gerade nur in ihrem Interesse aufgewendet werden sollen, so muß
sie sich an sehr unwissenschaftliche Arbeiten anlehnen, in diesem
Falle an die Gewinnung von Bodenplatten für Hausfluren, Keller und
Viehställe, oder an die Industrie in Mörtel und Zement, oder gar
ans duftige Schieferöl. Die eine ruft in Schwaben, die andere in
Frankreich und England die Saurier wieder ins Leben. In Schwaben
sind es die Orte Holzmaden, Zell, Ohmden, Isingen, Boll, darin seit
Jahrhunderten die Plattenindustrie getrieben wird. Der Name von
+Boll+, des alten, schon von Bauhin[3] verherrlichten Badeortes,
ist dem Auslande der bekannteste. Auf einer Quadratrute Oberfläche
(eine Rute = 3 Meter) liegt durchschnittlich ein „Tierle“,
wie der Arbeiter die Saurier nennt. Da liegen sie in ihren
vieltausendjährigen Steinsärgen, vom Schiefer dicht umhüllt, nur
die rohen Umrisse erkennt man gleich den in Leinwand gewickelten
Mumien. Man sieht den Kopf durchblicken, die Wirbelsäule, die
Lage der Glieder, die ganze Länge des Tieres, und raschen Blickes
erkennt an dieser Form schon der Arbeiter, ob’s ein Tier ist
mit Flossen oder mit „Pratzen“ (das heißt ob Ichthyosaurus oder
Teleosaurus). Ist doch ein „Pratzentier“ ums Dreifache mehr wert
als eines mit Flossen. Aber nicht danach bloß richtet sich der
Preis: das Wichtigste ist, wie und wo das Tier liegt, ob im festen,
dauerhaften „Fleins“, was das Erwünschteste ist, ob es Schwefelkies
führt, was leider die schönsten Stücke oft unbrauchbar macht, und
namentlich, ob am Stück nichts fehlt, wenn die Platte durch das
Schrämen oder durch natürliche Abgänge entzweiging. Bis zu 100
Gulden (210 Franken oder 168 Mark) wird für ein vollständiges
Tier bezahlt. Der Arbeiter tut keinen Schritt zum Verkauf des
Fundes, er stellt ihn ruhig zur Seite, weiß er doch, daß fast von
Woche zu Woche die Käufer kommen, die Unterhändler der Kabinette
und wissenschaftlichen Sammlungen. Kein Pferdehandel wird je
mit solchem Eifer abgeschlossen, mit solchem Aufgebot aller
Beredsamkeit und Entfaltung aller Künste und Kniffe, als der
Saurierhandel, und keiner erfordert neben genauer Kenntnis der
Stücke so viele Schlauheit, um nicht, da ohnehin die Katze im
Sacke gekauft wird, zu Schaden zu kommen. Kein Kauf endlich kommt
zustande, ohne daß der Käufer noch die besondere Verpflichtung
eingehen muß, mit verschiedenen Wein- und Mostflaschen dem
gefallenen Helden eine Totenfeier zu veranstalten.
Noch steht aber das schwierigste Geschäft bevor, es gilt jetzt,
den Saurier zu „putzen“, das heißt ihn aus der Schieferhülle zu
lösen und seine alten Knochen ans Licht der Sonne zu bringen. Nur
Vertrauten darf solche Arbeit überlassen werden, eine unkundige
Hand „schindet“ das Tier. Monatelang dauert bei manchen die Arbeit,
denn mehr mit Grabstichel und Nadel, als mit Hammer und Meißel muß
das Gebirge (Gestein) vom Knochen genommen werden. Wer nicht selbst
schon den Grabstichel geführt hat, versteht nichts von den Freuden,
die den Kenner erfüllen, wenn er den Verlauf eines Knochens im
Schiefer verfolgt und jeden Tag ein Stückchen, schließlich das
harmonische Ganze des Tieres vor Augen legt.
[3] Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch
Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des
Herzogs von Württemberg.
Schreckdrachen.
Bei einer früheren Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, daß die
Katastrophentheorie, wonach von Zeit zu Zeit alles Lebende vernichtet
und die Welt plötzlich umgestaltet worden, als überwunden gelte;
sie verträgt sich mit den Ergebnissen der neueren Forschung nicht
und steht im Widerspruch mit der gesamten modernen Weltanschauung.
