werden, immer nur sehen, was vor Deiner Nase liegt, und allgemein

geachtet sterben. Herrgott, wenn ich so leben müßte, lieber würde ich

mich gleich aufhängen.«

Die ältere Schwester schüttelte mißbilligend den Kopf. »Was Du für

Gedanken hast! Daran ist Johannes mit seinen verrückten Ideen schuld. Wenn

Du jetzt zu Hause die einzige Tochter bist, wird sich das geben.«

Lene schnellte auf. »Sprich nicht davon, mir graut vor dem Gedanken,

daheim sitzen, Handarbeiten machen, in Kaffeekränzchen gehen! Und

den erstbesten Mann heiraten, nur um von hier fortzukommen. Wenn Tante

Margarete lebte, ich ginge zu ihr.«

Frau Selder trat ins Zimmer. »Kinder, was ist denn schon wieder los?

Weshalb schreist Du so, Lene? Ich habe eine gute Nachricht erhalten,

Friedrich kommt übermorgen.«

»Das auch noch,« murmelte Lene halblaut und schob sich vorsichtig in die

Nähe der Tür.

»Wohin gehst Du, Lene? Es regnet.«

»Ich habe Besorgungen zu machen.«

»Dann bring uns Knöpfe mit und weiße Nähseide. Und bürste vorerst Dein

Haar, Du siehst gar zu unordentlich aus.«

Ein kalter Herbstnachmittag hüllte die Stadt in trostlose Gräue. Von den

entlaubten Bäumen perlten große Tropfen ab, die Häuser verschwammen im

Nebel.

Lene hastete durch die Straßen, mit feindseligen Blicken betrachtete

sie die wohlbekannten Häuser, die Vorübergehenden. Immer das gleiche

Einerlei; farblos, öde, tot. Wird auch sie gleich der Schwester ihr Leben

in dieser entsetzlichen Kleinstadt verbringen müssen?

Vor dem Papierladen des Herrn Silberblatt pfiff sie die ersten Takte der

Marseillaise. Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster, ein dunkler Kopf

schaute heraus.

»Komm spazieren, Anatol!« rief sie hinauf.

»Bei dem Wetter!«

»Komm nur!«

Wenige Augenblicke später trat Anatols große, hagere Gestalt aus der

Ladentür.

»Bist Du ganz verrückt, Lene? Bei diesem Regen spazieren gehen!«

»Sei gut, Anatol, ich muß mich auslüften. Wir wollen an den Fluß

gehen.«

Breit und träge wälzten sich die grauen Fluten des mächtigen Flusses,

die endlose Ebene versank in den Wolken, ungeheure Traurigkeit lastete

schwer auf der ganzen Landschaft.

Lene schwieg; dies war bei ihr eine solche Seltenheit, daß Anatol schier

besorgt fragte: »Was ist denn wieder los, Kleine?«

Sie wandte ihm tränenfeuchte Augen zu. »Ich halte es nicht mehr aus!

Jetzt, da Ilse fortgeht, ich habe sie ja nie leiden können, das alberne

Ding, aber sie war nützlich, weil sich die Mutter hauptsächlich mit ihr

beschäftigt hat. Aber jetzt muß ich dann die Haustochter spielen. Und Du

gehst auch nach Berlin, und Johannes kommt nächstes Jahr aus dem Hause.

Ich wollte, ich wäre tot!«

Er klopfte ihr beschwichtigend auf die Schulter. »Wie alt bist Du denn

eigentlich?«

»Siebzehn vorbei.«

»Ja, dann mußt Du eben noch vier Jahre warten, bis Du frei bist.«

»Das halte ich nicht aus. Wann fährst Du fort?«

»Nächste Woche.«

»Und Du willst wirklich Journalist werden?«

»Ja, aber erzähle es nicht meinem Vater, der glaubt, ich würde beim Jus

bleiben.«

»Anatol!«

»Was?«

»Weißt Du, daß ich sehr praktisch bin und sogar kochen kann?«

Er schaute sie verständnislos an. »Kann schon sein, weshalb erzählst Du

mir das?«

»Weil ...« Sie stockte, das schmale Gesicht rötete sich. »Anatol,

lieber Anatol, willst Du mich nicht heiraten?«

»Bist Du ganz verrückt geworden?«

Sie überwand ihre augenblickliche Verlegenheit. »Weißt Du, so wie die

russischen Studentinnen es taten, früher, um von daheim fortzukommen. Ich

würde Dich gar nicht stören. Bitte, Anatol, heirate mich.«

Der Tempel: Roman · 第 13 / 26 题