Euere Schwester Margarete.«

»Ein Russenkind!« rief die kleine Lene vergnügt, »wie lustig! Wie es

wohl aussieht?«

Frau Selder seufzte: »Deine Schwester ist wirklich wunderlich; genügen

ihr unsere Kinder nicht? Gott weiß, woher dieses Kind stammt.«

Der Gymnasialprofessor häufte sich den Teller voll Kartoffeln und begann

hastig zu essen. Nach einer Weile bemerkte er: »Wenn es wenigstens ein

Mädchen wäre, das könnte Margarete zu einem Dienstmädchen heranbilden;

russische Dienstboten pflegen ganz besonders treu zu sein -- aber ein

Junge! Freilich, Margarete war immer so, maßlos in allem, genau wie mit

ihrer Leidenschaft für die Musik. Maßhalten, kein Überschwang, immer

schön nüchtern, das ist die Hauptsache im Leben.«

Die Kinder blinzelten einander zu; sie kannten diese Lehre des Vaters,

hörten sie fast täglich. Herr Selder sprach im Kreise der Familie

stets in Lehrsätzen; er fühlte, dies schulde er seinem väterlichen

Pflichtgefühl, jenem Teil seiner selbst, das er »den Vater« nannte.

Herrn Selders »Ich« war sorgsam in verschiedene Teile geschieden. Zuerst

kam der »Untertan«, der ehrfürchtige Bewunderer Seiner Majestät des

Kaisers. Dieses Gefühl lag in bedingungslose, gedankenlose Ergebenheit wie

in Watte gebettet; dann kam »der Deutsche«, dies war mehr ein

Fluidum, das den ganzen Menschen durchdrang, stählte, festigte mit der

Überzeugung, der einzig wertvollen Nation anzugehören, dem zur Herrschaft

berufenen, ethisch höchststehenden Volke, den Menschen aus Stahl und

Eisen; hierher gehörte auch noch »der evangelische Christ«, der an

»unseren« Gott glaubte, an einen Privatgötzen des deutschen Volkes, der

auf dieses und sein Herrscherhaus mit ewig gnädigem Lächeln herabblickte,

eine Art verklärter Barbarossa, dessen Unglück es gewesen war, einen

weichlich-sentimentalen Sohn zu haben, einen unfähigen Kronprinzen, der

mit der Masse liebäugelte. Auch der »Gymnasialprofessor« machte einen

nicht unbeträchtlichen Teil der Selderschen Seele aus; jedenfalls einen

der angenehmsten, ein köstliches Gegenstück zum »Untertan«, denn hier

war Macht, Gewalt, Autorität, ein Stückchen Kaiser, ein Stückchen Gott.

Außerdem gab es noch »den Vater« und einen letzten, kleinsten Teil »den

Gatten«. Herr Selder sagte, wenn er eine Ansicht bekräftigen wollte,

niemals: »Ich«, sondern stets: »Ich, als getreuer Untertan Seiner

Majestät« oder: »Ich, als Gymnasialprofessor« oder: »Ich, als guter

Deutscher«.

Mit all diesen Eigenschaften hielt er strenge Zucht im Hause; seine Frau,

erschöpft und verbittert von den ewigen Geldsorgen, voller Bewunderung

für das Wissen des Mannes, das ihrer eigenen, schlechten Bildung ungeheuer

erschien, hatte sich vom ersten Tag ihrer Ehe an seinem Willen gefügt, und

auch die drei ältesten Kinder wagten keinen Widerspruch. Nur die jüngste,

die kleine Helene, machte ihm Sorgen. Er vermißte an ihr das »echt

deutsche« Wesen. Schon die mutwilligen braunen Augen, die krausen

schwarzen Locken paßten schlecht in dieses blonde, glatthaarige Heim.

