„Diese Region ist von der eigentümlichsten geologischen

Beschaffenheit, die wohl nirgends auf Erden ihresgleichen hat.

Die Karawane zog gegen Südwesten in den zwei ersten Tagen über

einförmige, leicht gewellte Ebenen, deren Boden mit Salpeter

geschwängert war. So weit das Auge reichte, sah man keinen

Baum oder Busch, wohl aber manchen blühenden Kaktus und in den

Niederungen sogenannte Milchpflanzen. Da und dort traf man eine

Kolonie von Präriehamstern, sonst kein lebendes Wesen in dieser

wasserarmen Gegend. Am sechsten Tage kamen die ~Mauvaises Terres~

in Sicht, die einen wahrhaft überraschenden, unbegreiflichen

Anblick bieten. Im Hintergrund einer weit ausgedehnten Ebene fielen

die Strahlen der Abendsonne auf eine gewaltige Trümmerstadt, die

eben mit rosenfarbigem Lichte übergossen war. In ihr erhoben

sich Mauern und Bastionen, große Paläste mit mächtigen Kuppeln

und andere Bauten von wunderbaren, seltsamen Gestalten. Das

Ganze machte einen überwältigenden Eindruck, als über alle Maßen

phantastisch. In Abständen von verschiedener Entfernung erhoben

sich über dem schneeweißen Boden backsteinrötliche Burgen mit

Zinnen und Pyramiden, auf deren Spitzen die mächtigsten Blöcke

lagen, die scheinbar vom Winde hin und her geschaukelt wurden.

Mitten in diesem Chaos geologischer Ruinen erhebt sich, einem

Leuchtturm vergleichbar, eine bei 300 Fuß hohe Felsensäule. Der

Indianer nennt es die verwünschte Stadt, darin namentlich auch

ein großes Amphitheater auffällt, mit ockerfarbigen, ausgezackten

Mauern umgeben. Der Boden besteht vielfach aus einer dicken

Lage fossiler Knochen, von denen manche aufs vortrefflichste

erhalten sind, und an vielen Orten lag eine ganze Beinstätte von

Zähnen, zerbrochenen Kinnladen, Knochen und Wirbeln in Ton oder

fleischfarbigen Mergel eingebettet.“

Von der überaus individuen- und artenreichen Tierwelt mögen nur zwei

Formen Erwähnung finden, das +Koryphodon+ und das +Dinozeras+,

von welchen ersteres auch in Europa vorkommt, letzteres aber auf

Amerika beschränkt ist. Das +Koryphodon+ (der Name stammt von der

Beschaffenheit der Unterkieferzähne, ~koryphe~ heißt die Spitze)

vereinigt die Merkmale der verschiedenen Huftiere und wurde deshalb von

einigen als Stammvater derselben oder doch wenigstens als derjenige der

Elefanten betrachtet. Beides ist unmöglich, denn jene Ausgangs- oder

Urformen müssen schon in der Kreide gelebt haben. Wahrscheinlich bilden

sie einen Seitenzweig jener noch unbekannten Stammformen. Im höchsten

Grade auffallend ist der im Verhältnis zu heutigen Säugern geringe

Inhalt der Schädelkapsel. Der amerikanische Paläontologe Cope schildert

das Tier folgendermaßen:

