Endlich kommen wir zu jener Klasse, die sich zuletzt zu einer

glänzenden Höhe emporgeschwungen, die unbedingte Herrschaft über alle

anderen angetreten hat, diese Herrschaft zur Stunde weiter ausübt und

immer noch in aufsteigender Bewegung begriffen ist. Das gilt freilich

nur für einen beschränkten Teil der ganzen Klasse, speziell für die

eigentlichen „+Herren+“; andere gehen zurück und zahlreiche Formen sind

bereits ausgestorben. Für die Paläontologie kommen nur die letzteren

in Betracht, das sind zirka 1000 Arten, während man etwa 2000 lebende

zählt. Was sie im allgemeinen über alle anderen Tierklassen hinaushebt,

das ist die treffliche Brutpflege -- die Jungen werden mit der

Muttermilch ernährt -- und die beispiellose Entwicklung des Gehirns.

Über ihre Abstammung besteht noch keine Klarheit; doch ist es mehr als

wahrscheinlich, daß wir ihre Wurzeln bei den Reptilien, und zwar in der

Nähe der +Theromorphen+ (der Säugetierähnlichen), zu suchen haben, die

selber wieder von Panzerlurchen oder Wickelzähnern abstammen.

Damit stimmt auch die Tatsache überein, daß die niedersten Säugetiere

der Gegenwart, die Kloakentiere Australiens: Schnabeltier und

Ameisenigel, die keine lebendigen Jungen zur Welt bringen, sondern

Eier legen, mancherlei reptilienhafte Züge aufweisen. Die Abzweigung

von den Theromorphen muß schon frühzeitig erfolgt sein, wahrscheinlich

in der älteren Triaszeit. In der Jura- und Kreideformation sind nur

wenige und recht dürftige Funde gemacht worden. Die einen scheinen

niedrigen Kloakentieren anzugehören, während andere unzweifelhaft von

Beuteltieren herrühren. Diese besitzen nämlich am Unterkieferwinkel

einen hakenförmigen Fortsatz, der den übrigen Säugern fehlt. Außerdem

haben die Weibchen in der Beckengegend zwei kleine Knochen, die als

Stütze für eine Hauttasche dienen, in welcher die hilflosen Jungen

längere Zeit herumgetragen werden. (Übrigens haben die Kloakentiere

ebenfalls Beutelknochen.) Während des Mittelalters (Trias, Jura,

Kreide) scheinen die Säuger von ganz untergeordneter Bedeutung

gewesen zu sein; erst in der Tertiärzeit treten sie in erstaunlicher

Machtfülle und Vollkommenheit auf den Plan. Eine so sprungweise,

gleichsam explosive Entwicklung erscheint aber sehr unnatürlich, und

somit ist die Vermutung wohl berechtigt, daß die Hauptentwicklung, das

heißt der Aufstieg von den Kloakentieren zu den Beuteltieren und von

diesen zu den modernen, höheren Ordnungen (Huftiere, Wale, Raubtiere,

Nagetiere, Affen usw.) in untergegangenen oder unzugänglichen oder doch

unerforschten Ländern stattgefunden hat.

Die drei Unterklassen der Säuger können mit drei organisatorisch und

zeitlich weit auseinanderliegenden Wanderzügen verglichen werden. Die

erste Unterklasse (Kloakentiere), aus der jüngsten Trias stammend,

hat sehr geringe Spuren hinterlassen und konnte neben der alles

beherrschenden Saurierklasse nicht emporkommen. Hätten sich nicht

zufälliger- und glücklicherweise die obengenannten zwei Gattungen

der Ameisenigel und Schnabeltiere im weltabgeschiedenen Australien

erhalten, so wüßten wir von jener Tierwelt, die auf Jahrmillionen

zurückblicken kann, so gut wie nichts. Sie trugen wohl in sich den Keim

zur höheren Entwicklung, fanden aber keinen Ausweg aus dem Elend ihrer

Pariaskaste.

