Sie lachte vergnügt. »Vom Zahnarzt.«

»Vom Zahnarzt?«

»Ja, vorige Woche mußte ich dort so lange warten, und einer, der vor mir

daran kam, ließ das Buch im Wartezimmer liegen. Da fing ich darin zu lesen

an. Und als er dann herauskam, fragte ich ihn ganz einfach, ob ich das Buch

mitnehmen und zu Ende lesen dürfte? Er kennt Dich aus der Schule, sagte,

Du mögest es ihm zurückbringen.«

Johannes nickte. »Und Du hast so ohne weiteres einen fremden Menschen

angesprochen?«

»Ich mußte das Buch lesen; er war auch sehr freundlich und ich kenne

ihn doch vom Sehen, aus dem Papiergeschäft seines Vaters. Er hat mir noch

andere Bücher versprochen.«

Johannes lachte. »Wenn Dein Vater wüßte, daß Du Dir vom Sohn des alten

Mendel Silberblatt Bücher ausleihst!«

»Mein Vater ist ein ...«, mit einem letzten Rest kindlicher Pietät

verschluckte Lene den »Esel«, der ihr auf den Lippen lag. Das Verhältnis

zwischen dem Gymnasialprofessor und seiner Jüngsten hatte sich in den

letzten Jahren immer mehr zugespitzt, und Lenes Kritik machte vor keiner

Autorität Halt. Dann wandte sie sich wieder dem Buch zu. »Johannes,

daß es solche Menschen gibt, so mutig, so selbstlos, kannst Du Dir das

vorstellen? Und das arme russische Volk. Du, man muß nach Rußland gehen

und ihm helfen.«

»Weshalb nach Rußland gehen? Glaubst Du, unser Volk braucht keine Hilfe,

glaubst Du, die Arbeiter des Grafen Stramwitz sind weniger geknechtet als

die russischen Bauern?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Das ist mir nie eingefallen. Johannes,

weshalb sprachst Du mit mir nie über derlei Dinge?«

»Du bist doch ein Mädchen,« meinte er halb entschuldigend.

»Haben die russischen Frauen sich nicht auch für das Volk geopfert? Das

ist eine faule Ausrede, sag' die Wahrheit.«

Johannes zögerte, schließlich bemerkte er: »Siehst Du, Lenchen, ich

denke schon lange über diese Dinge nach, und -- und sie sind für mich wie

etwas Heiliges. Ich hatte Angst, Du würdest sie nicht verstehen, würdest

am Ende darüber lachen, und das hätte mir weh getan.«

»Bin ich denn Ilse, die nur ans Heiraten denkt, oder Gustav mit seinem

ewigen Mikroskop? Ich bin doch ein Mensch und auch kein Kind mehr.«

Er blickte sie sinnend an; sie war klein und zart geblieben, mit raschen,

nervösen Bewegungen. Die Worte, die sie als kleines Mädchen der Mutter

gegenüber ausgesprochen hatte: »Wenn ich groß bin, werde ich maßlos

sein,« schienen sich zu verwirklichen. Die ehrbare Nüchternheit, die

in strengen Grenzen gehaltene, für feierliche Gelegenheiten aufgesparte

Begeisterung des Elternhauses waren ihr fremd; sie gab sich mit

ursprünglicher Kraft jedem Eindruck ganz hin, haßte oder liebte,

bewunderte oder verachtete aus allen Kräften ihrer jungen Seele. Einer

kurzen Periode religiöser Begeisterung war für sie eine große Leere

gefolgt, sie tastete, suchte nach etwas, das dem Leben Sinn verleihen

konnte, ohne recht zu wissen, wonach es sie eigentlich verlangte.

»Du,« ihre Finger strichen schier liebkosend über das Buch, das auf

ihren Knien lag, »der Anatol Silberblatt, glaubt der auch daran?«

»Freilich, von ihm weiß ich ja alles, was ich weiß. Wir haben oft

darüber gesprochen, er hat mir Bücher geliehen ...«

»Wie kommt _er_ auf solche Gedanken?«

»Das habe ich ihn auch gefragt; er meint, dies komme daher, weil er Jude

sei, und da die Juden immer geknechtet und unterdrückt worden seien,

verstanden sie die Armen und Gequälten besser.«

Lene schwieg, zog einen Apfel aus der Kiste und biß hinein. Plötzlich

schien ihr ein Gedanke zu kommen, noch mit vollem Mund sagte sie:

»Johannes, wir müssen einen Bund schließen.«

»Einen Bund?«

Sie warf den Rest des Apfels zum Bodenfenster hinaus. »Ja, Du und ich

und Anatol; wir müssen schwören, für das Volk zu leben, es zu befreien.