Außerdem hatte dieses achtjährige Kind die schlechte -- in Augenblicken

des Zornes sagte der Vater sogar die »verruchte« -- Gewohnheit, nichts

auf Treu und Glauben nehmen; bei jeder Belehrung, jedem apodiktischen

Satz fand der trotzige kleine Mund ein »Aber«, und die Fragen des Kindes

brachten Herrn Selder oft zur Verzweiflung. Auch jetzt störte sie die

schöne Familienharmonie, die sich in einer fast feindseligen Stimmung

gegen Margarete Selder und das fremde Kind äußerte. Die Mutter meinte

bekümmert: »Es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder mit diesem

zugelaufenen Jungen verkehren sollen; Gott weiß, woher er stammt, welche

Unarten er mitbringt, welch schlechten Einfluß er auf sie haben kann. Ein

Kind von der Straße!«

Die kleine Lene rief dazwischen: »Einmal etwas Neues! Die Geschwister

kenne ich so gut, die sind mir langweilig. Ich freue mich auf das

Russenkind. Ich werde es sehr lieb haben!«

»Helene!« Der »Vater«, der »Gymnasialprofessor«, der »Deutsche«

lagen im strengen Ton der Stimme, »ein artiges Kind liebt vor allem Eltern

und Geschwister, dann liebt es seine Volksgenossen, Fremden gegenüber ist

dies Gefühl nicht am Platze.«

»Warum?«

Dieses entsetzliche Kinder-Warum! Hier mußte schon die Religion herhalten.

»Weil Gott will, daß wir unsere Nächsten lieben, jene, die er uns

gegeben hat, die uns nahestehen.«

Eine weiße Kinderstirn runzelte sich, kluge junge Augen hefteten sich auf

den Vater, ein Kinderverstand dachte angestrengt nach.

»Man darf also nur seine Familie lieben?« war das Ergebnis dieses

Nachdenkens.

»Ja, hauptsächlich.«

»Und Gott tut nur was recht ist?« kam die unvermittelte Frage zurück.

Verblüfft sah der Gymnasialprofessor auf das kleine Mädchen: »Ja,

selbstverständlich.«

»Aber ich habe doch heute in der Bibel gelernt: »Also hat Gott die Welt

geliebt,« die Welt ist doch nicht Gottes Familie?«

»Das ist etwas anderes, überhaupt sollst Du nicht so viel sprechen,

Lene,« und zu seiner Frau gewandt, fuhr Herr Selder ungeduldig fort: »Du

solltest die Bibelstellen wirklich besser auswählen, Annie.«

»Aber ...«

»Schweig', Helene!«

Eine winzige rote Zunge streckte sich vor, ganz wenig und zum Glück

unbemerkt, und eine rebellische Stimme murmelte halblaut: »Wenn _Du_ etwas

nicht weißt, muß _ich_ immer schweigen.«

Nach dem Abendbrot kletterte Lene auf der Mutter Schoß. »Mutti, was ist

maßlos?«

Verständnislos blickte Frau Selder ihre Jüngste an: »Was meinst Du,

Lenchen?«

»Vater sagte bei Tisch, Tante Margarete ist maßlos; das muß etwas

Schönes sein, denn Tante Margarete ist lieb und gut; wenn ich groß bin,

werde ich auch maßlos sein.«

Frau Selder seufzte hilflos; sie wagte nicht, ihren Mann zu Hilfe zu rufen;

er malte mit grimmigem Gesicht rote Striche in die Schülerhefte.

»Es ist Zeit, Schlafen zu gehen, Lenchen.«

Sie brachte die Kleine ins Bett.

Als sie bereits das Licht verlöscht hatte und an der Tür stand,

durchschnitt Lenes Stimme die Dunkelheit: »Mutter, warum ...«

Frau Selder floh ins Wohnzimmer.

Siebentes Kapitel.