Die zweite Unterklasse (Beuteltiere) unterschied sich von der ersten

beträchtlich. Die heute noch lebenden Beutler, die fast ausschließlich

Australien angehören, wo sie keine Konkurrenten hatten, sind nur ein

schwacher Abglanz ehemaliger Herrlichkeit. Vorzeiten waren sie fast

über die ganze Erde verbreitet, traten in zahlreichen Unterordnungen,

Familien, Gattungen und Arten auf und zählten wahre Riesen unter sich.

Zu letzteren gehört zum Beispiel der +Riesenwombat+ (+Diprotodon+),

ein Beutelnagetier von der Größe eines Nashorns. Mit seinen Nagezähnen

konnte es die größten Bäume fällen und deren Rinde abschälen. Ein

überlebender Vetter, der heutige gewöhnliche Wombat Neuhollands,

erreicht nur die Größe eines Dachses. Auch die ausgestorbenen

Känguruharten waren riesige Geschöpfe, neben denen sich die heutigen

Känguruhs, die größten überlebenden Beutler und die größten

einheimischen Säugetiere Australiens, geradezu kläglich ausnehmen.

Gewisse Beuteltiere -- und zwar gerade die größten, wie Wombat und

Känguruh -- kommen niemals in nördlichen Ländern vor, sondern bleiben

auf die Südhalbkugel beschränkt, und auch die fossilen kleinen

nordischen Arten Europas und Nordamerikas sind nie zu hoher Bedeutung

gelangt und rasch wieder verschwunden. Daraus scheint hervorzugehen,

daß die Beuteltiere im Süden, vielleicht auf dem Südpolarkontinent

entstanden sind, womit die Tatsache vortrefflich harmoniert, daß

Australien und Südamerika, die so weit auseinanderliegen und schon seit

undenklichen Zeiten getrennt sind, ganz gleichartige Formen aufweisen;

denn beide standen nach ihrer Trennung noch mit dem Südpolarland im

Zusammenhang und also wenigstens mittelbar miteinander in Verbindung.

Natürlich müßte dabei vorausgesetzt werden, daß am Südpol ehedem ein

viel wärmeres Klima geherrscht, und dafür sind auch in der Tat genügend

Beweise vorhanden.

Als die Beuteltiere nach Norden wanderten, stießen sie auf höhere

Säugetierordnungen, denen sie erliegen mußten. Jene höheren Säuger aus

dem Norden drangen überall sieghaft vor und rotteten die schwächeren,

das heißt schlechter organisierten aus. Letztere entgingen in

Australien nur durch die Isolierung der Landmassen dem Untergang, denn

das Meer setzte den Eroberern ein Ziel.

In Südamerika drangen höhere, flinke und intelligente Säuger erst spät

vor und sind durch eine seltsame Verkettung von allerlei Umständen

teilweise wieder verschwunden, so daß sich die Beutler auch dort

länger, sogar bis in unsere Zeit erhalten konnten. Manches, wie zum

Beispiel das Verschwinden der großen Säuger in Südamerika, ist noch

rätselhaft, wie denn überhaupt auf diesem Gebiet noch unendlich vieles

zu erforschen und aufzuhellen ist.

Die höheren Säugetiere, die sich von den niederen hauptsächlich dadurch

auszeichnen, daß ihre Jungen in reiferem Zustand geboren werden,

zerfallen in zahlreiche Ordnungen, die sehr verschiedene Stufen der

Entwicklung aufweisen. Gewöhnlich unterscheidet man zehn Ordnungen,

nämlich Waltiere, Zahnlose, Nagetiere, Fledermäuse, Raubtiere,

Klippdachse, Huftiere, Rüsseltiere, Halbaffen und Primaten, zu welch

letzteren die Affen und der Mensch gezählt werden. Wir müssen uns auch

hier auf einige wenige besonders hervorragende Größen beschränken.

Wale.

Die größten Vertreter der Säugetiere und der Tierwelt überhaupt sind

die Walfische. Gewaltigere Riesen als diese hat es nie gegeben.

