»Liebst Du den Heiland nicht, Johannes?«
»Doch, Herr Pastor. Aber ... aber anders als Sie es tun.«
Der alte Mann dachte nach; er wußte, welche schwere Folgen es für
Johannes haben würde, wenn er sich weigerte, zum Abendmahl zu gehen. Er
kannte den Gymnasialprofessor und dessen korrekte Frömmigkeit nur allzu
gut. Und weshalb wollte gerade dieser, sein bester Schüler, sich der
heiligen Handlung entziehen? Hatte er vielleicht atheistische Schriften
gelesen, seinen Glauben verloren?
»Sage mir aufrichtig, was Dich quält, mein Kind.«
Der Knabe wurde rot, Tränen traten ihm in die Augen; er wollte den Lehrer
nicht kränken; schließlich stammelte er: »Die Worte: dies ist mein Blut;
ich kann nicht, es ekelt mich.«
Der alte Pastor blickte ihn traurig an. »Denke doch lieber an die anderen
Worte: Das tut zu meinem Gedächtnis! Selbst wenn Du den Heiland nicht für
Gottes Sohn hältst, willst Du nicht etwas zum Gedächtnis eines guten
und edlen Menschen tun und so Teil haben an ihm?« Und da diese Worte
noch nicht wirkten, bediente sich der alte Mann mit kindlicher List eines
anderen Mittels: »Mir zuliebe, mein Kind.«
Johannes fügte sich. Als er jedoch nach dem Abendmahl daheim bei Tisch
saß, konnte er keinen Bissen hinunterwürgen, brach zu seiner großen
Beschämung in heiße Tränen aus und verließ eilends das Zimmer.
Frau Selder wischte sich bewegt die Augen: »Die Gnade des Herrn hat ihn
gerührt.«
»Ja,« meinte der Gymnasialprofessor würdevoll, »ein echt deutsches,
wahrhaft christliches Heim wirkt veredelnd. Wenn ich bedenke, daß der
arme Junge ebensogut ein Russe und ein Götzenverehrer hätte werden
können ...«
Neuntes Kapitel.
»Komm mit, Johannes, ich will Dir etwas zeigen.« Lene zog ihn am Arm in
die Bodenkammer. Hier unter altem Gerümpel, Koffern und Kisten hatten sich
die beiden eine Art Wohnzimmer eingerichtet; eine große Kiste diente als
Tisch, Lene hatte unbemerkt aus einigen Kissen Federn entwendet und aus
alten Kleidern zwei Polster gemacht, auf denen sich's herrlich sitzen
ließ; eine kleine Kiste barg einige Lieblingsbücher, Äpfel und Birnen.
Diesen Raum nannten die beiden »unser Heim« und hier fühlten sie sich
wirklich behaglich.
Lenes Augen glänzten, ihre Wangen waren dunkelrot. »Jetzt weiß ich,
warum man lebt!« rief sie eifrig. »Was man mit seinem Leben anfangen
muß.«
»Was hast Du denn entdeckt?«
Sie wühlte in der Kiste und brachte ein Buch zum Vorschein. »Da, das
mußt Du lesen, das ist heiliger als die Bibel.«
Johannes warf einen Blick auf das Buch. »›Das unterirdische Rußland‹
von Stepniak, das kenne ich.« Er lächelte ein wenig; trotzdem er zwei
Jahre jünger war, als das Mädchen, verlieh ihm seine ruhige Art eine
gewisse Überlegenheit über das impulsive, quecksilberige junge Ding.
»Du kennst es und hast mir nie davon erzählt!« rief Lene empört. »Du
bist ein schlechter Freund!«
»Woher hast Du das Buch?«