Heimlich müssen wir zusammenkommen und aufs Evangelium schwören.«

»Das geht nicht, Du dummes Ding, er glaubt doch nicht ans Evangelium.«

Sie sah verblüfft drein. »Das ist wahr. Was macht man dann? Gibt es denn

nichts, was den Juden und Christen gleich heilig ist?«

Johannes dachte nach; Lenes Frage eröffnete ihm einen neuen Horizont;

es mußte doch etwas geben, in dem sich die Menschen aller Völker, aller

Rassen und Glauben finden konnten, etwas, das für sie das Kruzifix

des Rechtgläubigen, das Evangelium des Protestanten war. Lenes Worte

durchschnitten seine Gedanken.

»Wenn man das Gute will, so ist es doch einerlei, was man ist, ob Jude

oder Christ, Deutscher oder Russe; es muß etwas geben, das über allem

steht, das die Menschen vereinigt.«

Johannes verharrte noch immer stumm. Seine Schweigsamkeit brachte Lene

oft zur Verzweiflung; sie war nicht fürs Nachdenken, bei ihr mußte immer

alles blitzartig, wie eine Erleuchtung kommen.

»Johannes,« drängte sie, »es muß doch etwas geben.«

Er hatte inzwischen in seinem Gehirn eine Lösung gefunden. »Ja, Anatol

hat mir selbst davon erzählt, es ist mir nur nicht gleich eingefallen, Du

schwätzt so viel und das verwirrt mich. Erinnerst Du Dich, Lenchen, wie

Dein Vater neulich bei Tisch über die ›Internationale‹ schimpfte, die

Leute Verräter, vaterlandslose Gesellen nannte?«

Lene zuckte die Achseln. »Der Vater schimpft immer, aber was hat das mit

unserer Sache zu tun? Weshalb sprichst Du jetzt davon?«

»Weil die ›Internationale‹ das ist, in dem sich alle Menschen finden

können, der heilige Bund, in dem es keine Nationen und Konfessionen gibt.

Anatol kann Dir die Sache besser erklären, als ich.«

»Gut. Sag' ihm, um was es sich handelt. Am Sonntag machen die Eltern einen

Ausflug, ich werde nicht mitgenommen, weil ich neulich gegen den dummen

Affen, der Ilse heiraten soll, grob war, und Du sagst, Du müßtest lernen.

Dann bringst Du den Anatol her, in ›unser Heim‹, und wir schließen den

Bund und schwören auf die ›Internationale‹!«

* * * * *

Gustav Selder hob die kurzsichtigen, wasserblauen Augen von seinem Buch,

als Johannes das gemeinsame Zimmer betrat und grinste mitleidig: »Was hast

Du denn eigentlich angestellt, Johannes?«

»Ich?«

»Ja, der Vater kocht vor Wut, Du wirst etwas Schönes erleben.«

»Ja, aber ... Ich habe doch gar nichts getan.«

»Was habt ihr denn diese Woche für einen Aufsatz gehabt? Der Vater hat

Deinen sogar der Mutter vorgelesen; das tut er nur, wenn er ganz besonders

wütend ist. Das wird heute ein angenehmes Mittagessen werden.«

Bis nach der Suppe herrschte bei Tisch eisige Stille. Dann ging es los.

»Ich wundere mich, daß Du mir noch in die Augen zu sehen wagst,

Johannes,« begann der Gymnasialprofessor.

Der Angeredete schwieg. Lene horchte auf.