Leider scheinen sie rasch ihrem Untergang zuzutreiben, nicht infolge

natürlichen Zwanges, sondern lediglich wegen der unersättlichen

menschlichen Profitwut und barbarischen Rücksichtslosigkeit, die

nun einmal von der heute noch herrschenden Gesellschafts- und

Wirtschaftsordnung unzertrennlich sind.

[Illustration: Abb. 20. Walfisch der heutigen Zeit.]

Die Wale haben sich in so hohem Grade an das Wasser angepaßt, daß

sie außerhalb desselben nicht mehr leben können, obschon sie durch

Lungen atmen. Ein gestrandeter Walfisch ist unrettbar verloren. Da

sich zum Schwimmen die Fischform oder Torpedoform am besten bewährt

hat, so haben sie dieselbe ebenfalls angenommen und hierin sogar viele

Fische „überflügelt“. Die Vorderglieder sind zu handartigen Paddeln

reduziert und die Finger stecken in einer festen Haut wie in einem

Fausthandschuh. Sie dienen zur Steuerung und zur Herstellung der

Gleichgewichtslage. Die hinteren Glieder sind vollständig verkümmert,

da sie überflüssig geworden sind und nur hinderlich wären. Zur

Fortbewegung des kolossalen, ganz mit Fett und Öl durchtränkten Körpers

dient die wagrechte Schwanzflosse, die nach Art einer Schiffschraube

funktioniert, jedoch weit besser arbeitet als die besten Propeller

unserer Maschineningenieure. Bei den Bartenwalen (Grönlandswal,

Finnfisch) ist der Schwanz zugleich die einzige, aber furchtbare Waffe.

Man könnte leicht auf die Vermutung gelangen, daß die Wale direkt

von Fischen oder von großen Meersauriern (etwa den berühmten

Fischdrachen) abstammen, mit welch letzteren sie viele Berührungspunkte

gemein haben. Wir wissen aber heute, daß davon nicht die Rede sein

kann; jene Übereinstimmungen sind lediglich durch die gleichartige

Lebensweise erzeugt worden; es sind „Analogien“ und keine Beweise von

Blutsverwandtschaft. Die Wale sind unzweifelhaft die Abkömmlinge von

Landtieren, wahrscheinlich von gepanzerten Urhuftieren, deren Vettern

die sogenannten Zahnlosen waren, von denen wir noch sprechen werden.

Die Abtrennung der Wale und ihre Anpassung ans Meer muß schon in der

Kreidezeit erfolgt sein, und in der Kreideformation müssen überhaupt

die Ahnen der heutigen höheren Säugetiere gesucht werden.

Der älteste fossile Wal ist das +Zeuglodon+ (+Jochzahn+), so genannt,

weil die zweiwurzeligen Backenzähne die Form eines Joches haben, das

heißt aus zwei durch einen Querbalken verbundenen Teilen bestehen.

Das erste vollständige Skelett stammt aus Alabama im Süden der Union

und besaß angeblich eine Länge von 38 Meter -- man hatte nämlich die

Reste mehrerer Exemplare zusammengesetzt. Das +große Zeuglodon+, auch

+Basilosaurus+ (+Königsdrache+) getauft, erreichte eine Länge von 20

Meter, während die größten unter den heutigen Walen nahezu 30 Meter

lang und 1500 Kilozentner schwer werden, das heißt das Gewicht von

zirka 200 Ochsen erreichen. Man kennt heute ein Dutzend Zeuglodonarten

aus Nordamerika, England, Ägypten und Australien.

Die Zeuglodonten hatten einen schlanken, deutlich abgesetzten und

beweglichen Kopf mit scharfem Raubtiergebiß und besaßen noch nicht die

ausgesprochene Torpedoform wie die heutigen Wale. Sie lebten in der

älteren Tertiär- oder Braunkohlenperiode und verschwanden im mittleren

Tertiär (Molassezeit).