Tante Margarete war gekommen; sie brachte einen Hauch frischer Luft

mit, ein Stückchen Welt, das den geordneten Haushalt beunruhigte, die

Erwachsenen verdroß und die Kinder mit Staunen erfüllte. Ihre Ansichten,

ihre ganze Art verstimmten den Bruder, der sich stets von neuem fragte,

wie es denn möglich sei, daß dieses »verrückte Frauenzimmer« seine

Schwester sei. Immer wieder lag ein gereiztes Wort auf seinen Lippen, eine

zornige Entgegnung, doch fiel ihm stets rechtzeitig die Bitte seiner Frau

ein: »Wilhelm, vertrage Dich mit Margarete, Du weißt, wie großmütig sie

ist, und nun, da Friedrich nächstes Jahr dienen wird ... Ihre Konzerte

tragen viel ein ...« Und seufzend schluckte der Gymnasialprofessor seinen

gerechten Zorn hinunter und lächelte säuerlich.

Eine unklare Aufregung hatte auch die Kinder erfaßt. Ilse, die

Fünfzehnjährige, betrachtete mit geheimem Neid die eleganten Kleider,

fühlte sich abgestoßen von dem ungewohnten Luxus der Tante, schlich aber

doch im Verborgenen in ihr Zimmer, betupfte sich vor dem Spiegel die Wangen

mit Rosapuder, fuhr mit dem Schwarzstift über die blonden Augenbrauen,

stahl ein wenig Parfüm für ihr Taschentuch. Friedrich, der sich mit

seinen achtzehn Jahren äußerst erwachsen vorkam, versuchte Margarete

gegenüber den Welterfahrenen zu spielen, wurde gutmütig von ihr

ausgelacht und empfand von da ab eine ausgesprochene Abneigung gegen sie.

Die beiden Jüngsten jedoch gingen bedingungslos zum Feind über; Gustav,

der stets Eßbereite, erlag den Bonbons, die Margarete freigebig verteilte,

streckte begeistert den schulmüden Körper auf dem Sofa, dem zahllose

seidene Kissen die puritanische Härte geraubt hatten, und prahlte in der

Schule mit der »berühmten« Verwandten. Lene war überhaupt nicht von der

Tante fortzubringen; alles an Margarete deuchte sie ein zur Wirklichkeit

gewordenes Märchen, selig klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der

anscheinend für jedes »Warum« eine Antwort hatte und so herrlich von der

großen Welt zu erzählen wußte.

Ivan fühlte sich äußerst unbehaglich; er verstand zwar die Worte, die

gegen sein Ohr schlugen, die ganze Umgebung jedoch deuchte ihn fremd und

bedrückend. Der große blonde Mann mit der knurrenden Stimme flößte

ihm Furcht ein, die Frau, die ihn so eifrig nach seinen »lieben Eltern«

ausforschte, brachte ihn in Verlegenheit. »Was war Dein Vater?« »Ich

weiß nicht. Er war hinter den schwarzen Mauern.« Verständnislos blickte

Frau Selder den Knaben an. »Hinter den schwarzen Mauern?« »Ja, böse

Menschen haben ihn gefangen gehalten.« Dunkle Röte stieg in Frau Selders

blasses Gesicht. »Gefangen?« Und bei sich dachte sie: »Ein

Verbrecher, ein Zuchthäusler! -- in unserem ehrbaren Heim das Kind eines

Verbrechers!« Auf das Schlimmste gefaßt, fuhr sie fort: »Und wodurch

hat Deine liebe Mutter euch erhalten?« »Mütterchen, ich weiß es nicht;

zuerst lebten wir in einem schönen Haus, dann ...« Margarete Selder kam

ihm zu Hilfe. »Laß doch das arme Kind in Ruhe, Annie. Hab' ich Dich je

nach Deinen Eltern ausgefragt?«

»Margarete!« Empörung schrillte durch Frau Selders Stimme. »Das ist

doch etwas ganz anderes. Du weißt doch, daß mein seliger Vater Pastor war

und mein Großvater Konsistorialrat und ...«

»Und Dein Urgroßvater wieder Pastor und so weiter bis zu Adam hinauf, ich

weiß schon.« Margarete trommelte mit dem Finger ungeduldig auf den Tisch,

das Licht fing sich in dem Diamantring, der diesen Finger schmückte, und

dieser Anblick verlieh Frau Selder die Kraft, eine ärgerliche Antwort zu

unterdrücken und sich mit einem ergebenen Seufzer zu begnügen.