»Ich habe Deinen Aufsatz korrigiert und frage Dich nun, wie kannst Du es

wagen, Verbrecher und Mörder als Helden hinzustellen?«

»Das habe ich nicht getan.«

»Ich gebe euch einen Aufsatz über ›Helden‹, bespreche das Thema mit

euch, nenne euch als Anhaltspunkte einige Namen, wie Friedrich der Große,

Blücher, Moltke, Wilhelm I., und was machst Du? Du schreibst über

Freiheitshelden, erwähnst nicht etwa Arndt und Theodor Körner, was noch

angegangen wäre, nein, es beliebt Dir nicht einmal, deutsche Namen zu

nennen. Deine Weisheit muß nach Rußland gehen. Und was für Leute preist

Du als Helden? Revolutionäre, Aufrührer, gemeine Schurken, die es gewagt

haben, sich wider ihren Herrn und Monarchen zu erheben! Und nicht

genug, daß Du solche Beispiele aus der ersten Hälfte des neunzehnten

Jahrhunderts nimmst, nein, Du treibst es noch ärger -- Du wagst es, die

niederträchtigen Schufte, die jetzt in Rußland Revolution machen, die

das Leben des Zaren, eines Freundes und Verwandten unseres allergnädigsten

Kaisers, bedrohen, Helden zu nennen, Freunde der Menschheit.«

»Aber ...«

»Schweig! Du bist in einem christlichen loyalen Haus aufgewachsen, von

gutem Beispiel umgeben. Ich selbst habe versucht, Dich zu einem treuen,

redlichen Bürger zu erziehen. Dein Bruder trägt des Kaisers Rock und wird

demnächst Oberleutnant werden, und Du, Du schreibst wie ein, wie ein ...

Sozialist. Schäme Dich!«

»Aber ...«

»In diesem Haus kannst Du dergleichen nicht gehört haben, unsere

Freunde, mit denen Du zusammentrafst, sind keine Mörder und Räuber, die

›Deutsche Tageszeitung‹, die ich Dir zu lesen gestattete, aus reiner

Güte, denn einen Jungen Deines Alters geht es nichts an, was in der Welt

geschieht, hat sicherlich niemals derartige Ansichten geäußert. Ich frage

mich, wie ist es möglich, daß ein Kind unseres Hauses so verrucht sein

kann? _Wie ist es möglich?!_«

»Ich ...«

»Schweig. Seit Monaten erregst Du meine Unzufriedenheit; immer sehe

ich Dich mit diesem Judenbengel zusammenstecken. Was hat ein deutscher

Jüngling mit einem Juden gemein? Die Juden sind Schädlinge am Körper

unseres Volkes. Glaubst Du, daß Friedrich mit Juden verkehren würde, oder

Gustav?«

Gustav schmunzelte vergnügt und brummte: »Warum denn nicht, wenn ich von

ihnen etwas lernen kann.« Doch beachtete sein Vater diesen Einwurf nicht,

mit sich überschlagender, kreischender Stimme fuhr er fort: »Dein Aufsatz

hat mir bewiesen, daß unsere ganze liebende Sorge, all unsere Opfer

vergeblich waren. Du bist kein Deutscher! Was Dich empören sollte,

erfüllt Dich mit Bewunderung, was Du verdammen solltest, preist Du. Du

bist ein verkommenes Subjekt, ein hergelaufener Bursche, gehörst nicht zu

uns!«

Frau Selder warf ihrem Manne einen bewundernden Blick zu; wie gut er

sprach, fast wie ein Pastor. Auch des Gymnasialprofessors Zorn entwich. Er

fühlte sich groß und gewaltig, als gerechter Richter, und dies tat

ihm wohl. Da ereignete sich ein Zwischenfall, der seinen Zorn von neuem

entflammte. Eine helle Mädchenstimme schrie über den Tisch: »Nein, er

gehört wirklich nicht zu euch, aber ich auch nicht, Gott sei Dank!«

Frau Selder sah ihre Tochter entsetzt an, Ilse machte sich ganz klein auf

ihrem Stuhl, Gustav grinste schadenfroh.

»Helene!« Jedes weitere Wort blieb dem Gymnasialprofessor in der Kehle

stecken.

»Um nichts in der Welt möchte ich zu euch gehören!« fuhr die zornige

junge Stimme fort, »ihr seid gemein und niederträchtig. Dumme Kaiser

und Könige verehrt ihr, ja, sie sind dumm und schlecht, und wahre Helden

schmäht ihr. Ihr mästet euch vom Blute der Armen, saugt sie aus, lebt in

Luxus und Üppigkeit ...«

Dem Gymnasialprofessor fiel jählings inmitten des entsetzten Zornes sein

Gehalt ein. Mit dem Brustton tiefster Überzeugung schrie er: »Schweig,

Helene, das ist nicht wahr!« Aber seine Tochter fuhr unbeirrt fort:

»Ausbeuter seid ihr, Knechter des Proletariats, Liebediener der Fürsten.