Auch die +heutigen+ Wale kommen fossil vor, haben somit ein

beträchtliches Alter; jedenfalls existieren sie schon seit

Hunderttausenden von Jahren. Ihre Reste sind häufig, ganze Skelette

jedoch äußerst selten. Die schwammigen Knochen fallen nach dem Tode

des Tieres bald auseinander und sinken auf den Grund. In der Tiefe

hat aber das Wasser infolge hohen Druckes und wohl auch wegen seines

Säuregehaltes eine erhöhte Lösungsfähigkeit und löst dieselben auf,

wobei schließlich nur die überaus soliden und harten Ohrknochen

(Felsenbeine) übrigbleiben. Natürlich unterliegen auch die Skelette

der übrigen Tierarten demselben Schicksal, weshalb der Meeresgrund im

allgemeinen arm an gut erhaltenen Tierresten ist.

Zahnarme.

(Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere.)

Die Wissenschaft bezeichnet sie auch als +Zahnlose+, +Edentaten+, aber

beide Ausdrücke sind gleich schlecht gewählt. Wohl gibt es darunter

zahnlose Geschöpfe, aber auch solche mit sehr vielen Zähnen; immerhin

steht das Gebiß auch bei diesen auf tiefer Entwicklungsstufe. Die

Zahnarmen bilden gleich den Walen eine in der Jetztwelt isolierte

Gruppe recht verschiedenartiger Geschöpfe, die weder unter sich noch

zu den übrigen +Haartieren+, wie die Säuger auch genannt werden, große

Verwandtschaft erkennen lassen. Gerade weil man die einzelnen Familien

nirgends gut unterbringen kann, hat man sie zu einer besonderen Ordnung

in einer Art Gerümpelsammlung zusammengeworfen.

Besonderes Aufsehen erregten seinerzeit die Funde in der sogenannten

Pampasformation Südamerikas, der großen Lehmebene der Laplatastaaten

und Patagoniens. Zur Diluvialzeit, während welcher die Länder der

nördlichen gemäßigten und kalten Zone mit ungeheuren Eismassen

bedeckt waren, lebten dort im Süden riesenhafte +Faultiere+, welche

wie eine Wiederholung gewisser alter Riesensaurier erscheinen. In

intellektueller Hinsicht mögen sie auch jenen Drachen wenig überlegen

gewesen sein, wie sich denn überhaupt die Klasse der Säugetiere

keineswegs mit imponierenden Repräsentanten eingeführt hat. Die

Säugetiere haben Jahrmillionen gebraucht (Triaszeit bis Gegenwart), um

endlich das zu werden, was sie heute sind.

[Illustration: Abb. 21. Lebendes Faultier.]

Sehen wir uns nun jene südamerikanische Säugetierwelt genauer an.

Heute hausen dort zwerghafte Epigonen der alten Riesengeschlechter.

Die jetzigen Faultiere der dichten Urwälder Südamerikas (man

unterscheidet zweizehige und dreizehige, Unau und Ai) zeichnen sich

durch exemplarische Faulheit aus und tragen ihren Namen mit vollem

Recht. Diese „Baumsklaven“, wie sie ein Naturforscher bezeichnet hat,

sind zwar gewandte Klettertiere, die hierin vielfach an Affen erinnern,

aber sie machen von ihren Seiltänzerkünsten wenig Gebrauch und führen

in den Baumkronen des Urwaldes ein höchst langweiliges Stilleben. Mit

den großen Sichelkrallen haken sie sich an wagrechten Ästen und Zweigen

fest und bringen so Tage und Nächte unbeweglich zu, bis sie vom Hunger

oder der Liebe in gelinden Trab versetzt, das heißt veranlaßt werden,

aus ihrem vorsintflutlichen Phlegma herauszutreten und ihre Künste am

hohen Seile zu zeigen. Haben sie ihre spießbürgerlichen Extravaganzen

gesühnt, so setzen sie sich in einer passenden Astgabel fest und

halten ein gesundes Schläfchen, das acht und mehr Tage dauern kann,

denn ihr Wahlspruch lautet: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Wie

es scheint, können sie wochenlang ohne Nachteil fasten und besitzen

überhaupt eine unglaublich große Lebenszähigkeit. Die gräßlichsten

Verstümmelungen ertragen sie „mit der Ruhe eines Leichnams“, alles

Beweise, daß sie einer uralten Sippe angehören und sich nur durch

außergewöhnlich günstige Umstände in die Gegenwart herübergerettet

haben. Einen vortrefflichen Schutz gewährt ihre Behaarung, welche mit

dürrem Riedgras Ähnlichkeit hat und mit der Färbung der Baumäste gut

übereinstimmt, so daß ein ruhig herabhängendes oder sitzendes Tier im

Halbdunkel des Urwaldes äußerst schwer zu entdecken ist.

