Alljährlich um die Zeit der sauren Gurke pflegt die berühmte

Seeschlange aufzutauchen, die irgend ein forscher Kapitän in irgend

einem Gewässer gesehen haben will. Sie führt ein sehr kurzfristiges

Dasein, nicht in den Fluten des Ozeans, sondern im Blätterwald.

Etwas anderes war es mit den Seeschlangen der Kreidezeit; jene

machten wirklich die Meere unsicher; aber keines Menschen Auge hat

sie geschaut. Schon gewisse Meerkrokodile der Jurazeit sind von so

schlankem Bau, daß sie ein schlangenähnliches Aussehen haben, so der

schwäbische +Geosaurus+, der die Umformung des Schreitfußes zum Ruder

sehr schön erkennen läßt und uns zeigt, wie aus einem Landkrokodil ein

Seekrokodil geworden ist. Die +Maasechsen+ oder +Mosasaurier+ zeigen in

noch höherem Grade schlangenähnlichen Habitus. Es sind langgestreckte

Eidechsen mit Schwimmfüßen und großem Ruderschwanz. Die langen

kräftigen Kiefer zeigen ein starkes Raubtiergebiß. Man kennt über

fünfzig Arten, die sich auf Europa, Amerika und Australien verteilen.

Der Körper war mit Schuppen bedeckt. Ihre Entdeckung fällt in eine

sehr bewegte Zeit, nämlich ins Ende des achtzehnten Jahrhunderts.

Die ersten Reste eines Maassauriers, nämlich bedeutende Teile eines

Schädels, wurden in einem Steinbruch bei Mastricht an der Maas

aufgefunden, woher denn auch diese Riesengattung den Namen erhalten

hat. Darüber wird berichtet:

Ein ~Dr.~ Hoffmann ließ das Stück mit vieler Mühe und Kosten heben

und ausarbeiten. Der Fund machte Aufsehen und erregte den Neid des

Steinbruchbesitzers, des Domherrn Godin, der das Stück reklamierte,

und dem es auch vom Gericht zugesprochen wurde. Als im Jahre

1795 die Truppen der französischen Republik das Fort St. Pierre

bombardierten, befahl der General, der um den wissenschaftlichen

Schatz im nahen Hause des Domherrn wußte, dasselbe zu schonen.

Dieser, nicht weniger um seinen Schatz besorgt als der General und

wenig erbaut von dessen rücksichtsvoller Aufmerksamkeit, ließ es

bei Nacht in der Stadt verstecken und hoffte so nach der Übergabe

des Platzes sein Stück zu retten. Vergeblich! Der Volksrepräsentant

Freycinet verstand hinter das Geheimnis des Geistlichen zu kommen

und ließ öffentlich den zweiten Entdeckern des Sauriers 600

Flaschen Wein zusichern. Das wirkte unwiderstehlich; schon am

nächsten Morgen brachten zwölf Grenadiere im Triumph das Stück, um

ihren Lohn zu empfangen.

Jener Maassaurier, zu Ehren des Entdeckers ~Mosasaurus Hoffmanni~

getauft, mag eine Länge von 7 bis 8 Metern erreicht haben; es sind aber

seitdem Riesen von drei- und vierfacher Länge mit 1 bis 1½ Meter langen

Kiefern gefunden worden. (Die berühmten Riesenschlangen Südamerikas:

Abgottschlange oder Boa, Anakonda und Tigerschlange werden etwa 7

Meter lang.) Daß die Maassaurier von Landeidechsen abstammen, ist

zweifellos, denn ältere Formen, die in Dalmatien gefunden wurden, haben

noch Schreitbeine und gleichen den Varanen, das sind Eidechsen von

erstaunlicher Größe. Vertreter derselben in der heutigen Lebewelt sind

die sogenannten Warneidechsen Afrikas, Südasiens und Australiens. Die

bekannteste Art ist die +Nileidechse+, 2 Meter lang, sehr räuberisch,

von den alten Ägyptern als Vertilgerin der Krokodileier und junger

Krokodile gefeiert.

Vogeleidechsen oder Flugdrachen.