Unsere geknechteten Brüder im Osten suchen sich zu befreien, und ihr wollt

es verhindern, weil euch um euer unrecht erworbenes Gut bang ist!«

Johannes konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; Lene war eine gelehrige

Schülerin. Der »Bund« gab natürlich eine Zeitung heraus, in drei

Exemplaren, fein säuberlich mit der Hand geschrieben, und Lene zitierte

fast wörtlich den von Anatol Silberblatt verfaßten Leitartikel. Der

Gymnasialprofessor saß wie zu Stein erstarrt; _seine_ Tochter, und woher

hatte sie diese Ausdrücke: Proletariat, Ausbeuter, geknechtete Brüder im

Osten? Er rang nach Atem, und erst als Lene, vom Leitartikel ablassend

und wieder zu ihrem eigenen Sprachschatz zurückkehrend, rief: »Ihr seid

schreckliche Menschen. Ich schäme mich, solche Eltern zu haben!« fand

er Worte und befahl ihr, sofort das Zimmer zu verlassen. Sie ging, einen

letzten Trumpf ausspielend, zog Johannes mit sich fort, reckte auf der

Türschwelle die kleine Gestalt hoch empor: »Komm', Johannes, wir gehören

nicht zu den Kapitalisten!«

Die anderen blieben verstört zurück. Frau Selder weinte, Ilse

wagte nicht, die Augen zu heben, Gustav murmelte etwas wie »wichtige

Schularbeit« und verließ hastig das Zimmer. Der Gymnasialprofessor ging

mit großen Schritten auf und ab. Schließlich blieb er vor seiner Frau

stehen: »Ein böser Geist ist in unser Haus gedrungen, Annie. Wir müssen

die Kinder strenger halten. Ich begreife nicht, was Helene eingefallen

ist.«

Frau Selder nickte noch immer schluchzend, dann fiel ihr Blick auf die

Füße ihres Mannes: »Wilhelm, Du mußt Dir ein Paar neue Stiefel kaufen,

ein drittesmal kann man sie nicht mehr sohlen.«

Der Gymnasialprofessor sah auf die abgewetzten Stiefel nieder. »Luxus und

Üppigkeit, Ausbeuter, Kapitalisten!« schrie er jählings auf und schlug

mit der geballten Faust wütend auf den Tisch.

Zehntes Kapitel.

Ilse Selder saß am Fenster und nähte an ihrer Ausstattung; bisweilen

hob sie die linke Hand und betrachtete strahlenden Gesichtes den glatten

goldenen Reif, der den Ringfinger schmückte. Lene kauerte in einer

Sofaecke und blickte mit spöttischen Augen auf die Schwester.

»Also in vierzehn Tagen sind wir Dich endgültig los,« bemerkte sie

schließlich liebenswürdig, »sag' einmal, Ilse, warum trägst Du

eigentlich Trauer um Tante Margarete?«

Ihre Schwester schaute sie erstaunt an. »Es fehlen doch noch zehn Tage zum

Trauerhalbjahr.«

»Ach so, richtig. Eigentlich mußt Du doch sehr froh sein, daß sie

gestorben ist; ohne die Erbschaft hätte Dein Adolf Dich nie und nimmer

geheiratet.«

»Aber Lene!«

»Aber Lene, glaubst Du ich weiß nicht, daß Du uns alle ruhig sterben

ließest, bloß um zu einem Mann zu kommen? Was hast Du denn eigentlich vom

Heiraten?«

»Das verstehst Du nicht, dazu bist Du zu jung. Wir lieben einander und

werden ein trautes Heim haben.«

»Und dann?«

»Was meinst Du?«

»Na ja, trautes Heim, das ist ja sehr schön. Aber was wirst Du mit Deinem

Leben anfangen, was wirst Du leisten?«

»Meine Pflichten als Gattin ...«

Der Tempel: Roman · 第 12 / 26 题