Die Wissenschaft weist nach, daß seit den ältesten Zeiten eine
ununterbrochene Entwicklung stattgefunden hat und daß auch in der
Vorzeit dieselben Naturkräfte und -gesetze wirksam gewesen sind
wie heute. Wenn aber die Meinung aufkam, daß die Entwicklung stets
in derselben Weise und demselben Tempo vor sich gegangen wie in
unseren Tagen, so lag auch hierin wieder ein kleiner Irrtum. Wie
das Auftürmen von Falten- und Überschiebungsgebirgen, das Absinken
riesiger Erdschollen, das Hereinbrechen des Ozeans, der Wechsel
des Klimas periodisch erfolgte, unterbrochen durch lange Pausen,
so auch die Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt. Es gibt
Zeiten verhältnismäßig großer Ruhe, wo die Welt fast stillzustehen
scheint, und wieder solche gewaltiger Bewegung, wo alles wankt und
ein allgemeiner Umsturz sich geltend macht. Das sind die großen
Epochen der Erdgeschichte, die sich mit jenen der Menschheits-
oder Kulturgeschichte vergleichen lassen. Im Gefolge der großen
Umwälzungen, die eine neue Periode einleiten, tauchen zahlreiche neue
Typen auf, während alte, die jenen nicht mehr die Stange halten können,
verschwinden oder doch die Herrschaft abgeben und sich aufs Altenteil
zurückziehen. Die Fortschrittler stürmen vorwärts und entwickeln
immer neue, immer gewaltigere Kräfte, bis auch ihre Zeit abgelaufen
ist. So erging es auch den +Schreckdrachen oder Dinosauriern+ (von
~deinos~ oder ~dinos~: schrecklich). Das war ein himmelstürmendes
Titanengeschlecht, eine Sippschaft von ebenso kolossalen wie seltsamen,
zum Teil geradezu fabelhaften Wesen, und diese Riesensippe endete mit
einer winzigen, unbedeutenden Art, die sich als lebendes Fossil bis
in unsere Tage hinübergerettet hat. Dieser „letzte Mohikaner“ ist die
+Brückeneidechse+ Neuseelands (~Hatteria~), bis vor kurzem ebenso
unbeachtet und unbekannt wie die uralten Molchfische der südlichen
Halbkugel, die überhaupt einer ganzen Reihe überlebter Typen noch eine
kümmerliche Existenz ermöglicht hat. Das meterlange Tier, das heute
sehr selten und offenbar im Aussterben begriffen ist, sieht äußerlich
einer gewöhnlichen Eidechse ähnlich, hat aber Fischwirbel gleich den
Fisch- und Schlangendrachen und auch sonst allerlei Merkmale, welche
nur bei den Uramphibien und Urreptilien vorkommen, steht also in
gewissen Beziehungen noch tiefer als die Schreckensechsen der Trias-,
Jura- und Kreideperiode.
Die Schreckdrachen erinnern in Größe und Gestalt vielfach an die
Drachen der Sage, können aber diesen nicht als Vorbilder gedient haben,
da sie schon vor dem Auftreten des Menschen ausgestorben waren. Man
kennt heute zirka 50 Gattungen mit mehr als 100 Arten, und Jahr um
Jahr werden wieder neue erstaunliche Funde gemacht. Außer Europa haben
besonders Nordamerika und Ostafrika solche geliefert. Es sind darunter
Tiere, welche mehr als Elefantengröße haben, aber auch solche, die nur
die Größe einer Katze erreichen. Merkwürdigerweise zeigen manche im
Knochenbau entschiedene Annäherung an Vögel, woraus wohl geschlossen
werden darf, daß beide aus einer gemeinsamen Wurzel abstammen, die man
allerdings zur Stunde noch nicht kennt, die aber möglicherweise eines
Tages gefunden wird. Im folgenden mögen einige der wichtigsten und
interessantesten Gattungen dem Leser in Bild und Wort vor Augen geführt
werden.
Lindwürmer.