Die Reptilien des Mittelalters (Trias-, Jura-, Kreidezeit) begnügten

sich nicht damit, ihre Herrschaft zu Wasser und zu Land auszuüben,

sie dehnten dieselbe auch auf den Luftkreis aus gleich wie gewisse

Nachfahren des Alluviums (Gegenwart). Die „Kriecher“ begründen die Ära

der Aeronautik der Wirbeltiere, nachdem die Insekten das Problem schon

Jahrmillionen vorher gelöst hatten. Sollte man denken, daß aus der

Klasse der Neckarsaurier, Maassaurier, Fisch- und Schlangendrachen,

Atlantosaurier, Zanklodonten und Iguanodonten „+Segler der Lüfte+“

hervorgegangen? Alle Flugdrachen besitzen einen vogelartigen Kopf mit

langen dünnen Kiefern, die vermutlich an den Spitzen mit Horn überzogen

waren, große Augen, ein überaus leichtes Skelett mit pneumatischen,

das heißt lufterfüllten Knochen und einem sonderbaren Flugapparat, den

wir bei keinem heutigen Flieger finden. Die Hinterfüße sind durchaus

reptilienhaft gebaut, mit vier bis fünf Zehen, die zweifelsohne

scharfe Krallen trugen. Die Vorderglieder haben je nach der Art drei

oder vier oder fünf Finger, von denen der äußerste, also der „kleine“

ungeheuer lang, länger als der ganze Rumpf ist und die dünne, faltige

Flughaut trägt, woher denn auch die zuerst bekannte Gattung den Namen

„Flugfinger“, Pterodaktylus, erhalten hat. Wunderbarerweise ist eine

solche Flughaut als Abdruck auf dem Gestein erhalten; sie stimmt in

der Form mit einem Schwalben- oder Möwenflügel überein, hat also

offenbar einem guten Segler angehört. Es gibt aber auch Arten mit

breitem und kurzem Flügel, wahrscheinlich Strandbewohner, die sich

von allerlei kleinen Wassertieren ernährt haben. Sie mögen sich in

ihrer Ruhe reihenweise auf die Küstenfelsen gesetzt oder an die Bäume

angehakt haben; wenn dann die Ebbe eingetreten, werden sie in schrägem

Schwebeflug zum Strande herniedergeschwebt sein und die vom Meer

zurückgelassene krabbelnde und zappelnde Beute eingeheimst haben.

Die +Schnabelschnauzen+ zeichneten sich durch besonders große Augen

aus, die wie bei den Fischdrachen durch einen Ring von Knochentäfelchen

geschützt waren (Räderaugen). Die spitzen, ungleich langen Zähne sitzen

in weiten Abständen in den Kiefern und sind nach vorn gerichtet. Der

lange Schwanz ist von einer Scheide aus verknöcherten Sehnen umgeben

und besitzt hinten eine flossenartige Verbreiterung. Mit seiner Hilfe

konnte sich der Drache in die Höhe schnellen, außerdem diente er als

Steuer.

[Illustration: Abb. 16. Dickschnäbelige Flugechse (Pterodaktylus).]

Der +Pterodaktylus+ hatte einen verkümmerten Schwanz und ziemlich

dicken Kopf, der in einem rechten Winkel auf der Wirbelsäule saß.

Manche Arten hatten nur die Größe eines Sperlings, andere die eines

Geiers. Während die einen noch eine ähnliche Bezahnung wie die

Schnabelschnauzen aufweisen, besitzen andere nur ganz winzige Zähnchen,

und eine dritte Gruppe ermangelt der Bezahnung völlig; dies ist auch

der Fall bei der Gattung +Pteranodon+, das heißt „+Zahnloser Flieger+“

(griechisch ~pteron~: Flügel, ~pteros~: geflügelt, ~a~: kein, ~odon~:

Zahn). Damit erreichen die Flugechsen die höchste Ausbildung, denn

das ganze Tier ist sozusagen nur noch Flugapparat. Die papierdünnen

zahnlosen Kiefer bilden einen langen, sehr leichten Schnabel; der

Hinterkopf ist in einen ebenso leichten spornartigen Kamm ausgezogen;

alles übrige, Rumpf, Hinterglieder und Schwanz, ist sehr klein.