Gleich am ersten Abend erregte Ivan in aller Unschuld großes Ärgernis.

Herr Selder hielt täglich eine Abendandacht ab; am Morgen fand er hierzu

keine Zeit, vielleicht glaubte er auch am hellichten Tag ohne den

Schutz »unseres Gottes« auskommen zu können; in der Nacht jedoch, im

unheimlichen Dunkel, war es gut, einen allmächtigen Bundesgenossen zu

haben.

Die ganze Familie umstand den Eßtisch und Herr Selder las eintönig,

salbungsvoll einen Psalm vor, dann sagte er: »Laßt uns beten.« Ivan, der

bloß die letzten Worte verstanden hatte, schlug artig ein Kreuz. Strenge

Blicke trafen ihn. Gustav und Lene begannen zu kichern. Nach der Andacht

bemerkte Herr Selder in strengem Ton: »Ivan, Du bist hier in einem

christlichen Haus, derlei Hokuspokus mußt Du Dir abgewöhnen; das sind

törichte Aberglauben; verstehst Du?«

Ivan verstand nicht, ängstlich schmiegte er sich an Margarete. »Was habe

ich Böses getan?«

Sie streichelte die dunklen Locken. »Du darfst kein Kreuz schlagen, Ivan,

das beleidigt den Gott meines Bruders.« Und halblaut, zu Herrn Selder

gewandt, meinte sie spöttisch: »Ihr habt komische Götzen, meine lieben

Leute.«

»Margarete!«

* * * * *

Auch am folgenden Tag kränkte Ivan ohne böse Absicht die heiligsten

Gefühle der Familie. Er stand im Wohnzimmer und betrachtete zwei große

farbige Bilder, die über dem Sofa hingen: einen Mann mit aufgezwirbeltem

Schnurrbart und eine perlenbehangene Frau. Dann fragte er Lene, zu der er

das größte Zutrauen hatte: »Wer sind diese häßlichen Leute? Der Mann

sieht aus, wie der Polizist auf unserer Straße.«

Einen Augenblick herrschte eisige Stille; dann lachte Margarete hell auf,

und Friedrich rief wütend: »Verdammter Russenbengel!« Herr Selder aber

sprach mit zornbebender Stimme: »Ivan, das darfst Du nie wieder sagen.

Diese Bilder stellen unser erhabenes Herrscherpaar dar, von dem Du mit

Ehrfurcht sprechen mußt.« Und milder, gleichsam die Unwissenheit dieses

fremden Kindes bedauernd, fügte er erklärend hinzu: »Diese Bilder sind

uns Deutschen ebenso lieb und verehrungswürdig, wie euch Russen die Bilder

des Zaren und der Zarin.«

Lene zog Ivan fort ins Kinderzimmer. »Erzähl' mir von Rußland.« Ivan

wußte nichts zu erzählen.

»Gefällt es Dir bei uns?« fragte das kleine Mädchen.

»Nein!«

»Mir auch nicht; wenn ich groß bin, gehe ich fort und komme nie wieder.

Warum gefällt es Dir nicht?«

Ivan rang mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, schließlich meinte

er: »Dein Vater sagt immer: »Du darfst nicht«. Was darf man denn bei

euch tun?«

»Gar nichts, bloß still sein und folgen. Waren Deine Eltern auch so?«

»Mütterchen nicht, die war lieb und gut.« Und jählings überfiel den

kleinen Knaben ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit; Tränen stiegen ihm

in die Augen, er begann bitterlich zu weinen.