Im zweiten Teil dieser Erdgeschichte wurde darauf hingewiesen, daß nach
der großen Steinkohlenperiode, während welcher Jahrmillionen hindurch
sehr gleichartige Zustände in bezug auf Verteilung von Land und
Meer, Klima, Pflanzen- und Tierwelt geherrscht haben, ein gewaltiger
Umschwung eingetreten sei. Auf der nördlichen Halbkugel fanden
großartige Erdverschiebungen statt; es bildeten sich tiefe Spalten, die
den schmelzflüssigen Massen in der Tiefe als Ausbruchspforten dienten
und Anlaß zur Bildung zahlloser Vulkane und vulkanischer Ergüsse gaben.
Niedriges Sumpfland wechselte mit Brackwasser- und Süßwasserseen,
neue Gebirge entstanden; dann wurde das Festland vielfach zur
Wüste und die salzigen Binnenmeere trockneten aus, so daß mächtige
Salzlager entstanden (Staßfurt bei Magdeburg und Sperenberg), die sich
besonders durch ihren Reichtum an Kalisalzen auszeichnen. Auf der
südlichen Halbkugel war derweil eine Eiszeit eingetreten und hatte den
verweichlichten Steinkohlenpflanzen den Garaus gemacht. Es entwickelte
sich in Anpassung an die neuen Zustände eine ganz neue Pflanzenwelt.
Dann brach der Ozean herein und lagerte über der Steinkohlen-, Perm-
und Buntsandsteinformation Meereskalk (Muschelkalk) ab. Aber auch
dieses Meer war nicht „ewig“; zumal im nördlichen und nordwestlichen
Teil Europas bewirkten bedeutende Bodenschwankungen ein langsames
Austrocknen desselben; an seine Stelle traten wieder Seen und Sümpfe,
und diese machten der Sand- und Lehmwüste Platz. Es entstehen die roten
Mergel und Tone, die grauen und roten Sandsteine (Silbersandstein und
Schilfsandstein Stuttgarts), die man als Keuper bezeichnet (oberste
Trias). Die Siegel- und Schuppenbäume sind verschwunden und ersetzt
durch allerlei Nadelhölzer, worunter manche mit breiten ledrigen
Blättern; die Farne sind teilweise verdrängt durch palmenähnliche
Sagobäume (Palmenfarne) und die Rohrbäume (Kalamiten und Kalamarien)
durch echte Schachtelhalme, welche jene an imposantem Wuchs bei
weitem nicht erreichen und furchtbar eintönige steife Dschungel von
armsdicken, 4 bis 6 Meter hohen Stangen bilden. Die Flüsse vermögen
sich meist nicht bis zum offenen Meer zu behaupten, sondern versiegen
im Wüstensand oder endigen in flachen Mulden, in sumpfigen Steppenseen,
die sich mit Schlamm und Sand füllen. Da und dort werden Flußläufe
durch vorrückende Wanderdünen zerschnitten und teilweise zugefüllt,
wodurch das Land am Unterlauf der Wasserzufuhr verlustig geht und
in einen großen Friedhof verwandelt wird. Alles Lebende geht dort
zugrunde, und der nächste Wüstensturm deckt die Leichen mit Sand und
Staub. So sah es zur Keuperzeit aus in der Heimat der triadischen
„Lindwürmer“, im Schwabenland.
Im Süden Stuttgarts bei Degerloch fand man vor etlichen Jahrzehnten
die versteinerten Knochen eines seltsamen Ungeheuers, welchem der
hervorragende württembergische Geologe und Paläontologe Quenstedt den
Namen des „+schwäbischen Lindwurms+“ beilegte. Sein wissenschaftlicher
Name ist +Zanklodon+, nach den riesigen Greifzähnen, welche die Form
eines Winzermessers haben (~zagkle~ oder ~zankle~: Winzermesser und
~odon~: Zahn). Ein Oberschenkelknochen ist 75 Zentimeter lang und ein
Hinterfuß bedeckt eine Fläche von ¼ Quadratmeter. Das gewaltige Tier
erreichte insgesamt eine Länge von zirka 7 Meter. Die Vorderglieder
sind verhältnismäßig klein und konnten jedenfalls nicht zum Gehen
benutzt werden, dienten vielmehr als Greifhände; dagegen waren
Hinterglieder und Schwanz sehr kräftig entwickelt, woraus zu schließen
ist, daß dieser Lindwurm aufrecht auf den Hinterbeinen einherging.