Diese Segler aus der oberen Kreideformation von Kansas (Nordamerika)

übertrafen die größten fliegenden Vögel, erreichten sie doch 6 bis 7

Meter Spannweite (der Kondor 3 Meter). Der Pteranodon war zweifelsohne

ein wunderbarer Flieger und hat wohl den größten Teil seines Lebens

schwebend in der Luft zugebracht. Schade, daß dieser Wunderdrache

verschwunden ist.

Vögel.

Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse.

Das Verschwinden der Riesengeschlechter der mittelalterlichen Saurier

ist verschiedenen Ursachen zuzuschreiben. Als solche haben wir in

erster Linie die Riesenhaftigkeit, die Plumpheit und Schwerfälligkeit,

die geringe Fortpflanzungsfähigkeit und den großen Futterbedarf

anzusehen. Es ist eine allgemein verbreitete Erscheinung, daß gerade

die Riesenformen, sowohl unter Pflanzen wie unter Tieren, sich am

schnellsten erschöpfen, während die kleineren Formen eine viel größere

Lebenskraft haben. Welches Land könnte auf die Dauer Herden von

Atlantosauriern, Brontosauriern, Gigantosauriern, Diplodoken usw.

ernähren? Die Riesenformen ersticken sozusagen unter ihrer eigenen

Last. Dabei sind sie von ihrer Umgebung weit mehr abhängig als die

Kleinen. Jede Schwankung des Klimas, womit zugleich ein Wechsel der

Pflanzenwelt verbunden ist, muß ihnen gefährlich werden, da sie durch

ihre einseitige Entwicklung jede Anpassungsfähigkeit verloren haben.

Wenn ein wasserreiches Land zur trockenen Steppe oder gar zur Wüste

ward, oder wenn es umgekehrt langsam sank und das Meer vordrang, so

gab’s für jene tappigen, schwer beweglichen Fleisch- und Knochenberge

kein Entrinnen mehr. Dazu kam aber noch, daß ihnen aus anderen

Klassen sehr gefährliche Konkurrenten erwachsen waren, den Fisch-

und Langhalsdrachen in furchtbaren Haien und Seesäugetieren, den

Landsauriern in den Landsäugetieren, den Flugdrachen in den Vögeln.

Diese letzteren mögen selbst manchen Vertretern der Dinosaurier

gefährlich geworden sein. Der Reptilientypus war einer besseren

Ausbildung, einer Steigerung der Organisation nicht mehr fähig, wohl

aber war dies beim Vogeltypus der Fall. Hier finden wir vor allem

eine scharfe Trennung und bessere Ausbildung des Blutkreislaufs.

Arterielles und venöses Blut mischen sich nirgends, und letzteres wird

durch intensive Sauerstoffzufuhr, das heißt bessere Atmung rascher

aufgefrischt. Es findet eine lebhaftere Verbrennung, infolgedessen

Steigerung der Bluttemperatur und der Lebensenergie statt; die

Verdauung wird eine viel raschere, der Stoffwechsel ein regerer;

das Gehirn erhält mehr Blut und die beiden Halbkugeln des Großhirns

erfahren bedeutende Förderung. Das leichte, luftige und zugleich warme

Federkleid sichert die Warmblütigkeit des Körpers noch beträchtlich

und verschafft dem Vogel die Unabhängigkeit von der Lufttemperatur und

dem Klimawechsel; die Kälte der Nacht, des Winters, des Hochgebirges,

des Pols, selbst der Eiszeit vermag ihm nichts mehr anzuhaben. Dazu

die sorgfältige Brutpflege, das Anlernen der Jungen und die höhere

Intelligenz, das alles mußte dieser neuen Klasse den Vorrang und den

endlichen Sieg verschaffen.