[Illustration: Abb. 22. Skelett des Riesenfaultiers (Megatherium) aus

dem Pampasschlamm Argentiniens.]

Sie erreichen ungefähr die Größe einer Wildkatze; ihre Vorfahren aber

wurden 3 Meter hoch und annähernd 5 Meter lang, standen somit an Größe

dem Elefanten nicht viel nach, übertrafen ihn aber noch an Plumpheit

des Knochenbaus. Die Oberschenkel waren mindestens halb so dick wie

lang und der Schwanz bildete einen mächtigen Stützpfeiler, fast in der

Art wie beim Iguanodon und verwandten Sauriern. Das unsäglich plumpe

+Megatherium+, das heißt Großtier, besaß in den mächtigen Kiefern

18 vierkantige Backenzähne, die auf grobe, harte Pflanzennahrung

hinweisen, und an den Zehen gewaltige Klauen zum Scharren. Alles

an diesem Urweltler geht ins Riesenhafte, ist auf Massenwirkung

berechnet, ausgenommen das Gehirn, welches von einer selbst für

Faultiere bejammernswerten Zwerghaftigkeit war. Es scheint, als habe

sich die Natur dieser erbärmlichen mißratenen Geschöpfe geschämt und

sie deshalb in den Orkus geworfen. Jedenfalls ist es verständlich, daß

die besser ausgerüsteten und intelligenteren Konkurrenten mit ihnen

leicht fertig wurden. Daß sie trotz alledem vom mittleren Tertiär

(Miozän) bis zum Ende der Eiszeit sich halten konnten, erscheint

fast wie ein Wunder. Über ihre Lebensweise weiß man nichts Gewisses,

nicht einmal, ob sie Wald- oder Steppentiere gewesen. Jedenfalls ist

so viel klar, daß sie nicht wie ihre zwerghaften Nachkommen im Geäst

der Bäume affenartig herumgeturnt haben. Man dachte sich, daß sie oft

nach Iguanodonart auf den Hinterbeinen, den kolossalen Schwanz als

Stütze benutzend, einhergeschwankt und das Laubwerk abgeweidet, wohl

auch kleinere Bäume einfach ausgegraben und deren Kronen verspeist

haben. Aber schon Darwin äußerte hierüber Zweifel, und neuere Forscher

haben die Ansicht geäußert, daß die Riesentiere ihre großen Klauen zum

Ausscharren von allerlei Wurzeln und Knollen benutzt und ihre Nahrung

in erster Linie dem Erdboden entnommen haben. Jedenfalls vertilgten

sie ansehnliche Quantitäten und waren nicht gerade wählerisch, konnten

wohl auch gleich ihren Nachfahren lange fasten. Daß sie auch sonst

nicht an großer Empfindsamkeit litten, beweist ein fossiler Schädel,

dessen Dach durch den Sturz eines Baumes oder den Tatzenschlag eines

Kollegen völlig zertrümmert, aber wieder hübsch zusammengeheilt war.

„Man muß wirklich staunen,“ sagt Neumayr, „daß ein warmblütiges Tier

eine solche Verletzung überleben konnte.“ Das auf Seite 75 abgebildete

Skelett ist dasjenige des +Großen Riesenfaultiers+, ~Megatherium

giganteum~ oder ~americanum~, von dem schon Anno 1789 in Argentinien

ein vollständiges Skelett ausgegraben und nach Madrid gebracht worden

war, wo es zu allerlei seltsamen Betrachtungen Anlaß gab. Aus dem

Diluvium von Argentinien, Brasilien, Chile, Ekuador, Zentralamerika und

den südlichen Vereinigten Staaten Nordamerikas sind außer der genannten

noch mehrere andere Arten und Gattungen bekannt geworden.