„Nach dem Skelett glich Koryphodon in der allgemeinen Erscheinung

wahrscheinlich einem Bären mehr als irgendeinem anderen lebenden

Tiere, nur mit dem Unterschied, daß seine Füße ganz wie die eines

Elefanten waren, und zu den Körperverhältnissen eines Bären müssen

wir noch einen Schweif von mittlerer Länge fügen. Ob sie behaart

waren, wissen wir nicht, denn von ihren Verwandten, den Elefanten,

sind einige behaart (Mammut), andere nackt. Der Scheitel war ohne

Zweifel kahl und mag bei alten Tieren nur mit einer dünnen Oberhaut

wie bei Krokodilen bedeckt gewesen sein, so daß sie dem Feinde eine

rauhe, undurchdringliche Stirne entgegenstellen konnten. In seinen

Bewegungen glich Koryphodon ohne Zweifel dem Elefanten mit seinem

schwankenden Paßgange. Als Ersatz für den Mangel an Geschwindigkeit

kann die furchtbare Bewaffnung mit mächtig vorspringenden Eckzähnen

gelten, welche namentlich im Oberkiefer stärker und länger waren

als bei Raubtieren. Die Größe der einzelnen Arten schwankt zwischen

derjenigen eines Ochsen und der eines Tapirs. Die Hauptnahrung von

Koryphodon war vermutlich vorwiegend pflanzlicher Natur, aber ohne

strenge Beschränkung auf ein bestimmtes Futter; ohne Zweifel waren

sie, wie die jetzigen Schweine, bis zu einem bedeutenden Grade

Allesfresser.“

Die Koryphodonten scheinen nur dem unteren Eozän anzugehören und schon

im Anfang der Tertiärzeit ausgestorben zu sein, jedoch nicht, ohne

würdige Nachkommen hinterlassen zu haben. Ihnen folgten nämlich die

Dinozeraten oder Schreckhörner (von ~deinos~ oder ~dinos~: schrecklich

und ~keras~: Horn), gewaltige, plumpe Kolosse, die im Fußbau mit den

Koryphodonten übereinstimmen und deren äußere Erscheinung zwischen

Elefant und Nashorn ungefähr die Mitte hielt. Nach dem einstimmigen

Urteil der Gelehrten gehören dieselben zu den absonderlichsten Typen,

die je gelebt haben. Ihre Reste kommen nur in den ~Mauvaises Terres~

vor, dort aber in solcher Menge, daß der Amerikaner Marsh allein über

200 Exemplare in seiner Sammlung zusammenbrachte. Der am seltsamsten

geformte Körperteil beim Dinozeras ist der Schädel, ein Monstrum, „das

unter allen Tieren seinesgleichen nicht findet“. Der Unterkiefer trägt

einen breiten, abwärts gerichteten Fortsatz des Knochens, der fast wie

eine Axt aussieht. Im Oberkiefer fehlen die Schneidezähne, dafür sind

aber die Eckzähne zu gewaltigen Hauern vergrößert, welche wie beim

Walroß weit nach unten ragen. Auf der Oberseite des Schädels sitzen

drei Paar Knochenwülste, die von vorn nach hinten an Größe zunehmen und

höchstwahrscheinlich Hörner getragen haben, von denen die hinteren eine

kolossale Größe erreicht haben dürften. Ein Tier mit sechs Hörnern, das

ist etwas so Absonderliches, Ungeheuerliches, daß der Naturforscher

stutzt und nach einer anderen Deutung sucht. Man hat denn auch die

Hörner niemals gefunden; allein Horn ist sehr schlecht erhaltungsfähig

und findet sich selten fossil, und es scheint keine Möglichkeit

vorhanden, jene Stirnzapfen anders zu erklären.

[Illustration: Abb. 25. Schädel des Dinozeras.]

Als dritter im Bunde reiht sich den genannten würdig an das

+Titanotherium+ (Riesentier), auch +Brontotherium+, das heißt

+Donnertier+ genannt, ein Vetter der Nashörner. Hinsichtlich der

Gestalt mochte es zwischen Tapir und Rhinozeros die Mitte halten, stand

aber einem Elefanten an Größe wenig nach (4 Meter lang, 2,3 Meter

hoch). Der lange niedrige Schädel mit lächerlich kleiner Hirnhöhle

zeigt über den Nasenbeinen zwei stumpfe Knochenzapfen, die offenbar

große Hörner trugen. Das kräftige Gebiß und die dicken Beine, von denen

die vorderen vier, die hinteren drei Hufe trugen, scheinen dafür zu

sprechen, daß wir es hier mit einem sumpfbewohnenden Pflanzenfresser zu

tun haben.