Woher die Vögel eigentlich stammen? Die Frage ist noch offen. Man

könnte an die Flugdrachen denken, aber damit ist’s nichts; zwischen

beiden Gruppen gibt’s wohl mancherlei Ähnlichkeiten (Analogien), die

durch gleichartige Lebensweise bedingt sind wie zwischen Fisch und

Walfisch, aber keine Blutsverwandtschaft. So ist der Flugapparat eines

Flugfingers oder einer Schnabelschnauze anatomisch etwas ganz anderes

als ein Vogelflügel, wie auch der Flügel einer Fledermaus und der eines

Schmetterlings anatomisch und entwicklungsgeschichtlich miteinander

nicht zu vergleichen sind. Nun haben wir früher gehört, daß gewisse

Schreckdrachen -- Iguanodon und Verwandte -- im Bau der Hinterglieder

auffallend an große Laufvögel erinnern, weshalb sie den Namen der

Vogelfüßigen (Ornithopoden) erhalten haben. Das scheint darauf

hinzuweisen, daß wir in jener Gegend den Ursprungsort der Vögel zu

suchen haben. Beide so verschieden geartete Stämme haben offenbar eine

gemeinsame Wurzel, die bei den Urreptilien der älteren Triaszeit oder

der Permzeit zu suchen wäre. Das ist alles, was sich über den Ursprung

der Vögel sagen läßt.

Ur- und Kreidevögel.

Daß Vögel sich im allgemeinen für den Versteinerungsprozeß schlecht

eignen, dürfte ohne weiteres klar sein, und es erscheint daher fast

wie ein Wunder, daß trotz alledem 400 bis 500 fossile Arten bekannt

sind, freilich teilweise in so dürftigen Resten, daß es oft geradezu

unmöglich ist, eine Artbestimmung vorzunehmen, weshalb auch die

bezüglichen Zahlenangaben sich in einem ziemlich weiten Spielraum

bewegen. Und wie gering sind obige Zahlen, wenn wir bedenken, daß sie

sich auf Jura-, Kreide-, Tertiär- und Eiszeit, also auf Millionen

Jahre verteilen, und wenn wir uns ferner vergegenwärtigen, daß heute

nicht weniger als 10000 Arten leben. Hieraus erhellt ohne weiteres,

wie lückenhaft die Stammesgeschichte der Vögel sein muß; aber gerade

deshalb ist jeder gute Fund, zumal aus älterer Zeit, von größtem

Interesse.

Das war nun speziell der Fall beim ältesten Vogel, den man zur

Stunde kennt, dem +Erz- oder Urvogel+ der obersten Juraformation,

einem Zeitgenossen des Flugfingers (Pterodaktylus), Brontosaurus und

Kompsognathus.

Im Jahre 1861 wurde im lithographischen Schiefer von Solnhofen (Bayern)

ein Fund gemacht, der die Naturforscher in die größte Aufregung

versetzte. Es handelte sich um das Skelett eines Tieres, das Federn

getragen und halb Reptil, halb Vogel gewesen zu sein schien. Kopf, Hals

und die meisten Teile des Rumpfes fehlten, dagegen waren Schultergürtel

und Becken, Vorder- und Hinterglieder sowie der lange Schwanz teils

ganz, teils in größeren Bruchstücken erhalten. Andreas Wagner,

damals Direktor der paläontologischen Sammlung in München, hielt das

Tier für ein richtiges Reptil und gab ihm den Namen +Gryphosaurus+,

+Greifsaurier+. Der Engländer Owen und andere erkannten aber in ihm

einen Vogel und nannten ihn +Archäopteryx+, was soviel wie +Urvogel+

bedeutet. Das merkwürdige Geschöpf wurde um einen sehr hohen Preis

zum Kaufe angeboten und wanderte endlich für die Summe von 600 Pfund

Sterling (12000 Mark oder 15000 Franken) ins Britische Museum in London.

Kaum hatten sich die Engländer des Vogels bemächtigt, so berichteten

die Zeitungen, das wunderbare Unikum von Solnhofen sei eine schlaue

Täuschung, ein Rhamphorhynchusskelett, dem man in kunstvoller Weise

Federn angeätzt oder eingraviert habe. Darob unverhohlene Schadenfreude

und großer Jubel bei allen denen, welchen die Entdeckung des Urvogels

ein Dorn im Auge gewesen war. Allein die Briten kehrten sich nicht

an dieses Geschrei, waren sie doch vollständig von der Echtheit des

„teuren“ Fossils überzeugt. Und der Urvogel hat wirklich gelebt.

Im Jahre 1877 wurde bei Eichstätt, 3½ Stunden vom Fundort des ersten,

ein zweites Exemplar entdeckt, das weit vollständiger und schöner

erhalten war als das erste. Dieses wurde nach langen Unterhandlungen

vom Mineralogischen Museum der Universität Berlin um die Summe von

20000 Mark angekauft, nachdem zahlreiche andere Institute darauf

reflektiert, aber die nötige Summe nicht zusammengebracht hatten.