Lene schlang die Arme um ihn. »Weine nicht, Ivan, ich werde zu Dir halten,

und wenn wir größer sind, laufen wir fort nach Rußland, wo nicht immer

alles verboten wird und die Menschen gut sind.«

»Wird Deine Schwester noch lange bei uns bleiben?«, fragte Frau Selder

ihren Gatten beim Schlafengehen. Sie flocht eben das Haar zu einem

festen Zopf; in einen braunen Barchentschlafrock gehüllt, die Füße in

Filzpantoffeln, saß sie am Rand des Bettes. »Seit sie hier ist, ist

mit Gustav und Lene nichts mehr anzufangen. Und dann kleidet sie sich so

auffallend, heute noch hat mich die Frau Doktor gefragt, wer diese »gar so

elegante Dame« sei, die bei uns wohnt. Außerdem -- wenn sie übt --, sie

singt immer diese schamlos leidenschaftlichen Liebeslieder. Was soll sich

Ilse denken, wenn sie solche Worte hört? Ich bat Margarete, doch gerade

diese Lieder nicht zu singen, wenn die Kinder daheim sind. Weißt Du, was

sie sagte: ›Mein Gott, habt Ihr eine verdorbene Phantasie!‹«

Herr Selder putzte sich eben die Nägel mit seinem Taschenmesser und war

zu sehr beschäftigt, um zu antworten. Seine Frau fuhr fort: »Hat sie denn

von ihrer Abreise noch gar nicht gesprochen?«

»Nein. Dafür hat sie aber angedeutet, daß sie geneigt wäre, uns

finanziell zu helfen, damit Friedrich in einem guten Regiment dienen

könne. Sie scheint in den letzten Jahren viel verdient zu haben.«

»Merkwürdig, daß die Menschen so viel zahlen, um jemanden singen

zu hören. Mir machen die Choräle in der Kirche weit mehr Freude als

Margaretes Lieder. Freilich, wenn sie uns helfen will ... Wir müssen gut

gegen sie sein, Wilhelm, schließlich ist sie doch Deine Schwester ...

Und vielleicht wird sie der Aufenthalt in einem deutschen christlichen Heim

günstig beeinflussen.«

Herr Selder stieg ins Bett. »Sprich Du einmal mit ihr über Friedrich, so

ganz nebenbei.«

»Ja,« Frau Selders blaue Augen glänzten auf, »wenn ich bedenke,

Wilhelm, unser lieber Junge in des Kaisers Rock! Er ist so stramm, so

tüchtig, er könnte es beim Militär weit bringen.«

»Jetzt nicht, freilich, wenn es wieder einmal Krieg gäbe; dann ...«

Die Frau nickte.

Herr Selder verlöschte die Kerze.

»Heute hat Graf Stramwitz mit mir gesprochen, Annie; ein äußerst

liebenswürdiger Herr. Sein Sohn kommt nach den Weihnachtsferien in meine

Klasse; er ist in Gustavs Alter. Es wäre gut, wenn die beiden Knaben

sich anfreunden würden. Der Graf war sehr freundlich, ein vornehmer,

ritterlicher Mann, äußerst schneidig; ja, unsere Aristokraten können

sich sehen lassen.«

»Auch ich war im Pensionat mit einer Gräfin befreundet, Wilhelm; ich habe

ihr immer die Rechenaufgaben gemacht; wir sagten sogar »Du« zueinander.

Du weißt doch, Wilhelm, ich habe ihr Bild noch und ...«

Aber Wilhelm hatte diese Geschichte wohl bereits an die hundertmal gehört.

Er drehte wortlos sein Gesicht der Wand zu und schlief ein.

* * * * *

Die Kinder waren schlafen gegangen, Herr und Frau Selder saßen mit

Margarete im Wohnzimmer.

»Also abgemacht, mein kleiner Ivan bleibt bei Euch, Ihr werdet ihn

behandeln wie euere eigenen Kinder -- natürlich ersetze ich Euch alle

Unkosten -- und dafür lasse ich Friedrich bei einem guten Regiment

dienen.«

Auf Frau Selders blassen Wangen glühten hochrote Flecke. Sie war gar nicht

damit einverstanden, das »Russenkind« zu behalten, andererseits aber

konnte man doch das Friedrich betreffende Angebot nicht ausschlagen.

