»Weshalb?«
»Ich heirate keine Christin,« entgegnete er unliebenswürdig, »und dann
wäre es für mich lächerlich, mit neunzehn Jahren heiratet man doch noch
nicht. Um Gotteswillen, weine nicht, ich wollte Dich ja nicht kränken.«
Lene hatte sich an einen Baumstamm gelehnt und schluchzte bitterlich. »Das
nennt man Freundschaft, eine so geringfügige Sache schlägst Du mir ab?
Und wir haben doch geschworen, zusammenzuhalten, immer!«
Er war ernst geworden; das war kein trotziges Kind mehr, das hier so
verzweifelt weinte, war eine gequälte junge Seele, die nach Freiheit
schrie. Plötzliches Mitleid erfaßte ihn; er zog sie an sich. »Weine
nicht, kleine Lene, verlier' nicht den Mut. Wenn es für Dich Arbeit gibt,
komme ich Dich holen.«
»Bestimmt?«
»Ganz bestimmt!«
* * * * *
Man saß beim Hochzeitsdiner, Frau Selder wischte sich unentwegt die
Augen, der Gymnasialprofessor plauderte liebenswürdig mit der Mutter
des Bräutigams, das Brautpaar flüsterte miteinander und Friedrich, der
Oberleutnant, machte seiner neuen Schwägerin den Hof.
»Eine gute Partie,« meinte eine alte Tante von Frau Selder zum
Gymnasialdirektor, »Gerichtsassessor und ein so schneidiger junger Mann.«
»Ja, er muß ein forscher Student gewesen sein, sehen Sie nur die vielen
Schmisse.«
»Haben Sie je ein Fliegenauge unter dem Mikroskop betrachtet, gnädiges
Fräulein?« fragte Gustav seine Nachbarin. »Ein wahres Kunstwerk.« Das
junge Mädchen sah ihn schier erschrocken an. »Nein, Herr Selder.«
»Nun werden bald Sie an die Reihe kommen, Fräulein Helene,« bemerkte
der Brautführer, ein eleganter junger Offizier, »Sie müssen aber in die
Armee heiraten, schon Ihrem Bruder zuliebe.«
»Ich hasse Offiziere,« entgegnete sie gedankenlos, dann etwas erschrocken
über ihre Unliebenswürdigkeit, »ich meine, überhaupt das Militär.«
»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?«
Johannes saß am untersten Ende der Tafel, neben dem jüngsten Bruder des
Bräutigams, einem Studenten. Er fühlte sich vereinsamt und traurig. Wie
fremd waren ihm doch alle diese Menschen, trotz der vielen unter ihnen
verbrachten Jahre. Nur Lenes trotziges, kleines Gesicht mutete ihn vertraut
an. »Was werden Sie studieren?« fragte sein Nachbar. »Medizin? Sehen
Sie nur zu, daß Sie in eine gute Verbindung kommen, ich werde Ihnen gerne
behilflich sein.«
»Danke, ich will in keine Verbindung eintreten.«
»Das müssen Sie doch; das ist doch die Hauptsache im Studentenleben! Wann
beenden Sie die Schule?«
»Nächstes Jahr.«
»Wir werden uns ja wohl in Berlin sehen!«
Der Gymnasialprofessor erhob sich und schlug an sein Glas. In einer
wohleinstudierten Rede trank er auf das Wohl seiner Gäste und verlieh der
Freude Ausdruck, sein teueres Kind den Händen eines so wackeren Mannes
anvertrauen zu dürfen. Während des allgemeinen Anstoßens glitt Lene
unbemerkt zu Johannes hinüber. »Wir wollen uns drücken,« flüsterte
sie, »der alte General wird bestimmt ein Hoch auf den Kaiser ausbringen,
und da tue ich nicht mit.«
»Du bist kindisch, Lene.«
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Man darf keine Kompromisse schließen. Komm,
niemand wird bemerken, daß wir fehlen.«
Er folgte ihr; sie eilte ihm voraus, die Bodentreppe hinauf, das lange
Kleid mit beiden Händen hochhaltend.
»Mein Gott, war das gräßlich!« rief sie, sich auf eines der alten
Polster werfend.