Etwas kleiner, aber noch plumper als das ~Megatherium giganteum~

war das +Mylodon+ (+Mahlzahn+), das gleichfalls in den „Katakomben

für ausgestorbene Ungeheuer“, in der Pampasformation Argentiniens,

außerdem aber auch in Nordamerika gefunden wird. Die Haut desselben,

von der sich Reste erhalten haben, ist mit kleinen Knochenkörperchen

vollgespickt, was darauf hinzuweisen scheint, daß die Stammeltern der

Riesenfaultiere einen Panzer aus Knochentafeln trugen. Das Becken des

Mylodon ist breiter und tiefer als selbst beim Elefanten, woraus zu

schließen ist, daß es einen sehr umfänglichen Verdauungsapparat besaß

und enormer Nahrungsmengen bedurfte; da mußten die Zähne freilich ein

leistungsfähiges Mühlwerk darstellen.

Die in denselben Gebieten vorkommende Gattung +Megalonix+, auch in

Höhlen gefunden, zeichnet sich durch elliptische Backenzähne und

geradezu fabelhaft große Krallen aus, während das +Skelidotherium+ sich

durch die Dicke seiner Knochen hervortat. Das war, soweit bis jetzt

bekannt, das plumpste aller Landsäugetiere; der Oberschenkelknochen ist

beträchtlich dicker als lang. Es ist auf Südamerika beschränkt.

Ein Vetter desselben, das +Grypotherium+, scheint stellenweise in

Höhlen gehaust zu haben. In einer dicken Mistlage am Boden einer

Höhle Patagoniens an der Meeresküste fand man Knochen und große

Hautstücke, die eingebettete Knochenkörner und lange, steife

gelbliche und rotbraune Haare erkennen ließen. Es gelang, die harten

Fellstücke aufzuweichen, worauf sich ein durchdringender Fäulnisgeruch

entwickelte, der eine Menge von Aasfliegen herbeilockte. Das

Interessanteste ist aber folgendes: „Die untersuchten Fellstücke waren

auf der Innenseite so sauber vom Fleische entblößt und abgeschabt, daß

sie nur von Menschen, nicht aber von Tieren abgebalgt sein können.

Von manchen Stücken kann man sagen, daß sie zugeschnitten sind, um

als Kleidungsstücke verwendet zu werden.“ Man fand in der erwähnten

Höhlenschicht auch aufgeschlagene Knochen sowie allerlei Steingeräte,

so daß die gleichzeitige Anwesenheit des Menschen als erwiesen gelten

darf. Kein Zweifel, der Urmensch hat das Grypotherium gejagt und dessen

Fleisch und Fell benutzt. Es wurde sogar die Vermutung geäußert, der

Eiszeitmensch habe mit jenem Riesenfaultier zusammengewohnt, das

heißt er habe es als eine Art Haustier gehalten. Über die Ernährung

besteht noch keine Übereinstimmung. Nach den einen Forschern weist der

Zahnbau auf weiche Kost: Laub und Kräuter, andere machen auf die großen

Scharrkrallen aufmerksam, welche doch wohl zum Ausgraben von Wurzeln

dienten; vielleicht wurden auch allerlei hervorgescharrte Insekten und

Würmer mit verspeist.

Die +Gürteltiere+, niedrigstehende altertümliche Säuger Südamerikas,

besitzen einen aus Knochenplatten bestehenden Panzer und erinnern

damit an Schildkröten, denen sie auch hinsichtlich Langsamkeit und

Stumpfsinnigkeit ähneln. Die kleinste Art, der +Schildwurf+, auch

+Gürtelmaus+ genannt, wird nur spannenlang und führt nach Art der

Maulwürfe eine unterirdische Lebensweise, die größte Form, das heutige

Riesengürteltier, erreicht die Größe eines Schweines und hat in den

Kiefern zirka hundert stiftförmige Backenzähne. Alle sind im Besitz

von Sichelkrallen, mit denen sie Erdhöhlen graben und nach Insekten

und Würmern wühlen; sie sind übrigens Allesfresser und nehmen auch

Aas und Früchte an. In der Gefangenschaft werden sie meist mit

rohem Pferdefleisch, Brot und Milch ernährt. Ihr Fleisch soll sehr

schmackhaft sein, weshalb sie viele Feinde haben und immer seltener

werden. Bei Verfolgung kugeln sie sich zusammen oder graben sich mit

erstaunlicher Schnelligkeit in den Boden ein.