Er erinnert so einigermaßen an ein Känguruh, war aber viel größer,
plumper und schwerfälliger als dieses und konnte trotz des muskulösen
Schwanzes keine großen Sprünge machen. Der Schwanz diente wohl als
Stütze in der Ruhelage und außerdem als Balancierstange. Die Zehen
waren mit ungeheuren Krallen bewaffnet, deren Hornsubstanz, weil
leicht verweslich, natürlich nicht mehr vorhanden ist. Der Kopf war
nicht sehr groß und mit einem scharfen Raubtiergebiß versehen. Die
Natur hat hier versucht, einen Zweifüßer zu schaffen, der nicht
mehr am Boden hinkriechen muß, sondern stolz erhobenen Hauptes
als geborener Herrscher dahinschreiten kann. Der Name +Reptil+ --
Kriecher, Schleicher -- will hier nicht mehr recht passen, und doch
ist kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Lindwürmern und den
Neckarsauriern, die zur gleichen Zeit und in den gleichen Gegenden
lebten.
Überreste eines nahen Verwandten, der zu Ehren seines Entdeckers den
Namen +Greßlyosaurus+ erhielt, fand man bei Liestal in Baselland. Der
unglückliche Greßly, ein vorzüglicher Geologe, verfiel in geistige
Umnachtung und wurde von der fixen Idee befallen, daß er in jenen
Lindwurm verwandelt worden sei. In Thüringen, Frankreich und Südafrika
stieß man ebenfalls auf Spuren derartiger Drachen; manche von ihnen
konnten noch nicht aufrecht gehen, sondern krochen nach alter Väter
Weise auf allen vieren.
Iguanodonten.
[Illustration: Abb. 9. Skelett des Iguanodon.]
Während die „schwäbischen Lindwürmer“ schon im Keuper wieder
verschwanden, haben sich ähnliche Formen viel länger erhalten und
sind erst in der Kreidezeit ausgestorben. Zu diesen gehören die
+Iguanodonten+, von denen man sich früher ganz falsche Vorstellungen
gemacht hat, da lange Zeit nur einzelne Knochen bekannt waren. Nun
besitzt man aber die vollständigen Skelette dieser Kreidedrachen.
Besonders Belgien hat prachtvolle Exemplare geliefert, und das
Paläontologische Museum in Brüssel besitzt etwa zwei Dutzend derselben.
Es macht einen nachhaltigen Eindruck, unter jenen vorweltlichen
Riesen umherzuwandeln. Gleich den Zanklodonten, denen sie an Größe
gleichkamen, schritten sie aufrecht einher, ihren Kopf, der mit dem
langen Hals einen rechten Winkel bildet, spähend bald links, bald
rechts wendend. Der Name bedeutet soviel wie die „Leguanzähnigen“. Man
fand nämlich zunächst nur einzelne Zähne, welche denen einer heutigen
Eidechse, des +Leguans+ -- +Iguana+ -- ähnlich sind. Die Leguane sind
abenteuerlich gestaltete 1½ Meter lange Rieseneidechsen Südamerikas
und Westindiens, welche sich auf dem Wasser ebenso gewandt bewegen
wie auf dem Erdboden und im Geäst der Bäume. Ihres wohlschmeckenden
Fleisches wegen werden sie von den Eingeborenen gejagt. Zu den
Kammeidechsen oder Leguanen gehört auch der Basilisk, etwas kleiner als
der gemeine Leguan, mit hohen Hautlappen auf Rücken und Schwanz. Nun
weiß man heute, daß die ausgestorbenen Iguanodonten mit den lebenden
Kammeidechsen nicht näher verwandt sind, aber der Name ist geblieben.
Die Bezahnung der Iguanodonten ist eine unvollständige, indem der
vordere Teil der Kiefer zahnlos und vermutlich mit einer Art hornigem
Schnabel versehen war. Die großen spatelförmigen Zähne sind am Rande
gekerbt und greifen scherenartig übereinander. Sie erscheinen fast
immer stark abgenutzt, waren also wohl zum Abbeißen und Kauen harter
Pflanzenstoffe, vielleicht zum Abweiden der Baumkronen eingerichtet.