Die Sippe der Titanotherien war im älteren Tertiär (ältere

Braunkohlenformation) Nordamerikas sehr zahlreich vertreten; kennt man

doch zur Stunde nicht weniger als 15 verschiedene Gattungen mit zirka

20 Arten. Neben ihnen lebten zahlreiche Rhinozerosse -- man kennt über

50 Arten --, von denen die ältesten Formen noch keine Hörner hatten

und daher +Azeratherien+, das heißt +Ohnhorntiere+ getauft wurden;

allmählich wurden die Nasenbeine kräftiger und wurden gar durch eine

knöcherne Nasenscheidewand gestützt, um eine solide Unterlage für die

mächtigen Hörner zu bilden. Damit geht parallel eine Verlängerung des

Schädels und die Verkümmerung der Schneide- und Eckzähne, wie denn

stets die Änderung eines Organs diejenige eines anderen nach sich

zieht. (Die gleiche Entwicklung haben übrigens auch die Titanotherien

durchgemacht.)

Die Nashörner (mit und ohne Horn) waren nicht nur sehr arten- und

individuenreich, sondern hatten auch eine sehr große Verbreitung; sie

bewohnten Nordamerika, Afrika, Europa und ganz Asien bis zum Eismeer.

Die nordamerikanischen Fundstätten sind außer durch ihre zahlreichen

phantastischen Biester noch besonders berühmt durch die ans Wunderbare

grenzende Vollkommenheit der Entwicklungsreihen des +Pferdestammes+.

Sie haben die unbestreitbaren Beweise für die überraschende Tatsache

geliefert, daß unsere heutigen Einhufer (Pferd, Esel, Zebra) von

+fünfzehigen Tieren der älteren Braunkohlenzeit+ (Eozän) abstammen und

daß sie mit Nashorn und Tapir blutsverwandt sind.

Als Ausgangspunkt des amerikanischen Stammbaums wird die Gattung

+Phenakodus+ genannt. Dieselbe lebte in der ältesten Tertiärzeit und

stellte einen ausgezeichneten Sammeltypus dar, indem das Skelett

typische Merkmale von Raubtieren, Elefanten und Huftieren in seltsamem

Gemisch vereinigt. Die Glieder endigen in fünf Zehen, von denen jedoch

die erste und fünfte den Boden nicht berühren. Die mittlere oder dritte

Zehe ist die stärkste und bildet den Hauptpfeiler des Fußes, worin ein

hervorstechendes Charakteristikum der Unpaarzeher liegt. Auf Phenakodus

folgt die Gattung +Eohippus+, die am Vorderfuß vier Zehen und von der

fünften nur noch einen verkümmerten Rest, am Hinterfuß dagegen bloß

drei Zehen besitzt. Von da leiten die Gattungen in schönster Weise bis

zu den heutigen Einhufern herauf: +Orohippus+, vorn mit vier Zehen,

wovon die eine stark zurücktritt; +Mesohippus+, etwa dem europäischen

Paläotherium entsprechend, mit drei Zehen, am Ende des Eozän;

+Miohippus+ (+Anchitherium+) im Miozän, gleichfalls mit drei Zehen; die

beiden letzten Gattungen noch mit schwachen Andeutungen (Rudimenten)

einer vierten Zehe; +Protohippus+ oder +Hippotherium+ im unteren

Pliozän, mit drei Zehen, nämlich der zweiten, dritten und vierten,

wovon nur die mittlere den Boden berührt; +Pliohippus+ und endlich das

+Pferd+, mit einer einzigen, sehr starken, nämlich nur mit der dritten

Zehe; erste und fünfte sind vollständig verschwunden, zweite und vierte

als die rudimentären Griffelbeine nur noch angedeutet.

Einige Mittelformen sind schon frühzeitig auf den damals noch

vorhandenen Landbrücken nach Europa und Asien ausgewandert, so

besonders das +Paläotherium+, +Alttier+, das durch die klassischen

Untersuchungen des großen Cuvier Berühmtheit erlangt hat.