»Was denn?«
»Die ganze Komödie und diese Leute; widerlich. Aber was machst Du für
ein Gesicht, Johannes, Du schaust ja ganz traurig drein.«
»Lene, glaubst Du, daß Dein Vater recht hat, und ich ein undankbarer
Charakter bin?«
»Weshalb?«
»Ich bin nun doch seit vielen Jahren bei euch, und als wir unten saßen,
fühlte ich ganz deutlich, daß ihr mir alle fremd seid, ja, sogar Du,
Lenchen, ich gehöre nicht zu euch, es ist dasselbe, wie in der Schule;
stets war ich allen fremd, gehöre nirgends hin. Ich habe Heimweh und weiß
nicht, wonach.«
»Vielleicht nach Rußland; aber daran kannst Du Dich ja gar nicht mehr
erinnern.«
»Nein; bisweilen ist mir, als hätte ich Heimweh nach einem anderen Land,
das ich noch vor Rußland gekannt habe, nach Menschen, die eine Sprache
reden, die ich nie gehört habe. Weißt Du, Lene, wie mir oft zu Mute ist?
Wie dem Ahasver, der wandern mußte, immer wandern, und niemals heimfand.«
Sie war nachdenklich geworden.
»Erinnerst Du Dich, was uns Anatol neulich schrieb; von der neuen Welt,
die wir aufbauen müßten, der glücklichen gerechten Welt?«
»Ja, ich weiß nicht weshalb, aber wenn ich an diese Worte denke, sehe ich
immer einen Hügel, auf dem eine Stadt liegt. Und von dieser Stadt strömt
Licht nach der ganzen Welt hin.«
Lene lachte auf. »Ich weiß, was für ein Bild Du meinst; warte, ich werde
es Dir gleich zeigen.« Sie kramte in der Bücherkiste und brachte ein
altes illustriertes Liederbuch zum Vorschein. Die staubigen, vergilbten
Blätter umwendend, fand sie das Bild. Von einer Anhöhe strebte ein
gewaltiger Tempel auf, dessen Helle die tiefer liegende Landschaft
erleuchtete. Die beiden Köpfe beugten sich über das Bild, und Lene las
halblaut die erste Strophe des Kirchenliedes:
»Jerusalem, du hochgebaute Stadt ...«
Elftes Kapitel.
Strahlender Sonnenschein verklärte das banale ostpreußische Städtchen zu
wundersamer Schönheit. Rosen und Nelken loderten in den kleinen
Gärten, Malven wiegten gemächlich die dicken Köpfe im Winde, feierlich
hieratische Lilien lächelten klösterlich und sandten fromme Düfte zum
Himmel empor. An den Hecken blühte Jasmin in wilder Verschwendung, Blüte
an Blüte, so dicht, daß kaum ein grünes Blatt zu sehen war.
Außerhalb der Stadt dehnten sich wogend unendliche Ährenfelder, ein
einziges, unbegrenztes gelbes Meer, aus dem hier und dort rotblutend
kleine Mohninseln aufragten oder kornblumenblau ein Stückchen Himmel
sich spiegelte. Festlicher Duft entströmte der gebärenden Erde, alles
drängte, trieb zur Vollendung, zum höchsten Gedeihen; das Land feierte
Sonntag, Sonnentag.
Sogar in die grauen Häuser drang der Sonnenzauber, enge Stuben erschienen
plötzlich weit in dem hereinstürzenden, alles überflutenden Licht,
Feiertag lag auf wintermüden Gesichtern, in dunkelgewöhnte Augen spielten
Sonnenstrahlen.
Gustav Selder packte; Lene und Johannes halfen ihm. Gustavs kurzsichtige
Augen tasteten ängstlich suchend das Zimmer ab.
»Wo ist mein blaues Heft, Lene, in dem ich meine Notizen habe? Das muß
mit.«
Die Schwester lachte. »Vor Deiner Nase, Du blinder Maulwurf. Eile Dich
doch, wir wollen ins Freie.«
»Gleich, gleich, und das Buch mit den Tabellen, ich kann es nicht
finden.«
»Mein Gott, Du mit Deinen Büchern!«
Sorgfältig packte Gustav, hüllte Buch um Buch in Zeitungspapier, bettete
sie schier zärtlich in den großen Koffer. Endlich war alles fertig.
»So,« meinte er vergnügt, »jetzt bekommt Ihr jeder eine Zigarette
zur Belohnung, aber geh fort vom Fenster, Lene, daß Dich niemand rauchen
sieht.«