[Illustration: Abb. 17. Urvogel von Eichstätt. Im Mineralogischen

Museum in Berlin.]

Der Archäopteryx steht, wie wir nun mit voller Sicherheit wissen, den

Vögeln viel näher als den Reptilien; er ist etwa zu drei Vierteln

Vogel, zu einem Viertel Reptil; Ober- und Unterkiefer sind mit Zähnen

versehen, welche in besonderen Höhlen stecken, was bekanntlich bei

keinem lebenden Vogel vorkommt. Wohl aber sind mitunter bei jungen

Exemplaren, insbesondere bei Papageien, schwache Andeutungen von

Zähnen vorhanden. Die Wirbel sind auf beiden Seiten ausgehöhlt wie

bei tiefstehenden Amphibien und Reptilien, und die Rippen zeigen

gleichfalls Reptiliencharakter. Der Schwanz gleicht einigermaßen dem

einer Eidechse und besteht aus zwanzig langgestreckten Wirbeln. An

jedem Wirbel waren aber zwei Schwanzfedern befestigt. Bei den heutigen

Vögeln tritt nur im Embryonalleben ein längerer Schwanz auf, nachher

verwachsen die einzelnen Wirbel zu einem kurzen Stück, dessen Endglied

die steifen Steuerfedern trägt. (Der Archäopteryx stellt also einen

Sammel- und Embryonaltypus dar.) Auch die vorderen Glieder, welche zu

Flügeln verwandelt sind und lange Schwungfedern tragen, zeigen keine

so weitgehende Umbildung wie bei den heutigen Vögeln, indem die drei

Finger nicht miteinander verwachsen, sondern vollständig ausgebildet

und mit Krallen versehen sind, so daß sie möglicherweise auch zum Gehen

auf dem Boden, jedenfalls aber zum Festhalten an Bäumen verwendet

werden konnten (ein vierfüßiger Vogel!). Die hinteren Glieder waren

gleichfalls teilweise mit Federn bedeckt, und vielleicht fanden sich

solche auch am Halse, indem sie eine Art Krause bildeten; der übrige

Körper war wohl nackt.

In keinem anderen Teil der Juraformation ist bis jetzt ein Vogel

gefunden worden und auch für den Fränkischen Jura ist’s nur ein

glücklicher Zufall. Übrigens mußten dort die Verhältnisse zur fossilen

Erhaltung von allerlei Getier sehr günstig sein. Zur jüngeren

Jurazeit befand sich dort ein Meer mit vielen Koralleninseln und

Korallenklippen. Zwischen den Korallenbauten befanden sich Lagunen,

das heißt stille, seichte Gewässer, auf deren Boden sich Kalkschlamm

und feinster Kalksand niederschlugen, woraus die Plattenkalke und

lithographischen Schiefer hervorgingen. Die Fluten schleuderten

zahlreiche Meertiere über die Riffe in die Lagunen, und Stürme trugen

vom nahen Festland mancherlei Landbewohner herzu. Der breiartige

Kalkschlamm hüllte die getöteten Wesen sofort ein und verhinderte deren

rasche Verwesung. Der durch häufige Winde vom Festland herübergewehte

Staub legte sich über die Kalkschicht und bildete eine tonige Lage, die

sogenannte Fäule, worauf sich das Spiel wiederholte.

Der Urvogel, dessen Größe zwischen der einer Taube und eines Huhnes

schwankte, war sicherlich ein schlechter Flieger und konnte

sich mit manchem Flugdrachen nicht messen; aber er verkörperte

nichtsdestoweniger ein höheres Prinzip und trug wenigstens in seinen

Nachkommen den Sieg davon.

[Illustration: Abb. 18. Hesperornis.]

Beträchtlich zahlreicher sind Vogelfunde in der Kreideformation, und

Nordamerika (Kansas) hat deren mehrere in so prächtigem Zustande

geliefert, daß deren Skelette vollständig konstruiert werden konnten.

Ein bedeutsames Merkmal haben alle diese Vögel mit dem jurassischen

Urvogel gemeinsam, sie tragen nämlich in ihren Kiefern echte Zähne.