Nebenbei mögen auch Schaltiere als Nahrung gedient haben. Jedenfalls
waren die Iguanodonten keine blutdürstigen Bestien, sondern langsame,
schwerfällige Geschöpfe. Daß ihre +geistigen+ Fähigkeiten gering
waren, geht schon aus der geringen Größe der Schädelhöhle hervor. Zur
Verteidigung dienten außer den Kiefern der große und ungemein kräftige
Schwanz und die Daumen der Vorderglieder, die je zu einem Sporn oder
natürlichen Dolch umgewandelt waren, der von den übrigen Fingern
senkrecht abstand. Lange Zeit hielt man diesen Sporn für einen zum
Schädel gehörigen Hornzapfen und zeichnete das Tier mit einem Horn. Wir
werden übrigens später eine verwandte Form kennen lernen, die wirklich
ein Horn getragen hat. Auffallend ist die Tatsache, daß die Hinterfüße
nur drei Zehen nebst einer verkümmerten vierten Zehe besitzen und im
anatomischen Bau mit denjenigen der großen Laufvögel eine gewisse
Übereinstimmung zeigen, so daß die Iguanodonten seinerzeit geradezu
als Ornithopoden, das heißt Vogelfüßer, bezeichnet worden sind. Ihre
Fährten, die auf Sandsteinplatten der Kreideformation zu Tausenden und
in allen Größen vorhanden sind, wurden denn auch anfangs für Fährten
von Riesenvögeln gehalten. (Siehe Abbildung 10, Brontozoumfährte). Daß
in der Tat nicht nur zufällige Ähnlichkeiten mit Vögeln bestehen, zeigt
die Übereinstimmung des Iguanodonfußes mit dem des Hühnchens im Ei.
Der Vogelembryo (Keim) hat zuerst Iguanodonfüße und erhält erst durch
Verkümmerung und teilweise Verschmelzung einzelner Knochen richtige
Vogelfüße. Freilich ist nicht daran zu denken, daß die Vögel etwa
von Iguanodonten, überhaupt von Dinosauriern abstammen, aber aller
Wahrscheinlichkeit nach haben die beiden Stämme eine gemeinsame Wurzel.
Die Trennung hat wohl schon in der Trias, wenn nicht bereits in der
Permperiode stattgefunden. Hier läßt uns die Überlieferung im Stich;
von der großen Chronik der Erdgeschichte fehlen einige Bände völlig.
Aber glückliche Funde können auch da in ungeahnter Weise Licht bringen.
[Illustration: Abb. 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten
Regentropfen.]
Wie artenreich die Sippschaft der „Vogelfüßer“ gewesen, läßt sich
einigermaßen ahnen aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der
Fährten, das heißt der Abdrücke, welche die verschollenen Saurier
auf dem feuchten Sand und Schlamm der Ufer zurückgelassen haben. An
der englischen Küste bei Hastings sowie in verschiedenen Gegenden
Deutschlands findet man Fußspuren von 20 bis 75 Zentimeter Größe, und
in Nordamerika sind dergleichen Funde noch häufiger. Manche Fährten
ergeben eine Schrittweite von 3 und 4 Meter, lassen also auf Tiere von
fabelhafter Größe schließen, aber wie dieselben ausgesehen, weiß zur
Stunde niemand zu sagen.
Zum Schlusse dieses Kapitels mögen noch zwei wissenschaftlich
interessante Formen erwähnt werden: der +Kompsognathus+ und der
+Hadrosaurus+ (Trachodon), ersterer aus dem schwäbischen und
fränkischen Jura bekannt, ein sehr leicht gebautes, zierliches Tier von
Katzengröße, mit vogelähnlichem Schädel, langen schlanken Hinterbeinen,
dreizehigen Vogelfüßen und langem Schwanz; letzterer ein großer, 8
bis 9 Meter langer Schreckdrache von der Gestalt eines Iguanodon,
jedoch mit seltsamem riesigem Entenschnabel und einem ebenso seltsamen
pflasterartigen Gebiß, das aus zirka 2000 kleinen Zähnen besteht. Man
fand ein solches Tier mit erhaltener Haut, die mit Schuppen bedeckt
war. Der Hadrosaurus stammt aus der obersten Kreide Amerikas. Von
beiden Gattungen sind europäische und amerikanische Vettern bekannt.