»Ich hoffe, liebe Schwester, Du siehst ein, welch großes Opfer unsere

geschwisterliche Liebe Dir bringt, indem wir das fremde Kind in unser Heim

aufnehmen.«

»Opfer?« Margaretes Stimme klang nicht gerade liebenswürdig.

»Schließlich tut Ihr es ja nicht umsonst.«

Herr Selder überhörte geflissentlich den taktlosen Einwand. »Du kannst

überzeugt sein, daß Ivan alle Vorteile der Erziehung genießen wird, die

unseren Kindern zuteil werden. Ich will mein Möglichstes tun, um einen

echt deutschen Mann aus dem Kinde zu machen.«

»Mach' lieber einen Menschen aus ihm. Das dürfte Dir allerdings schwerer

fallen.«

»Margarete,« Rührung bebte aus Herrn Selders Stimme, »ich sehe mit

tiefer Trauer, wie sehr Dich Dein kosmopolitisches Leben verdorben hat. Du

scheinst jedes Heimatsgefühl verloren zu haben. Vergiß draußen in der

großen Welt nicht, daß deutsches Blut in Deinen Adern fließt.«

Margarete lachte. »Ich hab' genug mit dem deutschen Blut zu kämpfen,

Wilhelm, mit der deutschen Arroganz und Kleinlichkeit, um das je vergessen

zu können.« Dann wurde ihr spöttisches Gesicht weicher, sie wandte sich

an die Schwägerin: »Annie, ich weiß, was für eine gute Mutter Du bist,

finde auch für das fremde Waisenkind ein Fleckchen in Deinem Herzen, hab'

es lieb.«

»Ich werde ihm gegenüber meine Christenpflicht erfüllen.«

Margarete schauderte leicht zusammen. »Armer Ivan, wenn ich ihn doch

lieber mitnehmen könnte.« Dann zu ihrem Bruder gewandt: »Also die

Angelegenheit ist erledigt. Übermorgen fahre ich nach Hamburg.«

Frau Selder hatte noch etwas auf dem Herzen. »Wäre es Dir unangenehm,

Margarete, wenn wir den Knaben Johannes nennen würden? Ivan klingt so

fremdartig, so -- so heidnisch.«

»Meinetwegen, nenn' ihn wie Du willst, vielleicht findest Du leichter

ein wenig Liebe für den Johannes als für den Ivan, Du -- Du -- deutsche

Seele!«

Am folgenden Morgen teilte Gustav Ivan vergnügt mit, daß er von nun

an »Johannes« heiße und kein »Russenkind« mehr sei, sondern ein

Deutscher.

Ivan nahm die Kunde teilnahmslos auf, der Gedanke, ohne Margarete bei

diesen fremden Menschen bleiben zu müssen, bedrückte ihn so sehr, daß

ihm alles übrige belanglos erschien. Anders Lene, die stampfte mit dem

kleinen Fuß auf, begann zu weinen: »Das ist eine Gemeinheit! Nun wollen

sie ihn genau so machen wie alle anderen. Laß es Dir nicht gefallen,

Ivan!«

»Johannes,« verbesserte Gustav grinsend.

»Es ist doch einerlei,« meinte Ivan traurig, »ob ich jetzt Ivan oder

Johannes heiße. Ich weiß nicht,« fügte er sinnend hinzu, »bisweilen

kommt es mir vor, als ob ich einmal noch anders geheißen hätte, aber ich

weiß es nicht mehr.«

Achtes Kapitel.