Unsere Abbildung führt uns eine amerikanische Art vor Augen, den

+Königsvogel+, ~Hesperornis regalis~ (von ~hesperis~: abendländisch,

~ornis~: Vogel und ~regalis~: königlich). Derselbe erreichte eine

bedeutende Größe, denn das Skelett mißt von der Schnabelspitze bis zum

Ende der Zehen nahezu 2 Meter. Die Flügelknochen und der bei guten

Fliegern stark vorspringende Kiel des Brustbeins sind verkümmert,

wohingegen die Beine kräftig entwickelt und zum Rudern eingerichtet

sind. Der Schwanz war breit und bestand aus zwölf Wirbeln, er zeigt

gleichfalls Anpassung ans Wasserleben. Hesperornis konnte nicht

fliegen, er zeigt mehrfach Anklänge an den heutigen Strauß, und der

amerikanische Paläontologe Marsh bezeichnet ihn daher „als einen

wasserbewohnenden, fleischfressenden Strauß“. Manche Skeletteile, so

das Becken, erinnern noch an Reptilien; auch der Schwanz zeigt eine für

Vögel ungewöhnlich große Zahl von Wirbeln.

Außer dem ungeflügelten Hesperornis ist noch die Gattung +Ichthyornis+,

der +Fischvogel+, genauer bekannt. Auch dieser zeigt Anklänge an

niedere Wirbeltiere, und es sind zum Beispiel die Wirbelkörper an

beiden Seiten ausgehöhlt, was in der Jetztwelt nur bei den Fischen

und bei einigen Amphibien und Reptilien der Fall ist. Ichthyornis war

übrigens ein vorzüglicher Flieger, wie die Flügelknochen und das stark

gekielte Brustbein beweisen. Im ganzen sind aus der Kreide etwa 20

Arten von Vögeln bekannt geworden.

Befiederte Giganten.

Auch die Klasse der Vögel hatte ihre Heroenzeit, ihre Giganten und

Titanen. In Patagonien (Südamerika) entdeckte man in alttertiären

Schichten (ältere Braunkohlenzeit) die Reste eines ungeheuren Vogels,

+Brontornis+, das heißt +Donnervogel+ genannt. Derselbe erreichte die

Höhe von 4 Meter und ist wohl der größte aller lebenden und fossilen

Vögel. Die Mittelzehen waren etwa 30 Zentimeter (1 Fuß) lang und sehr

dick, die Nagelglieder 5,5 Zentimeter lang und 5 Zentimeter breit; das

ganze Bein hatte eine Länge von 162 Zentimeter.

Etwas kleiner als dieser Riese der Riesen war die Gattung

+Phororhakos+, die sehr genau bekannt ist. Der Schädel der größten

Art ist 65 Zentimeter lang, also länger als der Kopf eines großen

Pferdes. Der hohe, seitlich stark zusammengedrückte Schnabel ist

hakenförmig gekrümmt wie bei den Raubvögeln. Die Flügel waren wie bei

Brontornis und bei den heutigen Straußen verkümmert, daher zum Fliegen

unbrauchbar. Wegen der großen, sehr stark gekrümmten Krallen waren

die patagonischen Riesenvögel wahrscheinlich auch zu Fuß schlecht

bestellt und jedenfalls keine so gewandten Läufer wie die lebenden

Strauße. Die Schädel zeigen oft Knochenwucherungen, die unzweifelhaft

von schweren Verletzungen herrühren. Vielleicht lieferten die Männchen

untereinander heftige Kämpfe um die Weibchen. Über die Art der

Ernährung wissen wir nichts Sicheres; es ist aber wahrscheinlich, daß

jene Riesen nach Art der Geier die Leichen gefallener größerer Tiere

verzehrten, vielleicht auch Jagd auf junge Reptilien machten (ähnlich

wie der Schuhschnabelvogel am Weißen Nil, welcher den jungen Krokodilen

nachstellt) oder gar ausgewachsene angriffen, wie unser Bild auf Seite

65 darstellt. Wir sehen dort im Vordergrund einen Donnervogel, der

einen Hadrosaurus angreift. Im Hintergrund erblicken wir rechts einen

zweiten Dinosaurier, links einen Phororhakos. Wie die neuesten Funde

wahrscheinlich machen, sind die iguanodonähnlichen Hadrosaurier erst in

der älteren Braunkohlenzeit gänzlich verschwunden.