Merkwürdigerweise ist der Pferdestamm in seinem Ursprungsland, in

Amerika gänzlich ausgestorben, während er sich bei uns lebenskräftig

und entwicklungsfähig erhalten hat. Zur Zeit der Entdeckung der

„Neuen Welt“ besaß letztere nämlich keinerlei Einhufer; fast die

ganze riesenhafte, vielgestaltige und merkwürdige Säugetierwelt der

Braunkohlen- und der Eiszeit war verschwunden; die heutigen Pferde

Amerikas stammen von eingeführten europäischen ab.

Die +Zweihufer+ (+Wiederkäuer+) haben ebenfalls eine lange

und interessante Geschichte hinter sich, doch weisen ihre

Entwicklungsreihen noch große Lücken auf. Indessen fördern die

Paläontologen, speziell diejenigen Nordamerikas, denen großartige

Hilfsmittel zu Gebote stehen, Jahr um Jahr neue überraschende Funde

zutage, so daß man fast mit Sicherheit voraussagen kann: in absehbarer

Zeit werden die fehlenden Glieder gefunden und die Abstammungsreihen

geschlossen sein.

[Illustration: Abb. 26. Irischer Riesenhirsch.]

Von den zahlreichen fossilen Wiederkäuern mag hier nur eine einzige

Art Erwähnung finden, nämlich der +irische Riesenhirsch+, dessen

Geweihenden über 3 Meter auseinander liegen. Besonders schön erhaltene

Skelette finden sich in den Torfmooren Irlands. Der Riesenhirsch lebte

noch mit dem Menschen zusammen; ja es ist sogar vermutet worden,

daß er in Deutschland erst im Mittelalter ausgestorben sei. Das

Nibelungenlied, dessen Entstehung ins zwölfte Jahrhundert angesetzt

wird, führt nämlich unter der Jagdbeute des „hörnenen Siegfried“ auch

einen „Schelch“ an, welchen Namen man von schelchen, das heißt schief

oder schwankend laufen, abgeleitet hat. Der schwankende Gang sollte

seine Ursache in der Schwere des Tieres und der Größe des Geweihs

haben. Die betreffende Stelle lautet:

Drauf nun schlug er schiere einen Wisent und einen Elch,

Starker Ure viere und einen grimmen Schelch.

Demgegenüber wird behauptet, daß der Schelch nichts anderes sei als der

männliche Elch (Elentier).

Der Riesenhirsch ist in Europa offenbar schon am Ende der

Gletscherzeit, als sich die Steppen und Bergeshöhen wieder zu bewalden

begannen, ausgestorben; nur in Irland mit seinen ausgedehnten

Wiesenflächen und Mooren hat er sich noch etwas länger halten können.

Den riesigen Pflanzenfressern der Diluvialzeit standen auch gewaltige

Fleischfresser gegenüber. Das häufigste Raubtier war der +Höhlenbär+,

größer als der Eisbär und der graue Bär Nordamerikas; er erreichte eine

Länge von 10 Fuß und eine Höhe von 4 bis 4½ Fuß.

[Illustration: Abb. 27. Skelett des Höhlenbären.]