Was wird aus dem welken Laub des Herbstes, was aus den abgeblätterten

Jahren der Kindheit? Verfliegen sie spurlos im All, zerzaust und verweht,

häufen sie sich an, wie Schneeflocken zur Lawine, um später als schwere

Last müde Schultern zu drücken, oder gleichen sie einer Wunderblume, die,

aus unzähligen Samenkörnchen bestehend, des Regens und der Sonne, der

Glut und des Frostes unzähliger Jahreszeiten bedarf, um sich endlich zur

höchsten Pracht zu entfalten?

Wie Nebelgebilde huschen die Kinderjahre vorüber, gleiten scheinbar

wesenlos über die jungen Seelen dahin, bisweilen jedoch trifft greller

Sonnenschein einen Augenblick, ein Bild, oder schwarze Schatten verdichten

sich zu Gestalten, und diese bleiben im Gedächtnis haften. -- --

Aus dem kleinen erschrockenen Ivan, den ein seltsames Schicksal in

ein deutsches Heim verschlagen hatte, war nun ein langer, hagerer,

vierzehnjähriger Johannes geworden. Wenn er es versuchte, sich an die

langen sieben Jahre zu erinnern, die er in der kleinen ostpreußischen

Stadt verbracht hatte, so verschwammen sie ineinander, grau und farblos,

eintönig und traurig; nur wenige Begebenheiten, einige Zeitpunkte hoben

sich schroff von dem fahlblassen Hintergrund ab.

Die schwere hilflose Traurigkeit, als er nach Margarete Selders Abreise

allein bei den Fremden zurückblieb; das qualvolle Nörgeln und Erziehen

der Erwachsenen, die böswilligen Neckereien der älteren Kinder. Ungestüm

hatte es ihn fort verlangt; lieber hungern und frieren, lieber nachts in

den Straßen singen, als diese entsetzlichen Tage, an denen alles nach der

Uhr ging, jede Stunde festgelegt und eingeteilt war. Und niemals ein liebes

Wort, eine Zärtlichkeit, morgens und abends ein Kuß von Frau Selder,

das gehörte ja mit zur Tagesordnung, wie das Essen oder der sonntägliche

Familienspaziergang. Sein einziger Trost war Lene gewesen; teils aus

Widerspruchsgeist, teils aus ahnender, unbewußter Kindergüte schloß sich

das kleine Mädchen dem Einsamen an, verteidigte ihn gegen die Geschwister,

half ihm bei seinen ersten Schularbeiten, ließ die Freundinnen im Stich,

um bei ihm zu bleiben.

Und dann kam die Schule, der enge Raum, die unerträgliche Nähe fremder

Körper, die Disziplin, die endlosen, langweiligen Lehrstunden.

»Und es müßte doch gar nicht langweilig sein,« klagte er Lene seine

Not, »es ist doch schön zu wissen, wie die Menschen früher gelebt haben,

wie alles so kam, wie es heute ist. Aber das erzählt uns der Lehrer nicht.

Immer nur Jahreszahlen und Kaiser und Könige und Schlachten. Warum werden

immer die Kriege so hervorgehoben; ist es denn recht und gut, Menschen zu

töten?«

Am meisten hatte er noch die Religionsstunden geliebt. Etwas Verwandtes

klang in ihm nach, wenn das Alte Testament durchgenommen wurde; Jerusalem,

Zion -- seltsam vertraute Musik deuchten ihn diese Worte, Heimatsklänge.

Doch gerade in der Religionsstunde war es zu einem Auftritt gekommen, der

ihm daheim viel böse Worte eingetragen, ihm seltsamerweise aber auch ganz

unerwartet einen Freund gewonnen hatte. Er zählte damals zehn Jahre, saß

als einer der besten Schüler in der ersten Bank. Neben ihm befand sich

der Sohn eines Gutsbesitzers, Ewald Bronken, ein frecher Junge und

berüchtigter Raufbold. Der alte Pastor sprach über die Kreuzigung

Christi, und wie die Menge den Gefolterten noch am Kreuze verspottete. Der

alte Mann sprach mit der ganzen Innigkeit eines warmen kindlichen Glaubens,

und Johannes fühlte ehrliche Ergriffenheit. Da schnellte neben ihm Ewald

empor: »Herr Pastor, warum erschlagen wir nicht die stinkenden Juden? Mein

Vater sagt auch, man müsse sie ausrotten.«

Wahnsinnige, ihm selbst unverständliche Wut übermannte Johannes, mit

aller Kraft schlug er dem Kameraden auf den Mund.