[Illustration: Abb. 19. Brontornis und Hadrosaurus.]

Auch in der sogenannten Eiszeit, die der Braunkohlenzeit folgte und

der Gegenwart unmittelbar vorausging, waren die südlichen Teile der

Erde von zahlreichen Riesenvögeln bewohnt, so besonders Australien.

Wundervolle Reste solcher Riesenstrauße wurden auf Neuseeland gefunden.

Der +elefantenfüßige Schreckensvogel+ (~Dinornis elephantopus~) stand

an Größe dem patagonischen Donnervogel nicht viel nach und einige

Vettern desselben (man kennt heute 20 verschiedene Arten!) scheinen

ihm ebenbürtig gewesen zu sein. Die Riesenstrauße, die +Moas+ der

Neuseeländer, haben sich in einzelnen Arten bis in die Gegenwart

erhalten und sind allem Anschein nach erst im achtzehnten Jahrhundert

ausgestorben, besser gesagt, von den Eingeborenen ausgerottet worden.

Nach verschiedenen Berichten wurde noch in der zweiten Hälfte des

achtzehnten Jahrhunderts von europäischen Seefahrern auf Neuseeland ein

riesiger Vogel erblickt, der die Größe eines Moa besessen haben mag,

und die Heldenlieder der Eingeborenen erzählen noch von den Kämpfen mit

jenen Riesen. Ein alter Häuptling, der um die Mitte des neunzehnten

Jahrhunderts starb, behauptete, daß er in seiner Jugend noch Moafleisch

gegessen habe. Der ausgezeichnete Naturforscher Hochstetter, der uns

so viel Interessantes von der merkwürdigen Doppelinsel berichtet,

bringt die unter den dortigen Eingeborenen, den Maori, übliche

Menschenfresserei in Zusammenhang mit dem Verschwinden der Moas. Diese

müssen zur Zeit, als die Maori einwanderten, ungemein zahlreich gewesen

sein und die wichtigste Nahrungsquelle des Volkes gebildet haben, da

die Insel außerdem sehr wenig bot. Als die Moas ausgerottet waren,

kehrte die Not ein, die Menschen fingen an, aus Mangel an anderweitiger

genügender Nahrung sich gegenseitig aufzuzehren, und daher der

furchtbare Kannibalismus, dem erst durch die Einführung von Schweinen

und Kartoffeln durch die Europäer ernsthaft gesteuert werden konnte.

Eine auffallende und mit allen Erfahrungen über die tierische

Bevölkerung isolierter Inseln im Widerspruch stehende Erscheinung

ist die große Individuen- und Artenzahl riesiger Laufvögel, die

sich auf einem so kleinen Gebiet wie Neuseeland anhäufen konnten.

Man hat deshalb angenommen, daß in jener Gegend vor kurzem noch

weit größere Festlandsmassen existiert hätten und durch teilweises

Versinken derselben die zahlreichen Arten auf die übriggebliebene Insel

zusammengedrängt worden seien.

Auch auf Madagaskar hat man Reste eines Riesenvogels gefunden, unter

anderen eine große Zahl von Eiern, von denen eines dem Rauminhalt nach

etwa 150 Hühnereiern gleichkommt. Nach den Aussagen der Eingeborenen

soll jener Vogel heute noch existieren.[4] Das alles weist auf

ehemalige größere Landanhäufungen auf der südlichen Halbkugel, denn

niemals bringen isolierte Inseln so gewaltige Tiere hervor wie die

Moas und die madagassischen Riesenstrauße.

Daß diese nicht fliegen konnten, ist wohl selbstverständlich; sie

scheinen aber nicht einmal gute Läufer gewesen zu sein. Da ist es

erklärlich, daß sie von den Insulanern ausgerottet wurden. Die Moas

zählt man zu den Scharrvögeln; sie sollen mit ihren ungemein kräftigen

Füßen die Erde nach allerlei Wurzeln aufgewühlt haben. Daneben

verzehrten sie wohl auch Reptilien und Insekten.

[4] Die Hoffnung, im Innern der Insel solche zu finden, ist indes

nicht in Erfüllung gegangen.

Säugetiere.

Einiges über Ursprung und Entwicklung.

Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil · 第 4 / 7 段