„Wie heutzutage der Bär am liebsten in Höhlen und Felsklüften sich

aufhält,“ berichtet O. Fraas in seinem Werke „Vor der Sintflut“,

„so waren auch die Höhlen, die zur Diluvialzeit schon zugänglich

waren, der Wohnort dieser nächtlichen Räuber. Lange Zeiten

hindurch wohnten sie ausschließlich in den Höhlen, jedes andere

Tier als Eindringling zurückweisend. Lange Zeiten hindurch blühte

das Geschlecht; Jahrtausende verflossen, in denen eine Höhle die

Wiege und das Grab von Generationen war. Im Hohlenstein (auf der

Schwäbischen Alb) lagen auf einem Raum von wenigen Quadratklaftern

in einer Tiefe von 6 Fuß 110 Schädel, 275 Unterkiefer usw., kurz

eine Menge von Skelettstücken, die zum mindesten 400 Individuen

angehörten. Unter ihnen sind alle Altersstufen vertreten, alle

Knochen, alle Zähne, vom Milchzahn bis zu vollständig abgenutzten

Zahnstumpen, beide Geschlechter, dazu eine Reihe kranker und

verletzter Knochen. Die Knochenbrüche waren so häufig, daß man

zur Genüge ersehen konnte, wie der Höhlenbär zu jener Zeit schon

um seine Existenz zu kämpfen hatte, ob es gleich die Paradieszeit

der Räuber war. Wer dem Höhlenbär ohne Zweifel am meisten Rippen

einschlug und Knochen zerschmetterte, war wohl das Pferd, das,

der Menge von Knochen nach zu urteilen, die Lieblingsnahrung des

Meisters Petz bildete. Doch verschmähte er auch nicht Ochsen, Elen,

Hirsch, Schaf und Elefant, die zerbissen und abgenagt jetzt mit den

Knochen ihrer Sieger und Meister ruhig im Lehme liegen. Großartige

Höhlen und Grotten, die heutzutage durch ihren imposanten Anblick

überraschen, verschmähte er, ein kleiner Schlupf, ein sicherer

Winkel war ihm lieber, am liebsten Höhlen, deren Eingang gerade so

weit war, daß ein Individuum, mit dem Hinterteil voraus einfahrend,

den Gang ausfüllte. Das ist noch die Gewohnheit der Bären, daß

sie, hinter sich gehend, den Rücken gedeckt halten, um dem Feinde,

der allenfalls ihn verfolgte oder in einer Höhle angriffe, Zähne

und Tatzen weisen zu können. Fast an allen Bärenhöhlen kann man

deshalb da, wo der Schlupf sich verengt, eine Glättung und Politur

der Felsen wahrnehmen, beziehungsweise eine inkrustierte glatte

Schichte beobachten, die im Laufe der Zeit vom durchgezwängten

Bärenfell aufgetragen wurde, so etwa wie sich Felssteine glätten,

die, weil irgend von religiöser Bedeutung, den Küssen andächtiger

Gläubigen ausgesetzt sind.“

[Illustration: Abb. 28. Schädel des Machairodus.]

In Italien, Frankreich und England tritt der Höhlenbär zurück vor der

+Höhlenhyäne+, die in Deutschland ziemlich selten ist. Hyäne und Bär

scheinen sich also gemieden zu haben. Wie die lebenden Verwandten, so

hatte die Höhlenhyäne die Gewohnheit, die Knochen der Beutetiere zu

zermalmen, wozu sie durch die Stärke ihres furchtbaren Gebisses und die

mächtige Entwicklung der Kaumuskulatur besonders befähigt war. Man wird

also schon aus der Art und Weise, in welcher die Knochen bearbeitet

sind, auf die Existenz der einen oder anderen Raubtiergattung schließen

können.

Die +Katzenfamilie+ stellt mehrere Vertreter, darunter einen

+messerzähnigen Tiger+ (~Machairodus~), einen nahen Verwandten der

tertiären Machairodusarten, und den gewaltigen +Höhlenlöwen+, der über

einen großen Teil von Europa verbreitet, jedoch nicht in solcher Anzahl

vorhanden war wie Bär und Hyäne. In Spanien und Frankreich kommen zudem

zwei große Pantherarten vor, so daß Europa damals eine an Artenzahl

wie an Riesenhaftigkeit der Formen großartigere Raubtierfauna besaß

als irgend ein Kontinent heutzutage, selbst Afrika und Asien nicht

ausgenommen.

Rüsseltiere.