(Siehe Abbildung 19.)
Amerikanische Größen.
Europa war zur Jurazeit fast ganz vom Meere bedeckt; nur einzelne
Inseln und uralte Gebirgsmassen erhoben sich über dasselbe. Hier war
somit zur Entfaltung einer großartigen Landfauna (Tierwelt) nicht
genug Raum vorhanden, und so kommt es, daß zwischen den Schreckdrachen
der Triaszeit und denjenigen der Kreideperiode eine große Lücke
besteht. Fast möchte man glauben, mit dem Ende der Keuperzeit sei eine
ungeheure Katastrophe, etwa eine allgemeine Sintflut hereingebrochen,
habe die ganze Tierwelt vernichtet, und nach vielen Hunderttausenden
von Jahren habe die Natur wieder von vorn angefangen. Allein jene
Überflutung fand nicht überall statt; in Nordamerika zum Beispiel blieb
auch während der auf die Trias folgenden Jurazeit ein ausgedehntes
Festland bestehen, und dort konnten sich die Landtiere der Keuperzeit
weiter entwickeln. In der unteren Kreide erreichten sie die höchste
Entfaltung. Von Nordamerika kamen denn auch vor Jahren wunderbare
Mären von fremdartigen Sauriern, die an Größe und Seltsamkeit der Form
alles bis dahin Bekannte in Schatten stellten. Skeptische Naturen
nahmen jene Berichte mit einem gewissen Mißtrauen entgegen, aber die
wissenschaftlichen Darstellungen namhafter Paläontologen und vor
allem die in den Museen aufgestellten Funde selber machten es zur
Gewißheit, daß man es nicht mit romantischen Übertreibungen einer
sensationslüsternen Presse zu tun habe.
Der gewaltigste unter den amerikanischen Schreckdrachen scheint der
+Atlantosaurus+ gewesen zu sein, dessen Überreste im Staate Wyoming
am Ostabhang des Felsengebirges gefunden wurden. Der Name ist der
griechischen Göttersage entnommen. Der Riese Atlas, der Sohn eines
Götterriesen (Titanen) und einer Meergöttin, hatte sich mit seiner
ganzen Sippschaft gegen den Himmelvater Zeus empört, wurde aber
besiegt und dazu verurteilt, an den Grenzen der Erde, wo Tag und Nacht
zusammenkommen, nämlich an der jetzigen Meerenge von Gibraltar, den
Himmel zu tragen. Atlas bedeutet auch in der Tat soviel wie „Träger“.
Balkenträger an Gebäuden werden daher auch Atlanten genannt. Nach
einer anderen Sage war er Besitzer der berühmten Hesperidengärten,
einer Art Paradies in der Gegend des heutigen Marokko, und wurde vom
griechischen Halbgott Perseus wegen seiner Ungastlichkeit mit Hilfe
des Medusenhauptes zum Gebirge versteinert. Nach ihm wurde auch der
Atlantische Ozean benannt.
Der +~Atlantosaurus immanis~+, das heißt der entsetzliche
Riesendrache, war ein Koloß von 30 Meter Länge bei 9 Meter Höhe. Diese
ungeheure Fleischmasse bewegte sich auf vier ungefähr gleich großen
säulenförmigen Beinen, die je fünf Zehen mit hufartigen Klauen besaßen
und nach Art der Eidechsenglieder gebaut waren. Die Oberschenkelknochen
sind annähernd 2½ Meter lang und an ihrem oberen Ende ½ Meter dick.
Es wird uns dies nicht wundernehmen, wenn wir bedenken, daß ja das
Tier, das sie zu tragen hatten, „die Größe eines ziemlich ansehnlichen
Hauses“ erreicht haben mußte. Ja, diese mächtigen Knochen hätten wohl
kaum ausgereicht, die enorme Last zu tragen und fortzuschleppen,
wenn nicht durch besondere Vorrichtungen das Gewicht des Körpers
herabgemindert worden wäre. Die Wirbel, von denen die größten einen
Meter Durchmesser besaßen, waren nämlich hohl und zu Lebzeiten des
Tieres wahrscheinlich mit Luft erfüllt, nur die Wirbel des dicken und
langen Schwanzes waren massiv.