[Illustration: Abb. 23. Lebendes Gürteltier.]

Die +ausgestorbenen+ waren schwerfällige, unbehilfliche Riesen, so die

+Glyptodonten+, welche die Größe einer Kuh erreichten. Sie konnten

sich nicht zusammenkugeln, weil der Panzer starr war wie bei den

Schildkröten. Der Kopf war gleichfalls mit Knochenplatten geschützt und

der Schwanz steckte in einem dicken Knochenfutteral. Man kennt mehrere

Dutzend Arten solcher Panzertiere, deren Wohngebiet sich von Patagonien

bis zum südlichen Teile der nordamerikanischen Union erstreckte.

Interessant ist die Beobachtung, daß die großen Panzer derselben von

den Urmenschen als Aufbewahrungsstätten benutzt wurden. Die Knochen

sind herausgenommen, und häufig findet man im Innern bearbeitetes

Hirschgeweih, zertrümmerte Schädel, aufgeschlagene Röhrenknochen und

Zähne eines riesigen Urnagers, welche offenbar als Messer dienten. Wie

eine Überlieferung aus jener längst verflossenen Zeit klingt die Kunde,

daß heute noch im Staate San Paolo (Brasilien) Gürteltierpanzer als

Wiegen Verwendung finden.

Huftiere.

Die Huftiere weisen einen großen Formenreichtum auf und machen im

ganzen durchaus den Eindruck von +modernen+ Geschöpfen, doch sind

darunter auch einige altertümliche Typen, nämlich die Nashörner,

Tapire und Flußpferde. Die alte Einteilung in Einhufer, Zweihufer und

Vielhufer hat sich als unnatürlich und daher unbrauchbar erwiesen,

denn sie steht mit der Entwicklung der Ordnung, soweit dieselbe zur

Stunde bekannt ist, im Widerspruch. Die aufgefundenen fossilen Huftiere

beweisen nämlich, daß der ganze Stamm in zwei nebeneinander her gehende

Zweige sich gabelte, in solche mit gerader und solche mit ungerader

Hufzahl. Zu den Paarhufern oder Paarzehern gehören die Schweine,

Flußpferde und Wiederkäuer, zu den Unpaarhufern die Tapire, Nashörner

und Pferde.

[Illustration: Abb. 24. Ausgestorbenes Riesengürteltier.]

Unter den ausgestorbenen Vorfahren derselben finden wir einige

originelle Gesellen, die wohl der Erwähnung wert sind. Besonders schöne

Funde wurden in Nordamerika gemacht, wo ähnlich den „Katakomben“

der Pampasformation und den berühmten Saurierfriedhöfen förmliche

Knochenlager entdeckt worden sind.

Im nordwestlichen Teil der Union sind Binnenseeablagerungen bekannt,

welche die erstaunliche Mächtigkeit von 10000 Fuß erreichen und

stellenweise einen ungeheuren Reichtum an seltsamen Säugetierresten

bergen. Besonders berühmt sind die ~Mauvaises Terres~ (schlechte Erde),

sprich mowäs tär, ein Wüstengebiet in Wyoming, wo Auswaschung und

Abtragung durch Wasser aus den Tertiärschichten die abenteuerlichsten

Formen, Klippen, Obelisken, Säulen, Burgruinen und dergleichen

herausmodelliert haben, so daß man glaubt, die Ruinen einer großen

Festung vor sich zu sehen. Dem Bericht einiger amerikanischer Geologen

entnehme ich folgendes:

Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil · 第 5 / 7 段