Nach der Stunde behielt ihn der alte Pastor in der Klasse zurück;

sorgenvoll prüften die gütigen verblaßten Augen das noch immer

zornglühende Knabengesicht. »Was hast Du zu Deiner Entschuldigung

vorzubringen, Johannes?«

Johannes senkte den Kopf.

»Weshalb hast Du Ewald geschlagen?«

Ohne Trotz, ohne Schuldbewußtsein, bloß verwirrt und fast erschreckt

schaute der Knabe den alten Mann an: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«

»Tut es Dir nicht leid?« Es lag fast eine Bitte in der fragenden Stimme.

»Nein, Herr Pastor, das heißt, es tut mir leid, daß es in Ihrer Stunde

geschehen ist, aber ich -- ich täte es wieder, wenn einer so über die

Juden spräche. Ich ertrage das nicht; ich weiß nicht warum.«

»Hast Du jüdische Freunde, die Dir lieb sind?«

»Nein, Herr Pastor.«

»Und früher, als Du ein kleines Kind warst, bist Du vielleicht bei Juden

aufgewachsen?«

»Nein, Herr Pastor, als Mütterchen starb, wurde sie vom Popen beerdigt.«

Der alte Mann blickte lange forschend auf den Knaben.

»Ich weiß nicht, was Dich zu dieser Handlung hinriß, mein Sohn. Gott

allein weiß, was sich in Dir geregt hat, darum will ich Dich auch nicht

strafen; um so mehr, als auch Dein Kamerad im Unrecht war. Eines aber merke

Dir, mein Kind, durch Schläge überzeugt man niemanden.«

Dieser Ansicht war Herr Selder freilich nicht; als er die Geschichte

erfuhr, versuchte er auf höchst eindringliche Art, Johannes durch Schläge

zu überzeugen, und auch Frau Selder verschonte den Sünder nicht mit

bösen Worten.

»Warum hast Du's getan?« fragte Lene, als Johannes sich vorsichtig mit

schmerzverzogenem Gesicht im Kinderzimmer neben sie aufs Sofa setzte.

»Ich weiß nicht, Lenchen, frage mich selbst, was mir einfiel, aber ich

hätte ihn erschlagen mögen, als er das sagte.«

»Er wird's Dir heimzahlen wollen, aber wenn er Dich verprügelt, kratz'

ich ihm die Augen aus!«

Seltsamerweise war der alte Pastor nach diesem Ereignis gütiger denn zuvor

gegen Johannes, der, dem Lehrer zuliebe, mit doppeltem Eifer lernte.

Bloß dies Jahr waren ihm plötzlich, er wußte selbst nicht weshalb, die

Religionsstunden zuwider geworden. Die Schüler seiner Klasse wurden zum

Abendmahl vorbereitet; die meisten blieben völlig unberührt, etliche

ließen sich von religiöser Schwärmerei erfassen, Johannes hatte

das Gefühl, als stünde er abseits, als trenne ihn plötzlich von den

Kameraden und dem gütigen alten Lehrer eine unüberbrückbare Kluft.

Mit wahrem Grauen dachte er an den Tag, da ihm vom Altar herab der Kelch

gereicht werden würde. Die Worte: »Nehmet hin und trinket, dies ist mein

Blut,« erfüllten ihn schier mit Ekel. Eines Tages suchte er den Pastor

auf und erklärte ihm, er könne nicht zum Abendmahl gehen. Und wie an

jenem Tag, da er in der Klasse den Kameraden geschlagen hatte, fragte ihn

der alte Mann: »Weshalb?«

Der Tempel: Roman · 第 10 / 26 题