[Illustration: Abb. 11. Brontosaurus.]
Nahe Verwandte des Atlantosaurus sind der +Barosaurus+ (der „Schwere“)
und der +Brontosaurus+. Ersterer ist in allen Skeletteilen bekannt;
er erreicht eine Länge von 20 Meter, sein Nackenwirbel einen
Durchmesser von reichlich einem Meter. Der Brontosaurus, ist ebenso
groß und besaß einen ungeheuer langen Plesiosaurushals mit 13 Wirbeln.
Wir geben nach einem vollständigen Skelett eine Rekonstruktion des
Tieres, wie es lebend etwa ausgesehen haben mag. Auch beim Brontosaurus
sind die Wirbel mit großen Luftkammern versehen, selbst die drei
ersten Schwanzwirbel besitzen solche. Als weiteres Merkmal verdient
hervorgehoben zu werden die im Verhältnis zum Körper winzige Größe
des Kopfes und der Gehirnhöhle. „Das Gehirn,“ sagt Neumayr, „ist so
außerordentlich klein, wie es im Verhältnis wohl bei keinem anderen
höheren Tier bis jetzt bekannt ist.“
Diese amerikanischen Riesen mußten somit höchst stumpfsinnige Geschöpfe
gewesen sein und tief unter den heutigen Beherrschern der Tierwelt
gestanden haben. Wir dürfen uns dieselben auch nicht vorstellen als
grimme, stets in Kampf und Krieg lebende Drachen, denn sie waren
Pflanzenfresser und mochten also wohl den damaligen Gewächsen, nicht
aber der Tierwelt verderblich gewesen sein. Der Brontosaurus oder
Donnerdrache (vom griechischen ~bronte~: Donner, ~brontogenes~: vom
Donner erzeugt) mochte ein Gewicht von zirka 380 Doppelzentner erreicht
haben, während dasjenige des Indischen Elefanten bloß 30 bis 40
Doppelzentner beträgt. Ober- und Unterschenkel samt Fuß maßen 4 Meter,
die Dornfortsätze der Kreuzwirbel ½ Meter. Die wandelnde Fleischlawine
mag bis zum Rücken eine Höhe von 6 Meter, mit hoch gehobenem Kopf
9 Meter erreicht haben. (Die Angaben, wonach die größten Formen 12
Meter hoch gewesen sein sollen, scheinen nicht vertrauenswürdig zu
sein.) Selbst die ausschweifendste Phantasie war nie imstande, sich
ein solches Biest auszudenken, und staunend fragt man sich, wie ein
solches „Reptil“ sich bewegen und ernähren konnte. Man denke sich
einen Donnerdrachen durch die Straßen einer Stadt dahinschreiten! Er
könnte bequem zu den Fenstern des dritten Stockes hineingucken, und die
Kronen der Bäume in den städtischen Anlagen böten ihm eine angenehme
Weide. Ein Ochse würde sich daneben fast wie ein Bauernhaus neben einem
Münster ausnehmen. Und welch ein Anblick müßte es gewesen sein, zu
sehen, wie der Koloß sich auf seinen stämmigen Hinterbeinen und dem
ungeheuren Schwanz erhob! Vielleicht haben sich die Tiere vorwiegend
im Wasser aufgehalten nach Art der Flußpferde, wobei die Pflanzenwelt
der Ufer abgeweidet und nebenbei allerlei Getier mit verschlungen
wurde. Da wie bei den Atlantosauriern die größeren Wirbel, die einen
Meter Durchmesser besaßen, Luftkammern hatten, wurde das spezifische
Gewicht beträchtlich herabgemindert. Der vierte Halswirbel ist größer
als der Schädel, und der Hohlraum der Kreuzbeinwirbel übertrifft die
Hirnhöhle um ein Mehrfaches, so daß es scheint, als hätten die Tiere
den Hauptteil ihres Zentralnervensystems nicht in den Kopf, sondern in
das Hinterteil verlegt. Mit den intellektuellen Anlagen muß es folglich
sehr schlimm bestellt gewesen sein.