Wer schon je vor dem Elefantenhaus eines Zoologischen Gartens

gestanden, wird den Eindruck empfunden haben, daß die Bewohner

desselben etwas durchaus Fremdartiges an sich haben, als würden sie aus

einer anderen Welt stammen. Sie scheinen zu den heutigen Säugetieren

nicht zu passen und bilden in der Tat eine seltsame isolierte Gruppe,

die sich in keiner der großen Hauptabteilungen unterbringen läßt,

weshalb man daraus eine besondere Ordnung gemacht hat, eben die der

+Rüsselträger+ oder +Proboszidier+. Das ist eine alte Sippschaft

mit einer berühmten Vergangenheit, ein wahrhaft aristokratischer

Stamm, dessen heutige Vertreter als wandelnde Petrefakten anzusehen

sind. Der älteste zurzeit bekannte Ahne lebte zu Beginn der Tertiär-

oder Braunkohlenzeit (Eozän) neben den Stammvätern der Wiederkäuer,

Pferde, Schweine, Nagetiere und Raubtiere. Zu jener Zeit existierten

die Alpen, der Jura, die Karpathen, der Himalaja und die Anden

noch nicht; an Stelle der Schweiz flutete das Meer, und in England

wuchsen Mammutbäume, Zimmet-, Lorbeer- und Feigenbäume, Fächer- und

Fiederpalmen. Jener Stammvater -- er wurde Möritherium getauft -- war

ein tapirähnlicher, keineswegs großer Bewohner Ägyptens, ohne Stoßzähne

und eigentlichen Rüssel; er vermittelt den Übergang zu den Seekühen.

Bei den Nachkommen werden die Schneidezähne zu mächtigen Hauern, und

der Rüssel, der infolgedessen seine Wühltätigkeit aufgeben konnte,

wurde zum Greiforgan. Der Stamm spaltet sich nun in mehrere Zweige, die

sich in verschiedener Richtung entwickeln und teilweise früh aussterben.

[Illustration: Abb. 29. Dinotherium.]

Zu den auffallendsten Typen der ganzen Gruppe gehört das

+Schreckenstier+ (+Dinotherium+), eines der größten aller Landtiere,

vermutlich ein Bewohner großer Flüsse und Sümpfe wie das Nilpferd.

Aus dem Eppelsheimer Sand des Mainzer Beckens ist ein vollständiger

Schädel bekannt geworden, der zirka 1 Meter lang und 60 Zentimeter

breit war; andere Funde in Württemberg, Frankreich und der Schweiz

lassen auf eine Schädellänge von 2 Meter bei 1 Meter Höhe schließen.

(Das Riesenschreckenstier [~Dinotherium gigantissimum~] besaß reichlich

5 Meter Länge bei 4½ Meter Rückenhöhe.) Abweichend von den Elefanten

hatten die Dinotherien im Oberkiefer keine Stoßzähne, wohl aber im

verlängerten, bogenförmig abwärts gekrümmten Unterkiefer. Vielleicht

dienten dieselben als eine Art Karst, um die Stauden am Ufer der

Gewässer auszuhacken. Die Schreckenstiere tauchen im mittleren Tertiär

auf und verschwinden am Ende desselben wieder. Mit ihnen wetteiferten

an Größe die +Mastodonten+, welche die ganze nördliche Halbkugel,

außerdem Südamerika und Afrika bewohnten.

[Illustration: Abb. 30. Mastodon.]

Beim +Altmastodon+ (Paläomastodon) waren die oberen Schneidezähne

säbelförmig und abwärts gerichtet, die unteren Stoßzähne als lange

Schaufeln entwickelt. Offenbar dienten sie zum Aufpflügen des Bodens,

woraus weiterhin geschlossen werden darf, daß diese Riesentiere keine

Sumpfbewohner mehr waren, sondern das Trockene vorzogen. Bei den

eigentlichen Mastodonten oder +Zitzenzähnern+, nach der Beschaffenheit

der Backenzähne so getauft, werden die oberen Stoßzähne und der Rüssel

immer länger, während die unteren Stoßzähne verkümmern und schließlich

ganz verschwinden. Die Backenzähne sind kleiner, aber zahlreicher als

beim Elefanten und, wie bereits erwähnt, mit zitzenförmigen Höckern

versehen.

Mastodonreste finden sich in großer Zahl und in den verschiedensten

jungtertiären Gebieten, in der Schweizermolasse zum Beispiel bei

Elgg, Winterthur, Käpfnach und an anderen Orten, in Deutschland bei

Öhningen, auf der Rauhen Alb und bei Eppelsheim am Rhein (Mainzer

Becken), in Frankreich bei Sansans, bei Lyon usw. Bei Sansans im

südwestlichen Frankreich fand man neben einem prachtvollen Schädel

mit vier völlig erhaltenen Stoßzähnen die Knochenreste von Mäusen,

Maulwürfen, Igeln und Fledermäusen, Fischen, Reptilien und Vögeln,

ferner von Hunden, Katzen, Mardern, Hirschen und Antilopen, Tapiren,

Nashörnern und Schweinen, Elefanten und Affen bunt durcheinander

gewürfelt. Es wurde jene wunderbare, Fundstätte -- offenbar ein alter

Sumpf oder See, in welchen von Flüssen und Bächen Tierleichen aus der

ganzen Umgebung zusammengeschwemmt wurden -- vom unermüdlichen Lartet

zuerst auf eigene Kosten durchwühlt, bis die französische Regierung die

Forschungsarbeiten mit jährlichen Geldbeiträgen unterstützte, worauf

ein förmliches Bergwerk auf Petrefakten eröffnet werden konnte.

Trotz der Häufigkeit der Mastodonreste sind vollständige Skelette

jedoch sehr selten; eines der schönsten ist dasjenige von Turin,

nach welchem die Rekonstruktion auf Seite 91 hergestellt ist. Die

Mastodonten treten in Europa im mittleren Tertiär auf und verschwinden

am Ende desselben; ihnen folgen die eigentlichen Elefanten; in Amerika

dagegen sind sie noch im Diluvium in großer Zahl vorhanden. Sie

bildeten dort eine wertvolle Jagdbeute des Urmenschen und sind offenbar

erst dessen Verfolgungen erlegen. Sie spielten dort dieselbe Rolle wie

in Europa und Asien die Mammute, auf die wir gleich zu sprechen kommen

werden.

Während die Mastodonten überallhin wanderten, die damals noch

bestehenden Landbrücken zwischen Afrika und Europa, Indien und

den großen Sundainseln, Europa und Amerika benutzend und fast die

ganze Erdoberfläche sich unterwerfend, erfolgte in aller Stille die

Bildung einer neuen Gattung. Durch Änderung des Klimas und damit

der Pflanzenwelt erfolgte, wie es scheint in Indien, eine Änderung

im Gebiß. Die Backenzähne, auf saft- und fleischlose harte Nahrung

angewiesen, wurden breiter und falteten sich, wobei eine sehr

breite Mahlfläche entstand. Es kommen die ersten echten Elefanten,

die ebenfalls Wanderungen nach allen Seiten unternahmen und den

Zitzenzähnern schwere Konkurrenz machten.

[Illustration: Abb. 31. Mammut.]

Und was für Gestalten waren das! Der +Urelefant+ (+~Elephas antiquus~+)

hatte 5 Meter Rückenhöhe und 5 Meter lange Stoßzähne, übertraf noch

Dinotherium und Mastodon an Riesenhaftigkeit und gilt zur Stunde als

das größte aller Landsäugetiere. Aber der +Wanderelefant+ (~Elephas

nomadicus~) Ost- und Südasiens, der +Elefant des Südens+ (~Elephas

meridionalis~) Südeuropas, der +Kaiserelefant+ (~Elephas imperator~)

des südlichen Nordamerika, der +Kolumbuselefant+ (+Elephas Columbi+)

des mittleren Nordamerika und das +Mammut+ (~Elephas primigenius~)

Europas, Asiens und Amerikas standen dem Urelefant nur um ein Geringes

nach. Und da die Welt voller Gegensätze ist, so fehlten auch die

Zwerge nicht, die durch ein ungünstiges Geschick vom großen Kontinent

weggerissen und auf kleine Inseln gewissermaßen interniert wurden,

wobei sie verkümmerten. Auf Sizilien und Malta, Kreta und Zypern lebten

Elefanten, die nur die Größe eines Kalbes erreichten.

Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil · 第 6 / 7 段